Bensheimer Hinterland: Kirchberg und Schönberg (9,9 km)

20. November 2007

Hey, gutes Wetter!
Auch wenn es morgens noch nicht danach ausgesehen hatte, hatte es die Sonne heute Mittag, nach Tagen herbstlich-kalter Trübsal, doch tatsächlich geschafft, den allgegenwärtigen Dunst zu durchdringen, und sowas wie angenehme Herbststimmung zu erzeugen.
Endlich mal wieder Bedingungen, die Lust aufs Laufen machten, das galt es natürlich auszunutzen.

Bis ich los konnte, war´s schon relativ spät, deshalb verzichtete ich auf die Weiterführung von Projekt Nordwärts (ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust, so einen perfekten Lauftag an das vermutlich deutlich weniger spektakuläre Flachland bei Gross-Gerau zu verschwenden) und entschied mich stattdessen für eine kurze, schöne Strecke an der Bergstrasse – Hügel und Täler im Bensheimer Hinterland.

Start am Schönberger Sportplatz, in einem kleinen, hübschen Tal zwischen Fürstenlager, Bensheim und Schönberg. Kühl, aber bei wunderbarem Sonnenschein, schon beim Loslaufen konnte ich mir da ein glückliches Grinsen nicht verkneifen.

Zuerst in südwestlicher Richtung, Vorbei an einem dieser typischen gemauerten Wasserwerke („Bensheimer Hochbehälter“) in den Wald. Markierung: Burgenweg, das gute alte blaue B.
Bereits nach einem kurzen Stück wich der Burgenweg vom breiten, bequemen Spazierweg ab, und schlängelte sich parallel dazu ein paar Meter weiter rechts zwischen den Bäumen durch.
Also gut, von mir aus, dann eben durch den Wald, immer hinter dem blauen B her: Ein enger, leicht gewundener Waldlehrpfad (mit entsprechenden Infotafeln), weiches, trockenes Herbstlaub am Boden, die Strecke weitgehend eben, sehr angenehm zu laufen – wer braucht da schon den breiten Spazierweg. Rechts lichter Wald, dahinter ein offener Hügel mit mehrern Dutzend weidender Schafe, links der Hauptweg, dahinter eine schöne, sonnige Wiese.

Nach ca. 200 m. vereinigte sich der Lehrpfad wieder mit dem Spazierweg an einer kleinen Kreuzung. Geradeaus ein abfallender Hohlweg in Richtung Bensheim (Brunnenweg), ich wollte allerdings auf den Kirchberg, entsprechend hielt ich mich halbrechts, weiterhin auf dem Burgenweg, in südwestlicher Richtung die bewaldete Bergflanke oberhalb des Brunnenwegs. Hier ging´s langsam etwas bergauf, allerdings sehr moderat, entsprechend kein Problem, mit gutem Tempo einen halben Kilometer weiter durch den ansehnlichen Hochwald mit altem Baumbestand.

Kurz vor dem Ende des Waldes erreichte ich einen kleinen, steilen Pfad, der an einem umzäunten Privatgrundstück rechts steil den Hang hinunter führte, daneben ein Schild „zur Gedenkstätte am Kirchberg“. Meine Route lag eigentlich geradeaus, aber wo ich schon mal da war, beschloss ich, mir das doch mal kurz anzusehen – also ein Abstecher nach rechts, den Abhang runter (steiler und länger als erwartet – das würde ich gleich auch wieder hochlaufen müssen), dann erreichte ich die Gedenkstätte direkt oberhalb des Brunnenweges: Ein einfacher, ca. 1 m. hoher Stein mit Inschrift, errichtet zum Gedenken an zwölf Menschen, die hier 1945, drei Tage vor der Ankunft der Amerikaner, von der Gestapo ermordet worden sind. Davor ein paar frische Blumen, die davon zeugten, dass das Verbrechen auch heute noch nicht vergessen ist.
Ein trauriger Ort.

Nach kurzem Innehalten wieder den Pfad zurück den Berg hoch (aufwärts kam er mir noch ein Stückchen länger und steiler vor. Pfuuuha!), oben angekommen weiter auf der ursprünglichen Route nach Südwesten, bis zum Ende des Waldes und dem oberen Rand des Weinanbaugebietes auf dem Kirchberg.
Hier rechts, zwischen Weinberg und Waldrand die letzten paar hundert Meter aufwärts zum Gipfel des Kirchbergs und dem Kirchberghäuschen (immer noch: Blaues B).

Die letzten Meter vor der Kuppe – freue mich bereits auf den zu erwartenden Panoramablick runter in die Ebene. Fast geschafft, oben schon die Spitzen der Weinstöcke auf der anderen Seite, man sieht immer mehr, dann bin ich oben.

Boaah!!!

Schwer atmend auf der Kuppe des Kirchbergs, freie Sicht ins Ried, das heute so ganz anders aussieht als sonst: Hier oben ist alles klar und wunderbar sonnig, doch die Ebene unter mir ist in Bodennebel gehüllt, eine wabernd-diesige Fantasielandschaft aus der sich allenthalben mehr oder weniger schemenhaft Häuser, Bäume, Kirchtürme erheben, ein bisschen wie Inseln, umspült vom Dunst, gleichzeitig verdeckt und hell erleuchtet durch die Strahlen der schräg einfallenden Sonne.
Großartiger Anblick.
Jogger über dem Nebelmeer.
Ein bisschen wie bei Caspar David Friedrich (wenn auch weniger felsig, dafür weinbergiger und mit etwas mehr Sicht…)
Spätestens jetzt ist der Tag gerettet.

Kurze Pause zum Geniessen, dann wurde es trotz Sonne empfindlich kühl und ich musst weiter. Über die Terasse des Kirchberghäuschens (wenig los, nur zwei einsame Spaziergänger geniessen mit einem Gläschen Wein den Ausblick), dann auf den steilen Weg durch den Weinberg („Kalkgasse“) runter nach Bensheim (Markierung B1), dabei noch mehr Ausblick.

Unten war´s gar nicht so neblig wie es von oben ausgesehen hatte, selbst hier war die Sonne stark genug um den Dunst zu durchdringen und alles in helles (wenn auch etwas diffusen) Licht zu baden – mir soll´s recht sein, war auch viel hübscher so.

Für mich ging´s hier weiter nach Süden, am Ende des Bensheimer Stadtparks durch die enge Gasse und die steile Treppe runter zur B47/Nibelungenstrasse oberhalb des Marktplatzes (letztmalig gelaufen mit Ingo auf dem Weg zur Starkenburg) – sowohl Burgen- als auch Blütenweg (gelbes und blaues B), entsprechend leicht zu navigieren.

Kurz geradeaus, unten dem großen Brückenbogen über der Strasse hindurch, über die B47 und – etwas weiter unten – den Winkelbach/die Lauter, in das beschauliche, ältere Wohngebiet am untersten Ende des schönberger Tals (Hunsrückstr.).
Es folgte ein Stück mit einer etwas verwinkelten Wegführung, treppauf auf kleinen, teilweise extrem schmalen Fußwegen zwischen den Grundstücken hindurch, Knodener Str., Nelkenweg, Fliederweg, immer den beiden Bs folgend bis zum Wingertsweg.
Hier kurze Verwirrung, die Markierungen waren auf Anhieb nicht auffindbar, allerdings wusste ich ja ungefähr, wo ich hin wollte, und lief schließlich halbrechts den Blütenweg (= Name der Strasse, allerdings unmarkiert) hinauf, und wechselte dann über einen kleinen Fußweg an seinem Ende in die Strasse „Am Streichling“.

Hier dann noch ein Stück geradeaus bis zum Röderweg, der zugleich das unterste Ende des Knodener Höhenwegs bildet (Markierung: Gelbes Dreieck) – hier wollte ich den Berg rauf, also links.
Schon ganz ordentlicher Anstieg, ostwärts durchs Wohngebiet bis zum Ortsrand, dann geradeaus weiter in einen tief eingeschnittenen Hohlweg, links und rechts von hohen, bewachsenen Böschungen eingefasst, über denen hin und wieder mal ein bisschen Weinberg durchschimmerte, und immer weiter bergauf.

Pffuuuh!
Hier ging´s teilweise richtig steil bergauf, das kostete ´ne ganze Menge Kraft und Atem, ordentlich anstrengend. Schließlich erreichte ich aber doch – schnaubend und schnaufend – nach ca. einem Kilometer Aufstieg das obere Ende des Hohlweges, auf die langgezogene Anhöhe zwischen Schönberger und Meerbachtal. Hübsch hier oben, wunderbare Hügellandschaft mit Weinbergen, Wald, Wiesen, schöner Ausblick rechts runter auf Zell, zudem war hier erst mal Schluss mit steil, denn der Knodener Höhenweg folgte ab hier relativ eben dem Verlauf des Bergrückens, also ideal zum Verschnaufen (das hatte ich mir jetzt aber auch redlich verdient).

Bereits wenige hundert Meter weiter dann eine kleine, spannende Überraschung: Aus dem Wäldchen links von mir ragte unvermittelt ein kleiner, hübscher Turm auf, von dem ich bisher nichts gewusst hatte – genau die Art von Zufallsentdeckung, die ich beim Laufen über alles liebe. Klar, dass ich mir das aus der Nähe ansehen musste, also kleiner Sightseeing-Abstecher vom Weg ab nach links. Wie gesagt: Kleiner Turm, gemauert (laut Inschrift über der Tür 1910), mit Vorbau, davor eine Wiese mit Grillplatz. Wird übrigens das „Blaue Türmchen“ genannt, wie mir ein freundlicher Passant auf Anfrage erklärte (noch mal Danke für die Auskunft).
Alles sehr nett, dazu mit dem Nimbus des Selbstentdeckten, das war mir ein weiteres zufrieden-breites Grinsen beim Weiterlaufen wert…

Hinter dem Blauen Türmchen ging es weiter über die Anhöhe, die von der inzwischen schon sehr schräg stehenden Sonne in ein sattes, rötliches Licht getaucht wurde. Schöner Blick in den Odenwald rein, sehr komfortabel zu laufen, die Weinberge wurden weniger, dafür Felder und Wiesen auf der breiten Hochebene. Mittendrin ein gewaltiger Krähenschwarm direkt am Wegrand, wahrscheinlich mehr als einhundert Tiere, die unter lauten Protestschreien davonstoben als ich vorbeilief – faszinierender Anblick, hatte ein bisschen was von Hitchcock.

Schließlich der Waldrand oberhalb von Schönberg. Für mich bedeutete das: Weg vom Bergrücken, ins Tal runter, entsprechend scharf links, in einen weiteren Hohlweg, der hier steil nach unten führte (Baßmannweg, Markierungen gelbe 2/gelbe 3/B4). Vielleicht 600 oder 700 Meter abwärts durch den Wald, weiter unten öffnete sich der Hohlweg in ein breites, bewaldetes Tal das irgendwie was von einem verwilderten Park hatte (rechterhand eine steile Böschung, an deren oberen Ende irgendwelche großen Gebäude thronten), einem kleinen Bachlauf folgend unter einer etwas unmotiviert am Talende stehenden hübschen Brücke durch, und ich war unten, in einem Seitenarm des schönberger Tals.

Die Strasse weiter runter bis zur B47, dort rechts, ein Stück am schattigen und kühlen (die Sonne stand inzwischen so tief, dass es hier unten schon ziemlich dämmrig war) Talgrund die Bundesstrasse entlang ein paar hundert Meter talaufwärts, dabei ein toller Blick rechts hoch auf die Anhöhe, unter der ich gerade durchgelaufen war, und die von einem beeindruckenden, schlossartigen Gebäude dominiert wird (offensichtlich Schloss Falkenhof [denk´ mal an: Die in Schönberg haben nicht ein, sondern gleich zwei Schlösser – nicht schlecht, Herr Specht], über das ich allerdings fast nicht rausfinden konnte – schade, sah wirklich ziemlich großartig aus).
Vorbei an dem großen Steinmetzbetrieb in einer der unteren Kurven des Ortes, dann links scharf links, von der B47 weg, auf dem Mozenrechweg in ein weiteres, tiefes Seitental.

Hier war wieder klettern angesagt, vorbei an ein paar versteckten Wohnhäusern am Talgrund steil aufwärts in Richtung Anhöhe, wieder mal ziemlich anstrengend und aufgrund des schnell schwindenen Lichtes auch schon ziemlich dämmrig (Markierung: Gelbe 1).
Richtung oberes Talende Wiesen statt Wohnhäuser, dann freies Gelände, die Wiese unterhalb des Schönberger Sportplatzes (Auffälligstes Feature: Ein „Zelten-Verboten“-Schild auf der Wiese vor mir. Ok, zelte ich halt nicht…).
Eigentlich hätte ich hier ganz einfach und unbekümmert ein bisschen nach Westen und dann nach Norden laufen können, und wäre schnell und mühelos zum Auto gekommen.
Wollte ich aber nicht: Wo ich schon mal in Schönberg war, wollte ich auch noch mal übers Schloss und durch den Schlosspark, also stattdessen nach rechts, ein Stück die Wiese entlang, dann wieder in den Wald, halblinks am Hang entlang ins Seitental südlich des Schlosses (Markierung: Gelbe sechs).
Etwas abenteuerlich zu laufen, eher ein Trampelpfad als ein, dazu die schlechter werdende Sicht, da musste man schon ein bisschen aufpassen. Nach ein paar hundert Metern dann wieder mal ein Abstieg, hinter/zwischen den Hausern im Tal bis runter in den Hofweg, kurz links den Talgrund hoch, dann gleich wieder rechts, steil den „Gerstengrund“ bis aufs Schloss hoch, das auch von hinten und in der beginnenden Dämmerung einen wunderbaren Anblick bietet.

Hier dann über die kleine Treppe in den Schlosspark, dort eher rechts gehalten (als Ingo und ich das letzte Mal hier vorbeigekommen waren, waren wir links gelaufen, da wollte ich heute mal die andere Seite nehmen). Also aufwärts, vorbei an der Victorialinde (war´s wirklich eine Linde? Weiss ich nicht mehr, auf jeden Fall seinerzeit von Queen Victoria gepflanzt) und der großen Wiese bis zum oberen Ende des Parks, wo es allerdings keinen Ausgang mehr gab – entsprechend musste ich über ein wüstes Baugrundstück waten (hier oben wird gerade alles mit modernistischen Luxusvillen für Neureiche zugepflastert. Ob das so schön wird…?), bis ich schließlich die Strasse hinauf in Richtung Fürstenlager erreichte. Ein letzter, machbarer Anstieg bis zum einsamen Haus oberhalb des Fürstenlagers, links auf den Höhenweg am Haus vorbei, und gleich dahinter wieder links, ein paar hundert Meter abwärts bis zum Parkplatz am Schönberger Sportplatz und dem Auto (Markierung gelbe 7/gelbe 8).

Wow. Tolles Wetter, tolle Umgebung, einige spannende und unerwartete Entdeckungen – fraglos der beste Lauf der letzten Wochen, hat einen Riesenspass gemacht, entsprechend fühlte ich mich hinterher erfrischt, entspannt und glücklich. Landschaftlich ist die Gegend hinter Bensheim wirklich eine der schönsten an der ganzen Bergstrasse, mit einer wunderbaren Mischung aus Wald, Wiesen und Weinbergen, malerisch eingepasst in die sanfte oder auch weniger sanfte Hügellandschaft. Allerdings auch kraftintensiv, die Hügel hier sind zwar nicht besonders hoch, aber sie sind teilweise verdammt steil, das kann schon mal ein bisschen anstrengend werden. Allerdings so eine aparte Strecke, das ist die Anstrengung allemal Wert: Alle Daumen hoch!!!

Strecke: 9,9 km (verflixt, 150 Meter mehr und ich hätte den Lauf in die nächsthöhere Kategorie stellen können…)
Zeit: 1:10 min (= ca. 8,5 km/h bzw. 7:05 min/km – ziemlich langsam, wegen der vielen Sightseeing-Pausen und steilen Passagen).
Karte:
bensheim-hinterland-2.jpg

Interaktive Streckenkarte

M.

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4 Antworten to “Bensheimer Hinterland: Kirchberg und Schönberg (9,9 km)”


  1. […] Bensheimer Hinterland: Kirchberg und Schönberg (9,9 km) […]


  2. […] Bensheimer Hinterland: Kirchberg und Schönberg (9,9 km) […]


  3. […] wirs ruhig angehen (tatsächlich ist es hier auch wirklich etwas steiler, als ich es von meinem letzten Lauf in dieser Gegend in Erinnerung gehabt […]


  4. […] hatte ich den Baßmannweg vor knapp einem Jahr schon mal in entgegengesetzer Richtung genommen, deshalb hatte ich heute eine etwas andere Route geplant, und bog nach ca. 150 m. rechts ab, […]


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