Der letze Lauf des Jahres! Zum Ende der Bergstrasse: Heidelberg – Wiesloch (23,1 km)

30. Dezember 2007

Der letzte Lauf des Jahres 2007, und gleichzeitig auch der Lauf zum halbjährigen Jubiläum (1.7.07-31.12.07) des Laufblogs, da wollte ich schon gerne mal wieder was Besonderes in Angriff nehmen.
Genau die richtige Gelegenheit, um endlich die Bergstrasse zum „Abschluss“ zu bringen. Den Großteil davon hatte ich ja schon im Sommer mit Ingo und David erlaufen, etappenweise von Darmstadt bis Heidelberg.
Der letzte Zipfel, von Heidelberg bis Wiesloch fehlte seitdem allerdings, aus einer Reihe von Gründen: Er ist furchtbar weit weg (es gab in den letzten Monaten noch so viele reizvolle Strecken in der Nähe, warum also 50 km Autobahn fahren?), er ist zu lang, um ihn als Rundstrecke mit identischem Start- und Zielort zu laufen (Was bedeutet, dass man entweder jemanden haben muss, der einen abholt/hinbringt, oder vor/nach dem Lauf auf öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen muss – beides nicht ideal), und ich hatte kein vollständiges Kartenmaterial für die Strecke (denn meine Geo-Naturpark-Karten reichen nur bis Leimen).

Aber bevor das Jahr zu Ende ging, wollte ich es dann doch noch gerne erledigt haben. Und da inzwischen der 30. Dezember ist, musste es wohl oder übel bald sein, also alle Zweifel und Gegenargumente über Bord, und das Ganze einfach mal in Angriff nehmen. Heutiges Programm:
Heidelberg – Königstuhl – Höhenrücken über Leimen und Nußloch – Wiesloch.
Das Ende der Bergstrasse zum Ende des Jahres.
Hat was, oder :) ?

Die oben erwähnten Probleme waren glücklicherweise relativ leicht zu beseitigen – den Transport übernahmen meine Eltern, die sowieso einen Sonntagsausflug geplant hatten, und den netterweise nun in den Heidelberger Raum verlegten, und mich entsprechend in Heidelberg absetzen und in Wiesloch aufsammeln konnten.
Und was die Route anging, da würde ich ganz einfach nur stur dem roten Balken des Weitwanderwegs Odenwald-Vogesen folgen, der würde mich von Anfang bis Ende der Strecke leiten (zumindest in der Theorie, in der Praxis sah´s dann leider etwas anders aus – aber dazu unten mehr). Auf eine Karte oder einen Plan verzichtete ich mal, stattdessen druckte ich mir nur ein paar Teile der Wegbeschreibung von Carsten Wasow aus, das sollte reichen…

Eigentlich alles bestens, oder?

Na ja, nicht ganz, das Wetter war dummerweise ziemlich mies, denn das frostig-sonnige Hochdruckgebiet der letzten Wochen hatte sich endgültig verabschiedet, und war durch tiefhängende graue Wolken, schlammbringenden Regen und Temperaturen um die 5 Grad ersetzt worden. Aber was soll´s, da musste ich eben durch…

Start also in Heidelberg. Meine Eltern setzten mich bei mittelstarkem Regen (na super!) in der neuen Schlosstr. oberhalb des Schlosses ab. Eigentlich ein guter Startpunkt, lag direkt an meiner Route, doch leider entsprach er nicht meiner persönlichen Maßgabe, dass jeder neue Lauf mit mindestens einer vorherigen Strecke verbunden sein muß. David, Ingo und ich waren zwar im September bis Heidelberg gekommen, aber wir hatten´s damals nur bis zum unteren Ende des Schlosses geschafft, entsprechend musste ich dort ansetzen.

Also erstmal abwärts, gegen die eigentliche Laufrichtung nach Heidelberg runter. Eine steile, lange Treppe (der „Kurze Buckel“), viele regennasse Stufen abwärts, vorbei an ein paar sehr repräsentativen alten Häusern (hier hat´s glaub´ ich Burschenschaften…), rechts dahinter die hoch aufragende Schlossruine. Einiges los, selbst an einem miesewettrigen Spätdezembertag findet sich in Heidelberg immer noch eine erkleckliche Zahl an Touristen, die sich natürlich gerade in Schlossnähe gerne etwas ballen.
Schließlich unten. Der Burgweg zwischen der untersten Station der Bergbahn und dem steilen, gepflasterten Aufgang zum Schloss.
Hier waren wir damals durchgekommen (kann mich noch gut erinnern, wie ich auf dem Zahnfleisch die letzten Meter zum Schloss hochgekeucht bin…), mein offizieller Startpunkt war erreicht.

Kurz innegehalten, den Blick durch den Burgweg streifen lassen (selbst an einem trüben Tag wie heute ist die Heidelberger Altstadt verdammt pittouresk), noch mal tief eingeatmet, kehrt gemacht, und dieselbe Treppe, die ich gerade erst runtergekommen war, wieder nach oben (Markierung natürlich: Roter Balken, der sollte es ja heute auf der ganzen Route sein).
Diese Mal aber joggend.

Oh Mann. Ich glaube, ich habe noch nie einen Lauf direkt mit so einer steilen, langen Treppe begonnen, das heizte gleich mal mächtig ein. Bereits nach wenigen Metern war mein Puls auf 180 (oder höher, ich messe ja keinen Puls beim Laufen), die Atmung schwer, ich schwitzte wie das sprichwörtliche Schwein, und war vermutlich krebsrot – ein netter Anblick für die Touristen, die ich ja gerade erst beim runterlaufen überholt hatte, und die mich nun ein zweites mal beim Aufwärtsschnaufen bewundern durften.

Aaaaanstrengend!!!

Schließlich das obere Ende der Treppe, da wo ich abgesetzt worden war. Kurze Verwirrung, dann entdeckte ich den roten Balken wie er nach links eine schmale Gasse führte, in der ich mich über noch mehr Treppenstufen und durch eine osteuropäische Großfamilie weiter aufwärts schleppen durfte.
Uijuijuijuijuih!! Und diesen Anstieg nennt man hier den kurzen Buckel. Wahrscheinlich ein Heidelberger Insider-Witz, zumindest mir kam er alles Andere als kurz vor (kein Wunder bei über 300 Stufen…).

Endlich erreichte ich – nach Luft japsend aber ansonsten wohlbehalten – das obere Ende der Treppen, die neue Schlossstr. auf Höhe der Bergbahnstation Schloss. 70 Höhenmeter geschafft, etwas über 300 lagen bis zum Gipfel des Königstuhls noch vor mir. Das würde ja heiter werden…
Immerhin erwartete mich hier oben auch schon eine erste Belohnung für meine Mühen, ein grandioser Blick von oben auf das Schloss, die Schlossgärten, und die Heidelberger Altstadt und das Neckartal. Superschön, selbst bei Nieselregen und Dunst.

Leider keine Zeit zu verweilen, also weiter, auf den Schloss-Wolfsbrunnenweg, oberhalb der Schlossgärten ostwärts und aufwärts. Nach 250 m. rechts hoch auf den Molkenkurweg, weiteren150 m. bergauf, dann scharf rechts von der Strasse ab, von nun an wieder westwärts auf dem sogenannten Friesenweg am Hang aufwärts. Kleiner, gut gepflegter Waldweg, Steigung angenehm moderat, hin und wieder was Interessantes zu sehen – erst links am Hang ein Denkmal für jemanden namens Fries (nach dem ist wohl auch der Weg benannt), dann rechts ein weitläufiger Park um eine prächtige Villa am Hang (Wow. Wer hier lebt, hat wahrscheinlich die beste Wohnlage in ganz Heidelberg), schließlich eine kleine Brücke über die steile Trasse der Bergbahn, dazwischen immer mal wieder eine spektakuläre Aussicht runter auf Stadt und Neckartal.

Nach ca. 600 m. machte der Friesenweg einen Bogen nach links, südwärts den Hang hoch. Der Untergrund wandelte sich von Waldweg zu grobem, alten Plaster, es wurde steil. Rechts ein tiefes, schluchtartiges Seitental, dessen oberes Ende in den dicken, grauen, tiefhängenden Wolken verschwand, der Hang mit leicht verkrüppelten Kiefern bewachsen, wirkte irgendwie leicht mediterran (und das trotz des entschieden unmediterranen Wetters). Links eine felsiger Vorsprung, auf dem laut einem bunt bemalten Schild mal eine kleine Festung die Flanke des Schlosses bewacht hatte. Genaueres konnte ich allerdings nicht erkennen, sobald ich anhielt, beschlug meine Brille, also lief ich lieber schnell weiter – trotzdem interessant.

Noch etwas den Hang aufwärts, und ich erreichte die Molkenkur, eine ehemalige Kuranlage am Hang, auf ca. 280 m.ü.NN, in der sich heute ein Hotel und ein Restaurant befinden. Sah hübsch aus, in der Sonne wär´s allerdings wohl noch ein bisschen besser gekommen.
Ein paar Meter unterhalb einer Aussichtsterrasse entlang, dann erreichte ich eine asphaltierte Strasse (den Molkenkurweg), auf die ich links einbog. Leicht abwärts (eigentlich angenehm, dummerweise war mir klar, dass ich mich jeden Höhenzentimeter, den ich jetzt verlor, später wieder würde hochkämpfen müssen, das trübte die Erfahrung), vorbei an der Molkenkur und der Bergbahnstation gleichen Namens, unter der Bergbahntrasse durch, dann nach wenigen Metern halbrechts von der Strasse runter, erst auf den Felsenmeerweg (einen halbwegs angenehm aussehenden Waldweg), dann kurz danach gleich noch mal halbrechts auf den Bismarckhöhenweg (einen schmalen, steilen, schlammigen Ziegenpfad den Hang rauf). Markierung natürlich immer noch der rote Balken, auf den man hier allerdings etwas aufpassen musste, denn die Marker waren nicht mehr so ganz taufrisch und deshalb teilweise etwas schwer zu erkennen.

Hier war dann endgültig Schluss mit Aussicht, denn inzwischen war ich so hoch, dass ich mitten in den den dicken Dunst der dichten, tiefhängenden Wolkendecke geriet, entsprechend wurde es immer kälter, feuchter, klammer und nebliger – brrr. Immerhin konnte man sich da ungestört auf den Aufstieg konzentrieren, was inzwischen auch bitter nötig war: Der Weg war verdammt anstrengend, mit einer Steigung, die gerade noch machbar war, aber sehr, sehr viel Kraft kostete, zumal man auch darauf achten musste, nicht zu stolpern oder wegzurutschen. Dazu beschlug meine Brille wie blöde (interessanterweise immer auf dem Glas mehr, das dem Hang zugewandt war – keine Ahnung warum), was mich alle paar hundert Meter dazu zwang, anzuhalten und sie mit meiner Wegbeschreibung – dem einzigen Stück Papier das ich dabei hatte – zu reinigen. Zwar machte das im immer dichter werdenden Nebel auf Entfernungen jenseits von 20 m. keinen großen Unterschied, aber zumindest in der Nähe wollte ich doch erkennen, wohin ich trat, ausserdem lief ich ja auf Sicht und konnte es mir nicht leisten, den roten Balken im entscheidenen Moment zu verpassen. Also immer mal wieder kurzen Pausen, über die ich angesichts der Härte des Aufstiegs ehrlich gesagt gar nicht mal unglücklich war.

So kämpfte ich mich schnaubend und beschlagend immer weiter aufwärts durch den Wald, den Ziegenpfad mit dem roten Balken den Hang hinauf in den Nebel. Nach ca. 600 m. in grob östlicher Richtung eine scharfe Serpentine auf einen anderen Weg, auf dem 350 m. nach Südwesten, bis ich wieder mal die Trasse der Bergbahn erreichte und ihr kurz folgte (laut einem Schild neben den Schienen beträgt die Steigung hier 22%. Kinder, Kinder, das geht ja wirklich ganz schön ordentlich bergauf hier…). Dann wieder ein Schlenker nach Norden, kurz von der Bahn weg, nach 100 Metern aber gleich wieder rechts, und schließlich unter der Trasse, die hier auf einer Art kleinem Aquädukt verläuft, hindurch, ab jetzt südwärts (und natürlich aufwärts. Immer aufwärts…).

Inzwischen hatte ich praktisch keine Orientierung mehr: Irgendwo am Hang, der Nebel war dichter denn je, der Aufstieg inzwischen richtig nicklig. Hin und wieder mal eine Pause zum Brilleabwischen (wozu so eine Wegbeschreibung doch alles gut ist). Irgendwann ging mir dabei meine Wegbeschreibung verloren (versucht ihr mal, ein total zerknülltes und durchnässtes Stück Papier mit Handschuhen in eine kleine Jackentasche zu stecken, das ist gar nicht so einfach), ich merkte es erst beim nächsten Stop – egal, zu spät zum Umkehren, dann eben ohne Wegbeschreibung/Brillenputzpapier weiter, musste auch so gehen.
Ansonsten keine besonderen Ereignisse, einfach immer weiter den fies steilen Ziegenpfad durch den Nebel, ganz selten mal ein Wechsel auf einen anderen Ziegenpfad oder ein verloren wirkender Spaziergänger, der kurz im kalten, miasmatischen Dunst auftauchte und schnell wieder darin verschwand…

…und auf einmal war ich oben.

Völlig unvermittelt tauchte im Dunst vor mir eine Hauswand auf, die augenscheinlich zur Gipfelstation der Bergbahn gehörte, daneben eine asphaltierte Strasse. Mehr war leider nicht zu erkennen, denn der Nebel hier oben war dichter denn je – effektive Sichtweite unter 20 Meter, selbst die Rückseite des Bahnhäuschens war nicht mehr sichtbar.
Verflixt!
Da war ich zum allererstenmal in meinem Leben auf dem Königstuhl (und das auch noch Kraft meiner eigenen Beine), von wo aus man dem Vernehmen nach eine unvergesslich grandiose Aussicht runter nach Heidelberg haben soll, und was war davon sehen?
Nix.
Gar Nix.
Hmpfrrgllverdammergscheissnebelgrmblblb.
Ganz ehrlich: Das hat mich schon ein bisschen gewurmt.
Andererseits: Ein Grund, um mal wieder hierherzukommen wenn´s schöner ist, das ist auch was wert…

Anyhow, da war ich jetzt also, verschwitzt, schwer atmend, mitten im Nebel, kurz unterhalb des unsichtbaren Gipfels. Normalerweise hätte ich es mir nicht nehmen lassen, von hier aus auch noch die letzten Meter zu laufen, um den endgültig höchsten Punkt des Berges zu erklimmen, aber ich wusste nicht genau, wie weit das noch war, also entschied ich mich dagegen (im Nachhinein ärgerlich, denn es wären weniger als 200 m. gewesen, aber in dieser verdammten Erbsensuppe war das einfach nicht zu erkennen. Seufz. Dann eben ein Andermal…). Stattdessen weiter dem roten Balken hinterher, rechts 300 m. die asphaltierte Strasse entlang bis zu einer Strassenkreuzung (hier treffen sich Chaisenweg, Sternwartenweg und „Königstuhl“), dich ich überquerte und an einer Schutzhütte vorbei auf einen schmalen Pfad durch den Wald lief. Kurz geradeaus, dabei auf einen freundlichen älteren Spaziergänger gestossen, der mir netterweise ein paar seiner Tempotaschentücher zum Wischen meiner weiterhin wie blöde beschlagenden Brille überliess – ein echter Lebensretter, ohne den ich wahrscheinlich früher oder später blind gegen einen Baum gerannt wäre.
Danke, lieber unbekannter Spaziergänger!
Nach hundert Metern auf dem Pfad rechts, zu einer zweiten Strassenkreuzung („Königstuhl“ und Alter Hilsbacher Weg“), die ich ebenfalls überquerte, und auf einem breiten, tendenziell abfallenden Waldweg (sehr, sehr angenenehm nach den harten Aufstieg) weiter nach Süden lief – Markierung: Wie immer der rote Balken.

Vor mir: Nebel.
Hinter mir: Nebel.
Rechts und links: Nebel.
Eine graue, schattenhaft-verschwommene Halbwelt aus Dunst, die sich bereits in wenigen Metern Entfernung im Nebel verlor, eisig kalt, unnatürlich still, einsam.
Mittendrin: Ich. Verloren im klammen, grauen Nichts, ohne Zeitgefühl oder Orientierung, einfach immer weiter durch die surreal-stimmungsvoll Nebellandschaft laufend. Ganz komisches Gefühl, so ähnlich müssen sich die Wikinger Niflheim vorgestellt haben.
Irgendwann rechts kurz ein Zaun mit Rasen dahinter (das Gelände des MPI für Astronomie???), dann wieder nur Nebel, Wald, noch mehr Nebel…

Keine Ahnung, wie lange ich lief, auf jeden Fall ging es nun deutlich bergab. Hin und wieder kreuzte ich einen anderen Weg, einmal führte die Strecke über eine Lichtung (klein? groß? Wer weiss…) mit einer Art sumpfigen gefrorenen Hochmoor, ein anderes Mal ein kleiner Bildstock mit einem Jesus am Kreuz, der kurz zwischen den wabernden Schwaden auftauchte, ansonsten einfach weiter stur geradeaus durch Wald und Wolken, immer darauf bedacht, ja nicht den roten Balken zu verpassen (wenn ich hier vom Weg abkäme, würde ich ihn wahrscheinlich nie wieder finden, das war mir klar). Weiterhin sanftes Gefälle, an sich gut zu laufen, allerdings war der Weg teilweise mit einer glitschig-glatten Schicht halbgefrorenen Eismatsches bedeckt, bei der man höllisch aufpassen musste, nicht den Halt zu verlieren.
Nach ca. 2,3 km (natürlich nachträglich gemessen, während des Laufs hatte ich wie gesagt jegliches Gefühl für Zeit oder Distanz verloren) an der linken Wegseite ein zweiter Bildstock, dieses Mal für den hl. Nikolaus, geschmückt mit frischen Blumen, sogar ein großer Schokoladennikolaus stand davor, das fand ich sehr nett.

Direkt dahinter fand ich mich dann unvermittelt an einer richtigen zweispurigen Landstrasse wieder (die K9708 nach Gaiberg). Vorsichtig rüber, über den Waldparkplatz „Drei Eichen“ (kurzer Blick auf die hier angebrachte Wanderkarte – ich war wohl noch auf Kurs), und in den nächsten Waldweg (Laut Wanderkarte der „Wieslocher Weg“), weiter ab- und südwärts.
Auch hier dasselbe Bild: Eisiger Nebel, Wald.

Ca. 1 km später schließlich eine Lichtung, mittendrauf eine größere, spitze Grillhütte (das „Waidhaus“), rundrum viele abgehende Wege.
Leicht verwirrend, aber ich wusste ja, was ich zu tun hatte: Immer nur stur dem roten Balken des Weitwanderwegs Odenwald-Vogesen hinterher, das hatte bisher ja bestens geklappt.

Bisher.

Dumm nur, dass die Wegführung des Weitwanderwegs an dieser Stelle vor ein paar Jahren geändert worden. Seitdem führt er nicht mehr weiter auf dem Wieslocher Weg in Richtung Lingental, sondern verläuft weiter östlich, den Hang runter nach Heidelberg-Emmertsgrund.
Auf meiner Wanderkartekarte (Jahrgang 2001), ist diese Änderung noch nicht verzeichnet, entsprechend hatte ich keine Ahnung davon und lief nun, ohne es zu merken einen Weg weiter, der eigentlich ganz woanders hinführte als dahin, wohin ich eigentlich wollte.
Noch kein Problem, aber bald sollte es eins werden…

Zuerst mal allerdings alles bestens, dem roten Balken hinterher links am Waidhaus vorbei auf einen breiten, bequemen Waldweg, der mit moderatem Gefälle den Hang hinab führte. Lief sich gut. Nach ein paar hundert Metern ein Wegscheide, an der irgendjemand eine Tanne mit Weihnachtsbaumschmuck behängt hatte (wer macht denn sowas?). Geradeaus. Dahinter hin und wieder mal eine mysteriöse Holzschnitzerei am Wegesrand, offensichtlich allesamt am Stück aus ganzen Baumstümpfen geschnitzt – ein Adler, zwei sich umarmende Liebende, ein explodierender Rubic-Würfel (sah zumindest so aus, soll aber wahrscheinlich was anderes darstellen).
Irgendwann wurde dann auch der Nebel immer lichter und verschwand schließlich ganz – offensichtlich war ich inzwischen wieder tief genug, um die Wolkenschicht am Berg zu verlassen. Entsprechend schimmerte nun hin und wieder mal ein Stück der Rheinebene südlich von Heidelberg durch die Bäume (überraschend viel Weiss – lag da Schnee? Hier oben war zumindest keiner), nach ca. 1,5 km. tauchten dann die Wohnblöcke von Heidelberg-Emmertsgrund auf – das machte mich schon ein bisschen stutzig, denn eigentlich war ich mir sicher, dass meine Route nicht so weit runter führen sollte.
Seltsam…

An einer Kehre, ca. 1,7 km nach dem Waidhaus, war dann Schluss mit dem bequemen Abstieg – der rote Balken wollte, dass ich einem steil den Hang runterführenden Trampelpfad folgte, der sich als höllisch glatt herausstellte – unten Bodenfrost, obendrauf eine schmierige Schicht geschmolzenen Schlamms, nur mit größter Mühe gelang es mir, einen Sturz zu vermeiden. Immerhin war´s nicht zu lang, nach ca. 200 m. schlidderigem Abstieg fand ich mich auf einem festen, geraden Waldweg wieder. Hier links, noch ein paar Meter geradeaus, und ich hatte den Waldrand erreicht: Vor mir ein weiter, offener Hang voller Weinstöcke, mittendrin ein Weingut, dahinter eine Schnellstrasse, rechts unterhalb der Anhöhe eine Ortschaft am Fuss der Bergstrasse, vermutlich Leimen.

Hmm. Das war ja seltsam. Konnte mich gar nicht erinnern, so eine Gegend bei der Planung auf der Wanderkarte (die ja gerade noch bis Leimen reicht) gesehen zu haben.
Komisch…
Aber gut, solange der rote Balk…
Hey, Moment mal – wo war den eigentlich der rote Balken?!?
Vor mir nicht. Hinter mir nicht. An den Bäumen längs des Weges nicht – kein roter Balken mehr!
Mist!
Mistmistmistmistmistmistmistmistmistmist!!!!

MIST!!!!

Irgendwie hatte ich es geschafft, vom Weg abzukommen, obwohl ich alles richtig gemacht hatte (hatte ich doch, oder?).
Und da stand ich jetzt.
Am Waldrand irgendwo oberhalb von Emmertsgrund und Leimen (wie ich später herausfand, heisst der Hang wohl „Dachsbuckel“).
Keine Markierung in Sicht, keine Wegbeschreibung mehr(wir erinnern uns: Die hatte ich beim Aufstieg auf den Königstuhl verloren – merde!), und zu allem Überfluss sah die Gegend auch noch ganz anders aus, als ich sie vom Blick auf die Wanderkarte in Erinnerung hatte (kein Wunder, denn durch die veränderte Wegführung war ich mehr als einen Kilometer weiter westlich als geplant aus dem Wald gekommen).

Zuerst lief ich wieder zurück in den Wald, bis zum schliddrigen Pfad am Hang, wo ich die letzte Markierung gesehen hatte – vielleicht würde ich von hier aus die nächste finden.
Klappte leider trotz intensiver Suche nicht (vermutlich übersah ich die nächste Markierung deshalb, weil der Weitwanderweg in seiner neuen Streckenführung hier wieder nach Norden führt, und ich dort nicht suchte, da ich sicher war, dass es nicht in diese Richtung gehen könne…).
Als nächstes wieder aus dem Wald hinaus, geradeaus auf einem asphaltierten Weg durch den Weinberg – vielleicht fehlte ja nur eine Markierung, und ich würde die nächste weiter unten finden. Doch auch das klappte nicht. Ich lief bis auf Höhe des Weingutes, doch eine Markierung konnte ich nicht finden. Dafür sah es so aus, als ob der Weg unten an der Schnellstrasse ganz enden würde. Konnte es wohl nicht sein.
Also wieder zurück zum Waldrand, wo gerade ein Spaziergänger mit Berner Sennhund unterwegs war, den ich nach dem roten Balken fragte.
Antwort: „Ja, einen Weg mit rotem Balken gibt´s hier, der läuft da drüben irgendwo , kann man eigentlich gar nicht verfehlen.“
Na bitte!
Ich bedankte mich artig und machte mich auf, den Hinweis zu befolgen.
Wieder den Hang runter, dieses Mal am Weingut vorbei bis runter an die Strasse (wohl die L600 Leimen-Gaiberg).
Hier ging´s nicht weiter.
Oh halt, doch, da auf der anderen Strassenseite war erst eine Steile Böschung, dahinter eine Art Schneise im Wald. Also rüber, die glitschige, dornenbewachsene Böschung hoch, über eine völlig sinnlose Leitplanke am oberen Ende der Böschung geklettert, und siehe: Dahinter tatsächlich ein Waldweg.
Ok, den lief ich dann halt mal runter. Markierung weiterhin keine, dafür nach knapp 200 Metern eine scharfe Kurve nach rechts den Hang runter – da wollte ich ganz bestimmt nicht hin, hier war ich offensichtlich wieder falsch.
Gnrpflghmgblll (= genervtes Grummeln).
Na gut. Offensichtlich hatte ich mich total verfranzt, hier war nichts zu wollen (wenn ich weiter gelaufen wäre, hätte ich vermutlich tatsächlich wieder den richtigen Weg an der Leimener Prinzenbrücke erreicht, aber das war mir nun mal nicht klar…).
Also schon wieder zurück (hin, zurück, hin, zurück, hin, zurück, so langsam ging mir das auf den Senkel), zur Böschung, durch die Dornen, über die Strasse, am Weingut vorbei, zum Waldrand hoch.
Inzwischen hatte ich kapiert, dass ich vermutlich zu weit westlich rausgekommen war, deshalb beschloss ich, einfach mal ostwärts den Berg hoch zu laufen, irgendwo da oben musste der richtige Weg ja liegen.
Deshalb rechts, am Waldrand entlang 200 m. bergauf. Oben eine Wegscheide, links in den Wald rein (da war ich hergekommen, wollte ich also nicht), rechts ein holpriger Pfad oberhalb des Weinbergs, der sah vielversprechend aus, also nahm ich ihn. Rechts uner mir der Weinberg, links über der Wald, eingezäunt, hinter dem Zaun ein Rudel dämlich dreinschauender Damhirsche, wohl ein Wildgehege. Das war gut. An ein Wildgehege konnte ich mich erinnern…
Dummerweise brachte mir das gar nix, denn nach 150 Metern endete dieser Weg einfach im Nichts (oder besser: In einem undurchdringlichen Brombeergestrüpp).
Hsjflxlmprtxtkrwx (= mehr genervtes Grummeln).

Also gut. Dann eben ganz anders. Ich lief zurück in den Wald, dort Hang hinauf, den schmierigen Trampelpfad (da, wo der rote Balken – verflucht seien er und seine Brut bis ins siebente Glied – noch zu sehen war) hoch bis zu seinem Ende.
Und dort, lief ich dann rechts, den bergauf nach Südosten, kein roter Balken, aber dafür eine gelbe 10, vielleicht würde die mich ja wieder auf Kurst bringen…

Tja, und genau das tat sie dann auch. Ich folgte dem Weg ca 1,2 km, steil aufwärts durch den Wald, ein Stück am oberen Ende des Wildgeheges vorbei, dann über eine kleine Lichtung. Schließlich machte er einen Bogen nach Süden und wurde zu einem asphaltierten Weg („Lingentaler Hof“), über den ich auf die L600 unterhalb des Örtchens Lingental kam.
Die L600 nach rechts, 100 m. weiter, und ich hatte den Parkplatz „Hirschgrund“ erreicht.
Sah gut aus, hier gingen mehrere Weg in den Wald, außerdem gab´s eine Infotafel mit Wanderkarte, auf der ich mich orienieren konnte – kein roter Balken zu sehen, aber einer der vom Parkplatz wegführenden Wege war der „Wieslocher Weg“, der würde ja wohl nach Wiesloch führen, also folgte ich dem einfach mal.

Geteerter Waldweg, gut zu laufen, allerdings in Teilen mit der bereits bekannten spiegelglatten Schicht aus halbgefrorenem Eis bedeckt, verlangte wieder etwas vorsicht. Mal etwas auf, dann wieder etwas ab, dem Höhenrücken folgend geradwegs nach Süden, genau das, was ich wollte, perfekt (Markierung gelbe 9).
Nach einem knappen Kilometer kreuzte der Weg mit dem roten Plus, von dem ich von der Karte wusste, dass er abwärts und führen und dort auf den verschollenen Weitwanderweg Odenwald-Vogesen. War mir aber egal, auf den roten Balken hatte ich eh keine Lust, ich lief einfach weiter geradeaus. Würde schon klappen.

Wenig los hier oben, hin und wieder mal eine Abzweigung (jede mit einem Wegweiser versehen, löblich), irgendwann wurde die gelbe 9 zur gelben 3, nach 2 Kilometern begann ein Vogellehrpfad (Pirol. Singdrossel. Waldohreule….). Nach 3 km, ging es dann wieder bergab, der Vogellehrpfad wurde zu einem Baumlehrpfad (Robinie. Fichte…), der Weg machte ein paar Schlenker, ging in eine Asphaltstrasse über, und führte schließlich an einem Wasserhäuschen vorbei in ein Tal mit Landstrasse (K4157 Nußloch – Maisbach) hinunter, die ich überquerte.

Auf der anderen Strassenseite erwartete mich nicht nur der Parkplatz „Weisse Hohl“ hinter Nußloch, sondern auch ein alter bekannter: Der rote Balken des treulos-unzuverlässigen Weitwanderwegs Odenwald-Vogesen.
Prangte da in unverschämter Selbstverständlichkeit einfach mal so an einem Strassenschild, und tat so, als wäre er nie weggewesen.
So ein scheinheiliges Mistding…

Aber gut, damit wusste ich zumindest wieder mit endgültiger Sicherheit, wo ich hin musste. Also unverzagt nach links, dem roten Balken hinterher auf dem Baiertaler Weg an einem Freizeitgelände vorbei, ostwärts, hinaus in eine sanfte Hügellandschaft mit offenen Wiesen. Ganz recht: Keine steilen, bewaldeten Höhenzüge mehr, nur noch kleine, runde Hügelchen – ich hatte tatsächlich das Ende der Bergstrasse erreicht!!

Etwas über einen Kilometer geradaus, erst etwas bergauf, dann wieder runter, mitten durch einen anscheinend noch aktiven Steinbruch hinurch, am Ende des Steinbruchgeländes schließlich rechts, eine kurze aber steile Anhöhe hinauf (relativ anstrengend, da merkte man, dass man nicht mehr ganz taufrisch war). Übrigens schon wieder ein Lehrpfad, dieses Mal aber geologischer Natur.

Am oberen Ende des Anstiegs dann ein kleines Hochplateau mit weiten Feldern in allen Richtungen. Mittendurch, 750 m. nach Südwesten bis zu einem kleinen Wäldchen, dort scharf links, eine lange gerade den Hang hinab in Richtung Wiesloch, geradeaus im Hintergrund die geheimnsivoll-unbekannte Hügellandschaft des Kraichgau Nach 700 m. rechts ein kleiner Friedhof im Wald, direkt dahinter die ersten Gebäude, erst ein großes Haus mit vergitterten Fenstern hinter einer hohen Mauer (Psychiatrisches Zentrum?), davor Weinstöcke, dann ein schöner, alter Backsteinkomplex, möglicherweise eine Art Manufaktur.
Und schließlich Wiesloch, genauer gesagt, Alt-Wiesloch.
Sah eigentlich gar nicht alt aus, Neubaugebiet am Hang, ich lief weiter, immer geradeaus dem roten Balken hinterher. Römerstr., über die Baiertaler Str. in die Weihestr. (hier waren die Häuser schon etwas älter…), dann über die Dielheimer Str. auf einen kleinen Fußweg, der zwischen den Häusern hindurch in das unbebaute Gelände am Leimbach führt. Wiesen, Bäume, Schrebergärten, mittendrin ein gepflegte Fuß/Radweg, sehr nett. Hier rechts, 300 m. dem Bachverlauf folgend nach Westen, über eine übertrieben wuchtige Brücke (fett Eisenträger für eine Fußbrücke? Ich weiss ja nicht…), und schließlich nach Wiesloch hinein. Mischung aus Wohn- und Industriegebiet, viel Grün, weiterhin ein großzügiger Fußweg neben der Strasse. Noch ein paar hundert Meter durch den Ort, erst die „Großwiese“ dann die Bahnstrasse, schließlich vor mir das verheissungsvolle Reklameschild („Best Western“), des Wieslocher Palatin, einer Mischung aus Kongresszentrum, Hotel, und Kultureinrichtung – nicht unbedingt hübsch, aber mein Ziel.
Kurzer Endspurt, dann hatte ich´s für heute geschafft. Puh!

Und das war´s dann für dieses Jahr. Trotz miesen Wetters und dem kleinen …Navigationsproblem mittendrin ein krönender Abschluss. Einerseits, weil es insgesamt super gelaufen ist – mehr als Halbmarathondistanz, schwieriges Gelände und der hammerharte Aufstieg auf den Königstuhl, alles ohne größere Komplikationen – sieht so aus, als wäre ich immer noch ganz gut in Schuss :) .
Was die Strecke angeht, die war insgesamt durchaus apart, technisch anspruchsvoll, landschaftlich schön (zumindest da, wo ich was von der Landschaft zu Gesicht bekam), mit vielen interessanten Überraschungen. Hat Spass gemacht, vielleicht etwas Schade um den verpassten Blick vom Königstuhl, aber das kann man ja nachholen.

Und das Allerbeste: Damit hab´ ich tatsächlich die gesamte Bergstrasse von Norden nach Süden komplett erlaufen: Von Darmstadt, über Eberstadt, Malchen, Seeheim, Jugenheim, Alsbach, Zwingenberg, Auerbach, Bensheim, Heppenheim, Laudenbach, Hemsbach, Sulzbach, Weinheim, Lützelsachsen, Hohensachsen, Großsachsen, Leutershausen, Schriesheim, Dossenheim, Handschuhsheim, Heidelberg, Leimen und Nußloch bis nach Wiesloch runter – ich war da (oder bin zumindest obendrüber vorbeigejoggt).
Und mal ganz ehrlich – das von sich behaupten zu können, ist ein ziemlich geiles Gefühl!

Strecke: 23,1 km
Zeit: 2:50 h (= ca. 8,15 km/h bzw. 7:21 min/km)
Karte:
- Teil 1
hd-wiesloch1.jpg

- Teil 2
hd-wiesloch2.jpg

- Ganze Strecke
hd-wieslochganz.jpg

Interaktive Streckenkarte

M.

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2 Antworten zu “Der letze Lauf des Jahres! Zum Ende der Bergstrasse: Heidelberg – Wiesloch (23,1 km)”


  1. [...] Der letze Lauf des Jahres! Zum Ende der Bergstrasse: Heidelberg – Wiesloch (23,1 km) [...]


  2. [...] man laufen (das weiss ich spätestens, seitdem ich vorletzten Winter unter größten Anstrengungen den langen Buckel am Heidelberger Schloss hochgejogg…), muss man aber nicht (außer man hat den Rest des Tages nichts mehr vor und/oder will sich so [...]


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