Jubiläumslauf: Wilmshausen – Gronau – Hemsberg – Bensheim (11,7 km)

1. Juli 2008

Ein Jahr Laufblog!
Das muss natürlich gefeiert werden!
Wie?
Dumme Frage, natürlich mit einem Lauf! 🙂

Aber was für einer?
Hmmm…

Prinzipiell kamen hier zweienhalb Varianten in Frage:
1) Entweder genau die Strecke, mit der wir vor einem Jahr gestartet sind
2a) … oder was Neues, so richtig krasses, ein langer, weiter, anstrengender, mutiger Magnum-Lauf irgendwohin, wo ich noch nie gewesen war…
2b) … oder was Neues, aber nicht so ambitioniert, eine schöne, nette, kleine Strecke zur Vervollständigung des Laufnetzes irgendwo in der Nähe.

Auf 1) hatte ich eigentlich keine Lust. Auf dem Frankenstein war ich gerade erst vor ein paar Wochen gewesen, das musste nicht noch mal sein.
2a) wäre schon ganz nett gewesen, da habe ich schon seit längerem eine richtig lange Bergtour durch den nördlichen Odenwald ins ferne Bayern in Petto, von Brensbach bis nach Wörth am Main, die bestens zum Jubiläum gepasst hätte (denn in Bayern war ich bisher noch nie unterwegs). Aber das war mir ehrlich gesagt zu viel: 27+ Bergkilometer am Stück sind eine Menge Holz, und heute war zudem auch noch einer der heissesten Tage des Jahres, mit stickigen Temperaturen weit über 30 Grad und einer gnadenlos runterbrennenden Sonne – das war einfach nicht praktikabel.

Blieb also noch 2b): Ein schöner, entspannter Lauf, in der Nähe aber auf neuen Wegen.
Und ich wusste auch schon genau wo:

Es gibt da nämlich ein Dörfchen, gerade mal 6 km Luftlinie von zuhause entfernt, durch das ich noch nie gelaufen war: Wilmshausen im unteren Lautertal wird trotz seiner eigentlich hübschen Lage stiefmütterlichst von allen überregionalen, regionalen und lokalen Wanderwegen gemieden, deswegen war ich zwar schon an allen erdenklichen Seiten drüber, drunter und vorbei gejogged, aber noch niemals mittendurch. Tatsächlich war Wilmshausen damit der einzige Ort im Umkreis von 10 km Luftlinie, der mir noch fehlte, alle anderen* habe ich im Lauf des letzten Jahres besucht (und das sind mehr, als man denkt, denn wir reden hier von immerhin eine Fläche von über 300 Quadratkilometern).
[* Außer man rechnet Ober-Modau und Nieder-Modau als separate Orte, dann fehlt mir Letzteres auch noch…].

Zeit, dem armen, kleinen, vergessenen Wilmshausen zu seinem Recht zu verhelfen!
Der Plan: Start in Wilmshausen, durch die bestürzend schöne Täler- und Hügellandschaft hinter Bensheim zum Hemsberg (der fehlte mir auch noch), dann runter nach Bensheim, dort anlässlich des Jubiläums ein Abendessen spendiert kriegen.
Klang gut.

Start relativ spät, so kurz vor halb neun, der Hitze wegen.
Brachte aber wenig, selbst im kühlen Lautertal hinter Bensheim waren es noch mollig warme 28 Grad im Schatten – da musste ich jetzt halt mal durch (hatte extra zwei Flaschen mit Kühlwasser zum Überkippen am Gürtel, das half).
Startpunkt: Das nette Dörfchen Wilmshausen, dass sich zwischen Schönberg und Elmshausen an der B47 das szenische Lautertal hochwindet – genauer gesagt der „Dorfplatz“, eine hinter den alten Häusern des Ortskerns halbversteckte kleine Freifläche, die man über die Strasse „Zum Katzenrech“ erreicht.

Vor dem Start noch mal schnell großzügig mit kaltem Wasser abgerieben, und los ging´s. Auf dem „Katzenrech“ westwärts, nach ein paar Metern um eine Kehre und auf dem asphaltierten Fahrweg in Richtung Gronau/Schönberger Kreuz aufwärts durch herrliche Wiesenlandschaft. Lief überraschend gut, obwohl´s brüllwarm und stickig war: Zum einen zickte mein linkes Bein mal nicht von Anfang an rum (das macht es wohl eher bei Gefällen und Geraden, nicht wenn´s berghoch geht), zum anderen war der Aufstieg angenehmer, als ich es erwartet hatte: Durchschnittlich vielleicht 8% Steigung, auf dem festen Untergrund sehr schön zu laufen. Durch die bereits relativ niedrig stehende Sonne, war´s unterwegs sogar relativ oft schattig, das tat gut, und ab eine bestimmten Höhe hatte man einen wunderbaren Blick nach rechts das Lautertal runter, über die Anhöhe am Fürstenlager hinweg bis auf das Auerbacher Schloss.
Nach 800 m. fordernden aber nicht zu anstrengenden Aufstiegs war erreichte ich die Kreuzung am Höhenrücken, kurz vor dem Schönberger Kreuz – bekanntes Terrain, hier war ich im letzten Jahr immerhin schon zwei Mal vorbeigekommen.
Folgerichtig bog ich one zu zögern links ab, runter von der Asphaltstrasse, und folgte dem Knodener Höhenweg (gelbes Dreieck) weiter sanft aufwärts über den Höhenrücken nach Osten.

Aah, war das herrlich hier oben!
Ich hab´s ja schon mal verschiedentlich angemerkt, aber meiner Meinung nach ist das Hügelland hinter Bensheim der wahrscheinlich schönste Teil der Bergstrasse/des vorderen Odenwalds, den es gibt – Die Landschaft ist offener als anderswo, eine liebliche, pastorale Mischung aus Weiden, Weinbergen und Wäldchen, die sich über die niedrigen, runden Hügel zieht, nach Norden, Osten und Süden hin drei Richtungen von den mächtigen, dunkel bewaldeten Bergen des Odenwaldes, nach Westen hin offen zur Rheinebene, die sich wie ein gewaltiger Flickenteppich vor einem ausbreitet. Ganz viel Aussicht, wohin man schaut: Runter, in die wunderschönen schmalen Täler oder in die Rheineben, seitwärts, auf die charakterstischen Anhöhen mit ihren Burgen und Türmen (Melibokus, Auerbacher Schloss, Schönberger Schloss, Felsberg, Neunkircher Höhe, Knodener Höhe, Hemsberg, Starkenburg…), oder nach oben, in den weiten, schier unendlichen Himmel.
Schon unter normalen Umständen ein wunderbares Stück, aber heute abend…

Wenn es irgendwo in Deutschland eine Gegend gibt, die für lange, warme, träge Sommerabende gemacht ist, dann ist es diese hier: Es ist friedlich hier oben, ganz still bis auf das Zirpen der Grillen, es riecht nach Heu, irgendwo weiter Weg weiden ein paar stoische Kühe.
Und dann dieses Licht.
Wie in eine Bucht fliesst von Westen her das schwere, langsame, glorreiche rotgoldene Abendlicht in die herrliche Landschaft hinein, schwappt scheinbar träge über die Höhenrücken, fliesst die steilen Wiesenhänge hinab in die schmalen Täler, bricht sich an Bäumen und Zäunen und Weinstöcken und wirft dabei endlos lange Schatten, bevor es schließlich am Ende der Täler in den dunklen, steilen Bergwäldern versickert…
Einfach nur schön, auf eine schlichte aber zugleich unglaublich prächtige Art und Weise.

Da war selbst die Hitze vergessen. Staunend, schauend, glücklich lief ich durch die satten, strahlenden Wiesen den Knodener Höhenweg hinauf, bis ich nach 250 m. die Wegscheide vor dem bewaldeten Kopf des Schneckenbergs erreichte, an der ich rechts auf den Hartmannsrechweg ins Meerbachtal abbog (Markierung: B4). Auch das ein toller Weg: Erst sanft über einem welligen Wiesental abwärts, dann nach einer Linkskurve ein Stück durch die abendlichen Gronauer Weinberge (im Mai ist hier oben wohl immer eine kleine Straußwirtschaft eingerichtet, das ist sicher total hübsch), schließlich durch einen steilen, schattigen Hohlweg hinunter nach Gronau.

In Gronau war ich bisher genau ein mal gewesen, letzten Spätherbst bei meiner Tour ums Meerbachtal. Damals war ich weiter östlich auf dem Weitwanderweg Odenwald-Vogesen abgestiegen, und deshalb im oberen Teil des Dorfes rausgekommen, der aus neueren, wenig aufregenden Häusern (so fünfziger, sechziger Jahre würd´ ich schätzen) besteht, deshalb hatte ich Gronau als „nix Dolles, so la la“ in Erinnerung.
Heute kam ich weiter unten raus, mitten im alten Ortskern.
Und der ist einfach nur bezaubernd!
(Oh mein Gott, hab´ ich da gerade echt „bezaubernd“ geschrieben? Brr, tatsächlich. Sorry, aber mir gehen anscheinend so langsam die positiven Ajektive aus…).
Tolle alte Fachwerkhäuser im Abendlicht, eins am andern, alle in exzellentem Zustand, ein paar Höfe, ein Weingut, ein plätschernder Dorfbrunnen (an dem ich mich gleich mal wieder einfeuchtete) – wunderschön! Weil´s mir so gut gefiel, drehte ich eine kleine, unnötige Ehrenrunde durch die Hintergasse, bog dann rechts auf die Märkerwaldstr. ein (neben der friedlich dahinplätschernde Meerbach offen durchs Dorf fliesst), und lief unterhalb der hoch aufragenden Kirche vorbei, und bog schließlich nach ca. 150 m. links in die Hambacher Str. ein (Neubaugebiet am Hang, das war dann schon wieder ein klein bisschen weniger bezaubernd).
Halbrechts (Kandelbornweg), etwas bergauf, dann gleich nochmal halbrechts auf den Herbstbaumweg (Markierung Roter Balken – Weitwanderweg Odenwald-Vogesen) und auf dem aus dem Dorf hinaus und die südliche Wand des Meerbachtals hoch.

Junge, Junge!
Von weiter weg (und oben) betrachtet sieht die Hügellandschaft hinter Bensheim immer sehr freundlich und sanft aus, vor allem im Vergleich zu den umgebenden, teils ziemlich hoch aufragenden Höhenzügen. Vor Ort stellt man aber immer wieder fest, dass das nicht so ganz der Realität entspricht – in Wahrheit sind die Hänge hier zwar meist nicht ganz so hoch, aber dafür oftmals richtig knackesteil!
Wie zum Beispiel das Stück, auf dem ich mich jetzt befand: Ein weiteres Mal ging´s durch wunderschöne, abendlich ausgeleuchtete Hangwiesen bergauf, zuerst auf einem ordentlich steilen Asphaltweg, dann auf einem ziemlich überwucherten aber etwas weniger steilen Feldweg zwischen den Weidezäunen bis zum Waldrand hoch.
Erster Eindruck: Wow, schön hier oben. Alter, prächtiger Buchenwald, dicht genug um etwas Schatten und Kühle zu spenden (wenn auch nicht genug, ums richtig angenehm zu machen), aber zugleich so licht, dass allenthalben einzelne Strahlen des leuchtenden Abendlichts durchdringen und den Waldboden in ein Leopardenmuster aus Licht und Schatten tauchen konnten.
Zweiter Eindruck: Steilsteilsteilsteilsteil! Ein schmaler (und durchaus aparter) trampelfpad führte durch einen ausgewaschenen Hohlweg zwischen den Bäumen hindurch geradewegs den Hang hinauf, und das mit einer Steigung, die sich so richtig gewaschen hatte.
Gut, dass eh gerade eine Trink- und Wasserüberkipppause fällig war, da hatte ich eine Ausrede, um das schlimmste Stück gehend zurückzulegen… 😉

Nach etwas über 200 anstrengenden Metern erreichte ich den „“Steinigen Weg“, einen wunderschönen Querweg, der am Hang entlang bis hinunter zur Bordmühle in Zell führt (auch den hab ich letzten November schon mal runtergelaufen), und der in der Tat relativ steinig ist. Heute wollte ich hier weiter berghoch, also links (weiterhin roter Balken, ergänzt durch die weisse Raute), vorbei an einer beschaulich-pittoresken Lichtung und hoch in den dichten und überraschend stickigen Wald am Eselsberg. Nach 500 (uff, immer nur bergauf, kein Wind, wie in der Sauna) eine Kehre, dort scharf rechts (natürlich aufwärts. Urck!), und nach weiteren 200 m. halbrechts ab, auf einen unmarkierten Weg, der gnädigerweise eben/leicht abfallend westwärts in den Vorderwald führte.

Auch hier: Schöner Wald, dessen tiefer Schatten immer wieder von einzelnen Sonnenstrahlen durchbrochen wurde, einerseits sehr angenehm zu laufen, andererseits aber weiterhin warm und stickig. Ich kippte mir im Traben einen weiteren Schwall Kühlwasser über, das machte es etwas erträglicher.
Irgendwann eine Wegscheide, kurz links hoch, nach 50 m. gemerkt, dass ich falsch war (die Hitze hatte offenbar meinen Desorientierungsinn beschädigt, so dass ich ausnahmsweise mal zur Besinnung kam, bevor ich 15 Kilometer Umweg gelaufen war), umgekehrt, den anderen Weg genommen, nach 100 m. die nächste Wegscheide erreicht (aha, hier hatte ich abgewollt) und hier halblinks und leicht aufwärts auf den Weg B4 gelaufen.

Es folgten zwei verträumt-ereignislose und wunderbar entspannte Kilometer leicht abwärts durch den weiterhin sehr aparten Wald: Um ein großes Tal herum, vorbei an einem ungewöhnlich mutigen Reh, das mich mit intressiertem aber ruhigen Blick beäugte, während ich in nicht einmal 5 m. Entfernung an ihm vorbeilief (Wahrscheinlich war es durch die wunderbar friedfertige Abendstimmung beruhigt. Oder es hatte Tollwut. Keine Ahnung…) und schließlich einen bequemen, leicht eicht gekrümmten Weg abwärts, bis ich plötzlich unvermittelt am unteren Waldrand ins Freie hinauslief.

Ich weiss, ich wiederhole mich, aber trotzdem:
So. Verflixt. Schön!
Die Hochebene am Striet zwischen Zell und Unter-Hambach, wieder mal eine sanfte gewellte, fast schon Toskana-Artige Hügellandschaft, die neben den Sattgrünen Weiden und schattigen Baumgruppen auch wunderschöne Getreidefelder zu bieten hatte, die leicht in der herrlich frischen Brise wogten und im Licht der untergehenden Sonne (die inzwischen zu einem feurroten Glutball geworden war, der sich langsam aber stetig dem weiten Horizont jenseits der Ebene näherte) golden glänzten.

Ich bog rechts ab, lief zwischen schattigem Wald und sonnigen Roggenfeldern nach Westen und schließlich ganz hinaus ins offene, von warmen Abendlicht durchfluteten Gelände, wo ich ganz kurz dem Burgenweg (blaues B) in Richtung Zell folgte, dann jedoch gleich wieder links in die „Ahlengasse“ einbog, einem geraden, staubigen Feldweg, der westwärts in Richtung Hemsberg führte.

Apropos Hemsberg: Der ragte inzwischen gar nicht mehr weit empor, und ich durfte Feststellen, dass er beeindruckender war, als ich erwartet hatte. Eigentlich ist er nicht besonders hoch: 262 m.ü.NN, das ist gerade mal die halbe Höhe des Melibokus, und selbst das Auerbacher Schloss ist noch 80 m. höher. Aber – und damit hatte ich nicht gerechnet – die Gegend ist hier auch nicht mehr besonders hoch. Der Höhenrücken, aus dem der Hemsberg sich erhebt, hat gerade noch 180 oder 190 m., entsprechend überragt er seine unmittelbare Umgebung um beeindruckende 80 m. Und dabei ist er ist steil, ein spitzer, schnell ansteigender Kegel, der unvermittelt aus der sonst so rundlichen Landschaft hervorsticht, und sie regelrecht dominiert.
Noch eine kleine Herausforderung, das gefiel mir…

Zuerst mal musste ich aber hin, also folgte ich der Ahlengasse (die sich bald in den Blütenweg, gelbes B, verwandelte) weiter durch die wundervolle Landschaft nach Westen, genoß die großartige Aussicht in den Ebene, die herrliche untergehende Sonne und die lokale Faune (Feldhase, ähnlich furchtlos wie das Reh vorhin, rüttelnder Falke, Schmetterlinge). Die recht zahlreichen Spaziergänger, die sich hier oben tummelten, grüßte ich jeweils überaus freundlich und enthusiastisch („Naaaabend!“), und wurde genauso freundlich und enthusiastisch zurückgegrüßt – die herrliche Abendstimmung machte einfach glücklich, da konnte man einfach nicht anders, als den anderen Passanten mit einem breiten Lächeln und viel guter Laune zu begegnen.

Diese gute Laune wurde auch nicht gedämpft, als ich kurz vor dem Hemsberg feststellen musste, dass ich irgendwo unterwegs meinen Streckenplan verloren hatte – normalerweise ist der ja immer in den Getränkegürtel geklemmt, wahrscheinlich war er bei einer der Kühlpausen rausgefallen.
Aber hey, ich wollte ja nur auf den Gipfel der gut sichtbaren Erhebung vor mir, da konnte man ja nun wirklich nichts falsch machen! (Jaja, der geneigte Leser ahnt sicher schon, was sich hier wieder anbahnt… 😀 ).

Also unverzagt weiter. Die Sonne war inzwischen vielleicht noch eine Viertelstunde vom Horizont entfernt, entsprechend hegte ich die Hoffnung, dass ich den – unzweifelhaft spektakulären Sonnenuntergang – möglicherweise vom Gipfel des Hemsbergs, ja vielleicht sogar von der Spitze des Hemsbergturms würde beobachten können (da ich noch nie oben gewesen war, und mich vorher auch nicht informiert hatte, wusste ich nicht, ob der Turm offen sein würde oder nicht – war zwar eher unwahrscheinlich, aber ich wollte ja eh hoch, also warum nicht das Beste hoffen?).
In meinem Hinterkopf spukte die Erinnerung herum, dass ich auf der gelben 2 auf den Gipfel des Berges kommen müsste, also hielt ich extra nach ihr Ausschau und bog, als sie nach ca. 900 m. auf der Ahlengasse rechts auftauchte, natürlich sofort ab.
Der breite, bequeme Weg auf den ich hier geraten war, kam mir gleich etwas seltsam vor – anstatt bergauf zu führen (Merke: Wenn du auf einen Gipfel willst, ist bergauf in 99,7713% aller Fälle die richtig Richtung), führte er bergab, und dazu auch nach am eigentlichen Gipfel vorbei.
Hmmm. Na ja, vielleicht würde er ja gleich dahinten hinter den Bäumen einbiegen und den Hang hoch führen…
Tat er natürlich nicht.
Stattdessen führte er durch ein kleines Seitental östlich des Berges, und wand sich dann weiter abwärts in Richtung Zell.
Ich war offensichtlich falsch (in der Tat: Wie das nachträgliche Studium der Karte ergeben hat, hätte ich nicht auf den ersten Weg mit der gelben 2 einbiegen dürfen, sondern den zweiten nehmen müssen. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht).
Schlimmer noch: Mit jeder Sekunde sank die Sonne weiter in Richtung Horizont, wenn ich nicht bald oben ankam, würde ich den herrlichen Sonnenuntergang verpassen!
Wastunwastunwastunwastun?

Zurück und suchen?
Wollte ich nicht, das würde zuviel Zeit kosten.
Aber direkt links von mir erhob sich ja schon der Hemsberg, also beschloss ich, den direkten Weg zu nehmen: Hänge raufkraxeln, bis ich oben wäre oder auf den richtigen Weg käme.
Gedacht getan!
Kurz umgekehrt, und die nächstbeste Böschung hoch. Die war extrem steil, rutschig und voller Dornen und Brennesseln.
Autsch.
Oben angekommen ein Trampelfpad an der Ostseite des Berges, dem ich kurz folgte, bevor er an an einer weiteren Böschung endete.
Die war nicht nur extrem steil, rutschig und voller Dornen und Brennesseln, sondern auch noch wesentlich höher als die erste.
Egal. Keuchend, mir die Knie aufschürfend und micht mit allerlei schmerzenden Bodengewächsen selbst kasteiend kletterte ich auch hier hoch, bis ich – schon fix und fertig und ziemlich zerschunden auf einen winzigen Trampelfpad stieß, der um die Kuppe herum steil aufwärts in den Wald führte.
Aufwärts ist gut, also nix wie los, bald ist Sonnenuntergang!!!!
In einer Mischung aus Joggen, Gehen, Hüpfen (aaah! Brennesseln!! Aaaah! Ich Scheissdinger!! Aaahhrg!) und gelegentlichem Kriechen schleppte ich mich also hastig den düsteren Pfad hoch, machte mich mit den Anrainergewächsen (hauptsächlich Beeren und immer noch mehr Brennesseln, teils von prähistorischen Ausmaßen). Der Aufstieg wollte und wollte keine Ende nehmen. Nach gefühlten 8 Stunden und 3000 Höhenmetern stiess ich auf ein paar grobe Stufen, über die dann endlich irgendwann fix und fertig, verätzt, zerstochen und aufgeschürft den Gipfel erreichte.
Da, direkt vor mir stand der Bismarckturm, stolz, wehrhaft, fast ein bisschen mittelalterlich.
Wenn er jetzt nur noch offen wäre…
Einmal halb rum, am Anbau vorbei zum eigentlich Turm, um die Ecke zum Eingang…
… vor dem ein schweres Gitter vor einer nicht minder schweren Metalltür sass.
Natürlich beide verschlossen!

Ja gut, eigentlich hatte ich das schon erwartet, aber irgendwie war ich dann doch maßlos enttäuscht: Da strengt man sich so an, freut sich schon richtig, und dann ist zu.
*Seufz*
Manchmal wünsche ich mir, in einem Land ohne Vandalismus, Rücksichtlosigkeit und mutwillige Zerstörungswut zu leben, in dem Aussichtstürme nicht abgeschlossen werden müssen…

Tja. Da die Kuppe rund um den Turm mit undurchdringlichem Urwald überwuchert war, durch den man praktisch keinerlei Sicht nach draussen hatte, war´s das wohl mit dem Sonnenuntergang…
Oder etwa doch nicht?
Gerade als ich mich so richtig in meiner Enttäuschung ergehen wollte, drang noch mal ein einzelner, goldenroter Sonnenstrahl durchs Dickicht – ich war also noch nicht zu spät.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte das – 21:26, also noch sieben oder acht Minuten bis zum Sonnentuntergang. Wenn ich mich richtig beeilte, könnte ich vielleicht noch rechtzeitig die Weinberge unterhalb des Hemsbergs erreichen und die Sonne von dort aus über der Ebene versinken sehen.
Also nichts wie los!

Zurück in den Wald, schnell, schnell, schnell, einfach nur irgendwie abwärts!
Dummerweise gestaltete sich das schwieriger als gedacht.
Wie schon erwähnt ist der Hemsberg über und über mit Urwald bedeckt – und ich meine Urwald, ein dichter, völlig zugewucherter Dschungel, durch den man kein bisschen nach draussen sehen und sich orientieren kann. Zudem führt eine nicht näher bestimmbare Zahl an winzigsten Pfädchen (natürlich mit Brennesseln) auf verschiedenen Höhen immer wieder rund um den Berg herum, anscheinend ohne irgendeine Verbindung miteinander zu haben – entsprechend ist das ganze sowas wie der Place de l’Étoile in Paris – wenn man da als Ortsfremder erst mal in den Kreisverkehr geraten ist, kommte man nie wieder raus!
Entsprechend lief ich dann auch eine unbestimmbare Zeit auf einem völlig unbestimmbaren Weg gegen den Uhrzeigersinn um die Kuppe rum, ohne dabei merklich an Höhe zu verlieren. Um ehrlich zu sein: Ich hatte das Gefühl, ständig auf dem selben Pfad um den Gipfel zu rennen, ohne einen Ausweg finden zu können. Nachdem ich ihn gefühlte 5 mal umrundet hatte (war viel weniger, aber wenn die Phantasie erst mal angeht… 😉 ), begann ich damit, mich mit dem Gedanken zu arrangieren, hier nie wieder rauszufinden – wahrscheinlich würde ich noch tagelang durch dieses winzige Hangwäldchen mit weniger als 500 m. durchmesser irren, um dann schließlich irgendwann, völlig entkräftet und nach dem Genuss irgendwelcher seltsamer Beeren halluzierend (meine biologischen Kenntnisse beschränken sich leider weitgehend aufs Tierreich – ich kann zwar alle sechs lebenden Kamelarten auf Sicht unterscheiden [immer dran denken: Guanakos sind größer als Vikunjas…], aber bei seltsamen Waldbeeren bin ich essenziell ahnungslos) in einem Bett aus Brennesseln elendiglich verenden würde.
Um so glücklicher war ich dann, als ich unvermittelt einen noch winzigeren Pfad entdeckte, der hinter einem Brennesselgestrüpp (wo auch sonst) direkt den Hang runter führte.
Natürlich nahm ich den und erreichte nach kurzem aber unangenehmen Abstieg – oh Wunder – doch tatsächlich den Waldrand, gerade mal 200 m. von dem Punkt entfernt, von dem aus ich ursprünglich falsch abgebogen war. Nur kurz durch die Weinberge, und ich war wieder auf dem Blütenweg.
Puuh, da war ich dem Todeslabyrinth am Hemsberg ja gerade noch mal entkommen…
Ein Blick auf die Uhr sagte: 21:31 Uhr. Konnte natürlich nicht sein, ich war mindestens 10 Stunden durchs Dickicht geirrt. Wahrscheinlich herrschte da oben auch noch eine von diesen Raum-Zeit-Anomalien, von denen immer in schlechten Science-Fiction-Serien im Fernsehen die Rede ist, so eine Art umgekehrter Rip-van-Winkle-Effekt…
Brr… Gruselig… 😆

Aber egal, die Uhrzeit bedeutete, dass ich noch zwei oder drei Minuten bis zum Sonnenuntergang Zeit hätte. Hier hinterm Berg war sie allerdings schon weg, also musste ich weiter vor in die Weinberge.
Nichts wie los, im Sprint den Blütenweg runter, beinahe noch falsch abgebogen (dank einer freundliche Passantin gerade noch auf den rechten Weg gefunden), und im Eiltempo auf dem wunderschönen Hemsbergweg durch die Weinreben um die Bergkuppe herum.
Losloslos.
Und auf einmal war er da: Der Sonnenuntergang.
Nicht mehr viel, nur noch eine dünner orangeroter Streifen, der 15 Sekunden nachdem ich ihn erspäht hatte, endgültig glühend in der Weite der Pfälzer Berglandes oder des Hunsrück versank – aber ich hatte es noch geschafft. Auf den letzten Drücker zwar, aber immerhin!
Wo ich eh schon stand, genoß ich natürlich auch noch mal die wunderbare Aussicht, über die Weinberge hinab in die dämmrige Ebene, über Bensheim hinweg nach Worms und weiter bis zum Donnersberg, nach Norden zum Taunus hin, nach Süden bis Mannheim, Ludwigshafen, Pfälzerwald…
Friedlich. Und schön!

Jetzt hatte ich es auch fast geschafft. Auf dem wunderbaren Hemsbergweg langsam abwärts durch die dämmrigen Weinlagen, einen längeren Hohlweg runter, und auf einmal war ich in Bensheim. Kurz geradeaus, dann rechts und durch das hübsche, ruhige Wohngebiet an der Hemsbergstr. nach Norden, an der alten Papierfabrik und dem Friedhof vorbei und schließlich in der Grieselstr. in die Kneipe „Bierkeller„, wo schon eine kalte Cola und ein Jubiläumsschnitzel auf mich warteten – genau das richtige nach einer schönen und anstrengenden Tour:

Oh mann, gut dass ich mich morgen oder übermorgen mal wieder rasieren muss, ist höchste Zeit… 😉

Passend zum Jubiläum ein wirklich herrlicher Lauf, in eine der schönsten Landschaften der Gegend und das bei toller Abendstimmung. Wunderbar, genau so müsste es immer sein, da hat selbst die Hitze nicht gestört…

Strecke: 11,7 km
Zeit: 1:17 h (= 9,12 km/h bzw. 6:35 min/km)
Karte:

(Ohne Gewähr für die Streckenführung am Hemsberg – da war ich so verirrt, dass die nur kreativ geraten ist…)

Interaktive Streckenkarte

M.

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9 Antworten to “Jubiläumslauf: Wilmshausen – Gronau – Hemsberg – Bensheim (11,7 km)”

  1. XYZ Says:

    Ja aber hallo, das war doch mal ein Jubiläumshighlight (um im Neudeutschenglisch zu sprechen). Wie könnte man so einem Anlass besser gerecht werden, als ihn im Einklang mit sich und seinen Wünschen und Bedürnissen zu gestalten (inclusive obligatorischer Verirrung und Jubiläumsschnitzel) und zu erleben. Meine Glückwünsche zum „Einjährigen“.
    Vielleicht bist du, wenn alle vorangigen wichtigeren Dinge endlich abgeschlossen sind, an dieser Stelle wieder mit ausführlichen Laufberichten zu finden, freue mich darauf.
    Bis dann
    Doris

  2. matbs Says:

    Hallo Doris,

    vielen Dank für die Glückwünsche!
    Und mal sehen, wie´s weitergeht… 🙂

    Matthias

  3. Heidi Says:

    Na schau an – ein brauchbares Foto!
    1. – wie kommt der Fotoapparat auf die Tour?
    2. – wer hat es geschossen? Doch nicht etwa Du? 😉

  4. matbs Says:

    Das Foto ist eine Folge der Verwerfungen im Raum-Zeit-Gefüge am Hemsberg.

    Durch die temporale Anomalie hatte ich mich offensichtlich kurz in zwei fast parallel verlaufende Zeitlinien geteilt, so dass eine Version von mir runter nach Bensheim gelaufen ist, während die andere noch zehn Minuten länger den Ausgang des unausgangbaren Waldes gesucht hat, und somit später am Ziel war – entsprechend war ich genau zum richtigen Zeitpunkt da, um ein Foto von mir selbst in Version #1 beim Schnitzelessen zu machen. Dann sind Zeit und Raum wieder komplett ineinandergeflossen (was gut war, denn sonst hätten wir ja zwei Schnitzel gebraucht…).
    Womit wieder mal bewiesen wäre:
    WISSENSCHAFT ERKLÄRT ALLES!!!
    😆
    Bloss wo der Foto herkam, das kann wohl niemand beantworten…

    Übrigens: Möglicherweise gibt es auch eine prosaischere Erklärung für das Bild, aber die oben klingt einfach besser, oder? 😉


  5. […] Jubiläumslauf: Wilmshausen – Gronau – Hemsberg – Bensheim (11,7 km) […]

  6. Tilman Says:

    Als Wilmshäuser freuts mich, dass du durch Wilmshausen gelaufen bist!

    Das die Wanderwege so Wilmshausen „meiden“ ist mir noch gar nicht so aufgefallen, obwohl ich öfters dort Fahrrad fahre.

    Mal schauen, was man wegen den Wanderwegen machen kann.

  7. matbs Says:

    Hi Tilman,

    Als Nicht-Wilmshäuser hat´s mich auch gefreut – ist schon arg hübsch bei euch, gerade wenn man mal von der B47 runter kommt.

    Was die Wanderwege angeht: Zumindest von den markierten Strecken wird Wilmshausen schon etwas stiefmütterlich behandelt – lediglich der Elmshäuser Lokalweg EL2 kratzt mal so kurz am Dorfrand östlich der Lauter entlang, ansonsten gibt´s da nichts.

    Vielen Dank für den Kommentar, und Gruß aus Jugenheim

    Matthias


  8. […] an die Kreuzung unterhalb des Turms, und dort dann stur der gelben 2 gefolgt (nachdem ich mich bei meinem letzten Lauf hier oben total verfranst habe, wollte ich heute lieber nichts riskieren). Erst ein Stück auf einem recht bequemen Pfad Waldpfad […]


  9. […] einem kleinen Parkplatz abseits der Hauptstrasse, von dem ich letztes Jahr schon mal meinen Jubiläumslauf gestartet hatte. Kurz dem kleinen Bächlein neben dem Dorfplatz gefolgt, dann links über einen […]


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