Sturm über den Rübenäckern (10,5 km)

10. Februar 2009

Da denkste es wird endlich Frühling, und dann das:
Fallende Temperaturen! Regen! Sturm!

Kein schönes Laufwetter heute. Besonders der Wind war extrem stark, erreichte teils orkanartige Böen.
Laufen wollte ich aber trotzdem, nachdem ich mir letzten Samstag schon mal eine ungeplantes Päuschen gegönnt hatte.
Bloss wo?
Der Wald stand außer Frage. Zu gefährlich bei dem Sturm, ein ordentlicher Ast auf den Hirnkasten und es ist Ende mit Matthias.
Blieb also nur das offene Gelände in der Ebene, am besten mit möglichst wenig Bäumen, die hirnkastenzertrümmernde Äste abzuwerfen hatten.

Also entschied ich mich für eine Runde im Niemandsland zwischen den Autobahnen, nördlich von Hähnlein. Da würde es zwar naß und schlammig sein, aber so viele Bäume wie im Wald gibt´s nicht.
Nur Rübenäcker, und sind selbst bei Orkan relativ sicher (außer der Orkan ist so stark, dass man weggeweht wird – aber danach sah´s dann doch nicht aus).
Nemo durfte übrigens auch wieder mit. Der hat von Natur aus eine gute Bodenhaftung und ist damit relativ windresistent…


Start am Rand von Hähnlein, am Sportplatz Gänseweide. Wind überraschend gemäßigt, dafür leichter Regen. Warm war´s auch nicht.
Und ich hatte die Stoppuhr vergessen. Also keine akkurate Zeitnahme. Na ja, egal.

Von hier aus nordwärts. Asphaltierter Wirtschaftsweg, fest aber voller Pfützen. Links unendliche Äcker unter tiefdrückendgrauem Himmel mit dahinrasenden Wolken, rechts das Wäldchen an der Gänseweide (Mist! Hier hatte es ja doch Bäume! Aber immerhin warfen sie keine Äste nach meinem Hirnkasten, das war ok).
Schon ein bisschen trostlos, aber heute gefiel mir das eigentlich ganz gut. Hin und wieder mag ich auch mal graue, düstere Tage im Flachland – bloss nicht zuviel auf einmal, das schlägt mir aufs Gemüt.

Tempo bemüht gedrosselt. Fiel gar nicht so leicht, denn der fast direkt von hinten kommende Südwestwind drückte uns vorwärts (also mich – Nemo ist wie gesagt relativ windresistent, der sieht bei Rückenwind immer nur besonders dämlich aus, weil´s ihm den Pelz nach vorne bläst). Aber ich will ja eh mal wieder immer etwas langsamer machen, und außerdem bedeutete der Rückenwind jetzt, dass ich den Rückweg mit Gegenwind würde laufen müssen.
Und das hier ist wie gesagt offenes Gelände, da gibt´s wenig Windschattten…
Also lieber Kräfte sparen.

Über einen km den Weg entlang, vorbei an einem hohen Pfosten mit Storchennest samt jämmerlich zerzaust aussehendem Storch drin, ansonsten Stoppeläcker. Irgendwann links der Weilerhügel (den hab´ ich ja gerade neulich erwähnt – das ist das Hubbelchen im Flachland, wo die Herren von Bickenbach gewohnt haben, bevor sie das Alsbacher Schloss gebaut haben. Heute ist nichts mehr von ihrer ehemaligen Wohnburg übrig, nur das völlig überwucherte Hügelchen.), kurz danach am Erlenhof links und am sumpfigen Naturschutzgebiet Hainlache (uh-oh: Hirnkastenzerschmetternde Bäume. Gottseidank nicht maliziös) vorbei bis zum Saar-Rhein-Main-Weg (gelbe Plus), dem dann weiter nordwärts bis zur Brücke nach Bickenbach und dem einsam in den Äckern liegenden Lindenhof gefolgt.

Während wir leicht von Wind und Regen gebeutelt durch die Ödnis liefen, wanderten meine Gedanken langsam aber sicher zu meinem Bänderriss. Fast auf den Tag genau ein Jahr her (13. Februar 2008 – hmm, ob ich da die Tage einen Jubiläumsblogeintrag für mache…?), und damals waren Jost und ich haargenau dieselbe Strecke gelaufen, die Nemo und ich heute geplant hatten.
Ein bisschen komisch fühlte sich das schon an.
Und nicht nur das – dieses Stück war auch genau die Strecke, auf der ich sechs unangenehme Wochen später meinen allerersten Lauf nach der Verletzung gewagt hatte.
Mannomann, was war ich damals fett und unfitt gewesen…
Heute bin ich nur noch fett.
Gutes Gefühl! 😀

Wir liessen den Lindenof links liegen und rannten weiter geradeaus, den ebenfalls asphaltierten Radweg 28 in Richtung Erlensee. Panorama das gleiche, bloss dass der Äcker-Wiesen-Anteil sich ein bisschen zugunsten der Wiesen verschoben hatte, und rechterhand die Autobahn etwas nähergerückt war (Merke: Die Autobahn mag ein Meisterwerk deutscher Strassenbaukunst sein, aber die A5 an einem trüben, tristen Tag ist trotzdem kein besonders erhebender Anblick 🙂 ).

Nach 200 m. links und weiter auf dem Asphaltweg, parrallel zum Erlensee.
Genau hier hab´ ich mir damals das Band gerissen.
Heute hielt ich Ausschau nach der Vertiefung am Fahrbanrand, wo´s passiert war, konnte sie aber nicht mehr finden.

Also spuckte ich halt einfach irgendwo mittendrin verächtlich aus, denn das mache ich seitdem immer, wenn ich hier vorbeikomme – „Siehst du, du blödes Stück Weg, ich laufe immer noch. Du hast vielleicht mein Außenband kleingekriegt, aber mich nicht! HAH!“

Dämlich, huh?
Aber beim Laufen geht´s manchmal auch um dämliche kleine Rituale, und das gönne ich mir einfach… 😉

Vorbei am Parkplatz vom Erlensee, und wieder raus ins ganz offene Gelände. Links die schön renaturierten Auwiesen vom Landgraben, rechts erst die Viehweiden und Spargeläcker vom Hartenauer Hof, dann der Hartenauer Hof selbst, einsam und verloren inmitten der endlosen graubraunen Weite.

Hier bogen wir links ab, auf den Radweg 19, zurück nach Süden.
Über den Landbach, dann am Prüf- und Vermehrungshof vorbei (falls der einen richtigen Namen hat, hab´ ich den nie rausfinden können. Sogar der Bickenbacher Ortsplan nennt ihn Prüf- und Vermehrungshof. Hier werden glaub´ ich Schweine geprüft und vermehrt. Wie man Schweine prüft? Keine Ahnung, wahrscheinlich gibt es hochspezialisierte Messgeräte für sowas… 😀 ), und schließlich auf dem Radweg 19 raus ins unglaublich weite offene Gelände „An der Sackpfeife“.

Hier ist irgendwie immer ein bisschen einsam und trostlos.
Endlose Äcker.
Rechts weit weg die A67, dahinter mehr Äcker.
Hinter einem Äcker.
Links weit weg das zauselige Wäldchen an der Fasanenlache, rundrum Äcker.
Geradeaus Äcker, Strommasten, die Verdichterstation am Jägersburger Wald.
Mittendurch über ein Kilometer schnurgerader, völlig offener Wirtschaftsweg aus alten, gesprungenen Betonplatten.

Wie gesagt: Niemandsland.
Und zwar echtes – objektiv ist es hier unten einsamer als im Odenwald.
Dort ist in jedem Tal ein Dorf.
Hier unten gibt es in einem riesenhaften, 25 Quadratkilometer großen Areal zwischen Pfungstadt und Hähnlein praktisch nichts außer Feldern, Äckern, Wiesen, dazwischen ein paar Wäldchen und Seen, etwas Moor, ein paar versprengte Aussiedlerhöfe. Keine Orte, keine wictigen Durchgangsstrassen, im Westen wird das Gebiet durch die nur an ganz wenigen Stellen überwindbare A67 eingegrenzt, im Osten durch die ebenfalls nur an ganz wenigen Stellen überwindbare A5.
Niemandsland eben.

Und da liefen wir jetzt durch.
Radweg 19 nach Südwesten.
Auch bekannt als „Genau die Richtung aus der der Sturm kam“.

Uuuuaaaaahhh!!!!!

Brutalster Gegenwind direkt von vorne, da musste man um jeden Schritt kämpfen. Weit vornübergelegt gegen die Elemente, das kostete Kraft.
Zumindest mich. Nemo hatte noch genug Power, um zwischendurch so zu tun, als wolle er einen davonrasenden Feldhasen fangen.
Nach ein paar Metern gab er aber klugerweise auf.
Zum einen brüllte ich ihm hinterher, dass er den Scheiss lassen solle, und zum anderen sind Feldhasen der Lamborghini unter den heimischen Säugetieren (bloß in geländegängig). Nemo hingegen ist der 1986er Fiat Panda unter heimischen Säugetieren.
Keine Chance… 😆

Am Ende des unglaublich anstrengenden Stücks durch die Sackpfeife kamen wir in den Windschatten des Jägersburger Waldes. Machte die Sache gleich viel angenehmer.
Halblinks, um das Naturschutzgebiet Schauerlache rum, dabei ein paar Rehe aufgescheucht (wahrscheinlich war ich der erste Mensch, der hier heute vorbeikam, da hatten sie sich nix dabei gedacht, direkt neben dem Weg den Acker abzuäsen), dann rechts runter und schnurgeradeaus (und nochmal gegen den Wind) bis runter zum Dorfrand von Hähnlein.

Eigentlich hatten wir hier den kürzesten Weg zurück zum Ausgangspunkt nehmen wollen, aber eigentlich lief´s noch ganz gut, und hier im Ort war der Wind auch wieder erträglich, also machten wir stattdessen einen kleinen Schlenker und liefen auf dem schönen, breiten, neuen Bürgersteig ein der Dorfstrasse einmal quer durch Hähnlein durch bis zum östlichen Ortsrand. Ein paar hundert Meter neue Strecke, besser als nix.
Wenig los, aber unterwegs fiel mir zum ersten Mal das Mahnmal für die Hähnleiner Kriegstoten vor dem alten Rathaus (oder der alten Schule?) auf, und ich fragte mich unwillkürlich, an wievielen solchen Stätten ich in den letzten eineinhalb Jahren wohl vorbeigekommen bin.
Antwort: Viele!
Wahrscheinlich hat fast jeder Ort in Deutschland sowas.
Und in Frankreich. Und in Italien, England, Belgien, Polen…
Zehntausende von Gedenksteinen auf dem ganzen Kontinent, mit Millionen von Namen von jungen Männern, die sinnlos irgendwo elend krepiert sind…

Finsteres Wetter erzeugt finstere Gedanken.

Aber vielleicht auch die Erkenntnis, wieviel Glück wir haben, in einer Zeit und in einer Weltregion zu leben, wo es seit fast drei Generationen keinen Grund mehr gegeben hat, neue Namen in die Steine zu meisseln…

(Soviel zum Thema „Philosophieren beim Laufen“, Christian 😉 ).

Aus Hähnlein raus, kurz in Richtung Alsbach, dann am Hähnleiner Friedhof (schon wieder was Morbides…) links, noch ein paar hundert Meter zwischen Scheunen und Äckern hindurch, und wir waren am Ziel.
Durchgeblasen, eingesulcht, angestrengt, total verdreckt.

Aber nett war´s trotzdem.
So hin und wieder lass ich mir Sturm und Regen durchaus gefallen – besonders wenn der Hirnkasten am Ende heile geblieben ist… 🙂

Strecke: 10,5 km
Zeit: Ca. 0:57 h – wie gesagt: Uhr vergessen, deswegen nur eine ungefähre Messung (= ca. 11,05 km/h bzw. ca. 5:26 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke 9,71% (1,02 km von 10,5 km)
Karte:
sturmrunde-hinter-hahnlein1

M.

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3 Antworten to “Sturm über den Rübenäckern (10,5 km)”

  1. Christian Says:

    Dann will ich mal Deinen philosophisch angehauchten Bericht kommentieren 😉
    Was nun besser ist, die Gefahr der herab brechenden Äste im Wald oder das Risiko davon geblasen zu werden, sei mal dahingestellt. Aber es ist doch ein irres Gefühl gegen den Wind ankämpfen zu müssen. Irgendwie werden einem Grenzen vermittelt und man kann sich so ein wenig die Kraft und Stärke eines echten Sturms vorstellen 😉
    Wie geht es denn Deinem 1986er Fiat Panda ? Ich hatte mal einen 1987er in weiss, war mit seinen 45 PS ein echtes Geschoss 😎 und hat mich fast durch mein ganzes Studium begleitet.

    Das mit den Mahnmalen begegnet einem hier auch ständig, ist schon seltsam. Ich geb Dir deshalb auch Recht was unser Glück betrifft, dass wir keine neuen Steine mit Namen aufstellen müssen.

    Schönen Tag wünsch ich Dir noch

  2. matbs Says:

    Hi Christian,

    nachdem ich vor ein paar Jahren mal wirklich nur haarscharf von einem herabfallenden 3-meter-Ast verfehlt worden bin, neige ich dazu, das Weggeblasen Werden zu favoritisieren… 🙂

    Mein vierbeiniger „86er Panda“ ist in der Tat auch ein ziemliches Geschoss, das wenn´s sein muss deutlich schneller als ich laufen kann, aber die ca. 60 km/h, die nötig wären, um einen Feldhasen zu fangen, sind dann doch weit jenseits seiner Möglichkeiten… 😀
    Ansonsten ist er im Moment irgendwie ein bisschen verquer drauf – aber dazu gibt´s etwas mehr im nächsten Eintrag, den ich wahrscheinlich heute am späten Abend online kriege…

    Und die Mahnmale – die sind wirklich überall.
    Normalerweise läuft man immer dran vorbei und nimmt sie nicht mal richtig wahr, aber wenn man drauf achtet, merkt man überhaupt erst, wie viele das sind – und wie real und unmittelbar all die abstrakten Tragödien, die wir nur aus Geschichtsbüchern und dem Fernsehen kennen, für die Generationen vor uns waren…

    Gruß aus dem aprilwettrigen Hessen, wo sich Schneesturm und Frühlingssonne im Halbstundentakt abwechseln…

    Matthias


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