Jenseits von Alzey: Spiesheim – Ensheim – Albiger Hügel (11,2 km)

6. März 2010

Mannmannmann, dieses Wetter…

Da erklärt man Anfang März im Brustton der Überzeugung den Frühling für eröffnet, und zwei Tage später erwartet einen dann nach dem Aufstehen dieser Anblick vor dem Fenster:

Dichtes Schneetreiben und zentimeterdicker Neuschnee?
Mitten im März??
Was soll das denn jetzt bitteschön???

Wenigstens hält der Spuk nicht lange, bereits im Lauf des Vormittags lässt erst der Schneefall nach, dann kommt sogar die Sonne raus, macht alles furchtbar hell und hübsch und taut den Schnee wieder an.
Gut so, schließlich will ich heute in der Fremde laufen, mal wieder drüben in Rheinhessen, um mein inoffizielles Projekt zur kompletten Durchquerung der Landkreise Alzey-Worms und Mainz-Bingen voranzutreiben – und da kann ich nicht allzuviel Schnee brauchen, sonst krieg´ ich Navigationsprobleme und kalte Füße… 😀

Ganz stabil ist das Wetter allerdings nicht, das zeigt sich bei der Anfahrt über den Rhein nach Spiesheim, dem Ausgangspunkt der heutigen Runde: Alle paar Kilometer wechseln sich gleißender Sonnenschein, trübe Wintertrauerwetter und dichtes Schneetreiben ab, da darf man gespannt sein, was einen vor Ort erwartet.

Ich hab´ Glück: Am Ausgangspunkt scheint die Sonne aus einem blauen, klaren Himmel, runter auf das kleine, verwinkelte Weindörfchen Spiesheim, das sich in schöner Hanglage in die Flanke eines großen, weinbergbestandenen Hügelzug schmiegt, überragt von einer Gruppe majestätisch-weißer Windräder und – in Rheinhessen eine echte Rarität – einem kleinen Wäldchen.
Gefällt mir auf Anhieb schon mal richtig gut.

Ich starte am unteren, südlichen Ortsanfang, in der Oberstr. gegenüber einem alten Genossenschaftsgebäude.
Kurz Nordwärts, die Oberstr. hinauf, nach den ersten 150 m. gleich links, wo ein schmaler Asphaltweg aus Spiesheim hinaus führt, hinauf in die Weinberge über dem Dorf. Übrigens sogar mit Markierung, denn hier weist mir das Muschelsymbol des Jakobswegs die Richtung.

Zieht gleich mal gut rein, dieser erste Austieg. Lang ist er zwar nicht, aber gut steil, da komm´ ich gleich mal ordentlich ins Schwitzen. Mehr als entschädigt für die Anstrengung werde ich allerdings durch den Anblick der schneebedeckten Weinberge, diesich glitzernd und gleißend im hellen Nachmittagslicht den Hang hinauf- und hinab erstrecken.

Oben auf der Anhöhe geht´s weiter westwärts. Links unter mir öffnet sich die kilometerbreite, offene Taldelle, die heute den Löwenanteil meiner Laufstrecke fassen wird – sieht irgendwie viel zu kurz aus, dahinten sind bereits die Hügel vor Albig, an denen ich wieder rumdrehen und zurücklaufen werde, gar nicht weit weg (später wird sich zeigen: Das reicht schon :D). Oh, und verdammt hübsch isses natürlich auch: Die rheinhessischen Hügel mit ihren sanften, weinberebten Rundungen, Kronen aus majestätischen Windrädern und Tälern mit winzigen alten Dörfern sind mal wieder furchtbar ansehnlich, vor allem natürlich an einem Tag wie heute, wo das Spiel aus Sonne und Wolken über der weiten Landschaft voll zur Geltung kommt und der Schnee an den Nordhängen funkelt.
Nicht so hübsch ist allerdings der Wind, der mir oben auf der offenen Anhöhe eine volle Breitseite verpasst – kräftig von rechts, aus Nordnordost, und so schneidend kalt, dass er auf der exponierten Haut regelrecht weh tut und mich innerhalb kürzester Zeit bis ins Mark durchfriert, trotz der eigentlich schon recht kräftigen Märzsonne.
Richtig, richtig eklig, da beeile ich mich lieber, dass ich über die Anhöhe komme.

Sind zum Glück nur ein paar hundert Meter, dann führt der angeschneite Asphaltweg zwischen den Rebenreihen wieder abwärts, hinunter ins Weindörfchen Ensheim, das sich ähnlich wie Spiesheim in wunderbarer Hanglage an der Hügelflanke hinab in die Taldelle zieht.
Sobald ich zwischen die ersten Häuser am Spiesheimer Weg eintauche, lässt der gnadenlose Wind nach, und plötzlich fühle ich mich wieder wohlig warm im Sonnenschein.
Aaah.

Ensheim ist nicht besonders groß, aber wie es sich für ein kleines rheinhessisches Dorf gehört ist es alt und hübsch und hat Patina, mit engen Gassen voller alter Häuser aus Feldstein, Fachwerk und/oder Backsteinen.
Gefällt mir natürlich, ich mag diese Örtchen einfach gerne.

Ich überquere die B271, die mit einem recht steilen Aufwärtsbogen durchs Dorf führt, dann geht´s auf der Obergasse (alter Ortskern, apart) und die Pfortenstr. (etwas neueres Wohngebiet) abwärts zum südwestlichen Ende von Ensheim, wo ich einem Plattenweg am Fuß des Hügels aus dem Dorf hinaus folge.
Links die Taldelle, rechts der Hang mit jungen Weinstöcken, durch die wieder dieser grausame Wind pfeift (Die weite, offen gehügelte Landschadt Rheinhessens ist zwar auf ihre Art wirklich schön, aber sie bietet kaum Windschutz; die Hügel sind zu niedrig und sanft, die Täler zu flach und zu breit, als dass sie eine steife Brise ernsthaft aufhalten könnten, und die fast völlige Abwesenheit von größeren Waldstücken verstärkt diesen Effekt noch – wenn´s hier weht, dann kann der Wind frei und ungehindert übers Land fegen).
Brrr.

Noch unangenehmer sieht allerdings die dunkle Schneefront aus grauschwarz aufgetürmten Wolken aus, die rechts über dem Hügel dräut und schnell nähertreibt – finster wie die Nacht, eisig, bedrohlich, wie ein dunkler Schleier aus Kälte und Schatten. Dort wo sich ihre Ausläufer mit der schräg von Süden hereinscheinenden Sonne treffen, glimmert das Land mit einem surreal weißgoldenen Schimmer (intensives Licht in dichtem Schneetreiben, nehme ich an), der jedoch immer schwächer wird, je mehr die Wolken die Sonne ausblotten.
Und das tun sie. Die schwarzgraue Front zieht direkt auf mich zu!
Schnell weiter, vielleicht kann ich der Finsternis ja entkommen!

Einen halben Kilometer nach Ensheim biege ich links ab, auf einen weiteren Plattenweg, der direkt nach Süden führt, mitten in die breite, von offenen Feldern dominierte Taldelle hinein.
Hier gibt es wirklich gar keinen Schutz mehr vor dem Wind, der mich mit unbarmherzigen, nadelstichig kalten Böen vor sich hertreibt.
Hebt mein Tempo zwar etwas an, aber nicht genug um dem Wetter zu entkommen: Nach ein, zwei Minuten erwischt mich die Schneefront, plötzlich ist es trüb, beinahe schon finster, die Temperaturen scheinen noch einmal zu fallen, und auf einmal herrscht heftigstes Gestöber aus beineahe waagrecht vorbeiwehenden Flocken um mich herum, die so dicht fallen, dass selbst die nahen Albiger Hügel schräg vor mir nicht mehr erkennbar sind.
Wäre vielleicht sogar nett, wenn mich nicht weiterhin dieses grausame Wind beuteln würde…

Nach 750 m. passiere ich eine einsame Kläranlage mitten in den weißen Äckern, kurz danach überquere ich die verwaiste L408, laufe kurz einen rutschigen Rasenstreifen neben einem kleinen Bach entlang, und biege dann auf dem nächsten Asphaltweg, der vollkommen von Schneeverwehungen verhüllt ist, nach links ab, zur B271.
Das Schneetreiben lässt übrigens wieder nach – ich habe Glück, denn die Wolkenfront kam aus Nordnordwest, der Wind bläst jedoch aus Nordnordost, so dass mich nur der Rand des Unwetters gestreift hat.
Der schneidende Wind bleibt jedoch…

Jenseits der B271 knickt der einsame Asphaltweg langsam wieder nach Süden, bis er den Rand der charakteristischen Hügelgruppe erreicht, diedirekt nördlich vom Kreuz Alzey zwischen die Autobahnschenkel der A61 und der A63 geklemmt sind.
Schöne Hügel, steil und rund, klein und kompakt, aber doch hoch genug, um sich deutlich vom Umland abzuheben, voller grünrotbrauner Weinberge.

Ich laufe mittenrein, zwischen Hinterberg und Ulrichsberg aufwärts bis auf einen asphaltierten Weinbergsweg, dann rechts, in einem weiten Bogen um den nächsten kleinen Gipfel herum, direkt oberhalb der Hollywood-Schild-artigen metergroßen Lettern, die mir schon beim letzten Mal aufgefallen sind und diese Weinlage als ALBIGer Hundskopf (in genau dieser Schreibweise) kennzeichnen.

Kurz nach dem Schriftzug im Hang geht´s bereits wieder abwärts, in die nächste Senke zwischen den Hügeln. Steil, und gleich darauf geht´s wieder bergauf, deswegen versuche ich stattdessen einen schlammigen Wirtschaftsweg nach links hoch auf den Hundskopf, in der Hoffnung, den Höhenverlust zu vermeiden (mir ist kalt und ich fühle mich heute nicht so fit, da müssen die Extrahöhenmeter nicht unbedingt sein…). Klappt aber nicht, direkt hinter der Kuppe muss ich doch wieder rechts runter auf den Asphaltweg und gleich danach das nächste kurze aber steile Buckelchen hoch.
Puuh!
Aber immerhin ist es hier ein bisschen windgeschützt, und die Sonne lässt auch schon wieder ihre hellen Strahlen über die Hügel wandern.

Oben angekommen laufe ich nach rechts, über einen schmalen Hügelkamm zwischen den Reben, bis zu dem kleinen Aussichtsstürmchen „Auf dem Fels“ – das ist mir schon bei meiner letzten Tour hier hinten aufgefallen, heute schaue ich mir´s mal kurz genauer an.
Nett – erst eine kleine verschneite Rampe, dann ein paar Treppenstufen bis zur überdachten Plattform, von der aus man einen schönen Rundumblick in die umliegenden Hügel hat.
Südwärts vorbei an der großen Anhöhe mit den vielen Windrädern bis nach Alzey, das im Wolkenschatten in seiner Talmulde ruht. Westwärts auf Bermersheim vor der Höhe, durch das ich ebenfalls beim letzten mal gekommen bin.
Und Ostwärts, den Bogen der A63 entlang über die gewellten Felder und Weinberge, die sich bald im Dunst verlieren.

Dann geht´s wieder abwärts, runter auf den Weg zwischen Hügeln und Autobahn, den ich auch schon beim letzten Mal gelaufen bin (Verbindung mit dem Streckennetz: Hergestellt!), dann wieder links und über ein paar weitere Weinbergshügel („Ahlenborn“, „Kipbaumer Berg“, „Rennelberg“) zurück in die Tallsenke, bis an die enge, dunkelgraue Kreisstrasse K7, die zurück nach Spiesheim führt.
Der folge ich nun einfach, zurück durch die Senke.

Als ich genau diese Strasse vorhin bei der Anfahrt gefahren bin, hat es nicht mal zwei Minuten bis Spiesheim gedauert.
Zu Fuß sind die Karten allerdings anders gemischt.
Am Rand der schmalen Fahrbahn entlang (zum Glück praktisch kein Verkehr), durch die endlosen weißbraunen Felder, während vorne am Hügel bereits Spiesheim in der Sonne funkelt und partout nicht näher kommen will.
Und dann ist da wieder dieser Wind.
Nun nicht mehr schräg oder von hinten, nein, jetzt kommt er direkt von vorne, bläst mir mit eisiger Wucht ins Gesicht und hindert mein Fortkommen nach Kräften, durchdringt scheinbar mühelos Laufklamotten und isolierende Haut- und Speckschichten und deponiert die beinahe schon unnatürliche Kälte geradewegs in meinen steifen, unwilligen Knochen.
Fühlt sich nicht schön an, entsprechend ziiiiiiehen sich die mehr als 1,5 km Landstrasse wie Kaugummi.

Irgendwann sind sie dann aber doch fast zu Ende: Nach einer kleinen, gefrorenen Ewigkeit komme ich bei den ersten Häusern von Spiesheim an. Und da reitet´s mich dann doch noch mal: Das Auto steht kurz hinter dem Ortseingang, eigentlich wären das nur noch 250 m. oder so.
Aber gerade ist der Wind wieder weg und die Sonne lässt das Dorf am Hang prächtig erstrahlen, das sieht richtig idyllisch aus, besonders die kleine, schöne Kirche, die weiter oben über den Dächern des Unterdorfes thront.
Ach, na gut, ich mach´ noch einen kleinen Umweg durch Spiesheim!

Rechts ab, durch die Weinberge vor dem Dorfrand, auf einem Wirtschaftsweg, der vom Tauwasser so schlammig ist, dass ich höllisch aufpassen muss, nicht in der schweren, glibbrigen Erde unter dürren Grasnarbe wegzurutschen.
Klappt.
Dann links am Sportplatz vorbei ins Dorf und über die Strasse „Am Zollstock“ auf die Neuerstr. (die auch wieder mit der Muschel des Jakobswegs markiert ist), die zwischen kleinen, alten Häuschen den Berg hinauf bis zum Friedhof am Ortsrand führt, wo ich nochmal links abbiege, auf die Kirchstr.
Die führt direkt an der kleinen Kirche vorbei, die aus der Nähe sogar noch hübscher ist – gefällt mir.

Dahinter geht´s noch einmal durch den alten, verwinkelten Dorfkern, auf der Mittelstr. zur zweiten Spiesheimer Kirche (ebenfalls apart), dann rechts die Schmiedstr. entlang bis zur Obergasse, der ich schließlich ab- und südwärts bis zum wartenden Auto folge.

Keine angehme Tour, dank suboptimaler Tagesform und vor allem diesen unglaublich ekelhaften Polarwind, der mich wirklich bis ins Mark durchgefroren hat.
Aber eine schöne, mit ansehnlicher Landschaft, netten Dörfchen und spektakulärem Wetter zwischen Schnee, Sonne und nachtschwarzem Wolkenschatten. Das muss und soll und darf für heute reichen… 😉

Strecke: 11,2 km
Zeit: Nicht wirklich schnell
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 97,77% (10,95 km von 11,2 km)
Karte:

M.

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6 Antworten to “Jenseits von Alzey: Spiesheim – Ensheim – Albiger Hügel (11,2 km)”

  1. Evchen Says:

    Oh ihr Götter, auf was hab ich mich da bloß eingelassen?
    Lauter Freud`sche Hinweise: „Zieht gleich mal gut rein, dieser erste Austieg.“ Waha!

    Entweder bin ich am Ende des Sommers nur noch ein Strich in der Landschaft, der inmitten von Stoppelfeldern gar nicht weiter auffällt, wie er so vor sich hin rottet oder ich trage weiter Schirmmützen damit die Brille keine Tröpfcheninfektion bekommt, schreibe viel zu lange und ausschweifende, manchmal mit fantastischen Bildern aufgelockerte Berichte über irgendwelche Hügel und Berge, die ich erkrachselt habe und passe in keine Jeans mehr, weil meine Oberschenkelmuskeln explodieren/mutieren.
    Das wird toll! Gaaaanz bestiiiimmt. *dämlichgrins*

  2. matbs Says:

    An evenuell fehlnden Buchtaben ist nur der neue Recner mit der ngewohnen Tasatu sculd… 😀

    Was die andere Sache angeht: Das sieht nach einer lose-lose-Situation für dich aus, beide Varianten klingen total schrecklich.
    Wir können ja nochmal drüber reden, wenn du deinen ersten 4000-Wörter Blogeintrag verfasst hast… 😉

  3. Laufhannes Says:

    So viel Schnee schon wieder und du nennst das grundsätzlich auch noch hübsch, ich bin stolz auf dich! 😀

    Und Evchen: Der liebe Matthias ist das Berglaufen nur einfach nicht gewohnt und jammert deswegen an jedem „Austieg“, du bist die Hügel doch aber gewohnt. *duck*

  4. matbs Says:

    Och, solange ein bisschen Frühlingsgeschmack in der Luft liegt und die Sonne scheint, lass´ ich mir den Schnee durchaus noch gefallen. 🙂

    Abgesehen davon hast du recht, ich bin tatsächlich aus der Übung – meine letzte Tour mit mehr als 1500 Höhenmetern ist inzwischen auch schon wieder ein halbes Jahr her… 😉


  5. […] sanft ansteigenden Rheinhessischen Hügelflanken genestelt. Hübsch hier, das hab´ ich schon beim letzten Mal […]


  6. […] …oder auch mal zurück nach Gau-Weinheim, das unter einem bläßlich-vollen Tagmond langsam in seiner kleinen Taldelle zwischen den Hügeln zurückbleibt: Bild #7: Blick zurück nach Gau-Weinheim. Mittig dahinter erkennt man auf der Anhöhe die Häuser und Windräder von Wörrstadt, am rechten Bildrand die Windradgruppe über Spiesheim und Ensheim. […]


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