Abschied (7,6 km)

10. Mai 2008

Seit zwei Wochen habe ich jetzt meine neuen Schuhe, und bis auf kleinere Startschwierigkeiten funktionieren sie bestens.
Also eigentlich der richtige Moment, um meine alten, ausgelatschten, löchrigen Laufschuhe sang- und klanglos im Mülleimer verschwinden zu lassen.

Aber das wäre irgendwie nicht richtig.
Schließlich sind das nicht irgendwelche Treter.
Das sind die Schuhe, mit denen ich zu einem ernsthaften Läufer geworden bin.
Über 16 Monate und mehr als 2500 Kilometer haben sie mir treue Dienste geleistet.
Klaglos haben sie sich in meinen Diensten mit Dreck, Schweiss, und Blut vollgesogen, waren – bis auf das eine fatale Mal – immer trittsicher, und bis kurz vor dem Ende komfortabel und bequem.
Mit ihnen habe ich die gesamte Bergstrasse von Norden nach Süden erforscht und unzählige Male das Ried durchquert . Sie haben mich nach Frankfurt, nach Mannheim, nach Rheinhessen und tief in den Odenwald hinein gebracht, sind mit mir über den Rhein, den Main und den Neckar gelaufen, und zusammen haben wir die Neunkircher Höhe, den Krehberg, und den Königstuhl bei Heidelberg bezwungen. In ihnen
habe ich sowohl den größten Triumph als auch den größten Rückschlag meiner bisherigen Läuferkarriere erlebt. Gemeinsam sind wir durch Schnee und Schlamm und Dreck gejogged, auf kleinen, steilen Ziegenpfaden im Nichts genauso wie über breite, asphaltierte Bundesstrassen in der Großstadt.
Mal unter uns: Das waren verdammt gute Schuhe!


Und dafür haben sie sich zumindest einen anständigen Abschied verdient!
Deswegen wollte ich unbedingt noch einen letzten Lauf mit ihnen machen.
Nicht weit, nicht schnell, einfach noch mal eine letzte kleine gemeinsame Tour zum Ausklang, um der guten alten Zeiten Willen und um einen positiven Schlusspunkt zu setzen.

Heute war´s soweit: Wunderschöner warmer Frühsommertag mit blauem Himmel, viel Sonne, und ein ganz klein wenig Wind.
Perfekt.
Also ein letztes Mal in die alten, ausgelatschten Schuhe geschlüpft.
Ein letztes Mal die knubbeligen Schnürsenkel gebunden.
Ein letztes Mal ein klein bisschen gemeinsam gedeht.
Und los ging´s.

Eine genaue Route hatte ich noch gar nicht im Kopf, ich wollte einfach mal hoch in den Wald hinterm Haus, und dort ein paar der Strecken laufen, auf denen ich viel unterwegs war, als ich die Schuhe ganz frisch hatte – nicht die breiten, bequemen Hauptwege, sondern die kleinen Ziegenpfade, fast vergessenen Abkürzungen und schmalen Nebenstrecken am Hang – einfach noch mal eine schöne Cross-Strecke mit ordentlich Steigung.

Also erst mal hoch in den Wald, die übliche Route: Die Jossastr. hoch zum Waldrand, dann geradeaus auf dem Burgenweg (blaues B) das Darsbergtal hoch.
Wie gesagt: Ein wunderbarer Tag – draußen in der Sonne war es etwas zu warm gewesen, doch im Wald war´s perfekt, kühl, schattig, Geruch nach Frühling, singende Vögel, friedliche Abendstimmung, hin und wieder mal ein warmer, freundlicher Sonnenstrahl durch das dicke, sattgrüne Blätterdach.
Dazu fühlte ich mich entspannt, fit, und fröhlich, die alten Schuhe saßen wie angegossen, jeder Schritt machte Spass.
Herrlich!

Ca. 200 m. nach dem Waldrand bog ich scharf links ab und nahm den unmarkierten Weg auf die Anhhöhe mit dem Merckschen Wasserturm. 100 m. hinter dem Turm bog ich dann scharf rechts ab, auf den kleinen, unmarkierten Trampelpfad, der am Nordhang des Hasselbachtals in halber Höhe zwischen Pürsch- und Darsbergweg Talaufwärts führt. Schöner Blick rechts runter ins Tal auf den Darsbergweg (Burgenweg) 20 oder 30 m. weiter unten, superangenehmes Stück mit ca. 4% Steigung, das lief sich wie von selbst. Nach einem halben km. die Abzweigung am oberen Endes des Wegs, hier rechts runter auf den Darsbergweg (Burgenweg), den ich nun wieder ein Stück das Darsbergtal hinab lief.

Nach ca. 200 m. links, auf den unmarkierten Weg, der in halber Höhe zwischen dem Jossaweg und dem Alemannenweg am Waldrand um den Jossaberg läuft. Sehr angenehmes Stück, das ca. 750 m. fast ebenerdig und auf wunderbar weichem Waldboden am Hang entlangläuft, bevor es sich mit sanftem Gefälle in den tiefen, schattigen Grund des mittleren Hasselbachtals senkt. Unten angekommen bog ich links ab und folgte dem winzigen, ewig schlammigen Trampelfpfad direkt am Bachhufer talaufwärts, bis ich nach 150 m. den „offiziellen“ Hasselbachweg erreichte (wieder mal der Burgenweg, blaues B), der hier in einer weiten Serpentine durch den Talgrund führt.

Bergab wollte ich nicht, also lief ich den Hasselbachweg stattdessen bergauf (nach links). Auch das wieder ein sehr schönes Stück, das ich früher sehr viel gelaufen bin: Der Weg beschreibt bei ordentlicher Steigung erst eine weitere Serpentine nach Norden und führt dann an der Nordseite des Hasselbachtals relativ gerade weiter aufwärts, bis er nach ein paar hundert Metern die nächste Abzweigung erreicht, die wiederum im inzwischen sehr flachen Talgrund ist. Früher war mir der Aufstieg immer sehr happig vorgekommen, heute war der halbe km bergauf (mit immerhin durchschnittlich 10% Steigung) aber überhaupt gar kein Problem: Es lief zügig, entspannt, entsprechend konnte ich die wunderschöne Umgebung (herrlich frische Luft, dunkelgrüner schattiger Mischwald, durch den immer mal wieder ein Sonnenstrahl drang, singende Vögel) so richtig geniessen.
Wunderbar, machte einen Riesenspass.

Da es gerade so prächtig lief, entschloss ich, die Kletterpartie noch ein bisschen fortzusetzen und folgte deshalb an der Abzweigung dem Burgenweg nach links, auf die Anhöhe am Ende des Jossawegs, wo ich wiederum rechts abbbog, und der gelben 8 bis zur Abzweigung am oberen Ende des Hasselbachtals, direkt unterhalb der Darsberghütte folgte.

Hier war dann allerdings Schluß mit Aufstieg. Nicht weil ich nicht mehr gekonnt hätte – im Gegenteil, ich fühlte mich weiterhin topfit und hochmotiviert – sondern weil ich weiter oben auf den Pürschweg zum Melibokus hoch gestossen wäre, den ich in den letzten Wochen ja schon zur Genüge abgelaufen bin. Und Hauptwege wollte ich heute ja so weit wie möglich vermeiden, also bog ich stattdessen rechts ab und folgte der gelben 8 auf der anderen Seite des oberen Hasselbachtals wieder bergab.
400 m. am Südhang des Tals relativ steil abwärts (auf diesem Stück bin ich immer froh, wenn ich es nicht bergauf laufen muss), dann eine Linkskurve um den Bergvorsprung und runter ins nächste Tal, das des Sperbergrunds oberhalb von Alsbach.

Auch wieder ein ganz besonders schönes Stück: Der Weg (übrigens immer noch die gelbe 8 ) führt mit einem bequemen Gefälle an einem steilen Westhang ca. 400 m. sanft abwärts ins obere Ende des Sperbergrundtals, der Baumbestand ist relativ alt und entsprechend licht, so dass die weiche, warme Abendsonne immer wieder durch die hohen Wipfel schimmern konnte und ein wunderschönes Muster aus rotgoldenem Licht und dunkelgrünem Schatten an die Talwand zauberte – ein fast perfekte Idylle (lediglich der Waldarbeiter, der auf halber Strecke mit seinem rußenden Greifarm-Bagger auf dem Weg stand und Baumstämme auf einem Anhänger bugsierte, störte etwas – aber der ich war bestens gelaunt, und er machte ja nur seinen Job, also verzieh ich ihn und grüßte ihn freundlich beim Vorbeilaufen).

Am Ende des schönen Westhangs wieder mal eine Abzweigung im Talgrund, dieses Mal die unterhalb der Hoboken-Hütte. Hier wandte ich mich rechts und folgte der gelben 8 am Südhang des Sperbergrundtals weiter bergab. Nach 250 m. erreichte ich die Kurve, in der ein kleiner, unmarkierter Trampelpfad rechts runter durch den Talgrund führt. Klein, unmarkiert, war ich schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr gelaufen – das klang doch super, also rechts ab ins kühle Sperbergrundtal hinab und auf der Nordseite des Tals weiter abwärts.
Zumindest für die nächsten 200 m., danach beginnt der Weg nämlich, sich an der Talwand langsam wieder aufwärts zu schrauben – zwar immer noch westwärts in Richtung Talausgang, aber eben immer weiter vom Talgrund weg (ab hier ist er übrigens mit der gelben 6 Markiert).

Mir war´s recht, bergauf klappte weiterhin bestens, also folgte ich dem Weg stetig den Hang hoch, bis er schließlich seinen Scheitelpunkt auf dem Höhenrücken des hinteren Katharinenbergs, zwischen Hasselbach- und Sperbergrundtal, erreichte.
Hier oben gibt´s eine kleine Kreuzung, an der man die Wahl hat, entweder der gelben 6 geradeaus runter zurück ins Hasselbachtal zu folgen (bööh! Langweilig), oder aber auf einen winzigen kreuzenden Trampelfpad zu wechseln kann, der einerseits steil rechts den Hang hoch führt (bööh! Da war ich ja gerade erst hergekommen), andererseits nach links direkt dem auf dem Kamm des Katharinenbenbergs nach Westen führt (Yaaay! Klang gut).
Also links, dem leicht abschüssigen Trampelpfad über den schattig/sonnigen Höhenrücken oberhalb der beiden Täler gefolgt und nach ca. einem halben km die Grillhütte auf dem Katharinenberg, direkt oberhalb des alten Steinbruchs im Sperbergrund erreicht. Hier dann geradeaus den Abhang runter (der ist so steil, dass man ihn nicht joggen kann, dafür ist er aber mit der gelben 5 markiert), dann rechts um die Rundung des Katharinenbergs und auf dem Hasselbachweg runter in den frischen unteren Talgrund des Hasselbachtals am Waldrand (da wo die Ziegen wohnen).
Hier dann links aus dem Wald raus, den fies kopfsteinpflasterigen Hasselbachweg (über den offen der Hasselbach fliesst) durch die Wiesen zwischen Alsbach und Jugenheim bergab bis zum Alsbacher Ortseingang, dort dann rechts auf den Blütenweg bis nach Hause, auf die letzten 300 Meter legten wir (die Schuhe und ich) noch einen schnellen, leichten Abschiedssprint ein.

Tja, und das war´s dann.
Wunderbarer kleiner Lauf an einem herrlichen Abend durch den Wald, ein harmonischer und passender Schlusspunkt, wenn auch irgendwie ein klein bisschen wehmütig…
Jetzt bin ich soweit, offiziell auf die neuen umzusteigen.

Aber wegwerfen werde die Alten nicht – die kriegen jetzt einen Ehrenplatz im Schrank… 😉

In diesem Sinne:
Jungs, macht´s gut, und danke für die tolle Zeit!

New Balance 857, Januar 2007 bis Mai 2008
 

Strecke: 7,6 km
Zeit: 0:51 h (= 8,94 km/h bzw. 6:43 min/km)
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

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8 Antworten to “Abschied (7,6 km)”

  1. XYZ Says:

    Hi Matthias,
    eine sehr schöne Geste deine Alten dergestalt zu verabschieden.
    Wie wärs, die treuen Begleiter über tausende von Kilometern zu goldbroncieren (vergolden ist vielleicht etwas kostspielig) und in einem passenden Schrein zu verewigen?

    Mit den Neuen ebensoviel Erfolg und Durchhaltevermögen!
    XYZ

  2. matbs Says:

    Ja ja, es gibt schon so Tage, da hab´ ich nicht schlecht Lust, „meine Alten“ zu goldbroncieren…

    Wenn du weisst, was ich meine… 😀

  3. XYZ Says:

    Aber sicher weiss ich das…. Pfffff !!!

  4. Gerd Says:

    Hallo Matthias,
    ich denke sie habe ihren Ruhestand verdient. Nett finde ich das sie ihr „Gnadenbrot“ noch ein wenig in deinem Schrank erhalten 😉

    Gruß Gerd

  5. matbs Says:

    Wie gesagt: Sie wegzuwerfen bring´ ich einfach nicht übers Herz… 😉

    Wie geht´s denn eigentlich deinem Bein, Gerd?
    Hoffentlich ist es wieder besser.

  6. Hannes Says:

    Ein sehr schönes Bild. Ich würde es allerdings nicht übers Herz bringen, meine Füße da rein zu quälen 😀

  7. matbs Says:

    Na was heisst hier denn reinquälen?
    Die sehen doch genauso aus, wie ein anständiger Laufschuh aussehen muss: Abgeranzt, eingesaut, durchgelaufen – da kann man viel stolzer drauf sein als auf so einen Satz charakterloser, blütenweisser High-Tech-Muttersöhnchenschlappen, wie man sie bei Großveranstaltungen allenthalben an den peinlichst rasierten Beinen vieler Möchtegernprofis sieht! 😉

    PS: Mist, jetzt hab´ ich einen Hustenanfall vom vielen machomässigen Auf-die-Brust-Trommeln… 😆


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