Sonne über Rheinhessen: Flörsheim-Dalsheim – Bermersheim mit Foto (10,7 km)

14. Februar 2009

Hab´ ich schon mal erwähnt, dass ich diese Woche echt nur auf Achse bin?
Falls nicht: Diese Woche bin ich echt nur auf Achse.
Mittwoch Odenwald, Donnerstag das Rhein-Main-Gebiet, Freitag das Dieburger Land – und heute (Samstag) stand ein Abstecher über die Gestade des Rheins ins exotische Rheinhessen an.
Heidenei, gottseidank wird´s nächste Woche ruhiger…

An sich wollte ich die heutige Rheinüberquerung ja nicht mit einer Tour verbinden, aber dann…

…so oft komm´ ich da drüben ja auch nicht vorbei. Und wenn man schon mal da ist…

…und überhaupt, ich mag Rheinhessen eigentlich total gerne, weil´s wirklich anders ist als die Gegend daheim, und auf seine Art sehr hübsch, und eine interessante Laufgegend obendrein…

…und dann das Wetter: Gestern Nacht fünf bis zehn Zentimter Neuschnee (das sah dann so aus:
img_0990
), heute wunderbarer Sonnenschein aus blauem Himmel, der auf dem frischen Weiß blendend gleisste.
Das gab dann auch den Ausschlag: Die Vorstellung, in strahlendem Sonnenlicht unter einem endlosen blauen Himmel über die endlosen strahlendweißen Hügel des Wonnegaus, mit ihren verschneiten Weinbergen und uralten verschlafenen Dörfchen zu laufen, war einfach zu verlockend.


Also doch noch kurzfristig hingesetzt und eine kleine Tour geplottet.
Übrigens gar nicht so einfach für das südliche Rheinhessen und den Wonnegau: Kein klassisches Naherholungs- oder Urlaubsgebiet, relativ dünn besiedelt, viel Landwirtschaft. Entsprechend gibt es kein brauchbares Kartenmaterial (zumindest hab´ ich noch nichts gefunden), und die Wege sind oftmals ziemlich schlecht (bei uns im dichter besiedelten Südhessen ist ein Feldweg meist eine Verbindung zwischen zwei Orten, die von Fußgängern/Radfahrern/Kinderwagenschiebenden Omis und Opis frequentiert wird und dementsprechend halbwegs ausgetreten und gepflegt ist. Hier drüben ist ein Feldweg oftmals nur ein unebener Grasstreifen am Ackerrand, dessen einziges Qualitätsmerkmal darin besteht, dass ein schwerer Traktor drüberfahren können muss).
Oh, und Wegmarker gibt´s natürlich auch kaum.

Andererseits habe ich Rheinhessen spätestens seit dem grandiosen Projekt Westwärts im Sommer ´08 ins Herz geschlossen, entsprechend schrecken mich ein paar schlammige Rumpelpfade nicht weiter.

Folgerichtig mit Hilfe von Google Earth „auf Sicht“ eine Strecke um den wunderbaren alten Weinort Flörsheim-Dalsheim geplottet (und gehofft, dass sie halbwegs laufbar sein würde), die Laufklamotten gepackt, und kurz nach dem Mitagessen aufgebrochen. Natürlich mit der Kamera im Gepäck, denn vor meinem inneren Auge geisterte immer noch die Vorstellung von herrlich verschneiten Hügeln unter azurblauem Himmel herum, das sollte dokumentiert werden.

Zumindest das mit Schnee wurde allerdings nichts – je weiter ich nach Westen kam, desto wärmer wurde es. Bereits bei Lorsch war kaum noch was zu sehen, und als ich auf der stolzen neuen Brücke bei Worms den Rhein überquerte, herrschten 5° Celsius und heiterer Frühling.
Aber egal, die Sonne schien um so freundlicher aus dem blauen Himmel herab, da freute ich mich trotzdem riesig auf die Tour! 🙂

Start also in Flörsheim-Dalsheim (das sich selbst als „die Perle Rheinhessens“ und „Deutschlands meistprämiertes Weindorf“ bezeichnet), genauer gesagt in der engen Gasse „Am Obertor“ im wunderschönen spätmittelalterlichen Kern des Ortsteils Dalsheim:
img_0993
Heutiger Startpunkt: Ecke „Am Obertor und Pfarrgässchen“ in Dalsheim

Kurzinfo: Flörsheim-Dalsheim besteht aus zwei Ortsteilen, nämlich Nieder-Flörsheim und Dalsheim, die übereinander in einer flachen Senke umgeben von Weinbergen liegen. Dalsheim war im Mittelalter ein sogenannter Flecken, eine Ortschaft ohne volle Stadtrechte, die jedoch das Recht besaß, sich mit einer Mauer zu schützen. Diese „Fleckenmauer“ ist auch heute noch vorhanden und umschließt einen wunderschönen Ortskern voller verwinkelter Gässchen mit teils uralten Häusern

Kurzer Blick die Gasse hinauf in Richtung Obertor…
img_09910992p

…und schon ging´s los hoch zum Dalsheimer „Römer“, einer Art Dorfplatz, an dem sich zwei alte Kirchen gegenüberstehen:
img_0994
Rechts die evangelische…

img_0995
…und links die katholische (oder umgekehrt??? Muss ich noch mal nachfragen).

Kurzinfo: Hier ist alles voll mit Kirchen – allein in Dalsheim hat´s drei Stück, außerdem steht glaube ich auch noch eine unten in Nieder-Flörsheim. Und dazu gibt es auch noch einen alten jüdischen Friedhof nördlich der Stadtmauer. Und das in einem Ort mit gerade mal 3000 Einwohnern…

Am Römer rechts und die Strasse „Am Untertor“ runter, vorbei an diversen kleinen Weingütern (davon gibt´s hier noch mehr als Kirchen), der hübschen alten Schule und einem Turm der Fleckenmauer bis zum Ende des alten Ortskerns kurz vor den Bahngleisen, wo ein gut gepflegtes Denkmal steht:
img_0996

Dort dann links auf den Gundersheimer Weg, dem ich nach Norden folgte. Vorbei an einem hübschen kleinen Friedhof am Ortsrand…
img_0997-0998p
Nicht der jüdische Friedhof, der liegt etwas weiter hinten.
(Den hätte ich mir übrigens auch gerne noch mal angesehen, aber ich hatte wieder mal keine Kopfbedeckung dabei, und ohne möchte ich aus Respekt keine geweihte jüdische Stätte betreten).

…aus Dalsheim hinaus in die schier endlosen Weinberge unter dem schier endlosen blauen Himmel…
img_0999

…und den schnurgeraden Gundersheimer Weg entlang sanft aufwärts:
img_1000

Ich glaube, ich hab´s schon mal erwähnt, aber ich wiederhol´s gerne:

Ich mag Rheinhessen richtig gerne.

Weil es so nah an zuhause ist, und zugleich irgendwie so weit weg – ich muss nur aus dem Fenster schauen, dann sehe ich es, weit drüben im Westen, mit seinen sanften Erhebungen voller schimmernder Windräder. Aber zugleich ist es eben auch weit weg, getrennt durch den mächtigen Rhein, den man nur an ganz wenigen Stellen zwischen Mannheim und Mainz überqueren kann.

Ich mag es, dass hier alles noch einen Tick ruhiger, altmodischer, pastoraler ist als bei uns im hektischen Südhessen.

Ich mag die Kultur, die hier viel mehr als an der Bergstrasse von der Landwirtschaft und dem Wein dominiert wird, der hier nicht nur ein Wirtschaftszweig von vielen ist, sondern Tradition, Lebensart und wirtschaftliches Herzblut einer ganzen Region.

Ich mag die winzigen, uralten Dörfer, mit ihren engen Gassen und kleinen, uralten Feldsteinhäusern und -höfen, die so abgeschieden sind, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, sie mit einem Gewerbegebiet oder 150 Fertighäusern am Ortsrand zu verschandeln.

Und ich mag die Landschaft, das uralte Kulturland, mit seinen endlosen Feldern und Weinbergen, die sich über tausend baumlose, freundlich geschwungende, sanfte Hügel erstrecken und schließlich in der Unendlichkeit verlieren, und dabei ein Gefühl der Weite und Größe erzeugen, dass es im schroffen, steilen, bewaldeten Odenwald kaum gibt (und dazu ist es dank der sanften Hügel noch eine freundliche Weite, die auf mich als Sproß mitteldeutscher Berg- und Hügelvölker viel weniger beunruhigender wirkt als beispielsweise die bedingungslose Flachheit der Norddeutschen Tiefebene).

Das alles ist einfach schön, gerade wenn die Sonne scheint, und der Himmel blau ist, und es einem so richtig gut geht, während man auf dem Gundersheimer Weg nördlich von Dalsheim durch die Weinberge läuft.

Glücklich… 🙂

img_10011002p
Blick vom Gundersheimer Weg nach Osten, hin zu den verschneiten Hängen der fernen Bergstrasse

img_1003-1006p
…und der Blick nach Norden und Westen, mitten auf die soeben beschriebene wunderbare Weite, mit den endlosen, sanft geschwungen Weinbergen unter einem gewaltigen, weiten Himmel

img_1009
Trullo auf einer Anhöhe (Die kleinen und oftmals sehr hübschen Schutzhäuschen in den Weinbergen werden hier „Trullo“ genannt, offensichtlich ein Lehnwort aus dem Italienischen)

Nach einem knappen Kilometer erreichte in eine T-Kreuzung, an der ich rechts abbog. Ein paar hundert m. Ostwärts zu einer alten Bahnunterführung…
img_1010

…und unter den Gleisen durch:
img_1012

Auf der anderen Seite dann ein kleiner Navigationsfehler. Eigentlich sah der Plan vor, dass ich geradeaus weiterlaufen sollte, ostwärts bis runter nach Gundheim, das wunderbar malerisch in den Weinbergen vor mir lag:
img_1013-1014p1

Aber stattdessen bog ich direkt hinter der Unterführung links ab und lief nordwärts, auf dem Fahrradweg nach Bermersheim (das stand zwar auch auf dem Plan, aber eigentlich erst nach Gundheim).
Ehrlich gesagt merkte ich es nicht mal – es lief gerade so gut und ich war so zufrieden, dass ich nicht mal drüber nachdachte oder den Plan konsultierte, sondern einfach irgendwie dem Weg folgte, der sich richtig anfühlte.

Am Mittwoch im Odenwald hatte ich freiwillig abgekürzt, weil alles mies war, heute dagen unfreiwillig weil alles bestens war.
Ich glaub´ die zweite variante gefällt mir besser… 😀

Also lief ich erstmal nach Norden, glücklich, zufrieden, nicht ahnend, dass ich mir gerade ein oder zwei Kilometer Strecke gespart hatte.

Auch der Fahrradweg war eigentlich sehr bestens zu laufen. Asphalt, ein bisschen auf und ab, alles kein Problem. Bis ich an eine kleine Senke kam, in der der Weg vollkommen eingeschlämmt war.
Sah eigentlich ganz harmlos aus, also versuchte ich, locker flockig durchzulaufen…

SCHLUUURMPF!!!!

…und sackte schon beim ersten Schritt so tief in den extrem zähen und anhänglichen Schlamm ein, dass es mich fast hingehauhen: hätteimg_10151

Beunruhigend: Der Schlamm wollte meinen Fuß gar nicht mehr hergeben, also entspann sich ein kurzes Ringen zwischen mir und dem Morast, bei dem es mir beinahe den Schuh ausgezogen hätte, bevor ich endlich mit einem irgendwie obszön klingenden Schmatzgeräusch loskam.
Ooo-kaaayyy…
Vorsichtig irgendwie durch den Schlamm laviert – fühlte sich an, als hätte ich Hochleistungssaugnäpfe an den Schuhen, und klang auch so.
Sproooootsch, sproooootsch, sprooootsch…

Ich sag´s ja: Auf Rheinhessischen Wege muss man mit allem rechnen… 😀

Danach ging´s wieder prima, immer schön nordwärts auf dem Radweg durch die Rebenreihen, während langsam der nächste Ort näherrückte, erkennbar nur durch die Kirchturmspitze, die als einziges Merkmal aus der der Senke, in der das Dorf lag, herausragte. Sah ein bisschen so aus, als würde eine riesenhafte Eule mit Zauberhut zu mir rüberglotzen: 🙂
img_1018
Mit starkem Zoom aufgenommen, deswegen sieht die Kirche auf dem nächsten Bild viel kleiner aus

Nach ein paar hundert Metern gab´s dann das gesamte Örtchen aus leicht erhöhter Position, sehr hübsch:
img_1019-1021p

Hier nahm ich dann auch zum ersten Mal heute den Plan aus der Tasche und orientierte mich kurz.

Leichte Verwirrung – ich hatte ja immer noch nicht mitgekriegt, dass ich falsch gelaufen war, also dachte ich, der Ort vor mir wäre Gundheim.
Und in Gundheim, das zeigte der Plan eindeutig, sollte ich von Westen her einlaufen.
Warum kam ich denn dann bitteschön von Süden (der Stand der Sonne war da recht eindeutig) auf das Dorf zu?

Kurze Überprüfung der Route, dann war klar: Ich war vorhin an der Unterführung falsch abgebogen, und das vor mir war nicht wie erwartet Gundheim, sondern schon die nächste Station, Bermersheim.

Es gibt Tage, da hätte mich das ein bisschen geärgert.
Heute?
Sonne schien, Himmel war blau, Luft roch nach Frühling, die Landschaft war herrlich, mir ging´s richtig gut – hey, was soll´s?
Wird´s halt ein Zehner statt einem Zwölfer.
Auch gut! 🙂

Direkt nach Bermersheim runter lief ich allerdings nicht, stattdessen nochmal kurz zurück, dann links, und weiter östlich in den Ort hinein – so konnte ich ein paar der verlorenen Meter wieder gut machen, und außerdem einmal ganz durch das äußerst hübsch aussehende Dörfchen durchlaufen, da hatte ich richtig Lust drauf.

Direkt am Ortseingang: Kakophonie. Rechts die Strasse runter fuhr gerade eine Hochzeitsgesellschaft vorbei. Hrm. Normalerweise kann ich dieses dämliche Gehupe ja überhaupt nicht leiden (vgl. hier), aber heute war alles so super, da sah ich mal großzügig drüber hinweg ohne allen Hochzeitsgästen einen Lebensmittelvergiftung oder Herpes zu wünschen. Ausnahmsweise mal. Weil heute so ein schöner Tag war… 😀

Und dann lief ich durch Bermersheim.

Kurzinfo: Ich weiss überhaupt gar nichts über Bermersheim. Keinen Pieps.
Außer dass es eines von diesen wunderbaren uralten Weindörfchen mit den wunderbaren uralten Natursteinhäusern ist, von denen ich vorhin in meiner etwas kitschigen Liebeserklärung an Rheinhessen geschrieben habe: Klein, umgeben von Weinbergen, jeder zweite Hof ist ein Weingut, auf wunderbar liebenswerte Art ländlich, und es gibt keine Superdupermegamärkte, Autohäuser, oder schreckliche Neubaugebiete am Ortsrand.
Und das reicht eigentlich schon aus, um es zu mögen…
🙂

Auf der Wormser Str…
img_1022

…und der Alzeyer Str. bis zum kleinen Dorfplatz unterhalb der Kirche (die, die vorhin wie eine Eule mit Zauberhut ausgesehen hatte…)
img_1023

…dann links die schmale Schulgartenstr. hoch…
img_1024

…und schon war ich wieder draussen aus Bermersheim, das übrigens auch beim Verlassen einen sehr freundlichen und liebenswerten Eindruck machte:
img_1025

Damit war der „Alles locker“-Teil der Tour allerdings auch erstmal vorbei. Kurz hinter Bermersheim ging´s wieder unter der Bahn durch, zurück nach Westen – und direkt hinter der Unterführung wartete schonmal ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten Kilometer:
img_1026
Uh-oh…

Denn jetzt ging´s in die Felder. Rheinhessen besteht nämlich nicht nur aus Weinbergen, tatsächlich gibt es hier auch riesige Flächen Ackerlandes. Meistens oben auf den Hügeln, auf den gewaltigen Hochplateaus, die anscheinend etwas trocken für Wein sind (diese Trockenheit – so hat mir das zumindest mal jemand aus der Gegend erzählt – ist angeblich auch einer der Gründe, warum dieser Landstrich traitionell relativ dünn besiedelt ist, und die meisten Dörfer unten in den Senken liegen).
Und für die meisten Wege durch dieses Ackerland gilt das, was ich zu Anfang des Berichtes schon mal erwähnt habe: Solange da ein schwerer Trekker durchkommt ist gut. Jogger, oder Radfahrer, oder Omis mit Kinderwagen hingegen zählen nicht zu üblichen Klientel…

Aber gut. Zu Anfang sah´s ja noch ganz nett aus:
img_1027
Birken unter blauem Himmel – immer wieder schön!

…doch bald wurde es schon etwas fragwürdiger…
img_1028
Tiefer, glibbrig-klebriger Schlamm und gröbstes uraltes Kopfsteinpflaster – uijuijuijui!

…und dann…

….und dann…

…..und dann…

…das:
img_1029

AAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!

Ach. Du. Heilige. Scheisse!!!!!

Plötzlich verwandelte sich der ohnehin schlechte Weg in einen irren Fieberalptraum aus Schlamm, Schlamm, Schlamm und Schlamm!
Oh ja richtig, Schlamm gab´s auch.

Rheinhessische Erde ist tief, und schwer, und fruchtbar.
Und bei Tauwetter verwandelt sie sich in so eine Art niemals ganz trocknenden Schnellzement mit der Klebfähigkeit von Pattex.

Der Schlamm war tiefer als der vorhin auf dem Fahrradweg. Und rutschiger. Und zugleich klebriger. Und zu matschig-anhänglich-glibbrigen Gebirgen aufgetürmt (schwere Trekkerreifen). Die spärliche-pathetische Grasnarbe rutschte einfach so weg, sobald man sie nur ansah.

Und davon hatte ich jetzt über 2 km vor mir.
Leicht bergauf.
Bei Gegenwind…

Ich mache diese Lauferei schon eine ganze Weile. Ich hab´ Einiges erlebt und bin ziemlich geländegängig.
Aber das hier?
Ganz ehrlich: Das war wahrscheinlich der allerschlechteste Weg, den ich jemals gelaufen bin.

Na gut, das stimmt so nicht, denn in Wirklichkeit bin ich den Weg gar nicht gelaufen – ich bin in GEGANGEN, denn er war absolut, vollkommen, ohne jeden Zweifel unjoggbar!

Zuerst versuchte ich es noch, aber es ging einfach nicht: Glatt wie Schmierseife, zugleich tief und anhänglich wie Zement, bereits die ersten Schritte gingen nur mit einer Mischung aus paranoider Vorsicht und brachialer Gewalt, und mit jedem Schritt hatte man mehr von der Siffe am Fuß hängen, bis sich die Schuhe – nach wenigen Metern – in kiloschwere, extrem rutschige Dreckballen verwandelt hatte:
img_1033
Profil? Welches Profil?

Also ging ich. Über einen Kilometer.
Und selbst das war extrem anstrengend, schlüpfrig, dreckig.

Aber wisst ihr was?

Es hat mir überhaupt nichts ausgemacht! 🙂

Ich war immer noch unheimlich gut gelaunt, zufrieden, glücklich, da konnte mir selbst der schlammigste Weg aller Zeiten nix anhaben.
Ich machte die Stoppuhr aus (warum noch stoppen), freute mich, dass ich vorhin zwei Kilometer gespart hatte (die Zeit konnte ich jetzt gut brauchen), und schnaufte, schlidderte und schmatzte fröhlich den sanft ansteigenden Hügel hoch, auf dessen riesigen, grünbraunen Flanken Sonne und Wolken kurzlebige aber wunderschöne Muster zauberten. 😀

Dazu ein paar schöne Anblicke, wie z.B. das wunderbar altmodische Wasserhäuschen mit neumodischen Solarzellen mitten in der Pampa…
img_1030

…oder die freundlich-hellen Windräder, die sich grazil auf der übernächsten Anhöhe drehten…
img_1031

…oder – nachdem ich schon eine ganze Zeit unterwegs war – der Blick zurück, verbunden mit der Erkenntnis, wie gut dieses Bild des soeben bewältigten „Weges“ auf dem Blog kommen würde: :mrgreen:
img_1034
Ja genau – das in der Bildmitte, was etwas unbequemer aussieht als die umgebenden Äcker, das ist der Weg, den ich gerade hochgekommen bin… 😆

Und irgendwann war´s zu ende.
Ich sah aus wie das Ding aus den Sümpfen, atmete auch ein bisschen so, und an meinen Schuhen hing genug Erde, um irgendwo im Atlantik eine neue Insel aufzuschütten, aber irgendwie war´s auch total cool gewesen. 😀

Aber ich hatte es geschafft, stand oben auf dem Hügel, direkt am Rand der B271, die von Dalsheim irgendwohin führt (Ober-Flörsheim? Kenn´ mich nicht genug aus), und vor mir lag der Teil der Tour, auf den ich mich am meisten gefreut hatte.

Ich hatte nämlich die Anhöhe erreicht, die sich westlich über Flörsheim-Dalsheim erhebt.
Auf der war ich schon einmal vorbeigekommen, letzten Mai im Rahmen von Projekt Westwärts.
Damals hatte mich die Aussicht von hier oben im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen.

Der Hügelrücken ist zwar nicht hoch, aber es gibt einfach nichts in der Umgebung, was noch höher ist. Außerdem keinen Wald, keine Gebäude, nichts was irgendwie die Sicht versperrt. Entsprechend hat man von hier oben einen unglaublichen, atemberaubenden, grandiosen Blick über die gesamte nördliche Rheinebene und die angrenzenden Gebiete: Pfälzerwald, Weinstrasse, Ludwigshafen, Mannheim, Rheinhessen, das Ried, die Bergstrasse, der Odenwald, Darmstadt.
Und das an einem diesigen Tag.
Wenn man hier mal richtig klares Wetter erwischt – herrlich!

Als ich letzten Mai hier oben war, hatte ich mir selbst versprochen, irgendwann noch mal mit dem Foto herzukommen, und ein Bilder zu machen.
Heute löste ich dieses Versprechen ein.
Ok, das ist vielleicht etwas milde ausgedrückt.
Ehrlich gesagt drehte ich vollkommen durch und schoss Panoramabilder, als gäb´s kein morgen. 😉

Nr.1:
img_1037-1046p

Nr. 2:
img_1047-1070p

Nr. 3:
img_1072-1083p

Unter uns: Sie sind alle drei nicht so gut, wie ich gehofft hatte – es war zu diesig, und die kleine Pocketkamera stösst bei solchen Landschaftsaufnahmen mit starkem Zoom an ihre Grenzen, und ich bin kein guter Fotograf, und ich musste aus Platzgründen die Größe und damit auch die Detailschärfe deutlich reduzieren (eines der Bilder bestand aus 24 Einzelfotos von jeweils 3 oder 4 MB, und das Endergebnis war so groß, dass das Bildbearbeitungsprogramm es nicht mehr öffnen wollte).
Aber es sind die besten Panoramafotos, die ich machen konnte, das muss uns halt mal reichen.
Zeigen tun sie übrigens alle ungefähr dasselbe: Im rechten und mittleren Vordergrund Flörsheim-Dalsheim, links davon und etwas weiter hinten Gundheim, links davon und etwas verdeckt Bermersheim (mit dem Kirchturm).
Rechts Richtung Horizont die Schornsteine und Häuser von Mannheim und Ludwigshafen, irgendwann dann das Autobahnaquädukt der A63, links darüber dann Worms (man kann teils den Dom erkennen), irgendwann dann links die vier Windräder auf der Herrnsheimer Höhe, dann der Wormser Norden am Rheinufer, irgendwann die Kühltürme des AKW Biblis und ganz links das rheinhessische Hügelland in Richtung Alzey und Mainz.
Und im Hintergrund die Bergstrasse und der Odenwald, mit besonderem Augenmerk auf den mittig linken Teil, wo man die charakteristischen Kuppe des Melibokus erkennen kann, und links davon meine heimischen Laufgründe.

Vor Ort ist das alles noch viel schöner! 😉

Nachdem ich meine hemmungslose Foto-Orgie beendet hatte, ging´s auf dem herrlichen Panoramaweg an der Anhöhe ein ganzes Stück nach Süden, Augen natürlich meistens nach links auf die herrliche Aussicht (auch wenn ich deswegen unterwegs beinahe mit einem freundlichen großen Hund zusammengestossen wäre, der mit Bällchen im Maul entgegengehechelt kam. Er nahm´s mir aber nicht übel, lieber Kerl…). Oh, ein bisschen glatt und schlammig war´s teilweise auch noch, aber meistens war der Asphaltweg gut.

Nach etwas über einem km dann links von der Anhöhe ab und geradewegs den gut abfallenden Hang runter nach Flörsheim-Dalsheim:
img_1105

In der Ferne noch einen Trullo passiert…
img_1106

…dann durch die Weinreben an den Ortsrand, den ein kleines Stück entlang, schließlich ins Dorf hinein. Über die Hauptdurchgangsstrasse, dann links die Moorgasse hoch…
img_1107

…bis zur Fleckenmauer…
img_11081109p

…der in der Strasse „Am Dorfgraben“ ein Stück nach Osten gefolgt, dann durch einen kleinen Durchlass…
img_1110

…hinein in die verwinkelten Gassen des mittelalterlichen Ortskerns…
img_1111

…und vorbei an der dritten Dalsheimer Kirche…
img_1112

…durch die Mittelgasse zurück zum Ausgangspunkt Am Obertor.
Und fertig.

Hachja!
Wunderbare Tour. Wahrscheinlich ausgleichende Gerechtigkeit für den Krüppellauf am Mittwoch… 🙂

Strecke: 10,7 km
Zeit: Keine Ahnung. Dank Schlamm und Foto wars mir dann irgendwann egal. Aber schnell war ich nicht…
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamststrecke: 88,97% (9,52 km von 10,7 km)
Karte:
floda-bermersheim

M.

Advertisements

9 Antworten to “Sonne über Rheinhessen: Flörsheim-Dalsheim – Bermersheim mit Foto (10,7 km)”

  1. Christian Says:

    Lieber Matthias,
    ich dachte schon meine Untergangs-Prophezeiung sei wahr geworden, bei solchem Schlamm 😉 Ich glaube, ich hätte zum ersten Mal in meinem Läuferleben umgedreht und hätte es gelassen, ist aber schon klar, dass dies bei Dir undenkbar ist 🙂

    Sehr schöner Bericht, tolle Bilder, leider krieg ich die Panos hier nicht geöffnet, muss ich heute abend zuhause versuchen, wahrscheinlich liegt es an der Dateigröße.
    Viele Berge und Hügel waren aber nicht dabei bei dieser Tour, wusste gar nicht, dass in Rheinhessen der Wein in den Ebenen gedeiht 😉

    Schönen Wochenstart

    PS: Schuhe schon geputzt ?

  2. Gerd Says:

    Wow.. eine tolle Strecke und ein wunderschöner Bericht. Das Du deine Matschabschnitte brauchst war mir schon vor dem Lesen bewusst. Irgendwie kannst Du gar nicht auf „normalen“ Wegen laufen. 😉
    Die Panoramafotos find ich übrigens super. Sollte ich auch mal probieren.
    Was ich den absoluten Hammer finde, ist die Tatsache, das unsere beiden Strecken sooo weit ja nicht auseunander lagen. Aber das Wetter nicht unterschiedlicher sein konnte.
    Nur die schlechten Wege mit Schlamm und Matsch, die hatte ich unter dem schönen Schnee auch. 😉

  3. matbs Says:

    @ Christian: An deine Untergangsprophezeiung musste ich unterwegs auch denken – teilweise hatte ich echt etwas Angst, dass ich nicht mit beiden Schuhen davonkomme… 😀

    Und Umdrehen? Wegen so ein bisschen Schlamm?
    Niemals! 😉

    Die Panos sind eigentlich nicht mehr soo groß, jeweils zwei oder drei MB. Und wie gesagt – ganz so grandios wie erhofft sind sie leider auch nicht. Aber immerhin ganz nett…

    Berge gab´s wirklich keine (aber „Weinberg“ nennt man ein Feld mit Reben ja trotzdem, auch wenn es relativ flach ist, oder?), aber die Hügel sind da überall. Sie verstecken sich nur, oder sind so groß und so graduell, dass man sie auf den Fotos gar nicht bemerkt (und beim Laufen oft auch nicht richtig). In der Beziehung ist die Landschaft da drüben noch etwas sanfter als „Gerd-Land“.
    Aber die Hügel sind da, und es sind viele – Rheinhessen nennt sich offiziell „Land der Tausend Hügel“, und inoffiziell dürften es noch weit mehr sein.

    Schuhe geputzt hab´ ich nicht. Das schöne an rheinhessischem Urschlamm ist, dass er schnell trocknet und dann von alleine abfällt, wenn man weiterläuft. Und das bisschen, was noch übrig war, das bleibt dran: Schließlich ist der Dreck hart verdient, da bin ich stolz drauf!
    😆

    @ Gerd: Als ganz ehrlich, wirklich „gebraucht“ hab´ ich den Matsch nicht. Aber mir war klar, dass er sich bei der Tour kaum vermeiden lassen würde – ohne Ortskenntnis und nur mit Google Earth als Planungsinstrument kommt man in der Gegend kaum drumrum, solche Passagen mitzunehmen (außer man bleibt an den Landstrassen, und die sind schmaler, kurviger und randstreifenloser als bei uns – und die Rheinhessen pflegen einen extrem rasanten Fahrstil…). Außerdem hatte ich ja auf Schnee gehofft, der das ganze vielleicht ein bisschen abgedeckt hätte.
    Aber hey, so war auch in Ordnung.
    Man hat ja einen Ruf zu wahren. :mrgreen:

    Panos: Dankeschön. Ist halt etwas Schade, dass sie letztlich zwangsläufig wesentlich unschärfer und detailärmer sind als die Einzelbilder, und dass die Bergstrasse nicht besser rauskommt. Aber mit dem üblichen Rheinebenen-Dunst, der mit bloßem Auge gar nicht so auffällt, kommt der Foto einfach nicht so gut klar – der zieht dann immer den klareren Vordergrund scharf, und die Berge hintendran verschimmen im Blau (besonders wenn der Zoom drin ist).
    Na ja, vielleicht besorg ich mir ja irgendwann mal ´ne kiloschwere Profikamera im Gegenwert eines Kleinwagens (samt Stativ) und nehm die mit zum Laufen… 🙂

    Und mit dem Wetter hast du wirklich recht. Da sieht man mal, wieviele Mikroklimazonen hier ganz dicht beieinander liegen. Odenwald, Bergstrasse, Ried, das östliche Rheinhessen – alles in einem 50 oder 100 km breiten Streifen um den Rhein, aber oftmals mit ganz verschiedenen Temperaturen und Witterungsbedingungen.
    Bloß den Schlamm, den gibt´s überall… 😉

  4. Bernd Says:

    Eine schöne Strecke und ein schöner Bericht voller schöner Bilder. 🙂

    Da macht schon das Lesen und Anschauen Spaß.

    Hier war heute Vormittag auf den Wegen tauender aber extrem glatter Schneematsch, da wäre mir Deine Matsch viel lieber.

  5. matbs Says:

    Hi Bernd,

    ja war wunderschön – da hat auch das Laufen Spass gemacht. 🙂

    Schneematsch ist eklig, gerade wenn er kurz vorm endgültigen Abtauen steht, also pass´ bloß auf!
    Aber zum Glück hält er sich hier bei uns irgendwie nicht lange, da gibt´s seit vorgestern zwar jeden Nacht Neuschnee, aber der taut am nächsten Morgen dann wieder ruck-zuck weg.
    Komisches Wetter…

    Gruß

    Matthias


  6. […] Sonne über Rheinhessen: Flörsheim-Dalsheim – Bermersheim mit Foto (10,7 km) […]


  7. […] der fremdartigen, exotischen Gefilde von Rheinland-Pfalz zu erkunden. Grobes Laufgebiet wie bei der letzten Expedition über den Rhein: Die Gegend um Flörsheim-Dalsheim im südlichen Wonnegau. Vor zwei Wochen war ich von Dalsheim aus […]


  8. […] …aber das gehört in Rheinhessen ja schon fast irgendwie dazu… […]


  9. […] der auf der Anhöhe nordwestlich von Flörsheim-Dalsheim an der B271/Wormser Str. liegt. Bin ich letzten Februar schon mal vorbeigekommen, an einem schönen Vorfrühlingstag, heute wollte ich da ansetzen und weiter nach Nordwesten vordringen, einfach mal weiter nach […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: