Messeler Wald: Vom Kalkofen nach Messel und zurück (11,7 km)

21. Mai 2010

Okay, über den ersten Lauf der Woche gibt´s nicht allzuviel zu schreiben, also mach ich´s ganz kurz, damit ich mich auf den viiiel interessanteren Zweiten konzentrieren kann:
Donnestagabend, Wetter kalt und grau und nieselig, genau zehn Kilometer mit Nemo um den Heiligenberg, nicht besonders dolle aber auch nicht besonders schlimm.
Ende.

Strecke: 10 km
Zeit: Nicht genommen
Neue Strecke: Keine
Karte:

So, und jetzt zum Main Event:

Freitagabend:
Sooo, langsam entspannt sich alles wieder so ein bisschen (zumindest vorerst).
Und das Wetter wird auch endlich besser, zumindest heute, da hat sich´s nämlich von kaltmiesgrau am morgen zu sonnig, warm und mai-artig gewandelt. Richtig schön.

Freierer Kopf, gutes Wetter – das weckt die Lauflust, vor allem natürlich die auf neue Strecke, deswegen mache ich mich nach Feierabend daran, endlich mal wieder ein bisschen was zu entdecken.
Weil ich eh schon in Darmstadt bin, entscheide ich mich spontan für eine Runde hier oben, und zwar nach Messel.
Das liegt jenseits der riesigen Waldgebiete im Nordosten der Stadt und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass ich nie niemals nicht einen Fuß dorthin gesetzt habe (selbst die weltbekannte Grube Messel – immerhin eine UNESCO Welterbestätte – habe ich noch nie besucht, wie ich zu meiner Schande gestehen muss).

Als Ausgangspunkt hab´ ich mir das Forsthaus Kalkofen gewählt, das irgendwo jenseits der Felder und Wiesen hinter Arheilgen am Rand des großen Waldes am Rand des Streckennetzes liegt. Einmal bin ich hier schon vorbeigekommen, vor einem Vierteljahr bei Schnee und knackigen Minusgraden. War richtig nett.
Heute sieht´s hier doch schon deutlich anders aus als vor drei Monaten, statt dem strahlenden Weiß des Schnees dominieren heute die satten Grüntone des Frühsommerwaldes und es ist eher zu warm als zu kalt (was aber auch daran liegt, dass ich dem Wetterbericht heute morgen nicht glauben wollte, dass es schön wird, und deshalb die lange Leggins statt einer kurzen Hose eingepackt habe. Angesichts von knapp 20° im Nachhinein keine so richtig gute entscheidung…).
Aber nett ist es trotzdem noch.

Weil ich ein bisschen Durst und nichts zu trinken dabei habe, gönne ich mir vor dem Start erst noch eine Cola im Biergarten des Forsthauses. Richtig schön hier – eine idyllische Außenanlage mit Dutzenden freilaufender Pfaue (so viele hab´ ich zum letzten Mal vor vielen Jahren in Indien gesehen, glaub´ ich), Volieren voller Papageien, einem kleinen Wildgehege mit Damhirschen und einem großen Teich, um den herum die Biergartentische gruppiert sind, an denen unzählige gutgelaunte und entspannte Darmstädter Ausflügler sitzen und sich in froher Erwartung des langen Wochenendes einen Schoppen oder eine Portion Hausmannskost genehmigen.
Hier gefällt´s mir, da süffelt sich die Cola gleich nochmal so gut.

Und dann geht´s los.
Wie nicht anders zu erwarten bei dem tollen Wetter, der halbunbekannten Umgebung und der geringen Umfänge der letzten Wochen, lässt sich der Lauf prima an: Die Beine sind leicht und frisch, der Kopf wach und voller Vorfreude, der dichte Flachlandlaubwald ist von Vogelstimmen erfüllt und riecht nach Frühling.
Wun-der-bar!

Ich folge kurz dem europäischen Fernwanderweg 1 bis zur Dianaburg, einer kleinen historischen Jagdhütte auf einem Hügelchen, von der aus die Landgrafen von Hessen-Darmstadt im guten alten Absolutismus gerne alles abgeknallt haben, was so blöd war, in Schussweite zu kommen.
Kleine Ehrenrunde um den achteckigen Pavillon, denn biege ich nach links auf die Dianaschneise ein, die ostwärts tiefer in den Wald hineinführt (Marker: Das weiße hohle Quadrat des HW6).

Schönes Stück, mit weichem Waldboden unter alten, knorrigen Eichen und Buchen, rechts zieht erst ein weiterer bunkerartiger historischer Jagdplatz vorbei, dann schimmern immer wieder die sonnigen Brachwiesen am Dianaplatz durch die Bäume (auch die sind ein Überbleibsel der absolutistischen Jagdpraktiken des Hauses Hessen-Darmstadt: Im Wald war´s schwieriger, das Viehzeug zu meucheln, deshalb hat man hier überall große Lichtungswiesen anlegen lassen, quasi als „Kill Zones“. Heute zeichnen sich diese offenen Flächen mitten im Wald durch eine reichhaltige Flora und Fauna aus und stehen deshalb größtenteils unter Naturschutz).

Nach 1,5 angenehmen km macht der HW6 einen scharfen Knick nach Süden. Ein paar hundert Meter schnurgerade durch den prächtigen Wald, dann durch ein schweres, altes Wildgattertor mit einem rostigen Schnappriegel, über die schmale Kranichsteiner Allee (L3098, kein Auto weit und breit) und schließlich auf der Dreibrückenschneise weiter ostwärts, vorbei an einer weiteren atemberaubend schönen Brachwies im Wald, eingerahmt von schlanken Birken, und tendenziell ein winziges bisschen bergauf (immer noch HW6, später auch das rote Quadrat des Main-Stromberg-Wegs) – das Messeler Hügelland zeigt Flagge, allerdings sehr zaghaft, mit einer Steigung im unteren einstelligen Prozentbereich, die sich wunderbar angenehm läuft. Da stört´s auch nicht, dass ich eigentlich einen Tritt zu schnell bin, im Gegenteil, nach der kleinen läuferischen Durststrecke der letzten Wochen tut´s richtig gut, sich mal wieder ein bisschen in schöner Umgebung auszutoben.

Irgendwann erreiche ich dann den Waldrand am Messeler Bahnhof (der aus irgendwelchen Gründen, die für seine wilhelminischen [?] Erbauer vermutlich furchtbar einleuchtend waren, mehr als einen Kilometer vom Ort entfernt mitten in der Pampa liegt). Noch ein klein wenig bergauf, an einem wogenden Roggenfeld entlang, dann erreiche ich die Roßdörfer Str./L3317, neben der ein asphaltierter Radweg nordwärts nach Messel hinein führt.
Den nehme ich.

Richtig hübsch hier, hätte ich gar nicht gedacht – direkt vor mir der Ort selbst, nett und friedlich und ganz leicht erhöht, drumherum eine Art Riesenlichtung mit weiten Feldern und Wiesen (durch die ich gerade laufe), die durch vereinzelte Baumgruppen aufgelockert werden und in allen Richtungen durch die grüne Wand des dichten Waldes begrenzt ist.

Am Ortrand mache ich einen Mini-Schlenker nach rechts und nutze die Gelegenheit für einen Blick zurück. Die Aussicht an sich ist nicht wirklich grandios, aber das was es zu sehen gibt, ist trotzdem großartig: Ein paar Gewerbebauten an der Grube Messel (die ich damit zumindest schon mal indirekt von Weitem gesehen habe), das ist noch nicht so doll.
Aber dahinter, da erhebt sich ein kleiner bewaldeter Berg mit Fernsehturm, den ich schnell als Gerds Hausberg Moret identifiziere, hinter der die fernen Odenwaldhöhen mit Felsberg, Neutscher Höhe, Neunkircher Höhe und Frankenstein aufragen – vertraute Orientierungspunkte, die ich aber noch nie bewusst aus dieser Richtung gesehen habe.
Neue Perspektive, mag ich.

Messel begrüsst mich mit Wohngebiet. Klar, wir sind hier mitten im Darmstädter Speckgürtel (auch wenn sich´s irgendwie schön friedlich und fast ein bisschen ländlich anfühlt), da hat´s in den letzten Jahrzehnten viele Häuslebauer hingezogen.
Sind aber durchaus nett, die Wohnlagen im Messeler Süden, mit breiten, begrünten Strassen und Häusern, die zwar nicht alt aber auch nicht nagelneu sind. Viel los ist übrigens nicht an diesem warmen Freitagabend, die Strassen sind praktisch Auto- und Passantenfrei, nur in den üppig blühenden und sprießenden Vorgärten stehen da und dort ein paar Messeler und wässern Blumen, mähen Rasen oder plaudern am Zaun mit ihren Nachbarn. Feierabendidylle.

Falls Messel sowas wie einen alten, engen Ortskern hat entdecke ich den heute nicht.
Stattdessen bleibe ich in den südlichen Wohngebieten, wo ich einen knappen halben Kilometer die Sudentenstr. hochlaufe, dann links abbiege und via Gartenstr., Waldstr. und „Vor der Höhe“ den westlichen Ortsrand passiere und über einen schmalen Kiesweg zwischen smaragdgrün-blumenbunten Wiesen das Messeler Falltorhaus erreiche – offenbar ein ehemaliger Gutshof oder eine Försterei, mit wunderschönen geschindelten Häusern (Renaissance oder Barock?) hinter alten Lattenzäunen, formschön in den Übergang von dunkelgrünem Wald und hellgründen Weiden geschmiegt, und sehr, sehr hübsch.

Kurz danach muss ich über die L3097 zwischen Darmstadt und Rödermark. Kein Problem, auch hier fährt heute Abend niemand vorbei, da kann man einfach durchlaufen. Leicht surreal sind allerdings die Strassenschilder, die verkünden, dass es von hier aus nur noch ein paar Kilometer bis Rödermark und Dreieich sind, zwei Gemeinden im Landkreis Offenbach, die für mich als Bewohner des südlichen Landkreises Darmstadt-Dieburg gefühlt nur wenig näher liegen als Lagos oder Tripolis.
Dass das von hier aus wirklich nur noch ein Katzensprung sein soll, will da irgendwie nicht so recht in meinen Schädel.
Werd´ ich wohl noch mal laufen müssen, um das wirklich zu realisieren… 😉

Auf der anderen Strassenseite beginnt wieder der große, schöne Wald, durch den ich jetzt zurück zum Forsthaus Kalkofen laufen möchte. Dazu muss ich durch ein weiteres dieser faszinierenden schweren Schnappriegel-Wildgatter (*klick* *zieh* *quieeetsch* ), danach geht´s im smaragdgrünen Dämmerlicht unter den dichten Baumkronen, die teils durch wunderschöne Brachwiesen und den grünlich glitzernden Zinkenteich aufgelockert werden, erst Nord- und dann Westwärts auf dem Mörsbacher-Grund-Weg (gelbe 8).

Insgesamt sind´s vielleicht 800 angenehme Meter, dann ist erstmal Schluss mit Markierungen – die gelbe 8 will nach links in den Wald rein, ich würde mich aber lieber geradeaussig halten. Also mach´ ich das einfach, auf dem schmalen, unmarkierten Wixhäuser Weg (Wixhausen ist ein Darmstädter Stadtteil, der vor allem für seine langen und kräftigen Spargel berühmt ist. Der Ortsname zeichnet sich nichtsdestotrotz vor allem dadurch aus, dass er weniger lustig klingt, je öfter man ihn hört oder liest. Sorry. :D), der am Rand des Mörsbacher Grunds nach Westwärts führt).

Wunderschön! Der Mörsbacher Grund, das ist ein schmaler aber durchgängiger Wiesenstreifen, der den Wald zwischen Wixhausen (schon weniger lustig, oder?) und Messel in zwei Hälften spaltet, urig und unter Naturschutz, mit einem schilfigen Bächlein in der Mitte, und übersät mit einem Teppich aus blauen, gelben und weißen Wildblumen, die zwischen dem beinahe schon übernatürlich grünen Gras herausleuchten. Lediglich die Masten der Überlandstromleitung Aschaffenburg-Weiterstadt mitten auf der Wiese stören etwas, aber da lässt sich angesichts der herrlichen Abendstimmung mit aromatischem Waldgeruch und unzähligen singenden Waldvögeln (inklusive einem etwas verspäteten Kuckuck) gut drüber hinweg sehen.

Ich folge dem Wixhäuser Weg über eine Viertelstunde.
Gaaaaanz zufrieden und entspannt, mal näher an den Wiesen, dann wieder ein bisschen tiefer im Wald drin. Bis auf ein überraschtes Reh begegnet mir niemand, ich hab´ die ganzen herrlichen Landschaft für mich alleine. Da kann man so richtig in der Natur aufgehen und sie Seele baumeln lassen.
Haaachja.
Gegen Ende wird der Weg immer feuchter und schlammiger, bleibt aber gerade noch so laufbar.
„Splurtsch“, sagt der linke Schuh.
„Skwrurtsch“ antwortet der Rechte.

Nach insgesamt knapp drei Kilometer erreicht der Wixhäuser Weg den quer verlaufenden europäischen Fenwanderweg 1 (weißes Andreaskreuz) auf der Dreischläger-Schneise. Hier geht´s rechts ab, zurück in Richtung Kalkofen.
Nochmal ein wunderbares Stück, erst noch ein wenig durch den Wald, dann wieder am Waldrand nach Süden, während rechts jenseits der weiten Felder und Wiesen vor Wixhausen langsam eine strahlendrotgoldene Sonne über den Horizont sinkt, begleitet von einem klagenden Chor aus einem Dutzend Pfauenkehlen („Maaaoooouuu, Maaaooouuu, Maaaaooouuu“), der mich schon einen halben Kilometer vorher wissen lässt, dass ich gleich das Ziel am Kalkofen erreichen werde.

Pünktlich zum Sonnenuntergang komme ich wieder am Auto an.
Entspannt, erfrischt und ganz im Reinen mit der Welt, nach einer wunderbaren Tour in unbekannte Gefilde bei grandiosem Wetter.
So muss laufen im Mai sein!

Und morgen steht dann endlich der dritte Teil Nibelungensteig tief im mittleren Odenwald an.
Mit Gerd und Foto und mutmaßlich herrlichem Wetter.
Das wird ganz groß!

Strecke: 11,7 km
Zeit: Was weiß ich…
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 95,73% (11,2 km von 11,7 km)
Karte:

Advertisements

Eine Antwort to “Messeler Wald: Vom Kalkofen nach Messel und zurück (11,7 km)”


  1. […] Messeler Wald: Vom Kalkofen nach Messel und zurück (11,7 km) […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: