Projekt Westwärts Ende: Donnersberg (19,3 km)

18. Juni 2008

Projekt Westwärts war eine Serie von Läufen, mit denen ich in den etappenweise von Worms bis auf den Gipfel des Donnersbergs in der Nordpfalz gelaufen bin.

Es gibt ja so Tage, da ist man mies drauf, fühlt sich träge, matt, kraftlos, müde – und wenn man dann losjogged, ist das alles auf einmal wie weggeblasen und es flutscht wie geschmiert.
Dummerweise gibt´s dann aber auch Tage, da läuft´s genau ungekehrt: Eigentlich fühlt man sich ganz normal und sieht keine Probleme, aber sobald man am Laufen ist, geht irgendwie gar nichts mehr: Kein Rhythmus, keine Konzentration, keine Kraft. Tja, so einen Tag hab´ ich heute erwischt, das war nicht so richtig doll…

Aber von vorne: Eigentlich hatte ich die Woche ja mal ganz locker machen wollen, um meiner leicht strapazierten Physis ein paar laue Tage zur Erholung gönnen.
Aber heute war so wunderbares Wetter, mit Sonne, Wind, ein paar Wolken, 20 Grad…
Und dann hatte sich gestern auch noch kurzfristig rausgestellt, dass ich heute was in Mainz an der Uni regeln musste – und von Mainz kommt man ja immer so gut in die Pfalz…
Also entschied ich kurzentschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und heute das große Finale von Projekt: Westwärts anzupacken: Die Erstürmung des mächtigen Donnersbergs. Hab´ ich mich jetzt schon seit Wochen riesig drauf gefreut: Die Tour versparach anspruchsvolle Topographie, wunderschöne Landschaft mit viel Natur, eine Menge wirklich interessanter Sehenswürdigkeiten, und nicht zuletzt den höchsten Punkt meiner bisherigen Läuferkarriere.
Ausserdem ist der Donnersberg für mich persönlich auch noch was ganz Besonderes, praktisch der Rand meiner kleinen geografischen Welt: Der entfernteste Ort, den ich sehe, wenn ich an einem klaren Tag aus dem Fenster nach Westen gucke; dahinter beginnt die endgültig die Fremde, liegt die weite Welt – diesen Gedanken fand (und finde) ich unheimlich spannend.

Oh Mann, das würde ein Riesenlauf werden…

Also dann: Streckenplan vorbereitet (ausnahmsweise mal ein hochaufgelöster Scan der Wanderkarte – ein Google Earth-Bild wäre wertlos gewesen, da das Wegenetz am Donnersberg extrem Dicht und fast völlig von Wald bedeckt ist. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigen sollte), Zeug gepackt, nach Mainz gedüst und meinen Uni-Kram erledigt, dann über A63 und die Landstrassen hinter Kirchheimbolanden nach Dannenfels am Osthang des Donnersbergs zum Start. Hübscher kleiner Luftkurort, allerdings war mitten unter der Woche nicht viel los, deshalb kriegte ich einen guten Parkplatz mitten im Ortskern, am Anfang der steilen Oberstrasse. Genau hier hatte ich beim letzten Mal einen Schlenker gelaufen, um mir für den nächsten Lauf eine gute Ausgangsposition relativ weit oben im Dorf zu verschaffen, das zahlte sich nun aus.
Im Auto umgezogen, das quengelige Knie mit irgendsoner Sportsalbe eingeschmiert, Getränkegurt an, und los:
Auf den Donnersberg!

Natürlich erstmal aufwärts: Ca. 100 m. die Oberstrasse hoch, dann an der Kehre in der hübschen oberen Ortsmitte scharf links und die nicht minder hübsche Donnersberger Str. hinauf in den Wald oberhalb des Dorfes. Voll in der Sonne, brüllwarm, dazu schon ein recht knackiger Anstieg, das zog gleich mal ordentlich rein.

Oben im (angenehm frischen) Wald folgte ich der Strasse, erst 100 m. geradeaus, dann nach rechts um eine scharfe Kehre. Nach 200 m. noch keine Markierungen in Sicht, deshalb eine kurze Orientierungspause mit dem Wanderkartenausdruck: Ah ja, eigentlich hätte ich schon in der Kehre rechts auf einen Pfad unterhalb der Strasse abgemusst, den hatte ich verpasst. War aber nicht schlimm, einfach kurz über die Leitplanke und ein paar Meter den Hang runter, dann war ich wieder richtig, auf einem kleinen, aparten Waldpfad am Hang, dem ich unterhalb der Strasse und oberhalb von Dannenfels nach Norden folgte (Markierung: Blauroter Balken).

Erstmal durch ein kleines Bachtal, angenehm weicher Untergrund, wunderschöner sonniger Laubwald mit alten Bäumen, singende Vögel, als ich gerade den Bach überquerte, begann im Wald über mir eine helle, freundliche Glocke zu Läuten – wahrscheinlich im kleinen Trapistininnen-Kloster am Hang über mir, das ich mir auf dem Rückweg noch ansehen wollte. Richtig steil war´s auch nicht mehr, eigentlich hätte alles prima sein müssen.
War´s aber nicht – bereits hier merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte, war zu sehr ausser Atem, irgendwie ganz leicht benommen, hatte ein seltsames Gefühl in der Brust, das ich eigentlich nur kenne, wenn ich mich richtig extrem angestrengt habe und langsam die Kräfte nachlassen.
Aber das konnte ja eigentlich noch nicht sein, oder?
Schließlich war ich gerade mal ein paar hundert Meter unterwegs und hatte zudem langsam gemacht.
Also ignorierte ich das erstmal und machte unverdrossen weiter. Würde sich schon einlaufen…

Der Pfad vereinigte sich nach ein paar hundert Metern mit einem breiteren, bequemen Waldweg, der erst an einer hübschen kleinen parkartigen Wiese mitten im Wald entlangführte (der „Villagarten“), direkt dahinter die spärlichen Überreste der Burgruine Tannenfels passiert, und schließlich durch ein schönes weites Waldtal oberhalb eines großen Waldspielplatzes führte, in dem sich gerade ein schar johlender Kinder in den wirklich total einladend aussehenden Spielgeräten (u.a. einer kleinen gemauerten Spielburg) verlustierte – wirklich alles sehr schön.

Oberhalb des Dannenfelser Ortsendes bog der Blaurote Balken links ab (übrigens auch Nibelungenweg – gelbes Quadradt), und führte etwas aufwärts. Auch hier bekam ich praktisch mit dem Moment Probleme, wo es etwas steiler wurde – Atmung wieder nicht kontrolliert, Beine seltsam schwer, wattiges (fast schon schwindliges) Gefühl hinter der Stirn, nach ein paar Metern sogar Sehstöhrungen ein (wieder ein heller Punkt mitten im Gesichtsfeld, wie wenn ich direkt in die Sonne geguckt hätte – sowas ist mir ja erst neulich im Odenwald passiert, das wirklich beunruhigend).
Das liess sich jetzt nicht mehr ignorieren.
Ich laufe inzwischen schon lange genug, um solche Symptome einordnen zu können, und meine Erfahrung sagte mir, dass da heute irgendwas nicht in Ordnung war: Vielleicht Erschöpfung, oder der Kreislauf, oder Schlafmangel, oder ich brütete was aus, oder eine Kombination davon, keine Ahnung.
Auf jeden Fall war ich nicht in Form.
Sowas passiert halt manchmal. Normalerweise ist es dann das Beste, sich einfach ein bisschen zu schonen und nicht ganz so lange zu laufen (sonst geht das Ganze extrem an die Substanz).
Aber heute?
Ich freu´ mich doch nicht Wochenlang auf den Lauf und fahr dann 120+ km, nur um dann vor Ort abzubrechen und einen lauen Achter zu laufen!
Nein, heute wollte ich mich da irgendwie durchbeissen, auch wenn´s schwer werden würde – Den Gedanken an die noch zu bewältigende richtig fiese Steigung auf den Gipfel klammerte ich dabei allerdings lieber erstmal aus – vorerst wollte ich ja erstmal den Berg am Hang halb umrunden, vielleicht würde es dabei ja noch ein bisschen besser werden.

Zuerst mal machte ich auf jeden Fall noch etwas langsamer: Kurze Pause bis die Sichttrübung weg war (gottseidank verschwand sie relativ schnell wieder), dann ganz vorsichtig und bedächtig weiter. Die Strecke war weiterhin herrlich, dichter, abwechslungsreicher Mischwald, hin und wieder mal ein Blick rechts runter in die Wiesen am Waldrand, links der schroffe, steil aufragende Hang des Donnersbergs, manchmal durchbrochen durch beeindruckende Felsformationen wie beispielsweise die Klippen unterhalb des Bärenlochs (da ist wohl die Drachenfliegerrampe, die mir beim letzten Lauf in dieser Gegend aufgefallen war). Weiterhin sanft ansteigender Weg, der mir aber ganz schön zu schaffen machte (die ebenen Stücke klappten fast normal, aber sobald es etwas anstrengender wurde, war die Luft raus) – das benommene Gefühl blieb, auf Stirn und Nacken bildete sich eine unangenehme, klebrig-klamme Schicht aus kaltem Schweiss, unter der sich die Haut eiskalt anfühlte – ich fror, und das bei über 20 Grad und mitten im Lauf, ein weiteres sicheres Zeichen dafür, dass irgendwas nicht stimmte.

Nach etwas über 1 km am Rand des alten Waldes im NSG Eschdelle vorbei, dann 250 m. am Waldrand entlang – links der herrliche Bergwald, rechts die wunderschönen, sonnigen Weiden auf dem hohen Bergsattel an der Rückseite des Donnersbergs. Unter dem mißtrauischen Blick einer einzelnen Ziege am Wegesrand vorbei an der Gerhardshütte (die gar Hütte ist, sondern aus ein paar schönen, einsamen Häusern mitten in der Natur besteht), dann rechts runter und ein paar Meter auf der Fahrstrasse (K82) hinaus in die Wiesen in Richtung Bastenhaus.
Wunderschön: Rechts ein großartiger Panoramablick in die unendlich weite ebene bis hinüber zur fernen Bergstrasse (da, ganz klein und bläulich im Dunst der Melibokus!), dazu die in der leichten Brise wogenden Wiesen und eine wunderbar warme Sonne, die mich wieder ein bisschen aufwärmte, das tat richtig gut.

Nach etwas über 150 m. links in einen Feldweg und weiter um den Berg herum nach Westen. Markierung ab hier: Weisses Plus.
300 m. offenes Gelände, dann 400 m. schöner Waldrand, schließlich wieder ganz Wald, da war dann auch schon Zeit für die erste Trinkpause, für die ich sehr dankbar war – obwohl ich die ganze Zeit gefroren hatte, hatte ich gleichzeitig geschwitzt wie blöde und entsprechend einen ziemlichen Durst.
Und weiter. Inzwischen war ich schon an der Westflanke des Berges, es ging tendenziell wieder bergab – einerseits sehr angenehm, andererseits war natürlich jeder Meter, den ich jetzt wieder runter lief, eine Meter, den ich später wieder würde hochlaufen müssen…
Na ja, nicht drüber nachdenken, würde schon werden…

Das weisse Plus bog irgendwenn rechts runter nach Marienthal ab, ich lief jedoch geradeaus, und erreichte nach ca. 150 m. den Waldrand an der Westflanke des Donnersbergs.
Auch hier wieder eine kurze Pause, um die grandiose Aussicht zu geniessen: Ein wunderschöne Landschaft aus sanft geschwungenen Bergen, jeweils einer dunkelgrünen Krone aus dichtem Wald, darunter sattgrüne, weite Wiesen, rechts in der Senke das idyllische Dörfchen Marienthal, im Hintergrund darüber auf einer Kuppe der Ort Ruppertsecken, seines Zeichens höchstgelegenes Dorf der gesamten Pfalz. Herrlich, am liebsten wäre ich da geradwegs reingelaufen, um mir das alles mal aus der Nähe anzusehen.

Aber das ging ja nicht, schließlich wollte ich auf den Donnersberg hoch. Und das bedeutete so langsam: Steil bergauf. Bisher hatte ich mich ja nur in einem großen Halbkreis um den Berg herumgedrückt, damit war jetzt Schluss.
Stattdessen: „Klettern“.

Erstmal noch ganz harmlos. Vom Waldrand aus bog ich halblinks ab und folgte dem roten Balken aufwärts in den Wald. Noch nicht besonders steil, aber in meiner heutigen Verfassung kostete jeder Schritt Kraft und Puste. 1,5 km, oberhalb des Mordkammerhofes (interessanter Name – ob´s da wohl eine Geschichte zu gibt?) um die Flanke des „Gebrannten Berges“, einer Vorkuppe des Donnersbergs herum, dabei ca. 80 Höhenmeter bewältigt, das ging gerade noch mit Ach und Krach.
Aber dann war Schluss mit lustig – Am Anfang eines tief eingeschnitten Tals mitten im Wald bog der rote Balken plötzlich links vom halbwegs bequemen Hauptweg ab und führte auf einem extrem schmalen, extrem Steilen Trampelfpad geradewegs die Talflanke rauf.
Bei der Planung der Strecke hatte ich ganz bewusst einen Anstieg auf den Gipfel gewählt, der nach einer Herausforderung ausgesehen hatte: Anstatt die relativ gemäßigte Strecke vom Bastenhaus im Norden zu wählen, hatte ich mich für einen Aufstieg von Südwesten entschieden, am Rand des oberen Mordkammer-Tals, der schon auf der Karte sehr respektabel gewirkt hatte (Höhenlinie dicht neben Höhenlinie): Das härteste Stück, das ich nun erreicht hatte, hatte mehr als 150 Höhenmeter in einem knappen Kilometer Strecke – daran hätte ich selbst an einem guten Tag zu knabbern gehabt.

Heute?

Na ja, ich hab´s versucht: Auf den Trampelpfad und tapfer aufwärts gejogged.
Bereits nach hundert Metern war ich am Ende.
Abgeäschert, matt.
Atmung völlig ausser Kontrolle, ich hyperventilierte regelrecht.
Beine: Unwillig und hölzern.
Dazu wieder helle Punkte im Blickfeld, die Wattigkeit im Kopf hatte sich in ein ausgewachsenes Schwindelgefühl verwandelt (nicht gerade ideal auf einem 30 cm. breiten und nach einer Richtung hin abfallenden Trampelfpad am Steilhang).
Da ging gar nichts mehr.

Musste anhalten. Zwei Minuten Japsen, Rumstehen, Sich Einkriegen.
Danach gehend weiter, ging nicht anders, und selbst das war schon extrem anstengend.
Der Pfad führte scheinbar endlos lang am Talrand entlang den steilen Hang hoch, kreuzte ein-, zweimal bequemere Querwege, erreichte eine Wegkreuzung auf der Anhöhe.
Gleich noch ´ne Pause, was Trinken, orientieren, schon wieder zu Atem kommen.
Dann weiter, ich war immer noch nicht oben.

Dem roten Balken ostwärts gefolgt, erst ein kurzes ebenes Stück, dann neben den Resten des uralten keltischen Ringwalls weiter bergauf, weniger Steigung, das ging gerade noch. Nach einem halben Kilometer dann links vom Weg ab, dem roten Balken folgend über einen steilen Trampelfpad, der noch mal ordentlich bergauf führt.
Diesesmal wollte ich nicht aufgeben, zwang mich zum weiterjoggen, auch wenn´s schwerfiel.
Aufwärts…
auf…wärts…
au…fffff….wärt…sssssss…..
aaaaaaaaaaaaaaaaaa……cccckkkkkkkk…..

Oben.

Irgendwie antiklimatkisch.
Auf einmal ging´s nicht mehr weiter bergauf.
Links neben mir war die Klippe des Königsstuhls.
Brauchte erst mal ein paar Sekunden, bis mein sauerstoffarmes Hirn das kapiert hatte.

Ich war oben!
Höchster Punkt der Pfalz.
Höchster Ort, an den ich jemals gelaufen war, fast 687 m.ü.NN, mehr als 80 Meter höher als die Neunkircher Höhe.
Und ich war oben.
Geschafft!
Höhö.
Na sowas…

Nachdem ich das endlich realisiert hatte, machte ich mich daran, den Aufstieg zu vollenden: Noch ein paar Schritte, dann vorsichtig von hinten die Klippe hochgeklettert, (konnte leider kein einziges Foto vom Königsstuhl im Netz finden, der geneigte Leser möge dies Verzeihen und selbst mal hinfahren), oben kurz auf den Gipfelstein auf den schroffen, zerklüfteten Felsen gesetzt.
Pause. Schon wieder, aber das hatte ich mir verdient!
Leicht zittrig, fix und fertig, aber stolz…

Aaah.

Wunderschön hier oben.

Ganz still.

Nur der Wind, die Sonne, ich.

Vor/unter mir ein unglaubliches, herrliches Panorama.
Blick nach Westen: Wunderbarer sonnige Landschaft aus geschwungenen Bergen und Hügeln, dichten Wäldern, grünen Wiesen, kleinen Dörfern, hier und da ein paar helle, hoch aufragende Windräder, die sich träge im Sommerwind drehten, weit hinten am Horizont die verheissungsvoll unbekannten Höhenzüge des Hunsrück.
Der Blick über den Rand der Welt: Terra Incognita – Wunderschön, idyllisch, pastoral, riesig groß, in seiner Unvertrautheit ein bisschen geheimnisvoll.
Wie gerne würde ich das alles irgendwann mal erforschen…
Ein paar Etappen, dann ist man schon da drüben in den fremden Bergen, mitten im Hunsrück, Idar-Oberstein vielleicht.
Und von Idar-Oberstein ist es gar nicht mehr weit bis zur Mosel.
Und wenn man erstmal bis an die Mosel gelaufen ist, dann kann man sie auch gleich überqueren, mitten rein nach Luxemburg, ins Ausland.
Von da ist es dann nur noch ein Katzensprung bis nach Frankreich.
Und da dann einfach immer weiter geradeaus laufen, bis ans blaue, weite Meer…
Irgendwann.
Irgendwann mal…

Aber nicht heute.
Da würde es schon schwer genug, überhaupt zurück zum Auto zu kommen.
Nachdem ich fünf Minuten ausgeruht und genossen hatte, brach ich wieder auf.
Vorsichtig runter vom Kaiserstuhl, einmal fast gestürzt (war heute wirklich überhaupt nicht trittsicher), dann auf dem Hochplateau nach Osten über den Donnersberg. Sonniges, leicht abfallenes Stück durch den Wald, dann vorbei am Gelände der US-Radarstation mit ihrem hohen, stacheldrahtbewehrten Zaun mit den vielen zweisprachigen Verbotsschildern, dann weiter bis zum wirklich titanischen Sendeturm des SWR, der aus der Nähe ein bisschen wie eine 200 m. hohe Klarinette mit Bullaugen aussieht.

Hier links von der Strasse ab, 100 m. bergab durch den Wald, dann rechts und am lauschigen Waldhaus, der „höchstgelegenen Gaststätte der Pfalz“ vorbei weiter auf den großen Parkplatz, auf dem ich mich nach rechts wandte und der Beschilderung folgend leicht aufwärts (uff, sofort war wieder die Luft raus) zum Ludwigsturm lief.
Schöner, fast 30 m. hoher Aussichtsturm mitten Wald auf ca. 670 m. Höhe.
Normalerweise lasse ich mir sowas ja auf gar keinen Fall entgehen, ich liebe es schließlich, auf Türme zu steigen und mir die Landschaft anzugucken, egal wie fertig ich bin – aber der Turm war heute unter der Woche leider zu, und ich erinnerte mich dunkel, dass ich den Schlüssel im Waldhaus hätte abholen müssen – und das hätte bedeutet, nochmal 300 m. zurückzulaufen, den Schlüssel zu holen, wieder 300 m. herzulaufen, den Turm zu besteigen, danach wieder 300 m. zum Waldhaus zu laufen, den Schlüssel abzugeben, und dann wieder 300 m. hierherzukommen um meinen Weg fortzusetzen.
Summa Summarum 1200 m. Extra, und ich war jetzt schon fix und fertig und lag nach dem langsamen Tempo und den vielen Pausen weit hinter meiner Zeitplanung.
Nein, das würde heute nicht gehen.
Auch wenn´s mir richtig leid tat, das war einfach nicht mehr drin.
Schweren, schweren Herzens sah ich mir den Turm von unten an, und machte mich dann wieder auf den Weg.
Ein Andermal…

Abwärts, ostwärts durch den Wald, Markierung blauer Balken. Schöner, sanft abfallender Waldweg, kreuzte ein oder zweimal irgendwelche Querwege und erreichte schließlich die Schutzhütte am Hirtenfels, vor der es steil runter in die Tiefe ging. Auch hier wieder ein toller Blick, dieses Mal nach Osten, über die Pfalz, Rheinhessen und das Ried bis nach Hause zur fernen Bergstrasse, deren bläulich-schemenhafte Silhoutte sich wie ein Scherenschnitt durch den Dunst abzeichnete.

Hier machte ich dann meinen ersten richtigen Fehler heute – wie gesagt, ich fühlte mich irgendwie leicht benommen, war müde und nicht besonders konzentriert, achtete nicht ganz so genau auf die Umgebung wie sonst. Deshalb nahm ich den falschen Weg – anstatt halblinks den Markierungen (und das müssen laut Wanderkarte eine ganze Menge gewesen zu sein, keine Ahnung, wie ich die alle übersehen konnte) abwärts in Richtung Moltkefelsen und Adlerbogen zu folgen, lief ich rechts auf einen unmarkierten Weg, der auf gleicher Höhe oberhalb dieser Orte vorbeiführte.
Und merkte es erstmal nicht – im Gegensatz zum Odenwaldclub, der seine Zeichen auch gerne mal mitten in der Pampa einfach so an einen Baum malt (damit man weiss, dass man richtig ist), ist der Pfälzerwaldverein mit seinen Wegmarkern etwas sparsamer, macht sie in der Regel nur an Kreuzungen und Abzweigungen – und dieser Weg hatte keine, deswegen dachte ich mir nichts dabei, sondern lief einfach immer weiter leicht abwärts durch den schattig-urwüchsigen Wald.

Irgendwann wurde ich aber dann doch unsicher. Ich lief und lief und lief, aber Moltkefelsen und Adlerbogen kamen einfach nicht in Sicht.
Nach über einem Kilometer begegnete mir eine freundliche Spaziergängerin, die ich fragte, ob ich hier denn auch zum Adlerbogen käme.
Antwort [in typischem Pfälzer Singsang]: „Naa, da läufsch in die folsche Rischdung.“
Mist.

Immerhin zahlte es sich hier aus, dass ich die Wanderkarte abgescannt und mitgenommen hatte – mit einem Google Earth-Ausdrück, wäre ich ab hier heillos verirrt gewesen, mit dem Kartenausschnitt und der Hilfe der Spaziergängering gelang es mir aber, mich wieder zu orientieren: Ein Weg zu hoch, schon am Adlerbogen vorbei, aber ich wusste wenigstens wo ich war.
Ich bedankte mich bei meiner Retterin und lief erstmal ein Stück weiter abwärts, um eine Kurve zur nächsten Kreuzung mitten im Wald.
Hier hatte ich dann die Wahl wenn ich links laufen würde, würde ich unterhalb des soeben genommenen Wegs zurücklaufen und direkt beim Adlerbogen rauskommen, könnte von dort wie geplant weiter am Gethsemani-Kloster vorbeilaufen – genau die Orte, die ich mir noch hatte ansehen wollen. Aber das wäre Umweg von zwei bis drei Kilometern gewesen, 20 Minuten Extra, mit viel Steigung, und am Ende wäre ich wieder genau an der Stelle rausgekommen, an der ich jetzt gerade stand. Oder sollte ich Moltkefelsen, Adlerbogen und Kloster auslassen und von hier aus einfach die geplante Route aufnehmen?
Dasselbe Dilemma wie am Ludwigsturm.
Und leider auch dieselbe Antwort: Ich war total durch den Wind, fühlte mich matt und kraftlos, hatte einen Riesendurst und bereits drei meiner vier Trinkflaschen geleert, und vor mir lagen auch so noch einige anstrengende Kilometer.
So gerne ich mir Adlerbogen, Moltkefelsen und Kloster angesehen hätte, es ging einfach nicht.
Nicht heute.

Ziemlich traurig bog ich also rechts ab, folgte dem gelben Balken wie ursprünglich geplant nach Süden durch den Wald bis ich den „Neuen Weg“ über dem Wildensteiner Tal erreichte.
Wow!
Das entschädigte mich gleich mal wieder ein bisschen für die Enttäuschung!
Ein schmaler, steiniger Pfad, der direkt am oberen Rand des schmalen und ziemlich tiefen Tals (eigentlich fast schon eine Schlucht) entlangführte. Landschaftlich extrem ungewöhnlich reizvoll, statt dichtemt typisch mitteleuropäischen Laubmischwald erwartete mich hier ein felsiger Hang mit knorrigen Kiefern und Eichen, zwischen denen immer wieder zackig-schroffe Findlingsformationen aufragten. Dazu Südhang, sonnig, trocken, licht, das hatte was ausnehmend Mediterranes – ein kleines Stück Italien oder Griechenland (oder Jugoslawien – ich rechnete fast damit, irgendwo einen schlecht angezogenen Karl-May-Film-Indianer in den Büschen hocken zu sehen… 😀 ), mitten in der Pfalz, ganz großartig.
Dazwischen gab´s dann auch noch einige tolle Aussichtspunkte. Gleich am ersten, dem „Reissenden Fels“ machte ich noch mal kurz halt: Schroffe Felsformation direkt über dem gähnenden Abgrund, toller Blick nach Süden (andere Talseite, links dahinter die weite Pfalz), eine opportun positionierte Ruhebank, auf der ich es mir mal kurz bequem machte und die wunderbar warme Nachmittagssonne genoss.
Herrlich…
Am liebsten wäre ich gar nicht mehr aufgestanden…

Aber ich musste ja weiter, also raffte ich mich nach ein, zwei Minuten wieder auf und folgte dem wunderschönen „Neuen Weg“ weiter westwärts am Talrand entlang.
Nach ca. 1,2 km ging es durch ein kleines, schattiges Seitental (in dem die Vegetation wieder relativ „normal“ war), danach über einen kurzen Aufstieg, direkt dahinter dann etwas unvermittelt die Überreste der Burg Wildenstein.

Auch von der ist außer ein paar Mauerresten nicht allzuviel übrig, nichtsdestotrotz aufgrund ihrer Lage äußerst beeindruckend: Ein wahres Adlernest, im Mittelalter muss die Burg regelrecht am Steilhang hoch über dem Tal geklebt haben.
Hier war dann erst mal Schluss mit Laufen – der gelbe Balken führte in vielen kurzen Serpentinen am Hang unterhalb der Ruine geradewegs bergab ins Tal. Halsbrecherischer, steiler Pfad voller Geröll, bei dem man selbst im Schrittempo höllisch aufpassen musste, nicht wegzurutschen, den man teilweise mehr Klettern als laufen musste – gerade angesichts meiner Müdigkeit gar nicht so einfach, entsprechend froh war ich, als ich endlich unten im schattigen Grund des Wildensteiner Tals angekommen war.

Das Wildensteiner Tal wird auf den Tourismus-Websiten der umliegenden Gemeinden grundsätzlich als „romantisch“ bezeichnet.
Und das zu Recht: Ein tiefer, schattiger, dicht bewaldeter Talgrund, eingeschlossen zwischen zwei hochaufragenden schroffen Steilwänden, in der Mitte ein wunderschöner, naturbelassener Bach, der fröhlich talabwärts plätschert. Wirklich schön.

Für mich ging es hier auf weichem Waldboden nach links, direkt am Bachufer dem gelben Balken folgend ein ganzes Stück bergab (dafür war ich wirklich, wirklich dankbar). Nach einem knappen Kilometer schließlich links, über ein kleine Holzbrücke auf den Weg mit dem blauroten Balken, der sich an der Nordwand des Tals langsam aber sicher wieder nach oben schraubte.
Das fiel schwer!
Inzwischen war ich stehend k.o., hatte kaum noch Kraft für den an sich moderaten Aufstieg, musste zwischendruch immer mal wieder ein bisschen gehen (weiter oben wurde der Pfad dann auch wieder sehr schmal, und das am Steilhang, da war ich eh lieber etwas vorsichtiger).
So kämpfte ich mich ganz langsam und mühsam aufwärts, noch ein bisschen durch die „mediterane“ Fichten- und Eichenlandschaft weit unterhalb des reissenden Felsens, schließlich um den Vorsprung des Herkules-Bergs herum und aus dem Tal raus.

Fast geschafft: Nur noch ein, zwei Kilometer bis Dannenfels.
Weiter sanft aufwärts, mit schweren Schritten durch den Wald oberhalb von Jakobsweiler. Eigentlich auch wieder sehr hübsch, aber dafür hatte ich keine Augen mehr. Einfach nur noch vorwärts, gegen die Müdigkeit, die schweren Beine, den Konzentrationsmangel, qualvoll langsam Schritt für Schritt vorwärts auf dem inzwischen wieder etwas breiteren Waldweg.
Nach ca. 1,3 km bogen die ganzen Markierungen, darunter auch der blaurote Balken, nach links ab, nochmal ein schmaler Pfad, nochmal aufwärts.
Wollte, konnte ich nicht mehr.
Lieber geradeaus, unmarkiert aber dafür bergab. Irgendwo da vorne/halbrechts musste Dannenfels liegen, das würde schon klappen.
Bloss keine Steigung mehr.

Runter, kleines Tal, Waldrand. Rechts irgendein Grundstück, direkt dahinter ging es wieder ordentlich bergauf, steil in den Wald.
Gehen.
Oben mehr unmarkierte Wege, die meisten davon links hoch, bergauf, die nicht, also geradeaus, Weg voller umgestürzter/abgesägter Bäume, über ein paar muss ich mühsam drüberklettern (gnaaaaaaaaaa!), schließlich ein Seitental, direkt vor mir ein Holzzaun mitten im Wald, davor eine T-Kreuzung.
Links hoch. Rechts runter.
Die Wahl fällt nicht schwer, rechts, abwärts, nach 100 m. auf einmal Waldrand, Asphaltstrasse. Da links, gar nicht mehr weit, ist Dannenfells.
Gottseidank.
Mit letzter Kraft schleppe ich mich einen Asphalt-Weg oberhalb der Strasse entlang, 150 m. bis zum Ortseingang, da muss ich rechts eine Treppe runter (aua. Stufen!) auf die Strasse.
Steinbacher Strasse, die kenne ich, hier hab´ ich mich beim letzten Mal, verirrt, ist nicht mehr weit…
Die Strasse runter, abwärts ins Dorf. Da, da vorne steht schon das Auto, ich kann´s schon sehen, da unten in der Oberstrasse.
150 m.
Beine wie Blei, müdemüdemüdemüde.
Dann bin ich da.
…geschafft…

Oah! Lasse mich erstmal ins Auto fallen, das die ganze Zeit in der Sonne gestanden hat. Heiss, stickig, die wartende Apfelschorle schmeckt agbestanden, also wanke ich nach einer kurzen Pause nochmal die Oberstr. hoch und genehmige mir im netten Café Annodazumal ein große kalte Cola (bzw. zwei kleine kalte Colas, denn große hat man nicht auf der Karte. Aber die nette Bedienung serviert sie mir in einem großen Glas, kommt also dann doch aufs Selbe raus…). Und sitze dann erstmal einfach nur rum – normalerweise erhole ich mich nach 20-km-Touren relativ schnell. Heute nicht. Bin fix und fertig, total matschig.
Das bleibt auch so, während ich langsam und über seltsam verschlungene Pfade durch die Pfalz nach Hause gondele…

Tja, was soll ich sagen. Hin und wieder erwischt man eben einen Tag, an dem einfach gar nichts geht.
Aber das mir das gerade heute passieren musste, ist unendlich schade. Die Gegend um den Donnersberg ist herrlich, mit ganz toller Natur, ganz vielen spannenden und interessanten Sehenswürdigkeiten, wunderschönen Asblicken in alle Richtungen – eigentlich eine echte Traumstrecke, die es verdient hat, dass man sie mit allen Sinnen geniesst.
Entsprechend bin ich richtig traurig, dass das heute einfach nicht möglich war, und dazu auch noch einige der Orte, auf die ich mich richtig gefreut hatte, verpasst habe – Bisher war ich zweimal in meinem Leben auf dem Donnersberg, also rein rechnerisch alle 15 Jahre. Ich hoffe, ich muss nicht warten bis ich 45 bin, um all das, was mir heute entgangen ist, nachzuholen…

Immerhin: Projekt Westwärts ist damit vorläufig beendet, und ich hab´ meinen bisherigen Höhenrekord um mehr als 80 Meter überboten. Hätte ich mir zwar schöner gewünscht, aber na ja, besser als nix…

Strecke: 19,3 km
Zeit: 2:19 h (= 8,33 km/h bzw. 7:12 min/km – aber mit überdurchschnittlich vielen Pausen)
Karte:

Interaktive Streckenkarte

M.

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8 Antworten to “Projekt Westwärts Ende: Donnersberg (19,3 km)”

  1. Gerd Says:

    Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, dass man unbedingt seine Regenerationszeiten einhalten muss wenn man nicht 100%ig fit ist 😉 oder?
    Das mit dem „leuchtetenden Punkt“ hatte ich auch vor kurzem. Ist vielleicht wirklich eine Erleuchtung, Übergang in eine höhere, geistigen Stufe 😆
    Spaß beiseite, ich denke es liegt am Kreislauf. Der kippt ein wenig weg und das wirkt sich auf den Sehnerv aus. Wenn´s bei Dir natürlich öfter vorkommt solltest Du mal nachschauen lassen. Aber erzähl deinem Doc nicht´s von einer „höheren, geistigen Ebene“ 😉 .

    Gruß Gerd

  2. matbs Says:

    Dieser Jemand ist sicher einer von diesen Klugscheissern, die total gut im ungefragten Geben guter Ratschläge sind, aber sie selbst dann nicht einhalten… 😆

    Allerdings muss ich zu gestern sagen, dass das so tatsächlich nicht absehbar war – vorher hab´ ich mich wirklich recht gut und fit gefühlt, das ist dann wirklich erst mit dem Laufen gekommen. Das letzte Mal hatte ich sowas letztes Jahr beim Lauf von Darmstadt nach Jugenheim (https://laufblog.wordpress.com/2007/09/07/darmstadt-jugenheim-187-km/), aber dieses Mal ging´s halt gleich am Anfang los. Passiert manchmal, kann man nichts machen, dass es gerade gestern sein musste ist aber ziemlich schade… 😦

    Was den „Weissen Punkt“ angeht: Wahrscheinlich hast du Recht, nichtsdestotrotz beunruhigt mich das (bin halt ein alter Hypochonder). Wenn er in der nächsten Zeit nochmal auftaucht, wären die drei Mal voll, dann geh´ ich wohl wirklich mal zum Arzt.


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