Der erste Ü20er in ’11: Mit der Kamera über den diesigen Deister (21,4 km)

21. Mai 2011

Mal unter uns: Dieses Norddeutschland ist doch schon ganz schön spannend.
Da lernste praktisch jeden Tag was Neues.
Zum Beispiel das hier: Das is´ gar nicht alles flach hier oben!
Selbst in unmittelbarer Nachbarschaft von Hannover (wo ich den Mai über meine Zelte aufgeschlagen habe) gibt´s nämlich noch ein paar Erhebungen, die teils schon so richtig ordentliche Mittelgebirgshöhen erreichen und an halbwegs klaren Tagen sogar von der Stadt aus zu sehen sind.
Das find´ ich natürlich seeehr verlockend…

Eine kleine Grundrecherche ergibt: Der nächste größere Höhenzug ist der Deister am Rand des Weserberglandes, ca. 25 km südwestlich von Hannover: Ein knapp 20 km langer bewaldeter Bergriegel, der sich unvermittelt aus den platten Niedersächsischen Feldern erhebt, höchster Punkt 405 m.ü.NN. (das normale Höhenniveau des umgebenden Flachlandes liegt bei ca. 50 – 60 m. ü.NN, das ist also schon ein stolzer Höhenunterschied), dazu Aussichtstürme und sogar ein paar Burgruinen.
Mit anderen Worten: Güteklasse-1-Laufgebiet. Muss selbstverständlich genutzt werden! 🙂

Für ´ne Runde nach Feierabend ist der Deister allerdings doch zu weit weg von meiner temporären Bleibe in der Hannoverande Südstadt (und auch ein bisschen zu schade), also wird´s ein Wochenendausflug.
Samstag Nachmittag (oops, sorry, ich meine natürlich SONNABEND Nachmittag, wir sind ja hier in Norddeutschland… ;-), bekanntlich ja sowieso eine der besten Zeiten, die´s zum Laufen gibt. Jawollja!
Und damit ich mich nicht alleine im wildfremden Hangwald verirren muss, kommt netterweise auch noch der Kollege Simon mit. Mit dem hab´ ich inzwischen schon so manches (bisher ungebloggtes, aber ich erledige das demnächst nochmal en Bloc, versprochen!) kurze oder nochkürzere Ründchen um den schönen Maschsee gedreht, heute soll´s endlich mal eine anständige Tour werden (mindestens 15 km. Auch jawollja!).
Mal sehen, wie er sich da so bewährt (Vermutung: Besser als ich. Schließlich ist dünn und staksig und acht Jahre jünger als ich, das sind alles schon so kleine Vorteile, die einen unterschied machen könnten… :D).

Wir fahren so so gegen halb vier los. Raus aus der Stadt, ins Hannoveraner Umland. Sehr apart bei Wärme und Sonnenschein, und dafür dass wir gerade mal ein paar Kilometer vor den Toren von Niedersachsens Hauptstadt sind, überraschend ländlich: Kleine Dörfer, weite, bunte Felder, hin und wieder garniert mit Windrädern oder Kalihalden, alleeartige Landstraßen…

Bild 1: Sieht dann so aus

…gar nicht unhübsch, hier draußen.

Kurz nach den Stadtrand kommt der Deister auch schon in Sicht (leider ist es trotz viel Sonnenschein furchtbar diesig heute, deswegen sieht man ihn nicht von Hannover aus), ein langer, dunkelgrüner Rücken, der hoch über dem umgebenden Flachland aufragt und im Lauf der nächsten Fahrkilometer immer großer wird. Schon ein bissken beeindruckend, dafür dass ich mir den Norden immer als eine Art pfannkuchenflaches Ödland vorgestellt habe… 😉

Wir starten am Nordzipfel des Deisters. Parkplatz Bantorfer Höhe, zu erreichen über einen schmalen Fahrweg, das durch das Dorf Luttringhausen und die Hangweiden bis zum höher gelegenen Waldrand (samt dem besagten Parkplatz und einem freundlich aussehenden Ausflugsrestaurant) führt.
Hier gibt´s auch gleich mal die erste Aussicht, über die Wiesen runter ins Flachland:

Bild #2: Leider zuviel Dunst, sonst könnte man da hinten in Richtung Horizont vermutlich Hannover und/oder das Steinhuder Meer erkennen

Ebenfalls vorhanden: Wegmarkierungen.
Und zwar richtige. Keine beliebigen gelben Pfeilchen sondern anständige, gut unterscheidbare Marker, angebracht vom „Hannoverschen Wander- und Gebirgsverein“, wie z.B. der hier:

Bild #3: So gehört das: Marker des Fernwanderweg Calenberg – Harz (keine Ahnung, wo Calenberg liegt, aber zumindest der Harz sagt mir was… ;))

Na dann kann´s ja losgehen:

Bild #4: Kollege Simon – noch lacht er…

Kurzes rumgeeiere zwischen Parplatz, Hecken und einem Acker auf den ersten paar Metern, dann sind wir voll orientiert und machen uns zusammen mit dem Calenberger Weg auf den Weg unters grüne Blätterdach des Deister:

Bild #5: Deisterwärts

Erstmal Richtung Nord/Nordost, um den Nordzipfel des Deister rum. Schöner, dichter, schattiger Mittelgebirgswald (vor allem Buchen, fühlt sich fast ein bisschen wie zuhause an), in dem´s überraschendweise erstmal ein bisschen bergab geht, ins nächste Tälchen unterhalb der Bantorfer Höhe. Im Talgrund wartet eine gut ausgeschilderte Waldwegskreuzung…

Bild #6: Notiz an mich selbst: Schnell rausgewischt Schüsse aus dem Lauf und aus der Hüfte funktionieren auch mit der neuen Kamera nicht so richtig…

…an der wir uns erstmal vom Calenberger Weg verabschieden und geradaus auf dem lokalen Wanderweg R1 weiterlaufen, der sich mit wenig Steigung aber vielen kleinen Kurven amden Nordhängen des Deistermassivs westwärts schlängelt.
Läuft sich gut bisher, was sicherlich auch daran liegt, dass es weit erstmal nur sehr moderat bergauf geht – lediglich was Lauftempo und -rhythmus angeht, herrscht noch ein bisschen Abstimmungsbedarf, denn Simons Normalmodus ist irgendwie einen guten halben Schritt schneller als meiner, aber irgendwie arrangieren wir uns da, so dass es ihm nur ein bisschen zu langsam und mir nur ein bisschen zu schnell ist. Guter Kompromiss… 🙂

Nach einem knappen Kilometer stoßen wir auf einen etwas breiteren Querweg, der mit einem weißen Andreaskreuz markiert ist: Der europäische Fernwanderweg 1!!!
Wer auch sonst, denn trifft man ja eigentlich immer, wenn man irgendwo in Deutschland unterwegs ist (zumindest krieg ich so langsam diesen Eindruck. Was cool ist, schließlich freu´ ich mich jedes Mal, wenn mir irgendwo in der Fremde der gute, alte E1 begegnet, von dem ich weiß, dass er bis nach Hause führt…):

Bild #7: Europäischer Fernwanderweg 1

Auf jeden Fall nehmen wir den mal kurz, links den Weg entlang, dann aber gleich wieder links dem weißen Doppelbalken des Wanderwegs Lauenau – Bad Nenndorf hinterher, der zum ersten mutmaßlichen Highlight der heutigen Tour führt, nämlich dem Belvedere-Turm auf der Cecilienhöhe über Bad Nenndorf.
Da geht´s jetzt auch zum ersten mal ein klein bisschen mehr bergauf, durch eine Areal mit bewachsenen Erdwällen und kleinen Gräben, das fast ein bisschen so aussieht, als könnte hier mal ´ne Burg oder sowas gestanden haben:

Bild #8: Allerdings schweigen sich sowohl die Wanderkarte als auch das WWW darüber aus, ob´s hier mal was Derartiges gegeben hat. Das spricht dann doch eher dagegen…

Direkt danach sind dann auch schon am Turm:

Bild #9: Belvedere-Turm

Das freundliche ältere Wanderehepaar, das gerade aus dem Gemäuer rauskommt, meint zwar noch, die Aussicht von da oben wäre wegen der Bäume nicht so richtig prickelnd, aber das hält uns natürlich nicht ab. Wenn man schon mal da ist und so…

Bild #10: Turmbesteigung die Erste

Leider behalten die Wanderer recht. Aussicht von der Turmspitze – Pustekuchen.
Au0er man hat ein Faible für Baumwipfel in fünf oder sechs Metern Entfernung, dann kommt man hier oben voll auf seine Kosten:

Bild #11: Belvedere-Turm oben: Hier könnte Ihr Ausblick sein!

Na gut, kammer nix mache, dann eben weiter – wird schon irgendwo auf den nächsten Kilometern eine anständige Aussicht geben…

Noch ein bisschen länger auf dem Weg mit dem weißen Doppelbalken. Der laviert vom Belvedere-Turm weiter nach Süden und wirkt dabei ein bisschen unentschlossen, als ob der Markierer bei der Arbeit nicht immer ganz sicher gewesen wäre, welchen der vielen sich hier ständig überschneidenden kleinen Trampelpfade er als Weg hätte ausweisen müssen.
Aber die grobe Richtung stimmt, tiefer in den Deister rein, der sonnige Wald ist weiterhin richtig hübsch…

Bild #12: Baum im Deister, abgelichtet um den Beleg für die Behauptung „richtig hübsch“ zu liefern

…und laufen tut sich´s immer noch richtig angenehm, auch weil der Weg wieder mal eher an den unteren Hängen entlangführt und sich noch ein bisschen damit ziert, uns auf den mutmaßlich steilen Anstieg zum Kamm des Höhenzuges zu schicken:

Bild #13: Südwärts mit dem weißen Doppelbalken

Einen knappen Kilometer nach dem Belvedere-Turm wechseln wir auf den Roswitha-Weg (auch der ist mit einem weißen Andreaskreuz markiert, das allerdings durch ein „R“ ergänzt wird),…

Bild #14: Abzweigung am „Theilhölzer Silberblick“ (wer denkt sich nur diese Namen aus? :)) – der weiße Doppelbalken geht rechts runter, der Roswithaweg linksig geradeaus

…der kurz darauf nochmal am Rand des Hangwalds entlangschrammt…

Bild #15: Hier verstellen keine Baumwipfel die Sicht, aber es ist so verflixt diesig, dass man nur ein paar Kilometer weit gucken kann, und selbst das nur Schemenhaft. Wenn´s anders wäre, könnte man hier wahrscheinlich die A4, den Ort Rodenberg, und den Anfang vom Weserbergland erkennen. Stellt´s euch halt einfach vor…

…um dann scharf links abzuknicken, und durch ein schmeiles Bachtal namens „Grover Grund“ nun endlich doch ernsthaft bergauf zu führen, in Richtung eines Ortes der auf der Wanderkarte mit dem klangvollen Namen „Teufelsbrücke“ versehen ist.

Autsch.
Das ist jetzt gut steil, und sofort macht sich die mangelnde Berglaufpraxis bemerkbar (zumindest bei mir, Simon wirkt ein klein wenig weniger angestrengt. Aber der wiegt ja auch nix für seine Körpergröße, entsprechend muss er ja auch nicht so schwer schleppen… ;)): Schweißausbrüche, wimmernde Waden, Kurzatmigkeit – das volle Programm.
Und das bei gerade mal 10 oder 12% Steigung. Heidenei, ich sach´ euch, ist nicht schön, wenn man alt wird…

Der Aufstieg dauert knapp 10 Minuten. Real. Gefühlt sind´s eher 100…
Dann kommt am oberen Ende des Tals die Teufelsbrücke in Sicht, eine einsam gelegene Ausflugskneipe mitten im Wald, gut besucht von Wanderern und Radfahrern:

Bild #15: Teufel und/oder Brücken fallen hingegen nicht ins Auge

Sieht schon sehr verlockend aus, und irgendwie würd´ ich ja schon liebend gern einkehren und ´ne grooooße kaaaaaalte Cola saufen. Is´ aber nich´ schließlich sind wir erst fünf oder sechs Kilometer unterwegs – da müssen schon noch ein paar HMs und Kms geschrubbt werden, bevor so´n Vesperpäuschen ´ne reelle Option wird…

Also slalomen wir stattdessen durch den kleinen aber gut besetzten Biergarten, machen einen scharfen Knick nach rechts oben, und laufen weiter nach Süden, nun wieder auf dem europäischen Fernwanderweg 1 (immer noch weißes Andreaskreuz E1)

Immer noch bergauf, bis zum Deisterkamm sind´s nämlich noch ein paar Dutzend (die Wanderkarte sagt: zehn Dutzend. oy vey!) Höhenmeter. Trotzdem ein netter Streckenabschnitt, durch hanglagigen Hochwald, der mich irgendwie total an zuhause erinnert:

Bild #16: Hier sieht´s fast genauso aus wie auf dem Pürschweg im Darsbergtal unterhalb vom Melibokus.


Bild #17: Und nochmal in breiter. Echt total darsbergtalig…

700 m. nach der Teufelsbrücke geht rechts ein kleines Pfädchen ab, daneben steht ein Schild: „Schöne Aussicht“.
Liegt zwar nicht auf der geplanten Route, aber vielleicht hat sich der Dunst ja inzwischen etwas verzogen und es gibt was vom umgebende Tiefland zu sehen. Das ist schon einen kurzen Abstecher in die seitliche Peripherie wert.

Das Pfädchen ist nicht lang, ein paar Meter durch lichte, löwenzahngeschmückte Waldwiesen bis eine etwas bunkerartige Betonhütte in sicht kommt:

Bild 18: Laut Wanderkarte die Rodenberger Hütte


Bild #19: Hier sieht man sie nochmal besser. Oder so… 😉

Obendrauf gibt´s ne Aussichtsplattform, vor der sich der Abgrund und dahinter die weite Welt jenseits des Deisters erstrecken. Naja, zumindest in der Theorie. Weil: Praxis – Dunst.
Wien gehabt:

Bild #20: Öörm, also das lange da in der Mitte ist wahrscheinlich die A4. Links und rechts davon ist wohl auch irgendwas. Glaub ich.

Immerhin: Für eine kurze Trinkpause in der warmen Sonne ist die Aussichtsplattform bestens geeignet…

Bild #21: Hab ich erwähnt, dass ich mir einen neuen Trinkgürtel geleistet habe? Nein?
Is´ aber so. Der alte ist nämlich
a) zuhause
und
b) so ausgeleiert, dass er quasi mit jedem Schritt in die Kniekehlen wippt.
Der neue hingegen ist
c) hier
und
d) straff und gut sitzend.
So ist das.

…dann geht´s zurück auf den Fernwanderweg 1 und noch´n büschen an den Hängen des Rodenbergs aufwärts, zur Abwechslung mal ein paar hundert Meter auf altem Kopfsteinpflaster statt auf weichem Waldboden:

Bild #22: Europäischer Fernwanderweg 1 am Rodenberg

Kurz hinter der Rodenberger Höhe kommen wir an den Ruinenresten einer frühmittelalterlichen Festung vorbei – laut Infotafel vor Ort die Heisterburg. Viel zu sehen gibt´s leider nicht mehr, nur noch ein paar moosige Steinreste am Wegesrand:

Bild #23: Reste der Heisterburg. Da gibt´s bei uns im Süden zugegenermaßen spektakulärere Ruinen. Aber hey, schon mal mehr Burg als ich in einem Monat Schleswig-Holstein zu sehen gekriegt habe… 🙂

Und dann sind wir auf einmal oben: Kreuzung an der Kreuzbuche auf dem Deisterkamm, 324 m.ü.NN und damit mehr als 250 m. höher als das flache Deisterumland. Gar nicht so übel für das pfannkuchenplatte Norddeutschland… 😉

Kurzer Orientierungsabgleich von zerknittertem selbstausgedruckten Wegeplänchen und der offiziellen Wanderwegstafel an der Kreuzung…

Bild #24: Yep, alles gut, wir sind genau da, wo wir sind (sowas ist gar nicht so selbstverständlich…)

…und schon geht´s weiter. Weiterhin südwärts, nun aber auf dem Kammweg, ganz oben auf dem breiten Deisterrücken (weiterhin Europäischer Fernwanderweg 1):

Bild #25: Kammweg auf dem Deister

Ein bisschen bergauf geht´s zwar immer noch, aber weitgehend moderat, und ansonsten ist der Kammweg breit, bequem und vollkommen unkompliziert. Läuft sich quasi von selbst, zumal wir die Sache mit den unterschiedlichen Laufrhythmen inzwischen gut im Griff haben.

Nach 1,2 km überqueren wir den Großen Hals, eine Kuppe auf dem Deisterrücken mit hoch aufragendem Fernsehturm…

Bild #26:Großer Hals…


Bild #27: …samt Fernsehturm

…ein paar hundert Meter weiter erreichen wir die Abzweigung, an der wir laut Plan eigentlich den Kammweg verlassen sollten, um uns an der Nordflanke des Höhenzugs auf den Rückweg zu machen.
Uneigentlich läuft´s allerdings gerade ziemlich prima. Deshalb lassen wir das einfach mal und bleiben stattdessen noch ein bisschen auf dem Kammweg. Weiter vorne gibt´s nämlich noch´n Aussichtsturm, und überhaupt: Was sollen so´n paar läppische Extrakilometerchen denn schon viel ausmachen (der geneigte Laufblogleser ahnt hier sicherlich, wie die Antwort auf diese Frage ausfallen wird… :D)?

Immer schön geradeaus, immer schön gemessen, immer schön den Kammweg lang.
So ca. einen knappen Kilometer, dann passieren wir eine kleine Waldhütte am Wegesrand, neben der mal wieder einer der vielen vorbildlichen Deisterwegweiser steht. Der hier zeigt u.a. nach rechts, vom Weg ab und an der Hütte vorbei, zu einer „Alten Taufe“.
Klingt interessant genug, um einen kleinen Abstecher ins Dickicht wert zu sein: Ein paar Meter rechts in den Waldschatten, leicht bergab und zwischen ein paar Findlingen hindurch, bis zur Alten Taufe, einem großen Steinblock mit einer Art grob gehauenem Basinbecken im Zentrum, der mitten im Hang sitzt:

Bild #28: Alte Taufe

Stimmungsvoll, auch wenn´s vor Ort keine weiteren Infos gibt (laut WWW möglicherweise ein germanischer Opferstein [unbelegt], der nach der Christianisierung als Taufstein genutzt wurde [unbelegt], inzwischen offenbar sowas wie ein Anziehungsort für esoterisch veranlagte Gemüter).
Aber für ein kleines Päuschen mit einem gepflegten Schluck brühwarmer Isoplörre ist der Stein trotzdem gut:

Bild #29: Pause auf der Taufe

Uuund weiter: Kammweg natürlich, inzwischen allerdings deutlich mehr ostwärts als südwärts und nochmal ein bisschen aufwärts. Nicht steil, aber inzwischen sind wir doch lang genug unterwegs, dass sich die vielen kumulierten Höhenmeter ein bisschen in den Waden bemerkbar machen. Da kann der Wald noch so hübsch und ruhig sein – das zieht sich jetzt so langsam ein kleines bisschen.

Zum Glück haben wir´s nun nicht mehr wirklich weit bis zum nächsten Sightseeing-Punkt. Noch ganz ein bisschen leichtes Leiden bis auf die nächste Kuppe (Reinekensiekskopf, sagt die Wanderkarte. 374,4 m. ü.NN, sagt sie auch), wo uns der Nordmannsturm erwartet, seines Zeichens ein schöner alter Aussichtsturm mit angeschlossener Ausflugskneipe:

Bild #30: Nordmannsturm (übrigens nicht nach irgendwelchen barttragenden skandinavischen Seefahrern mit Filzläusen und Äxten benannt, sondern nach seinem Erbauer, Constantin Nordmann)

Die Einkehr lassen wir auch hier ausfallen (mehr Simons Idee als meine, ich könnte hier zur Stärkung auch durchaus schon ´nen gepflegten halben Liter eines namhaften koffeinhaltigen Limonadengetränks kippen. Aber man will sich ja keine Blöße geben… 😉 [außerdem sind die seltsam angezogenen Kerle, die sich gerade im Biergarten lautstark die Kante geben und dabei nach dem prolligsten Junggesselenabschied aller Zeiten aussehen, irgendwie auch ein bissl abschreckend]), die Turmbesteigung ist dagegen natürlich Pflicht. 50 Cent pro Nase im Schankraum entrichten, dann dürfen wir hoch:

Bild #31: Turmbesteigung die Zweite

Verflixt eng und schmal und niedrig, die Treppe den Turm hoch, mit unebenen, etwas zu hohen Stufen – bis zur Aussichtsplattform hoch ist das mehr eine Kletterpartie als eine Begehung, und ganz schön anstrengend (wenn auch anders als das Laufen. Geht also).

Aber es lohnt sich.

Bild #32: Puuh, oben!

Naja gut, so ein bisschen zumindest.
An klaren Tagen ist die Aussicht von hier oben zweifellos grandios.
Aber heute isses – wir erinnern uns – ja eben gerade nicht klar, sondern extrem dunstig.
Das trübt das Sichterlebnis dann doch ganz erheblich, wie eigentlich an allen Aussichtspunkten, an denen wir auf der bisherigen Tour vorbeigekommen sind:

Bild #33: Viel Platz für Phantasie: Wie erahnen uns ein Weserbergland

Hübsch is´ trotzdem (und so ein anständiger Aussichtsturm auf ´nem anständigen Berg, das hat ja auch was von Zuhause, und ist deshalb eh hochwillkommen), auf jeden Fall gut genug für ein paar Minuten verweilen und durchschnaufen.
Dann geht´s wieder abwärts.
Erst vom Turm. Dann vom Deisterkamm.
Jetzt ist nämlich wirklich höchste Zeit für den Rückweg – so ganz taufrisch fühlen wir uns beide nicht mehr, und es ist ja auch noch ein ordentliches Stück (6 km? 8? 10?) bis ins Ziel.

Zuerst mal nehmen wir einen recht steil abfallenden Waldweg, der vom Deisterkamm in rechtem Winkel und nördlicher Richtung ab geht.
Bergab. Tut gut.
An der nächsten Kreuzung biegen wir dann links ab, auf den sogenannten „Bierweg“. Knappper Kilometer quer am Hang entlang, tendenziell mehr ab- als aufwärts…

Bild #34: Bierweg (glaub ich, ganz sicher bin ich mir nicht mehr, ob das Bild wirklich von diesem Stück ist oder von ein bisschen später. Aber wir tun einfach mal alle so, als wär´s der Bierweg, okay? Und falls er´s nicht ist, merkt´s ja vielleicht keiner… ;))

…bis zur Hütte am „Stern“, wo wir uns rechts halten und mit einem rundlichen Bogen weiter bergab und nach Norden laufen, bis an den Rand des tief eingeschnitten Fuchsbachtals.
Hier geht´s rechts, immer am Talrand entlang und tendenziell abwärts…

Bild #35

…vorbei an alten Wasserhäuschen,…

Bild #36

…Gedenksteinen…

Bild #37

…und, äääh, vielen Bäumen (die ich aber nicht fotografiere. Mehr oder weniger nichtssagende Forstbilder gibt´s hier schließlich schon genug… ;)).

Und dann sind wir auf einmal unten. Wald zuende, Ort fängt an:

Bild #38: Vor Ort sieht das dann so aus – Skulptur vor dem Eingang der lokalen Freilichtbühne am Walrdrand

Barsinghausen nämlich, eine gemütliche Kleinstadt am Deisternordrand.
Wirkt ein bisschen verschlafen aber sehr freundlich in der leicht milchigen Spätnachmittagssonne.

Hier passiert´s dann.
Wir verlaufen uns ein bisschen. Gehört ja auch irgendwie dazu…
Zuerst macht noch alles Sinn: Links auf ´nen kleinen Fußweg am Waldrand, bis wir auf einer Straße am Ortsrand ankommen.
Da stehen wir dann. Und wissen nicht ganz so recht, wie´s weitergehen soll.
Das Wegeplänchen hilft gar nix (zu grob und nach zwei Stunden Deisterlauf auch zu knittrig, um viel zu erkennen), die Sonne steht irgendwie an der falschen Stelle (müsste die nicht weiter rechts sein, wenn wir in die richtige Richtung laufen?????), und angemüdet sind wir auch schon.
Hm…

Schließlich entschließen wir uns dafür, links die Schillerstr. hochzulaufen.
Das geht allerdings nur ein kurzes Stück, dann endet die Straße am Privatgrundstück eines Altenheims und wir weichen links in den Wald aus, wo ein Pfädchen weiter in die Richtung führt, von der wir mal ganz grob vermuten, dass es die richtige sein könnte. Wenn bloß die Sonne nicht so total falsch stehen würde…
Hmmm….

Zum Glück kommen uns zwei Nordic Walkende ältere Damen entgegen. Die fragen wir einfach mal.
Sind total freundlich hilfsbereit, allerdings auch total schlecht darin, Wege zu erklären.
Immerhin, eins können sie uns auf jeden Fall glaubhaft versichern, nämlich dass das hier der total falsche Weg ist, außer wenn wir wieder auf den Deisterkamm hochwollen.
Eher nicht, sagen wir, einmal oben gewesen sein reicht eigentlich für heute…
Der richtige Weg, auch das wird halbwegs klar, führt irgendwie durch Barsinghausen durch.
Na gut, das´ja schonmal ´ne Ansage – wir bedanken uns artig und kehren um, zurück runter in die Schillerstr., dann weiter in den Ort rein.

Erstmal die Schwarzeknechtstr. hoch (der Name ist uns von der Beschreibung der freundlichen älteren Damen noch hängen geblieben)…

Bild #39: Schwarzeknechtstr., Barsinghausen

…dann rechts runter in Richtung Ortskern (Bergstr.?).

Hier haben wir nochmal Glück: Barsinghausen ist reichlich mit Bushaltestellen versehen, und an jeder hängt ein Netzplan, mit dem man sich ganz gut orientieren kann. Also hangeln wir uns einfach von Haltestelle zu Haltestelle, die eeeeewig lange Kaltenbornstr. hoch…

Bild #40: Eigentlich ist es gar nicht eeeeewig lang, nur 800 m. Aber mit schweren Beinen…

…bis zum nordwestlichen Ortsrand, der auch wieder gut mit der Wanderkarte abzugleichen ist.

Hier versuchen wir´s nochmal mit links hoch in den Wald, zurück in die Deisterhänge, landen aber in einer Art Sackgasse an einem Schützenhaus. Mit freundlichen Sportschützen davor, die erklären uns nochmal den Weg – lieber untenrum, am Wald entlang statt mittendurch, das wäre kürzer und vor allem weniger steil.
Klingt inzwischen sehr sympathisch, dieses „Kürzer und Weniger Steil“, also halten wir uns an den guten Rat und folgen lieber dem grob asphaltierten Radweg, der am Waldrand nordwestwärts führt.

Erstmal durchs hübsche, grüne Tal des Bullerbachs…

Bild #41: Bullerbachtal

…das reich an Enttäuschungen ist: Zum Beispiel das Naturfreundehaus. Das sieht total verlockend nach Einkehrmöglichkeit aus, und da wir beide zumindest schon mal auf dem Zahnhals unterwegs sind (bis zum Zahnfleisch isses noch ein kleines Stück. Aber wirklich nur noch ein sehr kleines…) und außerdem die Isoplörre im Getränkegürtel aus ist, würde ein bisschen Nachtankflüssigkeit ganz bestimmt nicht schaden.
Dumm nur, dass das Naturfreundehaus um 18:00 Uhr zu macht.
Es ist 18:20 Uhr…
Waahaaaaa…

Und dann auch noch das:

Bild #42: NOCH ÜBER FÜNF KILOMETER BIS BANTORFF??????
Autsch.

Zwar wollen wir nicht bis ganz nach Bantorff rein, sondern nur zurück zu Simons Auto auf der Bantorffer Höhe, und die it ein bisschen näher – aber selbst mit viel Optimismus, vier Kilometer dürften das noch sein.
Und ehrlich gesagt: Gefühlt sind das inzwischen, nach über 15 Bergkilometern mit ordentlich HMs, ungefähr dreienhalb zu viel…

Hilft nix.
Wir müssen weiter, durstgeplagt, mit schweren, langsamen Beinen.

Der Radweg zwischen Waldrand und Wiesen ist hübsch. Rechts gibt´s immer mal ein bisschen (immer noch recht diesigen) Ausblick in die Ebene…

Bild #43: Wenn´s klarer wäre, könnte man da womöglich die Hannoveraner Skyline sehen

…links bietet sich sogar die Möglichkeit zum semiobligatorischen Mittelgebirgsfotolaufberichtskuhfoto:

Bild #44: Das semiobligatorische Mittelgebirgsfotoberichtskuhfoto. Übrigens mit Holsteiner Kühen, von denen es oben in Holstein so weniger zu sehen gab…

Nächster kleiner Ort: Die Siedlung Höhenluft. Hanglage unterm Wald.
Sicher gut zum Wohnen.
Aber nicht (mehr) gut zu laufen: Es geht bergauf.
Bergauf fällt inzwischen verdammt schwer.
Aua.

Bild #45: Höhenluft tut ja angeblich gut. Aber nicht, wenn man eigentlich schon fix und alle ist…

Ortsende. Höhenluft vorbei…

Bild #46: Etwas Beliebiges Ortsendefoto aus Höhenluft, weniger wegen der bildlichen Aussage geschossen, als vielmehr wegen der paar Sekunden Laufpause, die so eine Bild dem müden Jogger beschert… 🙂

Tour noch nicht. Argl.

Calenberger Weg. Das umgekehrte T, dem wir schon ganz zu Anfang ein bisschen gefolgt sind.
Und immer noch mehr auf- als abwärts.
Wie hoch liegt denn diese *%$#@& Banttorffer Höhe???
Nochmal kurzes Päuschen für den schönsten Panoramablick der gesamten Tour…

Bild #47: Blick vom Calenberger Weg kurz hinter der Siedlung Höhenluft nach Norden

…dann knickt der Weg nochmal links ab und führt in den Wald rein.
Nicht ganz richtig, denn der Calenberger Weg (laut Wanderkarte die kürzeste Route zum Ziel) geht offenbar geradeaus weiter. Aber wir verpassen die Abzweigung und finden uns stattdessen auf dem lokalen Wanderweg B1 wieder.
Der macht noch mal einen schönen Schlenker.
Durch den Wald.
Natürlich bergauf.
Grrrrraaaaaaaauaaaa…

Hier gehen wir dann ein bisschen.
Simon wirkt noch etwas frischer als ich (wie gesagt, der hat ja auch lange Beine, wiegt nix und ist acht Jahre jünger. Mit solchen Voraussetzungen wär ich auch noch frischer… ;)), aber so richtig böse scheint er über die Joggingpause auch nicht zu sein…

Nach einer scharfen Kehre verflacht der Weg so langsam wieder. Gottseidank!
An der nächsten Abzweigung (wo wir wieder auf den Calenberger Weg treffen. Der Hund hat einfach abgekürzt, ohne uns!) ein Wegweiser: „Bantorffer Höhe: 800 m“
Gottseidänker!

Endspurt, auf steifen, wackligen, schmerzigen Beinen, schwitzend und schnaufend zur Ausflugskneipe auf der Bantorffer Höhe…

Bild #48: Nur. Noch. Ein. Paar. Meter!

…und mit letzter Kraft zum Auto auf dem Wanderparkplatz.
Ziel!
Uffa!!
Geschafft!!!

Später wird sich rausstellen, dass es dank spontaner Streckenverlängerung und Verirren insgesamt 21,4 km geworden sind.
Halbmarathondistanz auf Bergterrain!
Letzten oder vorletzten Sommer hätt´ ich das noch locker weggesteckt, aber angesichts meiner suboptimalen momentanen Form ist das schon ´ne ordentliche Hausnummer. Und Simon ist vorher überhaupt noch nie über 20 km gelaufen, also eine echt reife Leistung. Respekt!

Das verdient dann auch die lange ersehnte Einkehr:

Bild #50: Cheers, Simon, und Danke fürs Mitkommen. Hat Spass gemacht!

Fazit: Der Deister. Ein richtiges kleines Mittelgebirge vor den Toren Hannovers, tolles Laufterrain.
Lohnt sich.
Bloß an den langen Strecken, da muss ich woll noch ein bisschen feilen.
Aber ich bin im Juni und Juli ja nochmal sechs Wochen in Hannover, vielleicht bietet sich da ja die ein oder andere Gelegenheit.
Ist ja noch genug unerforschter Deister übrig… 😉

Strecke: 21,4 km
Zeit: Angemessen 😉
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 100%
Karte:

M.

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7 Antworten to “Der erste Ü20er in ’11: Mit der Kamera über den diesigen Deister (21,4 km)”

  1. xyz Says:

    Hi Matthias, wie schön, endlich mal wieder was von dir zu lesen.!Und dann noch im selten gewordenen bebilderten und epischen Format. Ein schöner Lauf, in einer Landschaft die tatsächlich etwas an die gewohnte Heimatliche erinnert.
    Dann wünsche ich dir noch einige solcher angespannt-entspannenden Erlebnisse, als Ausgleich zum stressigen Alltag.
    XYZ

    • matbs Says:

      Danke dir!

      Ja, der Deister hat wirklich ein bisschen was von mittel-süddeutschem-Mittelgebirgs-Feeling. Mal schauen, ob ich in den nächsten Wochen noch ein bisschen mehr davon mitnehmen kann.

      Gruß aus Hannover!

  2. Gerd Says:

    Hättest Du die Hinweise auf Norddeutschland verschwiegen, ich hätte gedacht es ist bei uns um die Ecke.
    Wir man sieht hat unser Land doch überall entsprechend schöne Ecken die es zu entdecken gibt.

    • matbs Says:

      Und dabei quasi nur einen Steinwurf vom Steinhuder Meer entfernt – da sollte man mal laufen gehen, wenn man im Norden urlaubt… 😉


  3. Da war ich auch schon mal. Dass ist bei dem richtigen Wetter wirklich eine schöne Gegend.

    • matbs Says:

      Ja, der Deister ist echt ´ne tolle Ecke. Und zumindest ich hätte so einen richtig hohen Mittelgebirgsriegel so nah bei Hannover gar nicht erwartet…


  4. […] du am Horizont die Berge sehen. Das gibt´s nicht so oft im Norden! Links im Bild übrigens der Deister, rechts davor und etwas näher, das ist der Benther […]


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