Ich kann mich noch ganz gut an meine Tour am 1. Mai dieses Jahres erinnern:
Lauf im Weschnitztal, etwas unfit, doch trotz grauem, verregneten Wetter ist die Tour unterwegs immer besser geworden.
Bis dann nach knapp 10 km das hier passiert ist:
Gerade als ich das das Telefon wieder in der Gürteltasche verschwinden lassen und mich wieder auf den Weg machen will, sehe ich, dass noch eine Nachricht von gestern auf der Mailbox ist.
„Nanu“, denke ich mir, „wer kann mir denn da aufs virtuelle Band gesprochen haben? Das hör´ ich doch gleich mal ab!“
Keine gute Idee.
Damit ist der schöne Teil vom Lauf nämlich zu Ende.
Auf der Mailbox meldet sich eine freundliche Dame mit leicht norddeutschem Akzent und erklärt mir, dass sie im Auftrag eines potentiellen Arbeitgebers anruft, bei dem ich mich vor kurzem Beworben habe.
Und zwar nicht irgendein potentieller Arbeitgeber, es ist einer von den absoluten Oh-Mann-wenn-das-klappen-würde-wär-das-unglaublich-großartig-Arbeitgebern, zu denen jeder will, der im selben Metier wie ich Fuß fassen möchte.
Es gehe um meine Bewerbung, sagt sie, und ich soll doch bitte mal zurückrufen, ich könne sie bis Freitag 14:00 Uhr erreichen.
Freitag war gestern.
Freitag 14:00 Uhr ist fast 24 Stunden her.
Und ich höre die Nachricht gerade zum ersten Mal.
Folgerichtig hab´ nicht zurückgerufen!
Scheiße!
Scheiße!
OH SCHEISSE!
Meine Gedanken, die eben noch mit satten Hügelweiden und blühenden Obstbäumen und grünen Bergrücken unter rissigen Nebelwolken beschäftigt waren, kreisen plötzlich um ganz andere Dinge, von einem Moment auf den anderen hab´ ich gar keinen Kopf mehr für die Lauferei.
Rhythmus weg.
Muße weg.
Spaß am Laufen weg.
Dafür ist der Ärger wieder da, ein kalter, bleierner Klumpen in der Magengrube und im Kopf, der alles andere erstickt.
Ärger auf mich selbst („Warum hab´ ich das Dreckshandy nicht früher abgehört? Und warum hab´ ich da überhaupt noch eine Bewerbung mit meiner Handynummer verschickt, eigentlich hab´ ich die doch schon vor einiger Zeit aus genau so einem Grund aus Lebenslauf und Anschreiben getilgt?“), auf die freundliche Dame mit dem leicht norddeutschen Akzent, („Warum hat die denn nicht die Festnetznummer angerufen oder eine Mail geschickt, dann wär´ das alles nicht passiert!!“), auf die Situation („Prima, jetzt darf ich mich den Rest des Wochenendes ärgern und grübeln, bis ich am Montag morgen frühstmöglich zurückrufe“).
Garniert ist das Ganze noch mit einer gehörige Portion spontaner Unsicherheit („Warum rufen die überhaupt an? Normalerweise werden doch eher Briefe verschickt. Hab´ ich irgendwas schlimm falsch gemacht? Oder besonders gut richtig? Hab´ ich jetzt gerade eine Riesenchance vermasselt?“), et voilà – Matthias ist vollkommen von der Rolle.
Das ist inzwischen fast sechs Monate her.
Und in der Zwischenzeit ist viel passiert, auch mit dem Arbeitgeber, um den es seinerzeit ging:
Am Montag nach dem 1.Mai-Lauf hab´ ich dort angerufen und die Ungereimtheiten beseitigt.
Erfolgreich, denn einen Monat später hab´ ich die Aufgaben zur zweiten Bewerbungsrunde gekriegt.
Die hab´ ich gemeistert.
Zwei Monate danach bin ich zur dritten Bewerbungsrunde in Hannover eingeladen worden, komplett mit hartem Wissenstest und einem Tag Probearbeiten erstellen.
Das hat geklappt.
Und Mitte letzter Woche war ich dann in Hamburg, zur vierten und letzten Bewerbungsrunde, in der ich ein sechzehnköpfiges Gremium im Gespräch überzeugen musste, dass ich der Richtige für den Job bin.
Danach: Zwei Tage warten und hoffen und bangen.
Dann klingelt am Freitag Abend das Telefon.
Es ist wieder die freundliche Dame mit dem leicht norddeutschen Akzent, die mir vor fast einem halben Jahr zum ersten Mal auf die Mailbox gesprochen hat.
Und sie hat die beste Nachricht des Jahres für mich:
“Herzlichen Glückwunsch”, sagt sie, “falls Sie nichts Besseres vorhaben, sehen wir uns Anfang Februar in Hannover, wenn Sie Ihre neue Stelle bei uns antreten”.
Es hat geklappt!!!
Ich hab´ den Wunschjob beim Oh-Mann-wenn-das-klappen-würde-wär-das-unglaublich-großartig-Arbeitgeber, zu dem jeder will, der im selben Metier wie ich Fuß fassen möchte.
JAAAAAAAAAAAAAHAAAHAHAHAHAAAAAA!!!!!
antworte ich ihr.
Ziemlich laut und unbeherrscht.
Weil sich das so gehört, wenn man es tatsächlich geschafft hat, zu der Handvoll Leutchen aus Hunderten von Bewerbern zu gehören, die es am Ende geschafft haben.
Und weil es wirklich genau der Job ist, den ich mir seit Jahren wünsche.
Und weil´s endlich weitergeht.
Scheisegeil ist das, jawollja!!!
Seitdem verdaue ich die gute Nachricht.
Genüsslich, und mit einer Melange aus Erleichterung, Vorfreude und Stolz.
Wird noch ein bisschen dauern, bis ich damit durch bin, aber immerhin fange ich so langsam an, zu realisieren, was diese Entwicklung an Veränderungen mit sich bringen wird.
Nämlich viele!
Übrigens auch für den Laufblog.
Kurzfristig erstmal das hier:
Zum ersten Mal seit Monaten muss ich mir keine Sorgen machen, ob es wann wie weitergeht.
Klingt vielleicht nach nicht viel, aber tatsächlich ist es eine Riesenlast, die sich da auf einmal in Wohlgefallen aufgelöst hat.
Entsprechend hoffe ich natürlich, in den drei Monaten bis es losgeht vielleicht doch noch mal befreit und ohne schlechtes Gewissen durchstarten zu können und einfach mal wieder unbeschwert draufloszulaufen, wo ich will und wie ich will.
(wobei das natürlich auch vom Wetter abhängt: Angesichts der trüben Trauertage momentan fällt das doch etwas schwer). Mal schauen, wie das so klappt.
Und mittelfristig?
Da werd´ ich wegziehen.
Fort von Odenwald, Bergstrasse, Ried und Rhein-Main, weit in den Norden der Republik, wo das Land flach ist und die Menschen anders sind, und wo es ganz, ganz Neues viel zu entdecken gibt (und ein bisschen Altes zu vermissen. Aber das gehört nun mal dazu, denke ich).
Das wird sicher Einiges an Umgewöhnung erfordern (allein schon der Sprachduktus: “Schlachter” statt “Metzger”, “Sonnabend” statt “Samstag”, “Hamburch” statt “Hamburg”
), und wird zweifellos unglaublich spannend!
Da freu ich mich schon tierisch drauf.
Die Frage, ob und wie ich das ganze läuferisch und blogtechnisch verarbeite lasse ich allerdings nochmal offen.
Denn ich werd´ viel zu tun haben da oben zwischen Harz und Dänemark und Holland und Polen, sehr viel, und viel unterwegs sein.
Da müssen wir dann mal schauen, wieviel Zeit für den Sport und den Blog bleibt…
M.