90 Minuten Südwärts (16,7 km)

10. Juni 2008

Heute wollte ich mal ein kleines Experiment machen, das ich so noch nicht versucht hatte (wenn einem die unbekannten Strecken ausgehen, muss man sich eben hin und wieder mal was Neues ausdenken):

Was passiert eigentlich, wenn ich genau Eineinhalb Stunden in eine bestimmte Richtung laufe, ohne vorher eine Route festzulegen? Wie weit, wohin komme ich da, wie fühlt sich das an?

Die Grundidee dazu hatte mir schon seit dem Cooper-Test neulich im Kopf herumgeschwebt, praktisch als Gegenstück zu meinen üblichen Läufen. Normalerweise plane ich eine Strecke, und sehe dann beim Laufen, wie lange ich dafür brauche. Heute wollte ich eine Zeit festlegen, und einfach mal sehen, wie weit ich in dieser Zeit käme, ohne vorher was geplant zu haben (wobei es mir nicht um die Kilometerleistung ging [die war klar, das würden etwas über 15 werden], sondern vor allem um den geografisch-entdeckerischen Aspekt).
Einfach mal drauflos laufen, und sehen, wohin ich komme, das klang spannend.

Natürlich braucht es für sowas erstmal eine Richtung, aber die war schnell klar: Südwärts, an Bundesstrasse 3 entlang, durch die Dörfer und Städte am Fuß der Bergstrasse soweit mich die Füße in 90 Minuten tragen würden.
Die B3 nach Bensheim kenne ich natürlich sehr gut, aber eigentlich nur als „Autofahrerstrecke“. Gelaufen war ich hier zwar auch schon, aber immer nur Teilbereiche (und die meisten davon nicht von zuhause aus) – am Stück hatte ich sie bisher wirklich nur im PKW befahren, und da erlebt man sowas ganz anders als zu Fuß: Man ist viel schneller, strengt sich kaum an, ist mit einer anderen Motivation unterwegs (Laufen ist Selbstzweck, Fahren ein Mittel zum Zweck, zumindest für mich), achtet nicht sosehr auf die Umgebung.
Entsprechend war mir die Strecke einerseits bekannt (für den Autofahrer Matthias), gleichzeitig jedoch unbekannt (für den Läufer Matthias), das fand ich total faszinierend.
Richtig einschätzen konnte ich sie im Vorfeld auch nicht, keine Ahnung wie weit es von zuhause bis Zwingenberg/Auerbach/Bensheim ist – das war mit dem Auto nie relevant gewesen, also hatte ich noch nie vorher darauf geachtet. Wie weit ich in den 90 Minuten kommen würde?
Keine Ahnung!
Und das war auch gut so! 😀
(und natürlich verkniff ich mir jede Messung im Vorfeld, um mir die Überraschung nicht zu verderben…)


Später Start, kurz nach acht Uhr abends: Zum Einen war es heute richtig heiss gewesen, so dass ich erst die abendliche Kühle abwarten wollte, zum anderen hatten sich seit dem nachmittag bedrohlich dräuende Gewitterwolken am nördlichen Horizont herumgetrieben, denen ich nicht so ganz getraut hatte. Nachdem sie aber nach mehreren Stunden keinen Deut näher gekommen war, machte ich mich dann doch auf – ich wollte ja in die andere Richtung, und selbst wenn sie mir folgen und mich einholen sollten, würde ich in den Orten an der B3 genug Gelegenheiten zum Unterstellen finden. Noch kurz den „Taxiservice“ für die Rückfahrt organisiert, und los ging´s!

Direkt beim Loslaufen startete ich den 90-Minuten-Countdown allerdings noch nicht – ich wollte ja an der B3 laufen, da musste ich ja erstmal hinkommen. Also von zuhause aus auf dem Blütenweg (gelbes B) aus Jugenheim raus, dann nach 50 m. rechts runter und durch die Felder an die Landstrasse zwischen Jugenheim und Alsbach. Ist zwar nicht die Neue Bergstrasse (B3) sondern die Alte (L3100), aber da die beiden parallel verlaufen und sich in Zwingenberg schließlich sowieso vereinen, fing ich mal hier an.
Feldwegmündung an der L3100 Jugenheim – Alsbach: Start des Countdowns, ab jetzt 90 Minuten stur nach Süden.

Zuerst mal links, nach Alsbach rein, zügig aber nicht gehetzt. Es ist noch ziemlich warm, die Sonne steht schräg aber hat noch Kraft, hinter mir rumpeln die bewegungslosen Gewitterwolken vor sich hin.
Am Anfang läuft´s nicht so gut: Vor allem mein linkes Bein macht leichte Probleme, schmerzt von der Wade übers Knie bis in den vorderen Oberschenkel ein bisschen vor sich hin, fühlt sich steif und wenig spritzig an. Wahrscheinlich liegt´s daran, dass ich den letzten Wochen kaum regenerative Läufe hatte – entweder steil oder schnell, das geht nun mal in die Beine. Na ja, erstnak eben etwas holprig, wird sich hoffentlich noch einlaufen…

Trotzdem bin ich insgesamt ganz gut unterwegs, passiere Skoberne und Tengelmann, überquere die Kreuzung am Beuneweg, vorbei an der Bushaltestelle (die von einem Pulk hässlicher saufender Teenies in peinlichen Hip-Hop-Klamotten besetzt ist. Dies Jugend von Heute…), dann runter zur Melibokusschule und dem Kreisverkehr im südlichen Ortskern. Halte mich auf der rechten Strassenseite, das spenden die Häuser schon etwas Schatten, das ist angenehm.

Über den Kreisel, noch 300 m. bis zur Feuerwehr, dann habe ich den Ortsrand erreicht. Blick auf die Uhr zeigt: Die ersten 10 Minuten sind auch schon rum.
Minute 0 bis Minute 10: 1,63 km (= 9,78 km/h bzw. 6:08 min/km) – noch unter 10 km/h, muss noch in fahrt kommen…

Jetzt erstmal auf dem Radweg neben der Landstrasse weiter nach Zwingenberg, rechts Äcker, links Weinberge, dieses Bild werde ich heute noch oft zu sehen kriegen. Sonnig und warm, aber ich komme klar. Das linke Bein quengelt immer noch, sträubt sich aber schon etwas weniger, der Lauf wird runder. Nach 500 m. bin ich dann schon in Zwingenberg, folge der B3 auf der Alsbacher Str. weiter nach Süden. Nach etwas über einem halben Kilometer geht sie leicht abwärts (gleichzeitig wird der Bürgersteig schmal und uneben, das ist etwas unangenehm) und mündet schließlich in die Darmstädter Str. Jetzt bin ich an der B3, der muss ich nur noch folgen…

Auf der rechten Seite der Bundesstrasse durch den Ortskern, rechts die Scheuergasse und moderneren Geschäftshäuser, links jenseits der Strasse der Löwenplatz und die pittoreskeAltstadt.
Interessanterweise nehme ich die Strecke bisher tatsächlich auf zwei verschiedene Arten wahr: Der Autofahrer in mir, der es gewöhnt ist, hier wesentlich schneller durchzufahren, merkt an, dass sich das ja ganz schön zieht. Der Läufer in mir empfindet hingegen das genaue Gegenteil: „Wow, schon hier, da bin ich ja gut unterwegs“. Faszinierend, sich diese Diskrepanz mal so bewusst vor Augen zu führen…

Inzwischen bin ich am Ende der Altstadt angekommen – fast schon durch Zwingenberg durch, und die Uhr zeigt gerade mal erst 20 Minuten. So langsam beginne ich zu ahnen, dass ich es wahrscheinlich weiter schaffen werde, als ich ursprünglich geplant hatte.
Minute 10 bis Minute 20: 1,76 km (= 10,56 km/h, bzw. 5:41 min/km) – schon schneller…

Weiter durch Zwingenberg, das doch noch etwas länger als gedacht ist, und schließlich fast nahtlos in den Bensheimer Stadteil Auerbach übergeht. Hier haben die meisten der alten Häuser großzügige Gärten mit viel Grün, da ist es schattig und kühl, das ist sehr willkommen – so langsam ist mir trotz der sinkenden Sonne ordentlich warm und ich habe schon etwas Durst, gut dass gleich die erste Trinkpause ist. Vorher aber noch 800 m. durch das ruhige, abendliche Auerbach, wenig los, das passt mir gut in den Kram, ich komme gut durch, muss an den Querstrassen nicht anhalten, kaum andere Passanten auf dem schön begrünten Fußweg. Lediglich eine ältere Dame kommt mir ein paar hundert Meter nach dem Ortseingang entgegen. Als sie mich sieht, strahlt sie übers ganze Gesicht und feuert mich freundlich an, einfach so. Das freut mich.

Ca. 800 m. nach dem Ortseingang, auf Höhe der Jet-Tankstelle, bin ich genau 30 Minuten unterwegs. Ein Drittel geschafft. Noch eine ganze Stunde, und ich bin schon fast in Bensheim – mannoman, das wird wirklich weiter als erwartet… Erstmal ist aber Zeit für die erste Trinkpause.
Minute 20 bis Minute 30: 1,71 km (= 10,26 km/h, bzw. 5:53 min/km)

Aah, das tut gut. Zwei Minuten gehen (Zeit läuft natürlich weiter), Beine Ausschütteln, Kühlwasser überkippen, 175 ml. lauwarmes Iso-Gesöff.
Und weiter.
Jetzt läuft´s Prima, die Gehpause hat gut getan. Der harte Asphalt fällt kaum auf, mein linkes Bein hat sich in sein Schicksal ergeben und das Grummeln fast völlig eingestellt – geht doch… 🙂

Natürlich bin ich noch nicht fast in Bensheim, auch Auerbach ist lang. Während ich in Richtung Ortskern laufe, verspüre ich weiterhin diese seltsam geteilte Streckenwahrnehmung, in der mir die Route einerseits unnatürlich langgezogen vorkommt (weil man hier mit dem Auto in fünf Minuten durch ist), ich mich aber zugleich wundere, wie schnell ich bis hierher gekommen bin („Wow, da guck an, da oben zieht schon das Auerbacher Schloss vorbei“). Wirklich faszinierend…
Durch Auerbach hindurch, an der großen Kreuzung unterhalb des Fürstenlagers vorbei, dann die lange, breite Darmstädter Str. entlang (puuh, schon wieder ganz schön warm, und das, obwohl die Sonne inzwischen so schräg steht, dass sie nicht mehr über die Hauser reicht), bis Auerbach nach ca. 700 m. nahtlos in Bensheim aufgeht.
Villenviertel, tolle alte Häuser in großen Gärten mit vielen hohen Bäumen, angenehm frisch, das beflügelt.

Kurz hinter dem Bensheimer Ortsschild vermeldet die Uhr Minute 40 Minuten.
Wow! Immer noch nicht die Hälfte, und ich hab´ schon Bensheim erreicht!
So langsam muss ich meine nebulösen Erwartungen vom Loslaufen ernsthaft nach oben korrigieren – wenn das so weiterläuft, werde ich es nicht nur bis Bensheim oder Heppenheim schaffen, sondern vielleicht sogar noch darüber hinaus!
Und bis hinter Heppenheim zu kommen, das bedeutet vielleicht sogar die Landesgrenze zu überqueren, bis nach Baden-Württemberg hinein – der Gedanke ist fast schon surreal, das hatte ich vor dem Start nicht mal in Betracht gezogen. In meiner persönlichen Lebenswirklichkeit ist die Grenze weit, weit weg, die überquert man mit dem Auto oder mit dem Zug, aber nicht von zuhause aus per Pedes.

Oder…?

Ich muss grinsen.
Allein die Vorstellung ist so unerwartet, so exotisch, so spannend, dass ich kaum an mich halten kann.
Mann, Mann, Mann, wenn das klappen würde, das wär´ ja unglaublich…
Minute 30 bis Minute 40: 1,58 km (= 9,48 km/h, bzw. 6:20 min/km) – deutlich langsamer, aber das liegt an den zwei Minuten gehender Trinkpause direkt nach Minute 30

Beflügelt geht´s weiter, durch Bensheim, die Innenstadt rückt stetig näher. Auf Höhe der Michaelskirche zeigt die Uhr Minute 45 an.
Halbzeit, alles läuft Prima, inzwischen bin ich voll im Fluss, hohes Tempo, keine Wehwehchen mehr.
Strecke nach 45 Minuten: 7,56 km (= 10,08 km/h bzw. 5:57 min/km) – ordentlich, aber da geht noch was… 🙂

Kurz danach laufe ich bereits am Stadtpark vorbei und erreichen die große Kreuzung am Ritterplatz. Die B3 knickt hier nach rechts ab, macht einen großen Bogen um die Altstadt herum, ich folge natürlich. Ein Stück abwärts, das ist äußerst willkommen. Vorbei am Rodensteinzentrum, dann weiter zum Hauptbahnhof. Kurz vorher merke ich, dass mein rechter Schuh aufgeht.
Mist, gerade wo´s so schön läuft. Aber hilft nix. Ich halte an, binde ihn. Weil´s höhere Gewalt ist, stoppe ich den 90-Minuten Countdown solange. Das einzige mal heute abend, sind auch nur 15 Sekunden.

Danach weiter, vorbei am Bahnhof, und die Rodensteiner Str. entlang, hier verlaufen sowohl die B3 als auch die B47, viel Verkehr trotz Abendstimmung. 100 m. hinter dem Bahnhofsgebäude kurz rechts von der Strasse weg durch die Grünanlage, dann etwas aufwärts über die kleine Brücke neben den Gleisen, die über die Wormser Str. führt, am Anfang davon Minute 50.
Minute 40 bis Minute 50: 1,83 km (= 10,98 km/h, bzw. 5:28 min/km) – Tempo steigt, die Vorstellung, zum allerestenmal überhaupt von zuhause aus über eine Landesgrenze zu laufen, treibt an…

Hinter der Brücke wieder zurück an die B3, die hier Schwarzwaldstr. heisst. Hier unten hört so langsam das Gebiet auf, dass ich gefühlsmässig als „Nahe an Zuhause“ definieren, ich komme so langsam „in die Fremde“ (naja, oder so ähnlich. Wirklich fremd bin ich hier auch nicht, aber es ist eben irgendwie eine Gegend außerhalb meines gefühlten Lebensumfeldes, die ich bisher nicht mit „Hinlaufen“ in Verbindung gebracht habe). Interessanterweise bewirkt dies, dass meine Läuferwahrnehmung so langsam verstummt, und der Autofahrerwahrnehmung das Feld überlässt – ab hier wundere ich mich nicht mehr darüber, wie weit ich schon bin (das ist inzwischen selbstverständlich), sonder vor allem darüber, wie unerwartet lang Bensheim sich noch zieht (wie gesagt: Mit dem Auto geht das hier ruckzuck…).

Immer weiter an der Rodensteiner Str., hier ist weniger los, rechts rauscht mal ein Zug auf den Gleisen hinter den Schrebergärten vorbei, links auf der B3 herrscht wenig Verkehr. Die Sonne ist inzwischen schon hinter dem erhöhten Bahndamm verschwunden, die Strecke ist eben und angenehm, ich gleite tief in mich versunken dahin…
ROOOOOOOOOAAAAAAAAAAAAAAAAAHHH

Ach du Kacke!

Riesenschreck. Links neben auf der Strasse rast plötzlich ein Motorradfahrer vorbei, reisst mich aus meiner angenehmen Lauftrance. Eine von diesen schweren, hoffnungslos übermotorisierten Japanermaschinen für komplexbeladene Idioten. Hier ist 70, der Typ fährt mindestens 100, beschleunigt noch, ganz am rechten Strassenrand, gerade mal 30 cm. von mir entfernt, der Luftzug fegt mir fast die Kappe vom Kopf – 80+ Dezibel aus heiterem Himmel ins Ohr, was für ein verschXXXener, rücksichtsloser FlachwXXXser!
Drecksmotorradfahrer, hoffentlich wickelst du dich bald um einen Alleebaum!

Danach geht der Weg etwas abwärts, von der Strasse weg, da bin ich jetzt ganz froh drüber, immer weiter durch Bensheim. Inzwischen ist mir wieder ziemlich warm, bin durstig. Bensheim nimmt kein Ende, nach einer keinen Ewigkeit passiere ich den Kreisverkehr, von dem ich immer gedacht habe, er wäre am südlichen Ortsrand und laufe dann noch 600 m. auf dem bequemen Radweg R9 weiter (rechts hat Bensheim schon längst aufgehört, da sind nur noch Felder und Schrebergärten), bevor ich endlich das Ortsausgangsschild erreiche, praktisch genau bei Minute 60. Zwei Drittel, zweite Trinkpause.
Minute 50 bis Minute 60: 1,95 km (= 11,7 km/h, bzw. 5:08 min/km) – Boah, so langsam bin ich echt schnell, da haben die gerade, ebene Strecke und der Hass auf den Motorradfahrer mich gut beflügelt

Die Trinkpause wird etwas länger als zwei Minuten: Ich hab´ noch eine halbe Stunde und bin wirklich schon viel weiter als gedacht, deshalb rufe ich kurz meinen Vater (Das „Taxi“ für die Rückfahrt) an und mache einen neuen Treffpunkt mit ihm aus, inzwischen rechne ich damit, irgendwo zwischen Heppenheim und Hemsbach zu landen (dass dazwischen noch Laudenbach liegt, hab´ ich vorerst vergessen. Ist halt weit weg von zuhause). Bis das geklärt ist, ist schon mal eine Minute rum, also kipp ich die zweite Flasche Iso-Gesöff schnell runter, und mache mich auf den Weg nach Heppenheim.

Den Weg bin ich schon mal gelaufen, letzten November bei Scheisswetter, damals kam er mir eher hässlich vor, heute hingegen ist er wunderschön: Bequemer Radweg neben der Strasse unter alten Alleebäumen, rechts weite Felder, über denen rechts hinter mir der scheinbar riesengroße orange Glutball der untergehenden Sonne steht, nur noch ein paar Zentimeter über dem Horizont, rechts der bewaldete Hemsberg, dahinter die schier endlosen Weinhänge, die sanft im rötlichen Abendlicht angestrahlt werden, dazu ein leichter Wind, herrlich.

Und ich bin weiter schnell, der Kilometer bis Heppenheim fliegt geradezu dahin, auch wenn mir das schnelle Trinken bei der Pause etwas zu schaffen macht (rülps). Links am Hang der Rebmuttergarten, dann auch schon der Heppenheimer Ortseingang. Blick auf die Uhr – noch 23 Minuten, das sind mindestens noch 4 Kilometer, und so lang wie Bensheim ist Heppenheim nicht – Wahnsinn, ich schaff´s vielleicht wirklich bis nach Baden-Württemberg…

Durch die Darmstädter Str., inzwischen fängt es an zu dämmern. Hier ist wieder wärmer, ausserdem merke ich da hohe Tempo der letzten Minuten so langsam ein bisschen, aber es geht noch, also zügig weiter. Minute 70 auf Höhe der Jet-Tankstelle (das ist damit nach Auerbach schon die zweite, wo ich eine runde Minutenzahl erreiche). Noch 20 Minuten – das schaff ich!!!
Minute 60 bis Minute 70: 1,64 km (= 9,84 km/h, bzw. 6:06 min/km) – langsamer, aber das hat nur die Trinkpause gemacht, ohne die wäre ich deutlich schneller gewesen.

Und weiter, geradeaus durch Heppenheim, die Starkenburg auf ihrem steilen Berg zieht links vorbei. Nach ein paar hundert Metern halbrechts und in einem kleinen Bogen um die Altstadt rum, dann weiter nach Süden. Inzwischen achte ich nicht mehr viel auf die Umgebung (schade, wo die Stadt doch eigentlich ganz hübsch ist) sondern konzentriere mich aufs Laufen. Bin wieder etwas langsamer, mir ist auf einmal wieder richtig heiss, die Beine werden schwerer. Trotzdem zieht das südliche Heppenheim wie im Flug vorbei, ehe ich mich versehe, bin ich schon fast durch, und die Uhr zeigt Minute 80 (auf Höhe des Zentrums für soziale Psychatrie). Nur noch 10 Minuten. Beeilung!!!
Minute 70 bis Minute 80: 1,76 km (= 10,56 km/h, bzw. 5:41 min/km).

Kurz danach erreiche ich den Ortsausgang von Heppenheim. Das Schild verkündet: Laudenbach 3 km. Die Uhr zeigt noch etwas über 9 Minuten. Das werd´ ich wohl nicht mehr schaffen. Aber wenigstens die Landesgrenze will ich. Dummerweise weiss ich nicht mehr genau, ob sie schon kurz hinter Heppenheim oder erst kurz vor Laudenbach kommt. Also muss ich mich beeilen.
Tempo hoch.

Inzwischen ist die Sonne längst untergegangen, es dämmert. „Blaue Stunde“, eigentlich wunderbare Abendatmosphäre zwischen Weinbergen und Feldern. So richtig geniessen kann ich sie aber nicht, ich gebe noch mal alles.
Muss!
Nach!
Baden!
Uff!
Württemberg!!!

Minute um Minute hetze ich den Radweg rechts unterhalb der Strasse entlang. Die Landesgrenze will und will nicht kommen.
Hab ich sie schon passiert?
Weiss nicht.
Lieber weiter.

Irgendwann links das Gebäude der Odenwald Quelle. Versuche nachzudenken: Ist die noch in Hessen oder schon in BaWü.
Weiss nicht huuuuuuh mehr…
Autos davor – Kennzeichen?
Kann. Nicht. Erkennen.
Weiter!!!!!

Inzwischen merke ich, wie meine Kräfte schwinden. Kriege kaum noch Luft, mir ist schwindelig, Beine brennen.
Und weniger als drei Minuten.
WEITER VERDAMMT!!!

Da!
Da vorne, am Strassenrand in der Dämmerung.
Schild!
„Willkommen in Baden-Württemberg“.
Ja!

Aber noch nicht da, weniger als zwei Minuten, zwinge mich in einen keuchenden Endspurt, renne jetzt gegen jede Sekunde an.
Oh sch….
Ich schaff´s nicht…
Ich schaff´s nicht…
Ich schaff´s nicht…
AAAARGH!!!
GESCHAFFT!!!!!!!
JAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!

Mit dem letzten Tageslicht und auf Notenergie laufend verlasse ich Hessen.
Willkommen in Baden-Württemberg.
Die Uhr zeigt noch 21 Sekunden….
Punktlandung!

Und dann hab´ ich´s ganz geschaft. Weniger als 200 Meter vor Laudenbach sind die 90 Minuten um. Während die Uhr piept, fährt oben auf der Strasse mein „Taxi“ vorbei.
Perfekt, doppelte Punktladung.
Minute 80 bis Minute 90: 2,05 km (= 12,3 km/h, bzw. 4:49 min/km).

Zweite 45 Minuten seit Bensheim Michaeliskirche: 8,35 km (=11,13 km/h bzw. 5:20 min/km)

Gesamtzeit 90 Minuten: 15,91 km (= 10,61 km/h bzw. 5:36 min/km)

Natürlich laufe ich die letzten Meter bis Laudenbach auch noch durch, direkt bis hinters Ortsschild, da wartet auch schon meine Heimfahrt.
Puuuuh! Ziemlich erschöpft steige ich ein.
Rückfahrt in der Dämmerung, auf der B3.
Genau die Strecke, die ich gerade gelaufen bin.
Geht schneller als zu Fuß. Aber ist trotzdem weit.
Wahnsinn, ich hab´s echt bis nach Baden geschafft!!!
Geniesse die Abendstimmung, müde aber glücklich.
Im Radio läuft „Sweet Sixteen“ von Billy Idol.
Passt zu meiner zufriedenen Stimmung und der schönen Sommerabend…

Das war wirklich mal interessant.
Zum Einen, weil´s meine persönliche Konzeption von „Nah“ und „Nicht so nah“ durchbrochen hat – wie gesagt, ich hatte gar nicht damit gerechnet, wirklich bis nach Baden-Württemberg zu kommen, und auf einmal war ich da, nach gerade mal 90 Minuten laufen und weniger als 17 km.
Das ist spannend. Auf einmal wohnst du mitten im grenznahen Gebiet, obwohl du´s noch nie vorher so gesehen hast. Das ist eine neue Facette von „Zuhause“, die ich vorher noch nie so gesehen habe.
Faszinierend.
Und darüber hinaus hat´s auch Tempomässig gut geklappt. Obwohl ich eigentlich nicht hetzen wollte, war ich dann doch über den ganzen Lauf gesehen ziemlich schnell, wenn auch etwas uneinheitlich.
Nichtsdestotrotz, das ist gut: Ich weiss noch nicht, ob ich auch eine Strecke von über 20 Kilometern mit einem Durchschnittstempo von über 10,5 km/h bestreiten könnte, aber es ist zumindest mal ein vielversprechender Anfang – vielleicht wird´s dieses Jahr ja noch was mit dem Halbmarathon unter zwei Stunden.
Insgesamt eine tolle und spannende Erfahrung, die mal eine etwas andere Lauferfahrung geboten und mir viel Spass gemacht hat – zur Nachahmung empfohlen! 🙂

Strecke insgesamt: 16,7 km.
Zeit insgesamt: 95 Minuten (= 10,55 km/h bzw. 5:41 min/km)
Karten:
– Teil 1: Jugenheim bis Bensheim

– Teil 2: Bensheim bis Laudenbach

– Gesamtstrecke

Interaktive Streckenkarte

M.

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5 Antworten to “90 Minuten Südwärts (16,7 km)”

  1. Gerd Says:

    Sehr, sehr flott…. ich empfehle dir ein wenig langsamer zu Laufen und dafür auch zurückzulaufen 😉
    Ist die Variante für mich… langsam aber weit!

    Gruß Gerd

  2. matbs Says:

    Ich hab´ im Moment einfach keine Zeit für „weit“, also arbeite ich lieber an „schnell“, da hab´ ich auch etwas mehr nachholbedarf…


  3. […] 90 Minuten Südwärts (16,7 km) […]

  4. Hannes Says:

    Eine schöne Idee, auch wenn das mit der Rückfahrt mit dem Auto für mich absolut nichts wäre. Ich möchte, wenn ich mit dem Sport fertig bin, auch duschen.

  5. matbs Says:

    Kann ich verstehen – aber andererseits verdoppeln Einwegstrecken effektiv den eigenen Aktionsradius, und das ist ´ne verflixt feine Sache…


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