Rostock: Um die Unterwarnow (9,9 km)

13. August 2011

So. Gerade an Hannover gewöhnt, schon geht´s weiter.
Nächste Station in meinem (inzwischen ja nicht mehr ganz so) neuen Leben als moderner Mediennomade.
Dieses Mal ganz weit im Nordosten – ein Monat Leben und Arbeiten in Rostock, und damit zugleich auch mein erster Monat überhaupt in Mecklenburg-Vorpommern (vorher hab ich mal einen Nachmittag Schwerin verbracht, abgesehen davon bin ich hier noch nie gewesen).

Zuerst mal das Positive: Rostock ist eine richtig angenehme Stadt. Eine gute Größe, viele hübsche Ecken, Wassernähe und maritimes Flair (wenn bei Sonnenschein die Möwen über den Dächern kreischen, das hat schon was), und sogar ein bisschen Topografie mit ein paar kleinen Hügelchen. Quasi als Bonus gibt´s dann auch noch das Umland obendrein, das einfach nur großartig ist – vor allem natürlich die nahe Ostseeküste, mit ihren langen weißen Stränden, bewaldeten Steilküsten und alten Seebädern, das macht alles richtig viel her. Und auch das Binnenland hat seine Reize, sanftes Hügelland, das auf den ersten Blick beinahe unnatürlich leer wirkt – MV ist das am dünnsten besiedelte Bundesland der Republik (gerade mal 71 Einwohner pro Quadratkilometer, und das auch noch bei schrumpfender Bevölkerungszahl), und das merkt man auch, wenn man über Land fährt. Alles in allem also ein richtig reizvolles Laufgebiet.

Was uns zum weniger Positiven bringt: Ich bin inzwischen schon zwei Wochen hier, und bis heute war ich nicht einmal laufen. Einerseits wegen der üblichen Eingewöhnungsphase (erstmal ankommen, sich orientieren, ans neue Arbeitsumfeld gewöhnen, neue Eindrücke verarbeiten), andererseits weil das Wetter in den letzten zwei Wochen größtenteils ziemlich beschisseneiden war, mit herbstlichen Temperaturen, ekligem Wind und so unglaublich viel Regen, dass rund um Rostock ständig irgendwelche Wohnsiedlungen absaufen und das Wasser kniehoch auf den Feldern steht, weil der Boden gesättigt ist. Ganz ehrlich: Da hat´s mich dann nicht so wirklich rausgetrieben.

Aber heute dann. Endlich mal wieder Sonnenschein und blauer Himmel über Rostock, dazu Temperaturen knapp über 20 Grad und relative Windstille – jetzt oder nie!
Also schnell nach Feierabend eine Strecke ausgeguckt, rein in die Laufsachen, und los.
Bevor das Wetter es sich wieder anders überlegt…

Ich starte an meiner momentanen Bleibe in der – etwas sperrig benannten – Kröpeliner Tor-Vorstadt westlich des Stadtkerns. Ein freundliches Viertel in Uninähe, mit schlichten, drei- oder vierstöckigen Stadthäusern und einer recht hohen Dichte von Studenten und Studentenkeipen.
Wie üblich läuft sich´s ziemlich gut nach den zwei Wochen Pause: Ein paar Meter die ruhige Fritz-Reuter-Str. runter, dann bei der ersten Kreuzung links an der etwas breiteren Ulmenstr. entlang.

Nach 350 m. die erste Zwangspause bei der Überquerung der Parkstraße. Ampel. In Rostock bedeutet das oft (gefühlt) minutenlanges stehen, ich hab´ noch nirgendwo sonst sooo langsam geschaltete Fußgängerampeln erlebt wie hier. Pfff.
Irgendwann leuchtet dann aber doch das grüne Männchen (klassisch Ostdeutsch mit Hut) auf und ich kann weiter. Auf der anderen Straßenseite wartet der Lindenpark, eine große, ganz leicht verwildert wirkende Grünanlage mit geraden Wegen, die – wie sich das für einen „Lindenpark“ gehört – von Reihen hoher, alter Linden flankiert werden. Hübsch und ruhig.

Kurz geradeaus parkeinwärts, dann an der nächsten Wegekreuzung links und der länge nach durch den Park durch, bis zu einem schmalen Durchgang durch eine Lärmschutzwand (oder sowas in der , bin mir nicht sicher, ob so ein Park wirklich lärmgeschützt wird), der zur breiten, vielbefahrenen Arnold-Bernhard-Straße führt.
Der folge ich erstmal, weiter ostwärts. Zwischendrin wechsle ich mal kurz die Straßenseite (und wieder: Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaa-puh-aaaarten an einer Rostocker Fußgängerampel), ein paar Meter weiter schlenkere ich links durch den Mittelgang der Deutschen Med, einem riesigen bauchigen Glaspalast mit ´nem Segel drüber, der so modern daherkommt, dass er neben den Plattenhochhäusern an der Vögenstraße ein bisschen unerwartet wirkt.

Apropos Vögenstraße – auch die überquere ich, natürlich nicht ohne eine gefühlt halbe Woche Ampelwarten einzuschieben, dann geht´s halblinks runter in den Stadtgraben. Die Rostocker Alststadt liegt nämlich auf einem kleinen Hügel, mit einem Satz spätmittelalterlicher/frühneuzeitlicher Stadtbefestigungen drumrum, zu denen auf der Landseite auch ein ehemaliger Wassergraben gehört, der so breit und tief ist, dass er sich eigentlich eher wie ein kleines Tal oder eine Schlucht anfühlt.
Durch den laufe ich jetzt weiter. Friedlicher Kiesweg am Fuß der Stadtbefestigungen, links geht´s vielleicht 10 Meter steil bergauf, rechts liegt eine Serie von hübschen, länglichen Teichen.
Gut zu laufen, und am Ende des ca. 600 m. langen Stücks gibt´s sogar ein bisschen ordentliche Steigung: Ein paar Meter bergauf, aus dem Graben raus, über die Hermmannstr. und weiter durch den Rosengarten, einen langgezogenen Park voller alter Bäume und wunderschöner Rosenstöcke neben der alten Stadtmauer. Ist übrigens sogar ein markierter Wanderweg, hier und da kann ich den blauen Aufkleber mit dem gelben Muschelsymbol erkennen, der das Stück als Teil eines Jakobswegs ausweist (in diesem Fall die Via Baltica), also eines Pilgerpfades, auf dem man theoretisch bis nach Santiago de Compostela wandern könnte.

Am Ende des Rosengartens erreiche ich die Steinstraße, auf der ich links in die Altstadt einbiege. Vorbei am massiven, beeindruckenden Steintor (einem der letzten drei verbliebenen Stadttore des alten Rostock) und ein paar Meter geradeaus bis auf den Neuen Markt, der sowas wie das Herz von Rostock bildet. Großer offener Platz mit schönen, alten hanseatischen Bürgerhäusern drumrum, wirkt heute abend allerdings ein bisschen leer. Hier biege ich rechts ab, in Richtung der östlichen Altstadt.
Bereits nach den ersten Metern muss ich einen Haken schlagen, um nicht mit dem Ministerpräsidenten zusammenzustoßen – Erwin Sellering, seines Zeichens amtierender Landesvater von Meck-Pomm tritt unvermittelt aus einem Restauranteingang und mitten in meine geplante Laufroute. Eigentlich hätte ich ja Vorfahrt, finde ich, aber der Mann hat Personenschützer, da besteh´ ich lieber mal nicht drauf… 😉
Ist übrigens eine Premiere, mir sind zwar schon Tiger und Zebresel beim Laufen begegnet, aber noch nie ein leibhaftiger MP.
Aber hey, immer mal was Neues… 😉

Danach wird´s ruhiger – östliche Altstadt, das sind hohe, schmale Bürgerhäuser aus Backstein, dicht an dicht um enge Kopfsteinpflastergassen gedrängt. Hübsch.
Ich laufe die große Wasserstr. runter, am Kuhtor vorbei (das zweite der drei noch erhaltenen Stadttore), dann wieder leicht bergauf, die Straße „Am Wendländer Schilde“ hoch. die so grobes Kopfsteinpflaster hat, dass man schon ein bisschen aufpassen muss, nicht umzuknicken.

Am oberen Ende des kurzen Stücks ragt die Nikolaikirche über die Altstadtgiebel, ein blockig-wuchtiger Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert, ausgestattet mit einer Besonderheit, die mir noch nie bei einer Kirche aufgefallen ist – sie ist zugleich Sakralbau und Wohnhaus! Irgendwann in den Siebzigern hat man drei Wohnstockwerke direkt unter das gestaucht wirkende Satteldach des Kirchenschiffs eingezogen, deren Fenster und Balkone deutlich von außen zu erkennen sind, und die heute von Kirchenmitarbeitern bewohnt werden. Ein sehr ungewöhnlicher Anblick, finde ich.

Ich laufe links an der Nikolaikirche vorbei und biege links in die Lohgerberstraße ein, die parallel zur Ostflanke der alten Stadtbefestigungen nach Norden führt, gleich zur nächsten großen Rostocker Kirche, der Petrikirche. Sehr charakteristisch, ein über 100 m. hoher, nadelspitzer Turm, darunter ein Schiff in bester Norddeutscher Backsteingotik. Sehr hübsch, wobei mich ja besonders der Turm reizt, der für Besucher zugänglich ist und einen der besten Blicke über die Stadt bieten soll. Allerdings nur bis 19:00 Uhr, das ist heute leider zu spät. Naja, vielleicht ein andermal…

Ich husche zwischen Kirche und Stadtmauer durch, direkt danach geht´s abwärts, auf neuen Treppenstufen den Hügel runter in Richtung Warnowufer. Nicht lang, aber überraschend steil.

Unten angekommen halte ich mich dann rechts und wechsle über die breite Straße „Am Strande“ ans noch nicht eröffnete Neubaugebiet auf der Holzhalbinsel. Ehemaliges Hafengebiet, nun neu erschlossen für (angeblich sehr hochpreisige) Wohn- und Geschäftshäuser, wirkt aber alles noch etwas provisorisch und unfertig.

Auch hier: Weiter rechts, auf den Petridamm. Etwas gehemmt und in wildem Zickzackkurs, denn mir Strömen regelrechte Menschenmassen entegen, zwischen denen ich durchlavieren muss. Kein Wunder, denn gerade ist am Stadthafen die Hanse Sail, eines der größten Volksfeste und Windjammertreffen an der Ostseeküste, und der heutige Samstag ist nicht nur der traditionelle Höhepunkt des Festes, sondern auch der erste halbwegs trockene und sonnige Tag seit einer gefühlten Ewigkeit. Da treibt´s natürlich die Gästescharen nach draußen…

Ich laufe aber erstmal in die andere Richtung, weg von der Innenstadt. Auf dem Petridamm, einer Brücke mit Holzbohlen neben den Straßenbahnschienen über Rostocks prominentestes Fließgewässer, die Warnow, dann links den Dierkower Damm hoch, der nordwärts in einem gaaanz leicht geknickten Bogen um die Unterwarnow führt (bloß nochmal zum besseren Verständnis: Die Warnow ist ein Fluss, der durch Rostock fließt und dann in die Unterwanrnow mündet, so eine Art große, geschwungene Bucht [der Fachbegriff ist glaub´ ich „Ästuar“], die an Rostock vorbei bis zur Ostsee läuft).

Hier ist Rostock nicht mehr ganz so ansehnlich wie in der Altstadt. Graues Industriegebiet, dazu teils arg heruntergekommene Plattenbauten, nicht unbedingt die beste Ecke der Stadt. Aber der Radweg neben der Straßenbahn ist bequem, und der einzige Jogger, der mir hier entgegenkommt, grüßt freundlich, das macht so einiges wett…

Langes Stück. Rechts zieht langsam der Rostocker Stadtteil Dierkow vorbei, links macht das Gewerbegebiet nach und nach sumpfigem Brachland Platz, in dem sich nach den Regenfällen der letzten Tage das Wasser gesammelt hat. Nach guten 1,5 km biege ich schließlich links ab, durch die grünen, wässrigen Auwiesen runter auf den Uferweg am Nordrand der Unterwarnow.
Schöner Anblick: Direkt gegenüber, jenseits breiten Wasserfläche, liegt die Hansestadt Rostock mit ihren Dächern und Kirchtürmen, leicht erhöht auf dem Hügel über dem Stadthafen, in dem die Hanse Sail abgeht. Tolle, alte Segelschiffe liegen an den Kais oder laufen gerade von ihren nachmittäglichen Ausfahrten ein, dahinter ist Jahrmarkt, kunterbunt und wuselig, mit unzähligen Freßbuden und Fahrgeschäftet, mit Musikbühnen, Riesenrädern und vor allem Menschenmassen. Allerdings auch etwas kakophonisch, denn neben dem Grundlärm, den so viele Leute auf einer Amüsiermeile nun mal machen, hallen auch diverse gegeneinander antönende Musikfetzen und übers Wasser. Und über allem, in einem rosigen Sonnenuntergangshimmel steht direkt über der statt ein kreisrunder, hell leuchtender Vollmond.
Wie gesagt: Das hat was!

Ich folge dem Uferweg nach rechts, westwärts. Ein Auge auf Rostock (weil sich´s lohnt), das andere auf dem Weg (weil auch hier teilweise knöcheltiefe Pfützen stehen und ich keine unnötig nassen Füße mag).

Am Durnbuschweg geht´s auf schmalen Brücke über einen kleinen Zufluss in die Unterwarnow, dann auf der Uferpromenade an diversen Ruder- und Segelclubs vorbei, die offensichtlich schon zum Rostocker Stadtteil Gehlsdorf gehören.
Nach einem guten Kilometer kommt vor mir die Personenfähre in Sicht, mit der ich zurück auf die andere Seite der Unterwarnow übersetzen möchte. Normalerweise wäre ich zu spät dran, denn das Boot fährt nur bis 20:00 Uhr (und das ist nun schon ´ne gute Weile durch), aufgrund der Hanse Sail ist der Fährverkehr heute aber bis Elf Uhr Abends verlängert. Glück muss man haben!
Noch mehr Glück: Die Fähre liegt bereits schön brav am Anlegeplatz und wartet auf mich.
Also kein ewig langes Warten am im kühlen Seewind am dämmrigen Steg. Prima.
Zur Sicherheit lege ich trotzdem einen kleinen Schlusssprint ein (wäre ja doof, wenn sie mir vor der Nase wegfährt), und erreiche leicht außer Atem den Steg.
1,70 Euro (soviel kostet die Überfahrt) und ein paar Minuten später sitze ich am Heck und genieße den Ausblick übers Wasser, auf die Stadt, den Fest am Ufer und die im Abendlicht einlaufenden Windjammer, während das Boot leise brummend über die Unterwarnow zurück ans Südufer fährt und mich schließlich beim Kabutzenhof am westlichen Ende des Stadthafens nach Rostock entlässt.
Zum Glück ist der Hauptrummel der Hanse Sail ein bisschen weiter östlich in Richtung Haedge-Halbinsel, entsprechend ist es am Kabutzenhof nicht ganz so voll und ich kann relativ unbehindert loslaufen. Geradewegs über die breite Lübecker Straße, dann leicht bergauf die Straße „Am Kabutzenhof“ hoch, die direkt in die Kröpeliner-Tor-Vorstadt reinführt. An der Doberaner Straße dann links, noch ein paar hundert Meter stadteinwärts, dann rechts in die (inzwischen schon sehr dämmrige) Fritz-Reuter-Straße, wo ich nach einem kleinen Entspurt wohlbehalten und mit ein bisschen angenehmer Schwere in den Beinen an meiner temporären Bleibe ankomme.

Erster Lauf in Meck-Pomm*: Vorbei, und durchaus gut.
Da geht noch was (sofern das mistige Wetter endlich mal mitspielt… ;-)).

* Übrigens: Das ist das neunte Bundesland, in dem ich seit Blogbeginn gelaufen bin. Mehr als die Hälfte der Republik hab´ ich also… 😀

Strecke: 9,9 km
Zeit: Schwer zu sagen, wegen der Fährpause. Aber is´ ja auch egal…
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 100% (9,9 km von 9,9 km)
Karte:

M.

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