Grauer Lauf auf Hutzelstrasse und Hoher Strasse nach Ober-Ramstadt (17,7 km)

17. September 2009

So schön der grandiose Ausflug in den Taunus am letzten Wochende auch war, in gewisser Hinsicht hat er sich im Nachhinein auch so ein bisschen als kontraproduktiv erwiesen.

Warum?

Tja, ehrlich gesagt hatte ich in den Tagen danach überhaupt keine Lust aufs Laufen.
Kein Problem der Physis, da hatte ich die 31 Bergkilometer überraschend gut weggesteckt.
Eher ein mentales – nach so einer großartigen Tour ist erst mal ein die Luft raus, so eine Art „zu-viel-Schönes“-Burnout.
Die „normalen“ Strecken scheinen im Vergleich irgendwie wenig reizvoll und nicht wirklich interessant, da hat man einfach keinen unbedingten Drang, wieder loszulaufen.
Und wenn dann auch noch das Wetter tagelang so richtig hässlich feuchttrübgrauwindig ist… naja, dann macht sich halt irgendwie Unlust breit.
Keine übellaunige „Null-Bock-Auf-Garnix“-Stimmung, auch kein weinerlicher Defätismus, mehr eine gar nicht so unangenehme Apathie, nach dem Motto „Ach, was soll ich denn heut´ irgendwas planen, das wird eh nicht so schön“.
Dann kommt noch irgendwelches anderes Zeug dazu, das man erledigt, und ehe aufraffen kann, wird´s auf einmal abend und die Dunkelheit zieht auf, und damit isses zu spät zum laufen.

So geschehen am Dienstag.
Und am Mittwoch.
Erst heute, am Donnerstag, hab´ ich dann doch irgendwie die Kurve gekriegt, indem ich die Trägheit überlistet habe – wenn man zu desinteressiert ist, um irgendwas zu planen und sich dann drauf zu freuen, dann lässt man das eben und läuft stattdessen einfach los.
Ein bisschen Lustlos, ohne Ziel oder Strecke, ohne Erwartungen und ohne allzuviel Enthusiasmus.
„Going through the motions“, nennt man das im Anglophonen.

Genau das hab´ ich heute gemacht.
Um kurz nach sechs uninspiriert in die Schuhe, ein bisschen uninspiriert gedehnt, und dann uninspiriert und ohne auch nur den leisesten Schimmer einer Idee, wo ich hinwollte („pffft, ist eh alles egal“) in den grauen, drögen Abend gestartet.


In den Wald hinterm Haus wollte ich nicht („pfft, laaangweilig“), also bin ich erstmal nordwärts gelaufen, auf dem Blütenweg (gelbes B) durch Jugenheim, bis zum unteren Eingang zum Heiligenberg am alten Rathaus.

Da hab´ ich mir dann gedacht: „Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch mal hoch aufs Schloss laufen, und da siehste dann weiter“.

Also hab´ ich das gemacht:
Rechts in den Park am Heiligenberg, unter der Bergkirche vorbei, auf dem Burgen- und Alemannenweg (blaues B/rotes S) hoch zum Weiher unterhalb der Klosterruine, dort dann die Allee aufwärts zum Schloss.
Ziemlich lahm, weil´s steil war und meine Beine ein bisschen gemuckert haben.

Am Schloss hab´ ich mir dann gedacht: „“Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch gleich nochmal um den Marienberg hinter zur Kaiserbuche laufen, und da siehste dann weiter“.
Also hab´ ich das gemacht:
Am Schloss vorbei, dann am Parkplatz rechts hoch in den Wald, dort auf den holprigen, unmarkierten Waldweg, der an der Südflanke des Marienbergs aufwärts führt, hinter dem Gipfel auf den SJ2 trifft und schließlich runter zum Waldrand an der Kaiserbuche führt.
Ziemlich lahm, weil meine Beine immer noch gemuckert haben und ich keine Lust auf „schnell“ hatte (auch keine richtige Lust auf „langsam“, aber das ist am Berg nunmal das standarttempo, also was soll´s?).

Da hab´ ich mir dann gedacht: „Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch gleich nochn bisschen weiter hoch, über den Vogelherd hoch zur Kuralpe, und da siehste dann weiter“.

Also hab´ ich das gemacht:
Über die Wiese am Hechlersgrund hoch über Balkhausen (das man vor lauter grauer Diesigkeit kaum erkennen konnte, ganz zu schweigen vom Melibokus auf der anderen Talseite), dann den SJ2 aufwärts durch den Wald, vorbei am einsamen Weiler Hainzenklingen, um die vielen Kurven am Vogelherd, zwischen einer gemischten Reiter/Pferde/Hundegruppe durch, und schließlich oben aus dem Wald raus und auf dem abfallenden Weg durch die Wiesen am Krämerhof runter zur Kuralpe.
Ziemlich lahm, weil bergauf und muckernde Beine und fehlender Antrieb und so…

An der Kuralpe hab´ ich mir dann gedacht: „Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch gleich nochmal die Hutzelstrasse hochlaufen, bis rüber zum Steigerts, und da siehste dann weiter“.
Also hab´ ich das gemacht: Links die Hutzelstrasse hoch (Europäischer Fernwanderweg 1/Weißes Andreaskreuz und Weitwanderweg Odenwald-Vogesen/Roter Balken), leicht aufwärts durch die vielen Kuhbeweideten Hochwiesen bis rüber zum Steigerts.
Normalerweise schreib´ ich an dieser Stelle immer, wie unglaublich hübsch es da oben ist (z.B. hier), mit der abwechslungsreichen Landschaft und den herrlichen Blicken tief in den Odenwald rein.
Heute aber nicht da war´s grau und öde und ich hab´ nicht wirklich drauf geachtet.
Dafür war ich etwas weniger lahm, weil´s nicht mehr so richtig bergauf ging. Bloss einmal musste ich anhalten um die Beine etwas auszudehnen, die Oberschenkel waren ein bisschen knotig.
Die zwei Dutzend Kühe am Wegrand haben ganz schön blöd geguckt.

Am Steigerts hab´ ich mir dann gedacht:
„Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch gleich noch´n bisschen weiter die Hutzelstrasse laufen, durch den Wald bis rüber an die Neutscher Höhe über Ober-Beerbach, und da siehste dann weiter“

Also hab´ ich das gemacht: Halbrechts auf dem Europäischen Fernwanderweg durch das Wäldchen am Steigerts, über den Parkplatz „An der Hutzelstr.“ und die L3098 auf der Passhöhe zwischen Ober- und Schmal-Beerbach, dann immer weiter geradeaus durch die Felder und Wiesen, bis zur ersten Kreutzung auf der Hochebene an der Neutscher Höhe, kurz vor den Windrädern, wo´s links steil nach Ober-Beerbach runter geht und rechts sanft nach Neutsch.

Da hab´ ich mir dann gedacht: „“Pff, och jooa, wennde schonmal hier bist, dann kannste auch gleich noch den Rest der Hutzelstr. ablaufen, bis runter nach Frankenhausen, und da siehste dann weiter“.

Aber bevor ich das dann gemacht habe, hab´ ich nochmal telefoniert, denn das war zugleich auch der „Point of no return“ – wenn ich hier bis Frankenhausen weiterlaufen würde, dann würde ich auf keinen Fall aus eigener Kraft vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause schaffen.
So gleichgültig, dass ich auf Glück in die Nacht laufe, und dann irgendwo am Arsch der Welt strande, war ich doch nicht, deshalb hab´ ich schnell rausgefunden, ob sich jemand auftreiben lassen würde, der mich am Ende der Tour (woauchimmer) aufsammelt und heimbringt.

Klappte, bei meinen Eltern war mein Vater zuhause und meinte, er hätte grad nix besseres zu tun und könne mich deshalb nachher irgendwo abholen.
„Ok“, sag´ ich, „und dankeschön, dann meld´ ich mich nachher nochmal, wenn ich weiss, wo ich rauskomme“.

Dann bin ich weiter die Hutzelstrasse entlanggelaufen.
Inzwischen verschwand die Apathie auch so langsam ein bisschen und machte einer neuen Emotion Platz, nämlich aktivem Unbehagen.
An einem sonnigen, klaren Abend ist das hier oben eine der schönsten Strecken weit und breit, mit toller Fernsicht über die sanften Hügel der offenen Hochebene über die Täler in die Rheinebene und zu den Odenwaldhöhen.
Aber heute, im stumpfen Dämmerlicht unter der erdrückenden bleigrauen Wolkendecke, waren Landschaft und die diesige Weite einfach nur kahl und leblos und leer und unfreundlich.
Dazu noch ein eisiger, ekliger Wind, der ungehindert von Nordosten über die Anhöhe pfiff und mir in Mark und Bein fuhr (immerhin hatte ich wenigstens wieder den Nackenwärmer um, ein kleiner Trost).
Da fühlte ich mich richtig unwohl, und weil´s hier oben auf dem Höhenweg nur noch ein bisschen auf und ab geht, wurde ich unwillkürlich schneller.

Immer geradeaus auf dem schmalen, grauen Asphaltband der Hutzelstr., links unten zog Ober-Beerbach vorbei, rechts unten Neutsch, danach ging´s ein bisschen bergauf und am Wäldchen auf dem Hundsrück entlang, und dann wieder bergab, runter ins Höhendörfchen Frankenhausen.

Da hab´ ich mir dann gedacht: „“Pff, och jooa, jetzt biste schon so weit nach Norden gelaufen, da kannste auch gleich weitermachen und die Hohe Strasse weiter bis Ober-Ramstadt nehmen, das haste noch nie von zuhause aus abgerannt, also warum nicht?“.

Und das hab´ ich dann gemacht:
Die Felsbergstr. runter in den grauen, dämmrigen Ortskern, dann den Römerberg rauf und aus Frankenhausen raus auf die Anhöhe, wo man an halbwegs klaren Tagen bis Frankfurt gucken kann (heute nicht), und da dann die Hohe Strasse, die sowas wie die Verlängerung der Hutzelstr. ist, in den Wald rein.
Am Waldrand nochmal kurz bei meinen Eltern angerufen und die Abholungsmodalitäten abgeklopft (gar nicht so einfach, denn ich war ja nicht vorbereitet und meine Ortskenntnis von Ober-Ramstadt war etwas schwammig. Wir haben uns dann auf „Irgendwo am Ortseingang nach der Bundesstr. ist ein Supermarkt, ich glaub ein Rewe, da auf dem Parkplatz“ geeinigt. Hoffentlich würde das klappen).

Uuund dann: Wald.
Genauer gesagt das große Waldstück am Höhenrücken von Rauhberg, Hohen Rodberg und Silberberg.
Das Übliche: Normalerweise hübsch und freundlich, heute eher nicht.
Da war´s vor allem finster.
Was daran lag, dass es inzwischen kurz nach Sonnenuntergang war und Nacht wurde.
Da wird im spätsommerlichen Laubwald schnell mal das Licht knapp.

Immerhin, das trieb mich an, denn hier draußen in der Finsternis wollte ich nicht verschütt´ gehen, also machte ich so langsam richtig Tempo.

„Das wird dir noch leid tun“, meinte meine nicht so ganz sattelfeste Tempomuskulatur dazu.

Hastend durch den Dämmerwald, den Rauhberg hoch und am Waldrand über Nieder-Modau vorbei (ein entgegenkommender Jogger, der einzige Mensch hier draußen, läuft offenbar auch gegen die Nacht. Wir grüßen uns gehetzt), dann wieder in den Schatten der Bäume (inzwischen war der Wegmarker des Fernwanderwegs 1 gar nicht mehr so leicht zu erkennen) und noch ein bisschen aufwärts (ack, das zog) bis zur großen Kreuzung zwischen Rodberg und Silberberg.

Hier bog ich links ab, vom Bergsattel weg, steil abwärts auf der Kreuzstr. (gelbe 1), mit viel Tempo und noch mehr Gottvertrauen, denn inzwischen war´s so finster, dass ich keine Streckendetails erkennen konnte, der Waldweg war einfach ein etwas hellerer Streifen in der Schwärze.
Aber zum Glück ein gut gepflegter, ohne Schlaglöcher, Wurzeln oder Geröll.

Irgendwann dann ein grauer Fleck weit vorne in der Finsternis – der Waldrand.
Raus, in die offenen Felder wo´s erst zu Drei Vierteln Nacht war.
Rechts grüßten bereits die Lichter von Ober-Ramstadt herüber, der schönste Anblick, der sich mir heute geboten hat (und zwar nicht nur, weil da das Ziel war, sondern weil das wirklich total hübsch ist: Ober-Ramstadt liegt in Hanglage, entsprechend zog sich da drüben ein kleines Meer aus warmen, freundlichen Lichtern die dunkle Bergflanke jenseits des Tals hinauf und zwinkerte gegen die Schwärze an).

Fast geschafft, ich lief noch 200 m. über die Freifläche und bog dann kurz vor dem nächsten Waldrand rechts ab. Asphaltweg, abwärts durch die Wiesen in Richtung Tal.
War ich noch nie vorher gelaufen, glaubte mich aber von einer früheren Streckenplanung zu erinnern, dass der mich ans Ziel führen würde (Hoffentlich!).

Nochmal ein ordentliches Stück, Felder, Wiesen, irgendwann ein Reiterhof (der Waldhof), ab hier stehen auch gelbe Strassenlaternen (gut so, denn inzwischen herrscht Dunkelheit), ein weiterer Hof, dann die Unterführung unter der neuen B426 durch zum Ortseingang von Ober-Ramstadt, rechts, da glüht schon das Rewe-Schild, auf die andere Strassenseite, da steht schon das „Taxi“, ran und fertig.
Viertel nach Acht, es ist Nacht.

Besonders schön war´s nicht.
Aber dafür recht lang.
17,7 km wäre ich heute nie im Leben gelaufen, wenn ich das geplant hätte.
Immerhin…

Strecke: 17,7 km
Zeit: 1:49 h (= 9,74 km/h bzw. 6:09 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 9,15% (1,62 km von 17,7 km)
Karte:
Jugenheim - Ober-Ramstadt

M.

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4 Antworten to “Grauer Lauf auf Hutzelstrasse und Hoher Strasse nach Ober-Ramstadt (17,7 km)”

  1. Christian Says:

    He Matthias,

    Pff, och jooa, wennde meinst Du müsstest spontan und ungeplant durch Wald und Flur rennen….
    Im Ernst, gerade diese Läufe sind es doch, die Zufriedenheit und einen aufgeräumten Kopf bringen, oder? Mir zumindest, keine neuen Eindrücke, keine Abenteuer, einfach nur eine Wegstrecke allein zu laufen ohne grosse Ziele. Ich find es herrlich und ebenso liest sich Dein Bericht. Nur eine Frage habe ich noch, wo war die obligatorische braunschwarze Blubberbrause?

    Salut und schönes Wochenende

    C.

  2. matbs Says:

    Nee, sorry Christian, so läuft das nicht – wie so ein Lauf wird, hängt bei mir vor allem von zwei Faktoren ab: Was ich mitbringe und was ich unterwegs vorfinde.
    Und wenn beides dröge und grau ist… Tja.

    Und Cola gibt´s nur bei guten Touren. 😉


  3. […] Grauer Lauf auf Hutzelstrasse und Hoher Strasse nach Ober-Ramstadt (17,7 km) […]


  4. […] Also aufwärts, auf dem bequemen, sanft ansteigenden Asphaltweg der südlichen Hutzelstrasse durch die herbstlichen Hangweiden zwischen Felsberg und Steigerts. Landschaftlich sehr hübsch (wie immer), auch wenn ich mir ein bisschen Sonne gewünscht hätte – aber die war leider aus (immerhin waren sowohl das Wetter als auch meine Laune etwas freundlicher als vor drei Wochen, als ich hier zum letzten Mal vorbeigekommen war und alles furchtbar leer und öde e…). […]


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