Im Abendlicht durchs Ried: Hüttenfeld – Neuschloß und zurück (14,2 km)

19. August 2009

Schon komisch:
Inzwischen hab´ ich hab´ ich – rein mental betrachtet – überhaupt kein Problem mehr damit, auf einen 20er oder meinetwegen sogar einen 25er in die Berge zu starten.
So what? Das geht schon…

Aber wenn ich mir vorstelle, eine vergleichbare Distanz im Flachland zu laufen, sträubt sich irgendwas in mir.
Nicht wirklich stark, aber merklich:
Da ist man ja ewig unterwegs.
Und wo soll man da überhaupt hin?
Und Aussicht gibt´s da auch keine.
Und außerdem ist Flachlandlaufen ja auch irgendwie auch immer etwas unbequem…

Ist natürlich reine Kopfsache.
In letzter Zeit bin ich nun mal vor allem Berge gelaufen, und das hat Riesenspass gemacht.
Die Touren ins Flachland hingegen waren meist eher kurz und – viel wichtiger – sie waren im Gegensatz zu den Bergläufen viel mehr Pflicht als Kür. Keine Premiumläufe ins Unbekannte, mit Herausforderung, Entdeckerstolz und Abenteuer, sondern Füllselrunden auf ausgetretenen Pfaden in der nähere Umgebung, die halt mal eingeschoben wurden weil keine Zeit/keine Lust für was „Anständiges“ war.
Kein Wunder, dass da der Funke nicht so sehr überspringt wie wenn man nach Herzenslust in den Pfälzerwald/den Taunus/den Odenwald hineinentdeckt.

Aaaaber, da kann man ja dran arbeiten.
Zum Beispiel, indem man sich mal wieder ein Stück interessantes, unbekanntes Flachland gönnt. Vielleicht nicht gleich 25 km, aber zumindest mal eine Distanz deutlich jenseits der zehn, um vielleicht wieder ein bisschen reinzukommen und zu sehen, ob und wie das noch so geht…


Ein passendes Stück interessantes, unbekanntes Flachland war schnell gefunden: Gar nicht allzuweit weg, im südlichsten Zipfel Hessens, gibt es links und rechts des großen Waldes, der sich von Einhausen und Lorsch bis Mannheim und Viernheim zieht (Lorscher Wald/Wildbahn), zwei kleine Rieddörfchen, die ich mir schon lange mal hatte erlaufen wollen: Hüttenfeld und Neuschloß.
Die beiden Örtchen sind nicht mal 20 km von zuhause entfernt, aber weil sie abseits der Hauptverkehrswege liegen, bin ich noch nie dagewesen oder auch nur durchgekommen – nicht mit dem Auto, nicht zu Fuß, nicht mit dem Fahrrad.
Ein weißer Fleck auf der Landkarte, praktisch vor der eigenen Haustür (davon gibt´s nicht mehr viele, das macht sie umso wertvoller… 😉 ), genau das Richtige für die heutige Tour!

Schon die Anreise ist richtig schön – brütendheisser Hochsommerabend mit über 30 Grad, und dann mit offenem Fenster und guter Musik (alt, handgemacht, die Art von Sound, bei der man sich eine Tolle frisieren und Heckflossen ans Auto bappen will) durchs sommerliche Ried.
Bekannte Strassen, und irgendwann biegt man dann rechts ab, wo man bisher noch nie rechts abgebogen ist, und plötzlich ist man ein einem fremden Teil von Südhessen.
Und einem hübschen dazu, mit weiten, goldbraunen Feldern und staubigen Wiesen, durchzogen von Kanälen und kleinen Wäldchen und Alleereihen aus uralten, turmhohen Bäumen (ich muss unbedingt mal rausfinden, was für Baume das da unten im Ried sind, langsam nervt es echt, das nicht zu wissen…).

Und dann bin ich am Start in Hüttenfeld, einem freundlichen kleinen Ortsteil von Lampertheim, der an diesem heißen Sommerabend einen leicht verschlafenen Eindruck macht.

Startpunkt am Schloss Rennhof am östlichen Dorfrand ausgesucht – das übrigens richtig was her macht – mehrflügeliger Bau mit charakteristischem Turm, erbaut 1853 von einem Baron Rothschild im Empire-Stil, beherbergt seit fast 60 Jahren das einzige Litauische Gymnasium in Westeuropa (damit hätte ich in Hüttenfeld jetzt wirklich nicht gerechnet…).
Sehr ansehnlich!

Ich starte in der Lorscher Str., an der Mauer des Schlossgeländes.
Kurz nach halb Acht, die Tageshitze ist noch nicht verflogen, es ist heiss, sonnig, die Luft riecht nach Sommer.
Richtig schön, ich freu´ mich auf die Tour…

Ich laufe südwärts, überquere die große Kreuzung vor dem Schloß und folge dann der Alfred-Delp-Str. in südwestlicher Richtung durchs Dorf.
Hüttenfeld gefällt mir – die Häuser hier im Ortskern stehen eng, sind nicht zu groß, nicht zu neu, irgendwie heimelig. Es riecht nach gegrilltem und irgendwie ein bisschen nach Pfeifenrauch, die ersten Hüttenfelder trauen sich nach der Mittagsiesta wieder hinaus, führen Hunde spazieren, stehen plaudernd an Strassenecken…
Dorfidylle, gefällt mir.

Ich passiere ein Zweckgebäude neuern Datums (offenbar ein Gemeindezentrum), laufe danach unter schattigen Bäumen an einem Sportplatz entlang (davor eine eigens eingerichtete Hundetoilette [auch das nicht gerade häufig auf dem Land] in der ein älterer Herr gerade seinen Jack-Russell zur Darmentleerung bewegen möchte) und erreiche schließlich die Landstrasse (L3111), die in einem weiten Halbkreis den westlichen Dorfrand umschmiegt.

Kurzes Warten an einer Fußgängerampel, dann bin ich rüber und raus aus Hüttenfeld, der (unmarkierte) Weg führt weiter südwestwärts, vorbei an ein paar grünen Kleingärten in denen einige Fahnen träge im Sommerwind dümpeln, und weiter, hinaus in die weiten, goldbraun-staubigen Felder westlich von Hüttenfeld, übeauf die die bereits schräg stehende Sommersonne mit ungebrochener Kraft hinunterbrennt.
Heiss hier, richtig heiss, aber die Hitze ist trocken, fast angenehm über dem sandigen Erdreich des Rieds – solange ich das Tempo moderat halte, stört sie nicht weiter.

Am Ende der Kleingärten eine Kreuzung, hier biege ich links ab, laufe zwischen Feldern mit fast mannshohen, fedrigen Spargelbüschen zum nahen Rand des großen Waldes, der die offenen Felder wie eine grüne Wand begrenzt. Dort angekommen wende ich mich rechts, westwärts, und folge einem bequemen, staubigen Pfad, der zwischen dem tiefen Schatten der Bäume (von dem allerdings kein Quäntchen zu mir herüberfällt) und den schier endlosen, in Abendlicht gehüllten Feldern, hinter denen der unverwechselbare Hügel der renaturierten Mülldeponie südlich von Lorsch und direkt neben der Autobahn aufragt.

Würde gut laufen, wenn da nicht mein linkes Bein wäre (ist ja fast immer mein linkes Bein, die zickige Diva), dem das Flachlandlaufen nicht gefällt. Es muckt und krampft ein bisschen, wie so oft ist es der Muskel vorne am Schienbein (musculus tibialis anterior, wie wir alle vor einiger Zeit gelernt haben 😉 ). Nicht schlimm, wird sich wahrscheinlich noch rauslaufen (tut´s meistens), aber im Moment stört es doch schon ein bisschen, mehr als die Hitze und die schräge Sonneneinstrahlung von vorne…

Ansonsten aber alles gut, ich komme gut (wenn auch bewusst gemächlich) voran, während vor mir langsam das quer verlaufende Band der A67 in Sicht kommt, auf dem sich täuschend langsam aussehende Autos und Lastwagen in nicht enden wollender Abfolge und surrealer Stille (der Wind kommt anscheinend von hinten/Osten, da dringt kein Laut von der Autobahn über die Felder) hin- und herbewegen. Bin ich selbst schon X-mal gefahren, heute sehe ich die Autobahn zum ersten Mal von außen, aus anderer Perspektive, das gefällt mir.

Ein langes Stück, ca. 1,3 km am Waldrand, dann erreiche ich eine alte Brücke, die über die – inzwischen doch schon deutlich hörbare – A67 führt. Bevor ich sie überquere halte ich kurz an, um mir eine tolle alte Buche (??) am Wegesrand anzuschauen, die aus einem einzigen Stumpf sechs oder sieben separate Stämme ausgebildet hat, die sich nun dicht an dicht nach oben Strecken. Kann mich nicht erinnern, etwas Ähnliches schon mal bewusst zur Kenntnis genommen zu haben.

Dann geht´s auf die Brücke, über die Autobahn. Angesichts der kleinen Steigung verstummt mein linker m.tibialis.anteriorem mal kurz.
Oben der obligatorische Blick runter auf die altbekannte Fahrbahn, nun aus einer fast altbekannten Alternative.
Untern auf der Autobahn ist eine Riesenbaustelle, alle drei nach Süden laufenden Spuren sind vollgesperrt, Nord- und Südverkehr sind voll auf die Nord-Trasse umgelegt.
Ich werde kurz schwach, überlege ob ich nicht spontan die Strecke ändern soll: Auf einer Autobahn wollte ich schon immer mal laufen, und da unten hätte ich dank Baustelle und Sperrung drei fette Spuren ganz alleine für mich (gebaut wird gerade nicht, ist wohl schon zu spät heute).
Das wär´ schon cool, und so ein Streifen Autobahn im Streckennetz, das hätte was.
Hmmm…

Am Ende gewinnen aber doch die Vernunft und vor allem der wunderschöne, geheimnisvoll-riesige Wald, der auf der anderen Autobahnseite auf mich wartet -ich laufe jenseits der Brücke geradeaus, wie geplant mittenrein in die baumbestandenen Weiten der „Wildbahn“.

Erste Erkenntnis: Hier im Wald ist es nur unwesentlich wirklich kühler. Zwar hilft der Schatten ein klein wenig, doch das hier unten ist klassischer Ried-Flachlandwald, ein Mix aus schlanken, grobborkigen Kiefern und kleineren Laubbäumen auf Sandboden, entsprechend ist es trocken und warm.
Zweite Erkenntnis: Aber dafür riecht es hier gut, wohl auch dank der Kiefern hängt zwischen den Bäumen ein angenehm aromatischer Harz-geruch, der ein wenig an ätherische Öle erinnert.

Ich folge dem Grenzweg (erst unmarkiert, dann für den Rest des Waldes gelbe 4), weiter westwärts, mit dem Ziel, den Wald der Breite nach zu durchqueren.
Das dauert, denn wie bereits erwähnt: Lorscher Wald, Wildbahn und Käfertaler Wald bilden ein riesiges zusammenhängendes Waldgebiet von mindestens 50 oder 60 Quadratkilometern, da sind es selbst an einer relativ schmalen Stelle mehrere Kilometer, bis man durch ist.
Macht aber nichts, denn der Wald ist abwechslungsreich und hübsch – da wechseln sich dunkle Laubwaldpartien mit lichten Kiefernhainen ab, hin und wieder geht es auch mal durch eine wunderschöne Lichtung mit Beerenhecken und schimmernden Gräsern, deren Rispen im rötlicher werdenden Licht der sinkenden Sonne herrlich mit einem inneren Glanz zu erschimmern scheinen.
Und auch der Weg selbst ist überaus angenehm: Weicher Boden, mit ein paar winzigen Hügelchen und Dellen, und – das gefällt mir ganz besonders – mit ein paar kleinen Windungen und Kurven – nichts Weltbewegendes, nur soviel, dass er nicht als endlose Gerade erscheint sondern immer mal um ein paar Grad abweicht.
Und das linke Bein hält inzwischen auch die Klappe…

Und so geht´s lange, lange geradeaus. Kurz nach der Brücke überquere ich die parallel verlaufende Riedlinie, auf der Ingo und ich vor über zwei Jahren beim langen, langen Lauf von zuhause nach Mannheim entlanggekommen sind (ich bilde mir sogar ein, mich an diese Stelle zu erinnern, aber der Wald sieht natürlich alllenthalben relativ ähnlich aus, also ohne Gewähr) danach geht´s immer weiter, im angenehmen Trab unter den Wipfeln nach Westen, auf dem langen, weichen Waldweg, der nur hin und wieder mal von einer Querschneise gekreuzt wird, die sich, wie mit dem Lineal gezogen, schnell in der grünen Weite verliert.

Die Sonne ist inzwischen so tief gesunken, dass sie nicht mehr zwischen den Wipfeln erkennbar ist, das Licht im Wald wird gedämpfter, monochromer, Grillen und Zikaden zirpen Abendlieder, es ist ein bisschen einsam – das einzige andere menschliche Wesen, dass mir hier draußen begegnet, ist ein schnell vorbeihuschender Radfahrer, klein, drahtig und in einen giftgrünen Möchtegernradprofistrampelanzug gestopft, der von warhaft epischer Häßlichkeit ist (manchmal frage ich mich ja, ob die Designer von „ernsthaften“ Sportklamotten sich nicht alle heimlich totlachen über die Leute, die ihre Produkte kaufen und dann auch noch tatsächlich anziehen – ein großer Witz auf Kosten der Horden von unkritisch-equipmentverliebten Sportneurotikern, denen guter Geschmack und Sinn für Dekorum abhanden kommen, sobald jemand mit einem hochpreisigen und mutmaßlich leistungssteigernden Ganzkörperkondom aus schweissfressender Micromegahyperweave-Faser in Größe H [wie „Hodenquetschung] winkt…

Die Vorstellung gefällt mir, vielleicht werd´ ich ja Designer für peinliche Sportklamotten wenn ich groß bin, das ist offensichtlich ein Wachstumsmarkt… 😀 ).

So langsam erwarte ich hinter jeder kleinen Wegbiegung das Ende des Waldes.
Aber das lässt auf sich warten, schließlich hat die Wildbahn hier eine Breite von über dreieinhalb Kilometern, da braucht´s bei moderatem Tempo mehr als 20 Minuten, bis man durch ist, und das Zeitgefühl verabschiedet sich irgendwann so ein bisschen vor lauter Bäumen.

Erstes Anzeichen des Waldrandes ist schließlich ein neuer Geruch (Gerüche fallen mir heute anscheinend besonders gut in die Nase, keine Ahnung warum), nämlich das Aroma von Zwiebeln, das von den Feldern westlich des Wald zwischen die Bäume hineinweht.

Und dann bin ich draußen, verlasse den Waldschatten und laufe hinaus in die Feldlandschaft östlich von Lampertheim.

Richtig, richtig schön!
Ich hab´s ja schon verschiedentlich erwähnt: Das weite, flache Ried mit seinen unendlichen Feldern und Wiesen, den schmalen Baumreihen und verwinkelten Gräben und Kanälen, und seinen kleinen Dörfern und dem offenen, hohen Himmel ist eine Landschaft, die wie gemacht ist für lange, warme Sommerabende:
Wenn das ehemals gleissende Licht der sinkenden Sonne rot und schwer und geheimnisvoll wird und schräg und träge in die Ebene hineinflutet, wenn die flirrende Hitze des Tages einer wohligen, trockenen Abendwärme weicht, die mehr aus dem staubigen Sandboden zu kommen scheint als von dem flammendroten Glutball, der sich mehr und mehr dem Horizont annähert, wenn sich der Himmel langsam von diesigem Blau zu einem tiefen Purpur verfärbt und drüben im Osten über der fernen Bergstrasse die ersten Sterne sichtbar werden, wenn vom Rhein her ein leichter, aromatischer Abendwind über die Ebene weht und zwischen den Spargel- und Getreidefeldern hindurchwispert, dann ist es schön hier draußen, mindestens so schön wie drüben in den Bergen, die sich als blaue Silhouette rechten am Horizont abzeichnen, oder unten am Rheinufer, das unsichtbar jenseits der Äcker und Bäume liegt.

Sorry, pompös-verschachtelter Monstersatz.
Sowas kommt vor, wenn Amateure versuchen, die Poesie eines Sommerabends im Ried einzufangen… 😉

Kurz noch geradeaus, zwischen den letzten Waldausläufern und – wieder mal – einem Spargelfeld westwärts, begleitet vom Bellen eines einsamen Hundes auf den Hofgebäuden etwas jenseits des Weges, dann rechts hoch, nordwärts die Mannheimer Strasse hinauf.
Eigentlich ist es gar keine richtige Strasse, nur ein breiter, staubiger Feldweg – aber der Name deutet daraufhin, dass das hier irgendwann mal, vor Autobahn und Bundesstrassen mal der Hauptweg von Lorsch hinunter nach Mannheim war (während ich beim Laufen darüber nachgrübele, fällt mir ein, dass der junge Friedrich Schiller irgendwann mal von Mannheim nach Darmstadt gewandert ist – vielleicht hat er vor über 200 Jahren denselben staubigen Feldweg benutzt, auf dem ich gerade entlanglaufe…?).

Inzwischen sind es vielleicht noch 20 Minuten bis zum endgültigen Sonnenuntergang, die Schatten sind lang, die rote Sonne hängt bereits so tief über den Hügeln Rheinhessens im Westen, dass ihre Strahlen nicht mehr über die vereinzelten Baumreihen hinwegreichen. Dort wo sie noch durchkommen fangen sie sich in der staubigen Luft, so dass die Ebene warm und diffus zu simmern scheint, oder sie verlieren sich mit kleinen Regenbögen im faszinierenden Ballett der Bewässerungsanlagen, die die Felder sprengen.
Ruhig und friedlich ist es hier auch, jenseits der Äcker im Westen dämmert Lampertheim der Dunkelheit entgegen, noch weiter entfernt kann ich dunkel die mächtigen Türme der Nibelungenbrücke ausmachen, die bei Worms den Rhein überspannt.

Die Mannheimer Str. läuft sich gut, und jetzt wo es nicht mehr ganz so heiss ist und mein linkes Bein Ruhe gegeben hat, lege ich einen Schritt zu, nicht hastig (dazu ist die Abendstimmung viel zu schön) aber zügig und gleichmäßig, während diverse Felder und ein paar Kleingärten an mir vorbeiziehen. Einmal erwischt mich eine der Bewässerungsanlagen, die bis auf den Weg wässert, eiskalt und erfrischend, ansonsten passiert nichts besonderes.

Nach knapp 1,6 km erreiche ich Neuschloß.
Kleiner Ort am Waldrand, freundlich und ruhig, besteht aus nicht zu alten Einfamilienhäuser mit grünen Gärtchen, die Strassen sind alle nach Bäumen benannt, ein klares Zeichen dafür, dass dieses Wohngebiet relativ neu ist und zentral geplant wurde (das stimmt auch – das Dorf Neuschloß wurde offenbar erst ab den Fünfziger Jahren besiedelt, vorher gab es nur das alte Jagdschloss).

Ich laufe den Birkenweg hoch (an allen Hoftoren Hängen Schilder, die sich gegen den Bau einer neuen ICE-Trasse aussprechen, das ist wohl das große Thema hier in Neuschloß), an dessen Ende gelange ich über das Pfädchen zu einer Bushaltestelle komme die Forsthausstr./L3110, die ich überquere und dann am hübschen Schloss vorbei den Alten Lorscher Weg hochlaufe.

Noch 250 m. ist Neuschloß vorbei und ich bin wieder im Wald.
Zeit für den Rückweg.

Die richtige Abzweigung verpasse ich gleich mal, also nehm ´ ich halt die nächste, scharf rechts zwischen Kiefern und Föhren hindurch, bis ich den Mühlweg erreiche, und wenig später dann die alte Hemsbacher Strasse (die genausowenig eine richtige Asphaltstrasse ist wie die Mannheimer Str. vorhin. Na ja, eigentlich ist sie´s noch viel weniger, den auf dem schmalen Weg wächst kniehohes Gras).

Die Sonne dürfte inzwischen untergegangen sein, der Wald wird so langsam ernsthaft dämmrig.
Deshalb beeile ich mich, jetzt richtig – ich will aus jedem Fall durch den Wald durch sein, bevor es zu dunkel ist um mein Plänchen zu lesen.
Fremder Wald + Dunkelheit sind keine idealen Vorausetzungen zur Orientierung, also lieber etwas mehr Tempo.

Der Weg führt lange Ostwärts.
Rechts höre ich immer mal ein Auto über die von Bäumen verdeckte und vielleicht 200 m. entfernte L3110 rauschen, das gibt etwas Sicherheit, nach dem Motto „Wenn´s zu finster wird kann ich mich immer noch zur Strasse durchschlagen…“.
Irgendwann überquere ich einen Asphaltweg, der wahrscheinlich zur großen Lichtung nördlich von mir führt, auf der irgendwelche Sendeanlagen der Amerikaner stehen (Radio Free Europe, glaube ich).

Danach wird der Weg noch etwas abenteuerlicher: Höheres Gras, wildschweinaufewühltes Erdreich, und heller wird´s auch nicht.
Als dann auch noch irgendwo ein Schuß ertönt, wird´s mir fast ein bisschen mulmig (weiss nicht, wie´s euch geht, aber die Vorstellung, dass irgendwo da draußen ein Jäger auf einem Hochsitz hockt und einem im Fadenkreuz seines Zielfernrohrs beim Rennen zusieht, beunruhigt mich immer ein wenig…).
Also: Lieber noch ein bisschen schneller…

Nachdem ich vielleicht zwei oder zweieinhalb Kilometer durch den Wald gelaufen bin, endet der Weg an einer Querschneise.
Laut Plänchen sollte da eigentlich ein Pfad geradeaus weitergehen, aber wenn der mal da war, ist er längst zugewuchert.
Nix zu machen, außer ich will querfeldein durch den dämmrigen Wald (will ich nicht), also folge ich der Querschneise notgedrungen nach rechts bis an die Landstrasse runter, in der Hoffnung, dort einen ordentlichen Radweg oder wenigstens einen breiten Seitenstreifen zu finden, der mich zurück nach Hüttenfeld bring.

Ich habe Glück: Es gibt tatsächlich einen schönen, betonierten Radweg zwei Meter neben der Fahrbahn.
Dem folge ich nun einfach, neben der L3110 zurück nach Osten.
Läuft sich gut, auch wenn ich so langsam etwas außer Atem komme, wegen dem höheren Tempo. Macht aber nichts, ist ja nicht mehr weit…

Nach 750 m. überquere ich zum zweiten Mal auf der heutigen Tour die Riedlinie (und an dieses Stück kann ich mich tatsächlich noch vom Lauf mit Ingo vor über zwei Jahren erinnern), direkt danach geht´s aufwärts zur Autobahnbrücke, auf der ich – ebenfalls zum zweiten Mal auf der heutigen Tour – die A67 überquere.

Direkt über der Autobahn halte ich noch mal kurz an und werfe einen Blick zurück: Der Himmel im Westen erstrahlt in einer Sinfonie aus durchdringen Rot- und Orangetönen, die die untergegangene Sonne als letzten Gruß über den Horizont schickt. Traumhaft schön.

Dann geht´s abwärts, am Forsthaus Wildbahn vorbei und schließlich aus dem Wald hinaus – jetzt bin ich wieder im offenen Gelände östlich der Autobahn: Hinter mir der brennende Sonnenuntergangshimmel, vor mir Hüttenfeld, dahinter die vertrauten blauen Kämme und Gipfel der Bergstrasse, die im Abendschatten versinken.

Fast geschafft, nur noch geradeaus, weiterhin bequemer Fußweg neben der Strasse, an diversen Aussiedlerhöfen und Gestüten vorbei durch die samtene Dämmerung.
Immer noch recht schnell, schwitzend, japsend, denn es ist immer noch bannig warm hier unten.

Nach etwas über einem Kilometer erreiche ich den Verkehrskreisel am Rand von Hüttenfeld, überquere ihn, und laufe dann auf der Lampertheimer Str. ins Dorf ein, während sich am Himmel ganz schwar die ersten Sterne abzeichnen.

Noch ein halber Kilometer Hüttenfeld, mit Bonusslalom zwischen an der Strasse stehenden Mülltonnen, vorbei an einer einprägsamen aber keinesfalls hübschen modernen Backsteinkirche, dann bin ich wieder am Schloss, und damit am Ziel.

Noch ein, zwei Minuten Verschnaufen und Bilanzieren (Alles recht ok, nur meine linke Seite tut wieder ein bisschen Weh, obwohl der Bluterguß fast weg ist. Sollte ich mir da vielleicht doch eine Rippe oder sowas angeknackst haben? Oder bin ich gerade wieder hypochondrisch??), dann geht´s heimwärts.
Mit offenem Fenster auf nun nicht mehr ganz unbekannten Wegen zufrieden und entspannt durch die beginnende Tropennacht.
Manchmal ist Flachland gar nicht so übel… 🙂

Strecke: 14,2 km
Zeit: 1:25 h (= 10,02 km/h bzw. 5:59 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 99,93% (14,19 km von 14,2 km)
Karte:
Huettenfeld-Neuschloss
M.

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10 Antworten to “Im Abendlicht durchs Ried: Hüttenfeld – Neuschloß und zurück (14,2 km)”

  1. Kümmel Says:

    Hüttenfeld ist doch (angeblich, mir bis vor einiger Zeit auch vollkommen unbekannt – also nicht Hüttenfeld selbst sondern die Bekanntheit) wegen der Litauer international bekannt oder vielleicht anders ausgedrückt nicht ganz unbekannt.

    Die Lage von Hüttenfeld ist jedenfalls auch bemerkenswert. Im Osten macht das Horn von Baden-Württemberg einen Westknick direkt an Hüttenfeld heran (nur zur Erinnerung: im Osten des Hornes gibt es dieses Grenzgekneul von Ober-Laudenbach) und im Westen ist die heutige Umgehungsstraße. Sieht also alles ziemlich eingequetscht aus. Aber Richtung Osten gäbe es eh nicht viel auszubreiten, weil da u.a. schon bald die beiden Weschnitzgräben sind.

    Die Bäume die du suchst dürften Pappeln sein. Diese Reihe zieht sich bis rüber zum Heppenheimer Flugplatz (zwischen A5 und Bruchsee).

    Und solltest du mal mit einem motorisierten Gefährt nach Neuschloß kommen: Blitzeralarm 😉

    Den Autobahnabschnitt solltest du aber wirklich mal machen. Ist echt ein tolles Gefühl eine Strecke zu laufen, auf der man ständig fährt und die aber wegen Bauarbeiten z.B. gerade abgefräßt und gesperrt ist. Habe ich aber nur mal ein paar Spuren weniger im Ort erlebt. Und da ist nahezu ausschließlich die A5 benutze ist die A67 dann eher was für dich.

    • matbs Says:

      So sei es: Die mysteriösen Riedbaumreihenbäume gelten von nun als als Pappeln!
      Dankeschön! 🙂

      Dass Hüttenfeld wegen der Litauer international bekannt sein soll hab´ ich auch gelesen, aber wahrscheinlich bin ich einfach nicht international genug: Bevor ich vor zwei Jahren ernsthaft mit der Lauferei angefangen habe, wusste ich nicht mal, dass es Hüttenfeld überhaupt gibt…

      Ja, die Dorfform ist schon ein bisschen ungewöhnlich, gerade auch wegen der beiden Strahlenförmig aufs Schloss zulaufenden „Hauptstrassen“ – aber nett, mal was anderes als das übliche Ried-Haufendorf. ´

      Ober-Laudenbach ist inzwischen glaub´ ich der nächstegelegene Ort von mir zu hause, den ich noch nie besucht hab.
      Wird Zeit, sich das mal näher anzusehen…

      Ob ich nochmal motorisiert durch Neuschloß komme, kann ich nicht sagen, aber nachdem´s in den letzten 31 Jahren nicht geklappt hat, hab´ ich zumindest für die nahe Zukunft leichte Zweifel… 😉

      Und das mit der Autobahn schwebt mir tatsächlich auch immer noch im Kopf rum.
      Ich fahr´ nachher gleich die A67 runter in Richtung Mannheim, da werd´ ich mir nochmal ganz genau anschauen, von wo bis wo die Baustelle reicht…

      Schönes WE, und danke für die Pappeln!

  2. Christian Says:

    Waidmannsheil Matthias,

    da Du den Bericht schreiben konntest muss Dich der Jäger verfehlt haben. Dein Lauf in den Sonnenuntergang hatte alles aufzubieten, was man von einem Lauf in den Sonnenuntergang erwarten kann – oder auf neudeutsch: You get what you paid for 😀
    Gibt es bei Dir eigentlich keine Zecken? Wenn Du so durchs hohe Gras läufst finde ich die Zeckengefahr bedenklicher als von einem übermotivierten Jäger getroffen zu werden.

    Trotzdem ein schöner Laufbericht

    Salut

    Christian

    • matbs Says:

      Offenbar war ich keine ansprechende Beute – ist aber auch verständlich, ich wollte meinen ausgestopften Kopf auch nicht über dem Schreibtisch hängen haben… 😆

      Eigentlich ist hier alles voll mit Zecken, der Hund hatte in der Hochphase jeden Tag mindestens drei oder vier (inzwischen scheint die Saison gottseidank abgeflaut zu sein), aber an mich gehen die Drecksbiester irgendwie nicht so sehr – entweder ich hab´ einfach nur Glück, oder sie verirren sich in meiner Beinbehaarung und kommen nicht zum Ziel, aber bisher hatte ich in den letzten zwei Jahren nur eine einzige (die ich aber klassisch hypochondrisch gleich mal zum virulenten Borellienträger erklärt habe, was sich dann aber irgendwie nicht so bewahrheitet hat… 😉 ).
      Hoffenbtlich bleibt das auch so…

      Schönes WE

  3. dauerlaufen Says:

    Du musst nur ein und eins zusammenzählen um das Rätsel der quitschbunten Quetschklamotten zu lösen: Es ist der sicherste Weg nicht für Rehwild gehalten zu werden.
    Ich nehme mir ein Beispiel und fahre jetzt raus aus dem bekannten Gefilden um ins Unbekannte zu laufen/wandern/walken. Die kleine Runde langweilt mich hier vor Ort. Danke für den Anstoß.

    • matbs Says:

      Hmm, mit so Klamotten wird man vielleicht nicht für Rehwild gehalten, aber die Versuchung, dem solcherart gekleideten armen Schwein trotzdem den Gnadenschuss zu geben, dürfte recht hoch sein… 😀

      So, und jetzt raus mit dir ins Unbekannte, und geniess´ es mal schön.
      Werd´ ich gleich auch noch machen, der Weg nach Frankreich ruft! 🙂

  4. XYZ Says:

    He Matthias, ein schöner Lauf, in schöner Umgebung, mit schönen Eindrücken und Gefühlen. Ich frage mich nur, was dich immer mal zu diesen intoleranten Attacken gegen manche outfitmäßig perfekt gestylten u. ausgerüsteten Mitmenschen treibt. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein sportlicher Zeitgenosse sich in seinen quitschbunten, speziell für seine Sportart entworfenen Funktionsklamotten und Geräten rundum wohl, sicher und im Einklang mit dem Universum fühlen kann. Auch wenn das für einen Puristen (ich hoffe das Wort triffts) wie dich nicht nachvollziehbar ist.
    Ausserdem, wo bliebe die betroffene Industrie, die vielen Billigarbeitsplätze in Fernost, die gepfefferten Preisspannen der Verkäufer hier, ja so hängt doch einer am anderen. Und solange es boomt, boomts!
    So, dass mußte ich einfach mal loswerden!!!

    • matbs Says:

      Bloggen lebt von Spannung und Meinungen, da darf man auch mal etwas pointiert und überspitzt formulieren. 😉

      Außerdem: Wer als bunte Preßwurst verkleidet durch den Wald fährt, hat ein so starkes Selbstwertgefühl, dass er mit sowas klarkommt (und außerdem liesst er hier eh nicht mit)… 😀


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