Projekt Nordwärts: Flughafen Frankfurt – Kelsterbach (13,5 km)

4. Dezember 2007

 Projekt Nordwärts ist eine Serie von Läufen, mit denen ich in den nächsten Wochen etappenweise vom südlichen Ende des Rhein-Main-Gebietes bis nach Frankfurt am Main laufen möchte, um die Strecke des Frankfurt-Marathons an mein übriges Streckennetz anzubinden. 

Heute also Lauf #6 von Projekt Nordwärts. Letzte Woche hatte ich es ja immerhin schon bis in den Hegwald am Westrand des Frankfurter Flughafens geschafft, heute wollte ich endlich bis an den Main vorstossen (und zwar bei Kelsterbach).

Äußere Bedingungen: Pffft. Erträglich, mehr nicht (will heissen: Kein Regen [positiv], aber wieder mal einener von diesen deprimierend-tristen Herbsttagen in drögem Grau, an denen einen so gar nichts nach draußen treibt [nicht so positiv]).

Start auf dem Parkplatz am Airportring, am westlichen Ende des Flughafengeländes, von dem aus ich auf dem Fahrradweg neben der Straße nordwärts lief. Links Wald, rechts die Rollfelder, dahinter die Bauten der Cargo City Nord. Ein Kilometer geradeaus direkt an der vierspurigen, stark befahrenen Strasse entlang, dann machten Airportring und Fahrradweg an der Nordwestecke des Flughafens eine Linkskurve, von jetzt an also zwischen A3 und der Nordseite des Flughafengeländes ostwärts.

Technisch ist die Strecke am Airportring gut zu laufen, ein flacher, breiter Fahrradweg/Bürgersteig in exzellentem Zustand. Was den Laufgenuß angehnt, ist die Strecke aber nichtsdestotrotz nahe am Totalausfall: Links ein ein dürrer, 30 m. breiter Waldstreifen mit dürren Kiefern und Birken, gleich dahinter die sechsspurige lärmende A3. Rechts direkt der Airportring, seines Zeichens vierspurig und sehr stark befahren, sofort dahinter der graue Wall einer titanischen Lärmschutzwand, sicherlich 15 oder 20 m. hoch, der sich – mit ganz wenigen kleinen Unterbrechungen – kilometerweit hinzieht, jeden Blick auf das Flughafengelände abblockt, und den Lärm der Autobahn und des Airportringes regelrecht kanalisiert und verstärkt – Laut, nichts auch nur ansatzweise Sehenswertes im Sicht, dazu die kumulierten Abgase einer Autobahn, einer stark frequentierten Umgehungsstrasse und eines Großflughafens – gute Laufumgebung sieht anders aus. Zudem fühlte ich mich heute auch noch ziemlich schlaff und unfit und hatte ein leicht wattiges Gefühl im Kopf, da zog sich das Ganze natürlich um so mehr…
Aber gut, da musste ich nun mal durch.
Also weiter, eine kleine Ewigkeit den Airportring entlang gen Osten.

Nach knapp 2,3 km endlich meine Abzweigung, vom Airportring links ab, auf der Mörfelder Str. über die Autobahn und die Bahntrasse in Richtung Kelsterbach, seines Zeichens schon wieder einer der (erschreckend vielen) Orte, die ich bisher nur als Autobahnausfahrt kannte.
Wie würde es da wohl aussehen?

Naja, so lala. Direkt nach der Brücke gleich das Gewerbegebiet Kelsterbach Süd – nicht unbedingt ein berauschender Anblick, das übliche Konglomerat aus Autohäusern, Speditionsfirmen und Kühlmittelhändlern (oder sowas in der Art), in diesem Fall ergänzt Betriebe aus der Flughafenperipherie, wie beispielsweise dem NH-Airport-Hotel, einer Unterkunft mit dem äußeren Charme eines Büroblocks in der Vorstadt (ist ja eigentlich auch klar: Wer hier absteigt, tut das nur aus einem Grund, nämlich weil es direkt am Flughafen liegt – ästhetische Gesichtspunkte sind wohl eher zweitrangig…).

Nach 300 Metern war das Gewerbegebiet beendet, stattdessen nun ein halber Kilometer offenes Gelände (das sogenannte „Mittelfeld„), eine recht aparte Mischung aus Feldern und heideartigen Wiesen, dazwischen hin und wieder mal ein paar Schrebergärten, schließlich eine große Kreuzung am Ortseingang von Kelsterbach.

Gezwungenermassen eine Pause an der Ampel, dann weiter auf der Mörfelder Str. in den Ort hinein. Wohngebiet, dazwischen ein Schule, das Rathaus (Neubau), nichts Besonderes aber nach der Tristesse am Airportring auf jeden Fall schon mal eine deutlich Verbesserung (zumal das hier nur das neuere Unterdorf war, durch das historische und vermutlich noch etwas reizvollere Oberdorf kam ich gar nicht).
Nach 750 m. ein Unterführung unter der Bahntrasse durch (verziert mit Friedensbotschaften in vielen verschiedenen Sprachen – ob das hier unten was bringt, weiß ich nicht, war aber trotzdem irgendwie nett), direkt dahinter eine Grünanlage mit Klohäußchen, an dem ich links auf einen kleinen, namenlosen Fußweg zum Mainufer einbog.

Der bot erst mal eine ziemliche Überraschung, denn er entpuppte sich als Hohlweg, der relativ lange und relativ steil zwischen zwei hoch aufragenden Böschungen bergab führte – irgendwie war ich davon ausgegangen, dass hier alles mehr oder weniger dieselbe Höhe hat, stattdessen stellte sich nun heraus, dass Kelsterbach tatsächlich auf einer ca. 10 – 20 m. hohen Anhöhe über dem Flußufer sitzt, zu dem ich nun hinunter lief.
Wer hätte das gedacht?

Unten dann: Der Main, auch bekannt als „Weißwurstäquator“, angeblich ja die Grenze zwischen Nord- und Süddeutschland – breit, schnell fließend, im stumpfen Herbstlicht graubraun schimmernd. Dahinter das Panorama der nördlichen Mainebene, eingegrenzt von der dunklen Silhoutte des Taunus, in der Ferne hoch aufragend der Feldberg (hmm, der Feldberg… 880 m. ü. NN., da müsste man irgendwann auch noch mal hochlaufen…:) ).
Hübsch, trotz des trüben Depri-Wetters.
Noch hübscher allerdings das Gefühl, jetzt jeden der drei großen Flüsse unserer Region erlaufen zu haben, und das alles in einem großen, ungebrochenen Streckennetz – Rhein, Neckar, und heute eben den Main.

Wie bei seinerzeit bei den beiden anderen Flüssen musste ich natürlich erst mal ans Ufer und zumindest mal eine Hand ins Wasser halten (mein persönliches „Ich hab den Fluss erreicht“-Ritual), dabei wäre ich beinahe noch in den Fluss gefallen, dann ging´s auch schon weiter: Ich bog links auf die Mainuferpromenade ein und folgte dem Flussufer und den Markierungen nach Südwesten (wieder Mal die gute, alte Riedlinie, Blauer Kreis, die übrigens hier in Kelsterbach ihren Anfang nimmt, außerdem das Blaue M des Mainweges).

Es folgte eine lange Gerade durch die Wiesen am Mainufer, rechterhand der Fluss, links die hoch aufragende Wand der Böschung, obendrauf die ersten Häuser von Kelsterbach (eigentlich sollte man ja erwarten, dass hier am Abhang mit freiem, unverbaubaren Mainblick vor allem Villen stehen sollten, tatsächlich wirkten die Häuser da oben zumindest aus meiner Froschperspektive nicht besonders ostentativ, später standen sogar einige Plattenbauten direkt an der Steilwand).
Nach einem knappen Kilometer ging es etwas bergauf und vom Ufer Weg, oberhalb des kleinen Kelsterbacher Hafens entlag (der wird offensichtlich rege benutzt, es lagen zwei Tankschiffe vor Anker), dann wieder runter zum Main, auf die Auwiesen südwestlich der Stadt, dort dann schließlich nach ca. 600 m links, durch einen Tunnel unter der B43 und der Bahnstrecke durch in den Kelsterbacher Stadtwald/Mönchwald hinein. Kurz die Orientierung verloren (hier geht eine ganze Menge Wege in verschiedene Richtungen ab, da kommt sowas schon mal vor), dann weiter der Riedlinie folgend über die Fahrstrasse in Richtung Flughafen und auf die lange, gerade Grundschneise nach Süden (Blauer Kreis).
Schöner Mischwald, vor allem Kiefern und Stabeichen, gepflegte Wege, regelmässig aufgestellte Bänke und Infotafeln zu Geschichte und Ökologie. Nach ein paar hundert Metern rechts eine Art steiler Hügel, direkt im Anschluss die große offene Fläche des schilfumrankren Mönchwaldsees, der absolut ruhig da lag und in einem wunderschönen, ungewöhnlichen Dunkelgrün durch die Bäume schimmerte – sehr stimmig.

Direkt im Anschluss eine Kreuzung – ich wollte geradeaus, aber links lag in gerade mal 100 m. das Wildgehege im Stadtwald, das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also eben mal ein kurzer Abstecher dorthin.
Großes Areal, dicht bewachsen, nur leider konnte ich kein einziges Tier darin ausmachen, selbst als ich einmal ganz drumherum gelaufen war – offensichtlich hatten weder Rothirsche noch Mufflons Lust sich zu zeigen, kann man nichts machen…

Einmal ganz um das Wildgatter herum, dann wieder zurück in die Riedlinie, weiter südwärts durch den Wald, vorbei an einigen weiteren Infotafeln, liebevoll handgeschnitzen „Haltet den Wald sauber“-Schildern und einer Gruppe von kleinen Forsthütten auf einer Lichtung, wie gesagt, alles sehr hübsch.

Warum ich ständig darauf rumreite, dass hier alles so hübsch ist?
Ganz einfach, hier durchzulaufen hat mich ziemlich nachdenklich gemacht:
Der Kelsterbacher Stadtwald ist das Areal, das für den Ausbau des Frankfurter Flughafens vorgesehen ist. Sollten der also stattfinden (und danach sieht es ja momentan aus), würde das bedeuten, dass große Teile dieses Waldes einfach plattgemacht würden – Kiefern und Eichen, Wildgehege, Ruhebänke und Infatofaleln, Mönchwaldsee, das alles wird möglicherweise schon in wenigen Jahren einfach nicht mehr da sein.

Bisher war die Diskussion um den Flughafenausbau für mich als nicht direkt Betroffenen doch eher abstrakt (auch wenn ich Verwandschaft habe, die unmittelbar unter dem Ausbau zu leiden hätte), entsprechend hatte ich keine ausgeprägte Meinung dazu.
Heute, vor Ort, hatte ich Gelegenheit, mal ernsthaft darüber nachzudenken.

Mein Schlüsse?

1). Die Vorstellung, dass ein ganzer Wald von mehreren hundert Hektar einfach so aus dem Weg geräumt werden soll, um den ohnehin schon riesigen Frankfurter Flughafen nochmals zu vergrößern (und das zu einem Zeitpunkt, zu dem fragwürdig ist, ob der Flugverkehr angesichts von Ressourcenknappheit und ökologischen Problemen mittel- und langfristig überhaupt weiterwachsen kann), die gefällt mir ehrlich gesagt überhaupt nicht.

2). Noch weniger gefällt mir die Vorstellung, dass dieser Ausbau zudem gegen den dezidierten Willen und auf Kosten der Lebensqualität von Zehntausenden Menschen aus der Region geschehen soll, die ihren Vorbehalten seit Jahren lautstark und eindeutig Luft machen – dass das Projekt trotzdem durchgedrückt wird schmeckt bei genauerer Betrachtung in der Tat arg nach politischer Willkür, und scheint mir zutiefst undemokratisch und ungerecht.

Entsprechend dieser Überlegungen muss ich sagen, dass ich vollstes Verständnis für die Gegner des Flughafenausbaus habe, und hoffe, dass sie sich durchsetzen können.
Weiter so, Leute!

So, genug Regionalpolitik, machen wir noch schnell den Lauf zu Ende: Nach dem Abstecher zum Wildgatter also wieder auf die Riedlinie, 1 km nach Süden durch den Wald, ein kleiner Schlenker westwärts, dann auf einer langen Brücke über die Bahntrasse und die A3. Auf der anderen Seite die Kiesgrube am Mönchhofdreieck, an der ich schon beim letzten Mal vorbeigekommen war.
Hier links, auf der asphaltierten „alten Hegwaldschneise“ durch den Wald (kein Seitenstreifen oder Radweg, dazu intensiver LKW-Verkehr, entsprechend teilweise etwas unangenehm zu laufen – eben genau wie letzte Woche), nach 900 m. dann wieder der Airportring, rechts runter und noch ein kleines Stück neben der Strasse her, und ich war wieder beim Auto angekommen.

Kein besonders guter Lauf: Wetter dröge, Matthias unfit, Umgebung gerade am Flughafen alles andere als ein Hochgenuß. Immerhin wurde es um Kelsterbach herum deutlich besser, das Erreichen des Mains war schon ein kleines persönliches Highlight, und am Ende sogar noch ein bisschen politische Gewissensbildung im Mönchwald – das macht dann schon wieder Einiges wett…

Strecke: 13,5 km
Zeit: 1:22 h (= 9,88 km/h bzw. 6:05 min/km)
Karte:
kelsterbach.jpg

Interaktive Streckenkarte

M.

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2 Antworten to “Projekt Nordwärts: Flughafen Frankfurt – Kelsterbach (13,5 km)”


  1. […] Projekt Nordwärts: Flughafen Frankfurt – Kelsterbach (13,5 km) […]


  2. […] Schon am frühen Nachmittag aufgebrochen, wer weiss, wie lange das freundliche Wetter halten würde. Start in Kelsterbach, auf einem großen Parkplatz an der Sandhügelstr. Von hier aus erstmal runter zur Mörfelder Str., unter den Bahnschienen durch, auf der anderen Seite durch den kleinen, namenlosen Hohlweg runter zum Mainufer – derselbe Weg wie beim letzten Lauf durch Kelsterbach. […]


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