Badischer Odenwald: Leutershausen – Wilhemsfeld – Schriesheim mit Foto (25,6 km)

29. August 2009

So langsam bin ich mit meinem Weg nach Frankreich in Regionen vorgestoßen, die so weit weg von zuhause sind, dass dort zu laufen doch mit einem nicht zu unterschätzenden logistischen Aufwand verbunden ist.
Und diesen Aufwand konnte ich mir heute leider nicht leisten:
Zum Mittagessen mit meinen Eltern verabredet, direkt danach wollte ich weiter nach Rheinhessen um was mit Freunden zu unternehmen, da war keine Zeit für einen Tagesausflug in die Südpfalz.

Aber sowas ist ja kein Grund, die inzwischen schon fast obligatorische lange Bergtour mit dem Foto ausfallen zu lassen, schließlich gibt´s ja auch etwas näher noch total viel entdeckbares Mittelgebirge.
Zum Beispiel der südliche Odenwald, jenseits der Landesgrenzen im Badischen. Da bin ich vor zwei Jahren mal dran vorbeigeschrammt, als ich der Bergstrasse nach Süden gefolgt bin, aber so richtig innen drin laufen war ich noch nie.
Na ja, bis heute zumindest…


Da ich mich da unten praktisch gar nicht auskenne, hab´ ich einfach mal beschlossen, mir den Teltschikturm bei Wilhemsfeld anzusehen, der ist vorne auf der entsprechenden Wanderkarte abgebildet und sah interessant aus.
Start und Ziel an der Bergstrasse (wegen der Anbindung ans Streckennetz), respektive Leutershausen und die Strahlenburg über Schriesheim, schnell noch die Zwischenräume ausgefüllt, und fertig war die Route durch den badischen Odenwald.

Wegen der Verabredung zum Mittagessen verabedet war, ging´s heute früh los: Kurz nach Halb Zehn Uhr morgens stand ich auf einem kleinen Parkplatz am Endweg im morgendlich verschlafenen Neubaugebiet des Hirschberger Ortsteils Leutershausen
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Bild #1: Endweg Ecke Burgweg, Leutershausen

…und schaute respektvoll den Endweg hoch, der durch Neubaugebiet und Weinberge geradewegs den Hang hochführte.

Huijeh, das würde meinen notorisch gebeutelten Beinen gleich mal ordentlich einheizen…
(eigentlich wäre ich ja liebend gerne weiter oben gestartet, auf dem Wanderparkplatz Kehrrang am oberen Ende des Endweges, aber das ging natürlich nicht – schließlich wollte ichan bereits erlaufenen Stelle anfangen, und das war eben hier unten im Dorf, wo ich vor über zwei Jahren schon mal mit David und Ingo auf dem Weg nach Heidelberg vorbeigekommen war. Mannmannmann ist das langer her…).

Schöner Samstagmorgen, sonnig und frisch, relativ klar, ideale Bedingungen für eine lange Tour durch den Odenwald (wenn man mal von meinen standartmäßig etwas schweren und unwilligen Beinen absieht – aber die würden sich schon noch einlaufen, dachte ich mir), da fackelte ich nicht lange und lief los, ostwärts und steil aufwärts den Endweg hinauf.

Zumindest die ersten 50 m.

Dann fiel mir auf, dass ich noch keinen Überschneidungspunkt mit dem bisherigen Streckennetz hergestellt hatte, denn der Parkplatz, auf dem ich gestartet war, lag ein paar Meter über dem Burgweg, auf dem David, Ingo und ich seinerzeit entlanggelaufen waren.

Also zurück, noch mal runter bis zum Burgweg, dann rumgedreht und wieder den Endweg hoch.

Wie gesagt: Schön fies steil, genau das Richtige zum warmlaufen.
Überraschenderweise muckerten meine strapazierten Waden nur ein klein bisschen vor sich hin und machten ansonsten gut mit, entsprechend ging´s schwer atmend aber zügig den Hang hinauf, in der freundlichen Morgensonne zwischen den neuen Einfamilienhäusern ost- und aufwärts:
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Bild #2: Blick zurück nach den ersten 250 m., den Endweg runter. Bereits hier hatten man einen wunderbaren Blick über die Rheinebene (der allerdings gleich noch wesentlich besser werden sollte)

Nach etwas über 300 m. war Leutershausen dann zu Ende, stattdessen ging´s nun auf zwischen Büschen und Bäumen durch terassenartige Weinberge, in denen sich das milden Vormittagslicht fing…
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Bild #3: Seeehr hübsch

…und nach etwas über einem halben Kilometer (und den ersten 90 Höhenmetern) hatte ich den Waldrand am Kehrrang erreicht.

Kurz umdrehen und den Blick über über die weite, sonnige Ebene schweifen gelassen…
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Bild #4: Nach den anstrengenden ersten 90 Höhenmetern durchaus verdient

und weiter, über einen Platz mit einem etwas provisorisch wirkenden Holzkreuz…
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Bild #5: Etwas provisorisch wirkendes Holzkreuz am Waldrand über Leutershausen

…auf den Burgenweg (blaues B) auf dem es südwärts am Hang durch die wunderbare Weinbergslandschaft ging:
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Bild #6: Burgenweg

War so gar nicht geplant gewesen – eigentlich hatte ich dem HW32 (gelbes l l ) direkt nach Osten in die Berge folgen wollen, aber da´s gerade richtig gut lief, entschloss ich mich spontan zu einem kleinen Umweg, um die beiden Burgruinen Hirschburg und Schanzenköpfle oberhalb von Leutershausen mitzunehmen (laut vorheriger Internetrecherche sollten die zwar eher unspektakulär sein, aber hey, ich fühlte mich gut hatte einen Riesenspaß, also warum nicht?).

Bereits auf den nächsten paar hundert Metern zahlte sich die Entscheidung aus: Die Aussicht, die sich von hier oben über die steilen Rebenhänge hinweg in die Rheinebene bot, war schlichtweg atemberaubend:
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Bild #7: Der Ort da vorne, in der linken Bildmitte unterhalb des Berges, das ist bereits Schriesheim, das Ziel der heutigen Tour. Allerdings sollten es noch fast 25 km sein, bis ich dort einlaufen würde…

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Bild #8: Sieht gar nicht so steil aus.
Ist es aber!

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Bild #9: Vollpanorama:
Am unteren Bildrand mittig bis rechts: Leutershausen, links davon die B3 nach Schriesheim
In der Bildmitte ganz rechts mit dem großen Edeka-Gebäude der Gewerbepark Hirschberg (direkt davor verläuft die A5), links dahinter liegt Heddesheim.
Im Hintergrund: In der linken Bildhälfte das riesige Kraftwerk in Mannheim-Neckarau, in der Bildmitte erkennt man den Mannheimer Fernsehturm, der auch ungefähr die Lage der Innenstadt markiert, weiter rechts dann die nördlichen Mannheimer Vorstädte, dahinter Ludwigshafen, ganz rechts, wo der Wald losgeht, müsste auch noch irgendwo Viernheim liegen.
Kaum erkennbar sind die Höhenzüge des Pfälzerwaldes bzw. der Haardt am Horizont, die mit bloßem Auge eigentlich gut und klar erkennbar waren – da wollte der Foto leider mal wieder nicht…

Nach ca. 400 m. führte der Burgenweg leicht bergab und in den Wald hinein…
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Bild #10

…durchquerte ein kleines Tal mit einem plätschernden Brünnchen…
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Bild #11: Staudenbächle-Tal (die Endung „-bächle“ klingt irgendwie schon sehr badisch, finde ich

…und machte sich dann auf den Aufstieg zur Ruine Hirschburg:
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Bild #12: Blaues B und ein dickes Hinweisschild – hier war ich wohl richtig…

Und was für ein Aufstieg.
Ich persönlich neige ja instinktiv dazu, davon auszugehen, dass die großen Hauptwanderwege des Odenwaldklubs, die auf der Wanderkarte immer so schön dick und rot eingezeichnet sind, breit und bequem und nicht allzu steil sind.
Das ist natürlich himmelschreiender Unsinn, wie der Burgenweg mir (mal wieder) auf den nächsten paar hundert Metern eindrucksvoll bewies: Erst ein paar Meter ganz harmlos einen guten, ordentlichen Kiesweg, dann plötzlich scharf rechts auf ein kaum sichtbares Rumpelpfädchen mit den Maßen 19-30-100 (ca. 19% durchschnittliche Steigung, ca. 30 cm breit, ca. 100 unebene Steine und Baumwurzeln pro Quadratmeter), das sich mit – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubender Steigung den dicht bewaldeten Steilhang hinaufschraubte.

Nicht ganz 500 m. aus dem Tal bis zur Burg hoch, aber angesichts der fast 100 Metern Höhenunterschied, die es auf dieser kurzen Distanz zu bewältigen galt, war ich trotzdem heilfroh, also ich endlich rasselnd, schwitzend und mit ungehalten protestierender Beinmuskulatur knapp unterhalb der Ruine auf einem etwas besseren Weg rauskam und die letzten paar Meter auf fast ebener zurücklegen durfte.

Pfffuuuuuhhffaaaeijeijei!!!

Die Ruine Hirschburg stellte sich in der Tat als relativ unspektakulär heraus, wenn auch auf eine sehr gefällige Art und Weise:
Eigentlich nur noch eine aufragende Erhebung an der Bergflanke…
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Bild #13: Burghügel der Hirschburg

…an drei Seiten steil abfallend, zur vierten hin durch eine Scharte (die wohl mal ein Graben war) vom Berg getrennt, und oben ein paar pittoresk in die Gegend gewürfelte uralte Mauerreste – errinnerte mich ein bisschen an meine Hausruine, die Jossa über Jugenheim.

Natürlich erklomm ich auch noch den Hügel…
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Bild #14: Die paar Meterchen machen den Kohl auch nicht mehr fett… 😉

…und sah mich auf dem Plateau der ehemaligen Burg ausgiebig um.
Sehr hübsch, die alten Steine im lichten Wald, zwischen strahlender Sonne und tiefem, grünem Schatten, und das ganze bei aufgeräumt-entspannter Samstagmorgen-Atmosphäre.
Gefiel mir sehr gut:
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Bild #15

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Bild #16

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Bild #17

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Bild #18

Etwas schwierig gestaltete sich der Abstieg auf der anderen Seite des Plateaus runter in den ehemaligen Burggraben – da musste ich dank der gerölligen Rutschigkeit des Hangs und meiner nicht so richtig trittsicheren steifen Beine mal kurz auf den Hosenboden ausweichen (aber dazu ist er ja da, der Hosenboden. 😀 )…

Erste Burgruine über Leutershausen: Geschafft.
Zweite Burgruine: Noch ausstehend.

Na denn mal ran!

Natürlich immer noch auf dem exquisit steilen und nicht immer joggerfreundlichen Burgenweg…
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Bild #19: Dem blauen B hinterher

…der sich weiterhin alle Mühe gab, mich möglichst zügig in ein keuchendes, schwitzendes, wadenlahmes Wrack zu verwandeln.
Machte er übrigens gar nicht so schlecht…
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Bild #20:
Am schönsten hat es vielleicht Friedrich Schiller ausgedrückt:
Festgetackert an der Erden
scheint der Fuß, im Hang gebannt
heut´ noch muss der Aufstieg werden
keuchend wird bergauf gerannt
Von der Stirne heiß
rinnen muss der Schweiß
Soll der Berg den Läufer loben
geht das nämlich nur ganz oben
😉

Immerhin gibt´s zur Belohnung nicht nur den wunderbaren morgensonnigen Bergstrassenwald, sondern hin und wieder sogar noch ein Stückchen Premiumaussicht, zwischen den grünen Wipfeln über das Tal des Staudenbächles hinweg, das entschädigt für so Einiges:
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Bild #21: Unerwarteter Ausblick, irgendwo zwischen Hirschburg und Schanzenköpfle

Ansonsten verlief die Strecke nach einem ähnlichen Muster wie zuvor beim Aufstieg zur Hirschburg: Erst ein Stück breiter, bequemer Waldweg um mich in Sicherheit zu wiegen, dann unvermittelt weg davon, und über einen monströs steilen Hohlweg und einen marginal minder monströs steilen Ziegenpfad an der Bergflanke hoch zum Schanzenköpfle – ca. 600 m. Strecke, fast 110 Höhenmeter.
Heidenei!

Zu allem Überfluss hätte ich das Schanzenköpfle dann beinahe auch noch verpasst, denn hier oben ist wirklich praktisch nichts mehr erhalten: Nur mit viel Phantasie kann man aus dem dicht bewaldeten Hügel (den ich natürlich auch noch überkletterte, wenn schon, denn schon) noch einen kleinen Burgberg erkennen, und nur wenn man sich sehr aufmerksam umsieht, findet man hier und da noch ein paar Überbleibsel alten Mauerwerks:
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Bild #22: Mauerüberreste am Schanzenköpfle

Mehr gab´s anscheinend nicht zu sehen oder fotografieren, also machte ich mich (nach einem weiteren komplizierten Abstieg vom steilen und rutschigen Burghügel) relativ schnell wieder auf den Weg, der dankenswerterweise in gutem Zustand war und leicht bergab führte:
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Bild #23: Die vorerst letzten Meter Burgenweg…

An der nächsten Kreuzung mit Schutzhütte ging´s dann links ab, runter vom Burgenweg und auf den Lokalweg S3, der mich runter zur ursprünglich geplanten Route auf dem HW32 zurück bringen sollte.

Genau das Richtige, um nach dem anstrengenden Aufstieg von eben wieder ein bisschen zu regenerieren: Ein schön bequemer Weg, breit, gut in Schuss, tendenziell sanft bergab führend, und außerdem an der Südostflanke des Höhenzuges, die voll von der herrlich warmen, angenehmen Vormittagssonne beschienen wurde.
Dazu frische, klare Luft, himmlische Ruhe, traumhaft schöner lichter Sommerwald mit alten Bäumen und dichtem Bodenbewuchs, und hin und wieder mal ein Blick durch die Bäume über ein weites Tal mit schimmernden grünen Flanken hinweg auf fremde, geheimnisvolle Höhenzüge.
Wunderbar:
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Bild #24: Blauer Himmel…

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Bild #25: …fremde Berge…

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Bild #26: …sonniger Wegesrand…

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Bild #27: …bequeme Strecke…

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Bild #28: …geheimnisvoller Funkturm (den ich nachher noch aus der Nähe sehen würde, aber das wusste ich hier noch nicht)…

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Bild #29: …prächtiger Bergwald.

Tat mir fast schon ein bisschen leid, als es nach knapp eineinhalb Kilometern so langsam deutlicher bergab ging und ich schließlich die ursprünglich geplante Route auf dem HW32 (wie gesagt: Gelbes l l ) erreichte.

Aber: Wieder auf Kurs, das hatte auch was.
Geradweges ostwärts durch den Wald, erstmal keine großen Anstiege oder Gefälle, angenehm zu laufen.
Nach ein etwas über einem halben Kilometer passierte ich die Schriesheimer Hütte, die versteckt in einem einsamen Seitental unterhalb des Weges liegt…
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Bild #30: Wenn man ganz genau hinschaut, kann man das Gebäude zwischen den Bäumen erahnen (ich hätte es allerdings auch nicht bemerkt, wenn mich nicht das penetrante Meckern einer Ziege aus dem Tal drauf aufmerksam gemacht hätte)

…und direkt danach wurde es wieder steil.
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Bild #31: Natürlich viel steiler als das auf dem Bild den Anschein hat.
Warum sind Fotos eigentlich nicht in der Lage, Steigungen angemessen abzulichten, häh?

Ein bisschen überraschend, irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, mich vor dem Ende des Waldgebiets nochmal groß anstrengen zu müssen – und dann springen auf einmal knapp 100 Höhenmeter überfallartig hinter den Büschen hervor und verlangen, jetzt bitteschön in deutlich weniger als einem Kilometer bewältigt zu werden!

Ich sach´ euch, Kinder, manchmal hat´s dieser Odenwald echt in sich…

Also wieder ein bisschen Schwitzen, Keuchen, Beine Malträtieren, zwischendurch auch mal ein paar Meterchen Gehen (in meinem Alter darf man das, besonders wenn man auf schweren Waden seinem siebten Höhenkilometer in einem Monat entgegenläuft… 😉 ), bis rauf an die Kuppe des Steinbergs, hinter der – quasi als Belohnung – ein schmaler, angenehmer Asphaltweg wartete,…
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Bild #32: HW32 am Steinberg

…der mich – beinschonend und mit freundlichem Gefälle – schließlich zum Waldrand an der Ursenbacher Höhe brachte:
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Bild #33: Nämlich hier

Offene Felder und Odenwaldwiesen unter leicht bewölktem Himmel, durch die der bequeme Weg auf einem leicht abfallenden Sattel über einem tiefen Tal nach Nordosten führte.
Links Maisfeld, rechts steil abfallende Weiden hinter den letzten Waldresten,…
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Bild #34: Das obligatorische Odenwaldfotolaufberichtskuhfoto des Tages

…sowie das Dörfchen Ursenbach, weit unten in die Talmulde geschmiegt:
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Bild #35: Ehrlich gesagt: Bis zur gestrigen Streckenplanung hatte ich noch nie was von Ursenbach gehört…

Runter an die L596 zwischen Ursenbach und Rippenweier (sagt zumindest die Karte, ich kenn´ mich hier unten ja sowas von überhaupt nicht aus…)…
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Bild #36: L596 kurz vor der Passhöhe zwischen den beiden Tälern. Dahinter: Der Eichelberg, a.k.a. das nächste Zwischenziel

…rüber, auf der anderen Seite dann weiter am Rand des Ursenbacher Tals nach Osten.
Sehr hübsche Gegend mit sanft gerundeten, sattgrünen Hangwiesen und -weiden,…
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Bild #37: Ursenbacher Tal vom HW32 aus

…hinter denen sich die Gipfel und Kuppen unbekannter Berge gegen den hellen Himmel abzeichneten. Sogar einen ersten Blick auf den Teltschikturm konnte ich hier erhaschen:
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Bild #38: Teltschikturm aus der Ferne

Nach einem knappen Kilometer erreichte ich eine Kreuzung am Fuß des Eichelbergs.
Zeit für die nächste Entscheidung.
Eigentlich sah der Plan vor, dass ich von hier aus dem HW32 nach rechts an der Flanke des Eichelbergs vorbei folgen und dann ins nächste Tal nach Altenbach abbiegen sollte.

Aber andererseits – oben auf dem Gipfel des Eichelbergs gibt´s einen Aussichtsturm, und eine bewirtschaftete Wanderhütte, und so richtig weit bis da hoch war es von hier aus auch nicht mehr:
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Bild #39: Und die 2 Kilometer auf dem Schild sind schon großzügig aufgerundet…

Hmmm…
Entweder langweilig nach Plan laufen, oder ein Bonusberg mit Aussichtsturm und Wanderhütte (mit Cola!)?

Da fiel die Entscheidung auf einmal gar nicht mehr so schwer… 😉

Noch ein kurzer Blick zurück…
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Bild #40: Da war ich gerade hergekommen

…und dann links ab, auf dem Eichelberg-Weg (gelbe 6) in Richtung Eichelberg-Turm.

Schöner Weg durch dichten Wald, ebenmäßig und bequem…
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Bild #41: Eichelberg-Weg

… bevölkert mit ein paar Wanderern und einer jungen Frau auf ´nem Pferd (irgendwie sind das immer junge Frauen, die auf Pferden reiten), die allesamt freundlich grüßten.
Nett, war eine gute Idee gewesen, hier rum zu laufen.

Zumindest dachte ich das die ersten 900 m.

Dann war Ende mit „nett“.
Am Waldrand über Ober-Flockenbach ging´s nämlich rechts auf den Weitwanderweg Odenwald-Vogesen (roter Balken), der – wie es sich für einen großen Fernwanderweg gehört – über Stock und Stein geradewegs die bewaldeten Hänge des Eichelbergs hinaufführte, und dabei brutalste Neigungswinkel an den Tag legte – knapp 17% Durchschnittsteigung auf den nächsten Dreiviertelkilometer, das zieht richtig bös´ rein, besonders wenn man schon drei vergleichbare Hammeranstiege hinter sich hat und ohnehin nicht mit den besten Beinen aller Zeiten unterwegs ist…

Argl!

Das alte Lied: Schnaufend, strauchelnd, schleppend die gefühlte Steilwand hoch, begleitet von der beständigen Beschwererei meiner schweren Waden, die nun auch noch von anderen Muskelgruppen den Beinen unterstützt in ihrer Kantate des Unwillens wurden.
Der härteste Anstieg bisher, auf halber Strecke musste ich aufgeben und wieder ein bisschen gehen, war einfach zuviel Steigung für zuwenig Puste.

Nach einem halben Kilometer querfeldauf durch den Wald, auf dem ich meinen gesamten Atem verbraucht, einen Marder mit meinem Geächze zur panischen Flucht getrieben und meine Entscheidung, hier hochzulaufen gründlich bereut hatte, erreichte ich eine Böschung, an deren oberen Ende ein asphaltierter Fahrweg wartete, auf dem´s weiter in Richtung Gipfel ging:
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Bild #42: Asphaltweg zum Eichelberg-Turm

Der war fast genauso steil wie der bisherige Anstieg, entsprechend schleppte ich mich da quasi auf dem Zahnfleisch hoch, nur noch vorangetrieben vom Gedanken auf die Wanderhütte am Gipfel, wo ich mich mit einer eiskalten, erfrischenden, zuckrig-koffeinhaltigen Cola für die durchlittenen Strapazen belohnen würde.

Meter um Meter bergauf, bis dann endlich nach einer kleinen Ewigkeit (= so ca. 2 bis 3 Minuten) der Turm/die Mannheimer Hütte auf dem Gipfel in Sicht kam:
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Bild #43: Fast… oben…

Los war hier oben nix, und die Läden des Turms waren auch geschlossen, das hätte mir zu denken geben können, aber ich war zu sehr mit Keuchen beschäftigt, also weiter bis zum Fuß des Turms…
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Bild #44: Eichelberg-Turm/Mannheimer Hütte

…um die Ecke rum zum Eingang, wo – da war ich mir sicher – schon die dringend ersehnte Belohnungs-/Aufbaucola meiner harrte…
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Bild #45: Wo´s die Cola???

und…

NEEEEEEEEEIN!!!!!
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Bild #46: Hab´ ich erwähnt, dass heute Samstag war?
Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!!
Das ist UN-FAIR!!!

Geschlossen!
Keine Cola, keine Turmbesteigung mit Aussicht, nur ein paar verwaiste Picknicktische umgegen von Wald.

Merda!

Frustriert hockte ich mich auf eine der Bänke und soff halt erstmal eine Portion lauwarme Isoplörre, die signifikant weniger zufriedenstellend war als die imaginäre Belohnungscola, die immer noch in meinem Hinterkopf herumtanzte:
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Bild #47: Grummel

Danach noch einen leicht pappigen Obstriegel (auch der wog das nichtexistente Wunschgetränk keinesfalls auf), dann ging´s auch schon wieder weiter – inzwischen war die Sonne weitgehend hinter den Wolken verschwunden und beim Rumsitzen wurde es ziemlich schnell kalt, da blieb ich liebe in Bewegung.

Abwärts durch den Wald, vom enttäuschenden Eichelberggipfel runter. Immer noch Weitwanderweg-Odenwald-Vogesen, meist auf schmalen, engen, steilen Pfädchen, die sich kurvig die Hänge hinab(und zwischendurch auch mal wieder kurz hinauf)schlängelten, bis an den Waldrand östlich des Eichelbergs…
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Bild #48

…und der Wegscheide an der „Hohen Strasse“ oberhalb von Lampenhain:
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Bild #49: An der Hohen Strasse

Hier ging´s südwärts (Weitwanderweg Odenwald-Vogesen/HW32) in Richtung Altenbach:
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Bild #50

Zur Abwechslung mal wieder bergab, und zwar ganz ordentlich.
Erst nochmal kurz durch den Wald unterhalb vom Eichelberg, danach an ein paar Weiden und Obsthaine am Waldrand vorbei…
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Bild #51: Das standen diese beiden Pferde rum

dann am Rand einer schönen gemähten Wiese entlang…
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Bild #52: Weitwanderweg Odenwald-Vogesen in Richtung Altenbach

…und schließlich auf dem Bärsbacher Weg runter ins Odenwalddörfchen Altenbach
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Bild #53: Bärsbacher Weg

…das zwischen Wald und Wiesen in die Hänge eines kleinen, tief eingeschnitteten Tals genestelt liegt:
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Bild #54: Altenbach

Auch hier ging´s erstmal weiter bergab, über die kurvie Hässelackerstr. und die Rathausstr. zur Ortskern im schmalen Talgrund, wo ich links auf die Hauptstr. einbog.

Gleich nach der Ecke ein Kram-/Schreibwarenlädchen das offen hatte, da kehrte ich kurz ein, in der Hoffnung, hier vielleicht zu meiner hochverdienten Cola zu kommen.
Hatte allerdings kein Glück, die hatten nur 1L-Flaschen, das wäre mir doch ein bisschen zu viel geworden, also nahm ich stattdessen ein Fläschchen Apfelschorle:
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Bild #55: Auch gut

Dergestalt gestärkt machte ich mich dann wieder auf den Weg.
Der Weitwanderweg Odenwald-Vogesen führt von Altenbach mit ein paar relativ großen Schlenkern und Kurven auf die nächste Anhöhe.
Sah auf der Wanderkarte nach einem ordentlichen Umwegaus, deshalb hatte ich mir vorgenommen, hier eine unmarkierte Alternativstrecke zu nehmen hinauf auf den nächsten Berg zu nehmen, die wesentlich kürzer aussah.

Dabei war ich mir ziemlich clever vorgekommen, nach dem Motto „Ha, ich weiss es besser als der olle Fernwanderweg!“

Zumindest bis ichdie Alternativstrecke zu Gesicht bekam.
Dann wurde mir schlagartig klar, warum der Weitwanderweg so seltsame Serpentinen und Verrenkungen machte – der direkte Weg (übrigens der Härtweg) war zu steil, um ihn guten Gewissens einem Wanderer (geschweige denn einem Jogger) zumuten zu können:
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Bild #56: Mühlweg in Altenbach.
Autsch!

Mit bedauernswerter Finesse hatte ich meinen armen Waden den fünften Monsteranstieg des heutigen Tages eingebrockt!

Über die spezifischen Details der nächsten 600 m./110 HM legen wir lieber mal diskret den Mantel des Schweigens.
Nur soviel: Au au au!

Wenn´s zwischendurch nicht die eine oder andere Ausrede für eine Herzinfarkt- und/oder Beinexplosions-AbwendFotopause gegeben hätte…
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Bild #57: …zum Beispiel um ein Panoramabild von Altenbach zu machen…

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Bild #58…oder einen dahergelaufenen Käfer auf dem Härtweg zu fotografieren (und ja, man muss schon ein bisschen verzweifelt sein, um sich ein paar Sekunden Atempause mit wahllosen Käferfotos zu erschleichen 😀 )…

…wär´ das sicher ganz furchtbar schlimm geworden.
So war´s wenigstens nur ziemlich furchtbar schlimm…

Schließlich war ich aber doch oben am Sportgelände „Auf der Kipp“, rotgesichtig, mit fliehendem Puls und brennenden Beinen.
Uijuijui, das hatte richtig Power gekostet.

Noch etwas mitgenommen folgte ich dem Fahrweg nach links in den Wald hinein (Markierung W14), wurde dabei von ein paar freundlichen osteuropäischen Herrschaften nach einem „Teich firr Forrälle angäln“ gefragt (konnte aber nicht weiterhelfen), und schlenkerte dann nach ca. 250 m. über einen Parkplatz zurück auf den Weitwanderweg Odenwald-Vogesen, der im Gegensatz zu mir vollkommen ausgeruht und frisch wirkte (kein Wunder, er hatte ja auch den längeren aber bequemen Aufstieg hier hoch genommen…).

Auf dem ging´s nun ein ganzes Stück nach Südosten durch den Wald. Hangweg, rechts ging´s ziemlich steil runter, links ziemlich steil hoch (und irgendwo da oben musste wohl auch die Landstrasse verlaufen, klang zumindest so), aber der Weg selbst war eben und bequem.
Das passte mir gerade ziemlich gut…

Ziemlich genau ein Kilometer, dann war der Wald zu Ende und es ging an einer Wiese entlang…
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Bild #59

…bis an die L596, und auf der dann links nach Wilhemsfeld hinein:
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Bild #60: Wilhemsfeld – noch einer von den vielen, vielen Orten im südlichen Odenwald, deren Existenz mir vor der Planung der heutigen Tour nur sehr vage bewusst gewesen war.
Das gehört langfristig dringend geändert!

Direkt nach dem Ortseingang ging´s dann gleich rechts die Heidelberger Str. hoch, wo ich wieder mal den Fernwanderweg wechselte. Neue Markierung: Das weiße Andreaskreuz des europäischen Fernwanderwegs 1, das mich geradewegs hoch auf den Schriesheimer Kopf und zum Teltschikturm führen würde.

Na ja, zumindest fast geradewegs.
Weil die Götter laut irgendsoeinem ollen Sprichwort vor den Erfolg den Schweiss (und augenscheinlich auch die meuternden Waden) gesetzt haben, ging´s natürlich nochmal bergauf.
Und natürlich nicht mit einem nilly-willy-alte-Herrschaften-Anstieg, oh nein, natürlich wurde es auch noch mal steil.
Natürlich!

Gleich wieder aus Wilhemsfeld raus in den Wald, über den Wanderparkplatz Hinterbergweg, dann so irgendwie rechtsig ein Pfädchen hoch, das am Hang des Schriesheimer Kopfes aufwärts führte:
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Bild #61: Aufwärts ins Licht.
Oder zumindest zum Teltschikturm

Nochmal fast 100 Höhenmeter auf weniger als einen Kilometer Strecke.
Wahrscheinlich nicht mal der schlimmste Anstieg der heutigen, aber nach den hunderten Steilen Höhenmetern der letzten Stunden war einfach nicht mehr viel Hubkraft in den Waden übrig:
Du Arsch“ wimmerten meine Beine beim hochlaufenstolpern, „warum tust du uns das an?!?“
Ich hatte keine Antwort, holperte stockend und keuchend weiter den Pfad hoch, mit gefletschten Zähnen, stierem Blick und einem Puls im zügigen Techno-Beat-Bereich.

Ghrraaaaaaauaahhhhhhh…

Halber Kilometer Aufstieg, eine Abzweigung, immer noch nicht oben, immerhin erste Hinweise vage auf das Ende der Tortur…
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Bild #62: „Jawo [pruust] isserdenn[schnauf] jetz´, der [japs] verwchsgrmpfl Turm [keuch]…?

…und dann, endlich, endlich, endlich das eigentliche Objekt der Mühen, klar sichtbar zwischen den Bäumen:
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Bild #63: „Thaaar she blows!!!
Or stands.
Or whatever…
😀

Und dann war ich oben.

Eine halbe Minute gebückt Dastehen und Keuchen um wieder zu Atem zu kommen, unter den mitleidig-beunruhigten Blicken einer picknickenden jungen Familie und zweier älterer Nordic-Walker, die einen großen Bogen um mich nordic-walkten, vermutlich weil ich so aussah, als könne ich gleich explodieren…

Dann: Erstmal richtig umsehen.

WOW-WEEE!!!!
Das hatte sich doch mal gelohnt:
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Bild #64: Der Teltschikturm

Kurzinfo: Im Gegensatz zu praktisch allen anderen Aussichtstürmen im Odenwald (die größtenteils noch im Kaiserreich errichtet wurden) ist der Teltschikturm neu (so neu, dass Google Earth ihn noch nicht mal auf dem Luftbild hat).
Er wurde erst 2001 auf dem Schriesheimer Kopf über Wilhemsfeld erbaut erbaut, gestiftet von einem wilhemsfelder Ehepaar (den Teltschiks, wer hätte es gedacht?), und ist architektonisch entsprechend modern gehalten, eine grazile, über 40 m. hohe Konstruktion aus Holz und Metall.
Und im Gegensatz zum Eichelberg-Turm kann man auch Samstags hoch!
😉

Das liess ich mir natürlich nicht entgehen, nichts wie hin zum Eingang…
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Bild #65

…und aufwärts, die 192-stufige Wendeltreppe bis zur Aussichtsplattform in 35 m. Höhe hinauf:
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Bild #66

Ehrlich gesagt schon mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengrube. So 100%ig höhen- und vertigo-fest bin ich ja nicht, deshalb bevorzuge ich meine Aussichtstürme in Massiv-Bauweise, mit festen Mauern und vertrauenerweckenen Steinstufen ohne Zwischenräume. Durchsichtige Metalgitterstufen und luftige Streben, durch die der Wind pfeift, verursachen mir hingegen doch so ein leichtes Unbehagen, wenn ich mich auf ihnen immer weiter nach oben wendele. Und wenn dann auch noch irgendein kleines Mädchen oben auf der Plattform eine Panikattacke kriegt und lauthals zu Schreien anfängt (was passierte, als ich ungefähr auf halber Höhe war) – naaaja…

Aber natürlich ließ ich mich davon nicht aufhalten, Unbehagen hin oder her, ich hatte mich hierher gekämpft, also würde ich den Turm auch mitnehmen, basta!
Also Mütze an den Gürtel geklemmt, Augen geradeaus, und bedächtig die Treppen hoch, bis ich schließlich hohe, hölzerne Aussichtsplattform erreichte.

BOOAAH!!!!!!

Grandiose Aussichten sind im Odenwald und an der Bergstrasse nicht besonders selten. Das ist nun mal so bei einem Mittelgebirge, dass sich am Rand einer großen Ebene erhebt.
Aber perfekte 360°-Rundumaussichten hoch über der Landschaft, bei denen das Auge frei in alle Richtungen über die Weite schweifen kann ohne dass Hindernisse den Blick stören – die sind äußerst rar.
Aber der Teltschikturm gehört dazu.

Unbeschreiblich, wie sich die atemberaubende, wunderschöne Mittelgebirgschlandschaft hier oben vor einem auffaltet, sich in alle Richtungen erstreckt, nach Norden, Süden, Osten, Westen, ein herrliches Kaleidoskop aus Wald und Feldern, Wiesen und Dörfern, Städten, Bergen, Hügeln, Tälern, Flüssen, Strassen, eingehüllt in einen Flickenteppich aus Licht und Schatten, je nachdem wo sich gerade eine Lücke in den blaugrauen Wolken am weiten, hohen Himmel aufreisst oder schliesst.
Grandios!!!!!!
Hier kann man nur mit offenem Mund stehen und schauen, staunen, genießen…

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Bild #67: Blick vom Teltschikturm nach Norden. Rechts unten Wilhemsfeld, links dahinter das Sportgelände über Altenbach, an dem ich gerade vorbeigekommen war, dahinter die Hochwiesen über Ursenbach, rechts davon der Eichelberg. In der Bildmitte die Täler hinter Schriesheim, die sich links zur weiten Rheinebene hin öffnen, rechts zum Horizont der Verlauf der Bergstrasse nach Norden bis nach Hause, zum 30 km entfernten Melibokus

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Bild #68: Blick vom Teltschikturm nach Westen, über das bewaldete Bergmassiv zum Sendeturm am Weißen Stein (dazu später mehr) und hinaus in die Rheinebene, nach Mannheim, Ludwigshafen und in die Pfalz, bis hin zum Pfälzerwald, der auf dem Foto leider mal wieder viel schlechter erkennbar ist als mit bloßem Auge.

Panoramabild nach Süden in Richtung Neckar, Heidelberg und Königstuhl gibt´s leider nicht, das Gegenlicht hat´s verhindert.

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Bild #68: Blick vom Teltschikturm nach Osten, über das Wilhemsfelder Unterdorf hinweg auf die langen Höhenzüge des südlichen Odenwalds am Rand des Neckartals. In der linken Bildmitte kann man am Horizont einen einzelnen hohen Berg erkennen, von dem ich mir ziemlich sicher bin, dass es der Katzenbuckel ist, die höchste Erhebung des gesamten Odenwalds

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Bild #69: Blick vom Teltschikturm nach Norden und Osten.
Rechts nochmal das Wilhemsfelder Unterdorf, im Tal dahinter Altneudorf und am Horizont der Katzenbuckel, links davon der obere Teil Wilhemsfeld, dahinter der westliche Odenwald bis hoch zur Tromm und dem Melibokus, ganz links die Höhen der Bergstrasse.

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Bild #70: Hier noch mal ein detaillierter Blick nach Norden, bis zum Melibokus in der rechten Bildmitte am Horizont.

Wirklich sagenhaft, ein echtes Highlight!

Allzulange blieb ich allerdings trotzdem nicht oben, einerseits fühlte ich mich auf der luftigen Plattform immmer noch nicht so ganz wohl, andererseits pfiff hier oben ein eisigkalter Wind, der so eklig war, dass ich es nur ein paar Minuten aushielt, bevor ich mich – etwas schweren Herzens – wieder an den Abstieg machte.

Zeit für den Rückweg.
Südwärts vom Turm weg in den Wald, auf dem europäischen Fernwanderweg 1, der hier zusätzlich mit dem Schmetterlingssymbol des Burgundenwegs markiert ist, den langen, sanften Rücken des Schriesheimer Kopfes runter…
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Bild #71: Inzwischen war die Sonne wieder rausgekommen und beleuchtete/wärmte den ganzen Wald, sehr angenehm

…an der nächsten Kreuzung dann rechts, auf den HW34 (gelbes Andreaskreuz), dem ich von nun an westwärts bis zum Ziel der heutigen Tour folgen würde.

Nach 250 m. über die L596 am „Langen Kirschbaum“…
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Bild #72: Parkplatz Langer Kirschbaum

…danach weiter westwärts, auf bequemen und relativ ebenen Wegen durch den sonnigen, lichten Wald:
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Bild #73: Weg am Dossenheimer Kopf (interessanterweise schon Heidelberger Stadtgebiet, das war mir beim Durchlaufen gar nicht bewusst)

Lief so langsam ziemlich zäh – inzwischen hatte ich zwischen 800 und 1000 Höhenmeter gefressen, und die meisten davon waren extrem nicklig gewesen, entsprechend fühlte ich mich alles andere als taufrisch und wackelte auf steifen, schweren Beinen voran (richtig eklig war´s, als ich mich zwischendrin mal zum Schuhe Binden hinkniete, da knirschte und knackte und protestierte alles unterhalb der Hüfte. Autsch).

Zum Glück war die Strecke hier relativ unkompliziert und folgte einem langen, breiten Höhenrücken, ohne allzusehr in der Höhe zu fluktuieren.
Die geringen Höhenunterschiede reichte mir allerdings auch schon voll und ganz: Nachdem ich den Dossenheimer Kopf umrundet hatte, ging´s gaaaaanz langsam wieder ein bisschen aufwärts, eigentlich kaum der Rede wert, mit frischen Beinen hätte ich das auf einer Backe abgejoggt.
Aber frische Beine waren aus, entsprechend fiel´s überraschend schwer, den knappen Kilometer mit 4% Durchschnittsteigung vom Wilhemsfelder Eck bis zum Weißen Stein zurückzulegen.

Immerhin, der Wald war weiterhin schön und sonnig, und hin und wieder liess sich sogar erahnen, wie weit oben ich hier immer noch war:
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Bild #74: HW34 auf dem Bergrücken hoch über dem Katzenbach-Tal

Schließlich erreichte ich dann aber doch die Kuppe des Weißen Stein, der mit einer ganzen Reihe von Überraschungen auftrumpfen konnte.

Da war zuerst mal der Fernmeldeturm.
Der war mir heute ja schon aus diversen Perspektiven aufgefallen, und jedesmal hatte ich mich gefragt, wo der wohl steht.
Antwort: Hier!
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Bild #75: Fernmeldeturm auf dem Weißen Stein.
Vielleicht liegt´s daran, dass ich ein Laie bin, aber für mich sehen die irgendwie alle gleich aus (wobei der hier allerdings deutlich niedriger ist, als die meisten anderen Fernmeldetürme, die mir in den letzten Monaten begegnet sind)

Noch besser war jedoch, was sich direkt hinter dem Gelände des Fernmeldeturms verbarg: Eine unerwartete Ausflugsgaststätte
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Bild #76: Höhengaststätte Weißer Stein – auf der Wanderkarte ist die nicht verzeichnet, folgerichtig eine äußerst positive Überraschung

…und ein schöner, alter Aussichtsturm aus dem Jahr 1906:
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Bild #77: Aussichtsturm auf dem Weißen Stein

Am Allerbesten?
Die Gaststätte hatte geöffnet, also kam ich doch noch zu meiner Cola.
Yay:
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Bild #78: Aaah, gut.
Eigentlich war ich ja schon spät dran (gegen 13:00 Uhr war ich ja an der Strahlenburg zum Essen verabredet), aber soviel Zeit musste sein!

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Bild #79: Stillleben

Danach bestieg ich natürlich auch noch mal den Aussichtsturm – wenn sich der Odenwaldklub des Jahres 1906 schon die Mühe gemacht hat, das Ding zu bauen, dann kann man´s ruhig auch mal benutzen.
Also noch mal die etwas seltsam an den Innenwänden hochgewundene Treppe hoch.
Lohnte sich leider nicht, die umgebenden Bäume waren viel zu hoch, deshalb gab´s fast überall nur grüne Wipfel zu sehen, nur nach Norden raus gab´s sowas wie ein bisschen Ausblick…
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Bild #80: Blick vom Aussichtsturm auf dem Weißen Stein nach Norden, am Fernmeldeturm vorbei auf… ääh… irgendwelche Berge

Danach weiter, lange, lange auf dem HW34 west- und abwärts…
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Bild #81: Wie gehabt: Gelbes Andreaskreuz

…grob dem Verlauf des Haupthöhenkammes folgend durch den Wald.

Die Wegführung an sich war eigentlich sehr reizvoll – anstatt den Hauptwaldwegen zu folgen, schlängelt sich der HW34 auf schmalen, etwas abenteuerlichen Pfädchen durch den Wald…
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Bild #82

…wobei er die Kuppen der Zwischenberge geschickt umgeht, wie beispielsweise hier am Hang des Hartenbühls:
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Bild #83

Das einzige Problem bei der Sache:
Schmale, unebene Wurzelpfädchen sind zwar hübsch, aber um sie gut laufen zu können braucht es frische, bewegliche, flexible Beine.
Und die hatte ich schon lange nicht mehr.

Entsprechend gestaltete sich der lange Abstieg teilweise extrem ruckelig und unangenehm, nämlich immer da, wo´s holprig und steil wurde – kieseliges Geröll, hervorstehende Baumwurzeln und schmale, steinige Rinnen fielen meinen schweren, holzigen Waden extrem schwer und brauchten eine enorme Konzentration, so dass selbt das Bergablaufen teils ordentlich an meinen ohnehin schon schwindenen Kräften zehrte.

Nach zweienhalb Kilometern passierte ich ein einsames Hüttchen im Wald…
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Bild #84: Womöglich die „Jägerhütte“

…kurz darauf ging der HW34 dankenswerterweise in einen ordentlichen, breiten, relativ komfortablen Waldweg über, der nach weiteren 400 m. rechts abknickte und am Hang des Ölbergs nach Norden führte – ich war kurz vor dem Ziel!

Ursprünglich hatte ich überlegt, ob ich nicht noch einen Schlenker über den Ölberg einlegen sollte, weil ich den schon so oft von weitem bewundert hatte, aber für nochmal 100 steile Höhenmeter fehlte es mir inzwischen sowohl an der Kraft als auch an der Zeit (de facto war ich eigentlich schon wieder zu spät für die Verabredung zum Mittagessen…).

Also weiter den HW34 entlang. Zur Mobilisierung der letzten Reserven noch schnell einen Fruchtriegel reingeschoben…
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Bild #85: Kurz vor dem Mittagessen, na und? Ich brauch´ die Kohlenhydrate…

…und langsam aber stetig um die Bergflanke rum, hinter der bereits die lange ersehnten ersten Häuser von Schriesheim auf der anderen Talseite auftauchten:
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Bild #84: Schriesheim = fast am Ziel

Aber ganz so einfach wollte es mir der HW34 dann doch nicht machen: Unvermutet bog er noch mal links vom Hauptweg ab, aufwärts (aaargh) über einen kleinen vorgelagerten Bergsporn zur Schwedenschanze, einer alten (und – wieder mal – nicht so richtig spektakulären Befestigung aus dem Dreißigjährigen Krieg…
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Bild #85: Schwedenschanze über Schriesheim, teils unscharf…

…führte dann an einer weiteren Hütte vorbei den Bergsporn hinunter…
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Bild #86: Hütte an der Schwedenschanze

…zu einem kleinen, überwucherten Vorplatz mit Ruhebank, von dem aus man einen passablen Blick über die Rheinebene hatte…
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Bild #87: …zumindest, wenn man sich AUF die Bank stellte, ansonsten waren die Büsche nämlich zu hoch

…um sich dann noch einmal zu einem Crescendo gelenkzertrümmender Fiesheit aufzuschwingen, indem er als schmales, unebenes, rutschiges Todespfädchen den steilen, gerölligen Hang unterhalb der Schwedenschanze hinabführte:
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Bild#88: Hier hätte ich selbst mit taufrischen Beinen nicht joggen können, das Risiko umzuknicken oder wegzurutschen war einfach zu groß

Das gab den müden Beinen nochmal schön den Rest.
Urks!

Nach mehreren Serpentinen und vielen holprigen Höhenmetern Abstieg
war´s dann endlich geschafft, unten erwartete mich ein vergleichsweise komfortabler Waldweg, der mich nach ein paar Kurven schließlich zum Waldrand an der Pfalzschau direkt neben der Strahlenburg führte…
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Bild #89: Zielgerade

…und schließlich bei ein paar knorrigen alten Bäumen, an die ich mich noch vom ersten (und einzigen) Mal, als ich hier vorbeigekommen war, erinnern konnte…
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Bild #90: Bäume am Pfalzblick

…hinaus in die Weinberge hoch über der Rheinebene entließ.

Hier musste ich dann doch noch mal Innehalten, obwohl das Ziel nur noch ein paar Meterchen entfernt lag und ich heillos zu spät war.
Der Blick von hier oben ist einfach zu großartig, als dass man ihn links liegen lassen könnte, selbst wenn man fix und fertig und unpünktlich ist:
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Bild #91: 180°-Panoramablick von der Pfalzschau über Schriesheim, leider vom Zusammenpfriemeln in der Mitte etwas gewölbt (keine Ahnung, wie man das verhindert…).
Ganz links die steile Flanke des Ölbergs, darunter Dossenheim und im Hintergrund das Neuenheimer Feld in Heidelberg.
In der Bildmitte unten natürlich Schriesheim, dahinter wieder Ladenburg, Mannheim, Ludwigshafen und (zumindest dort, wo das Gegenlicht nicht mehr störte) der Pfälzerwald.
Rechts mittig dann Heddesheim und am ganz rechten Bildrand die Strahlenburg.
Wahnsinn!

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Bild #92: Hier haben wir nochmal Mannheim en détail…

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Bild #93: …und hier die nochmal Strahlenburg, in spektakulärer Lage hoch über Schriesheim

Von hier aus war´s dann nur noch ein Katzensprung: Rechts den Burgen- und Blütenweg runter, dann durch den Haupteingang zum Burg-Gasthof Strahlenburg
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Bild #94

…eine Treppe hoch zur wunderschönen Aussichtsterasse im Burghof im schatten des mächtigen Bergfrieds…
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Bild #95: Momentan nicht begehbar weil baufällig.
War aber nicht schlimm, heute hätt´ ich da eh nicht mehr hochgewollt…
😉

…von der aus man eine herrliche Sicht auf das direkt unterhalb liegende Schriesheim hat…
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Bild #96: Schriesheim von der Terasse der Strahlenburg

…und von dort aus rein ins Restaurant, wo meine Eltern bereits warteten und es dann ein gutes, reichliches (wenn auch etwas hochpreisiges, die sind nicht billig hier…) Familienessen gab:
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Bild #97: Mhhmmm…

Zumindest für alle Familienmitglieder am Tisch.
Die untendrunter gingen leer aus…
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Bild #98: 😀

Richtig schöne Tour, wenn auch wieder mal extrem anstrengend. Der badische Odenwald ist auf jeden Fall einen (oder mehr!) Besuche wert, auch wenn´s die Steigungen teilweise doch bös´ in sich haben.
Aber dafür wird man mit viel Natur, wunderbarer Landschaft und herrlichen Ausblicken belohnt, das wiegt die Strapazen problemlos auf.
Bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich da unten unterwegs war… 🙂

Strecke: 25,6 km
Zeit: Wie üblich bei den langen Fototouren – viel!
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 99,29% (25,22 km von 25,4 km)
Karte:
Leutershausen - Schriesheim

M.

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9 Antworten to “Badischer Odenwald: Leutershausen – Wilhemsfeld – Schriesheim mit Foto (25,6 km)”

  1. Heidi Says:

    Hey, ein Mittagessen mit Eltern kann doch nicht so kompliziert sein, dass es den ganzen Tagesablauf bestimmt 😆

    Aber Du holst die Tour ja sicher nach 😉

    • matbs Says:

      Nichts ist so einfach, als dass ich es nicht kompliziert machen könnte… 😀

      Und natürlich wird alles nachgeholt, schließlich ist es ja noch ein ganzes Stück bis ins Elsass, da darf jetzt kein Schlendrian einkehren.

  2. Gerd Says:

    Eine grandiose Tour die Du da gelaufen bist. Respekt! Da zieh ich gleich mehrmals meinen Hut.
    Traumhafte Landschaft. Sehr anspruchsvolles Laufrevier!
    Was mich am meisten freut, sind diese tollen Bilder in der Morgensonne. Irgendwie kommen die viel besser rüber als deine Bilder von deinen Abendläufen. 😉

    • matbs Says:

      Und das Beste: Ist gar nicht so weit von zuhause entfernt – da ist man über die A5 überraschend schnell da, eigentlich nur ein Katzensprung (ich bin selbst immer wieder überrascht, wie nah Baden-Württemberg eigentlich ist).

      Und da das Licht auf den Bildern angeht: Ach, pff, du lügst doch, und zwar aus unlauteren Motiven!!! 😆

  3. dauerlaufen Says:

    Nach dieser ersten Hälfte auch noch auf den Turm zu klettern… ts ts ts. Wahnsinniger!

    • matbs Says:

      Also jetzt mal im Ernst: Wäre doch viel wahnsinniger gewesen, sich erst da hochzuschleppen, und den Turm dann NICHT zu besteigen, oder? 😀

  4. Fido Says:

    Hallo matbs,

    deine wundersame Reise – in schöner interessanter Sprache beschrieben – tolle Bilder – der Reisebericht informativ mit
    spritzigem Humor erklärt. Diese liebe
    Selbstironie – der gute Geist mit charmantem Witz.
    Kompliment, du hast das Talent zum (Bücher)
    schreiben. Du könntest alleine schon bei einer Lesung/Vortrag die Leute unterhalten.
    Bei dieser Sprache hört man dir gerne zu.

    Alle Achtung vor so viel Mut und Energie!
    Ich selbt laufe auch oft manche dieser Wege.

    Viel Spaß bei deiner nächsten Tour!

    Fido

    • matbs Says:

      Hallo Fido!

      Vielen Dank für das überschwängliche Lob, da hab´ ich mich gerade sehr drüber gefreut! 🙂

      Ob´s für einen Vortrag reicht (zumindest für einen halbwegs unterhaltsamen) weiss ich ja noch nicht, aber zumindest bin ich sehr froh, wenn sich das alles halbwegs angenehm liest… 😉

      Dankeschön und ein schönes Wochenende (vielleicht ja auf einigen der oben beschriebenen Wege)

      Matthias


  5. […] am großen Steinbruch unterhalb des Kamms) und rechts davon der Sendeturm am Weißen Stein, den ich letzten August besucht habe. Schräg rechts davor kann man undeutlich die Schauenburg auf ihrer schroffen Felsnase […]


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