Meditatour zwischen Crumstadt und Stockstadt (13,4 km)

6. November 2008

Heute war wieder einer von diesen deprimierend drögen Herbsttagen, die ich so richtig hasse:
Dichte Bewölkung/Hochnebel, durch die nicht der Hauch eines Sonnenstrahls drang, deshalb war´s selbst um die Mittagszeit so trüb und dunkel, dass die Autos mit Licht unterwegs waren. Alles grau in grau, furchtbar demotivierend. Dazu regte sich kein Lüftchen, es war kalt aber auch irgendwie dumpf -Un après-midi de plomb (um mal den Titel eines obskuren frankobelgischen Comics zu plagiarisieren. Die Deutsche Übersetzung lautet übrigens „Ein Nachmittag wie Blei“…).
Schönes Laufwetter sieht anders aus.

Aber drücken wollte ich mich auch nicht, schließlich war schon Donnerstag und ich hatte erst eine Tour diese Woche. Also beschloss ich stattdessen, es mir heute so richtig dreckig zu geben.

Und zwar so:
In meinem Laufnetz klaffte seit Monaten eine etwas größere Lücke mitten im plattesten Ried, zwischen Crumstadt, Stockstadt, Biebesheim und Allmendfeld. Bisher hatte ich mich nie so richtig motivieren können, die mal zu schliessen, denn da unten gibt es fast nichts: Flach wie ein Bügelbrett, ein paar einsame Landstrassen und einsamere Aussiedlerhöfe, dazwischen nur Rübenäcker:
die-lucke-im-ried
Ganz recht, werte Leser – das Spannendste, was Google Earth im fraglichen Gebiet anzuzeigen hat, ist eine Verdichterstation…

Das mag an einem freundlichen Sommertag noch ganz hübsch sein (wenn auch nicht so richtig doll spannend), aber an einem halblichtigen, dunstigen, kalten, bleigrauen Depri-Novembernachmittag wie heute ist es da draussen ungefähr genauso heiter und erbaulich wie auf einem Begräbnis.
Brrrr.

Aber andererseits: An so einem furchtbaren Tag bewusst durch die graue Einöde zu laufen, das klang irgendwie auch wieder ganz faszinierend. Vielleicht ja mal eine interessante, ja vielleicht sogar eine läuternde, Erfahrung…
(Ausserdem fiel mir eh nix Besseres ein 😉 ).


Folgerichtig: Am mittleren Nachmittag gut einmummelt, rein ins Auto, und westwärts ins Ried getuckert, bis ins neblig-graue Crumstadt, das bereits in angemessener Tristesse unter dem gewaltigen, finster bleifarbenen Himmel kauerte.

Start in der Rathausstr. Von hier aus ein bisschen durch den Ort, erst südwärts die Rathausstr., dann rechts in die Karlsbader Str.
Wohngebiet, rechts etwas älter, links etwas neuer, sah ungefähr so aus, nur nicht so freundlich.
Nach etwas über 300 m., an der Strasse „Am Lohrrain“ dann rechts und aus Crumstadt hinaus in die Felder.

Wow. Das war wirklich trostlos heute, fast so trostlos, wie ich es erwartet hatte.
Ein Welt aus leeren, wuchtigen, menschenfeindlichen Flächen: Oben ein gewaltiger, tiefhängender grauer Himmel, der einen regelrecht niederdrückte, ja beinahe erschlug. Links und rechts braune Stoppeläcker im fahlen Halblicht, scheinbar bis in die Unendlichkeit (die liess aber auch nicht lange auf sich Warten, denn aufgrund der Wetterlage verlor sich die Fernsicht nach ein, zwei Kilometern im milchig-finsteren Dunst).
Kurz hinter Crumstadt, wahrscheinlich auf dem Verlauf einer alten Neckarschleife, gab´s noch ein paar Bäume, an denen sich das imgrauen Nichts herumirrende Auge noch ein bisschen festhalten konnte, doch die waren bald passiert – und dahinter wurde es leer.

Hier war´s kalt und deprimierend und einsam – aber irgendwie gefiel´s mir.
Wenn man sich darauf einlässt, einsam und verloren in die graue Leere zwischen den Orten zu laufen, ist es eigentlich sogar recht befreiend. Normalerweise versuche ich ja immer ganz bewusst zu laufen, mit allen Sinnen zu Erleben, Augen und Ohren offen zu halten.
Heute war das genaue Gegenteil angesagt: Ohne äußere Stimuli versank ich schnell in mir selbst, liess das Bewusstsein nach innen gleiten, während mein Körper und das Unterbewusstsein sich ohne Aufsicht ums Laufen kümmerten.
Vorteil: Ein bisschen wie Meditation
Nachteil: Man erlebt nicht viel von der Umgebung. Aber da gab´s ja eh nichts zu erleben, zumal ausser mir hier draussen offensichtlich keine Menschenseele unterwegs war.

So ging´s erstmal 2,5 km über holprige, verschlammte Landwirtschaftswege, bis an die K154 vom Philippshospital. Dort links, an einer Ampel über die B44 und weiter in Richtung Stockstadt, vor dem Ortseingang jedoch links, und auf weiteren holprigen verschlammten Landwirtschaftswegen zwischen Äckern und der Rückseite eines grauen, tristen Gewerbegebiets nach Süden, und schließlich auf dem Odenwaldring außerhalb des Ortes (kein Seitenstreifen, kein Radweg) bis an die quer verlaufende K153 (von Stockstadt nach ääääh, offensichtlich nach nirgendwohin, die endet irgendwo weiter westlich einfach in der K151).

Kurz rechts, dann wieder links, weiter nach Süden. Offiziell auf der Riedlinie (blauer Kreis), aber viele Markierungen waren nicht zu sehen – hier draussen gibt´s einfach wenige Bäume, Zäune oder Pfosten, an denen man Marker anbringen könnte. Ansonsten alles beim Alten: Links Äcker (und die B44), rechts Äcker (und das geduckte, graue Stockstadt – heute war aber irgendwie auch alles grau…), im Kopf Zen.

An der Waldmühle (die bei schönerem Wetter und größerer Aufmerksamkeit möglicherweise ein hübsches, altes, freistehendes historisches Gebäude ist) über die graubraune Modau, direkt danach links und auf einem Feldweg am schilfigen Ufer des Fanggraben ein Stück nach Osten (weiterhin Riedlinie, glaube ich – Marker waren keine da). Nach 600 m. wieder rechts, wieder mal rein in die Äcker, auf denen hier bräunliche Spargelbüsche standen und es nach Maggi roch (Liebstöckel-Plantage?).

Laaaange Gerade nach Süden, geradewegs auf ein riesiges Hochregallager am Nordostrand des Biebesheimer Industriegebietes zu, das von geradezu exquisit monströser Hässlichkeit war – ein gewaltiger, disharmonischer Block, gestrichen in vier verschiedenen Grautönen, die das bisschen Tageslicht regelrecht aufzufressen schienen.
Wer das geplant und gebaut hat muss ein wahrer Meister des Grässlichen sein… 😀

Nach 800 m. erreichte ich den Brunnenweg, bog links ab, überquerte die B44 auf einer Brücke, und lief dann ein paar hundert Jahre geradeaus, ostwärts durch die Äcker. Das Halblicht hatte sich inzwischen erst in Drittellicht, dann in Viertellicht gewandelt, denn aufgrund der undurchdringlichen tiefen Wolkendecke setzte die Dämmerung schon lange vor Sonnenuntergang ein – es wurde allmählich dunkel.
Machte mir aber nicht viel aus, schließlich änderte sich kaum was (lediglich die unansehnlichen Biebesheimer Industrieanlagen weit rechts wurden hübscher, weil diverse helle Flutlichter angingen und alles stimmungsvoll ausleuchteten).

Ich passierte ein oder zwei einsame Bauernhöfe im Nichts (Karlshof?), die bis auf einen hysterisch keifenden Zwingerhund verlassen wirkten, wandte mich nach insgesamt fast 1,7 km schnurgeradeaus schließlich nach links, und lief bis zum Modauufer an der Hahnlachmühle (keine Ahnung, ob die auch hübsch ist, war schon zu dunkel und ich war zu sehr im Tran). Rechts, am Flussufer entlang weiter nach Osten, nach 300 m. über die K151, dann nach weiteren, vollkommen ereignislosen 700 m. auf einer kleinen Fugängerbrücke beim Birkenhof über die Modau, und von nun an nach Norden.

Inzwischen fast schon Nacht, links des hellgrau schimmernden Betonwegs ein kleines Gehölz mit diversen Tiefbrunnen, rechts weitere nach Maggi riechende Äcker. Nach 750 m. noch ein Schlenker nach rechts, dann wieder links, nun Radweg 25 nach Norden, bis zur Abzweigung vor dem Hof Wasserbiblos, dort links und auf einem asphaltierten Weg unter einer Oberlandleitung in Richtung Crumstadt. Möglicherweise war´s so kurz wieder etwas abwechslungsreicher, mit Hecken, Schrebergärten und einem weiteren Aussiedlerhof („Landhof“), aber so richtig kriegte ich das nicht mit, denn inzwischen war es Rabennacht.

Aber ich hatte es ja auch fast geschafft: Kurz nach dem Landhof eine Linkskurve, dann ziemlich bald rechts und auf der Poppenheimer Str. ins abendlich beleuchtete Crumstadt hinein, geradeaus bis zur Dorfkirche und dem hübschen alten Rathaus, dort wieder links in die Rathausstr. zum Auto.
Und Ende.

Na sowas!
Das war doch tatsächlich eine interessante Erfahrung heute. Wenn man sich drauf einlässt, kann man auch einem abgrundtief drögen Tag im unspektakulärsten Teil des Rieds Einiges abgewinnen – der Trick besteht einfach darin, sich nicht ständig darüber zu ärgern, dass es nicht wie ein himmelhoch herrlicher Tag im spetkakulärsten Teil der Bergstrasse ist, sondern das Ganze einfach unvoreingenommen mitzunehmen, und sich ggf. in der Leere und Weite treiben zu lassen.
Geht sicher nicht immer, und muss auch nicht immer sein, aber heute war´s eigentlich ganz angenehm.

Strecke: 13,4 km
Zeit: 1:15 h (10,72 km/h bzw. 5:36 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 94,25% (12,63 km von 13,4 km)
Karte:
crumstadt-stockstadt1

M.

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3 Antworten to “Meditatour zwischen Crumstadt und Stockstadt (13,4 km)”

  1. Gerd Says:

    Eine ganz andere Art des Laufens.
    Ich nenne es „Laufen des Laufens wegen“!
    Einfach die Seele baumeln lassen. Da muss ab und zu mal sein. Da springen einem die wirrsten Gedanken durchs Hirn. 😉
    Gruß aus Speyer!

  2. matbs Says:

    Brrrr, Laufen als Selbstzweck, eine gruselige Vorstellung… 😀


  3. […] Meditatour zwischen Crumstadt und Stockstadt (13,4 km) […]


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