Mittleres Mühltal (11,3 km)

6. Dezember 2007

Mal ehrlich, so langsam geht mir dieses spätherbstliche Scheisswetter gehörig auf den Senkel.
Nicht dass ich unablässiges Kaiserwetter brauche, aber hin und wieder mal ein paar kleine Sonnenstrahlen wären dann doch ganz nett…

Zumindest heute bestand allerdings keine Chance auf Sonne, stattdessen das seit Wochen vorherrschende spätherbstliche Depri-Einheitswetter, bleigrau, windig, naß, dämmrig-düster, Temperatur zwischen 5 und 10 Grad.
Ekelhaft, da reichte eigentlich schon ein Blick aus dem Fenster, um jegliche Lust aufs Laufen im Keim zu Ersticken.

Aber nur rumhocken und mich übers Wetter ärgern wollte ich dann auch nicht, also raffte ich mich am frühen Nachmittag trotz akuter Unlust doch noch auf, um ein paar Kilometer in der traurig-trüben, tranigen Tristesse (lang lebe die Alliteration!) runterzureissen.

Eigentlich versuche ich ja, bei schlechtem Wetter eher unspektakuläre Strecken in der Ebene zu laufen, heute hatte ich aber absolut keine Lust auf windgepeitschte Schlammäcker im Flachland, stattdessen mal wieder der vordere Odenwald, genauer gesagt das mittlere Mühltal um Nieder-Ramstadt und Traisa.

Start in Nieder-Ramstadt, am unteren Ende der Rheinstrasse, der ich erstmal nordwärts in Richtung Ortsmitte folgte. Zäher Einstieg, nicht wirklich motiviert, irgendwie kurzatmig, dazu ein leichter, bohrender Belastungsschmerz im linken Oberschenkel (den hab´ ich mir gestern beim Gassigehen mit Nemo eingefangen, als ich die glorreiche Idee hatte, mal ein kleines Wettrennen mit dem Hund zu machen, und das in Strassenschuhen – hat mir neben der Demütigung, in vollem Sprint mühelos von einem kleinen, kurzbeinigen Hund überholt zu werden, auch diesen leichten Schmerz im linken Bein eingebracht, der sich jetzt leise aber konstant meldete).
Nicht so doll…

Etwas Anstieg, teilweise sehr schmaler Bürgersteig, entlang der Durchgangsstrasse, nach 500 Metern auf Höhe der Kirche dann links in die Dornwegshöhstrasse. Leicht abwärts, über die Modau durch den Ortskern, rechts der Parkplatz, von dem aus ich meine letzte Tour durchs Mühltal gestartet hatte.

Danach ging´s auch schon gleich wieder bergauf, in einen Teil von Nieder-Ramstadt, der mir gänzlich unbekannt war – Wohngebiet, etwas älter, links nach ein-, zweihundert Metern der große Komplex der Diakonie (weiterhin Dornwegshöhstr., außerdem Radweg 13).

Schließlich eine kleine Anhöhe am Ortsrand, dahinter wieder leicht bergab, 300 m. offenes Gelände am Grund eines kleinen Seitentals mit Bach, dann der Ortseingang von Trautheim, das sich hier an die Ostseite des letzten Odenwaldkammes schmiegt – an einem schöneren Tag wäre das sicherlich ein ziemlich hübscher Anblick gewesen, im schwachen, fahlgrauen Dämmerlicht unter der dichten Wolkendecke wollte sich diese Wirkung allerdings nicht so recht einstellen (vielleicht auch deshalb, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mit der Tatsache zu hadern, dass es gerade leicht zu regnen angefangen hatte – grmblmblffft, heute blieb mir aber auch nichts erspart…).

Hier ging´s rechts, die lange, gerade alte Darmstädter Str. entlang nach Norden, komfortables Wohngebiet mit teilweise recht netten Häusern. Nach 800 Metern dann die B449 nach Darmstadt. Der folgte ich kurz nach links, bis zum Waldrand am nordwestlichsten Zipfel des Ortes, dort noch mal links, südwestlich in den Wald hinein (ab hier: Markierung gelbe 4).
Ein Stück hinter den letzten Häusern von Trautheim (altes Fachwerk mit Obstgärten und weidenden Schafen, idyllisch), vorbei am ebenfalls sehr hübschen Forsthaus Emmelinenhütte, dann langsam vom Ortsrand weg, stetig aufwärts durch den kahlen Wald (dabei schwelgte ich ein bisschen in Erinnerung daran, wie es war, als ich hier das letzte mal vorbeigejoggt war: August, 28 Grad, Sommersonne, Wärme – hachje, war das schön gewesen…).

Nach etwas mehr als einem halben Kilometer machte der Waldweg eine deutlich Rechtskurve, zwischen den Kuppen des Kirch- und des Lindenbergs hindurch nach Westen, über eine Kreuzung, dann wieder südwärts. Sehr schönes Waldgebiet, in dem sich lichter, hoher Buchenwald mit dichteren Birkenhainen mit starkem Bodenbewuchs (Brombeeren?) abwechselte, eingebettet in die sanften Vorhügel des Odenwaldes, dazu der insgesamt ebene, gut gepflegte Weg, auf dem es sich angenehm laufen liess – An einem schöneren Tag hätte ich es hier sicher richtig genossen. Heute aber nicht, es regnete mir in den Kragen und meine Brille beschlug immer mehr, da gab´s wenig zu genießen.

Mehr als 1,5 km auf dem gewundenen Weg grob südwärts durch den menschenleeren Forst, schließlich schlängelte sich der Weg immer mehr nach links, abwärts und zurück in Richtung Trautheim. Kurz vor dem südlichen Ortsrand dann eine scharfe Rechtskurve, auf den Papiermüllerweg (Markierung: Gelbes V), weiter bergab, durch den Hochwald bis zum südlichen Rand des Waldstückes oberhalb der Modau und der B426 in Richtung Eberstadt.

Hier geradeaus, geradewegs den Hang runter, kleiner Hohlweg durch die Wiesen, gesäumt mit uralten knorrigen Eichen (Markierung: Roter Balken – der Weitwanderweg Odenwald-Vogesen). Unten eine asphaltierte Strasse parallel zu B426, auf der ich 150 m. nach links bis zu einer Bushaltestelle lief. Dort über die Bundesstrasse rüber, den Talgrund hinter der Papiermühle entlang. Erst ein paar Meter Strasse („An der Papiermühle“) mit Fabrikgelände und einem Mehrfamilienhaus, dann wieder ein breiter Waldweg, der an der Flanke des Kohlbergs oberhalb der Modau und den diversen Mühlen des Mühltals nach Südwesten verläuft.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, hier auf dem Weitwanderweg Odenwald-Vogesen bis zum Eingang des Beerbachtals zu laufen, dem auf der Frankensteinseite ein Stück zu folgen, und schließlich über die „Mordach“ wieder zurück nach Norden in Richtung Nieder-Ramstadt zu laufen.
Allerdings gab´s da eine Komplikation: Wer die Strecke in der letzten Zeit mal gefahren ist hat sicher bemerkt, dass am unteren Ende des Tals eine Riesenbaustelle ist, wo die B426 auf Kosten der sogenannten „Felsnase“ verbreitert wird. Entsprechend war mir von vornherein nicht klar gewesen , ob der der Fuß-/Radweg dort unten momentan überhaupt begehbar sein würde; wie sich herausstellte, war er es wohl nicht, denn kurz nach dem Ende der asphaltierten Strasse verkündete ein etwas provisorisch aussehendes Schild, dass der Radweg gesperrt sei – damit fiel die ursprünglich geplante Route am Talgrund entlang aus.
Was nun?
Umkehren wollte ich nicht, also bog ich stattdessen bei der nächsten Gelegenheit (direkt hinter der Papiermühle) links ab, auf einen unmarkierten und offensichtlich namenlosen Forstweg, der an der Flanke des Kohlberges aufwärts führte – wenn nicht durch den Talgrund, dann eben irgendwie über den Höhenzug.

Tja – der geneigte Leser kennt das ja schon: Wenn ich vom Plan abweiche und unbekannte Wege nehme, hat das meist diverse Irrungen und Wirrungen mitten in der Topographie zur Folge. Also mal sehen, wo mich dieser Weg wohl hinführen würde…

Zuerst mal vor allem bergauf, und das relativ steil und relativ lange. Über der Bohlenmühle ein kleiner Schlenker um dem Tal zu folgen, ansonsten stetig südwärts. Dröger, nieselig-grauer Mischwald, ziemlich dröge, nix Besonderes. Na ja, ausser dass der Regen stärker wurde. Prima.
Nach ca. 750 km anstieg hielt der Weg dann sein Niveau, der Wald wurde dichter und abwechslungsreicher – links vom Weg wieder mal von Buchen dominierter Hochwald, rechts dafür ein dunkgelgrünes Kieferngewirr mit extrem dichtem Bodenbewuchs aus wuchernden Beerenhecken, hatte fast was Skandinavisches. Dazwischen schimmerte hin und wieder mal, ganz weit unten, die Strasse im Beerbachtal durch, offensichtlich war ich also schon an der Felsnase vorbei, entsprechend beschrieb der Weg langsam aber stetig einen Bogen, erst nach Osten, dann – immer der Flanke des Kohlberges folgend – sogar wieder nach Norden.

Nach ziemlich genau einem Kilometer erreichte ich unvermittelt den Waldrand, vor mir ein Hang mit einer Wiese drauf – und hatte keine Ahnung, wo ich mich gerade genau befand.
Hmm.
Abzweigungen gab es allerdings eh nicht, also folgte ich halt einfach mal weiter dem Weg, irgendwo würde der schon hinführen… Ein kleiner Schlenker an einem tiefen Hochtal vorbei, auf der anderen Seite dann wieder rechts in den Wald rein, nun abwärts. Schlechter Weg, alternativ steinig und schlammig. Immerhin konnte ich nach einem kurzen Stück tief unter mir die Strasse und ein paar Häuser sehen, augenscheinlich war ich also immer noch über dem Beerbach-Tal.
Gut zu wissen.

Der Weg ging weiterhin stetig bergab durch den Wald und erreichte schlielich eine kleine Wegscheide – rechts runter eine freundliche, bequem aussehender asphaltierte Strasse weiter bergab, links ein schlammiger, finsterer Trampelpfad die Bergflanke hoch, vor den jemand ein handgemaltes Sackgassenschild gepflanzt hatte.

Hmmm.
Welchen davon sollte ich jetzt nehmen?
Ja, ja, ich weiss: Der gesunde Menschenverstand hätte sich hier auf jeden Fall für den guten, angenehmen Weg bergab entschieden.

Leider war mein gesunder Menschenverstand offensichtlich gerade auf dem Klo, deswegen meldete sich stattdessen mein weit weniger gesunder Orientierungssinn zu Wort.
Und der meinte nun mal, dass der bequeme Weg leider in die total falsche Richtung führen würde, und das es deswegen viel besser wäre, den fiesen Holperpfad bergauf zu nehmen (womit er übrigens voll daneben lag, wie ein nachträglicher Blick auf die Wanderkarte zeigte – der bequeme Weg rechts runter hätte mich genau dahin geführt, wohin ich eigentlich wollte, nämlich zu den Häusern in der Mordach. Tja, hinterher ist man immer klüger…).

Na gut, wenn mein Orientierungssinn sich so sicher ist – bitteschön, also links hoch, auf den finsteren, verwatzten Trampelfpad tiefer in den Wald.
Die ersten 50 Meter gingen noch ganz gut.
Dann verwandelte sich der Weg in eine aparte Kombination aus Wildschweinsuhle mit knöcheltiefem Morast und urwaldartigem Dornengestrüpp.

Umkehren?

I wo, mein Orientierungssinn war sich ja sicher.

Also weiter geradeaus. Knöcheltiefer Schlamm durchnässte meine Schuhe. Brombeerdornen bohrten sich in meine Schenkel (diese dünnen Lycra-Laufleggins bieten keinerlei Schutz gegen Dornen). Von oben prasselte unverdrossen kalter Regen herab.
Juppiduh, das würde ´ne tolle Anekdote…

Irgendwann, mitten im Nirgendwo wurde der Weg dann endlich kurz besser.
Dann hörte er einfach so auf.
Zugegeben, das konsternierte mich dann schon etwas.

Da stand ich also: Irgendwo im Wald zwischen Nieder-Ramstadt und dem Beerbachtal. Wo genau? Keine Ahnung.
Es regnete. Mir war kalt. Es dämmerte schon. Meine Brille war beschlagen, meine Klamotten durchnässt, meine Schuhe quatschten mit jedem Schritt etwas bräunliche Dreckbrühe hervor, ich war bis zu den Knien vollständig eingeschlämmt. Dazu hatte ich mir gerade 500 m. lang eine intensive Brombeerhecken-Akupunktur in den Arsch und die Beine verpasst.
Und jetzt war der verxklxtspgxdlkrkte Weg einfach nicht mehr da.

Oh mann, es gibt so Tage, da bleibt man besser im Bett…

Aber gut, irgendwo musste der verdammte Wald ja aufhören, ich war ja schließlich nicht beim Blair Witch Projekt (hoffte ich zumindest…). Zurück wollte ich nicht mehr, also kämpfte ich mich stattdessen weiter den Hang hoch, durch die Wildnis und das Gestrüpp immer weiter aufwärts.
Und tatsächlich: Irgendwann sah ich vor mir so was Ähnliches wie Licht (wie gesagt, es dämmerte schon, und der Tag war ja eh nicht besonders hell gewesen), nach und nach kam eine offene Wiese jenseits des Waldes in Sicht, auf die ich schließlich schnaufend hinaustaumelte.
Pfuuuh, geschafft, offenes Gelände auf einer Anhöhe, und das Beste: Vor/unter mir leuchteten die Lichter von Nieder-Ramstadt.
Hallelujah!!!

Ich wankte ein-, zweihundert Meter geradeaus über die Wiese (die eigentlich genauso morastig wie der Waldboden war, immerhin fehlten die Brombeerhecken) und erreichte schließlich einen gekiesten Feldweg (ein Weg! Ein echter Weg!!), dem ich ostwärts folgte.
Weiterhin bergab durch ein kleines Wäldchen über einem Hohlweg, bis auf einenen unglaublich einladenden asphaltierten Weg bei einer Schutzhütte („Peter-Jährlings-Ruhe“), gekennzeichnet mit der Markierung „Mt 1“ – ich war wieder auf meiner ursprünglich geplanten Route.
Yayy!

Von hier aus war´s dann ein Klacks: Links auf den asphaltieren Weg, nordwärts und abwärts in Richtung Nieder-Ramstadt. Ein weiterer Hohlweg mit alten Eichen, rechts ein Feld, auf dem surrealerweise kleine gelbe Blumen blühten und einen unerwarteten aber willkommenen Farbklecks im dunklen grau des schwindenden Tagelsichts abgaben.
Dann links ein großer Bauernhof, ein eingezäunter Fischteich, und schließlich die riesenhafte Brücke der neuen Nieder-Ramstädter Ortsumgehung. Darunter durch, und ich war wieder in Nieder-Ramstadt.
Vorbei an der Feurwehr, durch die Nieder-Beerbacher- und die Waschenbacher Str. auf die Rheinstr., noch 100 m. nach links, und ich war wieder am Auto – eingesaut, patschnass, leicht übellaunig, aber doch auch irgendwie glücklich, es geschafft zu haben.

Tja, was soll ich sagen? An einem Tag mit besserem Wetter wäre das zweifellos ein faszinierender und spannender Lauf in wunderschöner Umgebung geworden, der viel Spass gemacht hätte.
Stattdessen leider eine dröge, freudlose Quälerei durch Matsch und Dornen, bei der es mir schwerfiel, das Mühltal richtig zu würdigen. Schade, aber vielleicht mach´ ich den Lauf ja noch mal im Frühling, dann sollte eigentlich alles besser sein…

Strecke: 11,3 km
Zeit: 1:14 h (= 9,16 km/h bzw. 6:33 min/km)
Karte:
muhltal.jpg

Interaktive Streckenkarte

M.

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2 Antworten to “Mittleres Mühltal (11,3 km)”


  1. […] denen sich weidende Schafe tummelten. Dahinter die bewaldete Kuppe des Kohlbergs, an der ich mich vor ein paar Wochen so fies verirrt hatte – von hier unten sah sie eigentlich ganz harmlos […]


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