Immer der Nase nach durchs Ried: Jugenheim – Bensheim (12,1 km)

4. März 2010

Heute mittag war ich noch mal bei meiner Hausärztin, weil das Ziehendrückenwasauchimmer an meinem Brustkorb immer noch da ist.
Eine Ewigkeit im Wartezimmer, dann ein ultrakurzes Arztgespräch, das nach zwei Minuten mit „na gut, dann machen wir nächste Woche noch mal ein Belastungs-EKG um ganz sicher zu sein“ endet.
Bis dahin soll ich aber ganz normal weitermachen, „nicht in Watte packen“ ist vage die Formulierung.
Hrm.
Anscheinenend ist es wirklich nicht schlimm, oder zumindest ist meine Hausärztin dieser Meinung.
So ganz glücklich bin ich damit ja nicht, eine klarere Ansage und vielleicht noch mal ein paar mehr Minuten mit Nachfragen und Diagnose wären mir lieber gewesen – aber okay, wenn nicht, dann halt nicht…

Immerhin legt sich meine Verstimmung schnell wieder, während ich von der Arztpraxis im Nachbardorf nach Hause spaziere.
Wieder ein wunderschöner Tag, kalt aber sonnig, mit Frühlingsnote in der Luft und schönem blauen Himmel.

Macht Lust aufs Laufen.


Lust auf Planen hab´ ich heute allerdings irgendwie nicht, ist auch schon später Nachmittag, da bleibt eh nicht mehr so viel Zeit.

Also mach´ ich es heut´ mal anders als sonst: In die Laufklamotten, schnell noch eine Rückfahrmöglichkeit von wo auch immer organisieren, und dann einfach los, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Vorgaben.
Einfach mal loslaufen und schauen, wo ich rauskomme.

Ich starte südwärts, auf dem Blütenweg durch die sonnigen Felder nach Alsbach.
Schon nach Fünf, die Sonne steht schräg, die Schatten sind lang – schönes Gefühl, dass man so langsam wieder in Richtung Abend loslaufen kann, ohne sich Gedanken um eine zu früh einbrechende Dunkelheit machen zu müssen.

In Alsbach angekommen zieht´s mich westwärts, weg von den Bergen runter in Richtung Rheinebene.
An so einem hellen Vorfrühlingsabend ist es hübsch im Ried, und zu viel Anstrengung mag ich heute nach dem etwas unbefriedigenden Arztbesuch eh nicht haben.
Also halte ich mich rechts, jogge die sanft abfallende Hauptstr. und die Bahnhofstr. runter, überquere den Kreisel an der Melibokusschule, und verlasse Alsbach dann westwärts in Richtung Sandwiese, auf dem breiten Randstreifen der L3112.
„Vielleicht lauf´ ich ja mal wieder durch Hähnlein und den Jägersburger Wald bis nach Gernsheim ans Rheinufer“, denke ich mir währenddessen.

Ich passiere die Sandwiese auf der Landstrasse, immer schön ganz links, damit mich niemand plattfährt (da hab´ ich heute nämlich keine Lust zu, dafür ist das alles viel zu angenehm) und überquere dann die A5 auf der Hähnleiner Brücke.
Bin übrigens Fix unterwegs, das schöne Wetter und das komplikationslose Flachland sorgen für einen schnellen Schritt.

Vor Hähnlein überkommt mich dann die Lust auf eine spontane Richtungsänderung. Auf einmal hab´ ich Lust auf Süden, also knicke ich von der Strasse auf den quer verlaufenden Radweg 19 ab, der durch die weiten, sonnigen Stoppelfelder an der Kompostieranlage vorbeiführt.
Dort erwartet mich der Anblick des Tages: Hoch oben, auf einem Flutlichtscheinwerfer bei der Kompostieranlage, sitzt/steht der erste Storch des Jahres – groß und ruhig und würdevoll schaut er runter zu mir, als wollte er bestätigen, dass der Winter vorbei ist.
Das macht mich instant total glücklich…

Nach 1,8 km geht´s etwas aufwärts, an die nächste Querstrasse, die von der Bergstrasse ins Ried führt (die K67 zwischen Zwingenberg und Rodau).
Hier könnte ich entweder links, zurück über die Autobahn und in Richtung Zwingenberg.
Hmm, naa, mag ich nicht.

Oder ich könnte rechts, zum Niederwaldsee oder nach Rodau rein.
Hmmmjooaaanee, auch nicht.

Oder ich könnte geradeaus, wo ein unmarkierte Asphaltweg von der Strassenböschung runtergeht und neben dem Winkelbach weiter nach Süden führt. Keine Ahnung, wohin, aber mein Bauchgefühl möchte dort lang, also nehm´ ich den.

Ein paar Meter am Winkelbachdeich entlang, ist mir aber zu schattig, denn die schnell sinkende Sonne reicht schon nicht mehr über die zwei bis drei meter hohe Deichkrone hinaus.
Ist aber kein Problem, ich wechsle einfach nach rechts auf den Deich, da gibt´s zwar keinen Weg sondern nur holpriges Gras, aber dafür bin ich wieder voll in der herrlichen, schrägen Abendsonne, deren träges, rotes Licht von Westen über die Rheinebene flutet und sich schließlich an den Hängen des Melibokusmassivs bricht, das linkerhand in knapp zwei Kilometern Entfernung wie der Rücken eines gewaltigen schafenden Urzeittiers über das Flachland hinausragt, eine wunderschöne grünbraunrötlich melierte Wand mit tiefen Tälern und weit in die Ebene hineinragenden Vorbergen.

Ich laufe ein paar Minuten weiter südwärts, ohne viel zu denken, drifte einfach nur entspannt und zufrieden durch denn schönen Abend. Rechts ziehen Niederwaldsee und der Wald zwischen Rodau und Fehlheim vorbei, links die Autobahn und dahinter die Bergstrasse. Dann neigen sich Winkelbach und Deich langsam nach links, immer näher an die A5 heran, bis ich erkenne, dass der Bach irgendwo weiter vorne unter der Autobahn durchfließen wird.

Das ist erstmal nicht so gut, denn ich bin hier ja eingeklemmt zwischen Bach und A5, wenn die sich weiter vorne Kreuzen, dann kann ich da wahrscheinlich erstmal nicht weiter (denn der Winkelbach ist hier schon deutlich zu breit zum Drüberspringen, und durchwaten will ich bei 2° bis 3° C nicht unbedingt).

Zum Glück findet sich allerdings schnell eine Lösung: Dort wo der Bach unter der A5 durchfliesst, klettere ich kurzerhand die Böschung hoch, überquere das Gewässser am äußersten Rand der Fahrbahn (durch zwei dicke Leitplanken von den Autospuren getrennt, fühlt sich sicher an) und schlage mich dann direkt nach der Brücke wieder recht runter in die Pampa.
Dort erwartet mich ein schmuckloses Feldweg an der Autobahnböschung.
Nicht gerade die beste Premiumstrecke aller Zeiten, aber neu und gut zu laufen, das reicht mir heute zum Zufrieden Sein.
Weiter südwärts, neben der A5 durch die Felder, die inzwischen schon im Abendschatten versinken, während es langsam etwas frisch wird.

Kurz vor dem Eichenhof biege ich rechts auf einen Betonplattenweg ab, der bis zum asphaltierten Radweg 19 führt, auf dem ich links weiter nach Süden laufe. Ein bekanntes Stück, hier hab´ ich vor anderthalb Jahren meinen ersten und einzigen Coopertest gemacht – lang, gerade und eben, da kann man richtig aufdrehen, wenn man will.
Ich will nicht, hab´s ja nicht eilig, stattdessen gleite ich weiter entspannt nach Süden, zügig aber nicht zu schnell, und genieße den schönen Anblick des Sonnenuntergangs, der sich gerade in strahlenden Farben am westlichen Horizont jenseits des Doppelturms der Schwanheimer Kirche abspielt.
Wunderschön!

Nach 1,6 km erreiche ich die Kriegsgräberstätte vor Bensheim. Es dämmert, der frische Wind ist inzwischen empflindlich kalt. So langsam wird´s Zeit, das Ende der Tour ins Auge zu fassen, also setze ich mir jetzt doch ein Ziel, das nicht mehr so weit weg ist: Der Parkplatz vom Obi-Baumarkt drüben in Bensheim, bin ich von hier aus noch nie hingelaufen und man kann sich dort gut aufsammeln lassen. Das passt.

Hinter der Kriegsgräberstätte geht´s nach links, auf der Strasse „An der Hartbrücke“ über die Autobahn (wahrscheinlich auf der Hartbrücke, wie ich vermute) und an den nordwestlichen Bensheimer Stadtrand, wo ich wieder auf den Winkelbach stoße. Ein paar hundert Meter rechts auf einem Fußweg am Bachufer, dann bin ich an der Berliner Allee, einer großen Umgehungsstrasse, die durch die Wohn- und Gewerbegebiete am Westrand der Stadt führt.
Der muss ich nun nur noch folgen, etwas über einen Kilometer auf einem breiten, bequemen Fußweg neben der Fahrbahn durch die Dämmerung, vorbei am Bensheimer Badesee und dem Neubaugebiet an der Europaallee, bis ich den großen Parkplatz des Obi-Marktes erreiche.
Dort gönne ich mir dann erstmal eine Cola im Stehcafé am Baumarkteingang, dann lass´ ich mich einsammeln und es geht nach Hause.

Auch heute wieder: Schön Tour. Ich plane normalerweise ja gerne, aber so hin und wieder mal vollkommen frei Schnauze loslaufen und sich einfach nur durch einen schönen Vorabend treiben lassen, ohne zu wissen, wo man am Ende rauskommt – das hat auch was!

Strecke: 12,1 km
Zeit: Nicht genommen
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 39,09% (4,73 km von 12,1 km)
Karte:

M.

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11 Antworten to “Immer der Nase nach durchs Ried: Jugenheim – Bensheim (12,1 km)”

  1. Christian Says:

    Hallo Matthias,

    einfach der Nase nach hat etwas sehr spontanes und trotzdem schaffst Du es noch nicht erlaufenes Terrain zu gewinnen. Liest sich doch sehr ordentlich…

    Übrigens freut es mich, dass aus Deinen doch recht diffusen Beschwerden keine echt beängstigende Diagnose geworden ist. Lass es Dir gut gehen

    Salut

    • matbs Says:

      Hey, Christian, schön mal wieder von dir zu hören. Ich hoffe, alles ist halbwegs ok?

      Mit dem nicht erlaufenen Terrain ist das schon so eine Sache, da muss ich inzwischen schon immer ein wenig suchen – aber hier und da gibt´s noch welches in der Nähe, und wenn´s and der Autobahnböschung ist… 😉

      Und die Diagnose – naja, mal Schauen, viel verändert hat sich an dem komischen ziehen nicht viel in den letzten Wochen. Wahrscheinlich das alljährliche mysteriöse Jahresanfangszipperlein, das irgendwann von alleine wieder verschwindet. 😀

      Gruß aus dem Norden!


  2. […] Immer der Nase nach durchs Ried: Jugenheim – Bensheim (12,1 km … […]

  3. Evchen Says:

    Ähm, Matthias, ich bin verunsichert. Schreibst Du doch bei mir, daß man besser nix schreibt, wenn man nix zu stänkern hat. Manchmal mag ich aber gar nüsch piesacken. Hmmmmm…. *langedenkpause*

  4. Evchen Says:

    -kuriert- Aber Dich meinte ich ja weniger. :_D

  5. Daniel Kopp Says:

    bei der kontrolluntersuchung wegen meines achillessehnen hat der arzt nicht mal die sehnen angeschaut. nicht mal die socken hab ich ausgezogen. so viel dazu.

    ich laufe meisten frei schnauze, oft muss man sich dabei aufregen, verlaufen, sackgassen erkennen und nicht immer kommt was gescheites dabei raus. trotzdem – neu macht spaß.

    lg
    daniel

  6. matbs Says:

    Schon komisch, oder?
    Gerade wenn man normalerweise nicht so oft zum Arzt, möchte man doch eigentlich richtig „behandelt“ werden, wenn man schon mal da ist… 🙂

    Frei Schnauze ist schon schön, aber es bringt eben auch seinen eigenen Satz Anforderungen mit, bei dem auch mal was nicht so klappen kann – gerade wenn man standhafter Umkehr- und Denselbenwegzurücknehmverweigerer ist wie ich. 😀
    Und neu ist auf jeden Fall super, selbst wenn´s nicht super ist!

  7. Laufhannes Says:

    Och, nach deinem obigen Satz wollte ich dir eigentlich auch schon vorhalten, wie toll das doch ist, wenn man massig geplante Touren im Petto hat und man sich nur noch eine nehmen müsste.

    Aber irgendwie war das richtig schick, mal einfach so zu laufen, wirklich etwas ungewohnt bei dir, aber eben schick!

  8. matbs Says:

    Routine ist der Tod jedweden Laufspaßes, da muss man eben hin und wieder mal die eingeschliffenen Muster ein bisschen durchbrechen… 😉


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