Kleine Feierabendrunde durch den Darmstädter Nordosten: Martinsviertel – Kranichstein – Komponistenviertel (9,7 km)

21. Juni 2010

Tssk!
Da musste ich in den letzten Wochen doch immer wieder zur Kenntnis nehmen, dass meine Kolleginnen und Kollegen im Büro größtenteils überhaupt keine Ahnung von Darmstadt haben.
Was ja gar nicht weiter schlimm wäre, wenn wir in Wuppertal, Altötting oder Antananarivo sitzen würden.
Tun wir aber nicht.
Sondern eben mitten in Darmstadt.
Und dann auch noch in einem Laden, der per Definition einen ausgeprägten Bezug zur Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten hat.
Da seiht´s schon irgendwie ein bissel seltsam aus, wenn man noch nie auf der Mathildenhöhe, am Oberwaldhaus oder in der Orangerie gewesen ist.

Aber zum Glück lässt sich da ja leicht Abhilfe schaffen, beispielsweise in dem man einen kleinen gemeinsamen Lauf nach Feierabend anleiert, bei dem man den Kollegen mal ein bisschen was von der Stadt zeigen kann.
Ist ja auch gut für´s Betriebsklima und so… 🙂

Deshalb der Plan für heute Abend: Eine nette kleine Runde nach Büroschluss mit vier Fünfteln der Juniorbelegschaft durch den hübschen Darmstädter Nordosten, aus dem Martinsviertel hoch zum Jagdschloss Kranichstein und von dort aus via Fasaneriewald und Komponistenviertel wieder zurück.
Nicht zu weit (soll ja niemrand überfordert werden), dafür aber abwechslungsreich und mit Jagdschloss, und außerdem mit vielen schönen Passagen am grünen Stadtrand.

Ganz so wie geplant klappt´s dann aber doch nicht.
Ein Fünftel Juniorbelegschaft hat´s verpeilt und seine Laufsachen vergessen, ein zweites ist heute abend mit irgendeinem Termin gebunden und kann deshalb nicht mit.
Bleiben noch die Fünftel drei und vier, Respektive die Kollegin Julia und ich.
Na gut, dann eben nur zu zweit, ist auch nett.

Zuerstmal zerstreuen wir uns allerdings direkt nach Büroschluss gegen 18:00 Uhr erst mal in die winkeligen, engen Gassen des Martinsviertels, zu unseren jeweils irgendwo im alltäglichen Altbauviertelparkchaos abgestellten Kraftfahrzeugen, zwecks Sportklamotten Requirieren und Umziehen (Umkleide auf dem Beifahrersitz während draußen das Stadtvolk vorbeiflaniert, immer wieder eine interessante Erfahrung…).
Und dann geht´s los.

Ich hab´ das Auto heute mal am oberen Ende des Hohlen Wegs abgestellt, kurz vor der Einmündung zur Dieburger Str.
Entsprechend hab´ ich schon mal einen halben Kilometer bis zum Kopernikusplatz zurückzulegen, wo Julia und ich uns wieder treffen wollen. Leicht bergab durch die engen aber nicht unhübschen Häuserschlüchtchen (die sind wie Häuserschluchten, nur mit vier- oder fünfstöckigen Gründerzeithäusern, und entsprechend nicht ganz so tief eingeschnitten) von Taunusstr. und Gutenbergstr. durchs frühabendliche Martinsviertel, über dem eine freundliche, entspannte Feierabendstimmung liegt.
Mach´ gleich mal etwas Tempo, schließlich will ich mein Mitlauffünftel der Juniorbelegschaft nicht zu lange warten lassen.
Läuft gut heute Abend, ist allerdings auch kein Wunder, denn bei herrlich sommersonnigtrockenwarmen 25° läuft sich´s ohnehin prima.

Am Kopernikusplatz sammele ich fix die bereits wartende Julia ein und wir machen uns auf den Weg nach Norden.
Erstmal ein Stück die Kranichsteiner Str. hoch, deren Bürgersteig so schmal ist, dass man hintereinander laufen muss, dann links über den Taunusplatz, durch die schattige Taunusstr. mit ihren imposanten Mehrparteienhausfassaden, und schließlich über den Rhönring und ins Bürgerparkiertel rein.

Insgesamt geben wir dabei wohl einen etwas ungleichen Anblick ab:
Julia tanzt in ihrer Freizeit Ballett, und so läuft sie auch: Federnd, mit jedem Schritt auf dem Vorderfuß wippend gazellt sie neben mir her und sieht dabei ziemlich unangestrengt und leicht aus.
Wirkt total elegant, passt aber rein optisch nicht so ganz zu meinem persönlichen Laufstil der Marke: Hüftkranker Wasserbüffel im Vollrausch.
Macht aber nix, wir wollen ja keinen Synchronlaufwettbewerb gewinnen.
Und das Tempo passt (für jemanden, der von sich behauptet, normalerweise „nur einmal in der Woche eine halbe Stunde zum Bäcker und zurück zu Joggen“, hat die gute Julia einen passablen Schritt drauf, und das obwohl sie permanent mit ihrer ausgezogenen Weste zu kämpfen hat, die sie angesichts der Wärme und mangelnder Befestigungsmöglichkeiten in der Hand mitschleppen muss), ist zügig aber nicht angestrengt, ideal um beim Laufen ein bisschen über Job, Lauferfahrung und den Rest zu plaudern.
Macht Laune! 🙂

Das Bürgerparkviertel unterscheidet sich schon mal deutlich vom älteren Martinsviertel, besonders in der Ecke, in der wir gerade einlaufen: Statt hoher, alter Mehrparteienhäuser aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende gibt´s erst ein paar neuere Mietskasernen (aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, sehen dank dem vielen Grün aber trotzdem nett aus), gefolgt von einem halben Dutzend blockig-neuerer Schulen für alle Altersstufen, der Darmstädter Rollsporthalle (was es hier alles gibt!) und diversen Stadien und Sportanlagen, zwischen denen wir irgendwie bis in den Bürgerpark Nord durchlavieren.

Das letzte Mal war ich hier vor über zehn Jahren, erinnern kann ich mich noch an etwas ungepflegte, reizarme Rasenflächen und etwas struppiges Busch- und Baumwerk (letzteres Wort hab´ ich glaub´ ich gerade erfunden. Aber ihr wisst, was ich meine). Also laut Gedächtnis nicht so der Bringer.
Tatsächlich stellt sich der Park allerdings schnell als wesentlich hübscher heraus, als meine nebulöse Rekollektion an die Zeit vor der Jahrtausendwende behauptet hat: Große Rasenflächen, tatsächlich etwas natürlicher gehalten, aber grün und freundlich, dazwischen Baumgrüppchen und zwei Teiche („Moorteich“ und „Maschinenteich“), am Rand ein paar mehr oder weniger lauschige Kleingartenanlage, dazu bequeme Wege – hier joggt sich´s eigentlich prima!

Wir laufen grob nordostwärts durchs Parkgelände, zwischen baumbestandenen Schrebergärtenrückfronten und dem wunderschön im Vorabendlicht schimmernden Maschinenteich entlang bis zurück an die Kranichsteiner Str. (die hier die Stadt eigentlich schon verlassen hat und ein Stück durchs Niemandsland zwischen dem zentralen Darmstädter Stadtgebiet und dem Stadtteil Kranichstein veräuft), die wir dann überqueren und auf der Kastanienallee zwischen mehr Sportanlagen und Kleingärten – weiterhin halb elegant und halb wasserbüfflig – in Richtung des Fasaneriewaldes driften.

Bevor wir dort ankommen haben uns die Stadtplaner des letzten Jahrhunderts allerdings noch ein Hindernis in den Weg gesetzt, namlich die zweispurige Gleistrasse zwischen Ost- und Nordbahnhof.
Bei der Planung der Tour war hier nicht ganz ersichtlich, wie man da rüberkommen soll, deshalb bin ich einfach mal davon ausgegangen, dass man da schon irgendwie rüberkommt, vielleicht mit einer Unterführung oder sowas.
Pustekuchen!
Nix jibbet!

Keine Unterführung, keine Brücke, die Kastanienallee endet einfach vor den Gleisen, über die zwar ein Trampelfpad führt, der aber mit einer „Vorsicht, nicht betreten“-Warnung beschildert ist.
Hmm…

Kurze Aussprache. Wir entscheiden uns beide für die Überquerung.
Noch mal ordentlich lauschen (keine Bahn zu hören), links schauen (keine Bahn), rechts schauen (keine Bahn), links schauen (immer noch keine Bahn), rechts schauen (nee, auch nicht), nochmal lauschen (Stille, nur in der Ferne quäkt leise eine einsame Vuvuzela den Wunsch ihres Besitzers hervor, sich die Tröte von einem genervten Nachbarn in eine beliebige Körpeföffnung schieben zu lassen), dann nix wie rüberrüberrüber.
Klappt, die lokalen Bummelzüge verzichten gnädigerweise darauf, just in diesem Moment aus dem Nichts herangebraucht zu kommen und uns zu plätten. Nett von ihnen.

Dahinter geht´s dann noch ein kurzes Stück geradeaus bis zur alten Gichtmauer, hinter der sich der hübsche, schattige Wald der alten Fasanerie ausbreitet (die Fasanerie heisst übrigens so, weil in diesem großen, eingemauerten Waldstück während der Renaissance eine große Zahl Fasanen gehalten wurde, deren einzige Aufgabe es war, sich bei Gelegenheit von einem gelangweilten Adeligen aus dem nahen Jagdschloss Kranichstein über den Haufen schießen zu lassen [oder noch besser: Beim Knallen einer Flinte an einem Herzinfarkt zu verenden, das gibt bessere Trophäen…]).
Da geht´s jetzt rein, auf den schmalen und noch leicht schlammigen Bogenweg, der – nomen est omen – der Innenseite der Mauer in einem langen Bogen bis zum Südzipfel von Darmstadt-Kranichstein bringt und uns dort am Rand des bewohnten Gebiets wieder in die relative Zivilisation der Kranichsteiner Plattenbauten im Pfannmüllerweg entlässt.

Nicht so ganz die schönste Ecke der Stadt (auch wenn die verblendeten Stadtplaner aus den 60igern, die offenbar allen Ernstes der Meinung waren, dass Plattenbauten städtebaulich eine totaaaal tofte Idee für die Zukunft wäre, das womöglich etwas anders gesehen haben).
Naja, ist aber kein allzulanges Stück, das geht schon mal: Wir folgen kurz dem gerundeten Pfannmüllerweg zwischen Waldrand und Plattenbauten und biegen dann rechts in den Mittermayerweg ein, der von blockigen Reihenhaus-Bungalows mit kleinen, gepflegten Vorgärtchen dominiert wird. Noch 200 m. Siedlung, dann links hoch an die Kranichsteiner Str., nochmal rechts, dann sind wir auch schon wieder aus Kranichstein raus, und auf einmal ist wieder alles total hübsch:

Radweg neben der Landstrasse, umgeben von sattgrünen sommerlichen Wiesen und Weiden mit hohem Gras, das ein bissken im Abendwind hin-und-herwinkt, links Koppeln mit friedlichen weidenden Pferden, rechts der freundliche kleine Rutshenbach, alles eingerahmt von der smaragdgrün im Abendlicht leuchtenden Wand der dichten Wälder am Rand des Messeler Hügellands.

Noch besser wird´s natürlich, als das prächtige Jagdschloss Kranichstein in Sicht kommt. Erstmal zieht rechts das lange, schlichte Zeughaus vorbei, kurz danach biegen wir halbrechts ab und laufen durch das Haupttor und den kleinen Parkplatz direkt auf die pastellfarbene Barockanlage zu.
Der Innenhof ist leider schon verschlossen, deshalb müssen wir an der Außenmauer entlang (aber auch von da hat man einen schönen Blick auf das Schloss) bis ans Ufer des idyllischen Backhausteiches, der ruhig und friedlich unter dem wolkenlosen Himmel ruht, und dabei irgendwie ganz anders aussieht als beim letzten Mal, als ich hier vorbeigekommen bin.

Kurze Beratung, dann meint Julia, dass sie noch fit genug für eine kleine Ehrenrunde um den Teich herum ist, also laufen wir erstmal geradaus weiter, unter den wachsamen aber nicht sonderlich beunruhigten Blicken des lokalen Wassergeflügels am Nordufer entlang in den schattigen Wald, dann rechts auf den Falkenhof-Weg (gelbe 6), der uns am Südufer zurück nach Osten führt und schließlich in den europäischen Fernwanderweg 1 in Richtung Steinbrücker Teich übergeht.
Den nehmen wir.
Schön entspannt durch den sonigschattiggrünleuchtenden Wald, hinter dem Zeughaus entlang bis uralten Steinbrücke über den Ruthsenbach.

Hier müssen wir kurz pausieren, weil ich mir nicht sicher bin, wo´s weitergeht.
Das passiert mir hier jedesmal.
Vermutlich verwirrende Erdstrahlung oder ´ne Wasserader oder so´n Gedöns, das mir jedwede Orientierung raubt.
Ein bisschen Plänchen drehen, dann entscheiden wir gemeinsam, es mal mit „dem Weg da“ zu probieren, der nicht nur der Rechte ist, sondern sich auch nach ein paar Metern als der Richtige herausstellt.
Na also!

Fasanerie-Weg (Da6), westwärts auf der Brandschneise bis zum Hartigdenkmal, einem großen Obelisken auf einer Kreuzung mitten im Wald, der dem Forstwissenschaftler Georg Ludwig Hartig gewidmet ist.

Hier geht´s links, auf die Arheilger Schneise, und damit die einzige echte Steigung der heutigen Tour. Zwar nicht lang, aber ordentlich steil, da kommt man schon ein bisschen ins Schwitzen.
Trotzdem machen wir Tempo, Julia will mal zeigen, was sie so kann – und das ist sehr ordentlich, gerade für jemanden, der nicht so oft Bergläufe macht.
Oben angekommen keuchen wir mal kurz durch und folgen dann der Ackerschneise zurück in die Stadt, genauer gesagt ins Komponistenviertel im Nordostzipfel des Stadtgebiets.
Richtig schöne Ecke: Hübsche, wohlbetuchte Wohngegend, noch kein echtes Villenviertel aber nah dran (fühlt sich aber weniger hochnäsig an als viele andere eklusiveren Wohngegenden), mit ganz vielen schönen alten Häusern in großen, grünen Garten an ruhigen, baumgesäumten Strassen (die alle nach Komponisten benannt sind, deswegen heißt das hier so), in denen friedliche Sommerabendstimmung herrscht. Einfach nett.

Hier müssen wir dann auch nur noch geradaus: Den Richard-Wagner-Weg runter, an der Brücke beim häßlichen Studi-Wohnheim Karlshof über die Bahngleise, noch ein kurzes Stück auf dem Allee-artigen Alfred-Messel-Weg zum Washington-Platz, über den Spessartring und schließlich noch die letzten Meterchen den heimeligen Hohlen Weg hoch bis zum Ziel, und fertig.

Na ja, zumindest der Laufpart.
Weil´s so nett war, setzen wir uns dann noch ein Stündchen zum Plaudern und Was trinken in den freundlichen Biergarten an der Dieburger Str., trinken noch was, gucken mit einem Achtelauge Spanien beim Spiel gegen Honduras zu, und plaudern noch ein bisschen mehr, bis es kühl wird und wir uns auf unsere respektiven Heimwege machen.

Fazit: Gut zu laufen, viel neue Strecke, hübsche Umgebung, angenehme Begleitung – sehr nett!
Machen wir mal wieder. Dann vielleicht ja auch mit ein paar Fünfteln Juniorbelegschaft mehr… 😀

Strecke: 9,7 km
Zeit: Gutes Stündchen
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 77,22% (7,49 km von 9,7 km)
Karte:

M.

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2 Antworten to “Kleine Feierabendrunde durch den Darmstädter Nordosten: Martinsviertel – Kranichstein – Komponistenviertel (9,7 km)”


  1. […] okay, Julia hat ja vorletzte Woche schon bewiesen, dass sie richtig fit ist, da kann man schön draufloslaufen, ohne sich Gedanken […]


  2. […] Kollegen drücken werden… ). Fühlt sich schon irgendwie ein bisschen traurig an, denn die gemeinsamen Touren in den letzten Wochen haben immer so richtig, richtig viel Spaß gemacht. Schon schade, […]


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