Um Hähnlein (10,8 km)

12. April 2008

Ein Trick, den man anwenden kann wenn einem in der näheren Umgebung die unbekannten Landstriche zum Erkunden ausgehen, besteht darin, in bekannten Landstrichen aber auf neuen Wegen zu laufen.
„Entdecken Light“, sozusagen.
Und genau das ist es eigentlich, was ich seit dem Ende meiner Zwangspause mache: In der Nähe bleiben und Routen und Wege wählen, die zumindest teilweise zwischen den bisher gelaufenen Strecken liegen – das macht nicht so richtig doll viel Spaß, ist aber immer noch besser als tagein tagaus dieselbe 08/15-Tour runterzureissen.

In der Praxis ist es allerdings gar nicht so leicht, solche Strecken aufzutun. Zum einen, weil das Wegenetz gerade unten im Ried gar nicht so furchtbar dicht ist, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Meist gibt´s zwischen den Orten eine Fahrstrasse – oft mit Fahrradweg, manchmal aber auch nicht – und wenn man Glück hat noch einen oder zwei gut markierte Wander/Radwege abseits der Strassen. Wenn man die erstmal abgelaufen hat, bleiben nur noch die kleinen Feld- und Wirtschaftswege übrig, die oft genug in einem ziemlich schlechten Zustand sind, keinerlei Markierungen aufweisen, und sich gerne mal in der Weite des Flachlandes im Nichts verlieren.
Nicht gerade Ideal.

Zusätzlich erschwert wird das Ganze noch durch eine Vielzahl von natürlichen und weniger natürlichen Hindernissen, die es bei der Streckenplanung zu berücksichtigen gilt: Auf den zehn Kilometern zwischen nördlicher Bergstrasse und Rhein tummeln sich u.a. zwei Autobahnen, zwei große Bahntrassen, mehrere vielbefahrenen Schnellstrassen und eine Unzahl von Flüsschen, Kanälen und Gräben, die man allesamt nur an bestimmten Punkten überwinden kann. Und von denen gibt es nur eine begrenzte Anzahl: Inzwischen habe ich die A5 auf jeder Brücke und an jeder Unterführung zwischen Darmstadt und Bensheim (insgesamt 15 Stück) mindestens einmal über- bzw. unterquert. Ähnlich sieht es bei der A67 aus (die einzigen Brücken zwischen Darmstadt und Lorsch, die ich da noch nicht genommen habe, sind die, die letztes Jahr abgerissen waren) und der Bahnstrecke Darmstadt-Heidelberg aus. Entsprechend bedeutet jede weitere Überquerung dieser Verkehrswege zwangsläufig, dass eine bereits gelaufene Strecke teilweise recyclet werden muss…

Doch trotz all dieser Schwierigkeiten, manchmal findet sich doch noch die eine oder andere Route, die aus weitgehend „unverbrauchten“ Wegen besteht.
So z.B. die von heute:
Einmal rund um Hähnlein, und das auf weitgehend ungebloggten Pfaden (ein paar davon hab´ ich der vor-Blog-Ära schon mal genommen, aber das zählt ja nicht).

Na denn mal los.

Mit von der Partie: Jost (45, Mensch) und Nemo (2, Hund).
Witterung: Freundlich-wechselhaftes Frühlingswetter, 13 Grad.
Start: Vor dem alten Silo (zumindesg glaube ich, dass es ein Silo ist) an der Landstrasse Alsbach-Hähnlein (L3112), direkt hinter der Autobahnbrücke (da, wo´s zur Kompostierungsanlage geht).

Südwärts in Richtung Kompostierungsanlage , nach einem halben km dann rechts über den Landgraben und westwärts bis an die Landstrasse nach Rodau (K66). Strammes aber entspanntes Tempo, lief gut.

Hier ganz kurz rechts hoch (Radweg 15) bis zur Abzweigung, dort dann links auf die Landstrasse in Richtung Langwaden (die weder einen Seitenstreifen noch einen Radweg hat – glücklicherweise war kein Verkehr). 400 m. weiter, dort wo die Strasse sanf nach links abknickt, geradeaus weiter über einen Feldweg, vorbei an einem Schrebergarten mit bellenden Hunden und gackerndem Geflügel (Nemo ignorierte alles geflissentlich und lief brav durch. Sehr gut) bis zum Anfang des Jägersburger Waldes, dort dann rechts, am Waldrand nach Norden bis an die Landstrasse nach Gernsheim.

Kurz links auf den Fahrradweg eingeschwenkt, nach 200 m. dann über die Strasse und auf den unmarkierten Feldweg, der 100 m. östlich der Verdichterstation nach Norden führt. Weiterhin sehr ordentliches Tempo, dazu war die Sonne rausgekommen, verflixt warm. Aber immer noch besser als Dauerregen…

Nach einem knappen halben Kilometer rechts und von nun an ostwärts in Richtung Hähnlein. Erst ein unglaublich schlüpfriger, schlammiger, pfütziger Proto-Pfad zwischen den Äckern, dann nach ca. 600 m. der wesentlich besser gepflagte Radweg 19, über den wir nach einem weiteren halben km (ziemlich eingesaut) den Nordrand des Dorfes erreichten, wo der Weg schließlich an einer T-Kreuzung endete.
Hier links hoch, über einen Weg mit altem, unebenen Kopfsteinpflaster (sehr schlecht zu laufen), nordwärts bis zur Brücke über den Landgraben auf der Höhe der Fasanenlache, hier auf den Saar-Rhein-Main-Weg und weiter geradeaus (gottseidank ab hier kein Kopfsteinpflaster mehr).

Nach knapp 900 m. mitten im Niemandsland eine Kreuzung, an der der Saar-Rhein-Main-Weg rechts abbiegt (wusste ich zum Glück noch, denn vor Ort war davon nichts zu sehen – hier ist es so flach, da gibt es einfach nichts, woran man eine Markierung anbringen könnte) und weiter bis zum sumpfigen Auwald der Hainlache führt, wo wir geradeaus/ostwärts auf dem Weg H1 weiterliefen, vorbei am Weilerhügel und dem Erlenhof (der – wie Jost richtig bemerkte – irgendwie ein bisschen was von der Southfork-Ranch hat [allerdings ohne Öhlbohrtürme, Rinderherden oder Larry Hagman, zumindest soweit wir das von aussen beurteilen konnten]).

Direkt hinter dem Erlenhof kurz links in Richtung Autobahnbrücke, dann nach 80 m. wieder rechts runter in Richtung der Autobahnraststätte, wo uns nach 400 m. ein T-Stück samt dazugehörigem Dilemma erwartete: Zwei Wege, einer rechts, einer links. Und ich wusste nicht genau, welcher der richtige war (dummerweise hatte ich mir die Strecke vorher nur ungefährt eingeprägt, weil ich dachte, ich würde mich hier gut genug auskennen. Passiert mir doch immer wieder).
Jost meinte, wir sollten rechts.
Mein Bauchgefühl sagte, wir sollten links.
Wir folgten meinem Bauchgefühl.
War natürlich falsch (wie eigentlich immer in solchen Situationen – ich sollte mir angwöhnen, genau das Gegenteil von meinem Bauchgefühl zu machen, dann müsste ich theoretisch immer dort ankommen, wo ich hin will…).
Also verirrten wir uns ein bisschen.

Anstatt auf den richtigen Weg, gerieten wir auf das Gelände der Autobanraststätte Alsbach. Wunderbar: Der Geruch von Diesel, prollige Brummifahrer bei der Bier- und Kippenpause, das Dröhnen der Autobahn.
Bloß einen richtigen Weg von hier weg gab´s irgendwie nicht (na ja, ausser der Autobahn, aber die ist irgendwie nicht das Richtige für zwei Jogger und einen kleinen Hund).
Aber Umkehren ging natürlich auch nicht (wo kämen wir denn da hin? Jeder weiss, dass die beste Vorgehensweise wenn man verirrt ist, darin besteht, so lange weiter zu laufen, bis man nicht mehr verirrt ist [zumindest im dicht besiedelten Deutschland – im Amzaonasdschungel oder der sibirischen Tundra hab´ ich es noch nicht ausprobiert 🙂 ]), also suchten wir am südlichen Ende der Raststätte nach einem Ausweg.
Schließlich fanden wir einen Trampelfpad. Es gibt immer einen Trampelpfad hinter Autobahnraststätten. Er ist grundsätzlich schmal, mit Dornen und Kletten zugepflastert und liegt voller ekelhafter… Dinge, über die man besser nicht näher nachdenkt (Hinterlassenschaften von Raststättenbenutzern, die sich durch hochzivilisatorische Errungenschaften wie der öffentlichen Toilette so verunsichert fühlen, dass sie ihren Körperfunktion lieber auf dem Trampelpfad hinter dem Klo freien Lauf lassen. Yugh!).

Dieser hier führte von der Autobahn weg, ein einer kleinen Sanddüne entlang nach Westen auf einen etwas breiteren und hygienischeren Trampelpfad, der seinerseits wieder nach Süden in ein Wäldchen führte, das eigentlich gar kein echtes Wäldchen war, sondern das größte Brombeergestrüpp der Welt.
Dort hörte er dann auf.
Grrmblblbl.

Natürlich war Umkehren weiterhin keine Option, also kämpften wir uns stattdessen in gron südwestlicher Richtung durchs Unterholz bis an den Waldrand, übersprangen einen tiefen Wassergraben, liefen über eine quatschige Feuchtwiese (Die „Birkenweide“. Keine Birken, aber immerhin ein Satz nasser Schuhe), und folgten schließlich einem offensichtlich seit Ludwig Erhards Kanzlerschaft nicht mehr benutzten Feldweg bis zum Fuß der Brücke zwischen Alsbach und Hähnlein.
Noch 200 m. nach rechts, und schon waren wir auf dem schönen, breiten, asphaltierten, angenehmen Feldweg, auf den wir automatisch erreicht hätten, wenn wir vor der Raststätte einfach nach rechts statt nach links gelaufen wären (mehr Grmblghrmll). Hier noch kurz links über die Landstrasse, und schon hatten wir´s geschafft.

Aaah! Endlich mal wieder Abenteuer, es geht doch nichts darüber, sich hin und wieder mal zünftig zu verirren – wenn man mein Ausnahmetalent hat, geht das sogar in bestens bekanntem Gelände!
Ansonsten: Netter Lauf (auch wenn die Offroad-Episode gegen Ende unsere Zeit deutlich verschlechtert hat), aber eben trotz Gestrüpp und Feuchtwiesen nur „Entdecken Light“ – nichts, woran man sich in einem halben Jahr erinnert, ich vermisse immer mehr den Odenwald. Spass gemacht hat´s trotzdem, und sowohl mein Knöchel als auch Jost und Nemo haben die Strapazen ohne Mucken ertragen, darauf lässt sich aufbauen… 😉

Strecke: 10,8 km
Zeit: 1:08 h (9,53 km/h bzw. 6:18 min/km)
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

Werbeanzeigen

3 Antworten to “Um Hähnlein (10,8 km)”

  1. Gerd Says:

    Eigentlich eine schöne Ecke zum Laufen. Und schön flach. So was such ich noch hier bei uns. Muss wahrscheinlich mehr Richtung Münster bis Aschaffenburg gehen.
    Was mich an der ganzen Geschichte ein wenig stört ist die Abhängigkeit des Autos bis ich an meiner Laufstrecke ankommen. Ich laufe am liebsten von zu Hause aus los. Ist bei deinem Anspruch Stecken nicht zweimal zu Laufen problematisch 😉
    Die Geschichte mit dem „Ver-Laufen“ kennt bestimmt jeder. Außer er läuft auf der Bahn. (Obwohl manche schaffen auch das!)

    Gruß aus Zimmern!

  2. matbs Says:

    Hi Gerd,

    flach ist die Gegend da unten auf jeden Fall. Ob sie schön ist, liegt wohl ein bisschen im Auge des Betrachters – ich vermisse ein paar anständige, lange, fiese Steigungen, und hoffe, demnächst mal wieder statt dem drögen, langweiligen Flachland den spannenden, herausfordernden Odenwald erlaufen zu können (vgl. meinen neuesten Eintrag)… 😉

    Mit dem Auto zu einer Strecke hinfahren ist auf jeden Fall eine Umstellung, die Vor- und Nachteile mit sich bringt: Einerseits kostet es Flexibilität und Spontanität (denn man fährt ja nicht einfach mal so ins Blaue und läuft irgendwo, sondern plant das eher), ausserdem kostet es Geld und ist zugegebenermassen nicht wirklich ökologisch korrekt.
    Andererseits eröffnet es einem ganz neue Laufgebiete und ermöglicht Touren an Orten, die man sonst nicht erreichen würde. Und gerade wenn man so eine unglaublich schöne Lauflandschaft in der unmittelbaren Nachbarschaft hat wie wir (nämlich den Odenwald), ist das eine richtig, richtig gute Sache.
    Entsprechend kann ich nur empfehlen, da mal über den eigenen Schatten zu springen – bereits 15 Minuten Fahrt eröffenen einem ganz neue Perspektiven und großartige neuer Erlebnisse, die das Laufen um so schöner machen… 🙂

    Zum verirren: Eigentlich mag ich es, wenn man sich ein bisschen verirrt – das gibt einem Lauf immer ein bisschen mehr Würze, und man entdeckt die tollsten Dinge, wenn man gerade mal ziellos durch die Gegend eiert. Etwas blöder ist es halt, wenn man zu mehreren Unterwegs ist – da hab´ ich dann immer das Bedürfnis, mich ständig für den Navigationsfehler zu entschuldigen (da ich eigentlich immer derjenige bin, der die Routen plant und im Kopf hat, bleibt das natürlich auch immer an mir hängen…).
    Gruß

    Matthias


  3. […] auch nicht mehr völlig neu war, denn hier waren wir <a href=”(der war auch schon von früher bekannt), “>vor ein paar Monaten schon mal durchgekommen), und nach einem halben Kilometer […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: