Gedankenexperiment: Der große virtuelle Lauf von Brensbach nach Hause

25. Februar 2009

Beinahe wieder fit.

Wenn bloss die elende Husterei nicht wäre, die stört doch noch ziemlich.
Deswegen hab´ ich dann auch heute noch mal aufs Laufen verzichtet, nach dem Motto “better safe than sorry”.
War gar nicht so leicht, angesichts der Tatsache, dass draußen offenbar (wieder mal) der Frühling ausgebrochen ist, mit milden Temperaturen, frischer Luft, Sonne und singendem Federvieh.

Immerhin gab mir das die Möglichkeit, heute mal was zu versuchen, was ich schon lange hatte ausprobieren wollen: Ein virtuelle Tour, also eine möglichst lange Tour nur im Kopf, mit einer Mischung aus Erinnerung und Vorstellungskraft.

Geduld, ich versuch´s zu erklären (hoffentlich klappt das, die Idee ist nämlich irgendwie ein bisschen abgefahren):


Bevor hier Missverständnisse aufkommen: Ich meine nicht sowas wie “Einfach mal drüber nachdenken” oder “Pfft, und dann lauf ich nach X und von da geht´s irgendwie durch den Wald nach Y und dann übern Berg nach Z”, sondern den Versuch, mit vollster Konzentration ganz gezielt eine Strecke aus irgendwann mal gelaufenen Routen im Kopf zusammenzusetzen und dabei so viele Details wie möglich mit größtmöglichster Genauigkeit zu visualisieren – also nicht nur eine grobe Routenbeschreibung erdenken, sondern wirklich die gesamte Tour samt Umgebung in der Vorstellungskraft erstehen zu lassen und in der richtigen Reihenfolge vor dem geistigen Auge “abzufahren”.

Nicht Meter für Meter (so gut ist mein Gedächtnis natürlich nicht), aber mit allen wichtigen Details: Alle Kreuzungen und Abzweigungen, die Länge und Beschaffenheit der einzlenen Wegstücke. Möglichst genau erinnern, wie es in jedem einzelnen Waldstück, an jeder Wiese, in jedem Ort aussieht, klingt, riecht, und/oder was ich mir seinerzeit gedacht habe, als ich “in echt” vorbeigekommen bin. Steigungen Gefälle, Ausblicke, Sehenswürdigkeiten, Erlebnisse, Gedanken… so viel wie möglich, und vor allem alles als ganz bewusst und intensiv visualisiertes mentales Bild, und nicht nur ein in Worten erinnerter trockener Fakt – als das Ganze nicht allein mit dem Intellekt nachvollziehen, sondern aktiv mit der Imagination nacherleben!

Entsprechend hatte ich mir vorgenommen, einfach mal eine zusammenhängende Strecke von Brensbach am östlichsten Ende meines Laufnetzes bis nach Hause mental “abzufahren”.
Am Stück bin ich die noch nie gelaufen, aber die einzelnen Teilstücke kenne ich alle, auch wenn ich viele von ihnen erst einmal gelaufen bin, und das teilweise vor mehr als einem Jahr.
Nicht ganz einfach, aber eine schöne Herausforderung (Auf eine Karte oder Google Earth hatte ich im Vorfeld natürlich auch nicht geschaut, das sollte schließlich alles ohne Krücken rein aus der persönlichen Erinnerung an die jeweiligen Gebiete bewältigt werden).

Wichtigste Maßgabe: Ich muss in meinem Kopf eine vollkommen ungebrochene Route von Brensach bis nach Hause erschaffen!
Wenn ich irgendwo nicht genau weiter weiss, mir nicht mehr sicher bin, wie es dort aussieht oder wo es lang geht, darf ich dieses Stück nicht verwenden und muss eine “mentale” Ausweichroute suchen, die ich vollständig erinnere. Zulässig sind dabei nur Strecken, die ich irgendwann mal zu Fuß (joggend oder wandernd) bewältigt habe – Stücke, die ich nur vom Auto aus kenne, sind nicht erlaubt.

Das war die Idee.
Ich weiss, klingt ´n bisschen irre. Aber ihr dürft nicht vergessen, dass ich seit einer Woche sportlos mit Erkältung zuhause hocke, da passiert sowas… :mrgreen:

Gerade vorhin hab´ ich es probiert, und versuche jetzt mal, das Experiment samt Ergebnis zu protokollieren.

Zuerst mal:
Ruhe geschaffen.
Akku aus dem Telefon.
Bequem aufs Sofa gesetzt.
Augen zugemacht.
Durchgeatmet.
Versucht die Gedanken zu beruhigen und zu fokussieren.
Und dann vor meinem geistigen Auge das richtige Bild entstehen lassen…

Ich stehe in Brensbach, am Nordende des Gersprenztals.
Hinter mir sind Wiesen östlich des Ortes, halbrechts vor mir ist der Dorffriedhof, geradeaus geht eine Strasse den Hang runter westwärts. Ich war erst einmal hier, deswegen ist alles ein bisschen verschwommen.

Ich “laufe” los, folge meiner Erinnerung geradeaus die Strasse runter. Ihren Namen weiss ich nicht mehr, rechts ist die Friedhofsmauer, links schmucklose, mittelalte Wohnhäuser.

Am unteren Ende der Strasse eine… Querstrasse?
Ja, eine Querstrasse, bin mir ziemlich sicher.
Die “laufe” ich nach links. Mehr Wohnhäuser, nach wenigen Metern dann rechts runter zur B38 (?) am Ortsrand.
Kann sein, dass hier ein Kreisverkehr ist, ich weiss es nicht mehr…

Ich überquere die B38 und “laufe” geradeaus halblinks das Gersprenztal hoch, durch Äcker oder Wiesen. Rechts zieht eine überwucherte Ruine vorbei (eine alte Mühle glaub´ ich), dann geht es auf einer kleinen Brücke über die Gersprenz. Ich erinnere mich, dass ich mich beim realen Überlaufen gewundert habe, wie breit die hier unten schon ist.

Am anderen Ufer wieder… halblinks. Mehr Felder, aber nur ein Stück, dann geht es leicht rechts bergauf, in ein Wäldchen an einer Kuppe. Lichter Mischwald, glaube ich mich zu erinnern. Kurz geradeaus, dann irgendwie dem Waldweg nach links folgend aufwärts, schließlich etwas länger bei moderater Steigung (?) geradeaus nach Süden (?), bis ich den Waldrand erreiche, der möglicherweise in einer Art kleinen Senke liegt. Vor mir sehe ich mehr Wiesen und Felder auf sanften geschwungen Hügeln, umschlossen von Wald. Die offene Landschaft über Fränkisch-Crumbach.

Hier geht es… uuuhhh…
…naaaachdenken…
…links!
Ja genau: Der Weg führt am Waldrand entlang kurz nach links (und vielleicht etwas aufwärts?), dann 90° nach rechts, nordwärts (?).
Linkerhand noch ein Stück Waldrand, dann offenes Gelände. Ein Höhenrücken oder Buckelchen (Hexenberg, heisst die Erhebung glaub ich) mit schönen, satten Wiesen.
Hecken am Wegesrand, rötliche Limousinrinder, irgendwann ein Sendemast, dann geht´s abwärts, runter nach Fränkisch-Crumbach.

Den Ort kenne ich schon ein klein wenig besser als Brensbach, das Bild vor meinem geistigen Auge wird etwas schärfer, es zu erschaffen braucht ein bisschen weniger Konzentration…

Abwärts durch ein Neubaugebiet, moderne Häuser am Hang, schließlich eine sehr modern anmutende Kirche (katholisch?), an der ich links vorbei ziehe und über einen Fußgängerweg runter an die Hauptstrasse komme.
Hier geht es rechts.
Fast eben, auf einem sehr schmalen Bürgersteig in Richtung Ortskern. Erinnere mich, dass hier ganz viel Laub gelegen hat.
Linkerhand die Strasse, rechts ein… Mäuerchen? Oder ein Zaun?
Dahinter ein Park, alte Bäume, mittendrin ein sehr hübscher kleiner Pavillon (?).
Hat glaub´ ich einen italienischen Namen, aber der fällt mir nicht mehr ein.

Draußen, in der echten Welt auf der anderen Seite meiner Augenlider, kläfft ein Nachbarshund.
Nicht laut, aber es unterbricht kurz meine Trance. Faszinierend, wieviel Konzentration dieses möglichst genaue geistige Nacherleben kostet, und wie leicht die gebrochen werden kann.

Ich atme einmal tief aus, schließe wieder die Augen, und versetze mich zurück, in meinen Erinnerung und nach Fränkisch-Crumbach…

…wo ich gerade am Park in Fränkisch-Crumbach vorbeigelaufen bin. Spontan schiesst mir durch den Kopf, dass die Strasse, an der ich gerade “laufe” möglicherweise die Bahnofstr. ist.
Es geht noch ein Stück geradeaus, rechts passiere ich eine alte Kirche, vor der eventuell so ein “Baum” mit den örtlichen Innungswappen aufgebaut ist (oder irre ich mich…?). Direkt danach kommt der wunderschöne alte Ortskern, mit seinen geschindelten Fachwerkhäusern und den gußeisernen Strassenlaternen. Hier geht es rechts, durch die herrliche alte Einkaufstrasse und vorbei am Schloss (ist es das Schloss oder nur ein größeres altes Stadthaus?), dann geradeaus in die Darmstädter Str.

Die kenne ich gut, denn hier wohnt das freundliche terrierzüchtende ältere Ehepaar, bei dem Nemo geboren wurde und die ersten zehn Wochen seines Lebens verbracht hat.
Den Hang hoch, Wohnhäuser mit großen Gärten, rechts zieht Nemos Geburtshaus vorbei, dann noch ein gutes Stück bergauf, mehr Wohngebiet, und schließlich bin ich aus Fränkisch-Crumbach raus.

Es geht weiter aufwärts, relativ steil, glaube ich mich zu erinnern. Gerader (?), asphaltierter Weg (Marker: Gelbes Dreieck???) durch wunderschön gewellte, weitläufige Hangwiesen, von denen aus man einen tollen Blick auf Fränkisch-Crumbach und das mittlere Gersprenztal hat.
Auch hier gab´s seinerzeit viele Limousinrinder, also bevölkere ich die Wiesen mental mit schweren, roten Kühen.

Langes Stück, aber irgendwann erreicht der Weg den Waldrand an der Steinkaute, der großen bewaldeten Anhöhe zwischen Gersprenz- und Fischbachtal. Hier ist ein Naturparkplatz, über den´s geradewegs in den Wald reingeht. Nach… Nordwesten?

Hier wird´s nochmal richtig steil, daran kann ich mich erinnern. Aber nicht lange, dann erreiche ich eine große Kreuzung mitten im Wald, an der ein alter steinerner (?) Wegweiser oder Markstein steht.

Ich biege links ab, folge dem gelben (oder ist es blau?) Dreieck nach Südwesten (?).
Breiter, bequemer Weg durch den Wald, fast eben, sehr gut zu laufen, rechts (und links?) gesäumt von einem Streifen mit hohen, wildwuchernden Bodenpflanzen. Als ich zum ersten Mal hier langgekommen bin hatte ich eine riesige blutige Blase an der rechten Ferse und noch 13 oder 14 km vor mir. Das merkt man sich…

Vielleicht ein km geradeaus mit vielleicht gaanz leichtem Rechtsdrall, dann öffnet sich der Wald und ich “laufe” am nächsten Naturparkplatz vorbei und hinaus in die weiten stoppeligen Maisäcker auf der Nonroder Höhe und erreiche kurz darauf die Wegscheide “Zwölf Apostel”, hoch oben auf dem Bergrücken zwischen Gersprenz- und Fischbachtal. Tolle Aussicht, wenn ich mich recht errinnere.

Hier wird´s zum ersten mal problematisch. Eigentlich wollte ich die Route geradeaus weiterverfolgen und über den Weinweg die Neunkircher Höhe erreichen, aber das hakt: Es gelingt mir einfach nicht, die Wegführung zwischen dem nächsten Waldrand und dem Anfang des Weinweges zu visualisieren.
Vor Ort wäre das gar kein Problem, da würde ich die richtige Strecke ohne Schwierigkeiten finden, aber im Kopf krieg´ ich´s einfach nicht genau hin.
Also muss ich mental wohl oder übel einen Umweg nehmen, den ich besser im Gedächtnis habe.

Deshalb am Parkplatz “Zwölf Apostel” rechts den Asphaltweg runter in Richtung des idyllischen Dörfchens Nonrod. Möglicherweise hat man hier einen tollen Blick auf herrliche Schloss Lichtenberg auf der anderen Talseite, aber genau weiss ich das nicht.
Nach ca. 100 m., quasi am Anfang von Nonrod, dann wieder links, und auf einem Asphaltweg, der quer zum Hang verläuft, südwärts um einen Hügel und durch die geschwungenen Wiesen. Erinnere mich dunkel an Kleingärten und ein paar vereinzelte Häuschen am Wegesrand…

Ich folge dem Weg ein ganzes Stück.
Er kurvt ein bisschen durch die Felder und Weiden, erreicht schließlich einen vorgelagerten Höhenzug mit schmalem Wäldchen (und einer Schutzhütte rechts des Weges?), das ich durchquere.
Direkt dahinter geht´s runter ins nächste Tal, auf dem schnurgerade bergab führenden Nonroder Weg (?) geradewegs den Hang runter, durch Weiden und eventuell Obsthaine hindurch, an einem Löschteich mit Enten drin (?) vorbei, bis runter ins winzige Dörfchen Meßbach am Talgrund, bei dessen virtuellem Anblick mir spontan die zwei nervigen jugendlichen mit ihrem überlautem Mofa einfallen, denen ich beim letzten Mal hier begegnet bin.

In Meßbach halte ich mich nicht lange auf – ganz kurz links auf die schmale Dorfstrasse, dann jedoch gleich wieder scharf rechts, an ein paar neueren Häusern vorbei, und mit ordentlicher Steigung bergauf in die Wiesen auf der anderen Talseite.
Wenn ich das in echt laufen würde, müsste ich jetzt ganz schön schwitzen.
So schwitzen nur meine Hirnwindungen, die sich noch gut daran erinnern, wie ich hier beim letzten Fischbachtallauf hochgekeucht bin…

Der Weg ist ebenfalls asphaltiert, führt erst ein ganz schönes Stück aufwärts, dann macht er eine Rechtskurve nach Süden und wird weniger steil. Toller Blick ins Fischbachtal, wenn ich mich recht erinnere, über Niedernhausen hinweg nach Lichtenberg mit seinem mächtigen Bollwerk und dem strahlendweissen Renaissanceschloss (hier steht auch eine Bank mit der Aufschrift “Schlossblick” am Wegesrand, wenn ich mich nicht irre)

Hinter dem Schlossblick dann ein weiteres lichtes, sonnendurchflutetes Wäldchen, das kurz durchquert werden muss, dann geht es links am Hang entlang bergab. Runter ins nächste Tal, wo ich nach ein paar hundert Metern von schräg oben in das langgezogene Dörfchen Steinau einlaufe.
Steinau besteht eigentlich nur aus einer einzigen, langgezogenen Strasse, die sich in einem Seitental vom Anfang des Fischbachtals bis zum Waldrand unterhalb von Neunkirchen zieht.
Ich folge ihr nach links, aufwärts, in Richtung Neunkirchen.
Vielleicht 800 m. moderat bergauf, erst links und rechts uralte Bauernhöfe, dann neuere Wohnhäuser (davon ein paar kurz vor Ortsende im charakteristischen Nur-Dach-Stil), schließlich der Waldrand am Naturparkplatz Gagernsteine (?).

Auch hier geht es aufwärts, hoch durch den Wald, der voller größerer Steine und Findlinge liegt, erst rechts des fröhlich plätschernden Steinbachs, dann irgendwann über eine kleine Brücke(???) und dann rechts vom Bach.
Irgendwann eine bushaltestellenartige Schutzhütte, dann geht es leicht nach rechts und aus dem Wald raus, in die steilen Hangwiesen/Ski- und Rodelpisten bei Neunkirchen.
Geschwungener Asphaltweg, seitlich mit Hecken begrenzt, links oben ist eventuell der Neunkircher Skilift (der einzige Skilift im Odenwald?) zu sehen, dann taucht irgendwann Neunkirchen selbst vor mir auf.

Ich folge dem Weg ins Dorf hinein (links der Campingplatz?), zwischen den Häusern und Höfen hindurch bis zum Platz mit der Ohlybüste, wo ich links abbiege und bis zum großen Parkplatz am Höhenhaus “laufe”.
Dort scharf rechts, den Pfad neben der gelbstrahlenden Kirche samt kleinem Dorffriedhof runter in die Wiesen. Zwei, dreihundert Meter steil bergab bis zur Landstrasse unterhalb des Dorfes. Die wird überquert, auf der anderen Seite gehts geradewegs in den Wald am Hang.

Von jetzt an geht´s erstmal lange bergab, auf dem Weg mit der weißen Raute (ist es eine Raute? Weiß ist der Marker auf jeden Fall, da bin ich mir sicher), runter nach Brandau. Nach 100 m. eine Kreuzung, wo´s zur Modauquelle abgeht, ich überquere sie.
Unbeirrt geradeaus, ordentlich steil abwärts (fliesst hier ein Bächlein neben dem Weg? Ich erinnere mich dunkel an sowas…).

Nach einiger Zeit öffnet sich der Wald links zu einer schmalen, langgezogenen Talwiese, neben der ich nun am Waldrand bergab “laufe”, einige Lehrpfadtafeln (“Fauna des Waldes”, glaub´ ich) passiere, und schließlich von oben in Brandau ankomme. Langgezogene Strasse durch ein mittelaltes Wohngebiet bergab, bis runter zur Strasse nach Lützelbach kurz vor dem Ortsausgang.

Hier geht´s dann links, neben der Strasse nach Brandau hinein. Um eine S-Kurve, dann geradeaus durch das enge Gäßchen mit dem seltsam nautischen Namen (“In dem Hafen”? “An dem Anker”? Ich weiss es nicht mehr genau) bis runter in den alten Ortskern am Modautaler Rathaus.

Hier mache ich wieder kurz die Augen auf und kehre in die Reale Welt zurück. Irgendwo draußen vor dem Fenster schallt seit paar Minuten ein seltsames Gejaule. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Der Nachbar von Gegenüber recht seinen Garten und beschallt – zur musikalischen Untermalung – die ganze Nachbarschaft mit Schlagern aus seinem Gartenhäuschen. Freddy Quinn, glaube ich.
Stört meine Konzentration, lässt sich aber nicht ändern.
Geist stählen, “Junge komm bald wieder” nach besten Kräften ignorieren, und weiter…

…zurück ans Modautaler Rathaus (Brandau ist der Hauptort der Gemeinde Modautal). Hier wird´s wieder etwas schwierig – ich weiss zwar genau, wie´s weitergeht, aber es fällt mir überraschend schwer, die nächsten paar hundert Meter zu visualisieren: Ich weiss, dass es von der brandauer Hauptstrasse links hoch gehen muss, aber wie dieses Stück aussieht, krieg´ ich nicht mehr zusammen.
Also nehme ich stattdessen einen mentalen Umweg und folge der Hauptdurchgangsstrasse noch ein Stückchen weiter, bevor ich die nächste Gasse (an die ich mich dank einiger spielender Kinder, mit denen ich seinerzeit mal fast kollidiert wäre, gut erinnern kann) nach oben “laufe”. Ruhiges Wohngebiet, mittelalt, nach 150 oder 200 m. geht´s halblinks/geradeaus weiter bergauf, bis imein geistiges Auge Brandau hinter der konischen Kriegsgräbergedachtniskapelle verlässt und über den offenen Höhenweg (weißer Balken?) in Richtung Beedenkirchen weiterzieht.

Schönes Stück, manchmal etwas zugig aber bequem zu laufen. Weiden und Äcker, rechts der Blick über das obere Modautal zur bewaldeten Anhöhe des Hasenlaufs(?) vor Ernsthofen und Hoxhohl, im Hintergrund die Neutscher Höhe.

Der Höhenweg ist relativ lang. Irgendwann erreicht er eine Wegkreuzung, wo´s links nach Lautern runtergeht und rechts zur Landstrasse. Ich mache aber geradeaus weiter: Kurz bergauf über einen grasigen Hügel, vorbei an ein paar (?) Gärten und einem wunderbaren Spalier uralter Nussbäume, und schließlich an der nächsten Abzweigung scharf rechts und durch einen schattigen, baumbestandenen Hohlweg runter nach Beedenkirchen.

Inzwischen bin ich schon recht nahe an zuhause, die Gegend ist mir vertrauter, sie vor meinem geistigen Auge erstehen zu lassen fällt immer leichter (was gut ist, denn die ganze Geschichte braucht viel Konzentration).

In Beedenkirchen geradeaus bis ins Tal, halblinks über einen Bachh, dann hoch zur Hauptstrasse (Reichenbacher Str.?). Kurz links, dann gleich wieder rechts in die Schlössergasse (oder Schlossgasse?), deren langgezogenem, steiler werdenden Bogen ich aufwärts folge, bis ich nach ein paar hundert Metern den Ortsrand erreiche.

Für das nächste Stück brauche ich mich kaum konzentrieren, denn der unendlich steile betonierte Hohlweg den Hang hinauf bis zum Rosenweg hat sich in mein Gedächtnis eingegraben – hier laufe ich mir jedes Mal fast einen Herzkasper, so steil ist das, daran erinnert man sich.
Heute fällt der Mörderanstieg aber überraschend leicht – wenn keine 75 kg Körper dranhängen, wird mein Geist offenbar mühelos auch mit extremen Steigungen fertig… ;)

Oben angekommen halblinks in Richtung Waldrand auf den Rosenweg: Leicht aufwärts und szenisch gewunden durch die Hangwiesen unterhalb des Felsberges. Linkerhand der Wald, rechts das lange Tal unterhalb der Kuralpe, mit Staffel, Schmal-Beerbach, Wurzelbach, in der Ferne dann die Höhenzüge des nördlichen Odenwalds.

EIn paar hundert Meter auf dem Rosenweg entlang, der in meiner Imagination etwas schlammig ist, weil hier das Wasser aus den Hangwiesen durchläuft. Nach einem kleinen Vorsprung schließlich abwärts zum großen Parkplatz der Kuralpe, mitten auf der Paßhöhe zwischen Seeheim-Jugenheim und dem Lautertal.

Spätestens jetzt bin ich mittendrin in meinem Laufrevier, quasi schon zuhause. Jetzt läuft der Film vor meinem inneren Auge beinahe von selbst ab.

Ich überquere den Parkplatz und die dahinter liegende Landstrasse und erreiche den Beginn der Hutzelstrasse. Anstatt ihr zu folgen, wende ich mich aber links, und laufe den kleinen, aufsteigenden Feldweg über den Häusern “Im Winter” hoch. Geht ganz gut bergauf, links über die Weiden hat man einen schönen Blick, am Felsberg vorbei das Balkhäuser Tal runter zum Melibokus, dem Auerbacher Schloss und in die Rheinebene.

Nach ein paar hundert Metern erreiche ich den oberen Waldrand am Vogelherd. Vorbei an der Schutzhütte und runter in den Wald rein.
Jetzt muss ich nur noch dem Weg SJ2 folgen, den bin ich ja schon oft genug hoch- und runtergeschnauft.
Heute geht´s runter: Linkskurve am Hang, um einen bewaldeten Bergvorsprung, danach eine scharfe Serpentine, durch ein weites, tiefes Bachtal, dann an der anderen Talseite immer weiter runter bis zum Waldrand über dem versteckten Weiler Hainzenklingen.
Dort links, weiter abwärts (SJ 2) zur alten Asphaltstrasse zwischen Stettbacher und Balkhäuser Tal, der ich nach links aus dem Wald hinaus folge, über den Hechlersgrund “laufe” (links schöner Blick auf Melibokus und Balkhausen), und dann an der Kaiserbuche links abbiege, den rissigen alten Fahrweg zwischen Waldrand und einsamen Häusern/Gehöften runter ins Balkhäuser Tal.

Jetzt ist es fast geschafft. Ich laufe am Talhof vorbei und biege vor der großen Grillhütte, wo die Russlanddeutschen gerne ihre Feste feiern, rechts ab auf den Weg mit der gelben 3. Neben dem Bach am Talgrund talabwärts, vorbei am großen und wie immer fast leeren Rückhaltebecken, kurz danach links einen Trampelfpad runter zu den zwei oder drei versteckten Häusern im Balkhäuser Tal und die schattige Nebenstrasse hinauf bis an die L3103 runter nach Jugenheim.

Der brauch ich jetzt einfach nur abwärts zu folgen, auf dem breiten, durch ein Extra-Mäuerchen abgetrennten Fußweg zwischen der Fahrbahn und dem Geländer am Bachufer.
Abwärts, an den alten Mühlen und der Bushaltestelle vorbei bis kurz vor die Kurve unterm Heiligenberg.
Dort noch mal links.
Über die Strasse, in den Wald und gut bergauf. SJ2, der Anfang vom Pürschweg. Ein halber km ordentliche Steigung, erst den Talrand hoch, dann über die Kreuzung oberhalb vom Kristaller-Weg, schließlich um die Bergnase und halbrechts zum Merckschen Wasserturm.
Dort dann einfach nur noch bergab, links runter ins Darsbergtal, scharf rechts um die Kurve, runter zum Waldrand und geradeaus bis nach hause…

…und geschafft.
Hat geklappt!

So bewusst habe ich noch nie versucht, mir nach langer Zeit verschiedene Läufe ins Gedächtnis zurückzurufen.
Aber es klappt, ich kann ohne Vorbereitung im Kopf eine genaue und ungebrochene Route von Brensbach bis nach Jugenheim plotten und virtuell ablaufen, und das mit gutem Ergebnis: Auf den fast 30 km ist mir nur ein einziger richtig großer Fehler unterlaufen (ich habe eine Kreuzung unterhalb von Neunkirchen vergessen), dazu ein paar kleine, wie falsche Strassennamen und Wegmarker, und ein paar Ungenauigkeiten (manche Streckenabschnitte sind in echt deutlich länger oder kürzer als ich sie in Erinnerung hatte – aber das kommt wohl von meiner subjektiven Wahrnehmung während der jeweiligen Läufe).
Also eigentlich ganz gut. Und ich bin mir sicher, dass sowas auch für die meisten anderen Orte hinkriegen könnte, die ich in den letzten eineinhalb Jahren besucht habe, denn das ist fast alles noch mehr oder weniger präsent.
Entsprechend würde ich mir sogar prinzipiell zutrauen, die geistige Tour von gerade weiter nach Westen zu treiben, durchs Ried bis Worms und weiter zum Donnersberg – das wären dann wahrscheinlich knapp 100 km Strecke, die ich noch halbwegs lebendig abrufen müsste….
Heute allerdings nicht mehr, denn diese Geschichte ist überraschend anstrengend – das ist eine ganze Menge mentale Arbeit, die nicht nur ein beträchtliches Maß an Konzentration braucht (zumindest bei mir), sondern auch eine ganze Menge Zeit. Für die virtuelle Tour von Brensbach nach Jugenheim habe ich ca. eine halbe Stunde echtzeit gebraucht, in der ich angestrengt den vorderen Odenwald visualisiert habe, das reicht erstmal (zumal ich danach echt dringend aufs Klo musste ;) ).

Insgesamt: Eine interessante Erfahrung.
Natürlich lange nicht so gut wie echtes Laufen vor ort, aber auf jeden Fall besser als gar nichts, vor allem wenn man gerade mal nicht kann (zumal das Wetter besser ist, wenn es von der eigenen Vorstellung kontrolliert wird… :D ).
Und als mentale Übung zur Vertiefung der Ortskenntnis und/oder der Stärkung der Konzentrationsfähigkeit gar nicht mal so schlecht… ;)

Hier die Karte zur virtuellen Tour:
mindmap

So, das war´s für heute. Mal was Anderes.
Bin mir ehrlich gesagt selbst nicht ganz sicher, ob das jetzt ein Haufen prätentiös-banaler Unsinn war (“Na toll, jetzt schreibt der Depp schon über Läufe, die er sich nur ausgedacht aber nie gemacht hat”) oder eine gute Idee (“Ooooh, der erste Schritt zu einer neuen Transzendenz des Laufens…”).
Vielleicht lässt´s mich ja noch jemand von euch wissen… ;)

M.

8 Antworten zu “Gedankenexperiment: Der große virtuelle Lauf von Brensbach nach Hause”

  1. Gerd Sagt:

    Ich muss mir das ganze Morgen noch mal durchlesen. Im ersten Moment würde ich sagen seh zu das Du dringend an die Luft kommst. ;-)
    Aber vielleicht komm ich ja bei zweiten Lesen mit ein wenig Abstand zu einer anderen Erkenntnis.
    (Hattest Du irgendwelche Medikamente genommen die Du im Ausland bestellt hast) :lol:

  2. matbs Sagt:

    Prätentiös-banaler Unsinn: 1 :lol:

    Ausländische Medikamente hab´ ich keine genommen, aber das Verfallsdatum auf meinem Hustensaft ist seit ein paar Monaten überschritten…

  3. Christian Sagt:

    Hallo Matthias,

    find den Ansatz gar nicht schlecht, jedoch hatte ich auch immer wieder das Gefühl: wär der Junge doch nur mal nach draussen gegangen und wenn es nur zum Luft schnappen gewesen wäre 8-) und im Gegenteil zu Gerd hatte ich den Eindruck, Du hättest ein Medikament nicht genommen – Laufen®-ratiopharm

    Es geht Dir offenbar besser, denn sonst müsste ich mir glaube ich echte Sorgen machen ;-) und ich seh schon, ab Morgen wird wieder gelaufen und wenn es nur ein paar Kilometer sind, damit wir wieder über reale Dinge schreiben können.

    Gute Besserung ;-)

    Christian

  4. Jana Sagt:

    Wie lang bist Du denn “gelaufen”? Vielleicht lohnt es sich ja – bei miesem Wetter, zu wenig Zeit (10 km in 10 min oder so ;-) )
    Und für mich als wenig Laufbegeisterte: würde ich wahrscheinlich eher machen als mir die Turnschuhe anzuziehen :-D

  5. matbs Sagt:

    @ Christian: Wenn sich die Mediziner schon Sorgen machen, wird´s wohl wirklich Zeit, mal wieder die Laufschuhe zu schnüren.

    Aber glücklicherweise scheinen zumindest die Psychologen im Publikum nicht allzu beunruhigt, wie Janas Kommentar beweist… ;)

    @ Jana: Ja, das kommt hin, so 10 Minuten für 10 km. Aber der physiologische Trainingseffekt ist vermutlich trotz der hohen Geschwindigkeit nicht ganz so gut, wie wenn man´s wirklich runterrennt… ;)

  6. Hannes Sagt:

    Ein lustiges Experiment, was du da durchgezogen hast. So eine völlige Ruhe und Konzentration, das passt irgendwie zu dir. Denn dir geht es um die Strecken, um die dortigen Bilder vor dem Auge.

    Vielleicht wäre es aber wirklich besser gewesen, wenn du dick eingepackt eine etwas kürzere Route gehend absolviert hättest, in Begleitung von Nemo? Zur Not kann man mit der richtigen Ortskenntnis ja auch einen Spaziergang genießen ;)

    Es war aber sicher die richtige Entscheidung, noch nicht wieder zu laufen. Wobei es dir ja wirklich fehlt :D

  7. Gerd Sagt:

    Ich hab´s jetzt noch mal mit einem Tag Abstand gelesen und mir meine Gedanken gemacht.
    Ich bleibe dabei! Seh zu das Du wieder an die frische Luft kommst. ;-)
    Wann wollten wir eigentlich im “Gerdland” laufen??

  8. matbs Sagt:

    @ Hannes: Da sieht man mal, wie verzerrend so ein paar hundert Kilometer wirken können, da macht selbst ein materialistischer, hektischer, unausgeglichener Grantler wie ich einen ruhigen und konzentrierten Eindruck… ;)

    Ansonsten stimmt´s aber, Laufen hätte noch nicht sein müssen (hab´s heute nachgeholt, und besonders dolle war´s nicht). Aber immerhin: Spazierengehen mit Nemo muss ich ja eh, so komme ich also jeden Tag wenigstens mal ein bisschen raus, auch wenn wir nicht joggen.

    @ Gerd: Na gut. Dann geh´ ich halt an die frische Luft… ;)


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