Vom Winde verweht bei Pfungstadt (10,8 km)

1. Oktober 2008

Neulich hab´ ich noch geschrieben, dass ich lieber bei Wind und Regen laufen würde, anstatt an einem stillen, öden, grauen dumpfen Langweilertag.

Heute konnte ich´s beweisen.

Pünktlich zum Oktoberanfang war nämlich auch der Herbst angekommen, und der hatte schwere, tiefe Regenwolken mitgebracht, die im Eiltempo über den finsteren, bleigrauen Himmel hetzten, getrieben von einem warmen aber extrem stürmischen Südwestwind.
Zugegeben: Dumpf und still und öde war´s heute nicht – aber so richtige Lauflaune wollte angesichts des feuchtfinsteren Herbststurms auch nicht aufkommen.

Aber ich musste raus, nachdem ich gestern schon wieder geschwänzt hatte (notgedrungen, nach dem ich gestern morgen beim Gassigehen mit Nemo in ein Kaninchenloch getreten war, und mir dabei wieder mal leicht den rechten Knöchel verdreht hatte – da geh´ ich keine Risiken mehr ein).
Da eine Tour im Wald bei diesem Wetter weder besonders reizvoll noch besonders sicher gewesen wäre (Sturm + Wald = Nicht gut), entschied ich mich dafür, wieder mal eine Runde durch die weiten, leeren Felder zwischen Erlensee und Pfungstadt zu drehen – das versprach angesichts des Wetters eine stimmungvoll-exquisite Tristesse, auf die ich heute irgendwie Lust hatte.

Also: Plänchen gemacht (mit Sightseeing – heute würde ich mir endlich mal die praktisch nicht mehr vorhandenen Reste der alten Burg am Wellberg anschauen, die in unspektakulärer Lage mitten in den Rübenäckern östlich der Autobahn schon lange ihrer offiziellen Laufblog-Entdeckung harren), in die langen Laufklamotten gehüpft (war zwar relativ warm, aber bei Sturm und Regen ist es erfahrungsgemäß angenehmer, etwas besser verpackt zu sein), den Nemo geschnappt (der musste eh nochtmal weg), und los ging´s.


Start an der Abzweigung zum Naturfreundehaus Pfungstädter Moor, direkt neben der L3303 zwischen Pfungstadt und der A5 (hier war übrigens überraschend viel los: Neben meinem Corsa standen hier noch drei andere Autos rum, in zwei davon saß jeweils eine gelangweilt wirkende Dame rum – hatte irgendwie was Strassenstrichiges, da machten wir uns lieber schnell davon…).

Von hier aus kurz die L3303 in Richtung Pfungstadt hoch.
Blödes Stück
Vom seit Jahren angekündigten Radweg zwischen Pfungstadt und Jugenheim ist nach wie vor nichts zu sehen, also muss man direkt am Strassenrand entlang. Schon so nicht besonders angenehm, mit Hund gleich noch ein bisschen unangenehmer – besonders wenn der Köter anscheinend einen unruhigen Tag hat und total unkonzentriert ist: Nemo zickte, zerrte und zog überallhin, nur nicht dahin, wo er sollte. Na das konnte ja heiter werden…

Nach 80 m. rechts über die Strasse, auf der anderen Seite dem Radweg 17 geradeaus in den knarzenden, ächzenden Kiefernwald. Bei der nächsten Gelegenheit links, am Schützenhaus vorbei („Biergarten geöffnet“ verkündete hier ein Schild – na wer sich an so einem Tag in den Biergarten hockt, der hat´s nicht besser verdient…), dann ein wegloses Stück über die Wiese neben der L3303, rechts um eine üppig beflorate Kleingartenanlage rum, dann wieder links, und auf einem ziemlich popligen Feldweg parallel zur Landstasse bis zum Südrand von Pfungstadt.
Übrigens mit ganz vielen Mikropausen zum Beinheben, Schnüffeln, Dumm Glotzen, und Hundehaufen Strategisch Positionieren.
Einer von uns hatte heute einen entschieden zu laschen Laufwillen mitgebracht…

In Pfungstadt links an die Bergstrasse, der ein Stück in Richtung Stadtmitte gefolgt, nach 150 m. links in den Rollweg rein, und schließlich rechts auf einen Weg, der zwischen endlosen Äckern und den letzten Häusern des Ortes nordwärts führt. Hier versuchte dann mal, Nemo von der Leine zu lassen.
Klappte super, zumindest die ersten 5 Meter.
Dann begegneten uns eine Sammlung faszinierenden Grasbüschel, eine total spannende Pfütze, und zu guter letzt auch noch zwei andere Hunde, und es war schon wieder Pause.
Seufz.

Immerhin: Nachdem das alles durch war (= nachdem ich meinen störrischen Laufpartner mit sanfter Gewalt ein paar hundert Meter weiter gezerrt hatte), ging´s halbwegs, und wir konnten dem Ortsrand ohne größere Störungen bis an die Modau folgen. Dort bogen wir dann links ab und folgten dem Flüsschen westwärts, an der Kläranlage und dem städtischen Betriebshof vorbei in die Felder westlich der Stadt.

Ab hier wurde es dann erwartungsgemäß schaurig: Endlose graubraune Stoppeläcker soweit das Auge reichte, spärlich beleuchtet von einem schwachen, fahlen Licht, das seltsam diffus aus dem bläulich-grauen Himmel mit seinen turmhohen, erdrückenden Wolkentürmen heraussickerte.
Einerseits schon trist, aber eben auf eine spektakuläre Art und Weise, das gefiel mir schon fast wieder irgendwie.
Weniger gefällig war allerdings der Wind.
Der war heute wirklich extrem stark.
Und er kam aus Südwesten. Also genau der Richtung, in der wir nun liefen.
Massiver Gegenwind.
Ach, was sag´ ich:
Massiver Gegensturm!
Da war jeder Schritt ein Kampf gegen die tosenden Luftmassen, die einen mit fetten, vereinzelten Regentropfen und Dreck bombardierten, Schleim- und Netzhäute austrockneten, und geradewegs bis ins Hirn zu blasen schienen. Besonders fies waren die Böen, die mir mehrmals fast die Mütze vom Kopf gerissen hätten (dummerweise hatte ich die heute aufgesetzt, um meine Brille vor Regen zu schüten – half natürlich gar nix, stattdessen musste ich sie unangenehm eng machen und bewusst tief ziehen, um sie überhaupt aufbehalten zu können), und mich einmal sogar fast in die Modau geblasen hätte.
Eine echte Herausforderung! Machte Spass…

So kämpften wir uns also fast zwei Kilometer auf dem einsamen, grasigen Pfad am Ufer der grünbraunen Modau westwärts, verschreckten einen riesigen Krähenschwarm (dessen Fluchtversuch gehörig daneben ging: Der Wind war so stark, dass die Vögel nicht davonfliegen konnten, sondern ein paar Sekunden bewegungslos in der Luft flatterten, bevor sie seitwärts weggeblasen wurden), passierten nach einer kleinen Ewigkeit die Rückseite der alten Ziegelei an der Strasse nach Hahn, und erreichten schließlich die Hahnmühle kurz vor der A67.

Hier dann links, auf einem asphaltierten aber namenlosen Weg in südlicher Richtung mitten rein ins endlose Ackerland östlich der Autobahn (weiterhin Gegenwind, wenn auch etwas schräger), nach einem halben Kilometer dann ein Schlenker nach links. Noch ´ne kurze Pause, um Nemo von einer etwas verlorenen wirkenden Landwirtin loszueisen, die einen der Äcker harkte und ihn offensichtlich total faszinierte, dann wieder rechts auf einen kleineren Feldweg, auf dem wir direkt an der alten Burg am Wellberg vorbeikamen.
Musste ich mir selbstverständlich genauer betrachten (wenn der Hund ständig rumtrödelt weil er was interessant findet, darf ich das ja wohl auch mal, oder?): Viel zu sehen gab´s allerdings nicht: Ein flacher, runder Hügel umgeben von Rübenäckern, mit viel Gras und ein paar Obstbäumen drauf, das war´s auch schon. Nicht ganz so spektakulär wie das Auerbacher Schloss oder der Frankenstein, aber was Besseres würden wir heute wohl nicht aus der Nähe zu sehen kriegen (aus der Ferne allerdings schon, denn die Bergstrasse mit Melibokus und Frankenstein war gestochen scharf am Horizont zu erkennen).

Nach kurzer Begutachtung machten wir uns wieder auf die Socken (zumindest ich, Nemo hatte keine an). Weiter nach Süden, bis zum nächsten größeren Asphaltweg, dem dann mehr als 1,5 km zurück nach Osten gefolgt. Nun mit Rückenwind, der war allerdings auch nicht besonders angenehm: Es bliess so heftig von hinten, dass ich mich regelrecht dagegen stemmen musste, um nicht vornüber geworfen zu werden, und der arme Nemo war schon nach wenigen Metern vollkommen zerzaust und windgebeutelt (was irgendwer ein bisschen ulkig aussah – ich sagte aber nichts, sonst wäre er vielleicht beleidigt gewesen 😉 ).

Nach etwas über einem Kilometer passierten wir den einsam daliegenden Falkenhof nebst riesiger Gänseherde (warten auf Sankt Martin…), und bogen schließlich hinter dem Fasanenhof scharf rechts in Richtung Erlensee ab.
Wieder mal ein eher schlechter Feldweg durch offenes Ackerland, wieder mal nach Südwesten.
Hier war wieder Gegenwind. Und der war inzwischen so stark, dass ich kaum noch vorankam.
Mütze ab und weit vornübergebeugt, schnaufend, unter größten Anstrengungen gegen den Sturm, immer mit einem Auge auf dem Hund, um sicherzugehen, dass er nicht weggeweht würde (wurde er natürlich nicht, denn er ist windschnittiger und bodennäher als ich, und ein Hurrican war das hier dann ja doch nicht).
Hehe, das machte echt Laune…

Nach ein paar hundert Meter erreichten wir eine Hecke am Fedlrain, die zumindest den schlimmsten Sturm etwas abhielt, und in deren Windschatten wir noch einen halben Kilometer weiter nach Süden liefen, geradewegs auf den herbstlich-braunen Hügel der ehemaligen Kreismülldeponie zu, der sich am Rand des Pfungstädter Moors in beeindruckender Größe erhebt. Kurz davor links, durch die Felder bis zum Naturfreundehaus (am Wegrand äste hier eine überraschend große Ziegenherde, der ich im Vorbeilaufen nochmal freundlich zunickte), dort dann links die Strasse hoch und zurück zum Auto.

Lauf bei Sturm und Regen: Absolviert. Und das eigentlich sogar recht gut, denn im Nachhinein war´s nicht nur weit weniger deprimierend und eintönig als erwartet, sondern hat eigentlich sogar richtig Spass gemacht…

Strecke: 10,8 km
Zeit: 1:03 h (= 10,29 km/h bzw. 5:50 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 88,06% (9,51 km von 10,9 km)
Karte:

M.

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3 Antworten to “Vom Winde verweht bei Pfungstadt (10,8 km)”

  1. diro1962 Says:

    Bei so einem Scheißwetter lässt man seinen Hund aber zu Hause 😉

  2. matbs Says:

    Alleene loofen find ick aba ooch doof.

    Ausserdem ist er da mal richtig gut durchgelüftet worden, jetzt riecht er wieder wie ein Lavendelfeld… 😀


  3. […] Vom Winde verweht bei Pfungstadt (10,8 km) […]


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