Ins Herz von Wiesbaden – mit Fotos (14,2 km)

1. Juni 2009

Heutiges Zielgebiet: Wiesbaden.
Wollte meinen alten Studienfreund Boris zuhause besuchen.
Höchste Zeit – nachdem ich letztes Jahr die Housewarming-Party verpasst hatte, als er mit seiner charmanten Freundin Sabrina zusammengezogen war, musste ich mir schließlich endlich mal die (inzwischen nicht mehr ganz so) neue Wohnung der beiden anschauen.
Und außerdem hatten wir uns schon wieder über ein halbes Jahr nicht gesehen – eigentlich viel zu lange, gute Freundschaften gehören schließlich gepflegt! Und schließlich musste ich mir auch noch ein paar Bücher abholen und im Gegenzug das Geburtstagsgeschenk anlässlich von Boris´ letzem Jubeltag Ende Mai dalassen.
Also ganz viele gute Gründe für einen Ausflug in die Landeshauptstadt!

Und weil ich das spannende, unbekannte Wiesbaden ja sowieso früher oder später ans Streckennetz anschließen muss, damit ich im Sommer mit dem Torsten und dem Gerd da oben laufen gehen kann, beschloss ich, das Angenehme auch gleich mit dem Angenehmen zu verbinden und von Mainz-Kastel aus in die Wiesbadener Innenstadt reinzulaufen (und mich dabei gleich auch noch mal ein bisschen umzuschauen).

Und genauso hab´ ich´s dann gemacht.

Zeugs gepackt, Foto eingesteckt (Wetter war schön und in Wiesbaden gibt´s viel zu sehen und fotografieren, also why not?) und um die Mittagszeit nordwärts gefahren.
Ausganspunkt am Brauhaus Castel in Mainz-Kastel…
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Bild #1: Brauhaus Castel am Otto-Suhr-Ring in Mainz-Kastel (das trotz seines Namens ein Ortsteil Wiesbadens ist. Warum wird beispielsweise hier erklärt)

…das den bisherigen Endpunkt meines Streckennetzes am Wiesbadener Südrand darstellte, nachdem ich da vor knapp zwei Monaten von Rüsselsheim aus hingelaufen war.


Am Start leider kein so gutes Fotolaufwetter – zuhause an der Bergstrasse hatte es noch Sonnenschein und blauen Himmel geherrscht, hier oben lag hingegen eine fast geschlossene Wolkendecke über dem Land, mal dünn und leuchtend, mal dunkel und aufgetürmt. Genau die Wetterlage, in der die Bilder nicht so gut werden, weil das diffuse aber Halblich aus dem hellen Himmel die Belichtung durcheinanderbringt und die Bilder deswegen trüber aussehen als die Realität.
Hrmnajagut, würde ich halt selektiver Fotografieren, vielleicht gar nicht so schlecht.

Und Start. Den Otto-Suhr-Ring am Rand Kastels nach Nordwesten.
Lief eigentlich gar nicht so übel, wenn da nicht der Rucksack gewesen wäre.
Normalerweise lass´ ich mir den ja immer zum Zielpunkt mitbringen, aber das ging heute nun mal nicht.
Also musste ich ihn auf dem Buckel mitschleppen.
Oh mann, was hasse ich Laufen mit Rucksack…

Hatte mich extra für den ganz leichten Rucksack entschieden um möglichst wenig Balast auf dem Rücken zu haben – Fehler, denn das Mistding hat keinen Brustgurt, entsprechend wackelte es mit jedem Schritt hin und her, egal wie stramm ich die Gurte zog.
Rechter Fuß vor, Rucksack nach links.
Linker Fuß vor, Rucksack nach rechts.
Scheisslaufgefühl, da wollte kein guter Rhythmus aufkommen.

Schlimmer noch: Mit einem Rucksack auf dem Rücken, egal wie leicht, verändern sich Körperschwerpunkt und -statik.
Gar nicht mal viel, nur ein winziges bisschen, aber ich merk´ das immer total – das läuft nie ganz rund und kostet immer einen Tick mehr Kraft als ohne, spätestens nach ein paar Kilometern macht sich das unweigerlich negativ bemerkbar.

Vorerst ging´s noch, war halt nur tierisch nervig, wie ich so mit dem schwankenden, scheppernden Anhängsel an den Schultern vor mich hin lief. Umgebung übrigens nichts Besonderes, links schmuckloses Gewerbegebiet mit kleinen Firmen, Bau- und Supermärkten, einem riesigen feuerrot angestrichenen Beate Uhse-Shop.
Rechts Felder und mehr Gewerbeflächen, dahinter bereits der dunkle Höhenzug des Taunus hinter Wiesbaden unter grauem Himmel:
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Bild #2: Blick vom Otto-Suhr-Ring nach Nordwesten. Der Turm steht auf der Hohen Wurzel am höchsten Punkt Wiesbadens

Seltsames, aber irgendwie stimmungsvolles Licht:
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Bild #3: Sendemast Mainz-Kastel

Wenig los hier draußen, nur einmal begegnete mir ein älterer Jogger, der mich schon lauthals mit herzerwärmendem Enthusiasmus und einem breiten Lächeln grüßte. 1:0 für die Wiesbadener Läuferkollegen, Daumen hoch! 🙂

Nach etwas über einem Kilometer an der Strasse rechts ab auf den Petersweg, einen bequemen Asphaltweg, der nordwärts durch die eigentlich ganz hübschen Felder zwischen den Lagerhallen und Autohäusern führt (mit Sonne wär´s allerdings noch ein bissl hübscher gewesen), bevor er nach ca. 800 m. in die Anna-Birle-Str. übergeht, auf der ich dann via Brücke die breite aber fast verwaiste A671 überquerte (Heute war ja Feiertag, da hielt sich der Verkehr offenbar in Grenzen).

Direkt hinter der Brücke eine T-Kreuzung mit diesem Schild:
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Bild #4: Hmm, Tierpark…

Tierparks kann ich bekanntlich kaum widerstehen, da muss ich eigentlich vorbeischauen.
Und heute war´s auch gar kein Problem, denn der Tierpark Kastel war mir schon beim Plotten der Strecke aufgefallen und ich hatte entsprechend in weiser Voraussicht ein paar Minuten für einen kurzen Besuch in der Laufzeit eingeplant.

Also dann: Links, ein paar hundert m. den Unteren Zwerchweg (nicht zu verwechseln mit dem Oberen Zwerchweg) runter (links eine 50 m. breite Freifläche, dann die Autobahn, rechts ein schöne, urwüchsig zugewachsene Senke am Petersberg), und zum Eingang vom Tierpark Mainz-Kastel.

Gleich mal den Ziegen und Ponies neben der Pforte Hallo gesagt…
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Bild #5: Das Pony hatte einen ziemlich irren Blick, eine samtweiche Schnauze, und war total lieb. Ich mag Ponies!

…und dann hinein in den Tiergarten.
Freier Eintritt, eine kleine Anlage die von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird. Teils so ein klein bisschen provisorisch, aber sehr hübsch und schön grün und freundlich – war mir auf Anhieb sehr sympathisch.

Über eine kleine Freifläche mit ein paar Tischen und Bänken für Ausflügler abwärts zu zwei schönen, dichtbewachsenen Teichen, an/in denen sich zutrauliches Wassergeflügel…
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Bild #6: Interessierter Schwan

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Bild #7: Nicht ganz so interessierte Nilgans

…und Wasserschildkröten in verschiedenen Größen tummelten:
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Bild #8: Sumpfschildkröten, glaube ich

Dahinter ging´s aufwärts ins angeschlossene Gelände des Cyperus-Parks, wo der gleichnamige Verein einen urwüchsigen Wildgarten betreibt, dessen schmale, gewundene Pfade ich ebenfalls ein bisschen erkundete…
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Bild #9: Der „essbare Hang“, wenn man dem Schild am Anfang glauben darf

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Bild #10: Ganz schön dschungelig hier

…bevor ich wieder runter an die Teiche kam und vorbei an Gehegen mit Hühnern…
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Bild #11

…Häschen…
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Bild #12: Sieht niedlich aus, in Wirklichkeit aber ein ganz schön rüpeliger Rammler – für den Fototermin mit mir hatte der Bursche kurzerhand mit leisem Knurren zwei Artgenossen vom Zaun weggejagt

…Enten- oder Gänseküken (die ich nicht fotografierte, weil vor dem Gehege gerade ein Vater mit ca. dreijährigem Sprößling stand, der beim Anblick der umherwuselnden Federknäuel vor Vergnügen quiekte, da wollte ich nicht Stören), und schließlich ein paar überaus neugierigen Frettchen…
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Bild #13: „Psst! Hey du. Ja, du! Haste was zu fressen? Ein Finger würd´s auch tun, oder vielleicht eins von den Entenküken da drüben…“

…wieder den Eingangsbereich erreichte. Noch mal kurz die Ponies, Schafe und Ziegen betrachtet…
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Bild #14

…einen kleinen Obolus an der Spendenbox am Ausgang hinterlassen, und dann wieder auf die Socken gemacht.
Wirklich eine sehr nette Anlage – bescheiden aber sympathisch und sehr freundlich, der Besuch hatte mir richtig gut gefallen.

Wieder den Zwerchweg zurück, dann an der ersten Abzweigung links den Berstädter Weg hoch und unter finsteren Wolken am weiten Himmel in nördlicher Richtung, nun leicht aufwärts (bei Steigungen – egal wie sanft – störte der vermaledeite Rucksack besonders):
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Bild #15: Berstädter Weg. Eigentlich eine stimmungsvolle Szenerie, wenn´s bloß ein schärferes Bild geworden wäre…

Offenes Land, am nicht so fernen Horizont begrenzt durch die bewaldeten Bergrücken des Taunus, links eingefasst von der Hohen Wurzel, in deren breite Flanke sich die Innenstadt schmiegt, halbrechts und etwas weiter Weg der Große Feldberg mit seinen charakteristischen Türmen, wiederum rechts davon der niedrigere vor-Höhenzug, der bis Hofheim weit nach Süden in die Mainterasse vorragt.
In der näheren Umgebung hingegen: Weite grüne Felder auf sanften Hügeln – die Gegend im Osten/Südosten von Wiesbaden ist so eine Art welliges Hochplateau mit viel Landwirtschaft, keine Traumgegend, aber zum Laufen eigentlich recht angenehm (wenn man nicht gerade einen Rucksack auf dem Buckel hat. Argh!).

Recht lange Nordwärts, am Rand des riesigen Kalksteinbruchs/der riesigen Deponie im Wiesbadener Südosten entlang.
Mal tröpfelte es mal etwas, dann kam wieder kurz die Sonne raus, dann war´s wieder trüb aber trocken. Seltsames Wetter…

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Bild #16: Panorama am Berstädter Weg. Zugegeben, nicht so richtig spektakulär, und etwas mehr Sonne hätte dem Motiv sicher auch nicht geschadet, aber immerhin kann man schön den Taunungsbogen um Wiesbaden erkennen…

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Bild #17: Als ich dieses Foto gemacht habe, hat´s übrigens getröpfelt. Hab´ ich schon mal das seltsame Wetter hier draußen erwähnt?“

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Bild #18: Hm, ich war mich nicht ganz sicher, ob dieses am Wegesrand liegende Schild wirklich recht hatte. Zumindest Erbenheim schien mir eher geradeaus zu liegen, und nicht in dem Getreidefeld wo der entsprechende Wegweiser hinzeigte…

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Bild #19: Erbenheimer Warte am Fort Biehler, östlich meiner Route. Der Turm ist ein Teil der alten Kasteler Landwehr, einer alten Verteidigungsanlage aus dem 15./16. Jahrhundert, die sich mit mehreren solchen Türmen bis runter an den Main zog (die Flörsheimer Warte, an der ich letztes Jahr vorbeigekommen bin, gehört beispielsweise auch dazu)

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Bild #20: Hmjoaa, immerhin kommt Wiesbaden so langsam näher, trotz doofem Rucksack

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Bild #21: Irgendwo unterwegs: Zusammenstoß mit einer Dornenranke. Guckt euch mal die schreckliche Wunde an, das Ding hat mir fast den Arm abgerissen. Ein Wunder, dass ich mit so einer Verletzung (und dem fickerigen Rucksack!) überhaupt weiterlaufen konnte… 😆

Nach knapp 2 km über eine Bahnbrücke, dahinter links und im halbwilden Ödland zwischen Bahn und Autobahn (die immervolle A66, Alptraum aller Frankfurt-Pendler) westwärts. Fast schon ein bisschen einsam hier, außer ein paar Kaninchen, einem Bussard (auf Kaninchenjagd, nehm´ ich an) und mir und meinem blöden Rucksack war hier tote Hose – und das mitten im Stadtgebiet… 😉

Halber Kilometer geradeaus, leicht abwärts, dann rechts unter der A66 durch (diese blockigen, finsteren Autobahndurchlässe find´ ich irgendwie immer leicht psychedelisch, weil sich die Wahrnehmung da ganz auf den hellen Ausgang am anderen Ende fokussiert, ein echter Tunnelblick), vorbei an einer langen, gemähten Wiese hinter der bereits der schöne Biebricher Wasserturm im Süden der Stadt aufragte…
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Bild #22: Biebricher Wasserturm. In Biebrich.

…dann über ein weitere Eisenbahnbrücke…
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Bild #23: Da war mir seit ein paar Minuten nix Besseres vor die Linse gekommen, also hab´ ich sie halt mal fotografiert… 😉

…und schließlich links und zwischen endlosen, gut besuchten Kleingärten (Anfang Juni, Feiertag und Mittagszeit, da roch´s überall nach Gegrilltem) nach Wiesbaden hinein.

Sah erstmal gar nicht so sehr nach großer Landeshauptstadt aus, als ich da so die Kriemhildenstr. hochlief.
Ruhiges Wohngebiet am Stadtrand, bescheidene Häuser mit kleinen Vorgärten, friedlich, unspektakulär und vielleicht ein klein wenig spiessig (das war wieder der Rucksack, der drückte mir auf die Wahrnehmung und machte sie ein bisschen unfreundlicher, als es die Gegend hier verdient hat…):
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Bild #24: Kriemhildenstr

Am Ende der Kriemhildenstr. halbrechts über den Siegfriedring, dann weiter auf der Brunhildenstr. (das ist wohl das Nibelungenviertel hier unten im Südosten der Stadt) nordwestwärts in Richtung Innenstadt.

Die Brunhildenstr. ist offensichtlich sowas wie die Wiesbadener Schulmeile, hier reihte sich einer Lehranstalt an die nächste, weiter hinten (da war sie vielleicht schon zur Wettiner Str. geworden, weiss ich nicht mehr genau) kamen dann moderne Bürobauten…
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Bild #25: Gar nicht mal so furchtbar. Hab´ schon deutlich hässlichere Bürobauten gesehen.

…und die Brita-Arena dazu, die 2007 in Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde, um dem SV Wehen-Wiesbaden eine angemessene Spielstätte für die zweite Fußball-Bundesliga zu bieten (und die nach Wehens Abstieg womöglich demnächst schon wieder abgerissen wird, wie man munkelt…).

Am Ende der Wettiner Str. erreichte ich schließlich den Gustav-Stresemann-Ring (der Teil des sogenannten „ersten Rings“ um die Innenstadt ist):
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Bild #26: Schwarzes Hochhaus mit goldenen Fenstern am Stresenmannring. Gehört wohl irgendeiner Versicherung oder so

Hier ging´s laut meinem vorher ausgedruckten Stadtplan links, die Stresemannstr. runter (tatsächlich auch etwas abwärts).
Übrigens gut dass ich den Stadtplan dabeihatte, denn Wiesbaden ist eine der Städte in der näheren Umgebung, für die ich (noch) kein richtiges Gespür habe – ich kenne hier zwar punktuell einige Orte (Die Kuranlagen in der Innenstadt. Die Fasanerie. Die Hellmundstr., wo mal ein Freund von mir gewohnt hat. Das Übungs- und Lernstudio des Hessischen Rundfunks an der Platte…), aber wo und wie die genau zusammenpassen, da ist sich meine Karte im Kopf noch nicht so ganz einig.
Aber deswegen lauf ich ja auch durch… 🙂

Zum Beispiel auf dem Stresemann-Ring: Breite, mehrspurige Strasse, zur Stadtmitte hin abfallend (Wiesbaden ist eine Stadt mit Topografie, das weiss ich jetzt schon mal). Grünstreifen an den Rändern und in der Mitte…
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Bild #27: Kleiner Parkstreifen am Südrand des Stresemann-Rings – den bin ich runtergelaufen. Hier war´s sogar mal wieder ein bisschen sonnig.

….links und rechts diverse Ämter, Behörden und Ministerien: Stadtentwicklungsdezernat, Statistisches Bundesamt…
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Bild #28: Das Statistische Bundesamt macht rein äußerlich nicht soviel her, da hab´ ich lieber die Pferdestatue davor fotografiert. 😀

…hessisches Umwelt- und Verbraucherministerium, hessiches Innenmisterium, Sitz des hessischen Datenschutzbeauftragten, zog alles in schneller Folge an mir und meinem nervigen Rucksack vorbei, bis wir schließlich den schönen wilhelminischen Hauptbahnof am Ende des Stresemann-Rings erreichten:
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Bild #29: Hauptbahnhof Wiesbaden

Großer Vorplatz, repräsentatives altes Bahnhofsgebäude, dahinter das neue Einkaufszentrum „Liliencarré“ (das offenbar gar kein Karree [= ein Quadrat] ist, sondern eher eiförmig), das bei meinem letzten Besuch in Wiesbaden vor ein paar Jahren noch eine mönströse Baugrube gewesen war.
The times, they are a-changin´… 😉

An der Fußgängerampel direkt vor dem Bahnhof rechts über die belebte Strasse zum Rand der Reisinger-Anlage, einer großen Grünfläche voller feiertäglich flanierender und entspannender Wiesbadener, dort dann sofort wieder links, noch ein Stück den ersten Ring hoch, der hier nicht mehr Stresemann-Ring sondern Kaiser-Friedrich-Ring heisst, und schlließlich rechts in die Adolfsallee, die – zumindest hoffe ich das – nach einem toten schwedischen König benannt ist (und nicht nach einem toten einhodigen Anstreicher/Diktator/Massenmörder aus Österreich):
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Bild #30: Adolfsallee

So langsam kam in den Teil der Stadt, den ich vor Augen habe, wenn ich an Wiesbaden denke: Der Großteil des Stadtkerns wurde zwischen 1850 und dem Ende des Kaiserreichs erbaut, und da die Stadt den zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden hat, bietet er auch heute noch ein ziemlich uniformes und ansprechendes Gesamtbild: Lange, gerade Strassen und Alleen, gesäumt von dichtgedrängten, schmalen, wilhelminischen Bürgerhäusern (klassizistisch oder historistisch, das kann ich nicht so ganz unterscheiden) mit drei oder mehr hohen Stockwerken und oftmals schönen Verzierungen…
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Bild #31: Also solche hier

…deren Gesamteindruck je nach Viertel und Erhaltungszustand zwischen wohlhabend-gutbetucht (wenn auch nicht so wohlhabend wie die grandiosen Villenviertel an den Taunushängen) und kiezartig-patinabehaftet fluktuiert.
Die Adolfsallee übrigens fällt ganz klar in erstere Kategorie: Breiter, parkartiger Grünstreifen mit schönen alten Bäumen in der Strassenmitte, durch den sich´s prima laufen ließ (na ja, eben so prima, wie der enervierende Rucksack zuließ), vorbei an großen Spielplätzen und einem gutbesuchten Biergarten, bis ich nach über einem halben Kilometer dem Luisenplatz jenseits der Rheinstr. näherte:
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Bild #32: Blick aus der Adolfsstr. zum Luisenplatz. Die Kirche ist St. Bonifatius, ihres Zeichens die größte katholische Kirche der Stadt und neogotisch (hat schon vorteile, wenn man nach dem Lauf einen studierten Kunsthistoriker besucht, da kann man sowas schnell und problemlos in Erfahrung bringen. Danke, Boris… 😉 )

Geradewegs über den wirklich prächtigen…
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Bild #33: Hier kam man kaum durch vor lauter Standbildern, Denkmälern und Mahnmalen…

…und wunderbar begrünten…
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Bild #34

…Luisenplatz rüber, links an St. Bonifatius vorbei und weiter geradeaus, auf der schmalen Neugasse in die Wiesbadener Fußgängerzone mit ihren kleinen Geschäften und gutbesuchten Strassencafés, wo ich schließlich rechts in die Marktstr. einlief…
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Bild #35: Marktstr.

…und nach gut 100 m. den großen, repräsentativen, mit beeindruckenden Gebäuden gespickten Marktplatz erreichte.
Als da wären:
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Bild #36: Das Rathaus

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Bild #37: Der Löwenbrunnen

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Bild #38: Das ehemalige Nassauische Stadtschloss, das heute – wie unschwer zu erkennen – als hessischer Landtag fungiert (hier hatte ich ja insgeheim gehofft, Roland Koch über den Weg zu laufen, um im Rahmen meines Bürgerrechts zur freien Meinungsäußerung einen Schuh oder sowas nach ihm zu werfen, wie das ja gerade en vogue ist. Aber leider ließ er sich nicht blicken. Hätte vielleicht auch noch mal an der Staatskanzlei vorbeilaufen sollen… 😀)

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Bild #39: Die Marktkirche. Ebenfalls neogotisch, und ganz aus Backsteinen

Heidenei, das macht ganz schön was her, das könnte man sich irgendwann mit ein bisschen mehr Muße auch noch mal genauer Anschauen…

Vom Marktplatz aus hätte ich eigentlich gleich nach Nordwesten zum Ziel der heutigen Tour in der Röderstr. durchlaufen können. Aber ich hatte ausnahmsweise mal gut mit der Zeit gehaushaltet, deshalb konnte ich mir noch einen Schlenker über die grandiose Wiesbadener Kurmeile leisten.
Um die Marktkirche rum, dahinter rechts und durch die überdachte „Passage“…
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Bild #40: Durch sowas war ich bisher auch noch nicht gelaufen

…an die breite Wilhelmstr., rüber auf die andere Seite, durch die Parkanlage „Am warmen Damm“ (klingt irgendwie ein bisschen mehr nach Köln als nach Wiesbaden, oder? 😉 ) zum Staatstheater…
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Bild #41: Staatstheater Wiesbaden

…an dessen Südflanke ich dann entlanglief, ein Foto vom kunstsinnigen Schiller-Denkmal schoss…
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Bild #42: „Festgemeisselt auf dem Sockel,
Steht der Poet, in Stein gebannt…

…und mich kurz fragte, warum die Muse am Sockelfuß so mißmutig dreinschaute…
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Bild #43: Mal im Ernst: Die Frau ist sauer, oder?

…bevor ich über die Paulinenstr. und eine schmale Pforte neben dem Kurhaus in den wunderschönen Kurpark einlief.

Wiesbaden ist Kurstadt.
Und zwar nicht irgendeine, sondern einer der mondänsten Kurorte überhaupt, da kann historisch gesehen allerhöchstens noch Baden-Baden mithalten. Im 19. Jahrhundert mischten sich hier die Damen und Herren europäischer Hoch- und Geldadel (mit Ausnahme der Romanoffs, die kamen ja lieber runter an die Bergstrasse zu uns nach Jugenheim… 😉 ), man kurte, sommerfrischte und verspielten Unsummen in der Spielbank (die u.a. Dostojewski zu seinem Roman „Der Spieler“ inspiriert hat).
Das sieht man dann auch noch allenthalben, z.B. am wirklich schönen und gepflegten Kurpark.
Große Anlage hinter dem Kurhaus, mit lichten Wiesen, schattigen Bäumen, Rhododendren, Konzertmuschel, einem Teich samt Tretbooten und Fontäne, und vielen, vielen zufrieden Wiesbadenern, die flanierten oder einfach nur in der (inzwischen wieder recht verlässlichen) Sonne saßen und den Feiertag genossen.
Sehr hübsch.
Ich lief eine Ehrenrunde um den See…
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Bild #44: Ostufer

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Bild #45: Blick über den See zum Kurhaus

…und versuchte dann, den Park rechts am Kurhaus vorbei zu verlassen.
Klappte nicht, da landete ich in einem leicht sämigen Nebenhof mit Blick in die Kurhausküchen, kein Weiterkommen.
Also vollendete ich die Runde, verliess den Park durch dieselbe Pforte, durch die ich reingekommen war, und lief dann geradewegs am beeindruckenden Haupteingang des Kurhauses vorbei…
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Bild #46: „Aquis Mattiacis“ ist der Name, den die Römer Wiesbaden gegeben haben

…und über den nicht minder beeindruckenden Baum- und kolonnadengesäumten Kurhausplatz…
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Bild #47: Kurhausplatz

…zurück nach Westen, wieder über die Wilhelmstr., dann über den Kaiser-Friedrich-Platz…
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Bild #48: Kaiser-Friedrich-Denkmal. Auf dem Kaiser-Friedrich-Platz. Am Kaiser-Friedrich-Ring war ich ja vorhin schon gelaufen.
Irgendwie stehen die Wiesbadener auf den ollen Friedrich, obwohl (oder vielleicht weil?) der ja nicht mal hundert Tage im Amt war…

…und schließlich die Webergasse entlang…
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Bild #49: Uffa, da ging´s ja nochmal bergauf. An sich ja kein Problem, wenn bloß der nervige Rucksack nicht so genervt hätte. Der war echt nervig!

…danach weiter die Obere Webergasse und den Römerberg hoch, und schließlich in die Röderstr., wo ich – mit gerade mal 4 Minuten Verspätung zur verabredeten Uhrzeit – mein Ziel erreichte:
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Bild #50: Ziel!

Geschafft.
Da konnte ich dann auch endlich den ollen Rucksack abnehmen, und dann einen äußerst angenehmen Nachmittag beu Freunden verleben, die mich gnadenlos mit Nahrung, Flüssigkeit und Freundlichkeit vollstopften, bis ich fast geplatzt wäre.
Das war richtig schön (also nochmal vielen Dank für alles, Sabrina und Boris, auch wenn ihr mir das Eis gegen meinen Willen aufgezwungen habt!! 🙂 ).

Und zum Schluss dann mit dem Stadtbus 33 zurück runter nach Kastel, das hat auch noch gut geklappt.
Tutto bene, wie der Sarde zu sagen pflegt, wenn er Italienisch spricht… 😉

Interessante Tour, abwechslungsreich und mit ganz viel zu entdecken. Lediglich das Wetter und der Rucksack waren nicht so ganz das Gelbe vom Ei, aber der Rest hat gepasst, also kein Problem…

Strecke: 14,2 km
Zeit: Mit Fotografieren und Schauen und Tierpark und Orientierungspausen und dem doofen Rucksack auf dem Buckel insgesamt knapp 2 Stunden unterwegs – reine Laufzeit unbekannt
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 99,93% (14,19 km von 14,2 km)
Karte:
Wiesbaden

M.

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13 Antworten to “Ins Herz von Wiesbaden – mit Fotos (14,2 km)”

  1. Christian Says:

    Hallo Matthias,

    Danke für die Stadtführung durch Wiesbaden, einen Besuch dort kann ich mir jetzt sparen 😉
    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Du fast schon gerne durch Innenstädte rennst oder täusch ich mich ? Für mich ist das ja absolut nichts, viel zu viel Hektik und Geschehnisse, die meine Aufmerksamkeit benötigen um nicht gegen Lampenmasten zu rennen oder von Autos überfahren zu werden. Mir reicht oft schon, ein kleineres Dorf oder eine Kleinstadt zu streifen, aber dann noch Sightseeing ? Nene

    Salut

    • matbs Says:

      Och, du, Wiesbaden hat noch ´ne ganze Menge mehr zu bieten, das ist sicher auch mal ´nen persönlichen Besuch wert, z.B. wenn man eh gerade in der Nähe ist (z.B. in Bischofsheim, das ist ja nur zwei Orte weiter… 😉 ).

      Renn´ ich gerne durch Innenstädte?
      Hmm, hab´ ich noch nie so drüber nachgedacht. Ist letztlich ein Laufgebiet wie jedes Andere, aber eben mit einer besonders hohen Dichte von interessanten Punkten, das ist schon nett.
      Als so hektisch und schwierig empfinde ich das Laufen in der Stadt auch gar nicht, was allerdings z.T. auch daran liegen könnte, dass ich ja sowieso immer mit viel Aufmerksamkeit und Konzentration unterwegs bin. Außerdem kommt hinzu, dass der Verkehr gerade in großen Innenstädten ja meist eher gemächlich fliesst, das ist teils angenehmer und ruhiger zu laufen als in den Außenbezirken oder kleineren Ortschaften – und die Lampenmasten hast du auch in Hinterupfingen… 😉

      Insgesamt finde ich urbane Zentren als Laufgebiet nicht besser oder schlechter als ruhigere Gebiete außerhalb, sondern vor allem anders.
      Und ander ist gut! 🙂

      Von daher kann ich nur raten: Probier´s doch einfach einmal aus, schließlich hast du´s ja nicht allzuweit bis in die sechstgrößte Stadt der Republik… 😉

  2. Gerd Says:

    Stadtläufe sind ja nicht unbedingt so mein Ding. Aber als „flotte Sightseeing“ gar nicht mal schlecht.
    Das mit deinem Arm sieht ja echt übel aus. 😉
    Pass auf das da nicht mal ein Haken dran muss. 😆

    • matbs Says:

      Hmm, hast du eigentlich schon Stadtläufe gemacht? Mal durch die Darmstädter City, Herrngarten – Schloss – Mathildenhöhe – Rosenhöhe, das ist total hübsch, werd´ ich irgendwann demnächst auch noch mal angehen.

      Inzwischen gibt´s ja in einigen Städten sogar schon reguläre joggende Stadtführungen statt Stadtrundfahrt mit dem Bus, das ist doch eigentlich eine total spannende Geschichte.

      Ich glaube, ich will keinen Haken, lieber eine verschießbare Harpune mit Greifhand am Kabel und Laserzielpunkt. Dann muss man nicht immer die Stehleiter bemühen, wenn man ans oberste Bord des Bücherregals will… 😆

  3. dauerlaufen Says:

    Das meinte ich mit „unangezogen im Vergleich“ > durch eine mondäne Kurstadt in Radlerhose und T-Shirt schnaufen, während alle Damen mit Kettchen und Täschchen behangen Ihre Fiffis ausführen. ;-). Dafür fehlt mit die Coolnes.

    • matbs Says:

      In Wirklichkeit ist die Fähigkeit, in jeder Situation unpassend gekleidet zu sein ohne sich dafür zu schämen ja eher eine Frage der Uncoolness, und nicht der Coolness… 😉

      Die meisten Wiesbadener waren übrigens überhaupt nicht mondän, das hat mich schon ein bisschen irritiert (da ich durch meine enge Bindungen an die Nachbarstadt Mainz ein anderes Wiesbaden-Bild hatte, demzufolge das hier oben alles überkandidelte Snobs sind… 😀 ).

  4. Kai Says:

    Hallo Matthias,
    wie immer sehr interessant. Leider muss mein Kommentar jetzt kurz und knapp ausfallen, da meine Mittagspause um ist. Ich finde gut, dass du dir wirklich immer die Zeit nimmst für die Sehenswürdigkeiten auf deinen Strecken. Das ist durchaus etwas zum Nachahmen.

    Ich hoffe, die Wunde wurde mittlerweile geklammert und der Blutverlust war nicht zu extrem 😉

    Gruß
    Kai

    • matbs Says:

      Wär´ doch eine Schande, wenn man irgendwo vorbeiläuft wo´s schön/interessant/spannend ist und das dann verpasst. Da könnte man ja auch gleich seine Kilometer auf der öden, ollen Tartanbahn abreissen, wenn man nichts von der Umgebung mitnimmt… 🙂

      Die Wunde hab´ ich notdürftig mit einem Druckverband versorgt und mich trotz der gewaltigen Schmerzen weitergeschleppt.
      Oder vielleicht hab´ ich auch gar nichts gemacht und sie nach 30 Sekunden wieder vergessen, da kann ich mich nicht mehr ganz genau erinnern (wahrscheinlich der Blutverlust) 😆

  5. Torsten Says:

    Da kommen Erinnerungen auf an meine Zeit als Lasterfahrer. Da bin ich täglich durch Wiesbaden geeiert und habe Paletten voll Zeugs ausgeliefert. Da kommen mir so einige Bilder sehr bekannt vor. Mit dem 40 Tonner durch Wiesbaden war ja schon Horror, aber laufen das wollte ich das ganz sicher nicht.

    • matbs Says:

      Also ich fand´s sehr nett und angenehm – lag aber vielleicht auch daran, dass ich etwas wendiger bin als ein Vierzigtonner… 😀

  6. Hannes Says:

    Sooooo, nun habe ich alle offenen Tabs abgearbeitet und bin bei deinem Bericht angekommen, der als längster Bericht irgendwie immer bis zum Ende warten muss …

    Genau so bin ich es von dir gewohnt und das zeichnet irgendwie auch einen richtigen Läufer aus: Die Laufstrecken ersetzen immer häufiger irgendwelche Strecken, die man ohnehin hätte zurücklegen müssen – einfach nur geschickt! Schade ist natürlich nur immer, dass dabei zumindest bei dir durchaus häufig Läufe entstehen, für dessen Ausgangspunkt du doch ein Auto brauchst. Aber noch immer besser, als die ganze Strecke zu fahren =)

    Die Kamera hat sich auf jeden Fall gelohnt! Auch wenn das Wetter mit den Wolken nicht optimal war, alleine der Tiere wegen hat es sich gelohnt!
    Und einen kleinen Eindruck von Wiesbaden habe ich jetzt auch bekommen – das ist doch auch etwas wert. Man muss ja wissen, wie es so in Deutschland aussieht.

    Für das nächste Mal gibt es dann ja auch sicher einen mehr geeigneten Rucksack.

    • matbs Says:

      Na ja, Hannes, wenn du erst mal den ganzen Schulkram hinter dir hast und in der Weltgeschichte rumreisen musst, wirst du wahrscheinlich auch nicht ums Auto rumkommen. 😉

      Und immerhin hatte ich die letzten Jahre ja keinen Berufsverkehr zu absolvieren, da steh´ ich ökologisch insgesamt weit besser da als so mancher „Ich renn´ nur von daheim aus“-Läufer, der mehrmals die Woche mit dem PKW zur Arbeit pendelt. 😀

      Mit der Kamera muss ich irgendwann einfach noch mal gucken, ob man da an der automatischen Belichtung noch was drehen kann. Wenn ich bloß wüsste, wo ich die Anleitung hingetan hab´…

      Wiesbaden ist auf jeden Fall einen Blick wert, das ist eine von den vielen total spannenden „mittleren und kleinen“ Großstädten, die nicht ganz so prominent sind wie die ganz großen Zentren – und gerade das macht sie dann m.M.n. besonders interessant und faszinierend.

      Neuer Rucksack – hmm, könnte man vielleicht mal drüber nachdenken…

      Cheerio 🙂

      Matthias


  7. […] Ins Herz von Wiesbaden – mit Fotos […]


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