Mal wieder ein Samstag in drüben in Rheinland-Pfalz, und damit eine gute Gelegenheit, um endlich mal wieder mein inoffizielles Projekt “Durchquerung von Rheinhessen” voranzutreiben.
Letztes Mal – immerhin schon wieder über zwei Monate her – hatte ich Alzey erreicht, heute soll´s weiter nach Norden gehen, durch das Hügelland tiefer ins unbekannte Herz von Rheinhessen.
Ich starte in der Gartenstr., einer ruhigen Wohnstrasse östlich der Alzeyer Kernstadt.
Hier bin ich beim letzten Mal schon durchgekommen, das Streckennetz ist also von Anfang an geschlossen.
Westwärts an die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Nibelungenstr., die wohl sowas wie eine Hauptverkehrsader von Alzey ist (was jetzt nicht soo viel bedeutet, bei einer Kleinstadt mit deutlich unter 20 000 Einwohnern).
Wetter: Eher mäßig, zwar hat das Thermometer 4° C angezeigt, doch der Himmel ist grau und wolkenverhangen, und durch die Strassen pfeift ein unangenehm eisiger Wind.
Die hübsche Alzeyer Altstadt und das Schloss hab´ ich mir bereits im Dezember angeschaut, deshalb wähle ich heute eine etwas andere Route, die auf der Ostdeutschen Str. um den Stadtkern herum führt.
Durchaus hübsch: Links ziehen Reste der alten Stadtmauer samt dem Taubenturm vorbei, rechts kurz darauf ein schönes, altes Fachwerkhaus mit einem Weinlokal. Insgesamt ist das Stadtbild allerdings ein bisschen uneinheitlich, denn dazwischen stehen auch viele kleinstädtische Wohn- und Geschäftsgebäude deutlich neueren Ursprungs, die dann irgendwie doch nicht ganz so szenisch wirken.
Tempo ist übrigens relativ hoch, ich hab´ zum ersten Mal seit Langem wieder die Uhr am Handgelenk und achte auf die Zeit, das treibt offenbar. Klappt vorerst noch ganz gut.
Nach einem knappen halben Kilometer wird die Ostdeutsche Str. zur Hospitalst. und knickt ein bisschen nach links weg,
kurz darauf biege ich rechts in die Flonheimer Str. ab.
Die hat was: Eine schmale, krumme, gewundene Gasse, eingefasst von schmalen, alten Häuschen, die dicht an dicht stehen und selbst ein bisschen krumm und windschief wirken. Da sieht man dann wieder, dass Alzey zumindest im Kern ein altes, organisch gewachsenes Städtchen ist.
Am Ende der Flonheimer Str. geht´s rechts die Hinkelgasse hoch, über die breite Weinrufstr., unter der Bahn durch und ein Stück die Kreuznacher Str. entlang (links ein blockiges Krankenhaus, rechts schöne alte Villen mit großzügigen, gepflegten Gärten), dann schließlich rechts und auf dem schmalen, ordentlich ansteigenden Carl-Zuckmayer-Weg zwischen den Villengrundstücken aufwärts, bis ich den Ortsrand erreiche und mich anschicke, Alzey gegen das weite, offene Hügelland einzutauschen.
Einziges Problem: Der Weg, auf dem ich eigentlich weiter bergauf durch die Felder und Wiesen laufen will, ist nicht so richtig da.
Mal wieder so eine typische Rheinhessen-Situation: Auf der Wanderkarte und dem Internetstadtplan von Alzey sieht die Strecke nach einem breiten, soliden, gepflegten Feldweg aus, der vielleicht sogar asphaltiert sein könnte.
In der Realität allerdings ist es ein schmaler, graubraunholpriger Grasstreifen, der sich kaum von den umliegenden Feldern und Wiesen zu unterscheiden lässt (diese Wege sind übrigens einer der Hauptgründe, warum ich Rheinhessen während der letzten Winterwochen gemieden habe – wenn eine geschlossene Schneedecke liegt, kann man diese Wege mit dem bloßen Auge einfach nicht mehr erkennen, und dementsprechend kaum navigieren).
Wo der Weg auch nur ein klein wenig vor der Sonne geschützt ist, sei es durch Bodenwellen oder Büsche, liegt noch mehr als knöchelhoher, matschiger Schnee.
Wo die Sonne hinkommt, ist der Boden hingegen frei, ein schlammig-klebrig-glibbrige Angelegenheit aus rutschigem Schlamm unter dünner Grasnarbe, die man nur mit einer gewissen Vorsicht und lauten Schmatzgeräuschen (*schlorp* * schlorp* *schlorp*) bewältigen kann.
Und zu allem Überfluss sind die ersten hunder Meter des Weges sowieso nicht begehbar, denn irgendjemand hat sie vollkommen mit abgeschnittenen Dornenästen zugepackt, so daß ich auf den schlammig/schneeigen Acker nebendran ausweichen muss.
Das fängt an, mir so richtig Spaß zu machen… ![]()
Zumal auch die Wolken auf einmal weg sind.
Plötzlich, gefühlt von einem Moment auf den anderen, herrscht heller, wohliger Sonnenschein, der aus aus einem klaren, blauen Himmel herunterscheint und das Land mit wunderbarem Licht und Wärme flutet.
Passt bestens zu dem wunderbaren Ausblick, den man von hier oben hat:,Zurück runter auf Alzey, das sich in seine flache Talmulde zwischen den Hängen schmiegt und noch im Wolkenschatten liegt, und weiter ins weite Rund von Rheinhessen, wo sich die langen, runden Hügel voller rötlich schimmernder Weinhänge, grünbraunweißer Felder und hell glänzender Windräder bis zum fernen, dunstigen Horizont erstrecken, an dem Schemenhaft die Umrisse des Taunus jenseits des Rheins zu erkennen sind, während in den unzähligen langen Tälern zwischen den geschwungenen Rücken die Kirchtürme und Dächer der kleinen Weindörfchen im Mittagslicht strahlen.
Das ist so verdammt hübsch, dass mir auf einmal gar nicht mehr kalt ist (gut, vielleicht hat das auch was mit meinem weiterhin strammen Tempo und dem halben Kilometer mit ordentlich zweistelligen Steigungsprozenten zu tun, aber nicht nur…
)
Als ich auf dem weiten, plateauartigen Rücken des Heimersheimer Bergs ankomme, gönne ich mir erstmal eine kleine Aussichtspause (die rheinhessischen Hügel sind zwar nicht hoch, aber dadurch dass es hier nirgendwo Wald gibt und die umliegenden Höhenzüge auch nicht höher sind, ist die Fernsicht an halbwegs klaren Tagen wie heute nichtsdestotrotz beachtlich), bevor ich weiter nordwärts laufe.
Auch hier ist der Weg viel schlechter, als es auf der Karte den Anschein hatte, abwechselnd mit knatschigem Schlamm und tiefen Schneefeldern, die erahnen lassen, wie dick die Schneedecke hier vor ein paar Tagen gewesen sein muss.
Läuft sich trotzdem prima, dank der weiten Sicht, der warmen Sonne und dem leichten Geschmäckle von Frühling im Gaumen, die meine ohnehin gute Stimmung weiter nach oben treiben.
Ziemlich genau 1,5 km nachdem ich Alzey verlassen habe, knickt der Feldweg an einer namenlosen und kaum erkennbaren T-Kreuzung links ab, führt an einer riesigen dampfenden Misthaufenlandschaft vorbei abwärts durch die Weinlagen in die nächste Taldelle, alternativ durch nun schienbeinhohe Schneereste oder auf spiegelglattem Schlick, der das Bergablaufen zu einer echten Konzentrationsübung macht.
Unten angekommen geht´s dann rechts und durch einen langen, kreisrunden Röhrentunnel unter der A63 durch nach Heimersheim hinein.
Sehr nett: Das kleine Dörfchen liegt in einer sanften Taldelle, eingerahmt von hügeligen Weinlagen.
Zwischen Pferdekoppeln und erklecklichen Mengen junger Familien mit Kindern, die offenbar gerade Ausgang haben (alle paar Meter wanken Pulks schlammverschmierter Gören im Alter zwischen drei und sechs über den matschigen Weg, unter der für kleine Kinder üblichen vollkommenen Nichtbeachtung der beweglichen Umwelt [= mir], was einen anstrengenden Schlingerkurs erforderlich macht. Und da beschweren sich andere Jogger über freilaufende Hunde, dabei sind diese abgebrochenen brebelnden Verkehrsdelinquenten in Spe doch viel unberechenbarer!
Womit ich meine Quote misanthropischer Behauptungen für heute erfüllt haben sollte
), bahne ich mir einen Weg ins Dorf, laufe die Strasse “Im Woog” hinauf, vorbei an freundlichen neuen Einfamiliendomizilen, die so aussehen, als würden hier die bereits erwähnten jungen Familien wohnen, und ein paar wunderschönen alten Fachwerkhäusern und -höfen, deren weißer Putz in der Sonne strahlt.
Ist nicht weit, nur ein paar hundert Meter, dann stoße ich auf die Sonnenbergstr., auf der´s auch schon wieder aus Heimerhseim hinaus geht, links die Lonsheimer Allee/K12 entlang, die leicht aufwärts in die Weinlagen hinauf führt.
Kein Radweg, kein Randstreifen, aber hier ist so wenig Verkehr, dass man quasi mitten auf der Fahrbahn laufen kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Das geht gut.
Direkt nach dem hübschen Heimersheimer Friedhof, der unter alten Bäumen ein paar Meter vor den Toren des Dorfes liegt, biege ich rechts in die Weinberge ab.
Allerdings etwas zu früh, wie sich herausstellt, denn nach einem kurzen Bogen durch Schnee und Schlamm zwischen den rötlichen Rebenreihen lande ich wieder an der Lonsheimer Allee und kann gleich nochmal rechts abbiegen, dieses Mal auf den richtigen Weg, Betonplatten mit ozeangroßen Pfützen, der parallel zur Strasse hinauf auf den nächsten Hügel führt (über dessen Namen sich sowol die Wanderkarte als auch der Online-Stadtplan der VG Alzey-Land leider ausschweigen).
Hier komme ich das erstemal so richtig ins Keuchen. Der Aufstieg zwischen den Rebenreihen ist zwar nicht lang, nur ein- bis zweihundert Meter, aber dafür mal wieder sacksteil.
Das zieht gut rein, zumal ich immer noch mit strammem Schritt unterwegs bin.
Immerhin lohnt sich´s.
Oben gibt´s nämlich nicht nur einen kleinen, hübschen Marienschrein am Wingertsrand, sondern vor allem wieder eine wunderbare Aussicht über Rheinhessen, die sogar noch ein bisschen besser ist als die vorhin vom Heimersheimer Berg:
Dieses Mal geht der Blick nach Nordwesten, über die wunderschöne Tafel- und Tälerlandlandschaft des hinteren Rheinhessen, die mir (noch) weitgehend neu und unbekannt ist, über das nahe Dörfchen Lonsheim hinweg über die Hügel, bis zu einer fernen, fremden Bergkette, die sich bei nachträglicher Recherche als der Beginn des Hunsrück herausstellen wird.
Und alles in praller Sonne unter blauem Himmel.
Herrlich!!!!
Und weil´s nicht weiter nach oben geht, darf ich nun auch wieder abwärts laufen, auf einem pfützigen Asphaltweg durch die Weinberge runter nach Bermersheim vor der Höhe, das so tief unten in der Talmulde liegt, dass ich es erst zu Gesicht bekomme, als ich schon fast auf der Durchgangsstrasse bin.
Wieder so ein winziges, hübsches Weindörfchen zwischen den Hügeln, ein paar Häuser und Weingüter, und dann ist man schon wieder durch, allerdings nicht, ohne die Schilder am Ortsein- und -ausgang zur Kenntnis genommen zu haben, die darauf hinweisen, dass Bermersheim der Geburts- und Taufort der heiligen Hildegard von Bingen ist.
Das können nicht sehr viele Orte von sich behaupten.
Hinter Bermersheim ist wieder mal ein Stück Landstrasse angesagt (wie üblich in Rheinhessen: Kein Randstreifen, kein Radweg, wenig Verkehr), auf dem es über die A61 bis zur parallel verlaufenden B271 geht, wo ich auf einen Weg am Fuß der Weinberge (Weinlage ALBIGer Hundskopf [in genau dieser Groß- und Kleinschreibung], wie ein großer Schriftzug im Hang verkündet, der ein bisschen aussieht wie das berühmte Hollywood-Schild)
wechsle.
Na ja, also zumindest irgendwas Weg-Ähnliches.
Eigentlich ist da nur Gras und niedriges Gestrüpp, zwischendurch muss ich auch mal durch ein oder zwei trockene Kanäle kraxeln, bis ich schließlich vor den Über- und Unterführungen des Autobahnkreuz Alzey wieder einen richtigen Asphaltweg erreiche und parallel zu A63 ostwärts am Rand der Weinberge entlanglaufe.
Geht wieder etwas aufwärts, und inzwischen macht sich dabei das bisherige hohe Tempo bemerkbar – 5:30er-Zeiten im hügeligen Gelände bin ich offensichtlich nicht mehr so richtig gewöhnt, entsprechend geht mir beim Bergauflaufen langsam aber sicher die Puste aus, und ich schalte lieber mal einen Ganz zurück.
Sind nämlich noch ein paar Kilometer bis zum Ziel, da will ich mein Pulver nicht zu früh verschießen.
Die Weinlagen sind erwartet hübsch, links in der Nähe zieht ein schöner, kleiner Aussichtsturm auf einer der niedrigen Kuppen (“Auf dem Fels”) vorbei, der sehr verlockend aussieht. Aber da ich nachher noch verabredet bin, nehme ich ihn mal nicht mit. Vielleicht komm´ ich ja bei der nächsten Tour in dieser Ecke nochmal vorbei.
700 m. geradeaus, dann rechts auf einer Brücke über die A63 und danach gleich wieder rechts, auf der anderen Autobahnseite wieder ein Stück in die entgegengesetzte Richtung, und schließlich links runter nach Albig rein und auf der Kirchgasse vorbei am Friedhof und einer aparten romanischen Dorfkirche bis in den alten, hübschen Ortskern.
Da biege ich dann rechts ab, auf die Langgasse. Alte, eng stehende Häuser, alle abgehenden Nebenstrassen enden auf das Wort “Gasse”. Das gefällt mir.
Kurz vor dem Bahnhof geht´s dann wieder links, die Goldbachstr. runter und durch das Neubaugebiet “Am alten Brunnen”, wo Albig schon wieder zu Ende ist und ich auf den Radweg wechsle, der neben dem Bahndamm zurück nach Alzey führt.
Relativ eben und gerade, wäre eigentlich ein gutes Stück, um das Tempo nochmal anzuziehen – aber ganz ehrlich, inzwischen hab´ ich nach der ungewohnten Rennerei doch ein bisschen schwere Beine, deshalb mach ich stattdessen ruhig und trabe schön entspannt südwärts, während die Sonne wieder langsam hinter eine Wolkenbank driftet und es wieder kalt und trüb wird.
Nach einem knappen Kilometer geht´s nochmal unter der Autobahn durch, 500 m. weiter bin ich dann wieder in Alzey.
Fast geschafft, nur noch ein bisschen geradeaus, erst durch das menschenleere Gewerbegiet an der Albiger Str., dann an der Nibelungenstr. zurück bis zum Ausgangspunkt an der Gartenstr.
Schöne Tour.
Rheinhessen ist immer wieder hübsch, mit seiner Mischung aus weiten Hügeln und flachen Tälern, Feldern und Weinbergen und kleinen Dörfern – besonders natürlich bei Sonne. Dazu auch noch ganz viel neue Strecke in vollkommen unbekannten Terrain, so mag ich das.
Bloß an der Sache mit dem Tempo muss ich vielleicht wieder ein bisschen arbeiten, das ist doch noch etwas ausbaufähig…
Strecke: 13,2 km
Zeit: 1:14 h (= 10,7 km/h bzw. 5:36 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 98,41% (12,99 km von 13,2 km)
Karte:

M.



23. Februar 2010 um 08:45
das liest sich teilweise ähnlich wie bei mir. nicht so hohe hügel, die aber, sind sie unbewaldet, eine schöne fernsicht ermöglichen.
ich kenn einige stellen bei uns da sieht bei föhn schon auf die alpen rüber.
lg
daniel
23. Februar 2010 um 10:50
Wobei der Clou in Rheinhessen ist, dass es wirklich gar keinen Wald gibt.
Das hat mich am Anfang immer irgendwie ein bisschen irritiert, aber wenn man sich an die weitgehend baumlose Landschaft voller Weinberge und Zwergdörfer gewöhnt hat, dann ist es total hübsch, vor allem, weil dadurch eben erst dieses Gefühl der extremen Weite entsteht.
Die Alpen kann man von da allerdings nicht sehen, Haartrockner hin oder her…
23. Februar 2010 um 13:48
ich finde es unbewaldet eh schöner, die landschaft kann atmen und bietet mehr für das auge und den panoramastitch. einziger nachteil ist im sommer eine gewisse schattenlosigkeit
23. Februar 2010 um 18:02
Stimmt, das mit dem Schatten ist teilweise problematisch. Ich hatte letzten Sommer so ein paar Touren auf den rheinhessischen Riesenplateaus hinter Mainz, bei denen wäre ich fast verdörrt…
8. März 2010 um 10:01
[...] Gipfel herum, direkt oberhalb der Hollywood-Schild-artigen metergroßen Lettern, die mir schon beim letzten Mal aufgefallen sind und diese Weinlage als ALBIGer Hundskopf (in genau dieser Schreibweise) [...]
8. März 2010 um 10:24
[...] von Alzey: Spiesheim – Ensheim – Alsbiger Hügel (11,2 km) « Laufblog bei Tiefer nach Rheinhessen hinein: Alzey – Heimersheim – Bermersheim v.d.Höhe – Albi…Daniel Kopp bei Neutscher Höhe und nördliches Modautal mit Hund [...]