Düstere Grübelei hinter dem Alsbacher Schloss (11,7 km)

3. Juni 2008

Mieser Tag: Irgendwie hab´ ich mir gestern oder vorgestern einen leichten Zug geholt (vielleicht beim Autofahren mit offenem Fenster nach dem letzten Lauf?) und bin heute morgen mit verspanntem Nacken, leicht migräneartigen Kopfschmerzen und einem blümeranten Gefühl in der Magengegend aufgewacht, fühlte mich irgendwie unkonzentriert, matt, lustlos, etwas deprimiert.

Wurde im Lauf des Tages mit Hilfe einer langen, entspannenden heißen Dusche, einer Handvoll Aspirin und einem unfreiwilligen Kurznickerchen nach dem Mittagessen (nur ganz kurz die Augen zu, auf einmal war´s eine halbe Stunde später) zwar ewas besser, aber richtig Lust aufs Laufen hatte ich nicht. Wohin auch? Schließlich raffte ich mich dann doch gegen Abend noch auf, suchte mir eine alte Tour aus dem Archiv raus und lief unmotiviert los.

11,7 km Waldroute übers Melibokusmassiv und das Alsbacher Schloss, war ich letzten September schon mal mit Nemo gelaufen. Heute ohne Hund, war zwar frischer und kühler als in den letzten Tagen, aber immer noch zu warm.
Ausserdem wollte ich allein sein, mal ein bisschen nachdenken, meine Gedanken ordnen.

Die Strecke: Von Jugenheim über Jossastr. in den Wald, auf dem Burgenweg das Hasselbachtal hoch, auf die Anhöhe am Merckschen Wasserturm, dann weiter zum Pürschweg (SJ2). Den links runter in Richtung Balkhäuser Tal, an der Kreuzung oberhalb des Kristallerwegs rechts auf den Melibokusweg, den 2 km aufwärts bis zur Darsberghütte auf dem Bergrücken (erst gelbe 3, dann gelbe 7). Dort wieder auf den Pürschweg (SJ2), 650 m. weiter aufwärts, dann halbrechts ab auf den Hohe-Stich-Weg, den durch das weite, lichte Hochtal abwärts und an seinem Ende geradeaus auf der gelben 4 am Erlengrund vorbei, runter in Richtung Schloss, an der scharfen Kehre auf halber Höhe geradeaus auf den unmarkierten Herrenweg. 400 m. um das dicht mit Nadelbäumen (Kiefern?) bestandene Tal, an dessen Ende dann rechts und über den gerade Weg auf dem vorgelagerten Bergrücken runter auf den Comoder Weg, dort dann dem blauen B bis zum Alsbacher Schloss gefolgt. Ehrenrunde ums Schloss, dann auf der gelben 3 an der Schranke vorbei und runter bis nach Alsbach, die hochgelegene Hindenburgstr. entlang (die großartige Aussicht ausnahmsweise mal kaum zur Kenntnis genommen), links die Schlossstr. runter, dann kurz durch die Hauptstr., die nächste rechts und über Lindestr., „Am Katharinenberg“, Jugenheimer Str. und den Blütenweg im Feld (gelbes B) zurück nach Hause.
Soviel zu den Basics.
So richtig viel kriegte ich davon aber nicht mit. Ereignisarmer Lauf, relativ hohes Tempo, relativ viele andere Jogger, die ich geistesabwesend grüßte. Ansonsten war ich ziemlich in mich gekehrt, dachte nach.
Und zwar darüber:

Im Moment bin ich irgendwie ein bisschen unzufrieden. Mir fehlt beim Laufen vielleicht einfach ein bisschen die Richtung – den Bänderriss und seine Folgen hab´ ich endgültig überwunden, ein großes konkretes Ziel wir den Marathon letztes Jahr hab´ ich nicht (und im Moment will ich mich auch auf keins festlegen, da gibt es gerade andere Dinge in meinem Leben, die erstmal wichtiger sind). Und ausserdem gehen mir so langsam wirklich die neuen Strecken in der Nähe aus. Das ist an sich nichts Neues, aber langsam wird´s immer akuter.
Mag jetzt auf den ersten Blick gar nicht so tragisch klingen, für mich ist es aber schon ein Problem.
Warum?
Weil damit das wegfällt, was mir beim Laufen am meisten Spass macht, der Hauptgrund, warum ich regelmässig die Schuhe schnüre und loslaufe: Ich bin nicht besonders schnell oder ausdauernd, laufe nicht in erster Linie, um fit zu bleiben (auch wenn das ein schöner Nebeneffekt ist) oder mir und Anderen was zu beweisen. Es geht mir nicht ums Besser Sein, die Selbstüberwindung oder das Brechen von Bestzeiten, genausowenig wie die um das Adrenalin und Endorphine.
Meine Droge, die Essenz dessen, was mich als Läufer ausmacht, ist das Entdecken. Irgendwohin, wo ich noch nicht war, Neugier befriedigen, neue Wege ausprobieren, andere Orte kennen lernen, einfach mal sehen, was hinter dem nächsten Hügel liegt.
Das ist der Grund, warum ich loslaufe. Das ist es, worauf ich mich vorher freue, und was mich unterwegs glücklich macht. Das, was mir am Wichtigsten ist, am meisten Spass macht, mich am ehesten motiviert.

Aber gerade das wird einfach immer schwieriger. Inzwischen weiss ich, was hinter dem nächsten Hügel liegt.
Und dem Übernächsten.
Und dem Überübernächsten…
Wenn ich heute auf die Karte gucke, finde ich in mittelbarer Entfernung von Zuhause keine weissen Flecken, keine unbekannten Orte mehr. Nur die gelbe Linien, die besagen, dass ich da schon mal war.
Jedes Mal, wenn ich jetzt plane, wird es schwieriger, ein Strecke zu plotten, die mich anspricht, neugierig macht, auf die ich so richtig Lust habe.

In den letzten Wochen habe ich dieses Dilemma ja mit einem Kompromiß gelöst: Entdecken Light.
Bin einfach in der nähe von Zuhause gelaufen, aber habe versucht, bewusst die Wege und Pfade zu wählen, die noch nicht gebloggt waren (auch wenn ich sie fast alle aus Prä-Blog-Zeiten kannte).
War nicht so gut, hat aber erstmal gereicht.
Aber auch damit ist so langsam Schluss. Mein Laufnetz in der näheren Umgebung sieht inzwischen so aus:

Da ist einfach nicht mehr viel übrig, inzwischen hab´ ich selbst die meisten obskuren Trampelfpade erlaufen. Ok, im dichten Wegenetz am Melibokus gibt´s noch den einen oder anderen Nebenweg, der noch fehlt, aber das sind eigentlich nur noch kurze Verbindungsstücke zwischen den bereits gelaufenen Passagen, die meisten davon zudem so schlecht, dass sie eh nicht joggbar sind.
Und mal ehrlich: Wenn ich von 15 km Strecke gerade mal ein paar hundert Meter „neue“ Wege laufe, von denen ich zudem eh schon weiss, wo sie rauskommen – das ist auch nix.

An dieser Stelle mag der eine oder andere geneigte Leser jetzt vielleicht genervz den Kopf schütteln:
„Was soll denn das weinerliche Rumgepiense überhaupt? Soll der Depp halt einfach die Arschbacken zusammenkneifen und mehr Strecken laufen, die er schon mal gemacht hat, und gut is´“
Tja…
Aber so einfach ist es eben nicht.
Joggen ist für mich in den letzten zwei durchaus nicht einfachen Jahren mehr und mehr zu einem integralen Teil meines Lebens geworden, zu einer Quelle der Kraft und der Inspiration, und zu einer Möglichkeit, meinen Freiheitsdrang und meine Neugierde auszuleben, wenn dafür in meinem restlichen Alltag scheinbar kein Platz mehr war.
Der Hauptgrund, warum das alles geklappt hat, das Element, das für mich beim Joggen jahrelang am wichtigsten war, das wird nun immer schwieriger umzusetzen.
Vielleicht kann ich auch ohne klarkommen, keine Ahnung, aber eigentlich will ich das gar nicht…
Und ich habe die Befürchtung, dass das Joggen ohne dieses Element zu einer lästigen Routineangelegenheit werden könnte, einem sinnentleerter Automatismus, den man macht, weil man halt muss, nicht weil man es will wirklich will.
Das macht mir wirklich ein bisschen Angst.

Aber richtige Alternativen sehe ich gerade auch keine. Fürs regelmässig weiter weg Fahren und dort laufen fehlt mir im Moment die Zeit und die Muße, da sind andere Dinge in meinem Leben im Moment wie gesagt einfach viel wichtiger. Mal ganz abgesehen davon, dass es weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll erscheint: Viermal die Woche 1 bis 2 Stunden AUto zu fahren, nur um dann 1,5 h zu laufen, das kann und will ich mir im Moment auch nicht leisten…

Tja, was bringt die Zukunft?
Ich weiss ich nicht.
Eine Lösung für diese leichte Unzufriedenheit hab´ ich während des heutigen Laufs zumindest nicht gefunden – der Laufblog wird am 1. Juli ein Jahr alt. Bis dahin mache ich auf jeden Fall weiter wie bisher.
Danach? Keine Ahnung. Vielleicht ist es dann ja mal Zeit für eine kleine Auszeit oder eine Neuorientierung.
Die Zeit wird´s weisen…

So, soviel zum meinen unzufriedenen und leicht frustrierten Gedankengängen während des heutigen Laufs. Der war dann übrigens irgendwein einfach so zu Ende. 1:08 für 11,7 km, richtig schnell für einen Berglauf – die Mischung aus Unzufriedenheit, Aspirin, Benommenheit und Geistesabwesenheit…

Zum Abschluss: Sorry für die egozentrische und weinerlich-wirre Nabelschau und meine finsteren kleinen Neurotikersorgen. Wie gesagt, ein mieser Tag, da war mir einfach mal danach. Sind wohl die Kopfschmerzen, vielleicht fühle ich mich auch einfach ein bisschen ausgebrannter, niedergeschlagener, müder oder frustrierter als sonst.
Beim nächsten Mal ist wahrscheinlich schon wieder gut…

Strecke: 11,7 km
Zeit: 1:08 h (10,32 km/h bzw. 5:49 min/km)
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

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5 Antworten to “Düstere Grübelei hinter dem Alsbacher Schloss (11,7 km)”

  1. XYZ Says:

    Hallo Matthias,
    Kopf hoch, wird schon wieder! Im Moment scheint eine Depri-Atmoshären Wolke über vielem zu hängen, trüb und dumpf, (siehe nahe Vergangenheit!!!!).
    Es gibt doch diese schöne Geschichte, dass auch über den dicksten und bedrohlichsten Wolken die Sonne unentwegt, fast unendlich strahlend steht.
    Lass dir das Laufen nicht verleiten, es genügen vielleicht einfach etwas veränderte Vorgaben und Ziele um die Freude daran nicht zu verlieren. Mir ist aufgefallen mit welcher Freude du Läuferkollegen deine „Welt“ zeigst!???
    Deshalb „KEEP ON RUNNING“
    D

  2. Gerd Says:

    He Alter, was geht denn hier ab. Du wirst dich doch hoffentlich nicht hängen lassen. Ich brauche deine coolen Laufberichte. Wenn Dir neue Anreize fehlen lauf doch alles nochmal Rückwärts. Aus dieser Perspektive hast Du deine Strecken noch nicht gesehen. 😉

    Außerdem sehen Strecken zu verschiedenen Jahreszeiten unterschiedlich aus. Kombienier verschiedene Strecken, egal was, aber hör nicht auf zu Laufen.
    Kannst Du doch auch gar nicht….
    Außerdem hab ich noch eine Lauf in meinem Terrain gut 😆
    Es kommen auch wieder bessere Zeiten.

    Gruß Gerd

  3. matbs Says:

    Hi!

    Danke für euren Zuspruch, das hilft natürlich! 🙂

    Gestern war halt so ein ganz komischer Tag, an dem mich einfach alles genervt hat und ich zu gar nichts Lust hatte, dazu bin ich momentan eh etwas im Stress, das färbt dann einfach mal durch.

    Ist aber wirklich nicht so schlimm wie´s klingt, heute ist das schon wieder wesentlich besser, und morgen lauf´ ich dann allem Geunke zum Trotz irgendeine neue Strecke mitten durch die gelben Linien durch.
    Und schreib´ drüber. Ohne mich zu beschweren.
    Versprochen! 😉

    Danke!


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