Versöhnliche Zwergtour um Steigerts und Ober-Beerbach (8,3 km)

5. September 2009

Selbst in den stabilsten Beziehungen ist nicht immer alles eitel Sonnenschein.

Nehmen wir mal meine Beine und mich: Wir sind jetzt seit über 30 Jahren zusammen, und haben in dieser langen Zeit noch nicht einmal ernsthaft an eine Trennung gedacht – aber manchmal kriselt´s eben doch ein bisschen.
In der letzten Woche zum Beispiel.
Da haben sie mir vorgeworfen, ich würde sie zu sehr unter Druck setzen, keine Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten nehmen, nur an mich denken.
Man kennt das ja, Beine werden in solchen Situationen schnell ein bisschen überdramatisch und emotional…

Da muss man dann auch schon mal über seinen Schatten springen und sich ein bisschen Mühe geben, um die Wogen zu glätten.
Also hab´ ich sie gestern und heute mal so richtig verwöhnt:
Lange schlafen, kaum Belastung und ein volles Wellness-Paket mit warmen Muskelentspannungsbädern und liebevollen Massagen mit genug Mobilat, um ein kleines Nagetier drin zu ersäufen (oder ersticken. Bei diesen zähflüssigen Salben kann ich das nicht so genau sagen).
Ich hätte ihnen ja auch noch Blumen gekauft, aber damit können sie erfahrungsgemäß nichts anfangen.

Und tatsächlich, meine Konzilianz und Zuwendung haben gewirkt.
Heute im Lauf des Tages sind sie immer weniger mürrisch geworden, und so gegen Abend hatte ich sie dann soweit weichgecremed, dass sie bereit waren, doch noch mal zu einer kleinen Tour aufzubrechen.
Der alte Charme funktioniert also noch… 😉
😆


Ok, so, aber lösen wir uns langsam mal aus dem doofen Gleichnis und kommen zur Tagesordnung: Beine geschont und gepflegt und dadurch schon merklich besser, da konnte/wollte ich gegen Abend doch noch mal los.
60+ Wochenkilometer und Weg nach Frankreich sind zwar für diese Woche abgehakt, aber das ist ja kein Grund, die Beine in den Schoß zu legen und gar nix zu machen.

Also bin ich vor dem Abendessen noch mal los, odenwaldwärts.
Nicht weit, nur in Richtung Ober-Beerbach, da gab´s noch ein paar bisher ungelaufene Wegstücke, die ich schon lange mal hatte machen wollen – schöne Landschaft, kurze Strecke und ein klein bisschen bergauf/bergab, das schien mir angemessen.
Wetter passte auch wieder halbwegs, zwar hingen auch heute schwere, dunkle Wolken am Himmel, aber zwischen ihnen klafften große Lücken, durch die eine wunderbare helle Abendsonne schimmerte, das war nett. Aber kühl war´s nur noch 12 Grad und ein kalter Wind, da entschied ich mich wieder für´s Langarmshirt.

Start um kurz vor Sieben auf Parkplatz Klingenwald am Sonneneck, im Wäldchen auf der Anhöhe unterhalb von Steigerts, da wo Stettbacher Tal und Beerbachtal sich einen Rand teilen.
Viel Zeit zum Dehnen nahm ich mir nicht, der Wind pfeift hier oben ganz schön, und er bringt ein erstes kaltes Herbstfrösteln mit.
War aber nicht so schlimm, im Gegensatz zum letzten Mal liess sich der Start recht gut an, Beine und Kondition machten gut mit.
Lag vielleicht auch an der Strecke, denn erstmal ging´s leicht bergab, den Dicktannen-Weg (gelbe 4) runter, der oberhalb des Fahrwegs zwischen Stettbach und Ober-Beerbach durch Wald und wunderschöne Hangwiesen führt – leichtes Gefälle, weicher grasiger Untergrund, das tat richtig gut.
Und war ein kleines bisschen spannend, denn den Weg war ich noch nie zuvor gelaufen. Sehr hübsche Strecke, gerade in der schrägen Abendsonne, die die Weiden in rötlich-warmes Licht tauchte und die bewaldeten Passagen intensiv ausleuchtete.

Nach 600 m. sogar eine richtige kleine Entdeckung: Da steht doch tatsächlich ein Haus, versteckt in einem Seitental über der Strasse, und ich hatte bisher nicht mal gewusst, dass es da ist!
Allerdings kommt hier wohl auch kaum jemand vorbei, zumindest machten sowohl die freilaufenden Hühner als auch der riesige Hund hinter dem Gatter in der offenen Eingangstür einen sehr konsternierten und verwirrten Eindruck, als sie meiner Ansichtig wurden…

Direkt danach dann noch ein bisschen weiter sanft bergab, bis in das Wäldchen nordöstlich von Stettbach, und da dann bergauf in Richtung Steigerts.
Da hatte ich mir im Vorfeld eigentlich ein bisschen Sorgen gemacht, denn hier geht´s knackig aufwärts, laut Karte fast ein halber Kilometer mit ca. 15% Durchschnittsteigung.

Fiel mir aber ehrlich gesagt gar nicht so auf, die Waden machten ordentlich mit, die Puste hielt auch, das klappte überraschend gut.
Prima! 🙂

Zügig aufwärts, vorbei an einem Traktor mit grellen Scheinwerfern mitten im Wald, dann raus auf den offenen Wiesenhang unterhalb vom Steigerts (= dem Berg), an dem die ersten vereinzelten Häuser von Steigerts (= dem Dorf) stehen.
Erster Ausblick über die Wiesen und die Täler des vorderen Odenwalds runter ins Flachland: Die Sonne selbst war gerade verdeckt, doch ihre Strahlen reichten wie dicke, helle Finger aus den dunklen Wolken heraus und tauchten die weite Rheinebene (vor allem Pfungstadt, auf das ich von hier oben geradewegs runterschaute) in schimmerndes Abendlicht.
Sehr, sehr hübsch!

Noch ein Stückchen aufwärts bis auf den Fahrweg, der von Steigerts (dem Dorf) ausgehend durch den Wald am Steigerts (dem Berg) führt (Markierung: Der rote Balken des Weitwanderwegs Odenwald-Vogesen), dort rechts, auf dem alten, rissigen Asphalt am Waldrand in Richtung Kuralpe.

Ich liebe dieses Stück hier oben – das Dach von Seeheim-Jugenheim, der höchste Punkt des gesamten Gemeindegebietes auf dem zweiten, breiten Höhenkamm des Odenwaldes nach der Bergstrasse. Hier oben gibt´s herrlichen Wald, wunderbare Wiesen und vor allem:
Aussicht!
Und das in alle Richtungen – niemals ein umfassenden Rundumblick, aber alle paar Meter eine neue Perspektive zwischen Wäldchen, Tälern und Kuppen.
Da ist der Blick runter ins Flachland, durch die tief eingeschnittenen ersten Odenwaldtäler, die als große Kerben den Blick durch die hohen bewaldeten Flanken der Bergstrasse nach Westen eröffnen, auf Rheinebene und Rheinhessen, bis hin zum Donnersberg.
Da ist das Panorama des vorderen Odenwalds mit seinen hohen, markanten Gipfeln, denen mal hier allesamt begegnet – ganz rechts der Melibokus, der von hier aus so steil aussieht, wie er tatsächlich ist, heute abend leuchtend in der Abendsonne.
Dahinter der Felsberg, ein mächtiger langer Rücken, nur noch einen Katzensprung entfernt.
Links davon der Krehberg, schon etwas weiter weg, mit dem charakteristischen gestreiften Funkturm, auf den schattigen Flanken kann man die winzigen Häuser von Raidelbach erkennen.
Und schließlich, links zentral, die Neunkirche Höhe, ein bewaldeter Koloss mit Radarantenne und dem Höhendorf Neunkirchen, dessen gelbe Kirche in der Abendsonne herüberstrahlt.
Dazwischen: Der Odenwald, Lautertal und Modautal, durch den Pass südlich der Neunkircher Höhe erhascht man sogar noch einen Blick zum Anfang des Weschnitztals: Ein Flickenteppich aus kleinen Dörfern, großen und kleinen Waldstücken, hügeligen Wiesen und Feldern, strahlend im rotgoldenen Licht oder sanft im blauen Wolkenschatten, je nachdem, wo die Wolken gerade hinwandern.

Atemberaubend schön, gerade an einem Abend wie heute, an dem sich die Pracht des langsam ausklingenden Sommers bereits mit einer milden, herbstlichen Melancholie mischt.

Nach dem Steigerts ein kurzes Stück die Hutzelstrasse runter, die Augen in die Ferne gerichtet, alles aufnehmend, dann links den Panoramaweg OB2 runter, ein Stück abwärts durch die schattigen Wiesen voll roter, glücklicher Kühe in Richtung Schmal-Beerbach, dann jedoch gleich scharf links und zurück hoch zum Wald auf dem Steigerts.
Wieder ein bisschen bergauf, Untergrund dank der Regenfälle der letzten 48 Stunden etwas rutschig und weich, aber auch das klappt – meine Beine lassen mich zwar wissen, dass ihnen das nicht gefällt, aber sie verweigern sicht nicht. Gut so…

Dann rechts, am Waldrand über den Hangwiesen entlang, Augen nach rechts, zum Modautal und zur Neunkircher Höhe, alles prächtig beleuchtet vom roten Abendlicht, es ist so schön, dass ich am liebsten ewig verweilt hätte, aber es wurde langsam wirklich frisch, also weiter.

Kurz danach erreichte ich wieder die Hutzelstr., der ich nach rechts folgte, über den Parkplatz „An der Hutzelstr.“ und die L3098 auf der Passhöhe zwischen Ober- und Schmal-Beerbach, dann hinaus auf die breite, offene, herrliche Hochebene zwischen Beerbachtal und Modautal (Marker: Europäischer Fernwanderweg 1).
Auch hier: Ständig wechselnde wunderbare Ausblicke: In der Nähe die riesigen Windräder an der Neutscher Höhe, strahlendweiss glänzend im Sonnenlicht, abgesetzt gegen einen blauschwarzen Regenhimmel, der über dem Dieburger Land liegt. Direkt voraus der Taunus, das gewaltige Feldbergmassiv, trotz dunkler Wolken und fernen Regenschlieren so glasklar und deutlich gegen den Himmel abgesetz, als wäre es nur einen Katzensprung (und nicht 55 km) entfernt.
Links: Frankenstein-Massiv samt Burg Frankenstein, die rückwärtigen Bergstrassenflanken, durch die Täler und niedrigen Vorhöhen wiederum Rheinebene, Rheinhessen und Rheingau, und schließlich – ganz nah – die tiefe Mulde des oberen Beerbachtals, in der Ober-Beerbach bereits in den Abendschatten der Dämmerung entgegenträumte.
Schon wieder: Wunderschön (Lediglich das vollgeparkte Feld unter dem einzelnen Windrand am Grubenberg störte etwas, anscheinend fand da so eine Art Cross-Rennen statt. Aber solange die nur da drüben crossen…).

Noch ein Stück auf der Hutzelstr. über die Hochebene, der Asphalt gefiel meinen Beinen nicht so sehr, der eisige Wind kühlte mir den verschwitzten Nacken aus, aber schön ´s trotzdem.

Irgendwann dann links, die alte Ernsthöfer Str. runter und nach Ober-Beerbach rein. Ordentlich abwärts, nicht ganz angenehm, ging aber.

Unten im Dorf an der Kirche vorbei, links die Erbacher Str. runter, dann rechts die Strasse in Richtung Steigerts hoch – der letzte Aufstieg für heute, nochmal 50 recht steile Höhenmeter am Rand der schmalen, Fahrstrasse durch die Wiesen, bis zum Talrand hoch.
Schon ein bisschen anstrengend, aber auch das klappte – kleine Schritte, langsam, stetig aufwärts, um die beiden Serpentinen herum (pfuuuh, mit dem Auto ist das irgendwie weniger anstrengend… 😉 ), und dann war ich auch schon wieder am Ausgangspunkt beim Sonneneck, leicht angefroren, aber nicht über Gebühr angestrengt.

Ok, das war schon wieder ganz vielversprechend. Vielleicht geht da morgen zum Wochenabschluss ja doch noch eine etwas längere Tour, vielleicht einen 15er durchs Weschnitztal oder so.
Das Wetter soll ja schön werden…

Strecke: 8,3 km
Zeit: 0:54 h (= 9,22 km/h bzw. 6:30 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 31,33% (2,6 km von 8,3 km)
Karte:
Um Steigerts und Ober-Beerbach

M.

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7 Antworten to “Versöhnliche Zwergtour um Steigerts und Ober-Beerbach (8,3 km)”

  1. Hannes Says:

    Deine Beine sind wohl sehr naiv, wenn sie sich so einfach täuschen lassen. Ein wenig Ruhe und schon sind sie wieder gnädig und du ziehst von dannen. Noch ein wenig gemütlich, aber es kündigt sich ja schon wieder an, dass da noch mehr kommt. Die Armen. – Aber schön für dich, du Fiesling 😉

  2. matbs Says:

    MWUAHAHAHAHA!!!!

    Bin halt ein mieses Chauvinistenschwein!! 😀

  3. Gerd Says:

    Das hört sich doch gleich wieder viel besser an. Schön wenn´s wieder läuft. 😉
    Und vielleicht sind Blumen für die Beine doch was. Sollte man mal ausprobieren.

  4. matbs Says:

    Aber was für Blumen mögen Beine denn?

    Oder lieber einen Kräuterstrauß, mit Beinwell und so? 🙂

  5. Evchen Says:

    Aye, liest sich…besser. Nicht gut, aber besser. Ich hab geschummelt. Bisher kam ich nur dazu, die ersten drei und die letzten zwei Absätze zu lesen. Rest folgt. 😉

  6. matbs Says:

    Dabei hab´ ich mich doch extra so kurz gefasst… 😉


  7. […] Versöhnliche Zwergtour um Steigerts und Ober-Beerbach (8,3 km) […]


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