Schöne Odenwaldtour ins Unwetter: Reichelsheim – Beerfurth – Vierstöck – Ostertal (15,8 km)

6. Juni 2010

Sonntagmittag mit ganz viel angenehmer Sonne, die perfekte Zeit für einen schönen Wochenabschlusslauf im Odenwald.
Zumindest die 30 Wochenkilometer will ich noch voll machen, also braucht´s nach dem Zwölfeinhalber von Gestern mindestens 17,5 km.

Kein Problem, denke ich mir, und plotte am frühen Nachmittag eine schöne Route weit hinten in den Bergen, da wo das Streckennetz langsam aber sicher ins Unbekannte abdriftet: Von Reichelsheim im Gersprenztal über Beerfurth und die Vierstöck zum Morsberg hoch, ein Stück auf dem breiten Bergkamm in Richtung Lärmfeuer, dann durchs Ostertal zurück – das sind Pi Mal Daumen 18 Kilometer, sollte passen.
Und weil´s so hübsch ist, verabdrede ich mich hinterher auch gleich noch zum Abendessen in Reichelsheim.
Wochenabschlusslauf mit Wochenabschlussessen im Odenwald, das ist nämlich ganz was Feines…


Schon die Fahrt durch den sommerlichen Odenwald mit seinen satten Hangweiden, kleinen Dörfern und schattigdunklen Bergwäldern ist – wie üblich – ein Highlight: Alles ist üppig, grün, sonnig, freundlich, wunderschön. Und schön frisch obendrein, denn hinter der Neunkircher Höhe herrschen bereits fünf Grad weniger als unten an der Bergstrasse – mollige 24° statt drückende 29°, da lacht das Läuferherz!

Startpunkt: Reichelsheim im schönen Gersprenztal.
Da heute ein Rundkurs geplant ist und ich hier ja nachher noch mit meinen Eltern zum Essen verabredet bin, stelle ich das Auto relativ zentral ab, auf dem Parkplatz vor der Reichenberghalle am Ostrand des alten Ortskerns.
Noch kurz ein bisschen Sonnencreme auf alle freiliegenden Hautpartien, den Trinkgürtel umgeschnallt (nur drei Flaschen Isoplörre, die haben mir eigentlich gestern schon für den Zwölfer in der prallen Sonne nicht ausgereicht. Aber ich hab´ noch ein bisschen Geld dabei, vielleicht kann ich ja ggf. unterwegs irgendwo zutanken…), und dann geht´s auch schon los, mit ruhigen, wohltuenden Schritten hinaus in den warmen, sonnigen Odenwaldabend.

Und zwar erst mal rechts, in die Beerfurther Str.
Hier bin ich vor über einem Jahr schon mal durchgelaufen, bei einer der ersten herrlichen Touren nach einer langen, aufreibenden läuferischen Durststrecke. Damals bin ich von oben gekommen, von Schloss Reichenberg, das auf seinem grünbewaldeten Burgberg in toller Lage über Reichelsheim sitzt. Wunderschön, aber heute steht´s nicht auf meinem Programm, stattdessen halte ich mich rechts unter laufe unter dem Burgberg ostwärts, auf dem Hofweg durch mittelaltes bis halbneues Wohngebiet, bis ich schließlich am Ende von Reichelsheim ankomme und der Markierung des Fronhof-Weges (R2) in die sommerlich-satten Auwiesen des Gersprenz-Tals folge.

Schöner Weg, auf rissigem, alten Asphalt, teils im Schatten der Bäume, teils durchs offene Weideland, in dem die Sonne trotz des leichten Dunstschleiers am milchigblauen Himmel gnadenlos runterbrennt.
Ordentlich warm, aber nichts, was sich nicht aushalten ließe (auch wenn die Temperaturen meine Sorge verstärken, dass die Isoplörre nicht reichen könnte).

Einen halben Kilometer nach dem Reichelsheimer Ortsende passiere ich Frohnhofen, ein schönes altes Gehöft, das inmitten der sommerlichen Felder nördlich des Mergbachs und der B38 liegt, danach führt der Weg leicht aufwärts in ein Wäldchen, in dem er scharf nach links abknickt und nun in grob nordwestlicher Richtung zwischen Wald und Gersprenzauen in Richtung Beerfurth führt.

Auch hier wieder: Wunderschön und herrlich zu laufen, fast bedauere ich es, dass ich den Foto heute daheim gelassen habe (aber nur fast – ehrlich gesagt ist es nämlich auch ganz schön, einfach mal wieder nur eine neue Strecke zu laufen, ohne sich über Motive und Fotostopps Gedanken machen zu müssen).

Minimal aufwärts, über den sonnigen Gersprenz-Wiesen entlang, über denen gerade ein etwas ungelenk flatternder Graureiher entlanggleitet (vielleicht ja der, der mir vor einem guten Jahr ein paar Kilometer weiter nördlich vor die Linse gekommen ist), vorbei am Gehöft Neuhaus, wo es laut einem selbstgemalten Schild an der Scheune Nüsse zu verkaufen gibt, und schließlich rechts auf den passend benannten Wiesental-Weg (Bo2), der mich als schmales Trampelpfädchen durchs hohe Gras der Auwiesen bis an die Gersprenz bringt. Kleine Holzbrücke neben einer Pferdekoppel mit nervösen Gäulen, eine kleine Rampe hoch, und schon stehe ich direkt an der B38/Siegfriedstr. am südlichen Dorfeingang von Beerfurth (genauer gesagt: Kirch-Beerfurth).

Hier sind ein paar hundert Meter an der Bundesstrasse angesagt, nordwärts nach Beerfurth rein. Ist kein Problem, da´s im Ort ist, gibt´s hier einen ordentlichen Bürgersteig, auf dem es sich – im Schatten der alten Häuser am Strassenrand – bestens laufen lässt. So gefällt mir das!

Noch besser gefällt mir allerdings die Fahne, die an einem dieser alten Häuser am Strassenrand hängt – „Original italienisches Eis“ steht darauf, also genau das Richtige, um meine trockenheiße Kehle mit ein bisschen gefrorener Flüssigkeit zu verwöhnen. Perfekt!
Kleines Treppchen zum Ausgabefenster, Klingel gedrückt, und der freundlichen Dame, die daraufhin auftaucht, ein Eis abgekauft – ein großes Bällchen herrlich frisches Meloneneis, kühl, fruchtig und lecker.
Aaaah, das ist gut!!
Leider aber auch viel zu schnell weg…

Dergestalt erfrischt kann ich mich dann wieder auf den Weg machen.
Kurz nach dem Eiscafé stoße ich auf den quer verlaufenden Nibelungenweg (gelbes Quadrat), der hier von Schloss Reichenberg kommernd zum großen Anstieg hinauf zum Morsberg ansetzt.

Den kenne ich sogar, diesen Anstieg, denn vor knapp drei Jahren bin ich hier ins Gersprenztal mal runtergewandert.
Damals ist er mir ziemlich steil vorgekommen, auch wenn das mit gemessenem Wandertempo und vor allem bergab nicht besonders relevant war.
Heute hingegen sieht´s mit de Relevanz des Steigungsgrads ein bisschen anders aus, denn genau da will ich hoch.
Folgerichtigtig biege ich rechts von der Siegfriedstr. ab, laufe kurz die schmale Burgstr. entang und wende mich dann ein weiteres Mal rechts, ins Gäßchen „Im Burgviertel“.

Eeep!
Hier geht´s ja bergauf.
Und zwar knackig.
Ganz knackig!!

140 m. bis zum Dorfende, auf denen es rund 40 Höhenmeter zu bewältigen gibt – fast 30% Steigung, und das bei sommerlich schwülen Temperaturen um die 25°!

Nur gut, dass ich noch halbwegs frisch bin und in meinen Beinen die Kraft des Meloneneises steckt, damit lässt sich´s ungelenk aber stetig bergauf tapsen.

Auf den ersten paar Metern denke ich mir noch „Hey, das ist ja gar nicht so schlimm!“.

Auf den mittleren paar Metern denke ich mir: „Ach du Kacke, das schlaucht heute aber furchtbar“. (Da hilft auch der kleine Junge nicht, der bei einem der letzten Häuser neben seinem urumbeligen [orig. hessisches Wort] Opa auf ´nem Balkon steht und versucht, ein Interview mit mir zu führen:
„Was machst du daahaa?“
„Hhhhhh IchhhhlaufnBerghochhhhhrglaaa“
„Dschokkst duu?“
„Snfjlrgaaargh“
„Waruhuum?“
„Glhhhhhh!“
[die bloße Tatsache, dass die Zeit für drei Fragen reicht, zeigt schon recht eindrucksvoll, mit welchem Tempo ich hier unterwegs bin… :D])

Auf den letzten paar Metern denke ich mir „Hjsjaaaarglauaaaaaaaa.“

Puuuh. Das zieht rein.

Dann bin ich obe am oberen Ende des „Burgviertels“.
Beerfurth ist hier zu Ende, der Aufstieg geht dagegen erst so richtig los – zwar von nun an nicht mehr ganz so steil (aber immer noch ordentlich) aber dafür noch eine gefühlte Ewigkeit huffe und puffe ich mich durch die wunderschönen Bergwiesen und kleinen Wäldchen über Rand des Gersprenztals aufwärts.
Immerhin zieht sich der Himmel langsam ein bisschen zu und die Sonne verschwindet mehr und mehr hinter dichten und (noch) dünnen quellwolken, so dass es nicht mehr ganz so warm ist. Das macht´s etwas einfacher.
Dazu noch ein paar Gründe für kurze Päuschen unterwegs – wie der tolle Blick zurück über das grüne, hügelige Gersprenztal in Richtung Neunkircher Höhe, oder die entflohene Kuh, die nach ein paar hundert Metern unvermittelt mitten auf dem schmalen Weg vor mir steht und verdutzt zu ihren gehörnten Kolleginnen auf der Wiese jenseits eines dünnen Elektrozäunchens hinüberglotzt (wir sind uns beide nicht so ganz geheuer, also mache ich einen großen, langsamen Bogen um sie herum, während ich ihr mit meiner besten Beruhigungsstimme gut zurede. Das klappt, als ich mich an ihr vorbeischiebe, lässt sie sich sogar die weiche Schnauze von mir tätscheln) – da haut das mit dem langen, anstrengenden Aufstieg gar nicht so schlecht hin.

Ziemlich genau einen Kilometer nachdem die Steigung in Beerfurth angefangen hat, ist das schlimmste erstmal überstanden: Ich erreiche den Waldrand unter dem Beerfurther Schlösschen (das so ziemlich die unspektakulärste Burgruine ist, die ich kenne, nur ein paar vereinzelte Steinhaufen im Hangwald, deshalb verzichte ich heute mal darauf) und tausche den weiterhin steil aufsteigenden Nibelungenweg gegen den deutlich zahmeren Alemannenweg (rotes S) ein, der sich an den Hängen des Beerfurther Burgbergs mit minimalster Steigung in Richtung Vierstöck schlängelt.
Durchaus gefällig – dichter, feuchter Nadelwald am Nordhang, entsprechend ist es hier angenehm kühl und schattig (nicht das Letzteres wirklich nötig wäre, denn die Sonne ist inzwischen endgültig unter einem schweren grauen Wolkenschleier verschwunden), der hübsche Waldweg ist zudem mit einer Schicht trockener Kiefernnadeln gepolstert, auf denen es bekanntlich wie auf Wolken läuft. Wunderbar.

Schon wieder ziemlich genau ein Kilometer, dann komme ich an den kleinen Häusergruppe bei den Vierstöck raus (Waldgaststätte an der B47, sehr gutes Essen) und mache mich sogleich an den zweiten Teil des Aufstiegs zum Morsberg.
Der hat´s wieder in sich, schließlich warten hier nochmal gut rund 150 Höhenmeter bis zum nahen Morsberg-Gipfel.

Vor dem Vierstöck-Parkplatz rechts und wieder in den Wald rein, nun auf dem OWK-Wanderweg HW19 (blaues Quadrat), der vorbei an der alten Tongrube, die wie eine riesige nackte Stelle im Wald an der Nordflanke des Bergs sitzt, steil die die dicht bewaldeter Morsberghänge hinauf. An der ersten großen Kreuzung stoße ich wieder auf den Nibelungenweg, der frisch von seiner Abkürzung über das Beerfurther Schlößchen die Hänge hochgekrochen kommt, und folge ihm für ein paar (natürlich auch wieder steile) hundert Meter nach links, direkt über der Tongrube nach Osten.
Ist zwar anstrengend, aber dafür gibt´s über die Grube hinweg einen grandiosen Blick hinaus nach Norden, über die wunderschönen Rücken und Täler des Böllsteiner Odenwalds hinweg in Richtung Breuberg (zumindest beschließe ich, dass die ferne Burg auf ihrer Kuppe dort drüben der Breuberg sein muss), Main und Spessart, dessen Ausläufer man deutlich am Horizont erkennen kann.
Großartig, selbst im dämmrigen Halblicht des inzwischen vollkommen sonnenlosen und zugewölkten Himmels. Warum ist denn bloß der doofe Foto nicht da…

An der nächsten Kreuzung mache ich eine nadelspitze Rechtskehre auf den Franken-Hessen-Kurpfalz-Weg (rotes Plus), der weiter aufwärts durch den wunderschönen lichten Kiefernhochwald führt, die Morsbergkuppe auf über 500 m. ü.NN umrundendet und dann auf wurzelig-abenteuerlichen Pfaden hinab zum „Schlagbaum“ führt, einer Kreuzung mit insgesamt sieben abgehenden Wegen, an der vor langer Zeit mal eine Zollstation zwischen den Grafschaften Erbach und Breuberg gestanden hat (was sicher recht einsam war, hier oben mitten im Wald). Heute erinnert allerdings nur noch der Name des Ortes daran, der Jogger des frühen 21. Jahrhunderts kann hier unbehelligt einfach so durchlaufen.

Genau das macht er dann auch, immer schön weiter auf dem Franken-Hessen-Kurpfalz-Weg, der hier in den Hoschbachhöhenweg übergeht und bequem und mit nur ganz geringem Auf und Ab über den breiten Rücken des Bergriegels, der die Grenze zwischen kristallinem Odenwald und Buntsandsteinodenwald bildet (will heißen: Westlich von hier herrschen tiefe Täler und relativ schroffe Berge aus Granit vor, östlich hingegen wird der Odenwald immer mehr zu einem runden Hochland mit riesigen und vermeintlich weniger steilen Bergrücken). Toller, uriger Hochwald allenthalben, mit riesigen alten Bäumen zwischen smaragdgrünen Farndickichten, das ist sehr, sehr hübsch.

Läuft sich eigentlich prima, wenn da nur nicht diese immer stärker werdende Unwetterstimmung wäre. Die ehemals hellgrauen Wolken am Himmel haben sich in den letzten Minuten immer mehr aufgetürmt und verfinstert, im Westen über der Neunkircher Höhe kann ich zwischen den Fichtenstämmen eine tintig-apokalyptische, nachtschwarzblaugrünliche Front aus Dunkelheit erkennen, in der Blitze zucken und die langsam aber bedrohlich näher rückt.
Und dann geht auf einmal auch noch der Wind an, ein schwerer, klebriger Fast-Sturm aus dem Westen, der nach Gewitter, Regen und Kälte schmeckt und die hohen Baumriesen um mich herum zum Knarzen und Ächzen bringt. Ein echter Regenwind, lange wird das Unwetter nicht mehr auf sich warten lassen. Und ich bin hier oben ganz allein im tiefsten Wald am Arsch der Welt, einige Kilometer vom nächsten Ort und noch mehr Kilometer vom Ziel entfernt.
Das schmeckt mir ganz und gar nicht, die Begegnung mit diesem schnell näherrückenden Monsterunwetter würde ich hier oben gerne vermeiden.

Also schraube ich mein Tempo hoch, immer mehr, bis aus dem ehemals gemütlichen Zuckeln durch den wunderschönen Wald ein ungelenker Semi-Sprint geworden ist, der mir – zumindest behauptet das mein Körper – morgen oder übermorgen noch mal bannig Leid tun wird, wenn ich ihn länger durchhalte.
Genau das mach´ ich aber und hetze schnellen Schrittes durch den Bergwald, der sich im Angesicht von dräuendem Riesengewitter in den Sturmböen wiegt und windet und dabei aus tausend gebogenen Stämmen seinen Protest in die Welt hinausknarzt.
Einerseits: Anstrengend und ein bisschen beunruhigend.
Andererseits: Spannend und extrem stimmungsvoll, so durch den finsteren Wald unter schwarzgrauem Himmel zu laufen…

Ich passiere den Steinernen Tisch (genau das, was der Name verspricht: Ein Steintischchen im Wald, wo einstmals der Landadel bei seinen Jagdausflügen gerastet hat. Außerdem hat mir mal ein Wilddieb dem lokalen Förster das linke Auge weggeschossen, wie ein Infotafel am Wegesrand verkündet) und hast weiter nach Süden, immer den Höhenweg entlang durch den Wald, bis ich -fast drei Kilometer nach dem Schlagbaum – die verlassen daliegende Kreisstrasse 51 erreiche, die das Ostertal mit dem Mossautal verbindet. Anstatt das schmale Asphaltband auf der Passhöhe zu überqueren, halte ich mich rechts, bis ich auf den OWK-Wanderweg HW20 (gelbes Dreieck) stoße, dem ich auf abenteuerlichsten Holperwegen, die zuweilen auch mal als Behelfsbachbett fungieren, durch die steilen Waldhänge bis hinunter zum Waldrand über dem Ostertal folge.

Toller Anblick, aber irgendwie auch ein bisschen beunruhigend: Das Ostertal, wunderschön voller Hügel und Obstwiesen, zwischen denen man die kleinen Häusergrüppchen von Ober-Ostern kaum erkennen kann, eingerahmt von dunkelgrünen Waldhängen, über denen ein nachtschwarze Unwetterhimmel hängt, aus dem dumpfer Donner herübergrollt während gleißend Helle Blitze zwischen den Wolkenmassen hin- und herzucken.
Und es ist fast schon da!

Ich beeile mich weiter, auch wenn das hohe Tempo inzwischen schon merklich schwerer fällt.
Weiterhin HW20, zwischen Bergwald und hügelig-satten Talweiden, an denen man sich gar nicht sattsehen möchte. Nach ein paar hundert Metern (das Gewitter ist immer noch nicht da, obwohl der Donner immer lauter wird) geht´s über eine kleine bewaldete Kuppe, danach durch eine Wiese voller blühender Gräser und Wildblumen, auf der ich einen stattlichen Fuchs aufscheuche, der in großen Sätzen vor mir (oder dem Gewitter?) in den schützenden Schatten des nahen Waldes flieht.
Dann noch ein Wäldchen, an dessen Ende ich rechts auf den asphaltierten Feriendorf-Weg (O3) einbiege, der am Rand eines idyllischen Wiesentälchens, auf dessen anderer Seite das namensgebende Feriendorf mit mehreren Dutzend freundlichen Häuschen im Hang sitzt, abwärts bis nach Unter-Ostern führt.

Dort erwischt mich das Gewitter.
Von einem Moment auf den anderen weicht die drückende Erwartungsstimmung dem Ereignis selbst: Erst pladdern fette, warme Regentropfen herab (die eigentlich gar nicht mal so unangenehm sind), dann explodiert der pechschwarze Himmel direkt über mir auf einmal in zuckenden Blitzen und dröhnendem Donner.
Das wirkt in dieser Intensität schon ein bisschen beängstigend (auf eine beeindruckende, faszinierende Art und Weise).

Der Lauf ist damit allerdings am Ende – zwar wären es eigentlich noch ein paar Kilometer bis zurück nach Reichelsheim, aber die würden mich über eine weite, offene Anhöhe über dem Ostertal führen – und darauf, mitten im Monstergewitter in exponierter Lage als höchster Punkt weit und breit durch die Hochfelder zu laufen, hab´ ich irgendwie gar keine Lust. Dafür hab´ ich einfach zu viel Respekt vor dieser Form von Naturgewalt.

Zum Glück bin ich wieder mal zu spät dran. Konkret bedeutet das: Meine Eltern sind bereits am verabredeten Treffpunkt in Reichelsheim, keine fünf Autominuten von Unter-Ostern entfernt. Kurzes Handy-Telefonat, dann ist klar: Ich werde mich aufsammeln lassen, anstatt das Wagnis einzugehen und über die Anhöhe durch den Sturm und den peitschenden Regen zu laufen. Damit reicht es zwar nicht mehr für die angestrebten 30 Wochenkilometer, aber besser als von einem Blitz frittiert zu werden, ist es allemal!

Damit wenigstens noch ein paar Meterchen dazukommen, laufe ich meinen Eltern immerhin noch entgegen – erst auf der Formbachstr. hinauf zur Grundstr./L3105 und an der dann in Richtung Reichelsheim.
Landstrasse durch die Wiesen, leicht schmierig mit dem ganzen frischen Niederschlag, riecht nach nassem Teer, kein Randstreifen.
Unangenehm zu laufen, besonders wenn man durchs apokalyptische Unwetter sprintet und jeden Moment damit rechnet, von einem blendenweißen Elektrobolzen aus den finsteren Wolken gegrillt zu werden.

Zum Glück passiert nichts dergleichen: Ich sprinte die letzen Meter an der Strasse bergab ins Gersprenztal zurück, bis zum einsamen Gehöft kurz vor der Einmündung in die B47. Dort kommt mir dann mein Taxi entgegen und ich hechte – pitschnass und hechelnd – hinein in den Schutz des Faradayschen Käfigs.
Und damit ist der Lauf dann zu Ende.
Zwar etwas vorzeitig, aber immerhin ohne Elektroschocks vom Firmament.
Das´ auch was Wert… 😀

Zur Belohung für die Strapazen gibt´s dann noch ein exzellentes Abendessen in der Reichelsheimer Johanns-Stube, die sich darauf spezialisiert hat, althergebrachte regionale Hausmannskost mit Pfiff und Zutaten aus dem Odenwald aufzupeppen.
Für mich bedeutet das: Erst eine Kartoffel-Kräutersuppe mit in Bierteig ausgebackenen Blutwurststücken, dann handgemachte Kartoffelklöße mit einer Füllung aus Hüttenthaler Ziegenkäse und als Dessert ein himmlisches Bällchen Schoko-Eis aus Ziegenmilch in Nußlikör.
Grandios!

Und danach geht´s dann heim. Zwar nicht mit den erhofften 17,5+ km in den Beinen, aber pappsatt und nach einer herrlichen Odenwaldtour, die trotz (oder gerade wegen) des Unwetters einen Riesenspaß gemacht hat.

Strecke: 15,8 km
Zeit: Keine Ahnung
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 99,18% (15,67 km von 15,8 km)
Karte:

M.

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