Die erste Tour danach: Einmal Jägersburger Wald (10 km)

23. Juli 2009

Ok, da hat man also gerade sowas wie einen wichtigen Meilenstein hinter sich gebracht und hat nun endlich wieder Zeit und einen freien Kopf zum laufen.
Da könnte man zur Feier des Tages doch eigentlich gleich mal mit einer richtig guten Premiumtour starten,´mit allem was dazu gehört: Sehenswürdigkeiten, neue schöne Strecke, ein bisschen Abenteuer, vielleicht mit dem Foto in der Hand…


Uneigentlich war das aber dann aber erstmal noch nicht drin.
Zum einen war ich ziemlich müde – nachdem gestern alles erledigt war und die Anspannung der letzten Wochen von mir abgefallen ist, hab´ ich erstmal gemerkt, wie fordernd diese Zeit war (wenig schlaf, ganz viel Konzentration und Arbeit, das kostet Kraft), und mein Körper ist – jetzt wo er sich´s wieder leisten konnte – regelrecht runtergefahren.

Außerdem muss ich gestehen, dass meine Formkurve durch die längere Trainingspause, während der ich vornehmlich am Schreibtisch gesessen und mich mit Nervennahrung, Koffeein und Aspirin vollgestopft habe, wohl doch ein bisschen gelitten hatte – das eigentlich schon abtrainierte Wohlstandsbäuchlein ist wieder aufgetaucht, die Hosen spannen wieder etwas – „lean and mean“ fühlt sich anders an.

Und dann war da auch noch das Wetter das draußen, und das war heute wirklich unerträglich:
Waschküche!
Temperaturen am oberen Ende der 20er-Grade, ca. 90% Luftfeuchtigkeit, regelmäßige Gewitter, die keinerlei Linderung brachten und sich dauernd mit bleigrau-trüben Turmwolken und stechend-brennendem Sonnenschein (bei dem man sich anfühlte wie eine Ameise unter dem Brennglas) abwechselte.

Nee, nee, nee, das war kein Tag für einen Premiumlauf.

Aber ein bisschen raus wollte ich dann doch noch, also suchte ich mir kurzentschlossen eine kurze Strecke im Jägersburger Wald zwischen Hähnlein und Gernsheim, die ich letzten Winter schon mal gelaufen war und die sich durch generelle Flachheit und absolute Unkompliziertheit auszeichnete.
Genau das richtige zum Wiedereinstieg.

Start bei der großen Verdichterstation am Waldrand hinter Hähnlein.
Ca. eine Stunde vor Sonnenuntergang, dichte, dunkle Wolken, dumpfe, brütende Atmosphäre wie in der Sauna.
Sogar das hastige, etwas schludrige Präliminar-Dehnen bringt mich schon ins Schwitzen…

Und dann geht´s los, runter an die L3112, über die Fahrbahn, und auf der anderen Seite in den feuchtwarmen, einsamen Jägersburger Wald diesseits der A67.
Lässt sich nicht so besonders doll an, angesichts von genereller Müdigkeit in Kopf und Gliedern, Trainingsrückstand und dampfig-klebriger Dschungelluft.
Schnaufe, schwitze, eiere mich auf dem ordentlichen Weg waldeinwärts, gaaaaaaaanz langsam und ohne viel zu denken, quasi auf Autopilot.
Das geht hier zum Glück gut, denn es gibt nur einen einzigen guten Waldweg, solange man nicht von dem auf eine der unlaufbaren Schlammlochschneisen gerät, kann man nichts falsch machen.

500 m. geradeaus, bisdie nahe A67 durch die Bäume schimmert und rauscht, dann links, die Rohrlachschneise runter.
Dampfig-dumpf, Matthias keucht aber hat inzwischen seinen Rhythmus, läuft mit leerem Kopf und langsamen Schritten durch.
700 m. bis zur nächsten Kreuzung, dort rechts Büttelwies-Schneise.
Kein Lüftchen regt sich unter dem bleiernen Himmel, kein Vogel zwitschert, nur die Autobahn singt ihr monotones Lied, das nur von einem gelegentlichen Donnergrollen aus der Ferne unterbrochen wird.
Seltsame Stimmung, aber schon gar nicht mehr so unangenehm – irgendwie hat das was, hier draußen, so ganz einsam zwischen den Bäumen unter dem grauwolkigen Himmel.
Und außerdem ist es schön, mal wieder zu laufen – nicht flüssig oder bequem, aber schön.

Nach 700 m. die nächste Rechtskurve, nun leicht aufwärts, auf die alte, einsame, baumbestandene Brücke, die mitten im Wald über die A67 führt, danach wieder runter, in den Hauptteil des Waldes westlich der Autobahn, wo ich an der Gabelung nach 400 m. halblinks laufe, runter in Richtung Waldrand und Winkelbach.
Hier ist etwas mehr los, außer mir sind ein Bussard und eine Walkerin unterwegs, die sich ziemlich erschreckt, als ich in sicherem Abstand beginne, die Sohlen auf dem Schotter schleifen zu lassen, um sie vorzuwarnen bevor ich überhole.

Und dann irgendwann der Waldrand, ich laufe geradeaus zwischen den letzten Bäumen durch bis zum Wiesenpfad am Ufer des Winkelbachs, dem ich nach rechts folge.
In Richtung Rhein, Gernsheim, Maria Einsiedel.

Vor mir ein spektakulärer Anblick: Über der weiten, offenen Feldlandschaft der Ebene, im Westen jenseits des Rheins, herrscht Nacht – dort türmen sich kilometerhohe, purpurschwarze Unwetterwolken zu beängstigenden Formationen auf, unter denen die mächtigen Hügel Rheinhessens klein und verletzlich wirken, gewaltige Blitze zucken durch die Schwärze, begleitet vom lange verzögerten Dröhnen des Donners, das man mehr in der Brust spürt als das man es hört. Und links runter, nach Süden in Richtung Mannhein sieht es nicht besser aus.
„Gut, dass das nicht hier bei mir ist“, denke ich mir, während ich staunend, schauend, fasziniert zwischen Winkelbach und Waldrand entlanglaufe, erst auf dem schmalen Wiesenpfad, später dann auf dem schmalen Betonstreifen von Riedlinie (Blauer Kreis) und Saar-Rhein-Main-Weg (gelbes Plus).

Nach etwas über einem Kilometer passiere ich die Kante des Waldes, laufe nun ganz raus in die schier unendlichen Felder, vor mir sehe ich bereits die Bäume des kleinen Wallfahrtsörtchens Maria Himmelfahrt.
Hier ist es zum ersten mal seit dem Start ein bisschen windig, sehr angenehm wie die erfrischende Brise von Südwesten die Schwüle auflockert und…

Moment mal!
Brise von Südwesten?!?
Aber da toben doch gerade diese gewaltigen Unwetter!
Das bedeutet doch…

Ich schaue kurz hoch in den grauen, wolkenverhangenen Himmel.
Wohin ziehen die Wolken?
Tatsächlich: Sie ziehen nach Nordosten, und zwar zügig.
Und das bedeutet, dass die nachtschwarzen, zutiefst beunruhigenden Unwetterfronten auf dem Weg zu mir sind!
Ach du sch…

Ich lege einen Zahn zu, vielleicht sind es auch zwei Zähne.
Schluss mit tranig, die finsteren, bedrohlich blitzenden Wolken treiben mich an – bloss beeilen, vielleicht schaff´ ich es noch, zumindest die nächste paar Kilometer durchs vollkommen offene Gelände, da möchte ich nämlich auf keinen Fall von einem so gewaltigen Gewittersturm überrascht werden.

Läuft überraschend gut.
Mit langen, hastigen Schritten fliege ich über den Asphaltierten Weg, vorbei an den Infotafeln die die Benjeshecke am Wegesrand erklären, vorbei an einem einsamen Radler, der mir entgegenkommt und seinerseits beunruhigte Blicke auf das näherrückende Inferno im Südwesten wirft, schließlich vorbei an den Bäumen, Häusern und Wegkreuzen von Maria Einsiedel, bis hin zur Kreuzung am Hubertushof.

Hier geht´s rechts, auf eine Zweikilometergerade zurück nach Norden, in Richtung der L3112.
Inzwischen atme ich schon etwas schwerer, bin vollkommen geschwitzt, aber ich mache weiter Tempo. Hinter mir ziehen unaufhaltsam die dunklen Sturmwolken heran, sie sind schneller als ich, es wird immer finsterer. Nur vor mir ist der Himmel noch heller, freundlicher aber dieses lichte Stück Himmel driftet immer weiter weg von mir, als würde es vor dem Zorn der Gewitterwolken fliehen.

Gewitterstimmung. Fahles, dunkles Licht über den Feldern und Weiden, die Pferde und Kühe links des Weges scheinen geduckt, wirken nervös. Inn der Ferne bellt ein Hund, auf dem Weg liegt eine tote Katze, es ist stickig, gewittrig, unwirklich, und ich renne.
Nur weg von dem dräuenden Sturm, bevor er mich verschlingt.

1,2 km, dann erreiche ich die Aussiedlerhöfe am Stockweg.
Die ersten Regentropfen fallen, auf einmal ist es dämmrig.
Ich laufe weiter, schnell, leicht geduckt, die letzten Meter durchs Offene Gelände, bis ich wieder am Rand des Jägersburger Waldes bin, der mir wenigstens ein bisschen trügerischen Schutz vor dem Unwetter verspricht (denn die Bäume sind deutlich höher als ich, wenn es wirklich zu blitzen anfängt, geben die hoffentlich bessere Ziele ab).

Schließlich die L3112 zwischen Gernsheim und Hähnlein, jetzt muss ich nur noch dem Radweg neben der Landstrasse nach rechts folgen, 2 km durch den Wald, dann hab´ ich es geschafft.
Inzwischen ist es stockfinster, es regnet stark, dichte dicke kalte Tropfen prasseln auf mich hernieder, entwickeln dabei überraschend viel Wucht, so dass ich mich Frage, ob da nicht auch ein bisschen Hagel dabei ist.

Und so haste ich weiter, neben der Landstrasse durch den dampfenden, verregneten Wald. Meine Brille ist nass, beschlagen, die Sicht entsprechend schlecht, die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos verwandeln zunehmends in diamantenfärmige Farbkleckse, der Radweg in en Labyrinth aus tiefen Pfützen und unzähligen Schnecken, die der Platzregen aus ihren Löchern auf den Asphalt getrieben hat.

Inzwischen rast mein Puls, Atem und Beine sind schwer, das Shirt klebt an meinem Oberkörper, gleichermaßen durchtränkt von Schweiss und Regen. Aber ich renne weiter. Ist ja nicht mehr weit.
Und bisher hat es hier weder geblitzt noch gedonnert, anscheinend habe ich doch Glück, und es ist nicht die Sturmfront aus Rheinland-Pfalz, sondern nur ein schwere Regengebiet…

Die Autobahnbrücke über die A67 kommt in Sicht, dann ist sie da, es geht aufwärts (uijuijui, das zieht rein), ich überquere die Autobahn, nochmal mit einem besonders mulmigen Gefühl (hier über der A67 wachsen keine Bäume, da bin ich für ein paar Sekunden der höchste Punkt in der unmittelbaren Umgebung. Da beruhigt auch die rationale Erkenntnis wenig, dass es statistisch praktisch unmöglich ist, dass gerade jetzt gerade hier in Blitz einschlägt…), dann geht´s abwärts, auf dem Radweg zwischen Wald und Strasse runter in Richtung Hähnlein, schnaufen, japsend, keuchend, mit wummerndem Puls, brennenden Beinen und zugenässter Brille über die Autobahnauffahrt und schließlich zum Waldrand, über die Strasse, zur Verdichterstation, wo ich fix und fertig ankomme, durchnässt bis auf die Knochen aber nicht vom Unwetter verschlungen.

Seltsamer Lauf zum Einstieg.
Seltsame Atmosphäre, seltsame Tagesform, und eine seltsame Aufteilung zwischen schnell und langsam, die am Ende eine etwas enttäuschend unseltsame Durchschnittsgeschwinigkeit ergibt.
Aber es hat halbwegs geklappt, da kann man drauf aufbauen.
Und vielleicht wird´s ja am Wochende was mit dem Premiumlauf…

Strecke: 10 km
Zeit: 0:58 h (10,34 km/h bzw. 5:48 min/km)
Neue Strecke: Keine
Karte:
Gewitterrunde Jaegersburger Wald

M.

Advertisements

12 Antworten to “Die erste Tour danach: Einmal Jägersburger Wald (10 km)”

  1. dauerlaufen Says:

    Das war gefährlich. Statistik hin oder her. Das Wetter ist zur Zeit einfach nicht berechenbar. Ich musste mich vorgestern auch ausschimpfen lassen, weil ich im Wald gelaufen bin, trotz launischen dunklen Wolken. Viel Spaß beim Prämienlauf.

    • matbs Says:

      Na ja, das war halt einfach nicht so absehbar, als ich losgelaufen bin. Und was soll man machen, wenn´s einen dann unterwegs überrascht?
      Da muss man dann eben durch, auch wenn sich´s leicht mulmig anfühlt…

      Den großen Premiumlauf hab´ ich leider immer noch nicht geschafft, vor allem wegen „Wetter Zu Schlecht“ und „Zu Müde“.
      Aber demnächst…

  2. Heidi Says:

    Jo, genau dort waren wir gestern mit den Rennrädern auch unterwegs, vermutlich zur selben Uhrzeit und haben nur noch geschaut, dass wir irgendwie heimkommen.

    Da haste ja nochmal Glück gehabt, aber wie du mir selbst gesagt hast: Bei Gewitter läuft man zur Höchstform auf :-/

    TOTE KATZE???? Sicher, dass die echt tot war? Hast du mal nachgeguckt?

    • matbs Says:

      War schon beeindruckend, wie die nachtschwarze Gewitterfront immer näher gekommen ist, oder?

      Die arme Katze war ziemlich sicher tot, wahrscheinlich ist sie von einem Auto erwischt worden.

  3. Hannes Says:

    Seltsam? Ich würde es gruselig nennen. So wirkt zumindest dein Bericht, hastig, nervös, ängstlich. Nur verständlich bei dem Wetter. – Aber schön, dass du dich aufgemacht hast und unterwegs warst. Gelohnt hat es sich ja.

    • matbs Says:

      Naja, also in Panik war ich noch nicht… 😉
      Aber unangnehm war´s schon, unter den immer dunkler werdenden Unwetterwolken zu laufen.

  4. Christian Says:

    He Matthias,

    manchmal muss man einfach laufen gehen, auch wenn man müde ist und eigentlich keine Lust hat, aber deshalb gleich fremdverursacht ein Rennen gegen die Wolken zu beginnen ? Mir unverständlich 😉

    „als ich in sicherem Abstand beginne, die Sohlen auf dem Schotter schleifen zu lassen, um sie vorzuwarnen bevor ich überhole“

    Soso, mann kündigt sich an, will nicht erschrecken oder gar angegriffen werden, weil mann verkannt wird. Nene, hast schon Recht, genauso mach ich es auch, ein Husten, ein lautes Räuspern oder Füße schleifen lassen…

    Ich wünsch Dir erholsame Tage, was machst Du denn jetzt, so ganz ohne Beschäftigung ?

    Salut

    • matbs Says:

      Müssen muss man nicht, aber man kann. 🙂

      Die Behauptung, ich hätte „fremdverursacht ein Rennen begonnen“ ist nicht stimmig – denn wenn´s fremdverursacht ist, hab´ ich ja nicht angefangen… 😀

      Was mach´ ich ohne Beschäftigung?
      Och, diesundas.
      Zum Beispiel mit Freunden Treffen, viel schlafen (den Sonntag hab´ ich vor lauter Müdigkeit praktisch durchgeknackt), mal wieder richtig die Wohnung aufräumen (adé, ihr Unmengen von kopiertem und eng beschriebenem Papier, die ich nun nie wieder brauche – ab in die Papiertonne mit euch. Befreiend), oder anfangen nach Frankreich zu laufen (Bericht folgt später).
      So Zeugs halt.
      Langweilig isses auf jeden Fall noch nicht. 😀

  5. Gerd Says:

    Da hatten wir ja Glück, dass Du nicht vom Blitz getroffen wurdest.
    Was mich ein bisschen enttäuscht, ist die Tatsache, dass das Gewitter schneller war als Du! 😉
    Gruß von einem Urlauber der immer tranig läuft und auch noch Spaß dabei hat! 😆

    • matbs Says:

      Wie gesagt: Statistisch war das kein Glück sondern zu erwarten.
      Gefühlsmässig dann aber schon irgendwie.

      Das Gewitter war natürlich nicht schneller als ich, ich hab´ es nur gewinnen lassen, damit es nicht noch wütend wird und mich absichtlich verblitzt.
      Jawoll, genau so war das! 😆


  6. […] Die erste Tour danach: Einmal Jägersburger Wald (10 km) […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: