Bergtour in die Sommernacht: Neutscher Höhe und Beerbachtal (18,8 km)

28. Juni 2009

Gestern: Kleine Wanderung (eigentlich nur ein längerer Spaziergang, wir waren gerade mal etwas über 3 Stunden unterwegs) mit Freunden durch Rheinhessen und die Pfalz, danach gemütlicher Grillabend in wunderschöner Lage, auf dem Grillplatz am Warteturm über Albisheim an der Pfrimm, einem überaus hübschen Plätzchen, das ich letztes Jahr beim Laufen entdeckt habe (da sieht man´s endlich mal, dass das doch zu was nütze ist).

Heute: Der Tag danach, fühle mich matschig, kopfschmerzig, verkatert – was ok gewesen wäre, wenn ich wenigstens was getrunken hätte, aber bis auf vielleicht 0,4 l Weisswein, verteilt über den ganzen Abend, war ich trocken geblieben.
Kater ohne Suff, da merkste, dassde alt wirst…

Entsprechend war mir auch gar nicht nach laufen, zumal´s draußen unglaublich schwül und stickig war.
Aber bisher standen ja erst zwei Läufe und knapp über 30 km diese Woche zu buche, und ein bisschen mehr wollte ich dann doch noch erreichen.

Also hab´ ich mir am Abend, als meine dämmrigen Lebensgeister so langsam wieder erwacht waren, doch noch schnell eine Route zusammengesucht. Nicht zu kurz sollte es, um wenigstens noch die 40 Wochenkilometer vollzumachen. Aber auch nicht zu lang, so richtig gut war ich ja nicht drauf. Und in der Nähe, aber mit neuer Strecke, und am liebsten in Richtung Odenwald, weil ich da Lust drauf hatte und es da oben zweifellos weniger schwül und stickig sein würde als unten in der Rheinebene.

Am Ende suchte ich mir eine Strecke über die Neutscher Höhe und durchs Beerbachtal aus – an sich bekanntes Terrain, aber mit genug unerforschten kleinen Nebenwegen, um´s interessant zu machen.
Aufs genaue Ausmessen hab´ ich aus Zeitgründen verzichtet.
Ich schätzte die Tour einfach mal auf 10 bis 12 km, das klang genau richtig (und war ordentlich danebengeschätzt, wie sich später rausstellen sollte).


Start sehr spät, so gegen 21:00 Uhr in Ober-Beerbach, auf dem Parkplatz „Am Mühlfeld“ über dem Beerbach. Hier unten in der Talmulde war die Sonne schon fast weg, auf dem besten Weg hinter den Bergen der Bergstrasse zu versinken.
„Nicht schlimm“, dachte ich mir, „sind ja nur 10 oder 12 km, Sonnenuntergang ist erst in einer halben Stunde und danach dämmert´s noch ewig, das schaffste locker bevor´s ganz dunkel wird“.
Jaaaa, genau…

Und Start, durchs abendlich-friedliche Odenwalddorf. Die Ernsthöfer Str. hoch, unter der erhöht stehenden hübschen Kirche durch, dann links in den Neutscher Grund und auf einer Seitenstrasse, in der ich noch niemal zuvor gewesen war, aufwärts aus dem Dorf raus in Richtung Neutscher Höhe.
Tempo recht ordentlich aber nicht übertrieben, lief eigentlich ganz gut, nachdem ich erstmal angefangen hatte.

Wie immer wunderschön hier oben. In letzter Zeit hab´ ich mich ja viel in Rheinhessen rumgetrieben, und finde die Landschaft dort inzwischen durchaus reizvoll und interessant, aber zur Abwechslung mal wieder ein bisschen Odenwald, das tat richtig gut: Weite Hangwiesen auf denen blökende Schafe und zottige Kühe (Galloways? Schottische Hochlandrinder?) weiden, zirpende Grillen, ein einsamer Raubvogel am Himmel, das hohe grünbraune Gras auf den Hügelflanken wiegt sich in der Abendsonne, schimmert mal golden, mal silbrig. Dazwischen ein schmale Versteckte Täler, ein paar Felder und Gärten, und natürlich der dichte, dunkelgrüne Wald.
Friedlich, ruhig, herrlich pastoral und idyllisch…

Irgendwo hier muss mir dann auch die einzige Getränkeflasche, die ich heute mitgenommen hatte, aus dem Gürtel gefallen sein, ohne dass es mir aufgefallen wäre – das sollte sich später dann noch ein bisschen rächen.

Immer weiter aufwärts auf mehr oder weniger steilen Feld- und Wiesenwegen, allesamt gut zu laufen und unmarkiert, bis ich schließlich die Hutzelstr. erreichte, oben auf dem breiten, offenen Plateau der Neutscher Höhe, von wo man normalerweise einen tollen Blick nach Westen und Norden hat (heute nicht so sehr, zu diesig, aber hübsch war´s trotzdem, wie es in der Abendsonne leicht rötlich angehaut dalag).
Kurz links den Asphaltweg entlang, dann aber gleich wieder rechts und auf einem schmalen, überwucherten, noch nie zuvor gelaufenen (zumindest von mir, irgendjemand anderes wird hier sicher schon mal langgekommen sein… 😉 ) Feldwegen durch die goldgelben Felder (weitgehend unmarkiert, nur auf einem kurzen Querweg zeigte sich mal kurz das rote S des Alemannenwegs).
Das ist Sommerabendlandschaft hier oben, wenn der Abendwind weht und die schräge Sonne mit letzter Kraft über den Ilbeskopf lugt und die Grillen zirpen und man höchstens mal ein paar Ziegen auf ihrer Weide begegnet, dann ist es einfach nur schön…

Runter in den winzigen Modautaler Ortsteil Neutsch, nachdem die ganze Anhöhe benannt ist.
Gegen Neutsch wirkt selbst das friedliche Ober-Beerbach groß und geschäftig – das Dörfchen liegt (relativ) weitab der großen Durchgangsstrassen in einer kleinen Mulde am Rand der Hochebene zwischen Wald, Feldern und Wiesen, unterhalb der riesigen weißen Windkraftanlagen, die zu seinem inoffiziellen Wahrzeichen geworden sind.
Außen ein paar etwas neuere Wohnhäuser, im Ortskern vor allem alte Bauernhöfe mit viel Fachwerk. Strassen gibt´s zwar mehrere, aber keine Strassennamen, alle Häuser hier haben einfach nur eine Hausnummer (also „Neutsch 1“, „Neutsch 17“, „Neutsch 38“ usw).
Hier ist es echt pastoral, und wenn´s hier oben ein bisschen flacher wäre, und ein paar mehr Birken und weisse Lattenzäune rumstehen würden, würde sich´s ein bisschen anfühlen wie aus einem Astrid-Lindgren-Roman…

Ich lief über die Strasse „Neutsch“ ein (vorbei an einer älteren Dame, die irgendwas unverständliches in einem seltsamen Tonfall nuschelte – „Huuujoujoujoaa“ oder so ähnlich), lief dann rechts in die Strasse „Neutsch“, lief vorbei am Gasthaus Lautenschläger (Zielpunkt dieses Laufs) und bog dann im Dorfkern links in die Strasse „Neutsch“ ein, auf der ich abwärts auf der K137 in Richtung Modau und Frankenhausen aus dem Dorf rauslief.

Eigentlich sah der Plan vor, dass ich hier irgendwo rechts durch einen Verbindungsweg auf die Anhöhe nordöstlich von Neutsch komme und dort in den Wald am Hasenlauf reinlaufe.

Uneigentlich konnte ich den Verbindungsweg allerdings nicht finden (vielleicht verpasste ich ihn auch, wer weiss…).
Hm.
Ich versuchte es nochmal über die Zinsel-Kapelle am Hang über der Strasse (viele kleine, unebene Stufen hoch, dann kurz auf die Wiese hinter dem hübschen Kirchlein) und einen Nebenweg, der allerdings vor einem einzeln stehenden Wohnhaus am Waldrand endete, dann gab´ ich auf – kein klarer Durchgang zur eigentlich geplanten Route, dann eben anders: Statt durch den Wald lief ich nun einfach die Landstrasse runter, von der ich wusste, dass sie mich an genau denselben Punkt führen würde wie die eigentlich vorgesehenen Waldwege.

Abwärts auf dem Asphalt, links der eingezäunte Berghang mit den Zucht-Damhirschen, von denen mich letzes Jahr mal einer in die Hand geknapst hat. Heute liess ich sie mal links liegen, einmal vom Hirsch gebissen werden reicht… 😀

Normalerweise würde ich mich an dieser Stelle ein bisschen darüber beschweren, dass ich die Landstrasse runterlaufen musste, denn natürlich war sie relativ uneinsichtig (ein paar waldige Kurven) und verfügte weder über Seitenstreifen noch einen Fuß-/Radweg.
Aber heute war das überhaupt kein Problem – Sonntagabend halb Zehn Uhr abends ist auf der Strasse zum/vom Nicht-Mal-300-Seelen-Dörfchen Neutsch nämlich gar nix los, ich hatte die Fahrbahn für mich alleine.
Angenehm.

Nach ein paar hundert Metern die Einmündung in die Landstrasse von Frankenhausen nach Modau, hier bog ich rechts ab und lief zwischen dem dichten, dunklen Wald und den Wiesen des schon im blauen Abendschatten versinkenden Neutscher Bach-Tals weiter abwärts. Auch hier: Kein Verkehrsteilnehmer auf der Landstrasse außer mir, bequem und abfallend war´s auch, so lässt sich´s aushalten….

Fast ein Kilometer talwärts, immer am linken Strassenrand und mit gespitzten Ohren, ob da nicht vielleicht doch ein Auto käme (Antwort: Nö), dann bog ich scharf links auf einen Waldweg unter dem „Hainbühl“ ab.

Hier im Wald, am Südosthang den schmalen Bergtals, war es kühl und vor allem schon ziemlich düster, da merkte man erstmal richtig, dass es so langsam zu Ende ging mit dem Tageslicht.
Aufwärts, auf einem ordentlichen aber namenlosen (zumindest laut Wanderkarte) Waldweg, über einen ordentlichen aber namenlosen (zumindest laut Wanderkarte) Bach in einem kleinen Seitental, dann am Rand dieses Tals weiter bergauf, irgendwann rechts auf einen weniger ordentlichen aber genauso namenlosen (zumindest laut Wanderkarte) Pfad, der – überwuchert von Springkraut – nordwärts um das soeben hochgelaufene Bachtal herumführte, sich ein oder zweimal in eine veritable Bade- und Saunalandschaft für Wildschweine verwandelte (den Hufabdrücken nach gut angenommen), und schließlich wieder in einen besseren Waldweg mündete, auf dem ich links aus dem dunklen Wald hinaus auf die offene Anhöhe östlich von Frankenhausen gelangte.

Noch so´n hübsches Fleckchen. Über das lange Wiesental, das sich nach Nordosten bis zum fast 100 m. tiefer gelegene Waschenbach zieht, hat man einen wunderbaren Blick nach Norden, bis hin zum Taunus und nach Frankfurt (beides heute nur ganz schemenhaft zu erkennen), dazu gibt´s mehr Satte Hangweiden und alte Obstbäume am Wegrand, während es leicht bergab in Richtung Frankenhausen geht.

Kurz vor dem Ortseingang rechts, auf den Balerts-Höhen-Weg (gelbe 2). Kurvig mit feinem Kies, ein bisschen bergab, dann wieder ein bisschen bergauf durch die Wiesen, verständnislos angestarrt von den massigen Kühen (Limousin-Rinder?), die hier oben weideten.
Die Sonne war inzwischen hinter dem mächtigen Frankenstein-massiv am westlichen Horizont versunken, der Abendhimmel glühte in strahlenden Rot- und Gelbtönen.

Abwärts, ins nächste Tal, durch die Felder am Steinbruch hinter Waschenbach den Emmertsberg runter bis an die K138 im Talgrund und dort rechts, weiter bergab in Richtung Waschenbach.
Wie gehabt: Landstrasse, kein Seitenstreifen aber auch keinerlei Verkehr, entsprechend liess sie sich prima laufen. Bloß ein bisschen frisch war´s hier unten schon, kein Wunder, denn das letzte direkte Sonnenlicht war sicher schon vor einigen Stunden in das tiefe, schmale Tal gefallen.

Inzwischen war ich schon eine ganze Weile unterwegs – die Uhr näherte sich so langsam der großen 22, es dämmerte schon ordentlich, und ich hatte noch ein sehr ordentliches Stück vor mir – war wohl nix mit den 10 bis 12 Kilometern, die ich eigentlich geplant hatte, das sah mir mehr nach 15 bis 16 aus.
Und ein bisschen Durst kriegte ich so langsam auch.
Warum hatte ich bloß die doofe Flasche verloren?

Abgesehen davon lief´s aber noch prima, immerhin. Ich folgte der Strasse ein ganzes Stück das Tal runter, erst kurz durch die Wiesen, dann durch den Wald am Waschenbacher Steinbruch, und bog schließlich (mal wieder) links auf einen unmarkierten und (zumindest auf der Wanderkarte) nicht näher benannten Waldweg ein, der mit mit stetiger Steigung und scharfer Krümmung aufwärts brachte, bis auf den Querweg unterhalb vom Rand des nächsten Steinbruchs (nämlich dem Hinter Nieder-Beerbach).
Rechts, durch den Wald, vorsichtig zwischen zwei Meterlangen Pfützen hindurch, dann aufwärts und auf dem Glasberg an den Waldrand direkt über der Steinbruchkante.

Wow!
Toller Blick, über das gewaltige, mindestens 50 m. tief abfallende Loch in der Berflanke mit seinen schroffen Basaltwänden hinweg nach Westen und Nordwesten, auf den Frankenstein, das Mühltahl, Eberstadt und die dahinter liegende Rheinebene, bis hin zum scherenschnittartig gegen den leuchtenden Abendhimmel abgehobenen Taunus. Schööön!

Ich folgte dem Weg weiter, erst kurz nach Norden, dann in einer langen Linkskurve um den Nordrand des Steinbruch abwärts. Laut Wanderkarte und Google Earth sollte hier eigentlich Wald sein, tatsächlich lief ich jedoch durch einen große, relativ frisch gerodete Freifläche, über die man weiterhin einen schönen Blick nach Nordwesten hatte (auch wenn die Rodung wahrscheinlich bedeutet, dass der Steinbruch noch weiter in diese Richtung in den Berg getrieben werden soll, was ich ein bisschen Schade fand, wegen dem schönen Wald und dem schönen Weg).

Kurze Begegnung mit einem fliehende Rehbock, am unteren Ende des freien Stücks an einem massiven Minihäuschen vorbei (wahrscheinlich zum Unterstellen, um sich bei einer Sprengung im Steinbruch vor fliegendem Geröll zu schützen) dann wieder in den nun schon ordentlich düsteren Wald und weiter nach links und bergab bis zum Waldrand über dem unteren Beerbachtal.

Immerhin: Ab hier war Rückweg angesagt.
Aber einige Kilometerchen hatte ich noch vor mir, das meiste davon bergauf, und es dämmerte inzwischen schon mit Macht – Plänchenlesen ging nur noch im Freien, im Schatten der Bäume war´s bereits zu dunkel.

Südwärts, den überraschend breiten und bequemen Asphaltweg am Waldrand entlang (zweifellos ist der als Zufahrt für den Steinbruch so gut ausgebaut), dann unvermittelt in eine Mondlandschaft aus zehnmeterhohen Kiesbergen am Wegrand, die im fahlen Licht des sterbenden Tages ziemlich beeindruckend und schroff wirkten.
Dahinter dann ein wunderschönes dämmriges Seitental mit Wiesen und Obsthainen, erfüllt vom Blöken einer Schafherde am gegenüberliegenden Hang.
Ich lief bis kurz vor den Breitenloh-Hof und bog dann scharf nach rechts ab, auf den Weg Mt2 (die Markierung konnte man noch erkennen), der mich durch die Wiesen- und Heckenlandschaft nach Nieder-Beerbach bringen sollte.
Die Schafe verstummten nach kurzer Zeit, und auf einmal war es fast vollkommen still – so still, dass ich eine kleine Pause machte und mit geschlossenen Augen einfach ein paar Augenblicke die Ruhe genoss, in der außer dem Zirpen der Grillen nichts zu hören war – keine Motorengeräusche von Autos, kein vorbeiratternder Zug, keine Stimmfetzen in der Ferne, kein vorbeifliegendes Flugzeug, nichts von den normalem Hintergrundrauschen, das das Leben an der Bergstrasse normalerweise begleitet, war hier hinten zu hören.
Es war einfach nur still und friedlich und dämmrig, und es tat gut, sich zumindest eine kleine Weile in diesem Frieden zu verlieren.

Dann weiter, um eine kleine Hügelkante, dann runter auf dem bequem Asphaltierten Mt2 runter nach Nieder-Beerbach, begleitet von ein paar flatternden Fledermäusen, die zur allabendlichen Insektenjagd aufbrachen. Schräg vor mir, schon in tiefe Nachtschatten gehüllt und wunderbar gelegen im langen Beerbachtal unterhalb des Frankensteins lag Nieder-Beerbach, ganz ruhig bis auf einen bellenden Hund, bläulich-schläfrig und nur erhellt vom Schein der Strassenlaternen und dem rötlichen Schimmer des prächtigen Halbmondes, der im samtblauen Nachthimmel vor mir aufgetaucht war.
Inzwischen war es schon fast Nacht.

Runter ins verwaist daliegende Dorf, die Hintergasse hinab, dann links auf die schmale Untergasse. Zwischendurch studierte ich noch einmal mein Plänchen im Schein der Strassenlaternen, versuchte mir so gut es ging die verworrenen und unmarkierten Pfade des Rückwegs einzuprägen.

Am Ende der Untergasse dann links, den „Viehtrieb“ hoch. Knackige Steigung zwischen den letzten Häusern Nieder-Beerbachs den Hang hoch, so langsam begann ich die heute zurückgelegte Strecke zu spüren, wurde kurzatmiger, Durst und Hunger nahmen zu – eigentlich hatte ich ja erwartet, um diese Zeit schon wieder daheim zu sein und zu abend zu essen, da rächte sich die falsche Längenschätzung bei der Tourplanung nun ein bisschen.

Nach knapp 200 m. auf dem „Viehtrieb“ halblinks in die Strasse „Am Pechkopf“, an deren Ende das Dorf aufhörte und ein schmaler, pflanzenumrankter Pfad über dem Beerbachtal anfing. Den lief ich hoch.
Unter den Bäumen herrschte nun endgültig Nacht, dort wo Wiesen und Hecken vorherrschten, konnte man die Umgebung noch ganz schwach im Widerschein des verblassenden Dämmerlichts erkennen. Rechts ging es anscheinend steil abwärts in den Talgrund, ich hielt mich lieber links…

Von der Dämmerung in die Sommernacht laufen ist eine interessante Erfahrung.
Der Gesichtssinn tritt zurück, dafür gewinnen die anderen Sinne an Bedeutung, man hört, spürt, riecht aufmerksamer in die Dämmerung hinein, setzt die Schritte anders, um nicht über eine Unebenheit im Weg zu stolpern. Die Umgebung fühlt sich anders an, geheimnisvoller, die Weite verschwindet und macht einem intensiveren Erleben der unmittelbaren Nähe platz, der Äste und Ranken und Gräser an den Beinen, dem Zirpen der Grillen, den Rufen unsichtbaere Nachtvögel, dem Rhythmus der eigenen Atmung, dem leichten Abendwind auf der verschwitzen Haut, dem Geruch von Wald, Wiese, Heu, und nicht zuletzt dem schmalen Band des Weges, das sich nur dadurch vom Rest der Nacht abhebt, dass es etwas heller als die Umgebung ist.

Vielleicht hätte mich das endgültige Heraufziehen der Dunkelheit beunruhigen müssen, schließlich waren es noch immer ein paar Kilometer bis zum Ziel und ich war den Weg noch nie gelaufen.
Aber es fühlte sich nicht beunruhigend an, hier draußen in die laue Sommernacht zu laufen, als Schatten zwischen anderen Schatten den richtigen Pfad zu suchen, im Limbus zwischen grauer Dämmerung und nachtblauer Schwärze.
Und ich war nicht allein.
Während ich meinen Weg in die Nacht machte, tauchten sie am Wegesrand auf, erst eins, dann zwei, dann fünf, dann ein ganzes Ballett kleiner, strahlender Leuchtpunkte, die wie verspielte Irrlichter durch die samtige Dunkelheit tanzten, sich zu Grüppchen zusammenfanden und wieder verteilten, ein Stück mit mir kamen um sich dann wieder zwischen den schemenhaften Bäumen und Büschen und Feldern jenseits des Weges verloren – Ende Juni ist die Zeit der Glühwürmchen, und hier draußen, an denfreundlichen Hängen des Beerbachtals, hielten sie heute Nacht ihren großen Ball ab – und ich durfte Zaungast sein.
Sowas Schönes ist mir lange nicht mehr passiert.

Irgendwann eine T-Kreuzung im Dunkel, es ging nach rechts und nach links. Ich versuchte mich an den richtigen Kurs zu erinnern, aber er fiel mir nicht mehr ein, das Plänchen war inzwischen vollkommen nutzlos.
Also folgte ich eben meinem Bauchgefühl und lief nach link, aufwärts, das fühlte sich richtig an.
Erst einen dunklen Waldrand entlang, dann an einer dichten Hangwiese vorbei, in der irgendetwas vor mir aufschreckte und raschelnd und knackend floh – wahrscheinlich ein Reh, aber wer weiss das schon in der Dunkelheit?

Je höher ich kam, umso weniger sicher war ich, noch richtig zu sein. Der Weg knickte ein paarmal ab, der Mond war hinter einer Wolke in Deckung gegangen, ich hatte keine Ahnung, ob ich noch in die richtige Richtung lief, bis ich schließlich schon relativ weit oben innehielt und mich umsah: Rechts hinter mir, erkannte ich den dunklen Kegel des Melibokus mit seinem blinkenden Funkturm, wie er sich gegen den etwas helleren Nachthimmel erhob – und zwar in einer ganz anderen Richtung, als er hätte sein müssen.
Hm, da war ich wohl falsch abgebogen, und stand jetzt mitten in der Nacht irgendwo am Rand des Beerbachtals auf einem unbekannten Weg.
Verirrt aber nicht verloren (denn wirklich verloren gehen kann man hier oben nicht, wenn man sich ein bisschen auskennt, selbst wenn´s dunkel ist), in einer warmen Sommernacht, umgeben musizierenden Grillen und tanzenden Glühwürmchen gibt es Schlimmeres… 🙂

Ich lief den Weg einfach weiter bergauf, durch mehr Felder und Wiesen, bis er schließlich an einem Waldrand auf einen asphaltierten Weg stiess, den ich identifizieren konnte – irgendwie war ich wohl ein ganzes Stück in die falsche Richtung gelaufen und schließlich an der Augustenhöhe zwischen Nieder-Beerbach und Frankenhausen rausgekommen.

Aber wenigstens wusste ich, wie ich von hier aus sicher und relativ problemlos zurück nach Ober-Beerbach kommen konnte – einfach der Hutzelstr. über die Neutscher Höhe folgen, zwar noch mal ein ordentlicher Umweg, aber auch bei Dunkelheit gut zu laufen und kaum zu verfehlen. Prima!

Aber erst mal rechts, auf dem Asphaltweg am Rand der Streittanne ostwärts bis zum Ortseingang von Frankenhausen, und dort dann auf die Hutzelstrasse. Nochmal gut aufwärts, auf dem breiten, unbeleuchteten Asphaltweg über den Buckel am Hundsrück und auf die Neutscher Höhe. Gut zu laufen, und dank offener Feld- und Wiesenlandschaft mit gutem restlicht, in dem man genug erkennen konnte, um sich nicht die Haxen zu brechen.

Noch mal ein ganz schönes Stück, vielleicht 3 km über die Hochebene. Auch hier: Fast perfekte Stille bis auf die Grillen, laue Sommernachtatmosphäre, Einsamkeit. Nur einmal sah ich die Scheinwerfer eines fernen Autos über den Fahrweg nach Neutsch kriechen, ansonsten war ich alleine, zwischen dem weiten Himmel (der leider nicht ganz Sternenklar war, das wäre herrlich gewesen), den weiten, dunklen Feldern, und dem fernen Lichterglanz der Dörfer und Städte in der Rheinebene, lief mit mir selbst und den paar Glühwürmchen, die es hier hochgeschafft hatten, stetig und nun doch schon recht angestrengt südwärts die Strasse entlang, bis ich endlich die erste Wegkreuzung über Ober-Beerbach erreichte.

Rechts, nochmal ein paar Meter über den Buckel des Pechkopfes (Puuuh), und dann nur noch abwärts, steil abwärts, auf der rissigen, alten Neutscher Str. hinein ins schlafende Ober-Beerbach, dessen Strassenlaternen mir nach dem langen Laufen in der Dunkelheit beinahe blenden grell erschienen, an den dunklen Häusern vorbei ins Dorf runter, wieder unter der Kirche vorbei, und schließlich, erschöpft aber zufrieden (den schattigen Weg erfolglos nach der verlorenen Trinkflasche absuchend) zum Ausgangspunkt der Tour.
Die Uhr zeigte 23:16 Uhr – so spät bin ich glaube ich noch nie angekommen… 🙂

Strecke: 18,8 km
Zeit: Insgesamt etwas über 2 Stunden unterwegs.
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 66,6% (12,52 km von 18,8 km)
Karte:
Neutscher Hohe + Beerbachtal

M.

Advertisements

10 Antworten to “Bergtour in die Sommernacht: Neutscher Höhe und Beerbachtal (18,8 km)”

  1. Christian Says:

    Hallo Matthias, oder bist Du schon wieder in dieser schwülen Abendluft unterwegs zu einem kurzen 10 oder 12 km Lauf ? 😉

    Schön, aber schlecht kalkuliert Dein Lauf in der Dämmerung, so ein gewisses Zeitpolster wäre doch nicht schlecht, wenn es in unbekannte Gefilde geht, oder ? Aber Du wirst schon wissen was Du tust, ich laufe auch sehr gerne in der beginnenden Nacht im Sommer, aber nicht ganz so abenteuerlich nur auf mir bereits bekannten Wegen.

    Verlauf Dich nicht

    Salut

    Christian

  2. matbs Says:

    Hi Christian,

    nee, heut´ ist Pause. 🙂

    Der Lauf war schön und GAR NICHT kalkuliert, deswegen ist das ja so gekommen. Aber es waren ja auch nicht wirklich unbekannte Gefilde sondern mein eigener erweiterter Hinterhof, auf dem es nur noch ein paar neue Stücke auszuprobieren gab.
    Entsprechend bin ich am Ende ja doch noch klar gekommen, das Stück über die Hutzelstrasse am Ende ist mir nämlich bestens bekannt…

    Ist auf jeden Fall ein interessantes Gefühl, auf einmal irgendwo im Dunkeln zu stehen und nicht ganz genau zu wissen, wo man ist.
    Kann ich als Erfahrung nur empfehlen, besonders auch weil es die wichtige Erkenntnis fördert, dass man (zumindest in den meisten Teilen Deutschlands) nicht wirklich verloren gehen kann, sondern immer irgendwohin kommt.

    Mal sehen, ob ich das mit dem „nicht verlaufen“ berücksichtige… 😀

    Gruß

    M.

  3. Ruben Says:

    Finds grad extrem krass wie du dein Wochenpensum hochschraubst… hoffentlich verpacken dass deine alten Knochen 😉

    Das mit den Glühwürmhen is glaub ne sehr coole Sache. Mir reicht der Sternen Himmel. Da wir ein Nichturbanes Gebiet sind haben wir kaum „Lichtverschmutzung“… das is auch sehr hübsch.

  4. Ruben Says:

    Achja, man merkt, dass du kein Schwabe bist, der wäre auch am 23 Uhr die gesamte Strecke von 18 Kilometern nochmal zurückgejoggt um seine Trinkflasche zu suchen 😀

  5. matbs Says:

    Hi Ruben,

    diese Woche war ich ja nur dreimal Laufen, das Wochenpensum bleibt also konstant – wenn auch weiterhin auf einem ansprechenden Niveau. 🙂
    Und die alten Knochen machen bisher auch gut mit – es geht ja auch schön langsam und organisch aufwärts, ohne allzuviel Druck oder Ehrgeiz. Irgendwie wird´s im Moment von ganz allein immer wieder mal ein Stückchen mehr, das haut prima hin.

    Mit der Flasche hab´ ich tatsächlich kurz überlegt, ob ich zurücklaufen und suchen soll als ich den Verlust bemerkt habe – ist mir ja schon recht früh aufgefallen, da war noch nicht so viel Strecke abzusuchen.
    Aber andererseits war´s ja eh schon spät und als großzügiger Hesse, der noch fünf weitere von den Dingern daheim hat, hab´ ich mir dann gesagt, dass ich das schon irgendwie verschmerze… 😀


  6. […] Bergtour in die Sommernacht: Neutscher Höhe und Beerbachtal (18,8 km) […]

  7. dauerlaufen Says:

    Das hört sich traumhaft an. Ein großes Plädoyer gegen die Stirnlampenpest. Ich bin früher auch oft in die Nacht hinaingelaufen, bis mich mal ein Jäger vom Hochsitz angeschnauzt hat. Seid dem habe ich Schiss denen vor die Flinte zu laufen.

  8. matbs Says:

    Ja, das war schon richtig schön und auf jeden Fall mal was Anderes.
    Aber andererseits darf man natürlich nicht übersehen, dass laufen in der Dunkelheit (mit oder ohne Stirnlampe, aber wohl deutlich mehr ohne) auch ein signifikant höheres Verletzungsrisiko mit sich bringt, gerade wenn man auf Wald- und Feldwegen unterwegs ist. Das letzte Mal als ich das versucht habe, hat´s mir ´nen Bänderiss eingebracht , heute ist es gut gegangen.
    Aber vorsichtiger muss man da schon sein…

    Den Respekt vor bewaffneten Typen, die abends im Wald rumfallen, kenn´ ich gut – ich versuche immer ganz besonders nett zu grüßen, wenn mir der Revierjäger begegnet (zum Glück grüßt er immer nett zurück), und mach´ Nemo grundsätzlich an die Leine, wenn ich vermute, dass der Mann in Grün in der Nähe ist…


  9. […] rein, die beschauliche Strasse “Im Neutscher Grund” runter. Irgendwo hier hab´ ich letzten Juni eine Trinkflasche verloren, und jetzt erwische ich mich doch tatsächlich dabei, dass ich unbewusst […]


  10. […] im Tal, in den Wäldchen am Bieberwoog und dem alten Schloss (das weiß ich, seitdem ich mich dort in einer warmen Sommernacht vor drei Jahren hinverlaufen habe). Deshalb will ich vorher noch ein bisschen was Laufen. Nicht weit, nicht anstrengend, nur schön. […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: