Vorgestern war der Oktober noch grau und stumpf.
Heute war er dafür goldglänzend. So schnell kann´s gehen: Ein wunder-, wunderschöner Herbsttag, mit blauem Himmel, mildem Sonnenschein und glasklarer, frischer Luft. Perfekt zum Laufen, da musste man einfach raus!!!
Nach ein paar Touren im Ried stand heute mal wieder der Rhein auf der Tagesordnung, genauer gesagt: Da weitermachen, wo ich vor zwei Wochen, aufgehört hatte, also weiter südwarts, von Groß-Rohrheim bisschen durchs Landesinnere, um das Atomkraftwerk Biblis rum, und dann wieder am Rheinufer zurück, irgendwas so um die 13 km.
Startpunkt am Häuschen auf dem Winterdeich hinter Groß-Rohrheim (erreicht man, wenn man in Groß-Rohrheim die Jahnstr. aus dem Ort hinausfährt und der Strasse etwas über 1 km folgt).
Ein bisschen gedehnt, dann in südwestlicher Richtung losgelaufen.
Ursprünglich hatte ich geplant, den Radweg an der Deichbasis (Markierung: R6) zu nehmen, aber vor Ort stellte sich heraus, dass man stattdessen auch parallel dazu oben auf dem Deich laufen konnte. Der Radweg war offensichtlich breit, asphaltiert, und wesentlich bequemer – aber von der Deichkrone hatte man von oben eine viel bessere Aussicht, auch wenn da nur ein holpriger Trampelpfad verlief.
Keine Frage: Natürlich die Deichkrone!
Die ersten paar Minuten nach Südwesten weitgehend ereignislos. Etwas zäh zu laufen, denn mein linkes Bein schwächelte wieder ein bisschen, aber es ging. Rechts Wiesen, Felder, und die Rheinauen, links mehr Felder, dahinter Groß-Rohrheim (das ich bei meinem letzten Lauf in der Gegend ja als trist beschrieben hatte, was ich hiermit zurücknehme: Angesichts des wunderbaren Wetters wirkte es sowohl aus der Entfernung als auch beim Durchfahren hübsch und freundlich).
Nach etwas über einem km machte der Deich dann einen Schlenker um einen kleinen, schilf- und baumgesäumten Teich namens “Neuloch” herum. Sehr schöner Anblick, das Gewässer lag ganz ruhig da und reflektierte den azurblauen Himmel und die Umgebung, dazu ein Graureiher, der bei meinem Näherkommen davonflog – wirklich hübsch, mal wieder eine der Situationen, wo ich mich ärgerte, keine Fotohandy oder sowas dabeizuhaben (passiert mir bei diesen Touren ständig).
Ein paar Minuten weiter auf dem Deich, vorbei an einem perfekt rechteckigen Wäldchen aus turmhohen Pappeln (hatte in seiner Eckigkeit und aufragenden Höhe etwas Dom-Artiges), dann der nächste Schlenker um den nächsten Teich, dieses Mal das “Altloch” (besonders einfallsreich ist man hier mit der Namensgebung offensichtlich nicht gewesen…), der nicht ganz so hübsch war.
Dann noch mehr Felder und Wiesen, die Rechterhand jedoch bald durch den natürlicheren Auwald des näherrückenden Flußufers ersetzt wurden.
Schließlich, ca. 1,2 km nach dem Altloch, knickte der Deich etwas nach Süden und vereinigte sich mit einem zweiten Deich, der von rechts kam. Bisher war vom Kraftwerk Biblis immer nur mal ein bisschen was durch die Bäume am Wegesrand zu sehen gewesen, doch die endeten hier, und so eröffnete sich plötzlich ein voller Blick auf das gesamtet AKW, die nun weniger als einen Kilometer vor mir lag: Die vier mächtigen Kühltürme, davor zwei große runde Kuppeln (die dem ansonsten sehr phallischen Ensemble eine etwas “weiblichere” Note verliehen…;-)), Schornsteine, ein Wald aus Hochspannungsleitungen, diverse kleinere Gebäude, Parkplätze, Graben, Mauern – wirklich ein Riesenkomplex.
Paradoxerweise wirkten allerdings gerade die Kühltürme irgendwie viel weniger beeindruckend, als ich erwartet hätte – nicht weil sie nicht gewaltig groß wären (das sind sie), sondern vielmehr einfach deshalb, weil es kaum visuelle Anhaltspunkte gibt, mit deren Hilfe Augen und Gehirn das wahre Ausmaß der Dinger richtig einschätzen könnten – die Form ist Abstrakt, es gibt keine Fenster, und die Gebäude und Bäume drumrum sind so viel kleiner, dass man sie gar nicht so richtig wahr nimmt bzw. das Gehirn sich weigert, sie in eine Größenbeziehung zu den 80-m-Kolossen im Hintergrund zu setzen.
Sehr seltsam…
Da die Strecke zwischen Kraftwerk und Rhein für den Rückweg reserviert war, wollte ich erstmal nicht geradeaus weiter. Stattdessen verliess ich den Damm und lief südwärts zum AKW-Gelände in die Felder (Markierung: R6 Ausweichroute). Über eine offensichtlich selten benutzte Bahnstrecke (irgendwie müssen die ja ihre Castoren rausschaffen…), dann lange südwärts, parallel zum Werksgelände, denn rechts und nach 500 m. an einem kleinen Kanal noch mal rechts, unter ominös summenden Hochspannungsleitungen wieder nordwärts, direkt aufs AKW zu.
Am Rand des Werksgeländes links, westwärts in Richtung Haupteingang. Aus der Nähe wirkt der Komplex ein bisschen wie eine mittelalterliche Festung, komplett mit einem umgebenden Burggraben, einer massiven Wehrmauer (samt Stacheldraht und Kameraüberwachung) und einem kleinen Wald von lustig flatternden Bannern mit dem Wappen des Burgherren (RWE) dahinter. Überraschend archaisch…
Über den Parkplatz, vorbei am Informationszentrum über das Ende des Kraftwerksgeländes hinaus, dann auf dem Feldweg rechts hoch (immer noch Markierung R6), parallel zum westlichen Ende der Anlage nach Norden.
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, hier bis zum Rheinufer zu laufen und mich dort dann wieder auf den Rückweg zu machen. Allerdings machte es gerade richtig Spass und ich fühlte mich topfit, deswegen beschloss ich spontan, die Tour noch etwas zu verlängern und ein bisschen den Steiner Wald, der rechterhand ein paar hundert Metern hinter den Feldern lag, zu erkunden.
Also nach ein paar hundert Metern links vom Radweg R6 ab, auf einen ziemlich holprigen und unmarkierten Feldweg, vorbei an diversen Hochsitzen, einem kleinen Graben schilfbewachsenen Graben und zwei weiteren Graureihern bis zum Waldrand. Hier wurde der Weg sogar noch etwas schlechter (überwuchert, leicht schlammig, tief zerfurcht von den Reifen irgendeines schweren Allradfahrzeugs). war aber immer noch laufbar, zudem war es hier drinnen angenehm schattig und kühl.
Nach ca 800. m. erreicht ich schließlich das Ende des Waldweges. Vor mir ein weiterer Deich, direkt dahinter die Weschnitz, die wenige hundert Meter nordöstlich in den Rhein mündet.
Passenderweise gab es hier neben einer hübschen kleinen Schutzhütte (“gebaut aus den Steinen der alten Weschnitzbrücke”, wie auf einer darin angebrachten Tafel zu lesen war) auch gleich eine Brücke, die über das Flüsschen führte.
Inzwischen war ich richtig in Entdeckerlaune, zudem spukte mir vage im Kopf rum, dass sich laut Wanderkarte irgendein Kulturdenkmal direkt auf der anderen Flußseite im Wald befinden sollte. Also überquerte ich auch noch die Weschnitz (und das schon zum zweiten Mal diese Woche), und lief auf der anderen Seite halblinks in den Wald, um das geheimnisvolle Kulturdenkmal zu entdecken.
Was soll ich sagen? Was ich fand, war noch viel spannender und faszinierender als ich es erwartet hätte: Ca. 150 m. hinter der Brücke stiess ich auf einer Waldlichtung auf die ausgegrabenen Grundmauern einer kompletten mittelalterlichen Festungsanlage, von der ich noch nie zuvor was gehört hatte.
Einfach so, mitten im Wald!
Wie cool ist das denn!?!
Wie sich dank der reichlich vorhandenen Info-Tafeln herausstellte, handelte es sich bei den Fundamenten um die Überreste der Burg Stein, auch bekannt als Zullestein, die hier bis zum 17. Jahrhundert gestanden hatte. Besser noch: Darunter fanden sich auch noch die Überreste einer Befestigungsanlage aus dem 3. oder 4. Jahrhundert, mit dem die Römer ihre östlichen Grenzen und die Weschnitzmündung abgesichert hatten.
Wahnsinn!! Genau diese Art von tollen, unverhofften Entdeckungen ist es, was ich am meisten am Laufen in unbekanntem Gelände liebe! Wirklich super!
Nachdem ich alles genau inspiziert und mich über meine großartige Entdeckung gefreut hatte, war es dann aber auch Zeit für den Rückweg. Zurück zur Weschnitzbrücke, über den Fluß wieder ostwärts, auf dem Rhein-Neckar-Weg (Markierung: Rotes R) in Richtung des AKW. Auch hier wieder nicht direkt auf dem Weg gelaufen, sondern auf dem Damm daneben.
Der Wald endete nach einem knappen km und gab wieder den Blick auf den Atommeiler frei, den ich nach weiteren 800 m. erreichte.
Weiter auf dem asphaltierten Weg zwischen AKW und dem Rhein, direkt neben den gewaltigen Kühltürmen entlang (selbst direkt in ihrem Schatten und weniger als 50 m. entfernt fiel es noch schwer, sich ihre wahre Größe zu vergegenwärtigen), vorbei an gepflegten, sattgrünen Wiesen und einem riesigen, abgetrennten “Becken” im Fluß (wohl der Ablauf fürs Kühlwasser). Da der Fluß so schön in der Herbstsonne glänzte, bog ich etwas vom Rhein-Neckar-Weg ab, und lief stattdessen runter zum Ufer, bis zu einer kleinen Hafenmole (?) mit einem etwas seltsam wirkenden pinkfarbenen Kran. Da war der Weg hier allerdings endete, lief ich geradeaus über einen winzigen Trampelpfad ins Dickicht direkt am Rheinufer, und fand fand mich unversehens direkt am Fluß wieder.
Wunderschön!
Ein kleiner, versteckter Sandstrand, auf dem es sich super laufen ließ. Die warme Herbstsonne. Das leise Rauschen der Wellen. Sogar ein paar Möwen. Fast wie am Meer.
Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, ganz weit weg, irgendwo im Urlaub zu sein.
Aaaaah!
Ein paar Momente Ferien im Kopf.
Ich glaube, so glücklich habe ich mich schon seit Wochen nicht mehr gefühlt.
Leider konnte man direkt am Strand nicht viel weiter laufen, bevor der Weg versperrt war, deswegen bog ich bereits nach wenigen Metern wieder rechts in den Wald ab und gelangte wieder auf den Rhein-Neckar weg. Dem folgte ich dann, immer weiter rheinabwärts durch die schöne Aulandschaft mit hohen Pappeln, buschigem Gestrüpp und satten Wiesen: Ein sehr schönes Stück Weg.
Zwischendurch hatte ich noch Gelegenheit. mir ein Rennen mit einem vollbeladenen Containerschiff auf dem Fluß zu liefern, musste aber nach ein paar hundert Metern einsehen, dass neben Inline-Skatern, Autos, Mofas, Pferden, fitteren Läufern und tüddeligen alten Damen auf Hollandrädern auch vollbeladene, viele hundert Tonnen schwere Lastkähne mühelos in der Lage sind, mich eiskalt zu überholen.
Na toll…
Na ja, wenigstens war´s flußabwärts, so kann ich mir immerhin sagen, dass ich gegen in entgegengesetzter Richtung sicher gewonnen hätte…
Nach ca. 3 km schnellen, angenehmen Laufens auf dem Uferweg erreichte ich schließlich die Abzweigung in Richtung Groß-Rohrheim (Markierung: G2), und bog rechts auf sie ein (in entgegengesetzter Richtung war ich hier schon vor zwei Wochen vorbeigekommen). Eine paar hundert holprige Meter ostwärts, über einen kleinen Damm, und ich hatte die Hammeraue erreicht. Da es immer noch ganz gut lief, nahm ich nicht den kurzen Weg geradeaus zwischen den beiden Seen hindurch, sondern lief stattdessen links hoch, um den nördlichen See herum. Links erst ein einsames Haus, dahinter ein etwas verwahrlostes Hof mit einem Enten Gulag (= eine baufälligen Scheune voller eingesperrter Enten) und ein kleiner, verschlafener Campingplatz, dann war ich plötzlich aus dem Wald draussen und konnte unverhofft noch mal einen wunderschönen Blick über die Felder auf die klasklar zu sehende Bergstrasse vom Frankenstein bis zur Starkenburg geniessen (inklusive der intensiv leuchtenden Windräder auf der Neutscher Höhe, die freundlich herübergrüssten).
Hier noch mal rechts, und auf der geteerten Strasse die letzten 500 m. bis ins Ziel auf dem Winterdeich. Finito.
Einer der besten Läufe der letzten Wochen. Tolles Wetter, schöne Strecke (besonders am Rhein, etwas weniger im Inland), spannende Entdeckungen.
Erfrischend, superschön, hat einen Riesenspass gemacht. So sollte laufen immer sein!!!
Strecke: 15 km
Zeit: 97 Minuten (= 9,28 km/h bzw. 6:27 min/km)
Karte:

M.



17. Oktober 2007 um 14:25
[...] An den Rhein und um den Meiler: AKW Biblis und Umgebung (15 km) [...]
24. Oktober 2007 um 15:29
[...] sein. Als Strecke hatte ich mir das Ried bei Biblis ausgesucht -bisher war ich hier ja lediglich am Rheinufer gelaufen, nun wollte ich auch noch mal das zugehörige Hinterland [...]
15. Januar 2008 um 19:28
[...] vier Windkraftanlagen auf der Anhöhe. Ach du meine Fresse! Sind die riesig!! Ähnlich wie bei den gewaltigen Kühltürmen des AKW Biblis fällt es dem Auge auch hier nicht leicht, die Größe der Strukturen richtig einzuschätzen. Klar, [...]
6. August 2008 um 23:35
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30. Januar 2010 um 16:11
[...] Rhein beginnt: Bild #6: An der Weschnitzquelle (die Weschnitzmündung hab´ ich übrigens schon vor mehr als zwei Jahren [...]