Tiefer in die Rheinhessischen Hügel: Eppelsheim – Dintesheim – Esselborn – Wahlheim – Kettenheim (13,5 km)

14. November 2009

Wir erinnern uns: Letzten Samstag war ich mal auf der anderen Rheinseite und hab´ dabei eine kleine Expedition tiefer ins Rheinhesssische Binnenland hinein unternommen. Die war erstaunlich gut, trotz Kälte, Schlamm und Mistwetter.

Deswegen hab´ ich mich dann heute auch entschlossen, da weiter zu machen, wo ich vor genau einer Woche aufgehört hatte – war sowieso wieder drüben in Rheinhessen, da wollte ich einfach mal noch weiter nach Nordwesten ins unbekannte Hügelland laufen, vom nördlichsten Punkt der letzten Tour weiter in Richtung Alzey (das würde ich heute zwar noch nicht ganz erreichen, aber vielleicht ja beim nächsten Mal – wer weiß, vielleicht kann ich mittelfristig sogar ein kleines Projekt draus machen, bei dem ich Etappenweise durchs dunkle, unerforschte Herz Rheinhessens nordwärts laufe, bis ich beim fernen Mainz wieder auf mein Streckennetz stoße. Hmm… 😉 ).


Ausgangspunkt: Das kleine Örtchen Eppelsheim mitten im weiten Hügelland südöstlich von Alzey. Das hatte ich letzte Woche nur so ein bisschen angekratzt und es schade gefunden, dass ich mir den alten Ortskern samt umgebenden „Effenkranz“, einer baumbestandenen Grünanlage die aus einem mittelalterlichen Schutzhecke hervorgegangen ist, nicht genauer angeschaut hatte.
Wird heute nachgeholt!

Wetter: Standesgemäß mäßig, mit schweren grauen Wolken, die weit unten über den Himmel schwadronieren und das weite Hügelland in trübes Halblicht hüllen. Aber immerhin ist es nicht kalt, und regnen tut´s auch nicht (mehr. Gerade ist ein riesiges Regengebiet durchgezogen, aber das hängt nun schon weiter östlich, über Worms, Rhein, Ried und Bergstrasse).
Kann man mit arbeiten…

Ich stelle das Auto an der Ecke Wormser Str./Ecke Bahnhofstr. im Eppelsheimer Süden, außerhalb des alten Kerndorfs. Hier bin ich letzte Woche abgebogen um mich auf den Rückweg zu machen, da setz´ ich heute also quasi nahtlos an.
Es ist später als ursprünglich geplant, in Worms (auch bekannt als „Nadelöhr am Rhein“…) war dank Baustellen, Umleitungen und quer auf der Strasse stehenden Rettungswagen Verkehrschaos, das hat die Anreise merklich verlängert.
Passend dazu hab´ ich auch noch die Uhr daheim liegenlassen (ups, und das Handy auch! Hm, da darf ich mir heute unterwegs kein Bein brechen!), da muss ich wohl nach Bauchgefühl laufen, um vor der Dunkelheit wieder zurück zu sein.
Na ja, wird schon gut gehen… (Ooooh, Foreshadowing! 😀 )

Und los geht´s, dank vollem Entdeckermodus mit guten Beinen und guter Laune.
Nordwärts, die schmale Bahnhofstr. hinauf in Richtung Ortskern, kurz begleitet von einem gewaltigen Schwarm kleiner Vögel, der auf Tausenden rauschender kleiner Schwingen über mich hinwegfliegt und dabei regelrecht den Himmel verdunkelt.
Fängt cool an, die Tour… 🙂

Nicht mal hundert Meter, dann erreiche ich den Effenkranz an der Flomborner Pforte.
Der wirklich ziemlich interessant ist:
Offenbar hatte Eppelsheim im Mittelalter keine Stadt- oder Fleckenrechte und durfte sich deshalb nicht mit einer eigenen Mauer schützen. Also haben die Eppelsheimer stattdesen einen Graben und einen Ring aus eng stehenden Ulmen angelegt, der den ganzen Ort umschloss und nur vier Durchlässe (die „Pforten“) an den Hauptwegen zu den Nachbarorten hatte.
Diese haben den Ort dann Jahrhunderte lang begleitet, bis sie Ende der Siebziger Jahre (des 20. Jahrhunderts) alle an einem Pilz eingegangen sind.
Andere Orte hätten die Gelegenheit genutzt, um auf der freigewordenen Fläche Reihenhausbatterien, Umgehungsstrassen oder Aldi-Parkplätze zu bauen. Aber in Eppelsheim ist man lieber hingegangen und hat neue Ulmen gepflanzt. Deswegen gibt´s den Effenkranz um den Ort auch heute noch (bzw. wieder), als netten Spazierweg unter Bäumen, der einmal rund ums Dorf führt und dabei viel hübscher und charmanter ist als 99,98% aller deutschen Aldi-Parkplätze.
Gut gemacht, Eppelsheim! 🙂

Ich biege links ab, folge dem Effenkranz unter den fast kahlen Baumwipfeln nach Westen, links alte Steinmauern, rechts der kleine Graben des Effenkranzes. Nach 150 m. geht´s dann auf einem etwas glitschigen Holzbohlensteig auf die anderen Grabenseite und dort nochmal 150 m. am Ortsrand nach Norden, bis ich an die Dintesheimer Pforte komme, wo ich vom Effenkranz-Rundweg nach links auf die Hauptstr. und kurz darauf nochmal links auf die Alzyer Str. wechsle, auf der Eppelsheim westwärts in Richtung Dintesheim verlasse.

Schmale einspurige Landstrasse (K28), die an einer Alleeartigen Baumreihe durch braune Stoppelfelder und ein paar flache Weinlagen führt, rechterhand erhebt sich ganz sanft einer dieser flachen, riesigen rheinhessischen Hügel, links verläuft in der nahen Taldelle die rauschende A61, dahinter erhebt sich eine weitere flache Hügelflanke.
Oh, und es gibt einen Radweg!
Für Rheinhessen ist das schon fast eine Besonderheit, meistens findet man hier ja nicht mal einen Seitenstreifen, hier jedoch hat´s einen schönen Radfahrstreifen jenseits der Alleebäume, auf dem man wunderbar Joggen kann, ohne beständig fürchten zu müssen, von überschnellen tiefergelegten Ureinwohnergolfs oder schweren Landbevölkerungs-SUVs niedergemäht zu werden.
Tofte!

Zumindest einen halben Kilometer lang. Dann trennen sich Radweg und K28 nämlich.
Die Kreisstrasse erhebt sich zur Autobahnrücke nach Dintesheim, auf der ich jetzt eigentlich die A61 überqueren will.
Aber ohne Seitenstreifen und ohne den Radweg. Der führt nämluch stattdessen links unter der ansteigenden Brückenböschung entlang und sieht nicht so aus, als ob er ernhsthaft auf die andere Autobahnseite führt.

Hmm.
Ich entschließe mich dazu, vorerst weiter dem Radweg zu vertrauen. Vielleicht geht führt der ja hinter der nächsten Kurve auf einer eigenen Rampe zur Brücke hoch, sowas gibt´s ja öfters.

Hier allerdings nicht.
Ich erreiche den Fuß der Brücke, die hoch über mir die A61 überquert.
Der Radweg läuft weiter geradeaus, auf dieser Seite der Autobahn nach Norden.
Will isch net.
Also muss ich wohl oder übel irgendwie auf die Brücke hoch.
Umkehren is´ nicht, die obligatorische Diensttreppe (die ich ja eh nicht benutzen darf – ist verboten, sagt ein Schild) führt auf die falsche Strassenseite, also kraxele ich kurzentschlossen Brückenböschung hoch zur Fahrbahn.
Extrem steil und etwas rutschig, aber zum Glück gibt´s ein paar dürre Strauchgewächse, an denen man sich festhalten kann (zum Unglück mit Dornen. Autsch!).

Oben angekommen schnaufe ich kurz durch, wische mir das Blut von der Hand (blöde Dornen! 😀 ), und überquere endlich die A61, ganz vorsichtig am linkesten Rand der schmalen Fahrbahn.
Geht doch!

Direkt hinter Brücke erwartet auch schon Dintesheim, ein winziges (150 Einwohner) Wein- und Landwirtschaftsdörfchen, das sich beschaulich in die flachen Talseite neben der (zugegeben nicht ganz so beschaulichen) Autobahn schmiegt.

Hier geht´s geradewegs durch, auf der Hauptstr. leicht bis moderat aufwärts, an alten Häusern und Höfen aus urigem Naturstein entlang, vorbei an einer kleinen gepflegten Kirche (die Kirchendichte in Rheinhessen beeindruckt mich immer wieder, hier hat wirklich jedes Winzdörfchen mindestens eine eigene Kirche. Oder zwei. Oder auch mal drei…), dann bin ich auch schon an der B271, die zugleich den oberen Ortsrand markiert.

An einem großen Weingut überquere ich die Fahrbahn, dann geht´s aufwärts, geradewegs die lange, ackerbedeckte Hügelflanke über Dintesheim hinauf.
Der Aufstieg sieht täuschend flach aus (Steigungen in Feldern wirken auf mich irgendwie immer weniger Steil als solche Wald, keine Ahnung warum) tatsächlich hat´s hier aber fast 10% Steigung.
Und das auf einem urigen rheinhessischen Feldweg, auf den´s heute Vormittag und Mittag stundenlang draufgeregnet hat – dementsprechend ist der reichlich vorhandene Schlamm rutschig wie Schmierseife (aber immerhin nicht so klebrig wie beim letzten Mal, das „Kiloschwere-Dreckteller-an-den-Füßen“-Phänomen bleibt mir heute also erspart), bei jedem Schritt bergauf rutscht man so gleich wieder ein Stückchen talwärts, das erhöht den notwendigen Kraftaufwand gleich noch mal deutlich.
Da komme ich doch tatsächlich gut ins Schnaufen und Schwitzen…

Mehr als einen halben Kilometer geht´s bergauf, durch mehr graubraune Stoppelfelder und vorbei an irgendwelchen in Reih und Glied wachsenden Büschen (sind das Hagebutten? Gibt es Hagebutten-Plantagen???), dann erreiche ich so langsam die Plateauartigen Gefilde der Hügelkuppe, die sich unter dem schweren, großen Himmel karg und leer bis zum tiefen Horizont erstreckt.

Hier geht´s rechts, nordwärts auf einem schlammigen, namenlosen, markierungslosen Feldweg, der nicht mehr direkt im Hang liegt, aber auch noch nicht ganz auf dem Plateau.
Gaaaanz lange Gerade, leicht abfallend, weiterhin ziemlich schlickschlammglitschig.
Zum ersten Mal auf der heutigen Tour bin ich nicht mehr im flachen Tal unterwegs sondern „oben“, kann meinen Blick frei in die weite, geschwungene Landschaft schweifen lassen und die Gedanken hinterher schicken, über die sprichwörtlichen Tausend Hügel, über grüne, flache Talmulden und über unzählige kirchturmgeschmückten Dörfchen zwischen Feldern und Weinbergen.

Schon komisch.
Insgeheim war ich immer der Meinung, dass Rheinhessen nicht so richtig hübsch ist – irgendwie zu wenig Wald, irgendwie zu viel offenes Land, irgendwie zu flach, irgendwie zu wenige „ordentliche“ Berge mit Burgen drauf, irgendwie zu… leer.
Aber je öfter ich hier laufe, ein Gespür für die Gegend entwickle, mich ein bisschen auf Topographie und Umgebung einlasse, um so mehr ändert sich das.
Vielleicht muss man manchmal erst lernen, die Reize einer etwas fremderen Landschaft zu erkennen, bevor man sie zu würdigen weiß…

Hier und heute, auf dem schlammigen Feldweg an der Hügelkante, klappt das mit dem Würdigen ziemlich gut.

Richtig schön hier oben, trotz dem grauen Dämmerlicht über den kahlen Feldern – rechts unten das breite, flache Tal, das ich gerade durchquert habe, und durch das das schmale, hellgraue Band der Autobahn nach Norden verläuft, bis hin zur Selztal-Viadukt bei Alzey, das man bereits erahnen kann. Dahinter schaut man dann an der mächtigen, lange Flanke des nächsten Hügels entlang in die gewellte Weite des zentralen Rheinhessens, mehr Hügel und Täler und Weinberge und Dörfchen, mittendrin eine etwas steilere Erhebung, die sich bei der Nachrecherche als der bei Gau-Odernheim herausstellen wird (hmm, da gibt´s tolle Aussicht und eine Klosterruine. Könnte man auch mal hin… 🙂 ).
Und geradeaus kommt langsam Esselborn näher, ein paar helle Häuser und der spitze Turm einer kleinen Kirche, unter dem schweren, tiefen Himmel in eine seichte Delle zwischen die Äcker und Weinberge geduckt, überragt von einem weiteren runden Hügelrücken mit spitzem Aussichtsturm drauf (den merk´ ich mir schon mal für die nächste Tour), hinter dem eigentlich schon Alzey liegen müsste.
Irgendwie gefällt mir das alles, nicht trotz, sondern gerade wegen der Weite, Einsamkeit und relativen Leere, die hier draußen herrscht.

Insgesamt sind´s fast 1,5 km auf dem schlickig-windigen Feldweg bis ich in Esselborn einlaufe, das mit seinen ca. 350 Einwohnern mehr als doppelt so groß wie Dintesheim ist (wenn auch immer noch ziemlich winzig…) Entsprechend schnell bin ich auch durch: Kurz durch die mit alten, zweistöckigen Steinhäusern gesäumte Untergasse , dann rechts über einen frisch gepflasterten Weg an die frisch bebaute Gartenstr., auf einem Trampelpfad am kleinen, baumbestandenen Friedhof vorbei, schließlich links auf einen Feldweg, der über dem Ortsrand nach Südwesten führt.

Eigentlich will ich hier rechts, über Äcker rüber nach Kettenheim, das man von hier oben noch nicht so richtig sieht, weil es sich in einer kleinen Talmulde am Fuß des großen Hügels vor Alzey versteckt.
Auf meinem mitgebrachten Stadtplan-Ausdruck scheint da ein halbwegs ordentlicher Weg rüberzuführen, doch in der Realität ist das lediglich ein schmaler schlammiger Grasstreifen zwischen zwei Äckern, der so unscheinbar aussieht, dass ich schlichtweg dran vorbeilaufe.

Dass ich die Abzweigung verpasst habe, merke ich schon relativ bald, aber da keine andere kommt, mache ich erstmal weiter, bis ich nach 600 m. auf quer verlaufende Mini-Landstrasse stoße (K24, alternativ vielleicht auch die L444 da sind sich meine Quellen nicht so einig), die von Esselborn nach Norden führt.
Da ich da auch hin will, folge ich ihr einfach mal.
Mit langen, schnellen Schritten, weil´s leicht bergab geht, und weil der westliche Horizont inzwischen schon recht ominös schimmert, so als würde die bisher unsichtbare Sonne sich dort demnächst unter die Wolken senken und ans Untergehen machen (dank der vergessenen Uhr weiß ich nicht, wie spät´s ist, aber in die Dunkelheit will ich heute lieber nicht geraten. Schließlich kenne ich mich hier draußen sowas von gar nicht aus, das könte haarig werden).

Ist nicht weit, ein halber Kilometer mitten auf der verwaisten einspurigen Fahrbahn, dann erreiche ich den Rand von Wahlheim, einem weiteren rheinhessischen Mini-Ort, der in die Talmulde des „Kühlen Grunds“ am Weidasser Bach drapiert ist.

Liegt eigentlich nicht auf meiner geplanten Route, aber das ist kein Beinbruch -Kettenheim, mein nächstes Ziel, liegt nämlich direkt nebenan, gerade mal ein paar hundert Meter weiter östlich und damit in unmittelbarer Nähe.
Entsprechend touchiere ich Wahlheim auch nur und biege direkt hinter dem Ortseingang rechts in die Kettenheimer Str., folge ihr ein kurzes Stück durch die Felder und Wiesen am Talrand, und erreiche kurz darauf das beschauliche Dörfchen Kettenheim

Ein bisschen abwärts, durch die schmale, verwinkelte Kirchgasse bis zur Kirche, hinter der ich mich kurz ein bisschen verfranse und ein wenig durch den kleinen Ortskern aus eng stehenden Höfen und Häusern eiere (was gar nicht so einfach ist in einem 300-Seelen-Örtchen 😀 ), bevor ich schließlich durch die enge Backhausgasse auf den Banhofstr. stoße, der ich dann wiederum in östlicher Richtung aus Kettenheim hinaus folge (das ist nicht die ursprünglich geplante Route, aber wegen dem Umweg über Wahlheim und der sinkenden Sonne kürze ich lieber mal ein bisschen ab…).

Wieder mal Landstrasse (dieses Mal die K26), wieder mal kein Radweg oder Randstreifen, wieder mal praktisch kein Verkehr. Außerdem geht´s ganz leicht bergauf, einen flachen Hügelvorsprung hinauf, von dem man einen schönen Blick übers Haupttal und die A61 nach Osten hat, auf die weinbedeckte Hügelflanke über Dautenheim, die gerade in wunderbar satten, rostrotbraunen Abendsonnenlicht erstrahlt.

Moment mal.
Abendsonnenlicht?
Dann müsste doch irgendwo hinter mir die Sonne unter die Wolken gerutscht sein, da kann ich mich ja mal schnell umdrehen und nachschauACHDULIEBESBISSCHEN!!!!

*Plönk*

Das ist übrigens das Geräusch meines Unterkiefers, der sich spontan aus seiner Verankerung löst und zu Boden fällt, als ich kurz einen Blick über die Schulter werfe.

Am westlichen Horizont schimmert, glüht, leuchtet, brennt ein wahres Inferno aus surreal hellem, surreal herrlichem Abendlicht.

Zum allerersten Mal heute ist die Sonne ist unter den Wolken hervorgetaucht, jetzt hängt sie als glühender, glorreicher Glutball schräg am Horizont, verwandelt den schmalen Streifen zwischen Himmel und Erde in eine atemberaubende Sinfonie aus flammendem Orange, strahlendem Goldgelb und warmem Rosé, die von dicken, purpurschimmernden Wolkenschlieren und den plötzlich Rostrot erstrahlenden Hügelflanken eingerahmt wird.
So hell, so intensiv sind die Farben, dass Augen und Gehirn nach diesem durchweg trüben, grauen, gedeckten Tag regelrecht überladen und geblendet werden, und erst einmal lange, verzückte Momente benötogen, um überhaupt zu begreifen, was ihnen da geboten wird.
Ich stehe einfach nur da, wie erstarrt am Strassenrand, mit offenem Mund, starre ehrfürchtig und überwältigt über die weiten Hügel nach Westen, bade im herrlichen Abglanz des grandiosesten Sonnenuntergangs, den ich seit langer, langer Zeit erlebt habe.
Einen ganze kleine, perfekte, zeitlose Ewigkeit lang.
Zum heulen schön!!!

Erst als die strahlende Sonnenscheibe den dunklen Hügelrücken am Horizont berührt reisse ich mich schweren Herzens los.
So gerne ich mir das atemberaubende Schauspiel bis zum allerletzten Ende ansehen möchte, ich muss doch weiter, denn nun wird´s bald dunkel, und der Weg ist noch weit und fremd.

Weiter an der K26 entlang nach Osten, wobei ich alle paar Meter verzückte Blicke zurück über die Schulter auf den leuchtenden Sonnenuntergang unter den schweren, batikartikwerfe verwaschenen Wolken werfe. Nicht gut für die Verkehrssicherheit, aber gut für die Seele.

Einen knappen Kilometer hinter Kettenheim erreiche ich die quer verlaufenden B271, die ich vorsichtig überquere und direkt dahinter durch die kleine, einsame Häusergruppe am Kettenheimer Bahnhof laufe (Zwei Kneipen, eine Baumschule, ein altes Verladebahnhofsgebäude, ein Bahnübergang), die Gleise überquere, und kurz danach rechts auf einen Feldweg abbiege, der mich mit einer dunklen Unterführung unter der A61 hindurch führt.

Dahinter geht´s wieder aufwärts, auf einem schlammigen Feldweg ins Nichts, eine lange, lange, lange kahle Hügelflanke hinauf, die auf meinem Plänchen passenderweise als „Platt“ identifiziert wird.
Nur noch graubraune Äcker, so weit das Auge reicht, lediglich ganz weit vor mir erhebt sich ein kleiner Wald aus Windkraftanlagen (wohl wieder der Windpark bei Gau-Heppenheim und Hochborn, den ich an klaren Tagen von zuhause aus sehen kann), deren Rotoren im schwindenden Licht schimmern.

Die Sonne ist inzwischen ganz hinter dem Hügel verschwunden, so langsam senkt sich die Dämmerung über Rheinhessen, auch wenn die Wolken am Himmel über mir immer noch Purpurrosa leuchten und am westlichen Horizont hinter dem Donnersberg ein goldrotes Glühen wabert.
Ich beeile mich lieber.

Scheinbar endlos lange geht´s den glitschigen Feldweg hinauf, dann irgendwann, mitten im weiten, grauen Nichts der Platt nach rechts, südostwärts.
Ehrlich gesagt bin ich nun schon ein bisschen verloren auf diesem weiten, dunklen Hügelplateau, auf dem es nichts gibt außer Äckern, keine Bäume, Sträucher, Gebäude – nur am schimmernden Streifen des schwindenen Sonnenuntergangs kann ich mich noch halbwegs orientieren, während ich zügig in die Dunkelheit renne und hoffe, dass ich die richtige Richtung erwischt habe.

Lange geht es im sterbenden Tageslicht durch die fast merkmalslose Landschaft, irgendwann zwischendurch taucht schräg vor mir ein kleines Wäldchen auf, das ich mir als Fixpunkt wähle (auf meinem Plänchen ist es nicht drauf, das zeigt solche Geländemerkmale nicht – aber das Plänchen aufgrund der Lichtverhältnisse inzwischen eh nutzlos, also stecke ich es irgendwann weg), weil ich glaube, dass es ungefähr in der richtigen Richtung liegen müsste.
Hoffentlich.
Wenn nicht, und ich hier oben im vollkommen unbekannten Niemandsland ohne Handy gänzlich in die Dunkelheit komme, dann wird´s… interessant.

Ich habe Glück (oder Verstand. Oder beides): Fast zweieinhalb Kilometer nachdem ich unter der Autobahn durchgelaufen bin, stoße ich an einer kleinen Hecke auf einen Wegmarker: Ein Schild mit einem seltsamen Tierschädel drauf. Das muss der Eppelsheimer Dinotheriumsweg sein, der vom Dorf aus an der Fossilienausgrabungsstätte vorbeiführt, wo im vorletzten Jahrhundert der erste vollständige Schädel eines prähistorischen Dinotheriums entdeckt wurde (und selbst heute wird dort noch gegraben).
Zwar verliere ich den Dinotheriumsweg irgendwie gleich wieder, aber zumindest weiss ich nun, dass ich in der Nähe von Eppelsheim bin…

An einem uneben, schlammigen Feldrain holpere ich kurz nordwärts, bis zum Rand des einsamen Wäldchens (ärgerlich: Damit verpasse ich die Ausgrabungsstätte um ein paar Meter – die hätte ich gerne mitgenommen, trotz Dunkelheit), wo ich rechts abbiege, unter dem krächzenden Protest eines aufgeschreckten Fasans den Waldrand runterlaufe und schließlich mit einer kurzen links/rechts Kombo auf einen schlickig-schlammigen Plattenweg gelange, der neben einem Streifen Buschland (das NSG „Am Huckenhofer Weg„, aber das weiss ich noch nicht) leicht abwärts führt.

Ich hinterher, am Ende des Buschlands rechts, auf uraltem Kopfsteinpflaster (nicht gerade angenehm) weiter talwärts, durch leere Felder und dunkle Weinberge auf die Lichter eines Dorfes zu.
Inzwischen hat sich samtene Nachtschwärze über die Hügel gelegt, nur am westlichen Horizont glüht noch ein letzter strahlender Streifen Abendrot, davor rotieren scherenschnittartig ferne Windräder.
„Hoffentlich ist das da unten auch wirklich Eppelsheim“, denke ich mir, „sonst siehst du ganz schön alt aus“.

Noch ein paar hundert Meter, dann erreiche ich den Ort, der bereits schlaftrunken in die Nacht gleitet. Weil ich auf einem Wirtschaftsweg reinkomme, gibt es kein Ortsschild und kein Strassenschild, ich weiss also immer noch nicht, ob ich richtig bin.
Abwärts ins Dorfinnere, eine schmale Gasse zwischen eng stehenden alten Häusern hinunter, aus deren erleuchteten Fenstern warmes Licht dringt.

Dann ein kleiner Platz mit einem ein Schild.
„Alzeyer Pforte“ steht darauf.
Erleichterung!
Das ist der Effenkranz, ich bin richtig, das hier ist Eppelsheim.
Puuh…

Damit hab´ ich es auch fast schon geschafft. Mitten durch den schönen, engen Dorfkern, wo ich mich noch ein klein wenig verfranse (es ist dunkel und ich war hier noch nie 😉 ), bevor ich schließlich am Dinotherium-Museum und dem Eppelsheimer Römer vorbei auf die Bahnhofstr. gelange und kurz darauf das Ziel in der Wormser Str. erreiche.

Hey, das war schon wieder richtig gut.
Ein bisschen anspruchsvoll und sehr interessant und mit einem atemberaubend schönen Sonnenuntergang und am Ende sogar ein klein bisschen spannend. Dazu ganz viel neue Strecke einem fremden Landstrich und ganz viel Rheinhessen (das mir immer besser gefällt), einfach nur eine prima Tour!
Da freu´ ich mich doch schon auf den nächsten Ausflug hierher, bei dem ich dann Alzey erlaufen werde! 😀

Strecke: 13,5 km
Zeit: Keine Ahnung, Uhr vergessen
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 99,56% (13,44 km von 13,5 km)
Karte:
Eppelsheim - Dintesheim - Esselborn - Wahlheim - Kettenheim

M.

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10 Antworten to “Tiefer in die Rheinhessischen Hügel: Eppelsheim – Dintesheim – Esselborn – Wahlheim – Kettenheim (13,5 km)”

  1. Torsten Says:

    Der Effenring fansziniert mich, habe ich noch nie von gehört. Schön das man sich bei dir weiterbilden kann.
    Schade das du keine Bilder vom Sonnenuntergang machen konntest, sowas sieht man ja eher selten.
    …und ja, ich blogge wieder ! 🙂

  2. matbs Says:

    Hi Torsten!

    Siehste mal, was es so alles gibt bei euch in Rheinland-Pfalz! 😉

    Bei DEM Sonnenuntergang hätte der Foto wahrscheinlich eh versagt, so hell und bunt wie das war. 🙂

    Oh, und schön dass du die Kurve gekriegt hast.
    Da werd´ ich doch gleich mal bei dir vorbeischauen!

  3. XYZ Says:

    Hallo, ich melde mich auch mal wieder. Einerseits weil ich den absolut spektakulären Sonnenuntergang bei Speyer, inclusive Dom als Silhouette davor, miterleben konnte. Es war einmalig!!!
    Andererseits möchte ich dich wegen der Hagebuttenplantage darauf hinweisen, dass vor den Hagebutten Rosen an solchen Büschen zu blühen pflegen, die Hagebutten sind also „nur“ eine Folge der Rosenblüte und enden wahrscheinlich als Hagebuttentee. Ja und zum Dritten war das mal wieder ein sehr stimmungsvoller Laufbericht, bin gerne mitgekommen, Dankeschön!!

  4. matbs Says:

    Dann hat sich der Ausflug nach Speyer ja mindestens mal doppelt oder dreifach gelohnt (denn der Dom und die Ausstellung waren ja wohl auch gut, oder?). 🙂

    Das mit den Rosen und Hagebutten hab´ ich kapiert – aber gibt´s jetzt extra Plantagen für Hagebuttenteehagebutten?

    Und was das stimmungsvolle Rheinhessen angeht – schau´ doch einfach mal selbst vorbei, ist ja nicht weit… 😉

  5. Hannes Says:

    Ach Mensch. Da freue ich mich schon, dass du nun auch bei grauem Novemberwetter eine schöne Entdeckertour machst und dann kommt da doch noch die Sonne raus und verhindert den trüben Novembertag. *grml* Naja – ich gönne es dir trotzdem, laufender Kolumbus 🙂

  6. matbs Says:

    Sorry, mit der Sonne hab´ ich echt nicht mehr gerechnet, die hat mich ganz einfach überrumpelt…
    Nächstesmal vielleicht. 😉

    Und wenn ich den Blog hier irgendwann umbennenen sollte, dann ist „Running Columbus“ hiermit ganz oben auf der Kandidatenliste – ¡muchas gracias! 🙂

  7. dauerlaufen Says:

    in stockfinsterer nacht in fremden dörfern rumstreichen… pass nur auf…. glaubt dir kein mensch, dass du nur laufen wilst….

  8. matbs Says:

    Das ist ein freies Land, hier darf ich Nachts soviel in fremden Dörfern rumstreichen wie ich will, jawollja!
    Und solange ich keine Schweine stehle, Traktoren in Dorfteiche fahre oder Scheunen anzünde, kann mir keiner gar nix!! 😀


  9. […] und dem charakteristisch-spitzen Petersberg bei Gau-Odernheim (der mir ja erst vor kurzem von einer ganz anderen Ecke Rheinhessens aus ins Auge gestochen ist). Und schließlich im Westen der mächtige Donnersberg und das Nordpfälzer Bergland, das im […]


  10. […] bin ich ja von Eppelsheim, das ca. 15 km nordwestlich von Worms in den Hügeln an der A61 liegt, nordwestwärts in Richtung Alzey gelaufen. Bis ganz nach Alzey hab ich´s seinerzeit aber nicht geschafft, sondern einen Hügel davor im […]


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