Kalamitäten zwischen Lauter- und Modautal (13,4 km, mit Fotos)

30. August 2008

So langsam fängt die schönste Laufzeit des Jahres an: Der Sommer fliesst ganz langsam in den Herbst, es ist noch warm aber nicht mehr stickig, das Licht ist klar und eindringlich, die Luft irgendwie frisch, angenehm – muss man in vollen Zügen geniessen, bevor´s anfängt, novemberig zu werden.

Zum Beispiel heute: Wunderbarer, wolkenlos sonniger Spätsommertag, machte so richtig Lust auf eine etwas längere Tour im Odenwald. Also mal kurz im Archiv der geplanten Strecken gewühlt und das hier gefunden: Ca 15 km durch Lauter- und Modautal – tolle Landschaft, ein paar richtig knackige Anstiege, und dazu auch noch fast vollständig unerlaufene Strecke.
Genau das Richtige, perfekt!

Strecke feingeplottet, mal wieder den Getränkegürtel umgeschnallt, spontan noch schnell den Foto mit eingepackt, und los ging´s am frühen Abend hoch in den Odenwald.
Schon die Fahrt zum Ausgangspunkt war herrlich, und bot die grünen Hänge, Wiesen und Wälder des vorderen Odenwaldes in voller Pracht.
War mir sicher: Das würde heute ein Superlauf werden.

Start mal wieder am Parkplatz Römersteine am hinteren Ende des Felsbergs, direkt hinter Beedenkirchen auf der Passhöhe oberhalb von und Reichenbach. Schön kühl (22 Grad statt der 26 unten an der Bergstrasse), dank der schon tiefstehenden Sonne herrschte ein wunderbarer Kontrast zwischen tiefen Schatten und strahlendem Abendlicht:

Bild #1: Blick vom Parkplatz Römersteine nach Norden auf Beedenkirchen


Bild #2: Blick vom Parkplatz Römersteine nach Süden zum Lautertal

Kurz gedehnt, und Start. Zuerst mal runter an die Landstrasse (L3098), der nach Rechts in Richtung Reichenbach gefolgt:

Bild #3: L3098 nach Süden, kurz hinter Beedenkirchen

Kein Verkehr, angenehm angesichts der odenwaldtypisch fehlenden Rad/Fußwege bzw. Seitenstreifen.
Nach 200 m. dann halbrechts von der Strasse ab auf einen abfallenden gekiesten Feldweg…

Bild #4: Feldweg an der L3098

… der einen sanften Bogen um eine Weide mit wunderschönen Obstbäumen und beunruhigt glotzenden Kühen beschrieb…

Bild #5: Foto-Laufberichte aus dem Odenwald müssen der Vollständigkeit halber wenigstens ein Bild von Kühen enthalten. Et voilà!

… und schließlich nach 50 m. in den schon recht finsteren Wald am Südosthang des Felsbergs führte:

Bild #6

Hier wurde es dann schon ein klein wenig spannend. Der Plan sah vor, dass ich mich auf einem unmarkierten und mir völlig unbekannten Pfad am Hang bis weit hinunter ins Tal, zum unteren Ende des Felsenmeers durchschlagen sollte. Soweit so gut, doch dummerweise gingen am Waldrand zwei unmarkierte Pfade ab, die in ungefähr die richtige Richtung führten.
Hmmm. Links oder rechts?
Wie immer im dichten Wald war der Google Earth-Plan keine echte Hilfe, also folgte ich spontan einfach mal dem rechten der beiden Wege.
Der führte tiefer in den Wald rein – was schonmal gut war – und bergauf – das war nicht so gut, denn wenn man tief runter ins Tal will, ist bergauf tendenziell eher die falsche Richtung. Aber beirren lassen wollte ich mich nicht, also lief ich erstmal weiter. Der Weg war erwartungsgemäß schlecht und stieg teilweise ganz schön an, entschädigte dafür aber mit tollen Licht/Schatteneffekten und den ersten Ausläufern des Felsenmeers, unter anderem ein riesig-imposaner Findling links des Weges, bei dem es sich vermutlich um den „Hohen Stein“ handelte (und von dem ich trotz dreier Versuche kein auch nur ansatzweise brauchbares Foto geschossen habe) und mehrere „Seitenarme“ aus mittelgrossen Felsen, die sich rechts des Weges über die Hänge durch den Wald ergossen:

Bild #7

Kurz danach ging´s dann richtig bergauf, mit 25+% Steigung geradewegs den Hang hoch (Puuh!) und schlließlich auf einen breiteren/besseren Weg, den ich schon kannte: Gelbe 4/Gelbes L vom Felsenmeer zu den Römersteinen, hier war ich neulich erst bei meinem letzten Lauf am Felsberg durchgekommen.
Hrmnaja, offensichtlich war ich am Waldrand doch falsch abgebogen, aber immerhin wusste ich nun, wie ich weiterlaufen musste: Links leicht abwärts auf der gelben 4.

Also weiter bis kurz vors Felsenmeer, wo links ein kleiner, holpriger Waldweg abging, der Hang runter – sah spannend aus, den nahm ich, auch wenn er steil, unmarkiert und in einem ziemlich miesen Zustand war:

Bild #8

Nach kurzem aber heftigen Abstieg dann wieder rechts und ein Stück am Hang entlang, bis ich schließlich das Felsenmeer erreichte:

Bild #9: Felsenmeer, mittlerer bis unterer Teil

Kurzer Blick auf den mächtigen Strom aus großen und mittelgroßen Findlingen, dann links, auf dem Europäischen Fernwanderweg 1 (weisses Andreaskreuz)/dem Nibelungensteig (rotes N) auf den alten, erdigen Stufen einer groben Treppe parallel zur Hauptmoräne (und ja, ich weiss, dass das Felsenmeer nicht glazialen Ursprungs ist deshalb eigentlich keine Moränen haben kann. Aber wie soll man das denn dann bitteschön sonst nennen, häh?) bergab.

Bild #10: Markierungen am Fußweg, der am Felsenmeer entlang nach Reichenbach führt

Etwas holperig, aber auch total spannend: Ich bin zwar allein im letzten Jahr X-mal am Felsenmeer gewesen, doch den Abstieg durch den unteren Teil des Felsenmeeres nach Reichenbach runter hab´ ich in meinen ganzen 30 Jahren noch nie gemacht – also echtes Neuland für mich, und sowas macht mir ja immer am meisten Spass.
Natürlich um so mehr, wenn das Neuland auch noch was Besonderes ist, so wie der untere Teil des Felsenmeers: Wirklich faszinierend, wie sich das ungebrochene Band aus Tausenden von Findlingen gleich einer großen, grauen Narbe durch den Wald zieht, sowohl nach oben…

Bild #11

…als auch nach unten:

Bild #12: Man beachte das kleine Bächlein, das sich hier zwischen den Felsen idyllisch talwärts schlängelt

Dazwischen immer mal Wege/Steige durch und in die Felsen, rege frequentiert von Ausflüglern, Wanderern und jungen Familien mit Kindern, für die dieser Riesenabenteuerspielplatz natürlich ein Riesenspass ist (zumindest ging´s mir immer so – und schon beim Vorbeilaufen kriegte ich so richig Lust, mal wieder in die Felsen reinzuklettern…). Wirklich schön hier!

Schließlich schimmerte der Waldrand am unteren Ende des Felsenmeers durch die Bäume…

Bild #13: Blick vom Felsenmeer ins Freie und auf den großen Parkplatz am Rand von Reichenbach

…und ich lief vorbei an der Siegfriedsquelle…

Bild #14

…hinaus ins offene Gelände am Rand des idyllischen, wunderschönen Lautertals:
.
Bild #15

Hier dann rechts, am Parkplatz Felsenmeer vorbei und hinein nach…

Bild #16: …Reichenbach.

Dort immer weiter nach Süden, an einem Sportplatz entlang…

Bild #17

…durch den hübschen, ruhigen Seifenwiesenweg bis runter an die Beedenkircher Str. …

Bild #18: Seifenwiesenweg hinunter in den Reichenbacher Ortskern, im Hintergrund die evangelische Kirche

…die mit unzähligen Kerbebäumchen geschmückt war…

Bild #19

…und dort weiter in Richtung Ortskern.

Bevor ich allerdings die B47 an der Traube erreichte, gings auch schon wieder links ab, den steilen Brunnenstubenweg und die nur wenig weniger steile Strasse „Am Tannenberg“ hoch…

Bild #20: „Am Tannenberg“ in Reichenbach

…bis ich schließlich den lokalen Wanderweg Re4 am Zehnesweg erreichte, über den ich Reichenbach in nordöstlicher Richtung wieder verliess:

Bild #21: Zehnesweg/Re4 in Reichenbach.

Und hier wurde es dann sowohl so richtig schön, als auch so richtig knackig.
Um an dieser Stelle mal etwas weiter auszuholen: Es gibt zwei Dinge, die man als Läufer über Reichenbach wissen muss:
1) Reichenbach ist ein wirklich hübscher, alter kleiner Ort und die Umgebung gehört zu den schönsten Teil des Odenwaldes. Herrliche Gegend, unbedingt zum laufen zu empfehlen.
2) Aber Reichenbach liegt auch gaaaaaaaaanz tief unten in einem supertiefen Talkessel, der an dreieinhalb Seiten von extrem steilen und total hohen Bergen umschlossen ist – wer hier etwas weiter laufen will, der muss zwangsläufig klettern, und die meisten Wege aus dem Tal heraus sind brutal anstrengend: Schwieriges Terrain, nur bedingt zum laufen zu empfehlen.

Tja, und der Weg Re4 von Reichenbach nach Gadernheim ist ein perfektes Beispiel dafür: Von Reichenbach aus führt er steil aufwärts durch herrliche Wiesen und wunderschönen Wald über den „Zehnes“ (das ist ein Berg), bietet dabei tolle Ausblicke – und eine durchschnittliche Steigung von ca. 13% auf mehr als 1,5 km am Stück. Das strengt an!
Am Anfang natürlich kein Problem: Ein langer, moderat ansteigender Feldweg durch die sonnigen, grasbewachsenen Hänge des Wingertsberges…

Bild #22: Re4 am Wingertsberg kurz hinter Reichenbach

…von denen man einen herrlichen Blick über das Tal und hinunter nach Reichenbach hat:

Bild #23: Blick vom Wingertsberg nach Osten über das Lautertal hinweg, in der Bildmitte am Waldrand das Hofgut Hohenstein


Bild #24: Blick vom Wingertsberg nach Südosten auf Reichenbach

Bis dahin war´s ja schon ordentlich steil und anstrengend gewesen. Aber es war noch lange nicht Schluss – kurzes Stück mit erträglicher Steigung zum Verschnaufen, dann kam schon wieder die nächste „Steilwand“, erst in einem hübschen, schattigen Hohlweg (merke: Steigungen in Hohlwegen sind IMMER fies!)…

Bild #25

…dann durch mehr wunderschöne sonnige Hangwiesen:

Bild #26: Blick vom Re4 nach Nordwesten zum Felsberg


Bild #27: Lauschiges Seitental östlich des Re4

So langsam wurde es doch schon etwas happig – inzwischen schon ein Kilometer kontinuierlicher Aufstieg, immer wieder durchbrochen durch Fotopausen (warum muss das hier oben auch so verflixt hübsch sein), das strengte an. Entsprechend froh war ich dann auch, als ich endlich schnaufend und japsend den Waldrand vor dem Zehnes-Gipfel herum erreichte – viel konnte es jetzt ja wohl nicht mehr sein:

Bild #28

Tjaja, natürlich war es dann doch noch ziemlich viel: Auch im Wald kannte Re4 nur eine Richtung, und die war steil himmelwärts. Aaaaaanstrengend (aber auf eine gute Art und Weise… 😉 )!
Nach weiteren 300 m. schließlich eine Wegscheide mitten im Wald:

Bild #29: Die Wegscheide unterhalb vom Zehnes

Re4 ging hier nach rechts, kleiner, mäßig guter Weg, aber mit wenig Anstieg. Hier hätte ich laut Plan entlanggemusst.
Aber nach links führte ein zweiter Trampelpfad, und der war steieieieil, wucherig und total rumpelig – und er führte offensichtlich weiter nach oben bis auf den Gipfel. Als ich den sah, machte es „Klick“ in meinem sauerstoffarmen Hirn: Ich war bis hierher hochgeschnauft, da würde ich doch nicht so kurz vor dem Gipfel abbiegen, nur weil der Plan das so vorsah!
„Oh nein, mein lieber, “ (dachte ich mir, wenn auch weit weniger kohärent) „da rennste jetzt auch bis ganz nach oben weiter. Wird sich schon irgendwo ein Weg finden, der zurück auf die geplante Strecke führt…“

Also lief ich links, atemlos, auf dem unmarkierten Weg, in der mir völlig unbekannten Gegend weiter steil nach oben…

Na, liebe Stammleser?
Ahnt ihr schon, was als nächstes passiert?
Richtig, genau das!
Am besten geht ihr nochmal schnell los und holt euch einen Eimer Popcorn und was zu trinken, damit ihr es so richtig geniessen könnt, wenn der trottelige Matthias sich wieder mal heillos in der Wildnis verirrt.
😀

Arglbpfstrmpfkrk! Noch mal 40 Höhenmeter mehr, die ich keuchend und japsend bewältigte, und schließlich tatsächlich den Gipfel des Zehnes erreichte, der sich vor allem dadurch auszeichnete, dass er absolut unspektakulär und die ganze Anstrengung überhaupt nicht wert war: Hier gab´s Wald, Forst, Bäume, Gehölz und ein paar Stapel mit Brennholz, und sonst gar nix:

Bild #30: Zehnes-Gipfel

So, und da stand ich nun, oben auf dem Berg, irgendwo abseits der geplanten Strecke, auf die ich jetzt wieder zurückfinden wollte. Theoretisch musste sie irgendwie so da ein bisschen halbwegs circa oder auch nicht so ganz genau aber villeicht annäherungsweise rechts unterhalb von meiner momentanen Position sein.
Eigentlich kein Problem, denn da führte auch tatsächlich ein Weg runter.

Na ja gut, „Weg“ ist vielleicht übertrieben., war vielleicht eher ein Pfad.

Na ja gut, „Pfad“ ist vielleicht übertrieben, war vielleicht eher ein Wildwechsel.

Na ja gut, „Wildwechsel“ ist vielleicht übertrieben, war vielleicht eher ein superschlammiges Stück Hang mit etwas weniger Bäumen aber dafür mit ganz vielen Dornen und Brennesseln.
Aber es führte in die hoffentlich richtige Richtung, also nahm ich es.

Autsch!

Nach 20 m. war ich eingesaut.
Nach 40 m. eingenesselt.
Nach 70 m. hatte ich mir die Beine mit einem halben Dutzend blutender Dornenwunden perforiert.
Nach 100 m. rammte ich mir einen zwischen den Brennesseln versteckten Ast in den Unterleib.
Nach 130 m. erreicht ich den Waldrand und lief – arg geschunden aber noch funktionstüchtig – auf eine offene Hochwiese hinaus.

Und da stand ich dann.
Und hatte keine Ahnung, wo ich mich gerade befand.
Örm…

Ok, mal überlegen: Irgendwo musste der Weg Re4 sein. Aber hier anscheinend nicht, da war einfach nur Wiese. Wahrscheinlich war ich zu weit oben aus dem Wald gekommen, der richtig Weg musste also immer noch rechts unterhalb am Hang liegen.
Na gut, gehen wir doch mal suchen: Rechts die Hangwiese runter bis zu einem Stacheldrahtzaun.
Kein Weg in Sicht. Aber da noch viel weiter unten am Hang, hinter der eingezäunten Weide, war eine Baumreihe, die sah total so aus, als würde da ein Weg verlaufen – da musste ich nur hin.
Also robbte ich erstmal an einer günstigen Stelle unter dem Stacheldraht durch (zum drüberspringen war der Zaun zu hoch und zum drüberklettern zu morsch):

Bild #31: Unter dem Stacheldraht durch

Dann stolperte ich die Wiese runter in Richtung Baumreihe. Zwischendrin kurze Pause, um mit offenem Mund die unsagbar herrliche Aussicht über das das Lautertal hinweg in die Ebene zu bewundern:

Bild #32 – leider etwas zu gegenlichtig


Bild #33: Noch mal etwas näher. Unten im Tal Reichenbach, links darüber der Hohberg, in der Bildmitte die Anhöhe am Schönberger Wald, dahinter das Ried. Sah in echt ungefähr 100 mal schöner aus als auf dem Foto!

Am unteren Ende der Wiese stellte sich raus, dass an der Baumgruppe weder der Weg Re4 noch ein anderer Weg verlief. Stattdessen lagen direkt unterhalb mehr Wiesen auf mehr Hang.
Hrm. Inzwischen hatte ich wirklich überhaupt aber auch nicht den leisesten Schimmer, wo genau ich mich befand und wo ich hinmusste – ich stand irgendwo in der Pampa rum und war so unorientiert wie seit Monaten nicht mehr!
Also hielt ich mich erstmal an das, was ich wusste: Ich hatte Re4 noch nicht gefunden, also musste er ja wohl immer noch rechts unten unter mir verlaufen (oder????).
Folgerichtig weiter rechts runter.
An der Baumgruppe eine nesselige Böschung runter (meine Beine waren inzwischen so verkratzt und vernesselt, da machte das auch nix mehr)…

Bild #34

…dann eine Wiese runter, von einer Bremse gebissen worden, noch eine Wiese runter, beinahe im einem Kuhfladen von der Größe Liechtensteins ausgerutscht („Holiday on Shit“), über einen klickenden Elektrozaun gehüpft und mir dabei beinahe den Schritt gegrillt…

Bild #35: Klickendes Elektrozaunbetriebsgerät, wahrscheinlich Plutoniumgetrieben

…mal wieder eine Wiese, um einen Bergvorsprung, auf eine weitere Wiese…

…und ich hatte immer noch nicht den leisten Verdammten Schimmer, wo ich hier war, wo ich hinging, und warum dieser dreckslümmelige Re4 nicht endlich mal auftauchte. Und der blödsinnige Streckenplan half auch grad gar nix, der dreckige Philister.
Ratlos:

Bild #36: Und nu?

Schließlich endteckte ich dann doch noch ganz weit unten am Hang eine Art Landwirtschaftstrampelfpad. Der war zwar nicht Re4 und führte auch nicht unbedingt in die Richtung, in die ich wollte, aber immerhin führte er überhaupt mal irgendwohin.
Also nahm ich den.
Ein Stück durch die Wiesen, dann zu einer kleinen Anhöhe die mir irgendwie bekannt vorkam.
Die hatte ich doch schon mal irgendwo gese…
Och nöööööööö!

Unvermittelt fand ich mich wieder am Wingertsberg oberhalb von Reichenbach. Genau da, wo ich vor ca. 20 Minuten schon mal hochgekeucht war. Da vorne war die Anhöhe, wo ich die Fotos von Reichenbach gemacht hatte, da verlief Re4, dort drüben war der steile schattige Hohlweg von vorhin!
Irgendwie hatte ich es geschafft, mich so zu verfransen, dass ich eine Riesenschleife durch die Pampa gelaufen war, und jetzt wieder am unteren Drittel des fiesen Anstiegs auf den Zehnes hoch stand.
Gnah!

Kurzes Abwägen meiner Optionen, dann entschied ich mich, es noch einmal mit dem Stück zu versuchen, dass ich mich vorhin schon hochgeschleppt hatte, aber dieses Mal Re4 nicht zu verlassen.
Also nochmal:
Den Steilen Hohlweg hoch (puuh!)
Dann durch die Steilen Wiesen (hrggl!)
Dann in den Wald am Zehnes hinauf (aaark!)
Bis zur Wegscheide unterhalb des Gipfels. Und dieses mal rechts: Re4.

Weniger steil als der Pfad zum Gipfel, aber genauso mies: Disteln, Dornen, Kletten und Nesseln prügelten sich regelrecht darum, meine Beine maltätieren zu dürfen und einigten sich schließlich auf ein kollegiales „jeder darf mal ran“.
Au.
Nach ein paar hundert Metern ging´s etwas bergauf, dann war der Wald auf einmal zu ende und ich fand mich unvermittelt auf einer offenen Hochwiese wieder.
Aber nicht irgendeiner Hochwiese.
DAS WAR GENAU DIE VERDAMMTE WIESE, AUF DER ICH VORHIN SCHON MAL GESTANDEN HATTE, UND MIR SICHER GEWESEN WAR, DASS Re4 HIER NICHT VERLÄUFT UND VON DER AUS ICH DANN MEINE ODYSSEE DURCH WIESEN, ELEKTROZÄUNE UND KUHSCHEISSE ANGETRETEN HATTE!!!!!
UND GENAU DA VORNE, NUR 20 METER VON DER STELLE, WO ICH VORHIN AUS DEM WALD GEKOMMEN WAR, PRANGTE AUCH NOCH DIE BLÖDE MARKIERUNG, GUT SICHTBAR, SO DASS EIGENTLICH NUR EIN IDIOT SIE HÄTTE ÜBERSEHEN KÖNNEN!!!

D’oh!

Na gut. Liess sich jetzt nicht ändern, auch wenn´s letztlich ein völlig unnötiger Umweg von drei Kilometern gewesen war, der mich über 20 Minuten gekostet hatte. Musste ich mich eben etwas beeilen, denn zusammen mit den langwierigen Fotopausen lag ich schon deutlich hinter dem Zeitplan zurück.
Also weiter auf Re4.
Über die Wiese (grmblbrhrmdrcksweg…), halbrechts und etwas abwärts, nach ca. 100 m. wieder auf einen besseren Feldweg.

Direkt an der Einmündung übrigens eine Art Drahtverhau, auf dem die hier saßen:

Bild #37: Pavo…


Bild #38: …Cristatus

Echte Pfauen, mitten im Odenwald. Und zwar nicht in dem Drahtverhau, sondern völlig frei obendrauf. Vielleicht nicht so spektakulär wie die Tiger von neulich, aber auf jeden Fall unerwartet – wirklich interessant, was für Tiere man hier oben völlig unerwartet antreffen kann. Waren allerdings ziemlich scheu, deshalb belästigte ich sie nicht lange. sondern lief den inzwischen betonierten und wunderschön von der Abendsonne erleuchteten Weg Re4 abwärts in Richtung Lautern…

Bild #39: Re4 im Abendlicht, kurz hinter den Pfauen

…das ich nach ca. 800 m. angehm entspanntem Abstieg durch ein wunderschönes Seitental erreichte:

Bild #40: Das abendliche Lautern vom Löserweg aus.

Durch den Löserweg runter in den schon in bläulichen Abendschatten gehüllten Ort, auf der Hauptstr. ein Stück neben der fröhlich plätschernden Lauter nach Osten…

Bild #41: Die Lauter. In Lautern. Im Lautertal. Irgendwie alles leicht redundant hier… 😀

…dann rechts, ein bisschen wirr durch den Ortskern…

Bild #42: Jahnstr. in Lautern – die bin ich nicht hoch, sondern an dieser Stelle rechts abgebogen

…und schließlich erneut rechts, die Strasse „Am Höllwäldchen“ hoch und über die Strassen „Römerberg“ und „Am Petersberg“ in einen Seitenarm von Lautern, in dem ich noch nie zuvor gewesen war (zugegeben nicht besonders schwer, angesichts der Tatsache, dass ich Lautern bisher überhaupt erst ein einziges Mal in meinem ganzen Leben besucht habe…).
Von hier aus wollte ich irgendwei weiter an die Landstrasse zwischen Brandau und Gadernheim (L3099), zu der irgendein Pfad hochführen sollte – da ich mir nicht ganz sicher war, wo genau der Abging, und keine Lust auf ein weiteres orientierungsloses Abenteuer im Nichts hatte, fragte ich eine freundliche Passantin, die mir auch sofort den richtigen Weg weisen konnte:
Am Anfang der Strasse „Am Petersberg“ links aus Lautern raus, und einen steinigen, extrem steilen (ächz!) Weg am Waldrand entlang nach Nordosten bis auf eine Wiese, über die dann hoch bis an die Strasse…

Bild #43: L3099 zwischen Brandau und Gadernheim

…auf der ich dann nach rechts lief. Unangenehm: Schmale Strasse, schon recht dunkel, sehr kurvig, natürlich wieder mal kein Seitenstreifen/Radweg/Fußweg, und ziemlich viel Verkehr, der sich zu nicht unerheblichen Teilen aus hassenswert-suizidialen Motorradfahrern und rücksichtslos schnellen Odenwald-Raser-Prollos bestand.
Da hiess es aufpassen!
800 m. am Strassenrand nach Osten, erst durch das Wäldchen am Hinkelstein, dann durch die Wiesen oberhalb von Gadernheim, auf das man von hier aus bereits einen schönen Blick hatte:

Bild #44: Gadernheim von Westen. In der Bildmitte die charakteristische Kirche im Heimatstil.

Noch eine weite Kurve, vorbei an den ersten alten Höfen kurz vor dem Ort…

Bild #45: Hof kurz vor Gadernheim in der Abendsonne

…und schließlich hinein nach:

Bild #46: …Gadernheim

Direkt nach dem Ortseingang links, eine recht steile Strasse namens „In der Schweiz“ (cool, damit kann ich mit Fug und Recht behaupten, heute in der Schweiz laufen gewesen zu sein… 😀 ) hoch, dann über den ebenfalls aufwärts führenden Lindenweg. Weiter rechts, die Brandauer Str. runter, an zwei unglaublich hässlichen Knaben mit VoKuHiLa-Frisuren vorbei (brrrrrr, wenn die groß sind, haben die sicher mal Goldkettchen, Schnurrbärte und Sonnenbrillen in Tropfenform…), schließlich die Str. „Am Rauhestein“ hoch und raus in die Wiesen oberhalb von Gadernheim, die von schwerem, wunderschönen Abendlicht gestreichelt wurden:

Bild #47: Gadernheim unterhalb vom Rauhestein

Hier geradeaus, über einen kleinen, von prächtigen alte Nußbäumen flankierten Weg…

Bild #48

…bis zum Waldrand hoch, dort links auf den Weg mit der nordwärts den Wald hinein führte. Hier war´s nochmal toll: Hochgelegener Westhang mit mehr oder weniger lichtem Baumbestand, durch den die tief stehende Sonne, die inzwischen schon zu einem strahlend orangenen Glutball kurz über dem Horizont geworden war (ach du je, schon so spät – da war ich durchs Verirren und Bilder Machen zeitlich ja echt in Verzug geraten), dessen sein träges, sattes Licht auf herrliche Art und Weise in den Wald hinein flutete.
Gleich am Anfang der gelben 1 ein atemberaubender Panoramablick über die Anhöhen im Westen:

Bild 49: Der höchste Gipfel im Hintergrund (mit dem Turm drauf) ist der Melibokus. Direkt davor und schon etwas niedriger der langgezogene Rücken des westlichen Felsbergs, davor und noch niedriger der Gipfel des Zehnes hinter Reichenbach, auf dem ich mich vorhin so gut verirrt hatte.

Und dann durch den abendlichen Wald. Zuerst mal führte die gelbe 1 mitten durch eine Art Marmorwerk oder sowas, dessen Schuppen und Steinhaufen verlassen vor sich hinschlummerten (hab´ ich drei Fotos von gemacht, alle verwackelt – ihr müsst mir also einfach mal glauben, dass das da ist… 😉 ), dann an einem schummrigen Seitental entlang etwas aufwärts, bis sie schließlich an einer Kreuzung auf den breiten, bequmen HW 13 (blauer Balken) stiess.

Dem hätte ich eigentlich ganz einfach nach Brandau folgen können – aber ich hatte schon vor dem Lauf beschlossen, ihn mir für eine andere Tour aufzusparen, und stattdessen den unterhalb und parallel verlaufenden Weg mit der gelben 2 zu nehmen, auf den ich folgerichtig direkt an der Kreuzung einbog – eine fatale Entscheidung, wie sich wenige Minuten später zeigen sollte.

Die gelbe 2 war von Anfang an einfach nur mies: Ein winziger Pfad, uneben, in schlechtem Zustand, teils so überwuchert, dass man nicht sehen konnte, wo man hintrat – und da die Sonne inzwischen mitten am Untergehen war, teilweise auch noch total finster. Alles andere als ideal zum Laufen…

Zuerst mal ging´s abwärts, an einem gurgelnden Bächlein vorbei, dann rechts und auf ungefähr gleichbleibender Höhe durch den Wald (übrigens der unterste Ausläufer der Neunkircher Höhe) nach Norden.
Schön war´s schon hier unten im lichten Hangwald, gerade im Abendlicht:

Bild #50: Gräser in der Abendsonne


Bild #51: Waldwiese kurz vor Sonnenuntergang

Aber eben auch richtig schlecht zu laufen.
Nach ca. 350 m. auf der gelben zwei knickte ich ziemlich um. Natürlich mit dem rechten Fuß, dem mit dem Bänderriss.
Schrecksekunde!
Tat kurz ein bisschen weh, war aber glücklicherweise nicht schlimm, ich konnte weiter laufen.

Noch ein paar hundert Meter weiter, inzwischen kam links zwischen den Bäumen schon die Brunkelwiese kurz vor Brandau zum Vorschein, hübsch erleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne. Wirklich hübsch hi…

Und dann passierte es: Kurz von einem runterhängenden Ast abgelenkt, tiefes Loch im unebenen Boden, von dichtem Springkraut verdeckt – und ich mittenrein.
Ich knickte nochmal um.
Wieder rechts.
Und dieses mal richtig schlimm: Stechender Schmerz im Knöchel, ich schreie, glaube irgendwas knacken gehört zu haben.
Kurze Panik: Nein, Nein, NEIN, bitte keinen Bänderriss, nicht nochmal, bloß das nicht!!!
Zwei Minuten Pause.
Abwarten.
Aber es wird nicht wieder besser: Es rumort ein bisschen, Auftreten ist unangenehm, wenn ich den Fuß nach rechts drehe, tut´s weh. Und ich spüre, wie der Knöchel im Schuh anschwillt.
„Scheisse“, denke ich mir, „das war´s!“

Und ich habe recht: Es fühlt sich zwar nicht so schlimm an, wie damals als das Band gerissen ist (tut weniger Weh, Schwellung entwickelt sich nicht so rapide), aber an Weitermachen ist nicht mehr zu denken – es wären noch 4 oder 5 km zurück zum Auto, das kann ich knicken.
DRECK!!!!!

Aber es lässt sich nicht ändern. Langsam, vorsichtig, frustriert humpele ich weiter. Glücklicherweise ist direkt vor mir der Waldrand, von wo ein kleiner Pfad über die Wiese runter an die Tennisplätze in Brandau führt.
Während ich mir den Weg nach unten bahne, geht die Sonne unter, hüllt alles noch mal in einen feurigen Glanz…

Bild #52

…bevor sich endgültig die Schatten der heraufziehenden Nacht über Brandau und seine Umgebung legen:

Bild #53: Dämmerung über Brandau

Dabei hole ich das Handy raus, rufe bei meinen Eltern an. Mein Vater ist da, hat Zeit, kann mich in Brandau aufsammeln und zurück zu den Römersteinen bei Beedenkirchen fahren.
Gut, muss ich wenigstens nicht 4 km zu Fuß durch die Dämmerung humpeln oder es per Anhalter versuchen.

Aber ein paar Meter will ich dann doch noch schaffen. Wenn ich schon nicht zurück nach Beedenkirchen joggen kann, dann will ich wenigstens noch bis ins Zentrum von Brandau, um die Strecke an den Rest meines Routennetzes anzuschließen. Zeit genug ist ja, bis ich aufgesammelt werde, also mache ich mich auf den Weg.
Langsam gehend an den Tennisplätzen und dem Sportplatz vorbei, denn links bis an die Gadernheimer Str., die dann rechts runter bis in den dämmrigen, ruhigen Ortskern:

Bild #54: Zentrum von Brandau von der Gadernheimer Str. aus.

Ist immer noch Zeit, also gönne ich mir von meinem Jogger-Notgroschen in der Pizzeria „Abruzzo“ im Ortskern noch ein Frustverdrängungseis (ist gut, hilft aber nicht so wirklich)…

Bild #55: Stracciatella und Vanille

…und warte dann, bis mein „Taxi“ eintrifft und mich aufsammelt:

Bild 56 „Taxi“

Und das war´s dann erstmal: In Beedenkirchen am Auto absetzen lassen (Danke nochmal!), vorsichtig heimgefahren (mit lädiertem Bremsfuß empfiehlt sich im Odenwald eine gewissen Zurückhaltung), und den Fuß mit Cremes, Kühlpäckchen und der noch vom Bänderiss verbliebenen Orthese so gut wie möglich versorgt. In Ordnung ist er keinesfalls, auch wenn ich weiterhin der Meinung bin, dass es kein Bänderriss ist – aber eine Dehnung/Zerrung/Stauchung ist es allemal, und auch die bedeutet mindestens mal ein oder zwei Wochen Pause.
Montag geh´ ich wohl mal zum Arzt, der wird mir hoffentlich mehr sagen können.
Tja, soviel zum Thema „War mir sicher: Das würde heute ein Superlauf werden“…
Fazit: Schöne Tour mit unschönem Ende.

Strecke: 13,4 km (davon allerdings die letzten 1,1 km im Gehen/Humpeln)
Zeit: 1:36 h (= 8,375 km/h bzw. 7:10 min/km – sehr langsam, aber da ist sowohl die cross-country-Episode am Zehnes als auch der letzte gehumpelte km drin)
Anteil der noch nie gebloggten/gelaufenen Passagen an der Gesamtstrecke: 90,9% (12,18 km von 13,4 km)
Karte:

…und die Karte mit den Stellen, wo die Fotos gemacht wurden:

 

M.

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7 Antworten to “Kalamitäten zwischen Lauter- und Modautal (13,4 km, mit Fotos)”

  1. Heidi Says:

    Also erstmal:
    Offizielle Aberkennung des Titels „schlechtester Fotograf“ – mit diesen Bildern wirst du den Titel auch nicht so schnell wieder bekommen.

    Dann: gute Besserung, vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm…..ich drück die Daumen!

    Und zum Schluß: Mit deiner Orientierung ist`s aber auch nicht gerade weit her 😉

  2. matbs Says:

    1) Och nein, da hab´ ich einmal einen Titel, und dann wird er mir nachträglich wieder weggenommen. Mist!

    2) Danke – wird tatsächlich schon merklich besser.

    3) Da hast du recht. Bei unserem nächsten Lauf ins unbekannte solltest lieber du die Navigation übernehmen… 😆


  3. […] Kalamitäten zwischen Lauter- und Modautal (13,4 km, mit Fotos) […]


  4. […] Kalamitäten zwischen Lauter- und Modautal In dem der Matthias abwärts durchs grandiose Felsenmeer segelt, das hübsche Lautertal durchquert, sich heillos in der Wildnis verirrt, Pfauen trifft, einen traumhaft rotgoldenen Herbstsonnenuntergang erlebt, und sich schließlich beinahe den Fuß abreisst. […]


  5. […] ein netter Bericht, bei dem ich mich heillos verirre und mir eine Bänderdehnung hole, also schaut einfach dort vorbei, wenn ihr den Seifenwiesenweg sehen wollt […]


  6. […] Reichenbach tief unten im Tal hin zu den sattgrün schimmernden Bergwiesen und -wäldern am Zehnes und die mächtige Südflanke des Felsberges auf der anderen Talseite, an der Gerd und ich ja gerade […]


  7. […] gewunden durch die steilen Hangwiesen über Reichenbach, und nach den ersten paar hundert Metern (die ich im wesentlich sonnigeren August 2008 schon mal gelaufen bin), ist die Strecke vollkommen neu (zumindest läuferisch, gefahren bin ich sie schon oft […]


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