Zurück im Odenwald: Ein bisschen Sonne und ein bisschen viel Regen im nördlichen Modautal (11,8 km)

18. August 2010

Es gibt Dinge, bei denen merkt man erst so richtig, wie sehr man sie vermisst hat, wenn man sie nach langer Pause zum ersten Mal wieder genießen kann.
So geht´s mir heute mit dem Odenwald: Nachdem ich im letzten Vierteljahr eigentlich kaum dorthin gekommen bin (und wenn dann meistens nur an die Ränder), gönne ich mir heute Abend zum ersten Mal seit Langem wieder eine richtig schöne Runde durch die Berge und Täler „meines“ Mittelgebirges.
Nichts Weltbewegendes, nur ein knapper Zwölfer auf einer Strecke, die ich schonmal genauso gelaufen bin – aber irgendwie isses trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) total schön, und fühlt sich so ein bisschen an, als würde man nach langer Abwesenheit wieder nach Hause kommen.

Ich starte oben.
Parkplatz Hutzelstrasse am Steigerts, am kleinen Pass zwischen den Kuppen, der das obere Beerbachtal vom Tal des Wurzelbachs trennt.
Die Sonne scheint aus einem halbbewölkten Himmel, es ist nicht kalt, auch wenn ein scharfer, feuchter Wind aus Südwesten bläst, in dem bereits eine Ahnung von Regen mitschwingt – keine schlechten Laufbedingungen, zumal ich mich riesig darauf freue, endlich mal wieder hier oben laufen zu können; lässt sich gut an, die Tour.


Ich starte zügig, folge der Hutzelstr. auf dem breiten Bergsattel nach Norden, genieße dabei den herrlichen Blick über das die Täler den nächsten großen Bergzügen: Rechts hinter mir, noch ganz nah, der lange Rücken des Felsbergs, links davon dann das wuchtige Krehbergmassiv, dass mit der hochgelegenen offenen Kerbe bei Kolmbach dann in die grüne Wand der Neunkircher Höhe übergeht, davor/darunter das freundliche Hügelland des Modautals mit seinen beschaulichen Dörfern, kleinen Wäldchen, und den formschön geschwungenen grünen Bodenwellen und -dellen, auf denen Kühe und Pferde weiden.
Total hübsch, gerade wenn die Sonne draufscheint (so wie jetzt) – tut gut, mal wieder daran erinnert zu werden, was für eine wunderschöne Gegend man eigentlich direkt vor der Haustür hat…

300 m. Hutzelstrasse, Schritte leicht, Aussicht toll, Luft frisch, Laune wunderbar, dann biege ich mit dem Modautal-Rundweg (weißes M) rechts ab und laufe durch die weitläufigen Bergwiesen abwärts, vorbei am einsam gelegenen Seegerhof runter ins Modautal, bis nach Ernsthofen, das ruhig und friedlich in den Abend hineindämmert.

Ein bisschen Wohngebiet (nix los, freundliche Häuser, nicht zu neu, nicht zu alt, mit hübschen Gärten) am Eichköpfelweg, schließlich runter an die alte Dorfstrasse („Alt Allertshofen“) und mit dem Lochmühlweg rüber ins siamesische Zwillingsdorf Hoxhohl am Ufer der sprudelnden Modau.
Hier wende ich mich dann nach Osten, wo der Modautal-Rundweg durch den dunken Nadelwald am Hasenberg in Richtung Brandau geht, bevor er am gegenüberliegenden Waldrand über die L3099 führt und zwischen Waldrand und Feuchtwiesen den sanft ansteigenden Mandelberg erklimmt, bis er den asphaltierten Fahrweg zwischen Brandau und Herchenrode erreicht, der zwar keine so ganz richtig doll hochoffizielle Strasse ist, aber zumindest sowas Ähnliches.

Hier links. Über dem breiten Modautal Richtung Herchenrode.
Weiterhin zügig, fast ein bisschen zu schnell, auch wenn ich´s gar nicht so recht merke (dank leichter Wetterumschwungkopfschmerzen hab´ ich vor dem Lauf eine schwach dosierte Ami-Aspirin eingeworfen, die als leichte Nebenwirkung dafür sorgt, dass die Waden einfach mal die Klappen halten, wenn sie normalerweise ganz leicht angschlaucht rumnölen würden).
Läuft gut, tut gut, macht Spaß.
So gehört das.

Einziger Wermutstropfen ist der Blick nach links hinten, übers Tal hinweg zur Neutscher Höhe, über der immer dunklere Wolkentürme aufziehen und langsam aber sicher im kräftigen Wind in meine Richtung driften.
Sieht so aus, als käme da was gezogen, und es ist schneller als ich. Das könnte noch ein bisschen feucht werden nachher…

Kurz vor Herchenrode gönne ich mir noch einen kleinen Anstieg, rechts vom Asphaltweg ab und den Hirtenackerweg (gelbe 1) hoch, der um das Wäldchen am umstrittenen Herchenröder Steinbruch herumläuft, um dann auf holprigen Waldrandpfaden durch die Kuhweiden in einem Seitental runter in das kleine, beschauliche Odenwalddörfchen zu führen.

Schön weiter geradeaus, zwischen den wenigen Häusern hindurch auf die K136 in Richtung Talgrund, dann rechts auf den Tannenkopfweg (gelbe 2), der bis rüber nach Ernsthofen führt und mich wieder auf dem Modautal-Rundweg (immer noch das weiße M) deponiert, dem ich über den Hof der Dorfschule und die schon merklich breitere Modau in den Ort hinauf folge und über die Darmstädter Str. und den Birkenweg den Fahrweg zurück auf die Neutscher Höhe erreiche (Radweg 26).

Moderater Anstieg, auf dem klein Strässchen aufwärts durch den Wald am Meisenberg. Treibt Puls und Atmung schon ein wenig in die Höhe, aber nicht so sehr, wie ich in Erinnerung habe (was daran liegen kann, dass ich hier zum allerersten Mal im tiefsten Winter bei Glatteis hochgelaufen bin, was naturgemäß superanstrengend war) – es läuft, zügig und konzentriert eile ich micht schnellen Schritten durch den Wald bergauf, gegen den feuchten Gegenwind, der mir von der Neutscher Höhe hinab direkt ins Gesicht bläst und einen baldigen Regenguß verspricht.
Ein Grund mehr, das Tempo zu halten, nass werden muss ich nämlich nicht unbedingt…

Nach einem knappen halben Kilometer verlasse ich wieder den Wald und laufe auf der hügeligen Hochebene an der Neutscher Höhe ein.
Der Anblick, der mich erwartet, ist faszinierend, auf eine fast schon surreale Art und Weise:
Vor mir erstrecken sich die sanften Hügel, über und über bedeckt mit schier endlosen hell schimmernden Weizenwogen, die sich im stürmischen Regenwind wellen.
Direkt darüber, so tief, dass er fast aufgestützt zu sein scheint, hängt das Unwetter, eine tiefdunkelblauschwarzgrüne Front gewaltig aufgetürmter Regenwolken, die den ganzen Himmel bedeckt und dämmrige Schwärze und dunkle Regenschleier über das Land ergießt.
Unten hell, beige und schimmernd, oben dunkel, schwarzblau, lichtschluckend.
Ein unglaublicher Anblick!
Und ich laufe geradewegs darauf zu!

Vorbei am Neutscher Friedhof, dann wechsle ich nach links auf den Saar-Rhein-Main-Weg (gelbes Plus), der geradewegs über den Buckel der Neutscher Höhe führt, durch die Weizenfelder, unter den riesigen Windkraftanlagen durch, deren Rotoren sich surrend und rauchend mit wahnwitziger Geschwindigkeit im heraufziehenden Stumwind drehen, mittenrein in den schwarzen, wuchtigen Unwitterhimmel, der wie ein bleierner Schleier über dem Horizont liegt.

Auf Höhe des zweiten Windrades geht´s los. Regen setzt ein, kräftig, eisigkalt und schräg von vorne, getrieben von den unnachgiebigen Luftböen aus Südwest.
Immerhin: So richtig stark ist der Regen noch nicht.
„Vielleicht hab´ ich ja Glück“, denke ich mir, „und das Hauptunwettergebiet zieht knapp an mir vorbei“.

Zuerst sieht´s tatsächlich danach aus.
Im kräftigen aber nicht zu starken Landregen erreiche ich die Hutzelstr. über Ober-Beerbach und schicke mich an, auf ihr die letzten anderthallb Kilometer auf ihr zurück nach Süden zum wartenden Auto zu laufen.

Noch einmal leicht bergauf, über die Kuppe an der Allertshofer Tanne und kurz durch den Wald, dessen Blätterdach für ein paar Momente den Regen vollkommen wegblockt.
Fast wieder trocken, vielleicht schaffe ich es ja tatsächlich halbwegs trockenen Fußes ins Ziel.

Dann erreiche ich das Ende des Blätterdachs, vor mir rückt der Steigerts in Sicht, an dessen Nordflanke das Auto wartet.
Na ja, oder auch nicht, denn wirklich zu seheh kriege ich ihn nicht…
Obwohl´s nur ein paar hundert Meter sind, ist der Bergwald da vorne überhaupt nicht mehr zu erkennen!
Stattdessen wabert dort eine massive Wolke aus Dunst und Dunkelheit, so finster und so schwer, dass einem allein bei diesem Anblick Angst und Banke werden könnte.
Das ist das Unwetter.
Wie ein schwerfälliges Tier ist es offenbar das Beerbachtal hochgekrochen, ganz tief am Himmel hängend, mit seinen Tausend Beinen aus fetzigem Wolkenstoff, bis es sich schließlich am Gipfel des Steigerts gefangen hat und nun nicht mehr wegkann oder will.
Und da hockt es nun, wie eine gewaltige, fette Spinnes direkt über meinem Ziel und tobt sich mit wütender Urgewalt aus.

Und ich laufe mittenrein.

Es ist fast wie eine reale, klar abgegrenze Barriere: Eben renne ich noch durch den leichten Landregen, dann tauche ich unversehens direkt ein in den schweren, aufgedunsenen Körper des Unwetters, in dem die elementaren Kräfte von Wind und Regen einen frenetischen Reigen tanzen.
Ich tauch ein, im wahrsten Sinne des Wortes, hinein in die nachtdunkle Wand aus Wasser.
Genausogut hätte ich mich auch in einen Teich stürzen können, so unglaublich stark ist der Regen.
Binnen Sekunden habe ich keinen trockenen Quadratzentimeter Kleidung mehr am Leib, die Brille verregnet von vorn und beschlägt von hinten, meine Schuhe und Socken sind aufgeweicht und bleischwer, quittieren jeden Schritt mit einem feuchtkalten Quatschgeräusch, und zu allem Überfluß treibt mir der schräge Wind die sintflutartigen Wassermassen auch noch direkt ins Gesicht, so dass ich kaum noch Luft bekomme.
So ähnlich stelle ich mir die Apokalypse vor.

So schnell wie möglich haste ich durch den Sturm aus Wasser, kämpfe mich den kleinen Feldweg zum Parkplatz hinauf, der nun in einem schlammigbraunen Sturzbach aus ablaufendem Wasser zu versinken droht, und erreiche mit letzter Kraft und vollkommen, absolut und extremst pitschnass den rettenden Zufluchtsraum des Autos (wenn auch etwas zu spät, denn nasser als ich jetzt bin, kann ich eigentlich gar nicht mehr werden), in den ich mich tropfend, dampfend und bibbernd stürze, als schwammiges, schlämmiges vollkommen durchässtes Etwas. Brrr.

Und das war sie dann auch schon, die erste halbwegs richtige Odenwaldtour seit längerem.
Wunderschön, hat Spaß gemacht und gut getan – und selbst die eisige Dusche am Ende war letztlich eigentlich ganz okay, denn so nass und kalt das ganze auch war, so beeindruckend war das Unwetter letzten Endes auch.
Zumal mich auf der Rückfahrt auch noch eine atemberaubend schöne Belohnung erwartet, denn der gesamt Himmel im Westen glüht dank der feuchten Atmosphäre und der untergehenden Sonne in einem unglaublich intensiven, herrlich warmen orangeroten Licht wie ich es glaube ich noch nie erlebt habe. Dank meiner Rückfahrroute über die hochgelegene K144 hoch über dem Stettbacher Tal, habe ich sogar unterwegs noch einen Premiumblick auf das grandiose Naturschauspiel. Und der ist einfach nur wahnsinnig toll!

So mag ich das… 😉

Strecke: 11,8 km
Zeit: 1:12 h (= 9,83 km/h bzw. 6,06 min/km)
Neue Strecke: Nö. Auch wenn sich´s teilweise fast ein bisschen so angefühlt hat…
Karte:

M.

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