Einer der unendlich vielen Gründe, warum ich so gerne im Odenwald laufe, liegt darin, dass er zu Fuß eine völlig andere Geographie zu haben scheint als mit dem Auto.
Das ist wie mit einem Puzzle, das man auf zweierlei Arten zusammensetzen kann (oder vielleicht eins von diese Optische-Täuschungs-Bildern: Zwei Gesichter oder eine Vase?):
Zuerst mal gibt´s da die Kraftfahrerart, bei der man den langen, gewunden Landstrassen durch die Täler folgt (oftmals mit ordentlichen Umwegen), und nur selten mal über einen Pass von einem ins andere wechselt. Dadurch erlebt man die Gegend oft als eine Serie von schlauchartigen Tälern, die man untereinander kaum in Verbindung bringt. Was „Weit weg“ und was „Nah“ ist, hängt weniger von der objektiven Entfernung zwischen den Orten ab, sondern vielmehr davon, wie weit/nah/verschlungen/direkt der Fahrweg zwischen ihnen ist. Nehmen wir als Beispiel mal Gronau im Meerbachtal und Ober-Hambach hinter Heppenheim. Die sind gerade mal 2 km Luftlinie voneinander entfernt. Wenn man als Autofahrer allerdings von einem zum anderen möchte, muss man 13 km fahren, und dabei 4 andere Orte durchqueren – dass es eigentlich Nachbardörfer sind, würde einem dabei kaum in den Sinn kommen.
Entsprechend hat man als Autofahrer ein ganz eigenes Bild vom Odenwald, das zwar nicht falsch ist, aber eben irgendwie leicht verzerrt, weil es nicht so sehr von der objektiven Geographie geprägt ist, als vielmehr davon, wie die befahrbaren Strassen verlaufen.
Ganz anders als Läufer: Da muss man sich nicht um Täler und Strassen scheren, kann stattdessen frei und ungehindert geradewegs über Anhöhen und durch die Wälder laufen – und plötzlich sieht das scheinbar vom Autofahren bekannte Puzzle ganz anders aus, die seltsamen Verwerfungen der Landstrassenführung glätten sich auf einmal, man wird vom Odenwald regelrecht überrascht: Da läufst du von einem bekannten Ort aus über einen Berg und aus dem Wald raus, und findest dich auf einmal staunend über einem anderen bekannten Ort, den du irgendwie ganz woanders vermutest hättest, und auf einmal macht´s „klick“ im Kopf, und dein Bild von der Umgebung hat sich mit einem mal völlig verschoben.
Unheimlich spannend und faszinierend, und es passiert zumindest mir immer noch, obwohl ich mich inzwischen eingentlich recht gut auskenne und meine Strecken auf der Karte vorausplane (Im Kopf zu wissen, dass hinter dem Höhenzug dahinten Dorf XY liegt, und es vom Bauchgefühl her zu realisieren, sind nämlich gottseidank zwei ganz verschiedene Paar Schuhe…
).
So.
Aber was soll das ganze Gelaber denn jetzt eigentlich (mag sich der ungeduldige Leser nun zurecht fragen)?
Ganz einfach (,lieber ungeduldiger Leser), heute hatte ich eine Tour geplant, auf die das oben beschriebene Phänomen haargenau zutrifft:
Von pastoralen Schannenbach auf der malerischen Knodener Höhe durch das geheimsnisvolle Schlierbachtal ins pittoreske Lindenfels und (ohne Adjektiv) zurück.
Auf die Knodener Höhe bin ich bisher zweimal gelaufen, einmal von Ober-Hambach und einmal von Reichenbach aus, entsprechend gehört sie für mich vom Gefühl her irgendwie noch zur Bergstrasse oder dem vordersten Rand des Odenwalds (stimmt nicht wirklich, fühlt sich aber eben mal so an).
Lindenfels hingegen habe ich zumindest als Jogger noch nie erreicht (Zeit, das zu ändern!), aber natürlich war ich schon oft genug mit dem Auto dort – das ist vom Gefühl her schon ganz weit im Odenwald drin, da muss man von zuhause aus ewig über die Dörfer fahren, bis man hinkommt (Balkhausen, Staffel, Schmal-Beerbach/Wurzelbach, Beedenkirchen, Brandau, Gadernheim, Kolmbach…).
Entsprechend war die Vorstellung, dass diese beiden Orte eigentlich ganz nahe beieinander liegen irgendwie total seltsam für mich. Eben ein typischer Fall von „Der Kopf hat´s kapiert, der Bauch aber nicht“, und damit eine wunderbare Gelegenheit zur Auslebung meines Forscherdrangs (die Tatsache, dass es zwischendrin auch noch durch das mir weitgehend unbekannte Schlierbachtal gehen würde, war quasi das Sahnehäubchen obendrauf).
Also am späten Nachmittag in den Odenwald.
Unglaublich schöner Tag: Warm aber nicht heiss, sonnig, angenehmer, wohlriechender Wind. Und ein ganz klares, intensives Licht, in dem alles in unglaublich satten, leuchtenden Farben erstrahlte: Der Himmel in einem tiefen Azurblau, die Wälder auf den Anhöhen Smaragdgrün, Wiesen und Felder respektive hellgrün oder goldbraun leuchtend – ein Tag in Technicolor, da war bereits die gemächliche Anfahrt durch den Odenwald, durch hübsche, strahlende Dörfer und auf schmalen, alten, halbvergessenen Landstrassen, ein wahrer Hochgenuß.
Schließlich um kurz vor 17:00 am Startpunkt, dem Parkplatz „Brunnenwiese“ am Ortsanfang des idyllischen Höhendörfchens Schannenbach, gelegen auf fast 500 m. Höhe direkt unterhalb des Krehberggipfels. Ausgestiegen, tief durchgeatmet (aah, frische Höhenluft), und losgelaufen.
Zuerst mal in südwestlicher Richtung auf der Krehbergstr. durch Schannebach. Wirklich ein winziges Dörfchen, eigentlich nur ein paar wunderbare alte Häuser am leicht abfallenden Hang, umgeben von weitläufen Obstwiesen, sattgrünen Weiden und Wald.
Unglaublich schön hier oben, friedlich, ländlich, und alles strahlte regelrecht in der warmen Mittagssonne, da wünschte ich mir fast, einen Foto dabeizuhaben um das festzuhalten (aber nachdem gewisse Elemente im WWW sich völlig unberechtigterweise über meinen letzten Satz künstlerisch-genialer Lauffotos lustig gemacht haben, lass´ ich das mit dem Fotografieren jetzt erst wieder mal – müsst´er halt selbst hochfahren und´s euch ansehen. Bätsch!
).
Nach 150 m. biegt die Krehbergstr. links ab und führt steil den Wiesenhang zum Waldrand hoch. Ich folgte ihr, langsam, bedächtig, ohne große Hast (zu schön für Hetze). Besonders gefiel mir der Blick nach Westen, wo sich über das weit, weit unten liegende Meerbachtal und die niedriegen Hügel bei Bensheim ein grandioser Blick in die Rheinebene eröffnete, über Ried, Rhein und Rheinhessen bis zu den fernen, bläulich schimmernden Höhenzügen des Pfälzer Berglands.
Schön.
Der Anstieg bis zum Waldrand ist mit etwas über einem halben Kilometer nicht besonders lang, aber teilweise sehr knackig, entsprechend schnaufte ich nicht schlecht, als ich ihn endlich erreichte. Die Krehbergstr. biegt hier rechts ab und führt zwischen Waldrand und ein paar einzelnen Häusern (hier oben zu wohnen muss toll sein – sieht von unten so aus!) weiter zum Schannenbacher Eck, ich lief allerdings geradeaus und folgte dem HW 13 (Blauer Balken) auf einem ziemlich holprigen Trampelfpad in den grünlich schimmernden und angenehm kühlen Halbschatten des dichten Waldes.
Nach ein paar hundert Metern vereinigte sich der Pfad mit einem etwas breiteren (und vor allem besseren) Waldweg und führte in einer gemächlichen Rechtskruve am Hang um den vorgelagerten Höhenrücken des Krehbergs herum, bis er schließlich auf die Mathildenruhe stiess: Aussichtspunkt über einem Steilhang im Wald, von dem aus man einen wunderbaren Blick nach Nordosten hat, über das Obere Lautertal und das Schlierbachtal auf den Höhenrücken von der Neunkircher Höhe bis Lindenfels. So hübsch, dass ich hier gleich mal zwei Minuten Ausblickpause einlegen musste, bevor ich dem blauen Balken weiter nach rechts folgte, unter einer imposanten Felsformation am Hang entlang bis zur nächsten Kreuzung direkt unterhalb des eingezäunten Geländes um den Sendeturm auf dem Gipfel.
Hier links, auf der gelben 5 relativ steil abwärts durch den hübschen, schattig/sonnigen Wald bis zum Rand des Dorfes Seidenbuch, das hier in wunderschöner Lage zwischen Wald und Wiesen am Nordosthang des Krehbergs klebt. Hier dann rechts und hinter den letzten Häusern des oberen Ortsteils (der noch wesentlich neuer ist als das auch erst im 18. Jahrhundert gegründete Unterdorf – aber dazu vielleicht noch was auf dem Rückweg) nach Süden und schließlich entlang der gelben 4 wieder in den hübschen Buchenwald.
Bisher war eigentlich alles bestens: Rhythmus gut, Tempo gut, Umgebung toll, lediglich mein linkes Bein grummelte mal wieder vor sich hin, war irgendwie steif und krampfig, rumorte etwas – wie üblich eben. Da ich mir heute aber nicht die Laune verderben lassen wollte, machte ich unbeirrt weiter, lockerte hin und wieder mal kurz, und hoffte, dass es sich wie üblich im während der Tour irgendwann von alleine rauslaufen würde (was es dann auch tat – nichtsdestotrotz macht mir diese Geschichte so langsam ein bisschen Sorgen – inzwischen geht das schon seit Wochen so, und auch wenn´s nicht besonders schlimm ist, stört es auf Dauer doch etwas…).
Die Strasse stiess nach 250 m. wieder auf den Blauen Balken, und führte dann zusammen mit ihm raus aus dem Wald auf die herrliche offene Fläche „auf dem Eck“. Weite, wunderschöne Hochwiese hoch über dem Weschnitztal (und nur ein paar hundert Meter nördlich vom kleinen aber feinen Bergtierpark in Erlenbach), bedeckt mit hohem, saftig-dichten Gras, das sanft im wunderbar frischen Sommerwind wogte, bis auf das Zirpen der Grillen völlig still, großartiger Blick nach Südosten, über Fürth und Rimbach weit unten im schönen, weitläufigen Tal hinweg bis zur imposanten grünen Wand der Tromm und rechts davon der südlichen Bergstrasse
Bisher war ich genau ein einziges Mal in meinem Leben hier oben gewesen, nämlich vor ziemlich genau einem halben Jahr im tiefsten Winter, bei klirrender Kälte, Frost, und herrlich stimmungsvollem Nebel.
Damals war ich von dem Fleckchen hier oben begeistert gewesen, und auch wenn es hier heute – bei Sonnenschein, klarem Wetter und um mehr als 30 Grad höheren Temperaturen – ganz anders aussah, hatte sich daran nichts geändert: „Auf dem Eck“ ist es wunderschön zu jeder Jahreszeit (Leider konnte ich im Netz nur ein Fotofinden, das zudem nicht mal so richtig widergibt, wie hübsch es hier ist. Aber hey, besser als nix…)!
Ich lief ein Stück die Strasse hinunter hinein bis zu einer Kreuzung samt Wegweiser mitten in den Wiesen, auf der ich links auf den Weg mit der weissen Raute abbog. Der war ein bisschen zugewuchert, und führte relativ steil die Wiesen hinunter in ein schönes, schmales Seitental voller glücklicher heller Odenwaldkühe, die mein Vorbeilaufen mit verständnislosen aber leicht vorwurfsvollen Blicken quittierten. Nach ein paar hundert Metern schattiger Wald, der links von mir steil in den Talgrund abfiel, wo ein fröhlich rauschender Bach gluckerte, schließlich wieder offenes Gelände (natürlich immer noch abwärts und immer noch weisse Raute): Rechts eine herrliche Wildwiese voller farbenfroh blühender Blumen, über denen mehrere Dutzend Schmetterlinge tanzten, geradeaus ein schöner Blick über das tiefe Schlierbachtal, hinter dem sich die steile Talwand bis nach Lindenfels hoch auftürmt (uh-oh – wollte ich da echt hoch? Sah happig aus…). Dann noch ein kleiner schattiger Hohlweg, und auf einmal war ich unten im Schlierbachtal, am westlichen Ortsanfang von Schlierbach.
Das Schlierbachtal ist auch wieder so eine interessante Angelegenheit: Ein schönes Seitental des Weschnitztals, das, tief eingeschnitten, zwischen dem Massiv der Knodener Höhe und dem Höhenzug bei Lindenfels (das hoch oben am Osthang darüber thront) sitzt, und dabei trotz seiner ordentlichen Größe (immerhin vier Dörfer) irgendwie versteckt wirkt, vielleicht weil man normalerweise oberhalb des Tals über die B47 donnert, anstatt von Kolmbach aus die kleine, gemütliche L3099 durch die Dörfer um Talgrund zu nehmen. Entsprechend ist das Schlierbachtal – zumindest für mich – einer von diesen spannende Orten, von denen man irgendwie weiss, dass sie da sind, aber die man noch nie richtig zur Kenntnis genommen hat (stimmt auch nicht ganz – ich bin hier wohl ein paar mal durchgefahren, und vor vielen Jahren war ich hier wohl mal wandern, aber bewusste Erinnerungen habe ich keine) – also ein neues, „verlorenes“ Tal zum Entdecken, das klang doch mal sehr verlockend…
…und das zurecht, denn sowohl das Tal als auch der Ort Schlierbach stellten sich als sehr hübsch heraus: Auf der Waldstr. lief ich runter in den alten, schläfrigen Ortskern (viele schöne Fachwerkhäuser), überquerte die Fürther Str., und begann dann auf der Strasse „Jägersgarten“ langsam mit dem Anstieg nach Lindenfels (immer noch weisse Raute). Zuerst sehr moderat und angenehm, aber je weiter ich nach oben kam, desto steiler wurde es – hinter dem Ortsende wurde es dann richtig fies: Eigentlich ein wunderschöner Weg mit viel Baumbestund und wucherigen Hangwiesen (ledigleich der ästhetisch etwas fragwürdige Campingplatz weiter links am Hang störte den Eindruck etwas), aber extrem steil und anstrengend – der Lindenfelser Burgberg erhebt sich nun mal direkt über Schlierbach und ist 130 höher, das bekam ich hier eindrucksvoll zu spüren.
200 unheimlich anstrengende Meter hinter dem Ortsende bog ich schließlich links von der weissen Raute ab, und lief stattdessen auf unmarkierten Wegen in den Lindenfelser Burgwald, dem Gehölz direkt westlich/unterhalb der Burg. Für hier hatte ich keinen festen Plan, sondern einfach nur die Absicht, mich frei Schnautze nach oben durchzuschlagen, und irgendwie von hinten auf die Burg zu gelangen.
Normalerweise endet sowas ja immer damit, dass ich alles falsch mache, und schließlich nach tagelangem Umherirren hungrig und halb wahnsinnig vom Genuss seltsamer psychotroper Pilze und Beeren von Suchmannschaften oder großmütigen Passanten aus dem ein-hektar-Wäldchen, in dem ich mich verirrt habe, nach draussen geführt werde.
Heute aber nicht.
Da ging alles glatt. Ich bin ja soo gut. ![]()
Einfach immer weiter irgendwie aufwärts (uff! Steil!!!) durch den Wald. Irgendwann stiess ich sogar auf einen Wegmarker (wieder mal der nigelnagelneue Nibelungensteig, rotes N [zumindest glaube ich, dass es rot ist - die Färbung ist so dunkel, dass meine ganz leichte Farbenblindheit/Rot-Grün-Schwäche sich nie so recht entscheiden kann]), dem ich kurz nach rechts bergauf bis auf einen Asphaltweg folgte (die Burgwaldstr.?), dort links, dann eine alte, uneben Steintreppe im Wald an einem Bolzplatz voller dreckig lachender Halbstarker (wahrscheinlich über mich, die respektlosen Hulligens oder wie man das heutzutage nennt…) bis an die Aussenmauer der Burg, der ein Stück nach rechts gefolgt und schließlich durch eine Nebenpforte unter einem kleinen Türmchen schwitzend, schnaubend und rotgesichtig (aber glücklich) in den schattigen, baumbestandenen Vorhof der Burg Lindenfels.
Sightseeing-Pause.
Hier oben war ich schon ewig nicht mehr gewesen, und das Innere der Kernburg hatte ich sogar erst ein einziges Mal besucht (dass muss jetzt so +/- 25 Jahre her sein, entsprechend weiss ich von dem Erlebnis eigentlich nur noch, dass ich damals irgendwo in der Nähe ein Eis der Sorte „Dolomiti“ gekriegt habe, und es nach einem Mal abbeissen mit dem mir schon damals zu eigenen manuellen Geschick eines betrunkenen Tremorpatienten auf Drogenentzug unzeremoniell in den Dreck geschmissen habe. Möglicherweise hab´ ich dann so lange geflennt, bis man mir ein Neues gekauft hat – das weiss ich aber nicht mehr genau, es würde aber meiner gängigen damaligen Vorgehensweise entsprechen…).
Ähem.
Zurück ins Hier und Jetzt: Da war ich also, im Vorhof der Burg Lindenfels, wollte mir alles mal etwas genauer ansehen, und stoppte deswegen die Laufzeit-Uhr. Am Kiosk im Vorhof streichelte ich kurz den kleinen und etwas traurig wirkenden Kiosk-Hund, gönnte mir eine kalte Cola (die ich unter Aufbietung all meiner gewaltigen Hand-Auge-Koordination nicht in den Dreck kippte, sondern vornehmlich in meinen klaffenden Rachen. Aaaah, Zucker und Coffeein, das ist das wahre Leben!), zahlte die 50 Cent Eintritt für die Kernburg, und schaute mir dann alles mal genauer an: Durch das Tor im Nordwesten der Anlage auf den Burghof der Kernburg. Keine Riesenanlage (ist aber eben auch nur die Kernburg) aber sehr hübsch, und für eine Ruine eigentlich relativ gut erhalten (wohl auch deshalb, weil sie bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts noch in Benutzung war und deshalb nicht wie so viele andere Festungsanlagen von der Bevölkerung der umliegenden Dörfer als billige Baustoffquelle mißbraucht wurde).
Einen richtigen Turm gibt es zwar nicht mehr (deswegen sieht man die Burg z.B. auch nicht, wenn man aus Richtung Knodener Höhe hier runter guckt, da ist der Burgwald zu hoch), aber an der Nordseite des Komplexes führt eine Treppe hoch auf den Wehrgang, von dem aus man einen grandiosen Blick über die Umgebung hat: Direkt unterhalb die Dächer der wunderbaren Lindenfelser Altstadt vor der grünen Erhebung des Knabenbergs, links davon die Litzelröder Höhe mit der Bismarckwarte.
Aber die Hauptattraktion gibt´s weiter rechts: Vom Ende des Wehrgangs hat man einen unglaublichen Ausblick nach Westen, über das herrliche, riesige, weite Weschnitztal mit seinen sanften Hügeln, grünen Wiesen, kleinen und größeren Orten und hübschen Wäldchen, bis ganz runter an die Bergstrasse, wo sich über dem klar sichtbaren Diorit-Steinbruch die charakterstische Silhouette der Wachenburg erhebt. Darüber einmal mehr die mächtige Tromm mit ihren Ausläufern, hinter denen zum Teil schon die unbekannten Gipfel des südlichen Odenwaldes zu sehen waren (ich glaubte den Fernmeldeturm bei Reisenbach zu erkennen, war mir aber nicht sicher).
Großartig!
Danach wieder runter, aus der Kernburg raus, einmal im Uhrzeigersinn um ihre alten, grauen Mauern herum (mehr schöne Ausblicke auf die Stadt), dann am Kiosk vorbei abwärts, vorbei an einer ungewöhnlichen Drachenskulptur durch das Haupttor der Vorburg auf dem Burgweg (oberhalb des kleinen, gepflegten Kurgartens) in die Stadt.
Reden wir mal kurz über Lindenfels.
Ich mag Lindenfels. Mit seiner spektakulären Hanglage unterhalb der imposanten Burg und der netten kleinen Altstadt mit ihren Gäßchen und schönen alten Bauten ist es nämlich wirklich sehr hübsch (nicht umsonst hat es den Beinamen „Perle des Odenwalds“). Gleichzeitig hat es aber auch etwas leicht Melancholisches, ja fast schon Morbides – so traurig es ist, die großen Tage des Luftkur- und Fremdenverkehrsortes Lindenfels sind vorbei, und entsprechend scheint die Stadt so ein bisschen in einen Dornröschenschlaf verfallen zu sein: Der Kurpark ist ist leer, ebenso wie die zentrale Burgstrasse, ein paar ihrer Geschäfte sind nicht vermietet, einige Restaurants haben geschlossen. Und doch, wenn man genau hinsieht, kann man sich noch sehr gut vorstellen, wie hier vor 30, 40 oder 50 Jahren Trauben von Kurgästern und Sommerfrischlern flaniert sind, Menschen aus der Jahrhundertmitte mit leicht befremdlicher Kleidung, altmodischen Brillen, seltsamen Frisuren auf ihrem Weg hinauf zur Burg, zu einem Konzert im Park, oder einfach nur zum Postkartenkaufen oder zum Abendessen in einem der vielen Gasthäuser der Altstadt.
Ich glaube, das hätte ich gerne mal gesehen…
Für mich ging´s erstmal ein bisschen bergab, auf dem Kopfsteinpflaster der Burgstrasse durch die Altstadt bis hoch an die B47, dort geradeaus durch die schmale, ansteigende Wassergasse, wieder über die B47 (die macht hier einen Bogen, den ich abgekürzt hatte) und schließlich geradeaus in die Almenstr., die ihren Namen durchaus zurecht trägt, da sie tatsächlich etwas Alpines hat, wie sie sich so am Hang hinab ins Schlierbachtal windet.
Sonnig und heiss, aber das war erträglich, ging ja abwärts, ausserdem ein schöner Blick ins Tal. Nach 400 m. Ortsende, danach ein Fußweg neben der Strasse durch den Wald am Hang, schließlich oberhalb eines Kindergartens eine Linkskurve, in der ich geradeaus in den Wald lief und dem Weg S3 steil aufwärts folgte – das überraschte mich etwas, ich hatte mir vorgestellt, es würde von hier aus erstmal bergab gehen. Tat es aber eben nicht, also ein anstrengender Zwischenaufstieg (uijiijui) durch den Wald, vorbei an einer Art Freizeitheim, schließlich auf einer kleinen Anhöhe neben der Fahrstrasse von der B47 nach Winkel ins Freie, und sofort wieder auf einem wunderschönen, schmalen Trampelpfad bergab bis hinunter nach Winkel, ein schönes, pastorales, leicht verschlafenes Dörfchen im Talgrund. Dort immer geradeaus, die Kaffenberger Str. runter (irgendjemand spielte in einem der Höfe an der Strasse Quetschkommode, das gefiel mir), an deren Ende schließlich kurz links bis an die L3099, dort dann rechts und auf einem bequemen Fußweg neben der Strasse aufwärts durch den wunderschönen Talgrund (alte Bäume, Wiesen, Teiche) bis hinauf nach Glattbach.
Schon wieder ein schönes, etwas verschlafenes Odenwalddörfchen, mit einem freundlichen Schild am Ortseingang („Willkommen in Glattbach“) und vielen schönen alten Höfen und Häusern, die wie auf einer Perlenkette an der L3099 aufgereiht sind (ach du je, heute bin ich irgendwie ganz schön lyrisch, oder? Sorry, nächstes Mal benutze ich dafür extraviele Kraftausdrücke, versprochen, scheisse!).
Ein kurzes Stück geradeaus, dann halblinks und gleich noch mal scharf links in die Höhenstrasse, auf der ich dem Weg GL2 aus dem Ort hinaus in die wunderschönen, sommerlichen Wiesen unterhalb von Seidenbuch folgte. Wirklich schön hier, nichtsdestotrotz fing ich hier mal spontan ein bisschen mit Leiden an. Die Anemdsonne brannte erbarmungslos auf die offene Weidelandschaft herunter, es war brüllwarm, der Weg war wieder mal richtig fies steil, und zu allem Überfluss litt ich auch noch ordentlichem Nippelbrennen (das ist das faszinierende Phänomen, das entsteht, wenn das wunderbar leichte und seidige Funktionsshirt beim Laufen ständig über die Brustwarzen scheuert, bis diese überreizt sind und wehtun. Der Profi klebt sie deshalb gerne ab oder schmiert irgendwelche Gleitmittelchen drüber (ja ja, der Profi kann ein ganz schönes Ferkel sein
), der harte Amateur schluckt den Schmerz und hofft, dass sie nicht zu bluten anfangen (was mir zumindest noch passiert ist – ist wohl auch besser so).
Harrgh!
Und aufwärts. 150 m. durch die Weiden, dann eine Linkskurve. Danach weiter aufwärts.
Schwitze, hab Nippelaua, japse, aber schaff´ es noch.
Bis mir ein Insekt in den Schlund fliegt. Und zwar keine winzige Fruchtfliege, oh nein, ein richtiger Karwenzmann, wenn der ein paar Beine weniger gehabt hätte, hätte der an ´ner Hundeausstellung teilnehmen können (zumindest hat sich´s so angefühlt).
Und zwar richtig tief rein.
Bevor ich reagieren kann, ist der suizidale Summer schon ganz tief in meiner Speiseröhre.
Aaaaaaa….
rrrrrrrrrrrkkkkccccchhhhhhhhhhhh
brrrrrcchhhhhttffpsptz.
pfffffrrrrrrrpffrrt.
Gaaaaaah!
Gaaaah!!!
Gah!!!!
BÄÄÄÄH!!!
Eklig Eklig Eklig Eklig Eklig E-KE-LIG!!!!!
Ich lege erst mal eine kleine Spotzpause ein, während der ich minutenlang damit beschäftigt bin, alles, was ich so aus meiner Kehle raussaugen kann, unter lustigen Rachengeräuschen (klingt wie eine Kreuzung aus kaputtem Abfluss und Kettenrauchendem Asthmatiker kurz vor dem Lungekollaps) an den Wegesrand zu rotzen.
Das ist ´ne ganze Menge, aber das Insekt ist nicht dabei, wahrscheinlich krault das inzwischen schön fröhlich summend durch meinen Verdauungstrakt.
Und ich weiss noch nicht mal, was es war…
Vor meinem geistigen Auge entsteht spontan das Bild einer gewaltigen, haarigen, sabbernden, grünschillernden Scheisshausfliege – eben noch auf einem Stück zwei Tage altem Hundekot, jetzt in Matthias Kehle.
Brrrrr…
Ich überlege kurz, ob ich nachher im Krankenhaus vorbeifahren soll, um mir den Magen auspumpen zu lassen. Aber ich hab´ mein Krankenkassenkärtchen nicht dabei, also ist das wohl nicht praktikabel…
Stattdessen rotze und spotze ich noch ein bisschen, danke meinem Schicksal, dass immerhin keine einheimischen Hillbillies in der Nähe waren, die mich hätten auslachen können („Mir esse jerre Dunnerschtaach Scheisshausmicke mit Gartoffel un Quack, isch säh do koi Prrublääm net“ oder so…), und mache mich mit einem blümeranten Gefühl im Magen und einem seltsamen Geschmäckle auf dem Gaumen (ist da was?) wieder auf den Weg.
Der führte erst mal weiter steil bergauf, touchierte kurz die K55 in einer Serpentine oberhalb von Glattbach, und führte dann durch ein kleines Seitental in den Wald, wo er eine Kurve machte und schließlich (endlich) in ein fast ebenes Stück im freien Überging, das – links und rechts alleeartig von wunderschönen schattigen Birken bestanden – bis in den oberen Teil des unteren Teils von Seidenbuch führte. Auf die Gefahr hin, dass es sich wiederholt: Ruhiges, wunderschönes Odenwalddörfchen, mit netten, kleinen, alten Häusern (aber nicht so alt, denn es wurde erst im 18. Jahrhundert um eine Glashütte herum gegründet), die idyllisch am Hang gegenüber von Lindenfels liegen. Ich lief geradeaus durch, auf der Schwannstr. nach Westen, mißtrauisch beäugt von mehreren freilaufenden Hühnern und zwei alten Damen, die auf einer Bierbank vor einem Haus hockten und plauschten (zumindest bis ich vorbeirannte, denn da starrten sie mir erstmals wortlos hinterher, mit einem Blick, der normalerweise für vorbeiziehende kinderraubende Scherenschleifer, Schwulenparaden, und Zeugen Jehoves reserviert sein dürfte). Links kam irgendwann eine schöne kleine Kapelle aus Feldstein (die Schutzengelkapelle), dann der Waldrand, schließlich war Seidenbuch zu Ende, und ich erreichte im dichten Wald die Landstrasse K55 nach Knoden.
Fast geschafft.
Ein Stück an der Strasse hoch, dann rechts raus auf den Waldweg mit der gelben 5, der etwas wir etwas unterhalb der Strasse durch finsterste Waldgebiete führt, und schließlich nach einem happigen, trampelfpadigen Aufstieg (bei dem ich ein Reh aufscheuchte, so schreckenerregend bin ich beim Laufen) doch wieder auf der K55 rauskam, der ich dann weiter nach rechts folgte, raus in die wunderschönen, grünleuchtenden, grillenzierpenden Wiesen an der Knodener Höhe und weiter bis zur Abzweigung am winzigen knodener Friedhof. Hier hätte ich eigentlich schon links nach Schannenbach zum Ziel abbiegen können, aber ich war eigentlich noch ganz fit, und hatte beim letzten Mal in Knoden einen wunderhübschen Weg gesehen, den ich nochmal ausprobieren wollte. Also lief ich geradeaus weiter die Strasse entlang, noch mal ordentlich aufwärts bis ins idyllische Knoden, 150 m. die Knodener-Kopf-Str. entlang (dabei wurde ich von noch mehr älteren Damen beim Plauschen mißtrauisch beäugt), und bog schließlich links aus dem Dorf hinaus auf den Weg mit dem blauen Balken ab, von dem ich wusste, dass er nach Schannenbach führen würde.
Das Stück war tatsächlich genau so herrlich, wie er beim letzten mal ausgesehen hatte: Ein schmaler Weg bergab in ein kleines Tal, durch sattgrüne Weiden und blühende Sommerwiesen mit schattigen Obstbäumen, rechts noch mal ein grandioser Blick auf die Bergstrasse und die Rheinebene weit unten und weit weg.
Hatte natürlich nur einen Haken: Er ging ganz schön runter, deshalb musste ich nach dem Talgrund auch noch mal ganz schön rauf, dem blauen Balken folgend einen sacksteilen Pfad im Wald hoch, der schließlich völlig unvermittelt zu Ende war, und mich direkt am Westrand von Schannenbach deponierte. Nur noch 50 m. bis an die Krehbergstr., 150 m. nach links, und schon war ich wieder beim Ausgangspunkt.
Herrlich! Wirklich herrlich (bis auf den Verzehr der Schmeissfliege, den hätte man vielleicht auch weglassen können)!
Am Anfang hab´ ich ja schon ausführlich über einen der vielen Gründe geschrieben, warum ich so gerne im Odenwald laufe.
Zum Abschluß gibt´s jetzt noch einen Zweiten: Nach fast jedem Lauf hier oben glaube ich, die absolut schönste Ecke des Odenwalds entdeckt zu haben. Nur, um dann beim nächsten Mal festzustellen, dass es ganz woanders mindestens genauso schön, vielleicht sogar noch schöner ist.
Und das ist schön!
In diesem Sinne: Von der Knodener Höhe durchs Schlierbachtal nach Lindenfels und zurück – das ist vielleicht die schönste Ecke des Odenwaldes, die ich kenne…
Strecke: 15,7 km
Zeit: 1:51 h (= 8,49 km/h bzw. 7 min/km)
Karte:

M.
Tags: Burg Lindenfels, Glattbach, Hessen, Joggen, Jogging, Knoden, Knodener Höhe, Krehberg, Laufen, Lautertal, Lindenfels, Nibelungensteig, Odenwald, Schannenbach, Schlierbach, Seidenbuch, Winkel



1. Juli 2008 um 09:56
Hi Matthias,
wieder mal ein sehr schöner Laufbericht (natürlich wie immer in epischer Länge u. Breite) über eine zauberhafte, unbekannte Ecke des Odenwaldes in nächster Nähe. Möchte gleich los und auch entdecken! Vielleicht klappt es später im Jahr einmal.
Weiterhin gutes und sicheres Laufen, ohne Verletzungen und unangenehme Überraschungen (ein verschlungenes Insekt ist da doch eher ein kleines Übel, oder?)
Doris
1. Juli 2008 um 10:32
Hi Doris!
Pfft, kleinere Übel – das sagt sich so leicht, wenn man nicht selbst den Schmasert in Größe einer Autobatterie (mindestens!!!) verschluckt hat…
Danke für den netten Kommentar
1. Juli 2008 um 13:17
Hey, jetzt mal ehrlich!
Was ist besser, der Autobatteriegroßeschmasert oder zum Beispiel ein Beinbruch???? Naaaa??? Für mich wär das klar!!!
D
21. September 2008 um 22:22
[...] kann nicht alles haben, den Foto packte ich trotzdem mal ein, schließlich hatte ich es bei meinem letzten Lauf nach Lindenfels ziemlich bedauert, keine Bilder machen zu können, das wollte ich heute [...]