“Quäl´ dich, du Sau!”: Darsberg und Alsbacher Schloss (9,8 km)

24. April 2008

Eigentlich wollte ich heute nicht laufen. Viel zu tun, morgen ein wichtiger Termin an der Uni, für den ich noch was fertigschreiben muss. Deswegen hatte ich Jost auch schon abgesagt.

Aber dann ist das hier passiert:

Treffen sich zwei Hundebesitzer beim Gassigehen im Feld zwischen Alsbach und Jugenheim.

Hundebesitzer 1: “Hi! Na, wie geht´s?”

Hundebesitzer 2: “Hallo! Soweit eigentlich ganz gut. Bei Dir?”

Hundebesitzer 1: “Och ja, als so weiter. Sag´ mal, trainierst Du eigentlich noch regelmässig?”

Hundebesitzer 2: “Jetzt wieder. Ich hab´ allerdings gerade fast acht Wochen Pause hinter mir, mein erster Bänderriss, da war nix mit Training. Aber jetzt darf ich wieder. Ist auch dringend nötig, ich bin total fett geworden. Zwei Monate Zwangspause und Frustfresserei, das hat bös´ angesetzt, das muss ich jetzt halt wieder abjoggen.”

Hundebesitzer 1: “Ja, man sieht´s so ein bisschen. Ich hab´ mir schon von weitem gedacht ‘Irgendwie sieht er ´n bisschen strammer als sonst aus’”.

Hundebesitzer 2: “ECHT JETZT!! Meinst Du das Ernst?!”

Hundebesitzer 1: “Na ja, also ich finde, man sieht´s schon so ein bisschen…”

So weit so gut.
Dummerweise war ich Hundebesitzer 2. Und alles andere als glücklich darüber, dass selbst der Typ, mit dem ich alle Schaltjahre mal beim Gassigehen plaudere, sieht (und das schon von weitem!), dass ich momentan nicht in Bestform bin. Wenn man selbst damit kokettiert, ist das ja noch ok. Aber wenn Dir ein flüchtiger Bekannter ins Gesicht sagt, dass du fett bist (ok, immerhin nicht ganz so direkt), dann ist das keine gute Situation. Besonders weil er recht hatte: Ich trug meine weiteste Hose und steckte darin wie eine verdammte Wurst in der Pelle.

Auf einmal war ich ärgerlich. Nicht auf Hundebesitzer 1. Der hatte ja recht. Auf mich selbst.
Darauf, dass im Moment meine Hosen kneifen. Darauf, dass ich im moment bei bestimmten Steigungen gehen muss. Darauf, dass ich kurzatmiger bin als vor der Verletzung. Und darauf, dass sich mein ehemals dezenter Bauchansatz in ein paar popligen Wochen Pause zu einem kleinen aber vorstehenden Bierbäuchlein gewölbt hat.
Das ist doch kein Zustand!
An dieser Stelle machte es dann “Klick” in meinem Kopf und ich verfiel in den “Quäl´ dich, du Sau”-Modus (frei nach Udo Bölts). Spontan entschied ich, heute doch noch laufen zu gehen und mich dabei so richtig abzuhetzen. Um was gegen den Bauch und die strammen Oberschenkel zu unternehmen, um mir mal wieder zu beweisen, dass es geht, und wohl auch, um mir selbst ein bisschen dafür weh zu tun, dass ich so ein fetter, träger Sack bin (ok, letzteres war kein bewusster Entschluss, aber unbewusst spielte es auf jeden Fall eine Rolle).

Also das Gassigehen spontan abgebrochen und zurück nach Hause. Laufklamotten an, Nemo geschnappt (warum sollte ich mich alleine Abhetzen) und hoch in die Berge. Route war noch nicht klar, die würde sich unterwegs ergeben. Hauptsache anstrengend und schweisstreibend…

An sich hätte das ein wunderbarer, entspannter Lauf werden können – ich fühlte mich fit, und das Wetter war perfekt (blauer Himmel mit strahlender Frühlingssonne und ein paar Schäfchenwolken, leichte Brise, 17 Grad, moderate Luftfeuchtigkeit). Aber ich war geladen, wollte es meinem dicken doofen schwabbeligen Körper mal so richtig zeigen, also fiel die Entspannung aus.
Stattdessen: Volldampf. Nicht einfach nur zügig, sondern von Anfang an am Leistungslimit.

Zuerst die übliche Route aufs Melibokusmassiv: Über die Jossastr. zum Waldrand, dann auf dem Burgenweg (blaues B) das Hasselbachtal hoch, an der Wegscheide hinter dem Merck-Anwesen scharf links, vorbei am Merck´schen Wasserturm und weiter bis zum Pürschweg. Bereits nach ein paar hundert Metern japste ich ordentlich, meine Beine taten etwas weh, der Schweiss lief mir in die Augen und brannte.
Gut so.
Quäl´ dich, du Sau!

Normalerweise biege ich hier ja rechts auf den Pürschweg ein. Alternativ kann man dem Weg auch nach links ins Balkhäuser Tal folgen. Aber das war mir heute alles zu lullerig. An der Kreuzung gibt´s nämlich noch einen dritten Weg, der diesen Namen eigentlich gar nicht verdient hat, ein ungepflegter Ziegenpfad, der in einem kleinen Hohlweg oberhalb des Pürschwegs über den Höhenkamm führt und auf der anderen Seite im Weg zur Bauernhöhe mündet (Markierung: Gelbe 2). Steil, schmal, grauslicher Untergrund, im Sommer von Dornen überwuchert, im Winter ein Schlammloch – eigentlich kaum joggbar, also genau das richtige um meinen Brass rauszulaufen.
Ergo geradeaus über den Pürschweg auf die gelbe zwei und schaufend weiter steil bergauf. Oben auf dem Bergkamm die ersten Dornen (ideal zur Selbstkasteiung, wie feststellen durfte, als eine Ranke sich halb um mein linkes Bein wickelte) und Schlammlöcher (getarnt unter zentimeterdickem Laub, angenehm unangenehm), dazu ein umgestürzter Baum mitten auf dem Weg, den man nur schlecht überklettern konnte. Verfassung inzwischen ernsthaft atemlos aber immer noch sauer, also weiter.
Quäl´ dich du Sau!

Nemo hielt bisher übrigens prächtig mit, mein hohes Tempo machte ihm anscheinend nichts aus, auch wenn es eigentlich etwas zu warm für ihn war.

Hinter dem Baumstamm stieg die gelbe 2 noch mal 50 m. richtig an, bevor sie dann in den Weg zur Bauernhöhe mündete, dem man hier entweder links ins Tal oder rechts den Hang hoch folgen kann.
Wir liefen natürlich rechts. Aufwärts. Hrrrrg! Auch wenn dieses Teilstück nicht markiert ist, ist es doch ein richtiger Weg mit einer moderateren Steigung, entsprechend konnte ich hier trotz des hohen Tempos ein bisschen entspannen, und sogar den einen oder anderen schönen Blick durch die Bäume runter ins Balkhäuser Tal und auf den ca. 40 m. weiter unten parallel verlaufenden Melibokusweg erhaschen – sehr hübsch der schönen warmen Frühlingson…
Hey, moment mal, ich war doch nicht hier um die verdammte Aussicht zu geniessen! Ich wollte einen selbstzerstörerischen Höllentrip runterrreisen. Also: AUGEN GERADEAUS, TEMPO HOCH, UND QUÄL´ DICH GEFÄLLIGST, DU SAU!!!!!

Dem Weg ca. 1,4 km aufwärts gefolgt, über die Bauernhöhe und schließliuch auf die Kreuzung oberhalb der Darsbergwiese. Ähnlich wie vorhin am Anfang des Pürschwegs gab es auch hier zweieinhalb Möglichkeiten:
1) Geradeaus durch die Darsbergwiese abwärts auf den weicheierigen, lahmen, Pürschweg am Westhang des Höhenzuges und auf dem lächerlich bequem um die Kuppe des Darsbergs herum aufwärts zu Darsberghütte.
2) Scharf links abwärts auf den weicheierigen, lahmen Melibokusweg am Osthang des Höhenzuges und auf dem lächerlich bequem um die Kuppe des Darsbergs herum aufwärts zu Darsberghütte.
1/2) Halblinks auf einen unmarkierten, praktisch nicht existenten, vergessenen steinigen, glitschigen, extem steilen Trampelpfad mitten durch den Wald und auf dem unter schrecklichsten Entbehrungen geradewegs über den Gipfel des Darsbergs zur Darsberghütte.

Wir nahmen natürlich den Trampelfpad. Da wo er nicht extrem glitschig war, hingen Dornen in unseren Weg und/oder er war so steinig, dass man kaum bequem auftreten konnte. Nach 100 m. ging es dann richtig hoch auf den Darsberg, über 20% Steigung.
Hart!
Rhaaaaaaaaaa!!
QUÄL! Pfhuuuu. DICH! Rrrrg. DU! Gniiiiiii. SAU!!!!!!

Als wir oben waren, sah ich bunte Punkte, mein Atmung und Puls waren irgendwo in den Wolken, und mein rechter Knöchel rumorte etwas (fiel glücklicherweise nicht weiter auf, da meine Beine insgesamt ziemlich schmerzten). Aber ich fühlte mich schon deutlich weniger fett und unfit.
Unfitte Leute rennen hier nicht hoch.
Die Kriegen unterwegs einen Herzinfarkt :D .

Hier machten wir dann doch mal eine kurze Verschnaufpause, denn nicht nur ich war total ausser Atem, auch Nemo japste inzwischen schon gehörig. Eigentlich recht hübsch hier oben auf dem Kamm des Darsbergs: Einsamer (auch wenn die beiden Hauptwege links und rechts des Kamms nur ein- oder zweihundert Meter entfernt verlaufen, sieht man sie hier aufgrund des Höhenunterschieds und der Vegetation nicht), lichter und weitgehend unberührter junger Wald, durch dessen Kronen die Sonne ein schönes Muster aus Licht und Schatten zeichnete.

Nachdem wir uns etwas erholt und Nemo seinen Durst an einer schlammigen Pfütze gestillt hatte, folgten wir weiter dem Pfad, der ab hier ein Stück abwärts führt und schließlich an der Darsberghütte auf die Kreuzung von Pürsch- und Melibokusweg stösst. Natürlich namen wir keinen von beiden.
Pah, viel zu einfach, nichts zum Kasteien.
Stattdessen hinter der Darsberghütte auf einen weiteren Trampelfpad, der östlich des Pürschweges direkt über Höhenrücken verläuft (der Anfang der “Kattenberger Schneise”). Auch dieses Stück kaum zu joggen, wieder extrem steil, schmal, rutschig, steinig, dornig, also genau das richtige für das Motto des heutigen Laufs.
Ihr wisst schon: Quäl´ dich, du Sau…

Über die nächste Kuppe, dann etwas abwärts, und nach knapp 900 m. schließlich doch rechts auf den Pürschweg oberhalb der Abzweigung des Hohe-Stich-Wegs. Inzwischen waren wir schon eine halbe Stunde unterwegs, beide abgekämpft, mir taten die Beine weh, und mein Brass war weitgehend verraucht.
Zeit für den Heimweg.

Wir liefen den Pürschweg (SJ2) ein Stück abwärts, oberhalb des großen, offenen Tals am Hohe-Stich-Weg entlang (toller Blick runter auf die sonnenbeschiene Rheinebene) und bogen schließlich nach ca. 600 m. (ca. 300 vor der Darsberghütte) scharf links auf den unmarkierten Weg ab, der unterhalb der Hohe-Stich-Wegs abwärts nach Südwesten führt. Ein sehr angenehmes Stück, erst schattig-kühler Nadelwald mit einen wunderbar weichen Untergrand aus alten Tannennadeln (Balsam für die Füsse), dann auf halber Höhe durch das weite Tal, über dem wir soeben auf dem Pürschweg entlanggelaufen waren und schließlich auf den abwärts führenden Querweg mit der gelben 4 unterhalb des Erlengrunds. Hier rechts, zur Hoboken-Hütte, dort dem Wegweiser folgend links runter auf den Schlossweg (gelbe 9) und auf gleichbleibender Höhe bis zum Freizeitgelände hinter dem Alsbacher Schloss. Dort geradeaus, zwischen Spielplatz und Wiese hindurch, dann die Böschung hinab auf den Weg mit der gelben 3, dem wir um den Schlossberg herum abwärts bis zum Alsbacher Ortsanfang an der Hindenburgstrasse folgten, wo wir dann (unter mißtrauischen Blicken eines Pulks russischer Pilzsucher, die hier im Hang standen [sucht man Pilze im April? Eigentlich doch nicht, oder?]) nochmal scharf links in den Wald abbogen und schließlich am alten Steinbruch vorbei über den Marienruhweg oberhalb der Weinberge nach Alsbach einliefen.

Von hier aus dann auf der üblichen Route (Blütenweg = Hochstr./Lindenstr./Am Katharinenberg) durch den ganzen Ort und zurück nach Jugenheim, übrigens in sehr gemäßgtem Tempo, da Nemo inzwischen etwas erschöpft und zickig war (wie gesagt, wohl weniger wegen der Strecke selbst, als wegen der Temperaturen und der Sonne – mit seinem dichten schwarzen Fell ist er einfach kein Hund für die Wärme. Wird wohl bald Zeit für seine Sommerpause…).

Tja, was soll ich sagen? Das war sicher kein besonders vernünftiger Lauf. Entspannt oder angehm ist was anderes, und ich glaube nicht, dass er trainingsmässig besonders sinnvoll war. Aber andererseits hat es irgendwie auch mal wieder so richtig gut getan, sich auf irgendwelchen halbvergessenen Bergpfaden bis ans Limit zu quälen und dabei ein bisschen selbst zu kasteien. Das befreit irgendwie. Jetzt bin ich zwar müde, aber iich fühle mich auch gut.
Andererseits hab´ ich ein schlechtes Gewissen, weil ich erst die Verabredung mit Jost abgesagt habe, und dann doch noch aus einem spontanen Bauchgefühl heraus losgelaufen bin – sorry Jost, ich hoffe, das ist in Ordnung (und ganz ehrlich: An der Tour hättest Du auch keinen Spass gehabt…).

Strecke: 9,8 km
Zeit: 1:01 h (9,64 km/h bzw. 6:13 min/km – klingt jetzt vielleicht erst mal gar nicht so schnell, aber man sollte nicht vergessen, dass die erste Hälfte teilweise extrem steil war und auf sehr schlechten Strecken zurückgelegt wurde, und wir in der zweiten Hälfte bewusst langsam gemacht haben).
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

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6 Antworten zu ““Quäl´ dich, du Sau!”: Darsberg und Alsbacher Schloss (9,8 km)”

  1. Gerd Sagt:

    Wow,
    da hast Du dir´s aber gegeben. Ich hoffe Du kannst Morgen früh aufstehen ;-)
    Solche Läufe tun nämlich erst am nächsten Tag weh!
    Und der arme Hund. Ich leide ja direkt mit Ihm. Wenn ich mir deine Läufe so durchlese, krieg ich ja richtig Schiss mir dir zu Laufen. Vielleicht sollte ich erst mal mit Nemo eine Runde “im Tal” drehen ;-)

    Gruß Gerd

  2. matbs Sagt:

    Hi Gerd,

    manchmal tut sowas halt richtig gut (ausserdem erinnert es mich an früher – der ursprüngliche Grund, warum ich vor fast zehn Jahren mit dem Laufen angefangen habe, war, dass ich mir selbst ein bisschen weh tun wollte – ist eine längere Geschichte, vielleicht blogge ich die ja mal irgendwann, wenn mir nach verjährtem Seelen-Striptease ist… ;) ).

    Da ich die Strecke ja schon gestern gelaufen bin, aber erst heute gebloggt habe (musste gestern ja noch was für die Uni fertig machen, das war wichtiger), kann ich glücklicherweise vermelden, dass sich bei mir keinerlei Spätfolgen eingestellt haben (Nemos Spätfolgen bestehen aus mittelschwerem Zeckenbefall, den er sich offenbar auf den verschlungenen Trampelpfaden des Darsbergs geholt hat. Höchste Zeit, ihn mit Anti-Zeckenzeug zu imprägnieren).

    Schiss haben brauchst du übrigens nicht, beim Laufen in der Gruppe poche ich grundsätzlich auf die Einhaltung der ehernen Joggerregel: “Das Tempo macht immer der Langsamste” (egal wer das ist).

  3. Gerd Sagt:

    ich weiß definitiv wer das ist ;-)

  4. matbs Sagt:

    Und wenn schon. Als ich letztes Jahr mit Ingo und David gelaufen bin, war ich immer der Bremser. Das ist keine Schande.


  5. [...] “Quäl´ dich, du Sau!”: Darsberg und Alsbacher Schloss (9,8 km) [...]


  6. [...] oberhalb des Pürschwegs in Richtung Melibokus führt (den war ich ja erst neulich bei meinem “Quäl-Dich-Du-Sau”-Lauf mit Volldampf hochgehechelt, heute liess ich es wesentlich ruhiger [...]


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