Laufwoche KW30 mit Läufen in Rheinhessen und in den Darmstädter Wäldern (17,6 km / 9,8 km / 12 km)

8. August 2010

Heidenei, war die letzte Woche hart!

Besonders das Wochenende hat brutal viel Kraft gekostet, dank vier Konzerttagen mit jeweils 14 bis 17 harten Arbeitsstunden pro Tag und einer so gewaltigen Portion Stress, wie ich sie seit den letzten Tagen meiner Magisterarbeit nicht mehr erlebt habe (besonders der Samstag war mörderisch – einen erheblichen Teil der Verantwortung für den reibungslosen Ablauf einer Open-Air-Opernveranstaltung mit mehr als fast 1200 Besuchern zu tragen kann einen schon ganz schön fertig machen [spätestens wenn eine halbe Stunde vor Einlass die Parkplätze ausgehen und dann auch noch die Hälfte der gemieteten Toiletten defekt ist], das könnt ihr mir glauben).
Und dann auch noch in der Vorwoche kein einziges Mal richtig Laufen gewesen, wo das doch mein Hauptmittel ist, um mit Stress uns Anspannung fertig zu werden.
Entsprechend dreckig ging´s mir dann auch am Montag: Erschöpft, vollkommen ausgelaugt, furchtbar angespannt und extrem dünnhäutig -am liebsten hätte ich den ganzen Bettel hingeworfen und mich einfach nur noch in irgendeine eine dunkle Ecke verkrochen, um (vor allem mental) wieder zu Kräften zu kommen.
Aber sowas geht natürlich nicht, besonders wenn noch ein zweites Festspielwochenende vorzubereiten ist und man die Kollegen nicht im Stich lassen will.

Deshalb: Weiter.
Aber mit einer entscheidenden Maßgabe:
„Diese Woche gehste laufen“, hab´ ich mir gleich am Montag vorgenommen.
„Egal wie, die Zeit musst du dir nehmen, zum Rauskommen, Dampf Ablassen, Kraft Tanken. Sonst rauchste nächstes Wochenende total ab, und das geht gar nicht!“

Und so hab´ ich es dann auch gemacht.
Gottseidank! 😉

Mittwoch 4.8.: Schöne Rheinhessenrunde zwischen Fluss und Hügeln: Gimbsheim – Ludwigshöhe – Guntersblum (17,6 km)
Am Mittwoch geht´s mir schon wieder deutlich besser.
Die Anspannung ist weniger geworden, ein bisschen körperlich und geistig regeneriert hab´ ich auch, und außerdem hab´ ich mir einen freien Tag genommen, den ich mit einem guten, entspannenden Lauf vergolden will.
Entsprechend hab´ ich mir eine richtig schöne Tour rausgesucht, drüben in Rheinhessen, von Gimbshein ein bisschen das Rheinufer hoch, dann über die bügelbrettflache Uferterasse bis zum Fuß des Hügellandes und durch Weinlagen und Felder wieder zurück.
Viel neue Strecke, ordentlich lang aber nicht zu anstrengend (was zu Hartes traue ich mir im Moment eher nicht zu), mit abwechslungsreicher aber nicht zu fordernder Landschaft – genau das Richtige, um den Stress aus dem System zu traben.

Schon die Anfahrt ist irgendwie schön: Ich setze mal wieder mit der Gernsheimer Fähre über, und wie immer machen mich das sanfte Schaukeln und der frische Winde auf dem breiten Rhein ein klein wenig glücklich.
Am Rheinhessischen Ufer angekommen fahre ich dann noch kurz nordwärts bis ins freundlich-unspektakuläre Flachlanddorf Gimbsheim, wo ich das Auto kurz vor dem nordöstlichen Ortsende in der Rheinstr. abstelle und mich gleich auf die Socken mache.

Ganz bewusst mache ich nicht denselben Fehler wie bei meinem vollkommen verunglückten Rumpfläufchen letzten Donnerstag: Anstatt gleich richtig loszupowern um den ganzen Druck auf einmal aus dem System zu treiben, starte ich ganz langsam und kraftsparend, nehme mir ganz viel Zeit, lasse mich erstmal treiben (sowohl den Körper als auch den Geist), verliere mich in der ruhigen, angenehmen Landschaft und dem gleichmäßigen Rhythmus der Bewegung.

Es hilft.

Mit jedem Schritt nimmt der Druck in Kopf, Bauch und Seele etwas ab, mit jedem tiefen Ausatmer entweicht etwas mehr Stress und Frust, werde ich wieder ein winziges bisschen mehr ich selbst.
Das tut so unglaublich gut!

Langsam, zufrieden, entspannend folge ich der Rheinstr. nach Osten, ein kurzes Stück durch ein ruhiges Wohngebiet am Rand von Gimbsheim, dann hinaus in die weiten, grünbraungelben Felder, die sich vom Ortsrand bis zum Rheinufer erstrecken, hinter dem die hübsche Silhouette der fernen Bergstrasse in den etwas trüben Himmel ragt – Kaiserwetter herrscht heute keins, stattdessen ist es ein bisschen feucht, nicht wirklich warm, mit schweren, fetzenhaften Wolken, die hastig über den Himmel rasen und nur gelegentlich mal einen schnell vorbeiziehenden Placken Sonne auf den Boden durchlassen.
Mir macht das heute allerdings gar nix, im Gegenteil, für meine Zwecke ist das Wetter eigentlich sogar ideal, weil´s gut zu laufen ist und nicht ablenkt.

In den Feldern östlich von Gimbsheim genehmige ich mir erstmal einen spontanen Schlenker über unmarkierte Feldwege nach Süden, rechts von der Rheinstr. ab, zwischen den Äckern hindurch in Richtung Hühnerfarm am Rheinufer, dann wieder links hoch zurück auf die Rheinstr. – eigentlich vollkommen sinnfrei, aber mir ist einfach nach einem netten kleinen Umweg, also warum nicht?

Der Rheinstr. folge ich dann weiter durch die Felder nach Osten, vorbei an ein paar hübschen Weihern und dem Platanenhof, dann über den Winterdeich und schließlich runter zum Flussufer.
Eigentlich ein bekanntes Stück, aber dann auch irgendwie wieder nicht – zwar bin ich hier schonmal langgelaufen, aber das war letzten Januar, bei Schnee, Kälte und aufziehender Dunkelheit (sogar mit Fotos!).
Eigentlich nur ein gutes halbes Jahr her, aber im Moment fühlt es sich eher wie ein halbes Leben an, so anders sieht die grüne Landschaft heute aus.

Am Flussufer biege ich nach links auf den Rheinuferweg (Rhein-Radweg) ein. Vorbei an dem einsamen Haus der „Gimbsheimer Fahrt“ direkt über dem Flussufer, dann neben dem Wasser einfach nur nach Norden.

Auch das tut einfach nur gut: Fast ein bisschen wie Meer, eine große, ruhige, helle Wasserfläche, über die der Blick schweifen kann, das beruhigt irgendwie, und lädt zum Seele Baumeln Lassen ein.
Genau das mache ich dann auch, während ich schön gemächlich, ohne viel zu denken, unter den herrlichen alten Uferbäumen nordwärts trabe, wo bereits die wunderschön gelegene Stadt Oppenheim auf ihrem Hang über der Rheinschleife erkennbar ist.

Ein langes Stück, das wir zusammen in Richtung Nordsee laufen, der Rhein und ich. Am hessischen Ufer ziehen langsam die grünen Auwiesen des Kühkopf vorbei, auf meiner rheinland-pfälzischen Seite erheben sich zwei oder drei Kilometer landeinwärts die ersten Hügel, fast schon wie eine hohe, weinberebte Wand über der Ebene.
Das gefällt! 🙂

Nach etwas über zwei Kilometern (genauer gesagt nach 2,3 km, das kann man dank der alle hundert Meter aufgestellten Rheinkilometerschilder für die Lastkähne gut nachvollziehen) passiere ich die Anlegestelle der Kühkopffähre und laufe am Ausflugsrestaurant mit Biergarten auf dem Rheindamm vorbei (wußte gar nicht, dass es das gibt – sieht aber äußerst einladend aus, wenn ich Geld dabei hätte, wäre ich glatt versucht, hier für eine Cola einzukehren), bevor ich schließlich ein paar hundert Meter weiter links auf die Vogelstimmen-Wanderroute (Nordic-Walking-Route 3) einbiege und vom Flussufer weglaufe.

Kurzes Stück auf dem Winterdeich, vorbei an einem alten Pumphäuschen aus Backstein, um einen kleinen idyllischen See, der den hübschen Namen „Mausmeer“ trägt, herum, dann weiter ins Landesinnere, über die flache Uferebene, die bereits voller Rebenreihen steht in Richtung der überraschend hoch aufragenden rheinhessischen Hügel.

Meine Radwanderkarte verzeichnet hier eine „Gedenkstätte Rudelsheim“, ohne näher darauf einzugehen, wer oder was „Rudelsheim“ sein könnte. Tatsächlich gibt es sie auch, eine frisch gemähte Wiese mit ein paar miniermottengeplagten Kastanien, unter denen ein altes Holzkreuz samt angenagelten Heiland und ein schlichter Gedenkstein mit Plakette stehen. Wie sich herausstellt, hat hier einst das aus merowingischer Zeit stammende Dorf Rudelsheim gestanden, ein kleiner, alter Ort, der mehr als ein Jahrtausend an Ufer des Rheins überdauert hat. Als jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer schlimmere Hochwasser über den Ort hereinbrachen, beschlossen seine Bewohner, sich lieber weiter im Landesinneren neu anzusiedeln, weiter weg von den zerstörerischen Fluten des Flusses. Deshalb gründeten sie 1825 zwei Kilometer weiter westlich, an den unteren Hängen der Hügel, ein neues Dorf, das zu Ehren des damaligen Landesfürsten Ludwigshöhe getauft wurde.
Rudelsheim hingegen wurde aufgegeben und ist heute, knapp zwei Jahrhunderte später, vollkommen vom Erdboden verschwunden – nur der Gedenkstein und das alte Friedhofskreuz erinnern noch an das Örtchen.

Und weiter westwärts, immer in Richtung der Hügel, immer dem Vogelstimmenwanderweg hinterher. Nach vielleicht 1,5 km unterquere ich die neue B9 und laufe direkt danach in Ludwigshöhe, dem Nachfolgedorf von Rudelsheim, ein.

Der Ort ist klein und hübsch, auch wenn man ihm tatsächlich ein bisschen anmerkt, dass er jünger ist als die meisten anderen Siedlungen in Rheinhessen – so ein bisschen fehlt die Patina, die Häuser stehen vielleicht etwas breiter (wobei: Im Ortskern eigentlich nicht…), statt uraltem Naturstein sind die in der Dorfmitte Häuser eher aus nicht ganz so altem Backstein.

Ich folge der Kirchstr., mitten durchs Dorf, bis es schließlich merklich aufwärts geht, um die kleine, hübsche Dorfkirche herum in die recht steilen Weinhänge an den Hügelflanken, von denen aus man einen schönen Blick über Ludwigshöhe und die Rheinebene hat.

Hier oben will ich eigentlich auf den Saar-Rhein-Main-Weg/Rheinhöhenweg, die irgendwo zwischen den Rebenreihen in Nord-Süd-Richtung verlaufen.
Klappt aber nicht so ganz, stattdessen verliere ich mich erstmal ein bisschen zwischen den Weinlagen, weiterhin mit schöner Sicht aber ohne Wegmarkierung. Erst nach ein paar hundert Metern gelingt es mir dann doch, im nächsten flachen Tal zwischen den Hügelrücken das gelbe Plus des Saar-Rhein-Main-Wegs zu lokalisieren und ihm bis zum Römerturm auf der nächsten Anhöhe zu folgen.

Aussichtsturm auf einer vorgelagerten Hügelkuppe über Guntersblum und der Rheinebene, den nehm ich selbstverständlich mit. Nicht wirklich hoch, aber lohnen tut sich´s trotzdem, dank einem Panoramablick, der von Oppenheim im Norden über die gesamt Bergstraße bis runter nach Mannheim und Ludwigshafen reicht. Gefällt.

Danach geht´s abwärts, auf einem schmalen Hohlweg zwischen den Weinbergen runter nach Guntersblum, das sich als ansehnlicher Weinort am Fuß der Hügel herausstellt, der mit schönen alten Häusern und verwinkelten Dorfgässchen aufwarten kann.
Ursprünglich hatte ich überlegt, hier am oberen Ortsrand entlangzulaufen und in den ersten Hügelflanken noch etwas weiter nach Süden zu laufen, bevor ich zurück nach Gimbsheim abknicke, aber eigentlich reicht mir das Laufpensum bis hierher schon fast, deshalb entschließe ich mich spontan dazu, ein bisschen abzukürzen und mitten durch Guntersblum durchzulaufen.

Links die Elmsheimer Str. runter, vorbei an diversen altehrwürdigen Weingütern, dann rechts mitten ins Gassengewirr und auf Nordhöfer Str. und Öhlmühlstr. bis zum Marktplatz, der von den leicht maurisch wirkenden Doppeltürmen der evangelischen Kirche überragt wird.

Kurz danach erreiche ich die Hauptstr., auf der ich südostwärts laufe bis sie in die Wormser Str. übergeht und unter den Bahngleisen hindurch aus Guntersblum hinausführt, zurück in die flachen Felder der Rheinterrasse.
Noch ein Stück geradeaus, dann links an die Kreisstrasse 51, neben der ein breiter, asphaltierter Radweg zurück bis ins eineinhalb Kilometer entfernte Gimbsheim führt.

Hier verlaufe ich mich zum krönenden Abschluss dann nochmal ein kleines bisschen, indem ich irgendwie die richtige Abzweigung verpasse und noch ein bisschen durch den abendlich-ausgestorbenen Ortskern irre (keine schlechte Leistung in einem Dörfchen mit nicht mal 3000 Einwohnern), bevor ich der Radwegsbeschilderung folgend via Leuschner-Str., Windhorststr. und Zeil doch noch zurück in die Rheinstr. komme und – gut ausgepowert aber sehr entspannt – das wartende Auto erreiche und für heute erstmal durch bin.
Noch eine glücklich-zufriedene Rückfahrt mit der Fähre auf die andere Rheinseite, dann ist der Abend auch schon vorbei, mit dem guten Gefühl, auf den 17,6 km von heute dringendst benötigte Kraft getankt zu haben.

Mannmannmann, was hat das gut getan.
Heute hab´ ich mal wieder gemerkt, wie wichtig das Laufen für mich in den letzten Jahren geworden ist.
Unter normalen Umständen kann ich auch mal gut ein paar Tage drauf verzichten, aber wenn´s wirklich hart auf hart kommt brauch ich es einfach, um mich von Stress und Anspannung freizuschwimmen wenn die Akkus leer sind. Heute hat genau das geklappt, entsprechend kann ich dem nächsten stressigen Wochenende schon wieder wesentlich gelassener entgegensehen.
Gottseidank!

Strecke: 17,6 km
Zeit: Egal
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 88,18% (15,52 km von 17,6 km)
Karte:

– – – – – –

Donnerstag 5.8.: Entspannte Abendrunde durchs Oberfeld und den Wald hinter Darmstadt (9,8 km)

Hm. Also irgendwie hat das ja ein bisschen was von Déjà Vu zu letzter Woche:
Wieder Donnerstagabend, wieder ein Konzert auf dem Hofgut Oberfeld, und wieder will ich mich während der Veranstaltung davonmachen und ein Stündchen in der nahen Natur laufen gehen, um dann (hoffentlich) fit und erfrischt zum Aufräumen und Abbauen zurück zu sein.
Sogar die geplante Strecke ist dieselbe wie vorige Woche, einmal übers Oberfeld in den großen Wald jenseits der Stadt hinein, dort dann halb frei nach Schnauze (= ohne Plänchen, sondern nur mit Wegmarkern und Orientierungssinn) eine kleine Runde, und schließlich durch den Ostzipfel der Stadt unter der Rosenhöhe zurück.
Einziger Unterschied: Diese Woche will ich´s auch durchziehen und nicht schon nach den ersten Kilomterchen mit verkniffenem Gesichtsausdruck und verknifferen Eingeweiden umkehren müssen. 😉
Mal schauen, wie das so klappt…

Gegen Halb Neun Acht melde ich mich ab, ziehe mich im Auto um und mach´ mich auf den Weg.
Erst mal wieder ganz gemächlich, den asphaltierten Katharinenfalltorweg (Europäischer Fernwanderweg 1/Weißes Andreaskreuz) entlang, der am Rand des Oberfelds ostwärts von der Stadt wegführt. Rechts der Wald am Glasberg, links das weiter Oberfeld und die grüne Kuppe der Rosenhöhe, hinter der gerade die rotgolden strahlende Sonne unter den dunkelblau zerfetzten Abendwolken durchtaucht und dem Horizont über der Stadt entgegensinkt.
Wunderschön, da gönne ich mir ein, zwei Minuten um das Schauspiel zu bewundern.

Kurz darauf halte ich mich dann halbrechts, wo die Katzenschneise tiefer in den dichten, sattgrünen Wald hineinführt.
Schnurgeradeaus, mal ein bisschen auf, dann wieder ein bisschen ab, aber niemals mehr als ein paar wenige Höhenmeterchen, vorbei an verlockenden Querschneisen (wo die wohl hinführen), hohen alten Bäumen und ein paar stillen Tümpeln und Teichen, die ruhig und halbversteckt im dichten Unterholz am Wegesrand daliegen.
Letzte Woche musste ich hier aufgrund gewisser …Unpässlichkeiten umkehren, heute läuft´s hingegen wie am Schnürchen: Wie bereits gestern merke ich wieder, wie mit jedem Schritt ein bisschen Stress und Anspannung zurückbleiben, wie mein Kopf freier, meine Gedanken leichter werden.
Gut so!

Insgesamt sind es fast genau zwei Kilometer auf der Katzenschneise, bis fast zum Rand der Scheftheimer Wiesen, einer über einen Kilometerlangen Freifläche mitten im Wald, in der sich urige Wiesenbrachen zwischen den Waldsäumen entlangziehen. Sieht herrlich aus, im letzten Abendlicht, friedlich und idyllisch, am liebsten würde ich mittenrein laufen und mich ein bisschen genauer dort umsehen – ich lass´ es dann aber lieber doch, schließlich hab´ ich keinen Streckenplan dabei und außerdem setzt im Schatten der Bäume bereits die Dämmerung ein, da will ich dann doch lieber nichts riskieren… 😉

Stattdessen biege ich wie geplant links ab, auf die – ebenfalls wieder schnurgerade – Bernhardsackerschneise nach Norden, dem roten Quadrat des Main-Stromberg-Wegs hinterher. Fühlt sich eigentlich wie läuferisches Neuland an, tatsächlich bin ich hier aber vor langer, langer, langer Zeit schon mal vorbeigelaufen, zusammen mit Ingo in der Marathonvorbereitung, an einem heißen, sonnigen Augustabend im Jahr 2007 (Also vor gut zwei Jahrzehnten, weil ein Menschenjahr ja bekanntlich sieben Blogjahren entspriecht).
Bekannt kommt mir die Ecke allerdings nicht mehr vor, ist offenbar viel passiert in den letzten drei Jahren, dass die Erinnerung an diesen Wald überlagert hat… 😉

Ein knapper Kilometer nordwärts, mit leichtem Kopf und guten Beinen im schummrigen Dämmerwald, bis zur Kreuzung am Bernhardsbrunnen, wo ich mich spontan zu einem kleinen Umweg entschließe: Anstatt geradeaus weiterzulaufen (wie es eigentlich geplant war), folge ich dem Main-Stromberg-Weg nach rechts, auf einen schlammigen Waldrandpfad, der am Nordende der Scheftheimer Wiesen nach Osten führt und einfach nur schön ist: Zwischen Wald und Grasland durchs langsam ersterbende Abendlicht, begleitet vom Sirren der Grillen (oder Zikaden?), mit dem Geruch von Wald und Gras und einer winzigen Spur von Frühherbst in der Nase, während die Schatten unter den knorigen Bäumen immer tiefer werden und die Mäuse im Unterholz rascheln.
Fühlt sich ein bisschen an wie Glück. 🙂

Irgendwann knickt der Main-Strombergweg wieder nach links ab, führt von den dämmrigen Wiesen in den dämmrigeren Wald zurück, bis er an der nächsten großen Kreuzung auf den Brunnersweg trifft, auf dem ich zurück nach Darmstadt zu laufen gedenke (und zwar auf dem OWK-Wanderweg HW 8, der mit einem gelben Doppelbalken gekennzeichnet ist).
Braucht erst mal ein paar Momente zur Orientierung, um im schnell nachlassenden Restlicht die entsprechende Markierung zu entdecken, aber schließlich bin ich mir doch halbwegs sicher und folge dem Brunnersweg nach links, zurück nach Westen.

Als ich nach einem Kilometer den schmalen Wiesenstreifen an den Teichwiesen unterhalb des Steinbrücker Teichs erreiche und den Ruthsenbach überquere, ist es praktisch schon völlig dunkel. Zum Glück kenne ich mir hier wieder halbwegs aus, schließlich bin ich gerade erst vor ein paar Wochen mit Julia diesen Weg hochgelaufen und komme deswegen auch ohne klare Sicht zurecht – einfach immer nur weiter den Brunnersweg entlang, bis es irgendwann ein bisschen aufwärts geht und ich am Waldrand im nordöstlichsten Zipfel des Oberfelds ankomme, über dem gerade das letztes Fitzelchen Abendglühen vor Einbruch der Nacht erstirbt (auch das ist wieder sehr hübsch).

Auch hier bleibe ich dem Brunnersweg treu, halbrechts in den Wald rein und parallel zur unsichtbaren (aber schon hörbaren) alten Dieburger Str. durch den inzwischen vollkommen finsteren Wald, in dem es immer wieder geheimnisvoll raschelt oder knackt, was mich aber nicht weiter stört.
Der andere Jogger, der offenbar im Stealth Modus von hinten auf mich zurennt und schließlich aus zwanzig Metern Entfernung röhrend in meine Richtung hustet, hingegen schon: Whoa, das plötzliche Geräusch jagt mir erst mal einen ordentlichen Schreck ein, und dank dem damit verbundenen Adrenalinschub drehe ich gleich mal die Temposchraube hoch (auch, um mich nicht auch noch von dem Typen überholen zu lassen. Das wär ja noch schöner…).

Entsprechend dauert´s nicht mehr lang, bis ich wieder am Stadtrand ankomme und am Forsthaus Hirschköpfe vorbei in die Dieburger Str. einbiege (übrigens unüberholt, denn der joggende Joggerschreck hinter mir hat mich nicht mehr gekriegt. Ha!).

Auf rissigem Asphalt geht´s hier unter alten Alleebäumen stadtweinwärts, vorbei an den hohen Mauern beeindruckender Villen und großzügiger Wohnhäuser bis zur Einmündung der Wolfskehstr., der ich links hoch zum prächtigen Löwentör am Eingang der Rosenhöhe folge.

Von hier aus ist es dann nicht mehr weit – nur noch ein kurzes Stück abwärts, dann links die dunkle, hübsche Erbacher Str. hinauf, bis ich wieder am Hofgut Oberfeld ankomme. Auf den letzten Metern fängt es an zu regnen, erst nieselig und schwach, dann als ausgewachsener Landregen, der das Aroma von feuchtem Asphalt in die Nacht zaubert und mich auf dem letzten Stück noch einmal wunderbar erfrischt.

Nass aber glücklich erreiche ich schließlich eine knappe Stunde nachdem ich aufgebrochen bin das Ziel, mache mich in der Dunkelheit des Parkplatzes kurz frisch, schlüpfe wieder in die Arbeitsklamotten und gehe zurück aufs Hofgut.
Das Konzert ist noch in vollem Gange, und mir geht´s so richtig gut.
Perfekt! 😀

Strecke: 9,8 km
Zeit: Knappe Stunde
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 44,8% (4,39 km von 9,8 km)
Karte:

——–

Sonntag 8.8.: Sonnige Sonntagmorgenrunde am Steinbrücker Teich und in den Kranichsteiner Wäldern (12 km)

So.
Es ist Sonntag 8.8.
Der letzte Konzerttag.
Noch eine Aufführung am Abend, dann ist Schluss mit Festspielen, und in der Woche drauf dann auch Schluss mit dem Praktikum bzw. der Arbeit.

Bevor´s so weit ist, haben Juniorbelegschaftsseniorkollegin Julia und ich uns allerdings noch einmal zu einem Kollegenlauf verabredet, wahrscheinlich der letzte, den wir zusammen machen werden (bzw. der letzte, vor dem sich die anderen Kollegen drücken werden… ;)).
Fühlt sich schon irgendwie ein bisschen traurig an, denn die gemeinsamen Touren in den letzten Wochen haben immer so richtig, richtig viel Spaß gemacht.
Schon schade, wenn´s vorbei ist.

Aber noch ist es ja noch nicht so weit, einen haben wir noch: Dieses Mal allerdings nicht nach Feierabend (das wäre im Moment auch irgendwie schwierig, angesichts der Tatsache, dass wir an den Festspieltagen jeweils bis in die frühen Morgenstunden arbeiten), sondern am späten Sonntagvormittag, und damit zur Abwechslung mal vor der Arbeit (weil´s am Abend zuvor mal wieder richtig spät geworden ist, fangen wir heute nämlich erst am frühen Nachmittag an).

Ein wunderbarer Tag, eigetlich genau so, wie man sich einen schönen Sonntagmorgen vorstellt: Irgendwie ein bisschen abgeklärt, dazu sonnig und warm (aber nicht heiß), mit einer leichten Brise, in der bereits der erste melancholische Hauch von Spätsommer mitschwingt.
Das nennt man dann übrigens auch: Perfektes Laufwetter.

Julia sammelt mich am Treffpunkt beim Darmstädter Biergarten auf, dann fahren wir (eingehüllt das sanfte Aroma von imaginären Hundehaaren und etwas weniger imaginärem Lampenöl) gemeinsam raus aus der Stadt, auf der alten Dieburger Str. durch den Wald bis zum Steinbrücker Teich, von aus wo´s heute losgehen soll – auf dem Programm steht keine große Runde mit vielen Sehenswürdigkeiten mehr, sondern einfach nur noch mal ein schöner, ruhiger Waldlauf zum Durchatmen und Treiben Lassen.

Wir starten schön gemächlich, vom großen Parkplatz an der Strasse aus kurz ostwärts, dann rechts und am Ufer des herrlich in der Morgensonne glitzernden Teiches nach Süden, wo wir schließlich nach einem großzügigen halben Kilometer auf den Zaunweg einbiegen („Wildpark-Weg“, gelbe 3) und geradewegs in den sonnigen Sommerwald jenseits des Teiches hineinlaufen.

Mir geht´s richtig gut dabei, Julia hingegen ist ein bisschen still, dank Kopfschmerzen und suboptimalen Behehlfs-Sportequipment.
Macht aber nix: Ich schwätz´ halt erstmal alleine irgendwelches Zeugs, und so langsam bessern sich Julias Form und Laune auch (kein Wunder, bei herrlich entspannter Sonnigersontagmorgenwaldatmosphäre).

Wir traben über drei Kilometer durch die freundliche Botanik, mal links, mal rechts (Höllschneise, Schirmschneise, Teichschneise, Mittelweg), ein bisschen Topographie gibt´s als Bonus auch gleich, bis wir schließlich am nächsten großen Gewässer in den Darmstädter Wäldern ankommen, der Grube Prinz von Hessen, ihres Zeichens beliebtes Bade- und Ausflugziel der Darmstädter tief im Grünen.

Hier wenden wir uns dann nordwärts, folgen dem bequemen Uferweg durch die Liegewiesen nach Norden. Viel los ist nicht, nur ein paar Vereinzelte Ausflügler bevölkern das Grün, ein oder zwei ganz hartgesottene dümpeln sogar draußen in den zweifelsohne recht frischen Fluten (wir fragen uns spontan, ob das jetzt Nudisten sind, aber eigentlich wollen wir´s gar nicht so genau wissen… :D).

Nach dem Nordende des Teichs überqueren wir die L3094 und laufen durch eines der schweren Holztore, die hier allenthalben die Wege von der Strasse absperren (zumindest für das lokale Wild, wer mit Daumen und der mentalen Kapazität, einen Schnappriegel zu verstehen, ausgestattet ist, kommt hier problemlos durch. Ha, nehmt das, ihr blöden Rehe…) in die Waldgebiete hinter Kranichstein ein, die einstmals den Landgrafen von Hessen-Darmstadt als privates Jagdrevier gedient haben.

Auch hier bleiben wir dem Wildparkweg (immer noch gelbe 3) treu, laufen erst noch ein Stück die Bornschneise hoch, dann geht´s links auf die eeeeeeewig lange Kernschneise, die geradewegs bis zum Jagdschloss Kranichstein führt.

Die laufen wir dann erstmal runter.
Schönes, langes, ruhiges Stück, ideal um Julia, die eigentlich schon wieder Schluss machen möchte, noch einen kleinen Extraschlenker aus den Rippen zu leiern. Braucht zwar ein bisschen Überredungskunst (sowie das Versprechen, dass wir uns heute ausnahmsweise mal nicht verirren 😉 ), aber dann biegen wir einen knappen Kilometer vor dem Schloss doch noch mal nach rechts auf die Speierhügelschneise ein, die vorbei an viiiel Wald und zwei großen, schönen Waldwiesen bis hinauf zur Kranichsteiner Str./L3097 führt. Nochmal ein großes Gattertor, schnell über die leere Fahrbahn huschen, dann links (Dreibrückenschneise, natürlich schnurgerade und lang. Aber immerhin kann man da nicht viel falsch machen…) und irgendwann wieder links (Bernhardsackerschneise. Übrigens schnurgerade und lang, nun allerdings zur Abwechslung mal nach Süden), nochmal über die L3097 und schließlich wieder rechts auf der Kernschnseine bis zum Zaun des Kranichsteiner Schlossparks.
Julia quengelt zwar ein bisschen (besonders als ich ihr vorlüge, es wären noch sieben oder acht Kilometer. Lustiger Gesichtsausdruck, den sowas erzeugt… :D), ist aber – wie üblich – dabei vollkommen unanengestrengt, entsprechend mach´ ich mir keine Sorgen…

Am Schlossparkrand geht´s links runter um den Backhausteich (uuuund noch ein total hübsches Gewässer mitten im Wald), dann noch mal links auf die Steinbrückerteichschneise, die uns – oh Wunder – geradewegs zurück zum Steinbrücker Teich und damit zu Julias wartendem Auto bringt, gerade rechtzeitig, um noch ein bisschen freie Frischmachzeit vor dem Arbeitsbeginn zu haben.

Und das war er dann auch schon, der wahrscheinlich allerletzte Kollegenlauf.
War wir immer richtig nett, entsprechend traurig ist es auch, dass damit nun Schluss ist.
Snif.

In diesem Sinne: Mach´s gut, Ju, und vielen Dank für die schönen gemeinsamen Touren, die immer richtig viel Spaß gemacht haben.
Und wer weiß, vielleicht kriegen wir ja doch noch mal sowas in der Art hin.
Mich würd´s auf jeden Fall riesig freuen! 🙂

Strecke: 12 km
Zeit: Nicht genommen
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 66,92% (8,03 km von 12 km)
Karte:

——

M.

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3 Antworten to “Laufwoche KW30 mit Läufen in Rheinhessen und in den Darmstädter Wäldern (17,6 km / 9,8 km / 12 km)”

  1. Ju Says:

    Hey, mir hat es auch immer sehr viel Spass gemacht und das war bestimmt nicht der letzte Lauf, auch wenn es jetzt zeitlich wahrscheinlich was schwieriger werden wird. Danke, dass Du mich immer ein Stückchen weiter getrizt hast… Bis wir mal wieder zusammen laufen werde ich Deine Läufe weiterverfolgen 🙂

    • matbs Says:

      Na dann schauen wir doch mal, ob und wie wir das mit dem Trietzen nochmal hinkriegen… 😉

      Musst aber schon ein bisschen im Training bleiben bis dahin, ja?

      Mach´s gut, nochmal vielen Dank und bis irgendwann (demnächst oder so)

      M.


  2. […] wo sich eine hölzerne Wildbeobachtungsplattform am Rand der urigen Rodwiese befindet, die ich beim letzten Lauf in dieser Ecke (mit meiner Ex-Kollegin Julia) verpasst habe, weil sie etwas abseits ist. Aber zweimal passiert mir […]


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