Besser! Odenwälder Nordrand: Rohrbach – Hahn – Wembach – Rodau (13,5 km)

22. September 2009

Heute machte der Durchhänger der letzten Woche mal Pause (oder vielleicht ist er ja sogar ganz auf dem Rückzug, mal schauen…).
Auf jeden Fall hatte ich Lust aufs Laufen.
Am liebsten irgendwo, wo ich vorher noch nicht gewesen war.
Gutes Zeichen.

Lag aber vielleicht auch am Wetter – Warmer, wunderschöner Altweibersommertag mit milder Sonne, ein bisschen stimmungsvollem Dunst und einer aromatischen Prise Herbst in der Luft.
Die beste Laufzeit des Jahres, das muss man ausnutzen, gerade wenn man ein bekennender Schönwetterjogger wie ich ist.

Also plotte ich nach dem Mittagessen eine schöne, interessante Strecke durch ein paar bisher unerlaufene Dörfer am äußersten Nordrand des Odenwalds (noch ein gutes Zeichen: Nicht mehr nur lustlos losgelaufen sondern mal wieder ein paar Gedanken vorher gemacht) und breche dann am späten Nachmittag auf.


Start auf dem Waldparkplatz „Grandes Semailles“ südlich des Dörfchens Rohrbach bei Ober-Ramstadt.
21°, schräge, goldene Vorabendsonne, über die sanften grünen Hügel streicht ein ganz leichter, frischer Wind.
Schön!

Vom Parkplatz aus laufe ich Nordwärts, auf dem Fußweg neben der L3106 bis zum nahen Rohrbacher Ortsrand (Markierung: Blauer Balken).
Meine Beine sind wieder mal ein bisschen steif und unwillig, aber heute stört das nicht – zum ersten Mal seit über einer Woche finde ich von Anfang an einen guten Rhythmus und beginne, so ein bisschen in der Umgebung aufzugehen.
Die ist übrigens überaus freundlich hier oben, wo der Odenwald langsam aber sicher aufhört und mehr und mehr ins Hügelland der Dieburger übergeht – keine schroffen, hohen Berge mehr, dafür weite, sanfte Hügel mit Weiden und Feldern, aufgelockert durch große Waldstücke und – in den Niederungen – dichten Schilfdickichten, denen Rohrbach zweifellos seinen Namen verdankt.

350 m. zwischen der Fahrbahn und einem riesigen, strahlenden Sonnenblumenfeld hinter dem sich die grünen Hügelrücken bis hinunter ins Tal der Modau erstrecken, dann erreiche ich den Ortsrand, wo ich erstmal einen Schlenker nach links mache, um das Gelände irgendeines größeren Betriebs herum bis an die Nieder-Modauer Str. (Marker: O5).
Kleiner Umweg, aber damit ist die heutige Tour mit dem Rest vom Streckennetz verbunden.

Hier dann rechts, in den Ort hinein.
Rohrbach ist zusammen mit den Nachbardörfern Wembach und Hahn (da kommen wir gleich noch hin) eine der jüngsten Ortschaften im Odenwald. Die Orte wurden erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Waldensern gegründet, die aufgrund ihrer Religion ihre ursprüngliche Heimat im (damals französischen) Piemont verlassen mussten.
Auf den ersten Blick ist für einen Laien wie mich davon heute nicht mehr so viel zu sehen (mal abgesehen von ein paar Strassen- und Flurnamen, wie beispielsweise den „Grandes Semailles“, von denen aus ich gestartet war) – Rohrbach ist ein friedliches, freundliches Odenwalddörfchen in sanfter Hanglage mit einem Kern aus kleinen alten Häuschen und Höfen, viel Fachwerk, einem Dorfplatz mit dem obligatorischen Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege und einer kleinen Kirche. Ruhig, beschaulich, etwas verträumt im wamren Licht der abendlichen Sonne.
Nett.

Ich folge der Brunnenstr. und der Pragelatostr. (benannt nach dem Ort, aus dem die Waldenser ursprünglich hierher gekommen sind und mit dem Ober-Ramstadt heute verschwistert ist) ganz leicht aufwärts, bis ans nordöstliche Ortsende, dort wechsle ich halblinks auf einen Feldweg, der mich zwischen buntem Buschland und Pferdeweiden nach Nordosten führt, durch eine lange, schilfige Schneise zwischen zwei bereits früherbstlich verfärbten Waldstücken hindurch bis zu einem einsamen, stillen Weiher unter hohen Buchen.

Ab hier geht´s ostwärts dem Main-Stromberg-Weg (rotes Quadrat) hinterher. Rechts Waldrand. Links mehr sanfte, grüne Hügel mit ein bisschen Schilf, nach ein paar hundert Metern das (ebenfalls von Waldensern gegründete) Dörfchen Hahn.

Da lauf´ ich natürlich auch noch mal durch, wenn ich schon mal da bin:
Kurzer unmarkierter Schlenker links hoch, vorbei an einem eingezäunten Löschwasserteich, einer umzäunten Wiese mit weidenden Gänsen, deren weißes Gefieder in der Sonne strahlt, und einem Holz sägenden Bauern am Ortseingang bis an die Reinheimer Str. im Ort.
Ist gleichzeitig auch die B426, hier bin ich schon oft genug durchgekommen.
Aber das fällt mir heute nicht auf, scheint alles neu und unbekannt, vielleicht weil ich zu Fuß mit 10 km/h durchlaufe und nicht mit 60 Sachen durchbrettere. Sowas kann die Perspektive ganz schön ändern.
Wäre heute aber eh nicht möglich, denn mitten auf der Reinheimer Str. (die ich übrigens nach rechts laufe) ist eine große Baustelle an der sich der Berufsverkehr ordentlich staut.
Da bin ich mit meinen 10 km/h sogar schneller als die Autos… 😀

150 m. durch Hahn, dann biege ich auch schon wieder rechts ab, laufe an der einzeln stehenden Waldenserhalle vorbei und laufe kurz danach in Wembach, dem dritten lokalen Waldenserdorf ein.

Schlosstr., laaange geradeaus. Erst an einigen Häusern neueren Datums vorbei, dann durch den alten Ortskern, zwischen alten Fachwerkhöfen hindurch, bis ich schließlich die Pragelatostr. erreiche (das ist dieselbe wie in Rohrbach).
Hier schickt mich der Main-Stromberg-Weg nach links, dann wieder nach rechts („Im Höhlchen“), und eh´ ich mich versehe, bin ich auch schon wieder raus aus Wembach.
Gärten, Felder, warm und pastellig ausgeleuchtet von der satten Vorabendsonne, kurz darauf dann wieder ein bisschen hoher, sonigschattiger Buchenwald.

Hier schickt mich der Main-Stromberg-Weg nach links in den Wald rein, ostwärts, wo mich bereits die erste halbwegs nennenswerte Steigung der heutigen Tour erwartet – ein paar hundert Meter aufwärts, ein paar Dutzend Höhenmeter nach oben.
Nicht wirklich steil, nicht wirklich anstrengend, aber es soll ja Bundesländer geben, wo sowas als „Berglauf“ gilt… 😉

Oben auf dem Hügelsattel angekommen (von Bergen kann man hier wirklich noch nicht sprechen, das bewegt sich alles unterhalb der 300 m.ü.NN.-Marke) stoße ich auf einen breiten, quer verlaufenen Waldweg, auf den der Main-Stromberg-Weg in südlicher Richtung einbiegt, ich hinterher.
Sehr bequemes Stück, ein bisschen gewellt aber nicht anstrengend, breiter Weg, gesäumt von hohem, blaupurpur blühendem Wegrand(un)kraut, umgeben von altem, hohen Hochwald, der sich – in teils überraschend schroffen kleinen Seitentälern – die Hügelflanken hinunterzieht. Sogar einen anderen Jogger hat´s hier, und der kann sogar grüßen.
Das ist alles seeehr zufriedenstellend.

800 m., dann geht´s an der nächsten Abzweigung links, gleich wieder rechts, auf einem ansatzweise wegstück durch das Waldstück am „Nobkunz“ (ob sich da wohl eine französisch-waldensische „quinze“ drin versteckt?) bis zum unteren Waldrand über einem kleinen, idyllischen Seitental des unteren Fischbachtals.

Immer noch Main-Stromberg-Weg, um ein Wäldchen rum, dann runter auf den schmalen, asphaltierten Mühlweg vor der Bocksmühle, und auf dem hinein in den Groß-Bieberauer Ortsteil Rodau.
Übrigens der 250. Ort, den ich erlaufen habe.
Aber das weiss ich jetzt noch nicht, das werd´ ich erst nachher rausfinden, wenn ich wieder daheim bin.

Ausnahmseise mal kein Waldenserdorf, aber trotzdem hübsch, beschaulich und – wie es sich für einen trägen, schönen Frühherbstvorabend gehört – ein klein wenig verschlafen.

Es geht unmerklich abwärts zu Ortskern hin, vorbei an einem alten Hof vor dem große, schwarze Hühner in einer Umzäuning picken und scharren, vorbei an freundlichen, gepflegten Wohnhäusern, weder alt genug sind, um wirklich bemerkenswert zu sein, noch neu genug, um häßlich zu sein, und schließlich wieder vorbei an viel altem Fachwerk.
Bis runter an die Hauptstr.
Eigentlich könnte ich der gleich nach rechts folgen, aber der Main-Stromberg-Weg möchte zum Abschluss unserer gemeinsamen Zeit noch einen kleinen Schlenker mit mir machen, da kann ich mich nicht verweigern.
Also stattdessen geradeaus und kurz nach der Hauptstr. rechts in einen Fußweg, der zwischen alten Höfen und einem kleinen, offenen Bach westwärts zur Eckstr. führt, die mich mit ein paar wirklich herrlichen alten Fachwerkbauten begrüsst.

Hier heisst´s dann endgültig Abschied vom Main-Stromberg-Weg nehmen, der neue Marker ist der weisse Doppelbalken des HW12, und der will mit mir rechts, die Schlulstr. hoch bis zum oberen Ende von Rodau, dann durch eine weites, offenes Tal voller Felder am Hang über dem Dorf bergauf.

Wembacher Weg, die längste Steigung des Tages.
Über ein Kilometer, bei 60 oder 70 m. Höhenunterschied.
Also nicht der Rede wert… 😀

Zumal´s auch hier richtig schön ist. Zuerst ein paar gepflegte Kleingärten voller blühender Blumen, dann die abwechslungsreichen Felder mit Mais, Steckrüben und blühendem Raps (so spät im Jahr? Aber es sieht aus wie Raps, riecht wie Raps, scheint wirklich Raps zu sein), die sich über die freundlichen Rundungen der Hügel unter dem blauen Himmel aufwärts ziehn.
Und es wird schöner, je weiter ich nach oben komme: Erst laufe ich aus dem Schatten des westlichen Hügelkammes hinaus in die herrliche Sonne, bald darauf bin ich weit genug oben, um mich umzudrehen und über das Tal hinweg in den Odenwald hineinzuschauen, wo mich die vertrauten, rötlich schimmernden Mittelgebirgshöhen erwarten: Direkt hinter Rodau liegt auf einem steilen Bergsattel Lichtenberg, mit dem strahlendweissen Renaissanceschloss und dem gedrungenen Silhouette des Bollwerks. Weiter rechts erhebt sich der Sattel dann zum Gipfel des Altschauer, auf dem ein uralter keltischer Ringwall zu finden ist, bevor er schließlich in die steile , bewaldete Wand über dem Johannisbachtal übergeht.
Dahinter erhabt sich die Neunkircher Höhe, der zweithöchste Gipfel des Odenwalds, gar nicht mehr weit weg, erkennbar durch den riesigen Radarturm, der sich majestätisch über den Wipfeln dreht.
Links davon dann der Höhenrücken vor dem Gersprenztal, mittig die offene Anhöhe bei den Zwölf Aposteln über Nonrod, links davon dann die riesigen hohen Waldgebiete an der Steinkaute.
Alles wunderschön in der Abendsonne.

Und dann bin ich oben, biege links auf die Hohe Strasse ab, die westwärts durch den Wald führt und wunderbar zu laufen ist – die Gegend hier ist wirklich wunderbar, einerseits ist es nicht so flach, dass es unangenehm wäre, andererseits aber auch nicht so steil, dass es anstrengend würde – stattdessen geht es immer schön sanft auf und ab, so dass die Belastung ständig wechselt und niemals überhand nimmt.
Das ist gut.

Schließlich erreiche ich die L3106 im Wald zwischen Rohrbach und Rodau. Hier muss ich nach links, fünfzig Meter auf der Fahrbahn entlang (wie üblich: Kein Seitenstreifen oder Radweg, nicht so angenehm), bevors rechts auf dem Bismarckeichenweg (gelbe 1) in vielen Kurven und Serpentinen den lichten, sonnigen Hang hinunter in das schmale, kleine Wiesental unterhalb vom Weichkopf geht.

Im Talgrund passiere ich ein paar stille, brackige Fischteiche und wende mich dann links. Dieser Weg ist nicht mehr markiert, aber laut Wanderkarte sollte er mich durch den Wald am Weichkopf hoch auf die Anhöhe über Asbach bringen, kurz vor den Grandes Semailles.
Tut er auch, wenn auch auf eine sehr holprige Art und Weise: Vorbei an ein paar weiteren Fischteichen (auf der anderen Seite der Gewässer bin ich letzten November mal vorbeigekommen), zwischen alten Dornen und Brennesseln hindurch, dann auf einem kaum noch erkennbaren aber dafür recht steilen Rumpelpfädchen durch den dunklen, schattigen Wald aufwärts.
Das strengt dann doch ein bisschen an, nicht nur wegen der ordentlichen Steigungen sondern vor allem wegen der vielen Äste, Wurzeln und Steine, die das Stück zu einer veritablen Stolperfalle machen.

Oben auf der Anhöhe hab´ ich´s dann fast geschafft – ich stolpere die letzten paar Meter Rumpelpfad bergauf und finde mich dann unvermittelt auf einem breiten, ebenen Waldweg wieder, der mit dem blauen Balken gekennzeichnet ist. Nochmal kurz links zum Waldrand, vielleicht 70 m. (nicht weil ich muss, sondern weil ich damit einen weiteren Anschlusspunkt zum Streckennetz herstelle), denn in die entgegengesetzte Richtung dem blauen Balken hinterher.
Noch ein bisschen Wald, dann komme ich bereits wieder in die offenen Hügel der Grandes Semailles, vor mir schimmert bereits wieder Rohrbach im Abendlicht.
Von hier aus ist es dann nur noch ein halber Kilometer am Waldrand, dann erreiche ich auch schon das Ziel – ausnahmsweise mal mehr entspannt als erschöpft und mehr als eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang.

Das war angenehm: Keine Probleme, dafür mal wieder etwas mehr bewusster Genuss, hat gut getan.
Der nördliche Odenwald ist aber auch verflixt hübsch, wenn die abendliche Herbstsonne draufscheint…

Strecke: 13,5 km
Zeit: 1:21 h (= 10 km/h bzw. 6 min/km)
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 98,44% (13,29 von 13,5 km)
Karte:
Rohrbach-Hahn-Wembach-Rodau

M.

Advertisements

4 Antworten to “Besser! Odenwälder Nordrand: Rohrbach – Hahn – Wembach – Rodau (13,5 km)”

  1. Hannes Says:

    Wie pessimistisch bist du denn Anfang des Berichts? Natürlich ist das nicht nur eine kleine Pause – die miesen Tage sind vorbei – fertig!

    Schöne Tour.

  2. matbs Says:

    Na, ich weiss ja nicht.
    Wenn der Herbst voranschreitet und sich von „warm und golden“ zu „klamm und grau“ wandelt, lässt meine Lauflaune traditionell
    deutlich nach…

    Schaun ´mer mal! 😉


  3. […] Besser! Odenwälder Nordrand: Rohrbach – Hahn – Wembach – Rodau (13,5 km) […]


  4. […] nämlich nicht besonders alt. Ähnlich wie die Odenwalddörfer Rohrbach, Wembach und Hahn, die ich vor einem Vierteljahr besucht habe, wurde der Ort erst Ende des 17. Jahrhunderts gegründet, und zwar von Waldensern, die aufgrund […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: