Verirrt auf dem Kühkopf (12,2 km)

19. September 2009

Irgendwie ist im Moment so ein bisschen der Wurm drin…
Auch zwei Tage nach der bisher ersten und einzigen Tour der Woche hatte ich wenig Drang, loszulaufen, war desinteressiert, gleichgültig, irgendwie mit anderen Dingen beschäftigt.
Pfff, laufen…

In so einer Situation kommt dann aber immerhin die Routine durch: Ich mach´ das jetzt schon so lange, dass ich auch trotz Motivationsloch starte.
Hat nichts mit Spaß an der Sache oder irgendsonem blödsinnigen „Laufen ist Lebensqualität, das brauch ich“-Gewäsch zu tun, sondern ist ganz einfach Gewohnheit.
Dienst nach Vorschrift, auch wenn man einem gerade nicht wirklich danach ist und man sich nichts davon verspricht…

So ist es dann auch heute.
Laufen?
Hmphfffjoaa, ach, was soll´s, ok.

Von Zuhause?
Nö, kein´ Bock.

So´n bisschen Anderswo?
Ja, ok, aber zum Planen bin ich zu desinteressiert.
Also such´ ich mir schnell was raus, wo ich nicht planen muss und entscheide mich spontan für den Kühkopf – ist ´ne Insel, ich kenn´ mich ganz gut aus, wenn ich da einmal rundrum renne sind das vielleicht 16 km und ich kann nix falsch machen.
Vielleicht wird´s ja sogar noch ganz hübsch…


Ich komme spät los (wenn man sich nicht besonders drauf freut, ist es relativ leicht, sich zu vertrödeln), muss unterwegs wegen einen ordentlich Umweg in Kauf nehmen weil die B426 vollgespert ist (naaaa suuuper, das geht ja ganz doll los…), und komme deshalb viel zu spät beim Start auf dem Parkplatz an der Stockstädter Altrheinbrücke an.
18:40 Uhr, weniger als eine Stunde bis Sonnenuntergang – da kann das Licht eigentlich nicht mehr für 16 km reichen, aber mir ist ja alles so ein bisschen egal.
Also lauf ich halt einfach los, hoch auf die Brücke über den brackigen Altrhein, dann halblinks zum Hof Guntershausen.
Wird schon irgendwie klappen, und wenn nicht wird´s halt unterwegs dunkel.
Pfft.

Relativ hohes Tempo, also wollte ich´s schnell hinter mich bringen.
So schnell wie letztes Jahr bin ich lange nicht, aber es tut trotzdem (oder gerade deshalb) ein bisschen weh, über die alten, unebenen Asphaltwege des Naturschutzgebiets zu hetzen.

Zwischen den alten Hofgebäuden von Guntershausen hindurch in die riesenhaften Brachwiesen, die das Innere der Insel dominieren (Radweg 24).
Extrem diesig, prächtig untergehende Sonne von links, deren Strahlen sich um Dunst und den Gräserspitzen fangen, Weite, links und rechts des Weges die Apfelbaumallee, alle paar Meter ein altes, knorriges Apfelbäumchen mit Infotafel, auf der zu lesen ist, welche alte Apfelart hier wächst.
Es gäbe Tage, da würd´ ich mich drüber freuen, wie schön das hier gerade ist.
Heute nicht.
Heute renne ich einfach, und meine Beine tun ein bisschen weh, und ich mach´ Dienst nach Vorschrift.

Ein halber Kilometer durch die Wiesen, dann erreiche ich die erste Abzweigung, biege spontan links ab.
Verkürzt die Strecke (wegen dem schwindenden Tageslicht und so) und ich bin hier noch nie gelaufen, also warum nicht?

Mehr untergehende Sonne, mehr Brachwiese, mehr Apfelbäumchen, mehr hohes Tempo, mehr muckende Beine und kurzer Atem.
Anderthalb Kilometer, dann kommt ein Waldstreifen samt Kreuzung.
Ich biege rechts auf den Nachtigallenweg ab.
Bin mir ziemlich sicher, dass der nordwärts geht, um einen See rum und dann irgendwie auf den Haubentaucherweg, der einmal ganz um die Insel führt, da will ich hin.

Hier ist Schluss mit Asphalt, stattdessen ein Pfädchen auf einem uralten Deich durch den dichten Urwald des Naturschutzgebiets.
Nach ein paar Minuten kommt tatsächlich ein See in Sicht, oder besser ein großer, brackiger Sumpftümpel, bedeckt von Entengrütze und umrahmt von wildwucherndem Auwalddschungel.
Der Weg führt links dran vorbei, dann weiter nordwärts.

Aber nicht direkt auf den Haubentaucherweg, wie ich es in Erinnerung habe.
Stattdessen biegt und windet er sich ein bisschen.
Das macht´s kompliziert, denn das hier ist wirklich urwald – alles sieht ein bisschen gleich aus, und wenn die Sonne so tief steht wie heute abend, dann kann man einfach keine Himmelsrichtungen mehr bestimmen.
Und wenn man dann auch noch nicht so wirklich an der Richtung interessiert ist und außerdem nach Nordosten läuft, anstatt nach Nordwesten, wie man glaubt….

Mein Richtungssinn versagt vollends, ich ignoriere die richtige Abzweigung nach links, weil ich mir todsicher bin, dass es da nach Süden geht, wo ich doch eigentlich nach Nordwesten will und folge stattdessen dem Weg.
Der geht übrigens nach Nordosten.
In genau die entgegengesetzte Richtung, die ich will…

Aber wie gesagt, das merkt man hier drin nicht so leicht, also renne ich einfach immer weiter geradeaus, den schmalen Pfad auf dem kleinen Deich entlang, durch den undurchdringlichen Urwald. Hin und wieder passiere ich mal ein uraltes Stauwehr oder einen weiteren Sumpftümpel, aber ansonsten gibt´s keine Anhaltspunkte.

Natürlich wird mir irgendwann klar, dass ich offensichtlich nicht da bin, wo ich eigentlich hin will. Rechts sollte irgendwann mal der Altrhein auftauchen, vielleicht sogar die Schwedensäule auf der Knoblochsaue, und ein paar Wiesenpassagen hatte ich eigentlich auch erwartet.
Stattdessen: Urwald, Urwald, Urwald.

Na gut, renn´ ich halt weiter, ohne die geringste Ahnung, wo das hier hinführt.
Wird schon irgendwo rauskommen.

Tut´s auch.
Fast 2 km nach dem größeren Tümpelteich erreiche ich eine Kreuzung an einem Asphaltweg.
Kommt mir vage bekannt vor, aber ich kann sie einfach nicht einordnen.
Selbst der Wegweiser hilft mir nicht viel, links geht´s zu einer Einkehrmöglichkeit, rechts zu einem Infopunkt.
Aber die die einzige Stelle, wo so ein Wegweiser stehen könnte, ist im eigentlich Ostteil der Insel, und ich bin mir immer noch ziemlich sicher, dass ich die ganze Zeit nach Westen gelaufen bin.
Hmmm. Seltsam…

Rechts ist in vielleicht 200 m. der Waldrand zu erkennen, dahinter Wiesen. Ich lauf´ mal hin, dort im Offenen werde ich mich besser orientieren können.

Das klappt, als ich aus dem Wald raus bin, erkenne ich links vorne jenseits der Wiesen Guntershausen.

„Vollkommen unmöglich“, denke ich mir, „ich bin doch im Westteil der Insel, da vorne muss eigentlich das Rheinufer sein“.
Ist es aber nicht.
Ich bin im Ostteil des Kühkopfes, und damit die letzten Kilometer in genau die falsche Richtung gelaufen.
Na prima!
Aber wenigstens bin ich wieder orientiert.

Die Runde um die Insel ist damit gestorben, das wären von hier immer noch 12 oder 13 km, und die Sonne geht in ein paar Minuten unter.
Deshalb entschließe ich mich, von hier aus die Insel zu verlassen und nach Erfelden zu laufen, um von dort aus dann dem Altrheinufer zurück nach Stockstadt zu folgen. Nicht unbedingt die schönstmögliche Strecke, aber unkompliziert.
Das reicht für heute.

Zurück in den Wald, zur Kreuzung an der ich eben rausgekommen bin, dort biege ich rechts ab. Schmaler Pfad, auf dem Deich durch den Urwald, alles wie gehabt.
Aber dieses Mal unmarkiert.
Nicht dass das noch einen Unterschied macht.

Nach ein, zwei Minuten weiss ich schon wieder nicht genau, wo ich hinlaufe. Ist aber egal, Abzweigungen gibt´s keine, also folge ich dem Weg so lange, bis er an einer Hütte auf einen Querweg stösst.
Auch die kommt mir vage bekannt vor, und mit Hilfe zweier Spaziergänger mit Hund, gelingt es mir, die Stelle zu identifizieren:
Rhein-Neckar-Weg bzw. Riedlinie am Ostrand der Insel, war ich schon mal.
Rechts geht´s nach Guntershausen, links zum Forsthaus.
Ich laufe links.
Weg auf Deich durch den Urwald, inzwischen allerdings schon ziemlich finster.
An der Abzweigung zum Forsthaus vorbei, dann die nächste rechts, durch die Wiesen im Nordosten der Insel bis zur Erfelder Fußgängerbrücke, auf der ich den Altrhein überquere.

Inzwischen tut mir alles ordentlich weh, bin das Tempo einfach nicht gewöhnt. Ist mir aber egal, ich lauf´ trotzdem nicht langsamer weiter.

Von der Brücke runter ans Erfelder Altrheinufer, dort rechts auf den Fußweg neben dem Altrhein nach Osten.
Links Erfelden, rechts der Althrein, geradeaus Asphalt.
Unkompliziert.

Mehr als ein Kilometer, am Althrein aus Erfelden raus, bis kurz vor die große Strassenkreuzung, an der die B44 durchführt.
Eigentlich müsste ich da geradaus auf den Weg neben der 155, der nach Stockstadt führt.
Aber kurz vorher geht rechts ein schmaler Weg in die Wildnis ab, der weiter dem Altrheinufer folgt.
„Hm,“ denk ich mir, „viellicht komme ich auf dem ja schneller nach Stockstadt ohne an der Strasse laufen zu müssen“.

Also probier´ ich ihn aus.
Vielversprechend, zumindest auf den ersten paar hundert Metern.
Dann erreiche ich die Stelle, wo der Schwarzbach in den Altrhein mündet.
Da ist Sense, denn Stockstadt liegt hinter dem Bach, und der ist zu breit um rüberzuspringen.

Pfff, dann eben nicht.
Genervt folge ich dem Weg weiter, der nun nicht mehr dem Altrhein sondern dem Schwarzbach folgt, unter zwei Brücken durchführt, und schließlich nach einem ordentlichen Bogen im Erfelder Gewerbegebiet rauskommt, genau dirt wo ich ursprünglich sowieso vorbeigekommen wäre (bloss eben ohne den doofen Umweg).
Das nervt mich.

Von hier aus ist´s dann wirklich ganz einfach: Radweg am Rand der K155, nicht hübsch aber einfach und eben, angesichts der Tatsache, dass es gerade Nacht wird und keine Lust mehr habe, ist das gar nicht so übel.

1,5 km, bis nach Stockstadt rein, dann rechts über den Winterdeich an den Sportplätzen zurück zum Parkplatz an der Altrheinbrücke und fertig.

Hrm.
Hat nicht so richtig gut getan.
Zuwenig Spaß, zuviel verirrt, zuviel Tempo, das bin ich nicht gewöhnt.
Kopf ist deswegen nicht freier geworden, und ehrlich gesagt ärgert´s mich im Nachhinein sogar noch ein bisschen, dass ich so eine schöne Umgebung wie den Kühkopf an so einen Lauf verschwendet habe.
Hmpf.

Strecke: 12,2 km
Zeit: 1:06 h (11,09 km/h bzw. 5:25 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 38,28% (4,67 km von 12,2 km)
Karte:
Verirrt auf dem Kühkopf

M.

Werbeanzeigen

9 Antworten to “Verirrt auf dem Kühkopf (12,2 km)”

  1. Kümmel Says:

    Einen Vorteil scheint die Uhrzeit aber gehabt zu haben: Die vielen Mücken scheinen schon geschlafen zu haben 😉

  2. Hannes Says:

    Hrmpf. Was für eine … mäßige Tour. Nein, zufrieden ist etwas Anderes. Dabei hätte es eigentlich schön werden können. Die Sonnenuntergangs-Stimmung, die „Insel“ (da muss ich doch ein wenig schmunzeln ;)), der Urwald, die neuen Wege – es gibt Tage, da hättest du dich drüber gefreut.

    Es war wohl wirklich der falsche Tag für diesen Lauf. Beim nächsten Mal passt das wieder besser zusammen.

    • matbs Says:

      Hmm, nachdem ich das nächste Mal inzwischen hinter mir habe…
      Pfffnaja…

      Einfach nicht ideal im Moment…

      Übrigens ist der Kühkopf keine „Insel“ sondern eine Insel, also ein Stück Land, das auf allen Seiten von Wasser umgeben ist.
      Ist übrigens fast genauso groß wie Langeoog… 😉

  3. dauerlaufen Says:

    Der 19. September war ein Hmpf Tag. Kollegen, Freunde alle waren in dieser Hmpf Stimmung. Und nichts hat geklappt. Dich hat es also auch erwischt. Das war etwas Größeres…

  4. Gerd Says:

    So schlecht ist die Streckenführung doch gar nicht. Und mit dem Verlaufen hast Du doch auch Routine. 😉
    Also, eigentlich nichts Neues! 😆


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: