Besiegt vom Schnee am Felsberg (5,2 km)

14. Februar 2010

Sonntagnachmittag.
Erkältung vorbei.
Laufen klappt auch wieder ganz gut.
Und es fehlen nur noch ein paar Kilometer bis zu einer Dreissigerwoche (die 40 Wochenkilometer hab´ ich nochmal als Wochenziel hintenan gestellt, das kann man auch nächste Woche wieder anpeilen).

Folgerichtig treibt´s Nemo und mich nochmal auf die Piste.

Soll kein langer Lauf werden, aber ein gerne bisschen abenteuerlich, und nicht schon wieder von zuhause aus (aber auch nicht zu weit weg), deswegen hab´ ich uns eine ganz kleine Runde im oberen Balkhäuser Tal rausgesucht, bei der ich ein paar unerlaufene Nebenwege an Felsberg und Vogelherd erkunden möchte.
Geschätzte sieben bis neun Kilometer mit ordentlich Höhenmetern und ein paar verschlungenen, unbekannten Waldpfaden und mutmaßlich viel Schnee – genau das richtige für heute.

Erste Zweifel kommen mir allerdings schon bei der Fahrt hinauf ins Balkhäuser Tal.
Dass hier oben mehr Schnee liegt als unten bei uns am Fuß der Berge hab´ ich ja schon erwartet.
Aber gleich solche Mengen?
Hier oben, jenseits der ersten Bergkette, ist bereits Odenwald – und da herrscht ein anderes, kälteres Mikroklima (normalerweise 1° bis 2° C Temperaturunterschied) als an der gerade mal zwei oder drei Kilometer entfernten Bergstrasse.
Folgerichtig hat´s hier offenbar viel weniger getaut als bei uns am Rand des Tieflands.
Und das macht sich bemerkbar: Bereits am unteren Ende von Balkhausen türmen sich die Schneeberge links und rechts der Fahrbahn, die Hangwiesen und Wälder des Balkhäuser Tals liegen unter einer geschlossenen, mindestens 20 cm tiefen Schneedecke begraben.
Uijuijui, na ob das da mit dem Laufen so gut klappt…?

Zuerst mal müssen wir aber zum heutigen Startpunkt kommen, dem Naturparkplatz Schollrain auf der Passhöhe zwischen Balkhäuser Tal und Mühltal. Schon das ist abenteuerlich genug, denn auf dem schmalen, steilen Zufahrtsweg, der von der L3103 hoch zum Parkplatz führt, liegt der Schnee zwischen den tief eingedrückten Reifenspuren so hoch, dass er bis an den Fahrzeugboden reicht.
Gaaaaanz vorsichtig, ja nicht zuviel Gas, damit die Reifen nicht durchdrehen, aber auch ja nicht zu wenig, damit uns im Hang nicht der Schwung ausgeht und wir liegenbleiben…

Klappt (puh!).

Wir erreichen den Parkplatz und machen uns auf den Weg.
Ungefähr dreißig Meter, dann muss Nemo erstmal ein bisschen mit den Hunden von zwei vorbeispazierenden Herren in Jägertracht spielen, das dauert ein bisschen. Ideal um zu Anfang ein bisschen kalt zu werden… 😉

Aber dann:
Aufwärts, auf dem Nibelungensteig (rotes N) auf dem wunderschönen Wiesenrücken des Schollrains über den Tälern in Richtung Felsberg (wie´s da [ohne Schnee] aussieht, kann man z.B. hier [Bilder #44-#49] und hier [Bilder #10-#13] erfahren).

Immerhin einer der wichtigsten Fernwanderwege im ganzen Odenwald, entsprechend zieht sich eine schmale Spur den Hang hinauf, wo frühere Wanderer den schienbeinhohen Schnee schon ein bisschen niedergetrampelt haben.
Ist trotzdem sackanstrengend, angesichts des rutschig-kalten Untergrunds, des eisigen Westwindes, der einem frische Schneeflocken ins Gesicht treibt, und der Steigung im zweistelligen Prozentbereich.
Zum Ausgleich gibt´s allerdings Winteridylle pur, mit einem grandiosen Blick die weißen Hänge hinab in die Täler und hinüber zum Melibokus und dem Auerbach Schloss, über denen eine funzlig-freundliche Wintersonne aus dem rosigen Dunst am Himmel scheint. Wunderschön!

Nach den ersten dreihundert Metern führt der Weg auf dem Schollrain eigentlich durch einen kleinen Hohlweg mit niedrigen Wänden.
Naja, also zumindest normalerweise.
Heute ist davon allerdings nichts zu erkennen, denn der Hohlweg ist vollkommen von verwehtem Schnee ausgfefüllt, wenn wir da durchwollten, müssten wir durch oberschenkel- bis hüfthohen Schnee waten (das entspricht ungefähr drei übereinandergestapelten Nemos).
Nicht so gut, zum Glück haben die Schneewanderer vor uns das auch schon erkannt und sind auf die Wiesen neben dem Hohlweg ausgewichen, wo die Schneedecke relativ dünn ist (weil´s den meisten Schnee von hier ja in den Hohlweg geweht hat).
Da folgen wir doch mal.

Nach 750 m. erreichen wir den Waldrand an den Hängen des Felsbergs und folgen dem Nibelungensteig halbrechts zwischen in den Winterwald.
Hier liegt der Schnee noch höher.
So hoch, dass der Weg unlaufbar wäre, wenn nicht ein irgendjemand mit einem schweren Waldarbeitertraktor zwei tiefe, schmale Furchen in die inzwischen beinahe kniehohe weiße Masse gefräst hätte, auf denen man – mehr schlecht als recht – weiter aufwärts laufen kann.

Bequem ist das allerdings nicht.
Die Spur ist etwas zu schmal, so dass man bei jedem Schritt zwangsläufig an ihren Außenwänden entlangschrappt und sich dabei jeweils eine Portion eisigen Schnee in die Schuhe raspelt.
Außerdem ist der festgepackte Schnee in ihr nicht nur uneben und relativ rutschig, sondern hat auch die unangenehme Eigenschaft, bei jedem Schritt genau dann nachzugeben, wenn man gerade dabei ist, das Gewicht vom Mittelfuß auf den Vorderfuß zu verlagern und sich vom Boden abzustoßen. Das verpulvert massig Kraft.
Oh, und ordentlich bergauf geht´s natürlich weiterhin auch.

Entsprechend langsam sind wir auch unterwegs, ich rutschend, schnaufend und pflügend vorneweg, Nemo hinterher, langsam in der Spur trippelnd, deren Wände ihm bis an die Schultern reichen.

Etwas mehr als ein halber Kilometer durch den stillen, tieverschneiten Bergwald, dann erreichen wir die Kreuzung vor dem Hahlwald. Ich bin nass geschwitzt und atme schwer, der Hund hängt so voller Schnee, dass er aussieht aussieht wie ein Miniaturyeti.
Puuuuha!

Ab hier führt der Nibelungensteig als Trampelfpad an der Bergflanke weiter bergauf.
Will heißen: Keine Traktorspur mehr, nur ein paar unebene Fußabdrücke im ansonsten jungfräulichen Tiefschnee.

Wir bleiben kurz stehen und ich mache einen schnellen Realitätscheck – für die 1,3 km vom Start bis hierher haben wir deutlich über zehn Minuten gebraucht (reine Laufzeit), und dabei war die Strecke noch relativ ordentlich.
Aber auf dem Nibelungensteig vor uns liegt so unheimlich viel Schnee, dass sie sie quasi unlaufbar ist.
Ich könnte da sicherlich langsam durchstapfen, aber Joggen ist da nicht mehr.
Und für Nemo ist der Schnee einfach viel zu hoch, der würde zwar tapfer mitpflügen, aber es wäre total anstrengend für ihn.

Hmmm…
Die unmarkierten Nebenwege, die ich eigentlich ausprobieren wollte, können wir unter diesen Umständen vergessen – selbst wenn wir die finden würden, ist da vermutlich seit den Schneefällen niemand mehr vorbeigekommen, da müssten wir also durch unberührten Tiefschnee.
Außerdem sind wir viel zu langsam, wenn wir in diesem Tempo die geplante Route laufen würden, kämen wir voll in die Dämmerung, das muss hier oben auch nicht sein…

Hmmm…
Ach, was soll´s.
Zuviel Schnee für uns, wir brechen ab.

Anstatt weiter dem Nibelungensteig zu folgen geht´s scharf links auf einen unmarkierten Waldweg, von dem ich weiß, dass er hinauf zum Fahrweg zwischen dem Balkhäuser Tal und dem Felsberg führt. Der wird hoffentlich ein bisschen lauffreundlicher sein…

Bereits auf den ersten Metern bestätigt sich die Entscheidung zum Abkürzen: Hier ist der Schnee fast unberührt, oben eine knöcheltiefe Schicht rutschiger Neuschnee, darunter eine unebene Lage aus verharschtem älteren Schnee, der beim Auftreten kaum Halt bietet, sich dafür aber beim Abstoßen aber regelrecht an den Fuß klammert und gar nicht mehr loslassen will. Sind nur 250 m. bis zum Fahrweg auf dem Bergkamm, aber bis wir oben sind bin ich schweissgebadet und vollkommen außer Atem, mit steifgefrorenem Bart und steifgefrorenen Socken. Mehr davon muss wirklich nicht sein…
Heidenei!

Zum Glück ist der Fahrweg etwas besser zu laufen. Der Schnee auf dem schmalen Asphaltband ist festgefahren, vor ein paar Tagen scheint zudem auch mal ein Räumfahrzeug vorbeigekommen zu sein und hat das Gröbste an den Strassenrand geschoben.

Wir laufen abwärts, auf dem gewunden Fahrweg, zurück runter ins Balkhäuser Tal.
Klappt gut und ist außerdem neue Strecke, denn bisher hab´ ich mich immer nur auf den vielen Fußwegen ober- und unterhalb der Strasse rumgetrieben.

Ein ganzes Stück abwärts, bequem gleitend durch den träge fallenden Schnee, bis wir die Wiesen im oberen Balkhäuser Tal erreichen.

Jetzt kommt der unangenehme Teil – der einzige Weg durchs Tal zurück nach Balkhausen ist die Landstrasse über dem Talgrund (L3101).
Und das ist eine von diesen engen Odenwaldstrassen ohne Seitenstreifen, die gerade mal so breit ist, dass auf ihr zwei Autos nebeneinanderpassen.
Für einen Jogger mit kleinem Hund ist da wenig Platz.
Dazu noch ein paar schlecht einsehbare Kurven und reger Verkehr mit Tempo 70+, und fertig ist die ganz miese Laufstrecke.

Aber es hilft nichts, da müssen wir jetzt runter, ganz eng an der Leitplanke, nemo an der ganz kurzen Leine links auf dem 15 cm breiten Schneestreifen neben dem Asphalt, ich rechts, ganz außen auf der Fahrbahn. Ü
Wenn uns ein Auto entgegenkommt halten wir an, drücken uns an den Strassenrand bis es vorbei ist, dann geht´s weiter, mit weit aufgesperrten Augen und Ohren und einem leicht mulmigen Gefühl in der Magengrube.
Übrigens auch neue Strecke, denn bisher hab´ ich es bewusst vermieden, hier laufen zu müssen…

Zum Glück hat heute niemand Lust, einen schwitzenden, rotgesichtigen Mann mit Hund plattzufahren und wir erreichen nach 1,3 ungemütlichen Kilometern am Strassenrand Balkhausen.
Hier gibt´s einen Bürgersteig, zwar schmal und schlecht geräumt, aber allemal besser als die Fahrbahn.

Runter ins Dorf, dann links die Hochstädter Str. hinauf, zwischen den letzten Häusern hindurch und zurück auf den Schollrain, wo uns nochmal einer der Jäger mit Hund von vorhin begegnet (zusammen mit einem anderen Jäger mit Hund, den wir noch nicht getroffen haben). Kurzer netter plausch, dann die letzten 200 m. und wir sind zurück am Parkplatz Schollrain, passend zur langsam einsetzenden Abenddämmerung.

Tjoa. Das war jetzt irgendwie nicht ganz so weit wie geplant.
Aber für richtigen Tiefschnee sind wir halt einfach nicht gebaut, der Hund und ich.
Spaß gemacht hat´s aber trotzdem, ordentlich neue Strecke ist auch bei rumgekommen, und am Ende hat´s auf den Punkt genau gereicht, um die 30 Wochenkilometer vollzukriegen.
Also alles gut… 🙂

Strecke: 5,2 km
Zeit: Nicht genommen
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke 52,5% (2,73 km von 5,2 km)
Karte:

M.

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12 Antworten to “Besiegt vom Schnee am Felsberg (5,2 km)”

  1. Evchen Says:

    „Zum Ausgleich gibt´s allerdings Winteridylle pur, mit einem grandiosen Blick die weißen Hänge hinab in die Täler und hinüber zum Melibokus und dem Auerbach Schloss, über denen eine funzlig-freundliche Wintersonne aus dem rosigen Dunst am Himmel scheint. Wunderschön!“
    Äh, hallo??? Und wir? Hier is trister Einheitsbrei mit Schnee und glatt und bah und ich habe letzte Woche eine Sturz-allesböseMenschen-Situation gehabt, die einem weniger sturköpfigen Laufküken das Laufen endgültig hätte austreiben können und ich krieg keine Fotos? Päh! Also, wäre ich gerade nicht am Schmollen, würde ich mich ja für Dich freuen (Du stehst ja auf keuch-anstrengend), aber so….muß ich nochmal in mich gehen und mir das überlegen.

    • matbs Says:

      Das tut mir leid, Eva.
      Aber für das Wetter am Mittelrhein bin ich nicht verantwortlich, das macht glaub´ ich der Kurt Beck.
      Beschwer´ dich bei dem. 😀

      Und Fotos, naja, die kann´s halt nicht immer geben. Aber vielleicht hab´ ich ja auf der nächsten Tour welche geschossen, so mit gaaanz viel Schnee und Sonne und alten Jagdschlössern und so… 😉

      PS: Oh, außerdem machst du das jetzt schon deutlich zu lange, um immer noch mit der Laufküken-Nummer zu kokettieren. Du bist jetzt ein Laufhuhn, gewöhn´ dich dran! 🙂

  2. Daniel Kopp Says:

    eitel sonnenschein bei mir hier in bayern. is das edel 🙂 den ganzen tag schon!

    die kombination schneeauflage auf altschneebuckelpiste ist in der tat ekeleregend zu laufen!

    lg
    daniel

  3. matbs Says:

    Ja, den Sonnenschein hatten wir heute auch, der war herrlich. Und ich hab´ sogar Beweisfotos (die gibt´s dann morgen oder übermorgen…).

    Und ich hatte übrigens keine Spikes oder Gamaschen oder so´n Schnickschnack… 😉 😀

  4. Laufhannes Says:

    Was denkt Nemo eigentlich üblicherweise von dir? Das ist ja abenteuerlich. Durch für ihn meterhohe Schneewände den Mount Everest hoch – dass der dir noch nicht weggelaufen ist? Du musst dich ja wirklich herzallerliebst um ihn kümmern, wenn du ihn mal nicht so quälst 😀

  5. matbs Says:

    Wo soll der denn hinlaufen, wenn er links und rechts von himmelhohen Schneewänden eingepfercht wird? 😀

    Nein, aber im Ernst: Das macht ihm immer einen Riesenspaß. Die Bewegung und die Herausforderung tun ihm sichtlich gut, entsprechend ist das überhaupt keine Quälerei, eher das Gegenteil (solange man´s nicht übertreibt, zu lange Distanzen oder Läufe bei zu hohen Temperaturen gehen nicht). Normalerweise platzt er schon vor Ungeduld, wenn er mich in Laufklamotten sieht (und wenn er nicht mit darf ist er beleidigt).
    🙂


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