Hetzjagd auf den Felsberg (8,9 km)

18. Mai 2008

Pläne sind an sich ja ´ne feine Sache. Wenn sie sich nur nicht ständig ändern würden…
Nehmen wir mal den heutigen Sonntagslauf:
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, eine längere Tour im oberen Lautertal und bei Lindenfels zu machen, Länge 17,5 km, mit zwei hammerharten langen Anstiegen (Reichenbach - Knodener Höhe und Kolmbach - Neunkircher Höhe).
War mir aber dann doch etwas viel, vor allem nachdem der gestrige Lauf durchs Stettbacher Tal ein gutes Stück länger und anstrengender geworden war, als ich erwartet hatte, und mir auch heute noch merklich in den Knochen steckte.

Also entschied ich mich stattdessen für eine nette, mittellange Einweg-Strecke in den Odenwald: Von Jugenheim den Melibokus rauf, kurz vor dem Gipfel auf dem HW 16 sanft-serpentinig bergab, über den Höhenrücken zwischen Balkhäuser und Hochstädter Tal zum Fuß des Felsbergs. Von dort aus rüber ans Felsenmeer und aus Richtung Beedenkirchen hoch auf den Gipfel des Felsbergs, wo ich mich zwischen halb Zwei und Zwei mit meinen Eltern zum Essen im Restaurant Adas Buka verabredete (denn warum soll man nicht immer mal wieder das Anstrengende mit dem Angenehmen verbinden? ;) ).
Insgesamt 12 oder 13 km, zwar auch mit richtig viel Steigung, aber ich hatte mir vorgenommen, es gaaanz langsam und gemächlich angehen zu lassen, und entsprechend mal eine ungefähre Laufzeit von 1:45 Minuten (inkl. Pausen) veranschlagt.


Klang alles gut, also begann ich am späten Vormittag ganz entspannt mit den Vorbereitungen:
Noch mal die Strecke überprüft.
Laufklamotten rausgesucht.
Getränkegürtel befüllt.
Rucksack mit den Frischmachutensilien und den Wechselklamotten für nach dem Lauf gepackt und bei meinen Eltern zur Mitnahme deponiert.
Kurzer Blick auf die Uhr: 12:57 Uhr.
Alles ganz entspannt.
Dumdidumdidumdidu…

Moment Mal!

12:57 Uhr?

12:57 Uhr!

Ach du Sch… - 12:57 UHR!??!!!

Panik!
Mistmistmistmistmistmistscheisendreckmistmistmistmistmist!!!!!!
Irgendwie hatte ich in einem akuten Anfall von gestörtem Zeitgefühl den ganzen vormittag geglaubt, es wäre eine Stunde früher und ich hätte noch Zeit.
Warum?
Keine Ahnung, war jetzt aber auch erstmal egal: Ich war in einer halben bis Dreiviertelstunde auf dem Felsberg zum Essen verabredet, hatte eine Tour geplant, die mindestens doppelt so lange dauern würde, und war noch nicht mal gestartet…

Schluss mit “ruhig und gemütlich”.
Ab jetzt war “hastig und gehetzt” angesamt.
Kurz meine Eltern informiert, dass es etwas später werden würde, währendessen fieberhaft im Kopf die geplante Strecke runtergekürzt und von allen unnötigen Windungen und Schlenkern befreit - Ade, bequemer Abstieg vom Melibokus, Ade Felsenmeer, Ade letzter Aufstieg von Beedenkirche, für das alles war keine Zeit mehr: Stattdessen würde ich nun geradewegs den Melibokus runter und geradewegs den Felsberg hochlaufen - vielleicht noch neun km Strecke, das meiste davon bergauf [ca. 600 Höhenmeter]. Juppiduh, das würde ein bisschen weh tun…).
Rein in die Laufklamotten, Getränkegürtel dagelassen (kein Ballast, keine Zeit für Pausen), Mütze vergessen (egal, war leicht bewölkt und frisch, ausserdem: Kein Ballast), sofort los - 13:02 Uhr.

Zuerst mal den Melibokus erklimmen, hier die übliche Route: Von Jugenheim durch die Jossastr. an den Waldrand, kurz das Darsbergtal auf dem Burgenweg hoch (blaues B), nach 200 m. scharf links den Hang hoch, am Merckschen Wasserturm vorbei, schließlich auf den Pürschweg (SJ2) und den aufwärts in Richtung Melibokus.
Natürlich alles mit hohem, gehetztem Tempo - noch nicht ganz am Limit, aber schon ungemütlich nah dran.

Ich bezeichne ich den Pürschweg hier ja immer mal wieder gerne “einfach” und “bequem”.
Eigentlich nicht falsch, denn im Vergleich zu praktisch allen anderen Aufstiegen auf den Melibokus ist er nun mal ziemlich angenehm.
Aber nur, wenn man ihn nicht auf Tempo läuft.
Dann werden die gemächlichen 8% Durchschnittssteigung nämlich ziemlich schnell zu extrem anstrengenden 8% Durchschnittsteigung…

Puuuuuuh!
Das lief gar nicht mal so gut: Bereits nach dem ersten Kilometer war ich naßgeschwitzt, mein Atem kam stossweise und schien etwas zu wenig Sauerstoff in die Lungen zu drücken, und meine Waden protestierten heftig gegen die Schinderei (schließlich war der letzte Lauf ja gerade mal 20 Stunden her, nicht viel Zeit fürs Regenerieren). Half aber nich, ich musste ja weiter, also schnell und hastig aufwärts.

Durchs weite Darsbergtal…
Normalerweise wirft der Matthias hier gerne einen Blick nach rechts runter und geniesst den schönen Ausblick durch die Bäume in die Ebene.
Aber heute ist keine Zeit für so einen Schnickschnack, weiterweiter(schnauf)weiter! AUFWÄRTS!

Vorbei an der Darsberghütte
Blick auf die Uhr: Bis hierher 15 Minuten. Gute Zeit, aber zu spät würde ich trotzdem kommen. Also nicht trödeln, Genörgel diverser Körperpartien ignorieren, weiterweiter(schnaufschauf)weiter! AUFWÄRTS!

Die Passage am Hohe-Stich-Weg, fast 350 m. ohne Steigung…
Normalerweise macht der Matthias hier gerne langsam, geniesst den nächsten wunderbaren Ausblick rechts runter in die Ebene und nutzt das leichte Stück zum Atemholen und Regenerieren.
Aber heute ist keine Zeit für so einen Schnickschnack, weiter(schauf)weiter(hrglgmf)weiter! AUFWÄRTS!

Die letzten paar hundert Meter bis zur Melibokusstrasse, nochmal steiler. Inzwischen kaum noch Luft, zu den protestierenden Waden haben sich auch Oberschenkel, Gesäß und Rückenmuskulatur gesellt, alles Weicheier. Besonders der linke Unterschenkel quengelt - wenn das hier Star Trek wäre, und ich die Enterprise, dann wäre das jetzt der Moment, wo Scotty auf die Brücke funkt, dass er die Notenergie auf die linke Warpgondel geschaltet hat (”But I cannae see how llong she´ll hoold, Cap´n”…). Immerhin ein gutes Zeichen, denn wie jeder nerdige Trekkie weiss, hält die Notenergie immer so lange, wie sie muss… :D

Schließlich oben, Ende des ersten Aufstiegs, der Pürschweg erreicht die Melibokusstr.
Gottseidank, bin nämlich ziemlich fertig, Atmung ausser Kontrolle, Puls durch die Decke.
Grrrg, keine Zeit zum Ausruhen!

Ursprünglich hatte ich ja geplant, hier dem weissen Balken von Wanderweg HW 16 ins Balkhäuser Tal zu folgen: Ein kleines Stück die Strasse runter, dann auf relativ sanft abfallenden Waldwegen über mehrere abfallende Serpentinen leicht und bequem ins Tal runter.
Aber heute ist ja keine Zeit für “bequem”, also wähle ich stattdessen den “Notabstieg” (heisst nicht wirklich so, das ist nur meine persönliche Bezeichung), der fünfzig Meter nordöstlich der Strasse beginnt: Ein extrem schmaler, steiniger, schlechter Trampelpfad, der in einer kleinen Rinne geradewegs den Hang runterführt, und unten an genau derselben Stelle rauskommt wie der HW 16 (aber nur halb so lang ist).
Miserabel zu joggen, aber was soll´s.
Also steil bergab.
Gut für Atmung und Puls, die sich wieder etwas beruhigen können.
Aber Gift für Waden und Gelenke, jeder Schritt ist unangenehm, man muss höllisch aufpassen, dass man nicht abrutscht. Nach 150 m. noch eine kleine Kletterpartie um einen umgefallenen Baum herum, der den Weg versprerrt (Ist das eine Kirsche? Was zur Hölle mach die denn hier oben), dann wieder kurz über den HW 16, der hier kreuzt - de vorgelagerte Höhenrücken am Osthang des Melibokus, von dem man einen unglaublich herrlichen Blick die Bergstrasse runter nach Süden hat (vgl. hier). Auch hier verzichte ich heute mangels Zeit auf eine Sightseeing-Pause und laufe stattdessen weiter geradeaus vom HW 16 runter, auf den unteren Teil des “Notabstiegs”.
Der ist noch schmaler, noch gerölliger, und noch viiiiel steiler (knapp 40 bis 50 Höhenmeter auf nicht mal 250 m. Strecke) - richtig unangenehm, meine Waden krampfen ob der unnatürlich nach hinten gelehnten Laufhaltung heftigst. “Bloss nicht abrutschen”, denke ich, “wenn Du Dich hier auf die Fresse legst, brauchst Du ein Neues Gesicht”.
Aber es geht schnell, ruck-zuck bin ich unten am Waldrand, hier treffe ich auch wieder den HW 16 mit seinem weissen Balken, dem ich geradeaus über die Wiesen folge. Wunderschöner Höhenweg, links das Balkhäuser Tal und die nördliche Bergstrasse, rechts das Hochstädter Tal mit Blick nach Süden, sattgrüne, sonnige Weiden, kleine Gehölze, glückliche Kühe, kaum Steigungen oder Gefälle - eigentlich ein herrliches Stück, ideal zum Schauen und Regenerieren.
Aber nicht heute, halb Zwei ist inzwischen schon durch, und vor mir ragt das beeindruckende (und bedrückend hohe) Massiv des Felsbergs auf, das es noch zu bezwingen gilt, also weiter, Tempotempotempo, an den glücklichen Kühen vorbei, abwärts durch das Wäldchen über der Roten Sohl, schließlich runter zur Fußgängerbrücke über die L3103 nach Hochstädten am Parkplartz Schollrain.
Hier muss ich dann doch kurz pausieren (verdammt!) und die verkrampften Waden, die seit dem Mörderabstieg vom Melibokus immer schlimmer gezwickt haben, mal so richtig ordentlich lockern und ausdehnen (Yaaaargh!!). Das kostet ´ne Minute oder zwei, muss aber sein.

Direkt nach der Brücke und dem Parkplatz geht´s auch schon wieder bergauf, auf dem HW 16 die Wiesen über dem Schollrain hoch.
Zuerst scheint der Anstieg schön moderat, doch kurz hinter dem kleinen Funktürmchen (oder was das sein soll) zieht er immer mehr an, dazu die pralle Sonne (war inzwischen voll rausgekommen und brannte ordentlich) und ein schrecklicher Untergrund aus zentimetertiefem groben Schotter, kein Zuckerschlecken, gerade wenn man soeben schon den Melibokus hoch- und wieder runtergerannt ist.
Aber ich kenne die Strecke, kann mit ihr umgehen: Ist zwar superanstrengend, aber es geht, selbst wenn man´s eilig hat (lediglich auf den herrlichen Ausblick, den man hier oben nach Südwesten runter hat, verzichte ich mal wieder weitgehend und konzentriere mich lieber aufs Atmen, das fällt schwer genug).

Nach 600 m. der Waldrand - zumindest am Felsberg bin ich also schon mal. Ich überlege kurz, ob ich hier den HW 16 verlassen und geradeaus auf die Fahrstrasse zum Felsberg durchschlagen soll, verwerfe die Idee schnell wieder - wäre zwar kürzer, aber auch sacksteil, nicht so schön, und zu spät bin ich eh schon. Dann lieber weiter auf dem Wanderweg.
Deshalb rechts in den Wald rein, weiter HW 16 und weisser Balken. Es ist angenehm schattig und kühl, dazu lässt die Steigung wieder etwas nach, das ist angesichts meiner inzwischen schon wieder beträchtlichen Atem- und Pulsfrequenz sehr willkommen. In grob südlicher Richtung die Bergflanke hoch, moderate Steigung, schmaler Weg, schöner Buchenwald - Hier bin ich gerne, erinnert mich immer an meinen ersten Lauf auf den Felsberg vor ziemlich genau zwei Jahren (damals ohne Karte oder Plan), bei dem ich mich in dieser Gegend heillos verfranzt hatte (was aber trotzdem spass gemacht hat - und wie unglaublich stolz ich erst war, als ich es dann doch noch nach oben geschafft hatte! Mann, war das großartig gewesen!).

Nach ca. 900 m. eine kleine Kreuzung an einem vorgelagerten Nebengipfel südwestlich des Felsbergs. Hier verliere traditionell gerne die Orientierung und nehme die falsche Abzweigung - auch heute falle ich fast wieder auf meinen irregeleiteten Orientierungssinn rein und laufe in die falsche Richtung - gottseidank sehe ich im letzten Moment den weissen Balken und biege scharf links ab, in eine Richtung, von der ich fast sicher bin, dass sie eigentlich geradewegs vom Felsberg wegführt.

Tut sie aber natürlich nicht. In Wirklichkeit bin ich genau richtig, folge einem schmalen Pfad auf dem bewaldeten Höhenrücken des vorderen Felsbergmassivs nach Nordosten, geradewegs in Richtung meines Ziels, das noch knapp 1,5 km entfernt ist. Laut meiner Uhr ist es inziwschen schon fast Zwei, pünktlich werde ich wohl nicht mehr sein. Trotzdem drehe ich hier trotz schwerer Beine und erratischen Atems noch mal etwas auf, der Weg hat auf den ersten paar hundert Metern praktisch keine Steigung mehr, also ideal, um noch etwas Zeit gut zu machen.
Ist natürlich eine dumme Idee, und eigentlich weiss ich das auch: Der Höhenrücken hat hier vielleicht 440, 450 m.ü.NN, der Gipfel des Felsbergs hat 514 m.ü.NN - fehlen also mindestens noch mal 60 Höhenmeter, und die Strecke, in denen ich die bewältigen muss, wird mit jedem Schritt bei geringer Steigung, kürzer. Schließlich ist es dann soweit: Relativ unvermittelt wird der schmale Weg steil - einerseits ein gutes Zeichen, denn damit hab´ ich es fast geschafft, andererseits aber noch mal, richtig, richtig anstrengend.
Hrrrrrrrkkhngmussgllldrfpfweiterlaufphuuuuuen!!!

Zu anstrengend. Irgendwo mitten in der Steigung ist dann Schluss.
Kann einfach nicht mehr, Atmung ausser Kontrolle, Beine Schwer, zu steil.
Muss gehen.
Die Uhr Zeigt 13:58 Uhr.
Fast geschafft…

Nach ein-, zweihundert Metern sehe ich das graue Gemäuer des Ohly-Turms durch die Bäume schimmern: Der Gipfel des Felsbergs, in Sichtweite.
Also setze ich mich wieder in Bewegeung, verschwitzt, erschöpft und schwer atmend jogge ich die letzten Meter bergauf: Links Funkturm, rechts Ohlyturm, dann der Parkplatz, leicht bergab, Tempo noch mal rauf (auch wenn´s weh tut) und schließlich runter zum Ausflugslokal auf dem Felsberg, “Adas Buka” (leckeres afrikanisches Essen in toller Umgebung, dazu sehr Joggerfreundlich, auch hier bin ich sehr gerne).
Ziel!
Die Uhr zeigt 14:04 Uhr.
Puuuuuuuuha!
Den Rieseneimer kalte Cola und das Mittagessen hab´ ich mir redlich verdient… :D

Wowie!
Das war mal ziemlich anstrengend.
Einerseits eine Strecke, die eigentlich viel zu schön ist, als dass man sie schnellstmöglich abhetzen sollte, entsprechend tut´s mir etwas leid, sie nicht mehr genossen zu haben.
Andererseits bin ich aber auch recht stolz, dass ich sie so gut bewältigt habe - 1:02 h auf 8,9 km mögen auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirken, aber wenn man bedenkt, dass immerhin fast 7,5 km davon bergauf führen, und die Strecke insgesamt um die 600 Höhenmeter hat, ist das dann doch schon wieder eine sehr ordentliche Zeit.

Strecke: 8,9 km
Zeit: 1:02 h (8,61 km/h bzw. 6:58 min/km)
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

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4 Antworten zu “Hetzjagd auf den Felsberg (8,9 km)”

  1. 2008 KW 20 (12.05. - 18.05.) « Laufblog Sagt:

    [...] Hetzjagd auf den Felsberg (8,9 km) [...]

  2. Gerd Sagt:

    Du weist schon, dass man nicht abgehetzt zum Essen gehen soll. ;-)
    Hut ab vor der Leistung. 600HM sind schon beachtlich!

    Gruß Gerd

  3. matbs Sagt:

    Hmm, bisher hab´ ich immer nur darauf verzichtet, mich direkt nach dem Essen abzuhetzen - mit Essen nach dem Abhetzen hatte ich hingegen noch keine Probleme… :)

    Danke fürs Hutziehen

    Matthias

  4. Verirrt, verwirrt und eingesulcht: Schöne/Nasse Runde den Felsberg (17,4 km) « Laufblog Sagt:

    [...] weissen Balken stieß - bekannten Gelände, hier war ich gerade erst vor ein paar Wochen bei meinem Parforcelauf zum Gipfel [...]

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