Heute war´s endlich soweit: Der Lauf ums Beerbachtal, auf den ich mich schon seit einer ganzen Weile gefreut hatte, stand auf dem Plan: Viel hübsche Landschaft, unbekanntes Terrain, ein paar reizvolle Steigungen, und das alles quasi im eigenen Hinterhof, das findet man nicht allzuoft.
Um möglichst wenig dem Zufall zu überlassen, hatte ich bereits gestern versucht, die wettermässig beste Tageszeit für den Lauf zu eruieren, dummerweise ohne eindeutiges Ergebnis: Online-Wetterdienst #1 hatte gemeint, es werde morgens schön und mittag regnerisch, Online-Wetterdienst #2 behauptete hingegen, es werden morgens regnen und mittags schön sein, und Online-Wetterdienst #3 prophezeite durchgängige starke Bewölkung ohne Regen.
Pfft. Tolle Entscheidungshilfe.
Dann eben ohne metereologisch Beratung: Quasi als Kompromiss einigte ich mit Jost schließlich auf den späten Vormittag als Startzeit, in der Hoffnung, so auf jeden Fall etwas gutes Wetter abzukriegen (entweder das gute Wetter am morgen von Wetterdienst #1 oder das gute Wetter am Mittag von Wetterdienst #2).
Als wir dann heute morgen gegen 11:00 am Startpunkt, dem Parkplatz beim Friedhof von Ober-Beerbach (Strasse “Im Mühlfeld”) ankamen, sah´s allerdings erst mal so aus, als würde Wetterdienst #3 recht behalten: Hellgrauer, trüber Tag, kühl aber mit hoher Luftfeuchtigkeit, diesig, dichte aber nicht ganz geschlossene Wolkendecke, die umliegenden Höhenzüge teilweise von dichtem Dunst verschleiert.
Nicht der erhoffte freundlich-helle Frühlingstag, aber andererseits regnete es auch nicht - immerhin.
Wir starteten mit moderatem Tempo auf der Strasse “Im Mühlfeld” nordwärts durch Ober-Beerbach, nach 100 rechts den Hang hoch (”Im Kirchwald) und in der ersten Serpentine geradeaus aus dem Dorf hinaus auf den Weg OB1. Sehr hübsche Gegend (hier war ich auch noch nie vorher gewesen): Schöne grüne Hangwiesen voller blühender Bäume, außerdem ein potentiell sehr schöner Blick auf den Ilbeskopf und das Ober-Beerbacher Tal runter in die Ebene (potentiell deshalb, weil es so dunstig war, dass man den Blick eigentlich nur erahnen konnte. Schade).
Wir folgten dem Weg ungefähr einen halben Kilometer durch die Wiesen in grob nordöstlicher Richtung aufwärts, bis wir den Höhenrücken hinter dem Schaf-Berg erreichten, dann ging es rechts runter in ein hübsches kleines Seitental unterhalb der Hutzelstr. Unten angekommen links auf einen etwas schlechteren Feldweg, und 200 m. im Talgrund nach Norden bis in den Wald am Bieberwoog (immer noch OB1). Der Weg OB1 knickt nach rechts in Richtung Hutzelstrasse ab, wir wollten aber geradeaus weiter, weiter talabwärts in Richtung Altes Schloss. Laut meiner Wanderkarte hätte das eigentlich ein unmarkiertes Stück sein müssen, vor Ort stiessen wir jedoch unerwartet auf das rote S des Alemannenweges, seines Zeichens Teil des sogenannten Odenwald-Schmetterlings, eines der “Flaggschiffe” des OWK-Wegenetzes und ausserdem so neu, dass er auf meinen Karten noch nicht verzeichnet ist (Deswegen weiss nie, wo und wann der Alemannenweg mal wieder auftauchen wird - irgendwie spannend).
Das kommende Wegstück war also nicht irgendsoein Feldwaldundwiesenweg, sondern ein offiziell ausgewiesener Fernwanderweg samt Markierung.
Soweit die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht war, dass er sich in einem unglaublich erbärmlichen Zustand befand: Irgend ein lokales Desaster (Orkan? Erdbeben? Godzilla?) hat hier vor kurzem offensichtlich den halben Wald entwurzelt, so dass statt einem schönen, bequemen Weitwanderweg eine Art dreidimensionales Labyrinth aus unzähligen umgestürzten Fichten vor uns lag.
Joggen unmöglich.
Stattdessen mussten wir erst einen Zickzackkurs durch den (freizügig mit dornigen Brombeerhecken bestückt ) Wald verfolgen, und schließlich unter/über/durch Unmengen von verworrenem und stachligen Totholz klettern/kriechen/fallen.
Irgendwie nicht so richtig toll. Glücklicherweise ist der Wald hier nicht besonders breit, so dass relativ bald der Waldrand in Sicht kam.
Jost meinte noch, dass im freien Gelände ja wohl keine Bäume mehr liegen würden und wir ungestört weiterjoggen könnten.
Leider hatte er nur zu 50% recht. Hinter dem Waldrand gab es tatsächlich keine umgestürzten Bäume mehr, die einen beim Laufen hätten stören können.
Dumm nur, dass es nichts gab, worauf man hätte laufen können: Statt einem guten (oder auch nur halbwegs ordentlichen) Feldweg klaffte vor uns eine tiefzerfurchte, knöchelbrechende Kraterlandschaft.
Irgendwann in den letzten Wochen musste hier einer der hinterhältigsten Feinde des Crosslaufenden Bergjoggers vorbeigekommen sein, der Forstarbeiter Mit Schwerem Gerät. Und der hatte den Weg im wahrsten Sinne des Wortes zu Klump gefahren.
Dezimetertiefe Reifenspuren, aufgehäufte Bergmassive aus glibbrigstem Schlamm, rutschig-verräterische Wegränder, die nur darauf warteten, einen unvorsichtigen Knöchel zu brechen, bodenlose Pfützen (der Dauerregen gestern hatte es bestimmt nicht besser gemacht).
Ganz ehrlich: Ich hab´ ja schon so Einiges erlebt, aber an so einen beschissenen Weg kann ich mich nicht erinnern (selbst der Europäische Fernwanderweg 1 am Rand des Meerbachtals, über den ich mich seinerzeit ohne Ende beschwert habe, war nicht so schlimm).
Auch hier war an Joggen nicht zu denken. Eigentlich nicht mal an Gehen.
Aber wir wollten ja weiter, also gingen wir halt.
Nach ca. 700 m. quatschendem, unsicheren Fußmarsch (bei dem ich einmal so böse mit dem rechten Fuss weggerutscht war, dass mein Knöchel wieder zu rumoren anfing) erreichten wir das Waldstück Am Alten Schlösschen. Hier ging es dann scharf rechts, erst kurz über die Wiese, dann auf einen unmarkierten Waldweg, der am nördlichen Waldrand des Bieberwoogs in Richtung Frankenhausen führt. Leider waren wir offensichtlich nicht die einzigen, die diese Route in den letzten Wochen gewählt hatten: Der rücksichtslose Forstarbeiter mit seinem Unimog/Traktor/M2-Panzer war schon vor uns hier langekommen, und hatte auch diesen Weg in ein Ruinenfeld verwandelt, das sogar noch etwas schlechter war, als das bisher zurückgelegte Stück.
FLÜCHE!!!!
Also noch mal 700 m. gehen (tatsächlich ist “Gehen” eigentlich der falsche Begriff, tatsächlich war es eher eine Mischung aus Waten und Schliddern), bis wir endlich das obere Ende des Waldes erreichten, wo der Weg graduell besser wurde. Zugesaut und aus dem Rhythmus gebracht konnten wir wieder weiterjoggen.
In einem hübschen, grünen Seitental voller Pferde vorbei am Hof im Bieberwoog bis zur Felsbergstr. am Ortseingang von Frankenhausen, dort scharf links, dem Strassenverlauf bis zum Waldrand auf der Anhöhe und der Schutzhütte Streittanne gefolgt, dort geradeaus am Waldrand nach Norden auf den Bernhard-Kraft-Weg (gelbes V), dem wir von nun an einfach nur zu folgen brauchten.
Angenehm ebener Höhenweg mit einem schönen Blick runter nach Frankenhausen, das wieder mal hübsche Tal (samt Damwildgatter, wer hätte das gedacht?) und zum Waschenbacher Steinbruch, dazu noch genug Atem übrig, um dem sichtlich desinteressierten Jost was über Gabbro zu erzählen (da ich auch keine Ahnung davon habe, hab´ ich ihm einfach fünfmal erklärt, dass man das mit zwei “B” schreibt - mangelnde Fachkenntnis hat mich noch nie von der Vermittlung uninteressanter Fakten abgehalten
). Ausserdem wurde das Wetter zunehmends freundlicher, entsprechend sah alles gleich noch mal doppelt so hübsch aus (und hob meine Laune, die nach der Schlammpartie am Bieberwoog merklich gesunken war, wieder deutlich an. Um das zu feiern, erklärte ich Jost, dass man Gabbro mit zwei “B” schreibt…).
Nach ca. 1 km. knickte der Weg nach links vom Waldrand und führte am oberen Rand des Nieder-Ramstädter Steinbruchs (hier wird Gabbro geschlagen, übrigens mit zwei “B”) weiter nordwärts durch den Wald, wobei man hin und wieder einen schönen Blick über den Steinbruch hinunter ins schöne Beerbachtal und zum Frankenstein-Massiv erhaschen konnte. Danach ging es wieder an den Waldrand, inzwischen schon oberhalb von Waschenbach (hier war ich Anfang Januar schon mal vorbeigekommen) und schließlich wieder in den Wald, am Kirsch- und am Gickelsberg entlang bis zur Schutzhütte “Peter-Jährlings-Ruhe” oberhalb von Nieder-Ramstadt.
Hier bogen wir links ab und folgten dem Weg Mt1 runter ins Beerbachtal, zum Weiler In der Mordach, wo wir auf den Weg Mt V wechselten, der am Waldrand entlang in südlicher Richtung talaufwärts führt, und dabei ein wunderbares Panorama auf die Weiden des Beerbachtals und die dunklen, imposanten Hänge des Frankensteins eröffnet.
Ca. 400 m. hinter der Waldmühle ging es rechts, vom Waldrand weg, auf dem Unteren Weg durch die Wiesen nach Nieder-Beerbach (immer noch Mt V). Bei der Planung hatte diese Stück relativ angenehm ausgehen, tatsächlich enthielt es aber ein paar nicklige kleine Aufstiege, bei denen wir beide merkten, dass wir schon nicht mehr ganz frisch waren - und der richtig fiese Anstieg zurück nach Ober-Beerbach lag ja noch vor uns…
Wir erreichten schließlich Nieder-Beerbach, wo wir die Gassentour durch den Ortskern machten (Hintergasse, Untergasse, Quergasse, Obergasse - wer auch immer sich die Strassennamen hier ausgedacht hat war wohl nicht unbedingt das, was man gemeinhin unter einem “Kreativen Kopf” versteht…) und schließlich kurz vor dem oberen Ortsende in den Allertsgrund einbogen. 60 m. bergauf, denn links aus dem Dorf hinaus auf den Seeheimer Weg, zum letzten großen Aufstieg.
Über den Seeheimer Weg gibt es zweierlei zu berichten:
1) Er ist ein wunderschöner Fussweg, der durch die wunderhübsche, geradezu liebliche (besonders im jetzt Frühling, mit den ganzen blühenden Obstbäumen) Wiesenlandschaft am Westhang des Beerbachtals auf die Fahrstrasse zum Frankenstein führt, und dabei einen wunderschönen Blick hinunter ins Tal erlaubt.
2) Er ist teilweise sacksteil.
Tja, und da wurde es dann arg anstrengend. Die ersten paar Meter gingen noch, aber schon im ersten Hohlweg (Hohlwege am Hang sind immer ein schlechtes Zeichen, dann wird´ meistens steil) schauften und schwitzten wir wie blöde. Und dann kam auch noch die Sonne raus und es wurde instant bullenwarm.
Das war dann genug.
Wir beschlossen, die härtesten Passagen gehend zurückzulegen.
Schon ein etwas blödes Gefühl, besonders weil ich vor der Verletzung regelmässig steilere und schlimmere Steigungen gejoggt bin.
Aber hey, was soll´s: Es ist noch früh im Jahr, Jost und ich haben beide eine lange Trainungspause hinter uns, das hier war der längste Lauf seit wir wieder angefangen haben, und zumindest ich habe im Moment ein paar Kilos zuviel auf den Rippen, die erstmal geschleppt werden wollen.
Also warum nicht?
Wenn ich erstmal wieder fit bin, kann ich ja wiederkommen und den dämlichen Berg hoch und runter joggen bis er sich entschuldigt…
Nachdem wir das steilste Stück hinter uns gelassen hatten, ging es dann wieder joggend weiter, am Hang entlang mit moderater Steigung aufwärts über die Wiesen am weissen Berg (unverhofft tauchte hier auch wieder mal der Alemannenweg mit seinem roten S auf und leistete uns etwas Gesellschaft), wunderbares Stück, besonders natürlich in der inzwischen von einem blauen Himmel strahlenden Sonne, einfach wunderschön.
An der Fahrstrasse angelangt liefen wir dann links, die Strasse runter in Richtung Beerbachtal, in den Wald rein, und schließlich, nach ca. 850 m. rechts auf den Weitwanderweg Odenwald-Vogesen (roter Balken) auf dem wir die Kreuzung der L3098 und der K143 oberhalb von Ober-Beerbach erreichten. Am Strassenrand weiter ins Dorf, bei der ersten Gelegenheit einen kleinen Fussweg links runter in den Talgrund, über den Beerbach, auf der anderen Seite dann über eine Rampe hoch zum Friedhofsparkplatz und dem wartenden Auto (Jost musste meinen ohnehin schon durch das Gehen am Seeheimer Weg angeknacksten Stolz noch weiter beschädigen, indem er die letzten Meter die Rampe hochsprintete, und mir oben erklärte, dass er erster sei und die Bergwertung gewonnen hätte. Aber, wart´ nur, du Sack, wenn erstmal meine Wampe weg ist, renn´ ich Dich in Grund und Boden…
).
Trotz des Fiaskos mit dem praktisch unbegehbaren Alemannenweg am Bieberwoog ein wunderschöner Lauf in toller Landschaft. Hat viel Spass gemacht, war aber auch etwas anstrengend, wenn auch auf eine positive Art - tatsächlich fühle ich mich nach den 14,4 teilweise recht anspruchsvollen Bergkilometern heute weit weniger fertig als nach den 10,6 Flachlandkilometern gestern, aber da kann natürlich auch das Wetter eine Rolle gespielt haben (Regen geht einfach nicht gut). Ausserdem war´s eine wichtige und interessante Standortbestimmung: Auch wenn es wieder halbwegs läuft, eine richtig lange und harte Bergroute ist einfach noch nicht wieder drin, da braucht´s noch viel Training.
Strecke: 14,4 km
Zeit: 1:42 h (= 8,47 km/h bzw. 7:05 min/km - eigentlich ganz ok dafür, dass wie viel gegangen sind)
Karte:

M.
Tags: Alemannenweg, Frankenhausen, Hessen, Joggen, Jogging, Laufen, Mühltal, Nieder-Beerbach, Ober-Beerbach, Odenwald, Seeheim-Jugenheim, Weitwanderweg Odenwald - Vogesen



15. Juli 2008 um 5:05 Uhr nachmittags
[...] meine Laufrouten anscheindend gerne in Themenzyklen: Entweder in kurzer Folge um diverse Dörfer, um die Täler, und momentan gerade um die Berge (irgendwie immer “um XY”. Hmmm…): [...]