Bäderbahnroute: Bad Doberan – Heiligendamm – Kühlungsborn mit Fotos (17,8 km)

21. August 2011

Wenn ich in diesem arg durchwachsenen Sommer in Norddeutschland Eins gelernt hab´, dann das:
Schönes Wetter muss man nutzen, weil es morgen wahrscheinlich schon wieder vorbei ist.
Und heute ist schönes Wetter, mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen deutlich oberhalb der 20 Grad.
Vielleicht der letzte Sommertag in diesem Jahr, und dann auch noch ein freier Sonntag – da ist Laufen quasi Pflicht, auch wenn mir die gestrige Tour an der Steilküste so ein klein bisschen in (und – dank der unzähligen Mückenstiche – vor allem auch AN) den Beinen steckt.

Also fahr´ ich laufen.
Über Mittag, nach einem faulen Vormittag mit Ausschlafen und einem ordentlichen Frühstück.
Man gönnt sich ja sonst nix… ;-)

Auch heute möchte ich natürlich ein bisschen was von Mecklenburg-Vorpommern sehen, deshalb hab´ ich mir eine mutmaßlich besonders reizvolle Strecke westlich von Rostock rausgesucht: Von Bad Doberan im Binnenland ins Seebad Heiligendamm, dann an der Ostseeküste weiter bis ins Seebad Kühlungsborn. Geht zwar nur als Einwegstrecke (hin und zurück wäre mir angesichts meiner beklagensert unfitten Jahresform schlichtweg zu weit), aber das ist überhaupt kein Problem, denn: Parallel zu meiner geplanten Route fährt der Molli, Mecklenburgs berühmte Bäderbahn, und mit dem plane ich dann ganz einfach zurück zum Ausgangspunkt zu dampfen, wenn ich erst mal am Ziel bin.
Guter Plan, finde ich, fehlt nur noch die Umsetzung!

Ich mache mich relativ früh auf den Weg – späte Mittagszeit, aufs Mittagessen verzichte ich.
Voller Bauch rennt nicht gern, und bis zum späteren Nachmittag oder gar abend mag ich heute nicht warten, nachdem mich gestern am Strand die Dunkelheit erwischt hat.

Westwärts, mit dem Auto aus Rostock raus und ein paar Kilometer durch das sanft gehügelte Mecklenburger Hinterland mit seinen kleinen Dörfern, schattigen Wäldchen und endlosen Ackerflächen, bis ich Bad Doberan erreiche, ein freundliches und überaus hübsches Städtchen mit viel Grün, schönen alten Bürgerhäusern und einem beeindruckenden Münster.

Hier lass´ ich das Auto stehen, in der Friedrich-Franz-Str. südlich des Stadtkerns, schön in Bahnhofsnähe, damit ich´s nachher nicht mehr so weit vom Molli zum Wagen habe:

Bild #1: Start!

Und los!
Sonne scheint, Himmel blau, Temperatur genau richtig, Luft riecht nach Spätsommer, Umgebung hübsch und neu, Kopf frei, Beine gut (trotz der 14 km Küstenrunde vor nicht mal 20 Stunden): So gehört das!

Die ersten 200 m. laufe ich die Franz-Str. hoch, nordwärts, vorbei an großen wilhelminischen Bürgerhausern, denen man schon ansieht, dass Doberan eine wohlhabende Vergangenheit hat, und deren helle Fassaden strahlend in der Mittagsonne leuchten:

Bild #2: Friedrich-Franz-Str.

Am Ende der Franz-Str. biege ich links auf die breite Rostocker Str. ein (gleichzeitig die B105 rüber nach – wie der Name vermuten lässt – Rostock) und laufe ein paar Meter bis zur großen Kreuzung mit der Bahnhofstr.
Kurz an der Fußgängerampel warten, dann weiter nach Norden, auf der von hohen, alten Backsteinhäusern gesäumten Bebel-Str….

Bild #3: Noch sowas, woran man erkennt, dass man in Norddeutschland ist – roter Backstein allenthalben

…die geradewegs zum grünen Herz der Stadt führt, einer gepflegten, großen Parkanlage voller Lindenalleen, alter Statuen und weißer Pavillons, gesäumt von den repräsentativsten Wohn- und Verwaltungsgebäuden aus dem 19. Jahrhundert, die Bad Doberan zu bieten hat. Heißt übrigens “Kamp”, der Park, und ist nicht nur ziemlich groß und richtig hübsch, sondern hat´s sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht. Nicht übel!

Ich laufe an der Südspitze des großen Kamp-Dreiecks ein…

Bild #4: Kamp in Bad Doberan, Südspitze

…halte mich am rechten Rand der Grünanlage, wo eine Lindenallee parallel zur Straße nach Nordosten führt…

Bild #5: Lindenallee

…passiere den weißen Pavillon in der nördlichen Parkmitte…

Bild #6: Weißer Pavillon

…bevor ich an der Nordseite des Kamp wieder rechts über die Bebel-Str. laufe und der Beethovenstr. in Richtung Münster folge.
Das hat man mir übrigens als die #1-Sehenswürdigkeit von Doberan empfohlen, folgerichtig nehm ich es selbstverständlich auch mit.
Nach 150 m. Bebel-Str. geht´s rechts rein, durch ein schönes, altes Backsteintor aufs Münstergelände:
Bild #7: Tor zum Münster

Schon wieder ein Park, mit Teichen, Wiesen und einer hohen Backsteimauer drumrum – das Gelände um´s Doberaner Münster (der sogenannte Bachgarten) war früher eines der bedeutendsten Zisterzienserklöster Deutschlands, und davon ist auch heute noch Einiges zu sehen.

Ich folge kurz der Klosterstraße, vorbei am alten Amtshaus (ehemaliges Jagdschlösschen der Fürsten von Mecklenburg), dann halblinks über einen Kanal und geradewegs aufs Münster zu:

Bild #8: Münster von Westen

Meine Herren!
Macht wirklich was her, dieses Münster, mit seinem kompakten Bau und dem turmhohen Hauptschiff, das von zwei deutlich niedrigeren Seitenschiffen gestützt und von einem schmalen, spitzen Kirchtturm überragt wird:

Bild #9: Backsteingotik in Reinkultur

Ich gönne mir ein paar stehende Momente, um alles gebührend anzustaunen (fällt nicht schwer, das Ding ist wirklich imposant), dann umrunde ich das Gebäude, einmal gegen den Uhrzeigersinn, unter den schmalen, hohen Kirchenfenstern entlang…

Bild #10: Querschiff

…vorbei am kleinen, rundlichen Beinhaus hinter der Kirche, in dem die Knochen von Generationen von Mönchen aufbewahrt liegen…

Bild #11: Beinhaus neben dem Münster

…und nochmal eine kleine Extrarunde durch den grünen, idyllischen Bachgarten mit seinen Teichen…

Bild #12: Bachgarten

…und den Ausblicken auf den Kirchenbau in seiner Mitte…

Bild #13: Postkartenmotiv par excellence

…dann geht´s wieder raus aus dem ehemaligen Klostergelände und zurück auf die Beethovenstraße, mit der ich noch ein paar Meter nordwärts laufe, bis ich schließlich an einem recht neu aussehenden Verkehrskreisel…

Bild #14: Kreisel am Ende der Beethovenstr.

…links in die Dammchaussee einbiege.
Prächtig! Für eine Stadt mit gerade mal 10 000 Einwohnern hat Doberan ein äußerst apartes Villenviertel zu bieten, durch das ich nun mittendurchlaufe – wohl ein Überbleibsel aus der Zeit, als es Ferienort für Herzoge von Mecklenburg und das wilhelminische Großbürgertum war.
Breite Alleestraße, links und rechts gesäumt von riesigen alten Bäumen…

Bild #15: Dammchaussee

…dahinter gepflegte Gärten und Herrenhäuser mit Erkern, Türmchen und hohen Fenstern:

Bild #16: Villenviertel

Insgesamt ist die Dammchaussee vielleicht 700 oder 800 m. lang, dann endet sie am Ortsausgang – ich lasse Bad Doberan hinter mir, auf einem bequemen, breiten Radweg parallel zur Landesstraße 12 und den Schienen des Molli in Richtung Heiligendamm. Schönes Stück, auf der Wanderkarte steht hier “Naturdenkmal Lindenallee”, und tatsächlich sieht es auch genauso aus:

Bild #17: Lindenallee an der Landesstraße

Läuft sich sehr bequem und entspannt, links von mir die Schmalspurschienen, die Fahrbahn und ein feuchter Wassergraben…

Bild #18

…rechts ein leicht hügeliger Acker, der strahlendhell in der Frühnachmittagsonne unter dem azurblauen Himmel liegt:

Bild #19: Wie schon beim letzten Eintrag erwähnt: Die schiere Größe der Äcker hier ist schon beeindruckend, besonders wenn man die kleinteiligere westdeutsche Landwirtschaft gewöhnt ist.

1,2 km folge ich der Landstraße, schön ruhig und gemächlich nach Nordwesten in Richtung Küste…

Bild #20: Jepp, die Richtung stimmt noch…

…durch die freundlich-wellige Mecklenburger Landschaft:

Bild #21: Das weite Küstenhinterland jenseits der Molli-Gleise. Auch hier merkt man bereits, das Land ist in der Tat deutlich dünner besiedelt als der Rest der Republik. Und dabei ist das hier in der Rostocker Ecke sogar noch weniger auffällig, wenn man erstmal weiter nach Süden und Osten ins Landesinnere kommt, wird´s schnell einsam (was mir zumindest richtig gut gefällt)

Schließlich erreiche ich eine große T-Kreuzung am Rand des “großen Wohld”, eines Waldstücks, das sich südlich des Conventer Sees bis an die Küste erstreckt. Auch hier bleibe ich auf Kurs, immer weiter Richtung Norwest/Küste, nun auf einem schmalen, teils etwas schlammigen Pfädchen, das sich parallel zur Straße zwischen den hohen, alten Eichen am Rand des großen Wohlds entlangschlängelt:

Bild #22: Pfad am Rand vom Großen Wohld

Ein angenehmes, langes Stück durch den schattigen, naturgeschützten Wald, richtig schön idyllisch, wenn man mal von der Geräuschkulisse der nahen Landstraße absieht. Und zu sehen gibt´s auch ein bisschen was, wie zum Beispiel das Gelände der Ostseerennbahn, ihres Zeichens die älteste Trabrennbahn auf dem europäischen Festland:

Bild #23: Die Zelte auf dem Rennbahngelände gehören zur Zappanale, einem der größten Musikfestivals in MV

Oder auch der Molli, der jenseits der Landstraße in Richtung Heiligendamm vorbeischnauft:

Bild #24: Erster Blick auf die Bäderbahn

Alles in allem folge ich dem Waldrand knapp drei Kilometer, bis kurz vor Heiligendamm. Dann mache ich einen kleinen Schlenker, rechts tiefer in den Wald rein – das Streckenplänchen verortet dort ein Forsthaus und eine alternative Strecke zur Küste, die – nach fast einer halben Stunde neben der Landstraße – spontan ganz attraktiv aussieht.
Also probier´ ich sie mal aus:

Bild #25: Weg zum Jagdhaus

Der Waldweg geht ein kurzes Stück geradeaus, bevor er links abbiegt, an einer Wiese mit Tontaubenschießstand und Jagdhaus vorbeiführt und schließlich in Seedeichsstraße mündet, die mitten durch den Wald bis ans Meer führt:

Bild #26: Da isse wieder: Die Ostsee!

Öffentlicher Badestrand von Heiligenbad an einem sonnigen Sonntagnachmittag: Badegäste in Scharen (gefühlte 80% sächseln, gefühlte 90% stehen so gut im Futter, dass ich mich spontan ganz besonders schlank und sportlich fühle [auch wenn das Ganze rein von der Ästhetik etwas zweifelhaft ist... ;) ]), es riecht nach Salzwasser, Frittenbude und Sonnencreme, dazu lärmende Kinder, Möwen und Beachvolleyballspieler.
Richtig was los hier!

Ich halte mich allerdings nicht lange auf, flugs auf die Strandpromenade…

Bild #27: Aufgang zur Strandpromenade in Heiligendamm

…und weiter westwärts am Strand entlang…

Bild #28: Heiligendamm ist übrigens das ältesete Seebad Deutschlands. Estd. 1793!

…rechts die See…

Bild #28: Sonne, Sand und Meer strahlen übrigens so hell, dass die arme Pocketkamera echte Probleme bekommt – zuviel Licht!

…und links eine eigentlich sehr ansehnlicher Seebadhäuser, die sich jedoch in einem erbärmlichen Zustand befinden:

Bild #29: Eigentlich sollte man annehmen, dass das absolute Premiumimmobilien sind, um die sich die Investoren reißen – aber dafür schauen die Dinger doch arg runtergekommen aus…

So langsam werden auch Wochenendbadegäste am Strand weniger, Heiligendamm wird exklusiver. Auf Höhe der Seebrücke ist der Trubel schließlich fast ganz vorbei, statt wohlgenärter Tagesgäste flanieren hier distinguierte Herrschaften meist vorgerückten Alters über die Promenade:

Bild #30: Seebrücken sind hier an der Ostsee wirklich groß in Mode, fast jedes Seebad scheint eine zu haben

Der Grund dafür strahlt mir vorne links entgegen – das Grand Hotel Heiligendamm, seines Zeichens Austragungsort des G8-Gipfels von 2007, fünf Sterne geballter Urlaubsluxus, versehen mit Säulenkollonaden, klassizistischen Fassaden und – etwas abseits und halb verdeckt – so einer Art pseudomittelalterlichem Zinnentürmchen. Schaut seeehr Nobel aus, und strahlt so hell in der Mittagsonne, dass es fast schon weh tut, hinzugucken (Dunkelblaues Meer, Hellblauer Himmel, Weiße Häuser – das Farbschema hat irgendwie was von Griechenland, finde ich):

Bild #31: Grand Hotel Heiligendamm

Und ofensichtlich muss ich da jetzt durch!
Die Strandpromenade endet nämlich offenbar hier, und nach den Erfahrungen von gestern Abend bin ich irgendwie ein bisschen zögerlich, was das wilde weiterlaufen am Naturstrand angeht. Deshalb versuche ich mein Glück mal nicht direkt am Wasser, sonder versuche lieber, nach Heiligendamm reinzukommen, übers Grand-Hotel-Gelände.
Schon die fein livrierte junge Dame, deren einziger Job es offensichtlich ist, den Kurgästen das Gartentörchen zum Hotelgelände aufzuhalten, schaut mich ein bisschen schief an (anscheinend entspreche ich mit meiner abgeranzten Quelle-Mütze, den durchgeschwitzten Laufklamotten und dem fehlenden Rollator nicht so ganz der üblichen Klientel des Etablissements :-D ), lässt mich aber passieren, und auch die gefühlten Heerscharen der anderen uniformierten Hotelangestellten, die sich mit oder ohne Golfwägelchen auf dem Gelände tummeln, sagen erstmal nichts (wahrscheinlich, weil ich ja auch ein exzentrischer kasachischer Gasmilliardär sein könnte…).
Also, einmal kurz über die Liegenschaften des ersten Hauses am Platze…

Bild #32: Grand Hotel-Vista

…vorbei am Hauptgebäude vor dem sich die Jaguars, Porsches und extradicken BMWs stapeln…

Bild #33

…dann ganz schnell an einer Schranke vorbei raus auf die Straße vor der Hotelanlage, die etwas hakelig aber mit vollen akademischen Ehren als Professor-Doktor-Vogel-Straße tituliert ist.
Grün und ruhig unter alten Bäumen. Mit einem letzten Blick runter zur Seebrücke…

Bild #34: Schon hübsch, so ein langer Steg ins Meer raus

…verabschiede ich mich mal kurz von der Küste und folge stattdessen der Vogel-Str., die eine Kurve Landeinwärts macht und an irgendeiner Kurklinik vorbeiführt:

Bild #35: Die Kurklinik selbst ist jetzt nicht so fotogen, aber es stehen hübsche Rosen davor…

Kurz nach der Kurklinik geht ein Asphaltweg rechts in den Wald rein, zum “Kinderstrand”. Klingt erst mal nach lärmenden Gören, tatsächlich gibt´s aber zuerst vor allem Autos am Straßenrand:

Bild #36: Schon interessant – als ich vor ein paar Monaten an der Nordsee war, hab´ ich dort fast keine Urlauberautos mit Ostdeutschen Kennzeichen gesehen. Hier hingegen kommt der Großteil der Touristen aus den neuen Bundesländern. Anscheinend gibt´s bei Reisen an die Küste noch einen Unterschied zwischen Ost und West…

Der Kinderstrand selbst ist ein paar Meter weiter, ein Stück die Straße entlang, dann rechts durch den schattigen, kühlen Buchenwaldstreifen bis die Ostsee wieder in Sicht kommt:

#37: Zurück am Wasser


Bild #38: Übrigens auch hier wieder ein bisschen Steilküste, wenn auch weniger hoch/steil als gestern

Aufs Laufen am Kinderstrand verzichte ich heute, Strandlaufen war ich ja schon gestern, außerdem wollen die Kurtaxe für die Strandbenutzung und es ist recht voll:

Bild #39: Kinderstrand, Heiligendamm

Stattdessen nehm ich einen ruhigen, schmalen Waldpfad der grob dem Küstenverlauf folgt…

Bild #40: Pfad durch den “kleinen Wohld”

…dabei freundlich auf- und abhügelt, zuweilen ein bisschen schlammig ist, und nach ca. einem halben Kilometer in den Ostseeradweg/Europäischen Fernwanderweg 9 übergeht, der direkt an der Küste bis nach Kühlungsborn führt.
Klingt leider netter, als es in Wirklichkeit ist, denn tatsächlich ist dieser Küstenweg eher… unspektakulär – harter Asphalt, und weder Blick aufs Meer noch ins Hinterland, stattdessen links und rechts des Weges halbhoher, struppiger Buschwald, an dem man sich nach spätestens zwei Minuten sattgesehen hat:

Bild #41: Küstenweg zwischen Heiligendamm und Kühlungsborn

Dieses Stück zieht sich.
Eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeendlos.
Insgesamt drei Kilometer, einfach immer nur weiter westwärts, hin und wieder gibt´s mal einen Strandaufgang oder einen Slalomschlenker um ein paar unaufmerksam dahinwandernde Spaziertouristen, einmal passiere ich einen Campingplatz, ansonsten… reizarm.
Außerdem baue ich gaaanz langsam ab, inzwischen bin ich nämlich deutlich über zehn Kilometer unterwegs, und der letzte Lauf gestern abend liegt ja nicht mal 20 Stunden zurück – da fangen die Beine schon so ein bisschen zu zwacken an (auch wenn das Zwacken in den Waden – noch – weniger schlimm ist als das Zwacken am Ehrgeiz, das mich daran erinnert, dass ich so eine “Belastung” vor nicht allzulanger Zeit einfach weggesteckt hätte, ohne mit der Beinbehaarung zu zucken).
Naja, ist ja nicht mehr sooo weit, denke ich mir (übrigens reiner Zweckoptimismus, denn meine Wanderkarte hat hinter Heiligendamm geendet. Folgerichtig bin ich hier im Blindflug unterwegs), und schieße ein Bild von den Möwen am Himmel, um überhaupt mal wieder was abzulichten:

Bild #42: Möwen. Weil halt.

Immerhin begegnet mir unterwegs das unnützeste Schild, das ich seit Langem gesehen habe. Ist ja auch mal was:

Bild #43: Da war am Jahresende wohl noch viel Budget übrig…

Irgendwann, nach ungefähr 15 Stunden (oder waren´s doch nur 15 Minuten? Meine subjektive Erinnerung und die objektive Streckenmessung von Google Earth sind da etwas uneins) wird der Buschwald gepflegter, der Grünstreifen am Wegrand parkartiger, und kurz darauf bin ich dann am Ziel: Ostseebad Kühlungsborn (“Ostseebad” gehört übrigens zum Stadtnamen)

Bild #44: Kühlungsborn, Ostrand

Oh halt, stimmt gar nicht, Pustekuchen mit Ziel:
Wie mich eine hilfreich am Ortseingang aufgestellte Stadtplantafel informiert (wie gesagt, meine Wanderkarte reicht nicht bis hierher, da ist so eine externe Orientierungshilfe durchaus willkommen), besteht Kühlungsborn nämlich eigentlich aus zwei Orten, Arendsee und Brunshaupten, die Ende der Dreißiger zu einer Stadt zusammengeschlossen wurden. Und wie das Leben so spielt, der Endbahnhof des Molli, den ich mir als Streckenziel auserkoren habe, liegt natürlich in Kühlungsborn West (née Arendsee), während ich gerade am äußersten Ostrand von Kühlungsborn Ost (tofkab [the Ortsteil formerly known as Brunshaupten]) stehe.
Will heißen: Zwischen mir und dem Ziel liegen quasi noch zwei Ferienorte und – als Bonus – auch noch das Wäldchen zwischen beiden.
In Zahlen: Noch drei bis vier Kilometer!
Oy vey!
Das gefällt meinen Beinen und meiner traurigen Formtiefform nicht wirklich…

Aber gut, sei´s drum, wat muss, dat muss.
Westward ho, und soweiter!

Kurz rechts, durch eine Art Schleusentor ans Wasser beim Kühlungsbornern Yachthafen:

Bild #45: Yachthafeneingang

Dort biege ich dann links ab, auf einen Holzsteg am Hafenrand….

Bild #46: Federt angenehm, wenn man drübejoggt

…vorbei Bötchen, Booten und kleinen Schiffen…

Bild #47: Gerade neulich hab´ ich mir von einem Presseoffizier der Bundesmarine erklären lassen, dass der Unterschied zwischen einem Schiff und einem Boot darin besteht, ob´s an Bord einen ersten Offizier gibt.
Aber ob das auch auf die zivile Freizeitseefahrt anwendbar ist, da bin ich mir nicht ganz so sicher…

…bis zum ersten Badestrandstück nach ein paar hundert Metern…

Bild #48: Mein erster Gedanke, als ich überhitzt und abgeäschert hier ankomme: “Ey, wie kann man sich hier nur freiwillig zum Braten in die Sonne legen?”.
Ich fürchte, aus mir wird nie ein guter Strandurlauber ;-)

…wo ich über eine Rampe auf die breite Strandpromenade oberhalb des Strandes wechsle.
Der folge ich dann. Und zwar eeeeeeeeeewig!!!
Über zwei Kilometer, zwischen Massen speckiger, unkoordinierter Badeurlauber hindurch (man merkt schon: Mit meinen Kraftreserven lässt auch meine Fähigkeit zur freundlichen Betrachtung meiner Mitmenschen nach, gerade wenn sie in so rummelig-touristischen Trauben auftreten wie auf der Kühlungsborner Promenade), schwitzend, schnaufend und ständig aufs Ziel hoffend.
Aaargl.

Nach ein paar hundert Metern komme ich an der Kühlungsborer Seebrücke vorbei…

Bild #49: So ein bisschen gleich sehen diese Dinge ja schon aus, egal wo sie stehen. Sind aber trotzdem hübsch, finde ich.

…und verordne mir noch eine kurze Pause.
Natürlich nur aus rein sportlichen Gesichtspunkten, um meine Zuckerreserven aufzufüllen.

Bild #50: Kühlt. Find´ ich gut

Der Rest ist Darben.
Der Strandpromenade will nicht aufhören…

Bild #51: Irgendwo zwischen Kühlungsborn West und Kühlungsborn Ost

…während mein Kopf und meine Beine nicht weiterwollen.
Eigentlich bin ich leer, da helfen auch der nette Ostseeblick…

Bild #52

…und die eigentlich sehr spannenden historischen Bauten nicht mehr:

Bild #53: Ehemaliger Grenzturm in Kühlungsborn. Die Ostsee war schließlich auch mal Zonengrenze und damit potentielles Fluchtgebiet – übers Meer sind´s von hier aus ungefähr 40 Kilometer bis nach Fehmarn in Schleswig-Holstein, deshalb gab´s auch hier den Eisernen Vorhang

Das schlimmste ist, ich kann an den durchnummerierten Strandaufgängen abzählen, wie weit es noch ist. Bei Aufgang 12 oder 13 muss ich links nach Kühlungsborn West rein abbiegen, aber bis dahin zieht sich wie amerikanischer Pizzakäse:

Aufgang 17.
Ein paar hundert Meter weiter Aufgang 16.
Aufgang 15…

Bild #53: Durchhalten…

Dann endlich: Kühlungsborn West, der richtige Aufgang, links hinter der Ostseeallee der Konzertgarten West – Zeit zum Abbiegen auf die Zielgerade (die keine richtige Gerade ist, aber hey…):

Bild #54: Konzertgarten West. Es gibt auch einen in Konzertgarten Ost, die beiden Dinger sind ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Zusammenlegung, als die beiden Badeorte, die später mal Kühlungsborn werden sollten, in Konkurrenz zueienander standen

Links ab, weg vom Meer, in den Ort rein…

Bild #55: Deutlich weniger los, jenseits der Strandpromenade

…und den letzten Kilometer runterwanken, auf bleiernen Waden und mit letzter (oder zumindest vorletzter Kraft).

Hermannstr.
Gnrrm.
Poststr.
Auauau.
Friedrich-Borgwardt-Str.
jahimmelsakrakruzinochmalisdennjetzendlichmalschluss

Bahnhof!

Bild #56: Ziel!


Bild #57: Eckdaten zur Rückfahrtgelegeneit

Geschafft!
Und weil ich bei sowas ja immer Glück hab, steht der Molli bereits da und dampft vor sich hin, als würde er nur noch drauf warten, dass ich einsteige.
Und genau das mach´ ich dann auch – hastig ´ne Karte erstehen, so schnell ich mit meinen Steifen Strünken kann raus zum Bahnsteig, und mit dem Trällern der Schaffnerpfeife in auf die Plattform des altmodischen Holzklasseabteils, für die ruhige, angenehm sitzende Rückfahrt, auf mehr oder minder genau derselben Strecke, die ich hergelufen bin: Kühlungsborn – Heiligendamm – Doberan.
Ist aber irgendwie deutlich weniger anstrengend, mit der Dampflok…

Bild #58: Haaachja. Sitzen…

Joa, und das war´s erstmal mit der Ostsee. Schon verflixt hübsch hier, trotz des leichten Mangels an Mittelgebirgshügeln, Weinbergen und Orten, deren Namen auf “-heim” oder “-bach” enden.
Aber so ein Meer zum Entlanglaufen, das hat andererseit auch irgendwie was… ;-)

Einzig echter Wermutstropfen: Die Erkenntnis, dass ich 30+ Kilometer in weniger als 24 Stunden im Moment nicht so richtig gut wegstecke, selbst wenn einmal Schlafen zwischendrin war.
Muss wohl mal wieder intensiver trainieren…

Strecke: 17,8 km
Zeit: Mit Sightseeing und Bildermachen so um die zweieinhalb Stunden
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 100% (17,8 km von 17,8 km)
Karte:

M.

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