Kleine Standortbestimmung fürs Berglaufen: Melibokus (10,1 km)

7. Mai 2009

Hmm, gestern schon wieder eine bügelbrettflache Strecke durch Asparagus Country nordwestlich von Darmstadt gelaufen, so langsam wird´s mal wieder Zeit, etwas mehr an den Bergen zu arbeiten.
Besonders weil übernächsten Samstag ein harter Berglauf mit Gerd von Rodau (190 m. ü.NN.) auf die Neunkircher Höhe (605 m.ü.NN) ansteht (und die Höhen-Angaben sind nur die halbe Wahrheit, denn zwischendurch geht´s auch immer mal wieder ein bisschen bergab, was die Gesamt-HM nochmal deutlich vergrößert), und übernächstes Wochenende dann die noch viel härtere erste Nibelungensteigetappe – auch mit Gerd – die es gleich auf ca. 800 teils brutale Höhenmeter bringt.

Da sollte man vorher schon abgecheckt haben, ob man auch wirklich noch bergfest ist.

Wie das geht?
Ganz einfach: Man läuft mal wieder auf seinen Hausberg, den Melibokus (zumindest wenn man an der nördlichen Bergstrasse wohnt und den Melibokus als Hausberg hat).
Ideal zur Standortbestimmung: Du startest, läufst 5 km durchgängig mit einer Durchschnittsteigung von 8% bergauf, und wenn du oben bist, weisst du genau, wo du stehst (oder röchelnd liegst, je nach Fitnessgrad… 😀 ).

Das hab´ ich dann heute mal gemacht, um zu sehen, wie´s so mit der Bergfestigkeit steht.


Übrigens fast so was wie eine kleine Premiere – zum ersten Mal seit fast genau zwei Monaten mal wieder eine bereits erlaufene Strecke und keine Neuentdeckung.
Ungewohnt… 😉

Start um kurz vor acht, herrlicher Abend, mit milder Luft, schrägem Sonnenlicht, klarem blauen Himmel. Schööön.
Uhr hab´ ich bewusst daheimgelassen um nicht in Versuchung zu geraten, meinen Rekordzeit für die Melibokusbesteigung zu brechen (geht im Moment eh nicht).

Hoch in den Wald, und dann immer weiter aufwärts, Standartstrecke via Burgenweg/Pürschweg/Melibokusstr.
Eine genauere Beschreibung der Route lass´ ich heute mal weg, schließlich hab´ ich die schon runtergetippt – wer wissen möchte, wie meine „Hausstrecke“ ungefähr aussieht, kann sich das z.B. hier anschauen (sogar mit Fotos, auch wenn der Wald da deutlich herbstlicher aussieht als er heute war).
Nur soviel: Wunderschön, so ein Lauf durch den sattgrünen, abendlich-friedlichen Frühlingswald an den steilen Westhängen der Bergstrasse.

Hoch auf den Melibokus. Wie gesagt, 5 km aufwärts, ca. 400 Höhenmeter, ordentliche Steigung.
Bis ich oben war. In einem Rutsch, hab´ mir sogar das Anhalten an den schönen Aussichtspunkten zwischendurch verkniffen, weil ich durchlaufen wollte.

Gute Nachricht: Generelle Kraft und Ausdauer sind vorhanden. Hab´ den Aufstieg gut weggesteckt, ohne dass mir die Puste ausgegangen wäre. Auf den letzten Metern vor dem Gipfel war´s nochmal ein bisschen anstrengend, aber vor allem deshalb, weil ich nochmal etwas Tempo gemacht habe um nicht von einem Radfahrer überholt zu werden. Insgesamt gar kein Problem.

Nicht ganz so gute Nachricht: Meine Muskulatur, vor allem in den Waden, machte zwar mit, war aber doch ziemlich unwillig angesichts der beträchtlichen Hubleistung, die es nunmal braucht, um meine ca. 75 Kilo lebendgewicht vom Fuß der nördlichen Bergstrasse auf ihren höchsten Gipfel zu wuchten. Und auch der Rücken war nicht ganz glücklich.
Ging noch, aber ob´s für den wesentlich fordernderen Nibelungensteig in zwei Wochen reicht…?
Mal schauen.

So.
Wo ich schon oben auf dem Gipfel war, belohnte ich mich natürlich auch noch mit einem kleinen Abstecher zu meinem Lieblingsplatz, dem Felsvorsprung am Abgrund bei Drachenfliegerrampe, unterhalb vom Aussichtsturm.

Wahnsinn.
An einem normalen Tag ist die Aussicht von hier oben herrlich.
Aber wenn man einen guten Tag erwischt, mit klarer Luft und schönem Licht erwischt, ist sie atemberaubend schön.

Heute war ein richtig guter Tag.

Ich versuch´s mal zu beschreiben, auch wenn ich zwangsläufig scheitern muss:

Hier oben ist es ruhig, ganz ruhig, nur der Wind fährt leise vorbei und die Vögel singen. Vor einem, 400 Meter weiter unten, jenseits der steilen, langen, grünen Bergausläufer erstreckt sich die gesamte nördliche Rheinebene wie ein herrlicher, unglaublich detaillierter, wunderschöner Flickenteppich aus Städten und Dörfen, Feldern und Wäldern, Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen.
Es ist klar heute, das heisst man sieht ALLES.
Außerdem versinkt gerade die Sonne im Westen über den Hügeln Rheinhessens – noch ist sie ein Stück vom Horizont entfernt, aber sie schickt bereits ein schräges, warmes, rötliches Abendlicht aus, das in die weite Ebene hineinflutet und alles erstrahlen lässt.

Im Norden schaut man über die niedriger werdenden Hänge der Berge hinweg bis zum niedrigeren, sanfteren Messeler Hügelland mit seinen dichteren Wäldern. Davor die alte Bergstrasse, wie sie von Seeheim durch die Obstwiesen nach Malchen verläuft, dann weiter nach Eberstadt, dann weiter nach Darmstadt. Dahinter, scheinbar zum Greifen nahe, in Wirklichkeit jedoch fast 45 km entfernt, die imposante Skyline von Frankfurt mit seinen mächtigen Wolkenkratzern, die ihrerseits jedoch wie dünne Streichhölzer wirken im Vergleich zur gewaltigen, gestochen Scharfen Silhouette des Taunus, die sich nordwestlich der Mainmetropole erhebt, und so klar sichtbar ist, dass man man problemlos die Türme auf dem Großen Feldberg und der Hohen Wurzel ausmachen kann, ebenso wie hellen Flecken wo sich kleine und größere Orte zwischen die dichten Wälder der Taunusflanken schmiegen.

Der Blick schweift weiter nach Westen, er folgt dem Taunus bis zu den Zwillingshauptstädten Wiesbaden und Mainz und Weiter dem flacheren Rücken des Rheingaus entlang, bis er sich in der Ferne in den Höhen des Hunsrücks am Beginn des Mittelrheintals verliert.
Südlich davon kommt Rheinhessen, ein weites, offenes Hügelland aus endlosen Weinbergen und kleinen Dörfern, das im Abendlicht der immer näher rückenden rotgoldenen Sonne erstrahlt und sich nach Süden hinzieht bis zum imposanten Höhenrücken des Donnersbergs in 50 km Entfernung. Heute kann man problemlos den riesigen Sendeturm auf seinem mächtigen bewaldeten Rücken erkennen.
Südlich davon dann die Weinstrasse, der Anfang des Pfälzerwaldes, ein Mauer aus steilen, grünen Bergen, die sich weiter nach Süden zieht – wenn nicht ein Baum im Weg wäre, könnte man haute bis zu ihrem Ende schauen, jenseits der Grenze bei Wissembourg im Elsass, und vielleicht sogar noch darüber hinaus bis zu den fernen, fremden Vogesen.

Davor, näher zwei weitere Zwillingstädte am Rhein, die Chemiemetropole Ludwigshafen, erkennbar am Wald aus Schornsteinen der BASF, direkt daneben Mannheim, beinahe unscheinbar doch gekennzeichntet durch den 213 m hohen Fernmeldeturm. Rechs davon Worms mit dem Dom im Abendlicht, daneben die friedlich wirkenden Kühltürme des AKW Biblis, irgendwo hinter Mannheim Speyer, ebenfalls mit Dom.

Mittendrin und überraschend nah, wie ein golden strahlendes Band, der Rhein im Abendlicht, wie er sich nordwärts durch die herrliche Landschaft schlängelt, und dann – in unmittelbarer Nähe – Zuhause: Gernsheim, der Jägersburger Wald, Pfungstadt, Seeheim, Hähnlein, Bickenbach, Zwingenberg, Alsbach, Jugenheim, und direkt unter mir, zugleich nah und weit weg, das Alsbacher Schloss, klein und irgendwie paradox weit unten. Alles ist vertraut und zugleich wunderbar ungewohnt aus dieser Perspektive, man kann sich einfach nicht satt sehen an der Pracht und der Schönheit.

Unberschreiblich friedlich und unbeschreiblich schön.

Am liebsten würde ich ewig hierbleiben, oder zumindest solange, bis die Sonne endgültig als rotgoldener Glutball am Horizont versunken ist und sich die blaulilane Dunkelheit über das Land legt, aber das geht leider nicht.
Nach ein paar Minuten merke ich, wie ich anfange auszukühlen und die Muskeln steif werden. Und außerdem muss ich ja noch zurück, und im Wald wird es extrem schnell dunkel, sobald die Sonne weg ist.
Also reisse ich mich schwersten Herzens los, schaue mich noch einmal wehmütig um, und laufe dann zurück nach Hause, langsam die fünf km abwärts auf dem Weg den, ich hochgekommen bin.
Zwischendurch schimmert noch ein paarmal die rote Sonne durchs Blätterdach des Hangwaldes, als wollte sich mich erinnern, was ich gerade verpasse.
Als ich unten ankomme, ist sie versunken.

Hachja.
Durchatmen, kurz die unsagbar schöne Aussicht vom Melibokus hintenanstellen und noch mal zurück zur Grundfrage:
Wie bergfit bin ich?
Leidlich. Für den Melibokus auf dem Pürschweg reicht´s.
Ob´s allerdings auch für Melibokus, Felsberg UND die halbe Knodener Höhe auf dem wesentlich härteren Nibelungensteig genug ist (und zwar am Stück)?
Ich weiss ja nicht…
Das werden wir dann in zwei Wochen sehen.
Immerhin ist ja auch noch der Gerd dabei, der die Hausaufgaben, zu denen ich ihm geraten hab (intensives Berglaufen und möglichst viel Training an/jenseits der anaeroben Schwelle) auch nicht ganz so ernsthaftig verfolgt, wie er vielleicht könnte.
Können wir uns also wenigstens zusammen hochstümpern… 😉 😀

Strecke: 10,1 km
Zeit: Nicht genommen.
Neue Strecke: Keine.
Karte:

M.

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11 Antworten to “Kleine Standortbestimmung fürs Berglaufen: Melibokus (10,1 km)”

  1. Christian Says:

    He Matthias,

    von scheitern bei der Beschreibung des Ausblicks keine Spur, hab ja praktisch durch Deine Augen sehen können. Hast Du fein gemacht 🙂 Vielen Dank
    Die Fitness scheint sich ja schon wieder einzustellen, ordentlicher Berglauf ohne anzuhalten ist schon eine gute Leistung. Da bin ich jetzt auf die nächsten Läufe gespannt.

    Lass es Dir gut gehen und denk an ausreichende Erholung

    Salut

    Christian

    • matbs Says:

      Glaub´ mir, ich hab´ auch nicht nur annähernd wiedergeben können, wie unglaublich grandios und schön das gestern abend da oben war…

      Aber trotzdem bitteschön, gern geschen. Vielleicht vermittelt ja der schwache verbale Wiederhall zumindest einen ungefähren Eindruck.

      Die Fitness ist auf jeden Fall noch nicht wieder die Alte, aber zumindest die Basis ist noch da, da kann man drauf aufbauen.

      Gruß

      Matthias

  2. Gerd Says:

    Berglaufen trainieren. Hmäää??? Sollte ich?
    Gut ich bin so eins, zwei mal die Moret hoch gestiefelt. Kurz vorm Kollaps. 😉
    Als Naturtalent und mit meinem hageren, fürs Laufen optimierten Körper habe ich ja selten Probleme bei Steigungen. Und im Notfall nimmst Du meine 84kg mal kurz Huckepack und schleppst mich wenigstens die Steigungen ein bisschen hoch. Schließlich bin ich älter und Du musst ein bisschen nach mir schauen. 😉
    Ich freu mich drauf und melde mich nochmal die Woche!

  3. matbs Says:

    Hmm, vielleicht sollten wir noch jemand mitnehmen, der unsere kombinierten 160 kg huckepack schleppen kann…

    Das wird´n Riesenspass… 😀

    Gruß

    Matthias

  4. Hannes Says:

    Das hast du toll beschrieben. Klingt ein wenig märchenhaft da oben.

    Noch viel schöner finde ich aber, dass deine Beine und dein restlicher Körper die Runde so gut mitgemacht haben. Für die kommenden Läufe nehmt ihr euch ja sicherlich vor, gaaaanz langsam zu laufen. Und dann packst du auch das 🙂

    • matbs Says:

      Hi Hannes,

      ja, der Melibokus bei richtigem Wetter und zum richtigen Zeitpunkt ist immer noch einer der schönsten Orte, den ich in den fast zwei Jahren, in denen ich die „Entdeckungslauferei“ jetzt ganz bewusst betreibe, besucht habe.

      Und was die Physis angeht – na ja, wie gesagt, nicht perfekt aber ordentlich, das reicht für den Aufstieg auf dem Pürschweg.
      Ob´s auch für den viel brutaleren und steileren Nibelungensteig reicht, erfahren wir dann ja alle in knapp zwei Wochen (wenn nichts dazwischen kommt)… 😉

      Gruß

      Matthias

  5. Torsten Says:

    Melibokus sehen und sterben. Wenn meine Frau mich nicht zurückgehalten hätte, dann wäre ich jetzt ins Auto gesprungen und auf den Melibokus gefahren. An dir ist echt ein Poet verloren gegangen.
    Ich freue mich schon auf die Läufe die du mit dem Gerd machst, es ist immer schön zu lesen wie unterschiedlich ihr die Läufe erlebt.

    • matbs Says:

      Hi Torsten,

      dankeschön! Du bist jederzeit willkommen am Melibokus, allerdings ist es ja leider nicht immer so schön wie neulich abend.

      Unsere nächsten beiden Touren werden der Gerd und ich wahrscheinlich nicht besonders unterschiedlich sondern uns unisono auf ein überzeugtes „Ach du scheisse war das steil“ einigen… 😉

  6. Ruben Says:

    Hab heute versucht auch mal deinen Rat zu befolgen und zu schauen wo ich stehe – oder liege.

    Fazit: Deine Oberschenkel müssen unglaublich gut in form sein 🙂

    Und bitte, bitte nehm das nächste mal wieder einen Foto mit!

    • matbs Says:

      Hi Ruben,

      na da bin ich ja schon auf deinen Eintrag gespannt! 🙂

      So gut in Form sind meine Oberschenkel im Moment leider auch nicht, sie machen das halt schon ein bisschen länger als deine und stecken die Hubleistung deshalb vielleicht ein bisschen besser weg… 😉

      Der Foto hätte angesichts der unglaublichen Aussicht über die Rheinebene direkt zur untergehenden Sonne hin zweifellos versagt, das hätte auf den Bildern nicht einen Bruchteil so gut ausgesehen wie in echt – manche Dinge sind nun mal leider nicht reproduzierbar.
      Von daher: Einfach vorstellen (oder vielleicht mal an den nächsten Abenden bei der Melibokus-Webcam vorbeischauen, in der Hoffnung, dass sich die klare Wetterlage wiederholt…

      Gruß

      Matthias


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