Darmstädter Westen (11,4 km)

15. Oktober 2008

Heute Mittag wollte ich kurz in die Stadt („die Stadt“, das ist hier in der Gegend übrigens Darmstadt), im Comic Cosmos in der Rheinstrasse.
Also hab´ ich mir gedacht, wo ich eh schon mal da bin, kann ich auch gleich noch ein bisschen laufen gehen, schließlich gibt´s in und um Darmstadt noch eine Menge weisser Flecken in meinem Laufnetz.

Wetter war trüb und windig, also nicht unbedingt für den tendenziell etwas hübscheren Darmstädter Osten prädestiniert, deshalb eine Strecke in den Darmstädter Westen gemacht, von der Innenstadt über das Gewerbegebiet am westlichen Stadtrand in die „Tanne“ (? Wenn das Waldstück westlich der Stadt wirklich so heisst) bis zum Hügel der renaturierten ehemaligen Mülhalde am Darmstädter Kreuz (da hatte ich ja schon länger mal drauf gewollt), dann hoch zur Siedlung Tann und via Waldfriedhof, Dornheimer Weg, Bismarckstr. und Luisenplatz bis zum Kombinat in der Rheinstr. 22.

Gesagt getan.


Start also auf dem Marienplatz, einer großen Freifläche am Rand der Innenstadt, deren hervorstechendste Eigenschaften darin bestehen, dass man hier gratis parken kann, und dass das Teil zweifellos der unebenste, bodenwelligste, schlaglochigste Acker im gesamten Stadtgebiet ist.
Laaaangsam und bedächtig einen Parkplatz gesucht (schnell geht nicht, sonst riskiert man einen Achsbruch oder tote Stoßdämpfer… 😀 ), ausgestiegen, losgelaufen.
Westwärts über den Marienplatz (der selbst zu Fuß ziemlich holprig ist), dann das Treppchen am Ende des Platzes runter zur Kreuzung an der Hindenburgstr..

Und Pause. Recht früh, gerade mal 40 Sekunden nach dem Start, aber so ist das halt beim Laufen in der großen Stadt – hier sind die Hauptverkehrsstrassen so stark befahren, dass man sich nicht einfach rüberschummeln kann, sondern schön brav an jeder Fußgängerampel warten muss.
Und warten…

…und warten…

und wart…GRÜN!

Über die Hindenburgstr. rüber, dann geradeaus die Havelstr. runter, direkt auf den großen, grauen Hochhausturm der FH Darmstadt zu, dann halblinks/geradeaus von der Strasse ab, und auf einem breiten Fußweg durch die netten Grünanlagen des FH-Geländes und der dahinter liegenden Mehrfamilienhaussiedlung bis an den Berliner Ring.

Nächste Ampelpause, dieses Mal aber nur ein paar Sekunden, dann über den Berliner Ring rüber und den Haardtring runter, der hier noch kurz westwärts führt, dann abknickt und parallel neben der Bahntrasse nach Süden verläuft.

Nicht unbedingt die Schokoladenseite Darmstadts, gerade an einem so grauen Tag wie heute, aber flach und ohne Ablenkungen, entsprechend lief ich mehr oder weniger automatisch ein recht hohes Tempo – ruhig etwas auspowern, war ja heute keine lange Strecke, und an der nächsten Ampel würde ich schon wieder eine Verschnaufpause kriegen.

War auch so: Nach einem schnellen halben km Haardtring erreichte ich die Einmündung der Holzhofallee, an der ich rechts abbog, auf einer Brücke den breiten Graben mit den Gleisen überquerte, und auf der Hilpertstr. in das Gewerbegebiet im Darmstädter Westen hinein lief.

Auch hier ist das Stadtbild nicht besonders schokoladig, und wird von großen und ehrlich gesagt ziemlich seelenlosen Zweck- und Bürobauten aus den letzten Jahrzehnten geprägt, vor allem irgendwelche größeren Firmen, allen voran diverse Post-Ableger (DHL, Telekom, T-Online – nach letzterer hat man hier sogar eine Strasse benannt, die irgendwie etwas blödsinnig klingende „T-Online-Allee“. Aber was tut man als Stadt nicht so alles, um einen der wichtigsten Gewerbesteuerzahler bei Laune zu halten? 😉 ).
Immerhin: Wenig Verkehr, und ein breiter, mit großen Bäumen gesäumter Fußweg neben der Strasse, auf dem ich einen Kilometer lang weiter westwärts rannte, bis ich den Wald am Stadtrand erreichte.

Rein in den Wald, und nach 100 m. scharf nach links in die Bergschneise, die hinter den letzten Grundstücken des Gewerbegebiets nach Süden führt.
Ganz nettes Stück, rechts des Weges ein Naturschutzgebiet („Betreten Verboten! Amphibienschutz!“), dazu viel buntes Herbstlaub und etwas weicherer Waldboden, der nach dem ganzen Asphalt sehr angenehm war. Allerdings fehlten die vielen Ampelstops ein bisschen, da machte sich so langsam doch das hohe Tempo mit ziehenden Beinen und kürzerem Atem bemerkbar.
Liess sich aber noch aushalten.

Nach einem halben Kilometer stösst die Bergschneise auf die Kleyerstr. am Rand der Kelley-Barracks.
Hier kurze Verwirrung, weil ich mir nicht sicher war, wie´s weiterging (Vorbildlich: Alle Schneisen sind hier mit Schildern namentlich gekennzeichnet. Weniger vorbildlich: Ich hatte mir die Schneisennamen vorher nicht notiert, da waren die Schilder leider nutzlos).
Aber trödeln wollte ich nicht, also lief ich kurzentschlossen auf der ersten Schneise („Stadtschneise“) rechts in den Wald rein, und hoffte, das ich richtig war.

Ich war (kann ja auch mal Glück haben 🙂 ).
900 m. auf der bequemen Stadtschneise durch den abwechslungsreich-aparten Herbstwald, dann halbrechts in schmale Wetterschneise, die mich geradewegs zum Fuß des renaturierten Müllhügels an der A5 brachte. Schon beeindruckend: Sicherlich 20 m. hoher künstlicher Berg, dicht bewachsen (und untendrunter zehntausende Tonnen alten Mülls), 800 m. lang, 200 m. breit. Wer regelmässig die A5 oder die A67 fährt, kennt das Teil ja vom Darmstädter Kreuz.

Eigentlich wollte ich ja geradewegs drüber laufen, und mal von oben einen Blick auf die vertraute Autobahn und die Umgebung werfen.
Ging aber nicht, denn wie sich herausstellte, ist der Müllhügel vollkommen von einem hohen Zaun mit doppelt Stacheldraht drauf umgeben.
Warum?
Keine Ahnung, vielleicht ist das ganz jetzt Naturschutzgebiet, oder die Renaturierung ist noch nicht abgeschlossen, oder der unter der Oberfläche lagernde Müll ist gesundheitsschädlich, oder wasweisich.
Auf jeden Fall konnte ich nicht rauf. Doof, aber nicht zu ändern, also disponierte ich um – statt auf dem Hügel nach Norden zu laufen, nahm ich einfach die lange, gerade Wixhäuser Hausschneise, die direkt daneben verläuft. 1 km geradeaus, links Hügel hinter Zaun, rechts mehr Herbstwald, über mir diverse Hochspannungsleitungen. Natürlich weiterhin sehr schnell, gab ja keinen Grund zum Langsam Machen.

Schließlich scharf links, die Kapellschneise runter, über eine Art Waldwiese, dann wieder rechts, weiter nordwärts.
Hier knallte es übrigens regelmässig, was wohl am Schießstand des Jagdclubs Darmstadt lag, dessen Rückseite ich nach ein paar hundert Metern passierte.
Hoher Zaun mit vielen Warnschildern, dahinter ein massiver, hoher Erdwall, hinter dem sich die Schießanlagen befinden.
Spontan schwelgte ich ein bisschen in Erinnerungen, denn da drinnen habe ich ein paar der ödesten und uninteressantesten Nachmittage meiner Kindheit verbracht (Weil mein Vater doch Jäger ist, und ich als Kind immer mal wieder dahin mitkommen musste. Glaubt mir, es gibt nichts langweiligeres als einen Schießstand im Nirgendwo, auf dem nur Jäger mit Gamsbarthütchen und grünen Bundeswehrparkas rumfallen. Das einzig halbwegs interessante waren die Anlage mit der elektisch rumfahrenden Wildschweinattrappe [aber mit der durfte man ja nicht Spielen, schließlich war das ein ernsthaftes Gerät, an dem ernsthafte Waidmänner ernsthaft ihre Fähigkeiten zur Wildschweinexekution verbessern sollten] und der Typ, der alle Namen von Hadschi Halef Omar auswendig konnte [damals war ich sechs oder sieben, und voll in meiner Karl May-Phase] – aber der war auch nur kurz interessant, denn sowas nutzt sich verdammt schnell ab).
Fast 25 Jahre später dran vorbeizulaufen erwies sich gottseidank als wesentlich zäh, nicht zuletzt deshalb, weil ich nach zwei oder drei Minuten dran vorbei war und auf dem Kellerweg in die Siedlung Tann einlief.

Nett: Hübsche Häuschen älteren Datums, mit kleinen Gärtchen, nah am Wald.
Sieht richtig idyllisch aus, und dass, obwohl die Siedlung eigentlich vollkommen von Schnellstrassen umschlossen wird (B26, A5, A672).
Ich lief geradeaus bis an die B26, an der ich nach links abbog – eigentlich wollte ich ja auf die andere Seite, aber da die Strasse hier vierspurig ist, und direkt dahinter auch noch die Gleise der Strassenbahn verlaufen, nahm ich lieber ein paar hundert Meter Umweg bis zum einzig offiziellen Fußgängerüberweg mit Ampel in Kauf.
Sicher ist sicher (und außerdem gefiel mir die Vorstellung, mal wieder einer Ampel-/Verschnaufpause machen zu müssen/können/dürfen… 😉 )

Also knapp 200 m. nach Westen, zwei an der Ampel warten und ein bisschen zu Atem kommen, dann auf der anderen Strassenseite wieder nach Osten, auf dem alten Griesheimer Weg (Radweg 20) zurück in Richtung Darmstadt.

Angenehmer, breiter Asphaltweg neben den Gleisen, raus aus der Sieldung Tann, unter der A672 durch, schließlich nach nach 600 m. halblinks raus auf einen Waldweg, und über den auf die Strasse zum Waldfriedhof.

Wunderschönes Stück.
Eine schurgerade Allee, an deren Ende der prächtige Haupteingang des Waldfriedhofes liegt: Ein großer, gepflegter Platz, der von einer halbrunden Säulenkolonnade umrahmt wird, links und rechts dahinter ragen die beiden Kuppeln der Trauerhalle und des Krematoriums in den Himmel (irgendwie erinnert mich das Ganze immer ein bisschen an den Petersplatz in Rom). Macht wirklich was her, die meisten Darmstädter, die hier den Rest der Ewigkeit verbringen, hat zu Lebzeiten wahrscheinlich keinen so ostentativen Vorgarten… 😉
Ein paar Impressionen gibt´s hier.

Ich passierte die Geschäfte, die kurz vor dem Platz links und rechts der Strasse liegen (und die alle entweder Grabsteine oder Blumen verkaufen), und bog dann rechts ab.
250 m. an der Friedhofsmauer ostwärts, dann weiter am Friedhof entlang nach Norden bis an den Eifelring, den ich überquerte, und auf einem Fußweg hinter den ersten Häusern der Stadt bis zum Dornheimer Weg durchlief.

Dem folgte ich dann einfach nach rechts, stadteinwärts. Hübsche Gegend, relativ grün und beschaulich, mit vielen netten alten Häusern, die wohl mal eine eigenständige Siedlung im Wald gebildet haben, bevor sie irgendwann im Verlauf des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts von Darmstadt geschluckt wurden. Auch hier konnte ich wieder ein bisschen in Erinnerungen schwelgen, als ich nach ein paar hundert Metern an einem kleinen und irgendwie etwas altmodisch wirkendem Nachbarschaftssupermärktchen vorbeilief, in dem ich zu Zivildienstzeiten einmal pro Woche einen Bottisch Eis („Fürst Pückler, bitteschön“) für eine alte Dame aus der Bismarckstrasse geholt habe.

Nach insgesamt 800 m. Dornheimer Weg auf der Dornheimer Brücke über die Gleise kurz vor dem Hauptbahnhof, dann geradeaus weiter die Bismarckstr. hoch. Hier oben liegt das alte industrielle Herz von Darmstadt: Merck, Schenk, Röhm – alle großen traditionellen Darmstädter Industrieunternehmen hatten oder haben ihre Produktionsstätten hier im Nordwesten der Stadt, nahe an der Bahntrasse. Entsprechend ist auch diese Gegend nicht wirklich hübsch, aber im Gegensatz zum Gewerbegebiet am westlichen Stadtrand, durch das ich vorhin gekommen war, hat sie mit ihren Wassertürmchen, Nebengleisen, alten Fertigungshallen und schlichten Vielparteienhäusern zumindest eine gewisse Patina, die mir irgendwie gefällt.

Jetzt musste ich eigentlich fast nur noch geradeaus laufen, immer die Bismarckstr. hoch. War nicht mehr weit, und ich musste an fast jeder Querstrasse eine Ampelpause einlegen, entsprechend machte ich hier noch mal richtig Tempo. Ostwärts Richtung Innenstadt, über die Feldbergstr. (Ampelpause), an der Feuerwehr vorbei, über die Strasse „Am Alten Bahnhof“/Dolivostr. (Ampelpause), über die Kasinostr. (Ampelpause), am Klinikum vorbei, über die Grafenstr. (Ampelpause), dann schließlich rechts und am Gericht vorbei auf den Mathildenplatz, den ich schräg überquerte.
Dann noch schnell über die Zeughausstr. (Ampelpause) und die Luisenstr. runter bis auf den Luisenplatz, das inoffizielle Herz der Stadt Darmstadt.
Gar nicht so einfach hier durchzujoggen – nicht nur, weil es hier tagsüber eigentlich immer voller wuseliger Passanten ist, sondern vor allem auch, weil der Luisenplatz der wichtigste Nahverkehrsknotenpunkt der Stadt ist, und entsprechend ständig irgendwelche Busse und Strassenbahnen ankommen, anhalten oder abfahren, da muss man immer ein bisschen aufpassen.
Klappte aber gut, ich überquerte den Platz schräg, lief direkt am Fuß des Langen Ludwig entlang, und bog dann halbrechts in die Rheinstrasse ab. Nun nur noch 250 m. die Strasse runter (+ 1 Ampelpause an der Grafenstr.), und schon hatte ich mein Ziel, die Laden-WG „Kombinat“ an der Ecke Rheinstr./Saalbaustr., erreicht.
Rein, hinter in den Comic-Cosmos (den ich einfach nochmal verlinke, schließlich gehört der lokale Einzelhandel nach Kräften unterstützt), mein Zeug geholt, noch ein bisschen nett mit Inhaber Naaman geplaudert, und dann gehend zurück runter zum Marienplatz.

Fin

Keine Supertour, aber trotz des bescheidenen Wetters und der Tatsache, dass heute ich den etwas tristeren Darmstädter Westen erlaufen habe, eigentlich völlig in Ordnung.
Außerdem war es mal wieder interessant zu sehen, wie es sich so mitten in der Stadt läuft – angesichts von dichtem Verkehr, vielen Ampelpausen und den städtebaulichen Einschränkungen bei der Routenplanung ist das ein ganz anderes Erlebnis als draußen in der Wildnis unterwegs zu sein. Brauch´ ich nicht immer, aber hin und wieder ist es eine schöne Abwechslung.

Strecke: 11,4 km
Reine Laufzeit: 0:58 h (= 11,79 km bzw. 5:05 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 98,07% (11,18 km von 11,4 km)
Karte:

M.

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2 Antworten to “Darmstädter Westen (11,4 km)”

  1. Gerd Says:

    Du liegst ja mit deinem „Stadtlauf“ voll im Trend!

    http://www.fitforfun.de/fitness/laufen/urban-trail/trailrunning-querfeldein-durch-die-stadt_aid_6474.html

    Vielleicht solltest Du nur noch in die Vorgärten statt dran vorbeizulaufen. Wenn`s da auch noch Hunde gibt kannst Du sogar noch Intervall- und Sprinttraining machen 😆

  2. matbs Says:

    Nee, nee, nee, du, so´n paar föhnfrisierte Milchbubischönlinge, die mal schnell kameragerecht durch die City hopsen, damit irgendson´ bräsiges Spartenhefterl seine Ausgabe vollkriegt, das überzeugt mich nicht.
    Viel zu hip und angesagt, bleh! 😉

    Vorgärten sind in der Darmstädter City übrigens gar nicht so leicht aufzutreiben – da müsste man meistens mit den Hinterhöfen der Stadthäuser vorlieb nehmen, und die sind nicht so richtig der Bringer…


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