Nachdem mir die gestrige Tour auf einigen der weniger prominenten Wege am Darsberg einen Riesenspass gemacht hatte, beschloss ich heute, spontan noch einen draufzusetzen, und mir mal wieder ein paar der wirklich obskuren Trampelpfade, Nebenstrecken und Schleichwege vorzunehmen, die das nördliche Melibokusmassiv zu bieten hat.
Grundsätzlich kenne ich diese Strecken fast alle, bin sie aber seit Beginn meiner “Entdeckerphase” (als ich systematisch und ohne Wanderkarte wirklich jeden noch so popligen Wildpfad am Melibokusmassiv erkundet habe – war eine Superzeit!) vor zwei oder drei Jahren nicht mehr gelaufen. Also eigentlich eine schöne Gelegenheit, mal wieder etwas in nostalgische Entderstimmung zu verfallen, und zu sehen, wie ich heute mit diesen Wegen klarkomme (damals waren sie teilweise verdammt hart).
Für heute hatte ich mir dann auch gleich eine sehr ordentliche Tour vorgenommen: Über die Ruine Jossa und den Hauptkamm des Darsbergs runter ins Balkhäuser Tal, von dort aus ins Stettbacher Tal wechseln und von hinten über den Heiligenberg zurück nach Hause. Fordernd aber nicht zu lang, versprach angesichts der heutigen wunderbaren Frühsommerabendstimmung ein echtes Higlight zu werden.
Start erst mal wie immer: Die Jossastr. hoch in den Wald, dort dann auf dem Burgenweg das Hasselbachtal hoch. Anstatt aber wie sonst üblich 200 m. nach dem Waldrand scharf links abzubiegen und via den Merckschen Wasserturm zum Pürschweg zu laufen, lief ich heute mal geradeaus durch, weiter auf dem Darsbergweg (blaues B) durch den Talgrund aufwärts. Schattig, kühl, knackige Steigung im mittleren bis oberen einstelligen Bereich, mir ging´s gut.
An der Kehre am oberen Ende des Tals scharf rechts, weiter auf dem Burgenweg (blaues B/gelbe
die südliche Talwand hoch, um den Jossaberg herum, und weiter auf dem angenehm ebenen Jossaweg oberhalb des Hasselbachtals nach Süden. Westhang, da war´s trotz der schützenden Bäume relativ warm, dafür herrschte aber auch wieder ein wunderschönes Frühabendlicht.
Nach ein paar hundert Metern erreichte ich dann den ersten obskuren Schleichweg des heutigen Tages: An der Abzweigung südlich/unterhalb der Ruine (kurz vor dem etwas steileren Anstieg in Richtung Darsberghütte) bog ich scharf links auf den unmarkierten Waldweg ein, der auf den vorgelagerten Kamm direkt oberhalb der Burg Jossa führt.
Normalerweise mache ich hier gerne einen kleinen Abstecher in die Ruinen- sind zwar nicht besonders spektakulär, aber immer wieder nett (Von allen Burgen der nördlichsten Bergstrasse ist die Jossa die bescheidenste: Sie war von Anfang an zu klein, extrem schlecht zu verteidigen und strategisch unbedeutend, deshalb wurde sie ab 1290 gerade mal ein paar Jahrzehnte bewohnt, dabei ständig hin- und hergeschenkt, in der Mitte des 14. Jahrhunderts verlassen, und diente seitdem Generationen von Jugenheimern als Quelle billigen Baumaterials. Heute stehen nur noch ein paar Mauerreste auf einem steilen kleinen Hügel, der aus einem trockenen Graben auftagt).
Aber da ich heute ja noch Einiges vor hatte, verzichtete ich heute mal, genoss stattdessen nur kurz den frischen Wind und schönen Blick über die smaragdgrünen Wipfel ins breite mittlere Darsbergtal und wandte mich dann sofort nach rechts, wo ein schmaler, steiniger Trampelpfad den Höhenrücken hinauf bis an den Pürschweg führt – sacksteil, aber glücklicherweise nur 200 m. lang, das liess sich gut bewältigen.
Auf dem Pürschweg (SJ2, das ist der Weg, der auf den Melibokus führt) angekommen wandte ich mich ganz kurz nach links, runter in Richtung Darsbergtal, bog dann jedoch nach gerade mal 80 m. halbrechts ab, und lief den unmarkierten Weg hoch, der oberhalb des Pürschwegs über die Darsbergwiese auf den Höhenkamm über dem Balkhäuser Tal führt. Mäßig steil, aber aufgrund des lichteren Baumbewuchses ziemlich sonning und entsprechend heiss, dafür aber auch der eine oder andere hübsche Blick über das Darsbergtal runter ins Ried. Fit war ich auch noch, also gar kein Problem.
Nach ca. 300. m. Aufstieg die kleine Kreuzung auf dem Bergsattel oberhalb der Darsbergwiese. Bisher war ich den Westhang hochgelaufen, hier wechselte ich jetzt auf die schattigere Ostseite des Melibokusmassivs oberhalb des Balkhäuser Tals: Rechts den kleinen (und natürlich unmarkierten) Verbindungsweg runter auf den Melibokusweg, den dann noch 250 m. rechts hoch bis zur Darsberghütte (von der ich doch tatsächlich mal ein – wenn auch herbstliches – Bild im Web gefunden habe – hin und wieder mal suchen lohnt sich eben doch).
Ab hier wurde es dann richtig abenteuerlich: Anstatt wieder auf die Westseite des Höhenzuges zu wechseln und den langweiligen, alten, bequemen Pürschweg zu nehmen, bog ich direkt vor der Hütte (bzw. direkt hinter der Hütte, wenn man vom Pürschweg kommt) auf den winzigen, steilen Trampelpfad mit der gelben 7 ein, der hier auf dem Höhenrücken oberhalb des Pürschwegs in Richtung Melibokus führt (den war ich ja erst neulich bei meinem “Quäl-Dich-Du-Sau”-Lauf mit Volldampf hochgehechelt, heute liess ich es wesentlich ruhiger angehen).
Aber nur kurz, denn bereits nach knapp 100 m. bog ich ab und folgte der gelben 7 links den Hang runter in Richtung Balkhäuser Tal.
Diesen Weg war ich genau einmal vorher gelaufen, irgendwann vor drei Jahren, aber ich hatte ihn noch gut in Erinnerung: Ein extrem steiles, extrem holpriges, kaum laufbares und dicht mit Brennesseln bewachsenes Höllenstück am wilden Osthang des Melibokusmassivs (der Westhang hat ein sehr dichtes Wegennetz, die Ostseite oberhalb des Balkhäuser Tals ist hingegen weitgehend unerschlossene Wildnis, durch die sich nur ein paar ganz vereinzelte, meist sehr schlechte Wege schlängeln), das zu allem Überfluss auch noch nirgendwo hinführte, sondern am Ende nur ein paar hundert Meter von der der Stelle, wo ich abgelaufen war, wieder in den Hauptweg mündete.
Also alles in allem keine so gute Erinnerung.
Was ich allerdings vergessen hatte war, dass es gleichzeitig eine der hübschesten Ecken des gesamten Melibokusmassivs handelt: Einsam, wunderbarer alter Baumbestand (das Gebiet ist offensichtlich zu schwer zu erreichen, um für die Forstwirtschaft rentabel zu sein), hochgelegen mit schönem Blick nach Norden, sonnig. Gefiel mir richtig gut, da nahm ich den steilen und schlechten Untergrund freudig in Kauf (Brennesseln waren kein Problem, für die ist es noch zu früh im Jahr).
Nach 300 m. relativ steilen Abstiegs erreichte ich den Waldrand hoch über Balkhausen und genoß kurz den schönen Blick über die Hochwiesen runter ins sattgrüne Tal (aaaah! Schee!). Danach eine scharfe Linkskurve und durch das tiefe, schattige Tal des Kisselsgrundes (einem steilen Seitental des Balkhäuser Tals, das dicht mit alten Obstbäumen bewachsen ist) in einem langen, leicht aufsteigenden Bogen zurück auf den Melibokusweg.
Schöner Abstecher, überhaupt nicht anstrengend.
Sieht man mal wieder, was für ´ne Lusche ich vor drei Jahren war…
Ab hier ging´s erst mal bergab, den Melibokusweg (gelbe 7) nach rechts, dabei noch ein schöner Blick übers Balkhäuser Tal, dieses Mal zum Felsberg hoch. Nach ca. 250 m. die Kehre an der Robertsruhe, oberhalb des großen Seitentals, hier rechts auf den Pfad in runter Balkhäuser Tal (die Wanderkarte behauptet, er wäre mit der gelben 3 markiert, ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich nicht die gelbe 6 gesehen habe. Hmm…).
Den holprigen Weg abwärts bis zur nächsten Kehre, dort dann geradeaus auf den noch viel kleineren Trampelpfad, der am Hang entlang bis zum unteren Ende des Kisselsgrundes führt (weiterhin gelbe 3 oderwasauchimmer, es gibt hier aber auchen einen Wegweiser nach Balkhausen). Gar nicht so einfach zu laufen, denn der Weg ist etwas überwuchert, teilweise recht steil, gerade mal 20 oder 30 cm schmal, uneben, und fällt zu Talseite hin ab, entsprechend braucht es hier viel Konzentration.
Unten angekommen links, den Waldrand am unteren Ende des Kisselsgrund entlang bis an die L3103 im Balkhäuser Tal.
Die Landstrasse überquert, auf der anderen Seite über den Parkplatz und die kleine Brücke an der Grillhütte auf die Strasse am Talhof, die dann wieder bergauf (erst gemächlich, dann steil) bis zur Kreuzung bei der Kaiserbuche (gelbe 5/gelbe 6). Dort geradeaus, den schrecklich zerfurchten Waldweg mit der gelben 2 runter ins Stettbacher Tal. Nach einem halben Kilometer halbrechts, aus dem Wald raus an das lange, versteckte Wiesental im Hofgrund, das im Abendlicht unglaublich schön und friedlich wirkte. Hier dann weiter auf der gelben 2 zwischen Wald und Wiese talabwärts, vorbei an einer kleinen, ungewöhnlichen Steinbank am Waldrand (wenn ich mich recht erinnere, wurde die zum Gedenken an einen jungen Mann errichtet, der im Ersten Weltkrieg irgendwo im Balkan gefallen ist – muss ich mir nochmal genauer angucken, wenn ich mal wieder vorbeikomme) bis zur Kreuzung oberhalb des Brandhofes.
Hier geradeaus auf den unmarkierten Waldweg am Hang direkt über dem Brandhof, ein Stück am Stettbacher Tal entlang, dann durch ein zugewuchtertes Seitental mit unglaublichem Abendlicht (grünlich und intensiv durch das dichte, junge Blattwerk) auf den Weg SJ2, über den ich schließlich die Obstwiesen am Schloß Heiligenberg erreichte. Kurz den Anblick genossen, dann links am Waldrand entlang und runter zum Schloß, das proppenvoll war – irgendein Konzert oder sowas hatte Unmengen von Leuten angelockt, die im und vor dem Schloßhof rumstanden, und um die ich nun herumlavieren musste (Merke: In jeder großen Menschenmenge gibt es einen gewissen Prozentsatz an Personen, denen durch das Gruppengefühl jedwede Umgebungswahrnehmung ahanden gekommen ist, und die entsprechend unvorhersehbar und erratisch umherstolpern, ohne dabei auf Jogger zu achten – hier ist Vorsicht geboten).
Anstatt wie üblich links am Schloß vorbeizulaufen und die Fahrstrasse runter ins Tal zu nehmen, lief ich heute mal geradeaus, runter zu dem hübschen holzgeschindelten Nebengebäude, dort dann links und über eine Serpentine unter uralten Esskastanien (auch hier: Keine Forstwirtschaft) runter an den versteckten Bolzplatz im Talgrund unterhalb des Schlosses (dessen Existenz mich jedesmal aufs neue verwundert – vom Kopf her weiss ich zwar, dass er da ist, aber mein Gefühl sagt mir immer, dass hier eigentlich ein Abhang sein müsste, und nicht ein relativ großer ebener Platz mit zwei Fußballtoren an den Enden – entsprechend ist das jedesmal eine kleine Überraschung, die mir irgendwie Freude macht).
Unterhalb des Platzes rechts, auf irgendwelchen verschlungenen Pfaden durch den Wald, schließlich links auf den kleinen Weg, der am Hang bis runter ins Stettbacher Tal führt. Dort dann noch mal kurz bergauf, auf dem Burgenweg (wie immer blaues B) die Bergflanke hoch bis an die Bergkirche, dort denn rechts unterhalb der Kirche bis zum Eingang des Heiligenbergs am alten Rathaus.
Fühlte mich immer noch taufrisch, also beschloss ich, ausnahmsweise mal nicht auf dem Blütenweg nach hause zu laufen, sondern stattdessen noch einen kleinen Schlenker durch das abendliche Jugenheim zu machen. Also erstmal geradeaus, die Alexanderstr. runter, dabei zum ersten Mal bemerkt, was hier für schöne alte jugenstilige Häuser stehen – ist mir echt noch nie vorher aufgefallen. Am unteren Ende der Alexanderstr. dann links in die Lindenstr., über die große Kreuzung und via Hauptstr. und Alsbacher Str. mit einem schnellen, erfrischenden Endspurt nach Hause.
Oh Mann, war das gut: Einer der besten Läufe, die ich in den letzten Monaten gemacht habe.
Eine wunderbare, anspruchsvolle Strecke in großartiger Landschaft, und das ganze an einem herrlich lauen Frühsommerabend mit wunderbarem Licht und angenehmen Temperaturen, dazu ein angenehmer Schuß Nostalgie – schöner kann laufen kaum sein.
Die Ortskenntnis, die ich mir vor ein paar Jahren erlaufen habe, ist immer noch voll da, dazu konnte ich sogar noch ein bisschen was von der wunderbaren Freude am Unbekannten spüren, die damals jeden Lauf begleitet hat (und die mir inzwischen – leider, leider, leider – zwangsläufig etwas abhanden gekommen ist).
Physisch lief es ebenfalls hervorragend: Selbst am Ende der Tour war ich noch frisch und entspannt, und mein rechter Knöchel machte selbst auf den schlimmsten Marterstrecken keinen Mucks mehr – damit ist der Bänderriss dann wohl endültig vorbei – YEEEHAAAAAAW!!!!
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Aber das Allerbeste: Die Passagen, die ich von früher als unheimlich hart und brutal in Erinnerung hatte, hatten mir heute keinerlei Probleme bereitet – ich mag zwar noch nicht wieder in derselben Topform wie vor einem halben Jahr sein, aber fitter als 2005 und 2006 bin ich allemal!
Das gefällt mir…
Strecke: 9,7 km
Zeit: 1:08 h (= 8,56 km/h bzw. 7:01 min/km – nicht wirklich fix, aber für diese Art von Tour nichtsdestotrotz sehr ordentlich)
Karte:

M.
Tags: Laufen, Joggen, Jogging, Hessen, Bergstrasse, Jugenheim, Odenwald, Heiligenberg, Schloss Heiligenberg, Burgenweg, Balkhausen, Seeheim-Jugenheim, Ruine Jossa



12. Mai 2008 um 10:06
Schöne knackige Strecke. Ich kann es mir wenigstens vorstellen, wenn ich schon nicht laufen kann
Das mit Fronleichnam ist gebucht… unter der Vorraussetzung, dass meine Wade wieder fit ist.
Ich hoffe das Wetter ist genauso schön wie die letzten Tage!
Gruß Gerd
12. Mai 2008 um 10:59
Ja, hat einen Riesenspass gemacht, lediglich die Kartographie danach war eine Heidenarbeit – die ganze winzigen Ziegenpfade halbwegs akkurat bei Google Earth nachzuzeichnen, heidenei!
Wir sehen uns an Fronleichnam
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