An der Ostsee in die Nacht: Stoltera von Wilhelmshöhe via Nienhagen zum Gespensterwald, mit Fotos (14 km)

20. August 2011

Samstagnachmittag (oder auch „Sonnabendmittag“, wenn man´s lieber auf Norddeutsch ausdrücken möchte), und der Sommer ist (endlich!) wieder mal so richtig zur Stelle: Temperaturen über 20 Grad, Sonne, blauer Himmel.
So wie sich das eigentlich sowieso gehört, Mitte August.
Sowas gehört genutzt, zumal das schöne Wetter nicht lange anhalten soll.
Deshalb beschließe ich: Heute wird gelaufen.
Und zwar nicht in Rostock selbst.
Das ist zwar nachweislich auch nett, aber eben doch mitten in der Stadt.
Nää, heute wird das nahe Meer genutzt, zu einer schönen, entspannten Tour direkt an der Ostseeküste.
Jawollja!

Der Plan: Hoch an die Steilküste westlich von Warnemünde (die hab´ ich vorletzte Woche schonmal auf ihre mögliche Lauftauglichkeit ausgekundschaftet [Ergebnis: Wald, Steilküste, Meer, und das alles mit bequemen Wegen. Eminent laufbar!]), dort einmal ein paar Kilometer im Wald westwärts bis genug ist, dann einfach runter an den Strand und direkt am Wasser zurück. Heißt übrigens „Stoltera“, dieser Küstenstreifen, das klingt irgendwie schon ein bisschen interessant und abenteuerlich, find ich…
Und weil sich´s abends ja eh besser läuft und ich vielleicht auch so´n bissken auf einen kitschig-schönen Postkartensonnenuntergang über der Ostsee hoffe, starte ich erst schön spät, irgendwann so zwischen sieben und halb acht abends.

Auf ans Meer!

Als Startpunkt habe ich mir die Wilhelmshöhe ausgesucht, ein Stück Steilküste, das hinter dem (schon sehr ländlich anmutenden) Rostocker Vorort Diedrichshagen liegt und – so sagt´s die Wanderkarte, und die Realität bestätigt es – mit einem großen Parkplatz für Ausflügler ausgestattet ist.
Auf dem lasse ich das Auto stehen und starte in den lauen, warmen Sommerabend.

Bild #1: Start auf dem Parkplatz Wilhelmshöhe

Ein paar Schritte, dann bin ich in dem schmalen, schattigen Waldstreifen, der sich an der Küste von Warnemünde bis Nienhagen erstreckt. Noch ein paar Meter Fahrweg bis zum Hotel Wilhelmshöhe, das direkt über dem Küstenabbruch liegt…

Bild #2: Wilhelmshöhe

…dann biege ich links ab, den auf Europäischen Fernwanderweg 9 (blauer Balken auf weißem Grund, führt vom Baltikum bis in die Bretagne), und bin mitten drin im mecklenburgisch-vorpommerschen Küstenwald.
Etwas kühler als draußen im Freien, in der Luft liegt schon der Geschmack der See, Vögel singen, hier und und da strahlendhelle Sonnenlichtplacken auf dem ansonsten dunklen Waldboden, und dazu ein wunderbar weicher, bequemer Waldweg, auf dem sich´s nach dem vielen Asphalt der letzten Zeit wie auf Wolken läuft.
Herrlich!

Bild #3: Westwärts

Könnte gar nicht besser laufen, die Faulheit der letzten Wochen hat offensichtlich auch was Gutes – wacher Kopf, frische Beine, alles fliesst. Prima! 🙂

Das Meer krieg´ ich auf den ersten Metern allerdings noch nicht zu sehen. Zwar höre ich schon das Rauschen der Brandung, doch rechterhand vor dem Steilküstenabbruch ist Dickicht, irgendwo dahinter versteckt sich die Ostsee.
Allerdings nicht lange, dazu ist sie dann doch ein bisschen groß: Auf einmal isse da, und schimmert unvermittelt durch die Bäume:

Bild #4: Das Meer!!!

Ich bin ja jetzt wirklich nicht der größte Meer-Fan aller Zeiten, aber dieser erste Moment, wenn es auf einmal im Blickfeld auftaucht, riesig, weit, blau, hell glitzernd, der macht mich einfach immer wieder glücklich.
Um so mehr, wenn´s ganz unvermittelt zwischen den schattigen Baumstämmen auftaucht.
Richtig schön!

Den nächsten guten Kilometer kann ich mich einfach so richtig schön treiben lassen, auf dem angenehmen Weg, durch den schönen, sonnigschattigen Wald, mit ganz viel Meerblick:


Bild #5: Wie gesagt, das ist Steilküste hier, der Strand liegt vielleicht zehn Meter unterhalb des Waldes, am Fuß der erdigen Cliffs


Bild #6


Bild #7


Bild #8: Die Küstenlinie dahinten, das ist die Küste an der Rostocker Heide, vielleicht 10 oder 12 km entfernt


Bild #9: Wunderbarer Waldweg, genau richtig zum Laufen!


Bild #10: Alle paar hundert Meter gibt´s hier Treppen in der Steilküste…


Bild #11: …die sogenannten Dünenaufgänge, auf denen man vom Wald runter an den Strand kommt

Nach dem ersten Kilometer, irgendwo kurz nach dem „Geinitzort“, einem kleinen Kap, das in die Ostsee reinragt, wird der Wald lichter…

Bild #12: Auch hier merkt man übrigens, dass die Gegend um Rostock nach den extremen Regenfällen dieses Sommers permanent kurz vor dem Absaufen steht – der Boden ist teils ziemlich schlammig, im Unterholz haben sich brackige Tümpelchen gebildet, auf dem Weg stehen die Pfützen

…und der Bodenbewuchs dichter…

Bild #13: Efeuteppich vor dem Küstenabbruch, kurz nach Geinitzort

…hin und wieder gibt´s sogar ein paar ganz offene Stellen, von wo man direkt oberhalb der Kliffs aufs Meer schauen kann:

Bild #14: …oder vom Meer landeinwärts ins Kameraobjektiv… 😉


Bild #15: Wildes Apfelbäumchen überm Küstenabbruch


Bild #16: Ausflugsdampfer auf der Ostsee

Kurz nach dem Kap werden Wald und Weg ein bisschen weniger hübsch – immer noch nett, aber die Bäume links und rechts der Strecke sind jetzt jünger, niedriger, und stehen so dichtgedrängt, dass sowohl die Küste als auch das sonnige Hinterland meistens verdeckt sind. Außerdem ist der Untergrund nun asphaltiert (und trotzdem schlammig):

Bild #17: Ostseeradweg/Fernwanderweg E9 westlich von Kap Geinitzort

Trotzdem: Da wo die sich doch mal ein paar Lücken im Dickicht auftun und das schwere, satte Licht der schräg stehenden Abendsonne von schräg vorne übers Meer auf den Weg scheint, ist es immer noch unheimlich schön:

Bild #18: Ich mag solche Gegenlichtaufnahmen ja total gerne…


Bild #19: …auch wenn sie der Kamera vielleicht auf Dauer nicht ganz so gut tun

Die Auf- bzw. Abgänge zum Strand sind hier schon deutlich seltener, und die paar, an denen ich vorbeikomme, sind teilweise mit Flatterband gesperrt – Abbruchgefahr, der viele Regen der letzten Wochen hat der erdigen Kliffküste offensichtlich arg zugesetzt:

Bild #20: Sieht man auch zwischendurch immer mal wieder – Kliffstreifen, an denen einfach mal ein Stück Steilküste abgebrochen und auf den Strand zehn Meter weiter unten gefallen ist

Hier wird übrigens noch ein Problem des extrem feuchten Sommers offensichtlich:
Die Stechmücken.
Sobald ich anhalte um ein Foto zu machen (oder auch nur langsamer werde)b, stürzen sich aus dem tümpeligen Unterholz Dutzende blutgeiler Schnaken auf meine nackten Arme und Beine und malträtieren mich mit Stichen.
Also nur dass ihr Bescheid wisst, die meisten der noch kommenden Fotos sind teuer mit Blut und juckenden Einstichknubbeln an den Beinen erkauft!

Oh, und das Wasser wird auch mehr. Teilweise sind die Pfützen auf dem Asphaltweg so groß und tief, dass sie sich nur mit einm großen Satz (oder alternativ: nassen Füßen überwinden lassen:

Bild #21: Provisorischer Bach auf dem Küstenweg

Sonne von schräg vorn ist aber immer noch schön:

Bild #22

So ca. eineinhalb Kilometer nach dem Knick am Geinitzort gibt´s was Neues.
Erstmal eine lange Mauer, die möglicherweise zum Technopark Nienhagen (der übrigens nichts mit schrecklicher Tanzmusik aus den 90igern zu tun hat, sondern einfach nur ein Gewerbegebiet mit einem spacigen Namen ist) gehört…

Bild #23: Rückseite vom Technopark?

…dann die größte Wegpfütze bisher, die so groß und seenartig ist, dass ich ins sumpfige Unterholz zwischen Weg und Steilküste ausweichen muss, um überhaupt dran vorbei zu kommen…

Bild #24: Morastiger Küstenwaldstreifen, immer noch trockener als der Weg. Joggen ist hier nicht, stattdessen ein langsames Vorwärtsstasten um nicht bis über die Knöchel einzusinken, ergänzt durch einen hektischen (und letztlich eher erfolglosen) Stechmückenabwehrtanz

…und schließlich ein kleiner Schlenker raus aus dem Wald, nach dem der Küstenweg als Pfädchen neben einem Maisfeld weitergeht:

Bild #25: Ein Weg am Maisfeld…

Übrigens das wahrscheinlich größte Maisfeld, an dem ich je vorbeigelaufen bin.
Selbst nach fünf Minuten recht strammen Joggens: Mais, Mais, Mais, nichts als Mais:

Bild #26: Da merkt man die andere Landwirtschaftsstruktur, die sich aus der Zeit der LPGen erhalten hat – hier wird viel großflächiger angebaut als daheim in Hessen

Am Ende sind´s stolze 1200 Meter, bevor der Mais nochmal durch einen struppigen Waldstreifen abgelost wird, in dem der Weg so schlammig und zugewässert ist, dass ich eigentlich nur noch im Schritttempo vorwärtsquatschen, -plantschen und -schliddern kann. Einsauen bis über die Knie tu´ ich mich allerdings trotzdem:

Bild #27: So dreckige Schuhe hatte ich schon lange nicht mehr

Entsprechend froh bin ich, als nach einem knappen Kilometer den (hoffentlich trockeneren) Kur- und Badeort Nienhagen am Ende des Waldes erreiche:

Bild #28: Die ersten Häuser von Nienhagen

Bloß: Trockener wird´s erstmal trotzdem nicht. Vor Nienhagen gibt´s nochmal eine Wiese (normalerweise) bzw. ein teichgroßes Feuchtgebiet (heute)…

Bild #29: Hrm

…das sich nur auf einer Behelfsfurt aus Holzpaletten überqueren lässt:

Bild #30: Aber immerhin hat sich jemand die Mühe gemacht, die hier auszulegen. Dankeschön! 🙂

Aber dann wird´s besser.
Noch ein paar Meter Wiese, direkt am Rand des Steilküstenabbruchs, zehn Meter weiter unter der Strand, dahinter die abendliche, weite, helle Ostsee:

Bild #31: Steilküste vor Nienhagen – Blick zurück nach Osten…


Bild #32: …und Blick voraus nach Westen

Und dann bin ich in Nienhagen.
Ist keins von den großen Ostseebädern mit viel Touri-Rummel, eher ein kleiner, komfortabler Ferienort am Meer, der wahrscheinlich so ein bisschen ein Geheimtipp für Gäste ist, die schon viele Jahre herkommen (zumindest nach meinem ersten Eindruck in der Abendstimmung).
Aber die Basics gibt´s natürlich trotzdem.
Eine Hauptstraße, auf der die Urlauber zum Strand flanieren können…

Bild #33: Passenderweise die Strandstraße

…einen kleinen Kurbereich mit Seeblick…

Bild #34: Nienhagen Central

…eine Treppe runter ans Wasser…

Bild #35: Na, ob das Ostseewasser tatsächlich wärmer ist als die Luft???

…und eine kleine Promenade über dem Küstenabbruch…

Bild #36: Hmm, also dafür, dass ich noch nicht mal die Hälfte meiner Tour absolviert habe, steht die Sonne aber schon ganz schön tief…

…auf der ich gemessenen Laufschrittes weiter westwärts trabe, und damit auch schon wieder an Nienhagen vorbei bin:

Bild #37: Blick zurück – Nienhagen im Abendlicht

Direkt hinter Nienhagen beginnt wieder der Wald.
Aber nicht irgendeiner – das hier ist der Gespensterwald!
Klingt so cool, das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also am Ende der Nienhager (Nienhäger? Nienhagener?) Promenade halblinks ab, kurz ein bisschen weg von der Küste…

Bild #38: Bis gleich, Ostsee!

…und auf einem schmalen Pfädchen mittenrein in den Gespensterwald und zwischen den kahlen Stämmen weiter westwärts.
Wunderschön, besonders in der Abendsonne:

Bild #39: Der Anfang vom Gespensterwald


Bild #40: Die sinkende Sonne scheint durchs Dickicht


Bild #41: Geschnitztes Holzkunstwerk am Wegrand


Bild #42: Silhouette


Bild #43: Baumkronen


Bild #44: Der Gespensterwald hat seinen Namen von den sehr charakteristischen Bäumen – wegen dem rauhen Seewind sind die dicht an dicht stehenden Stämme alle kahl und hell, nur die knorrigen, verästelten Kronen tragen Laub. Bei Nebel oder in der Dämmerung soll das sehr gespenstisch aussehen


Bild #45: Zurück an der Steilküste


Bild #46: Sonnenuntergangsstimmung im Wald…


Bild #47: …und über dem Meer


Bild #48: Gespensterwald!


Bild #49: Der Weg schlängelt sich zwischen den Gespensterwaldbäumen durch…


Bild #50: …immer an der Kliffkante über dem Strand entlang


Bild #51

Nach einem guten Kilometer taucht rechterhand unvermittelt ein Durchgang zum Strand auf:

Bild #52: Dieses Mal kein Aufgang mit Treppe, sondern einfach eine abgesenkte Lücke in der Steilküste

Passt mir ziemlich gut, denn inzwischen bin ich schon ein ganzes Weilchen unterwegs, und das Tageslicht wird auch nicht mehr ewig halten – Zeit für Teil zwei des Plans, der da lautet: Die gleiche Strecke wieder zurück zum Ausganspunkt.
Aber natürlich nicht auf genau demselben Weg, das wär´ ja langweilig.
Stattdesessen: Rückweg unterhalb der Steilküste. Immer am Strand lang, bis ich wieder an der Wilhelmshöhe ankomme.
Ehrlich gesagt, so ganz sicher, wie gut das geht, bin ich mir nicht (mein letzter Strandlauf ist über zehn Jahre her, und ich glaube mich dunkel daran zu erinnern, dass das verdammt anstrengend war [war allerdings auch bei tropischen Temperaturen am Golf von Mexico…]) – naja, einfach mal ausprobieren.

Wie sich herausstellt, ist es tatsächlich ziemlich anstrengend. Sowohl der lockere Sand als auch die Kiesspassagen bieten keinen guten Halt, entsprechend kostet es ordentlich Kraft, zurück gen Osten zu traben, selbst wenn man langsam unterwegs ist.
Das ist die eine Seite der Medaille.

Die Andere: Laufen direkt am Wasser bei Abendstimmung, während die Möwen schreien und die Brandung rauscht, rechts die hohen, erdigen Kliffs der Steilküste und links die unendliche, weite Ostsee, über der langsam die Sonne hinter den Horizont sinkt, das ist Balsam für die Seele.
Macht einfach nur glücklich, selbst wenn´s ein bisschen anstrengender ist.

Westwärts, vorbei am Gespensterwald, zurück in Richtung Nienhagen.


Bild #53: Gespensterwald und Steilküste vom Strand aus


Bild #54: Und nochmal als Pano


Bild #55: Brandung

Der erste Kilometer klappt ganz ordentlich – der Trick ist, sich an den schmalen Streifen Strand zu halten, wo der Sand nicht zu feucht, aber auch nicht zu trocken ist, da ist der Untergrund am Besten.
Viel Betrieb ist übrigens nicht, aber ein paar Spaziergänger, Angler und sogar ein oder zwei Schwimmer sorgen dafür, dass der Strand nicht völlig entvölkert ist:

Bild #56: Buhnen und Strandbesucher

Nach ein paar Minuten passiere ich wieder Nienhagen:

Bild #57: Strand bei Nienhagen

Die Sonne hängt nun nur noch kleines Stück über dem Wasser, und wird dabei immer röter und prächtiger:


Bild #58


Bild #59


Bild #60: Jaja, ich weiß, kitschig. Na und? Trotzdem total schön!

Hinter Nienhagen wird´s schwieriger.
Ehrlich gesagt hab´ ich mir das ja so vorgestellt, dass das alles Sandstrand ist, vom Gespensterwald bis zurück zur Wilhelmshöhe.
Pustekuchen!
Der Untergrund wird immer schwieriger, erst Kies, dann auch Faustgroße oder größere Steine, eigentlich nicht mehr joggbar:

Bild #61: Jeder Schritt ein potentieller Bänderriss

Und zu allem Überfluss zeigt sich nun auch das ganze Ausmaß der regenbedingten Steilküstenabbrüche, die von oben nur erahnbar waren:

Bild #62: Berge aus Geröll, Erde und abgestürztem Unterholz…


Bild #63: …teilweise bis fast ans Wasser

Dazwischen immer wieder Rinnsale, Bäche und Regelrechte Wasserfälle, die sich ihren Weg aus den Kliffs in die See bahnen:

Bild #64

Immer öfter muss ich gehen, klettern, balancieren, teilweise auch in die Brandung ausweichen:

Bild #65: Nur gut, dass meine Füße von den Riesenpfützen auf dem Hinweg ohnehin schon nass sind… 😉

Das alles kostet Zeit, viel mehr, als ich eigentlich erwartet hätte.
Noch geschätzte vier bis fünf Kilometer am Strand, und die schräg hinter mir Sonne rutscht unaufhaltsam abwärts…

Bild #66

…näher an die ruhig daliegende Wasseroberfläche…

Bild #67

…und dann ist sie auf einmal weg:

Bild #68: Sonnenuntergang – vorbei

Der Himmel glüht noch nach, das Meer schimmert in Pastelltönen, alles ist friedlich.
Abendstimmung:

Bild #69


Bild #70


Bild #71


Bild #72


Bild #73

Ich laufe (bzw. gehe, der Untergrund ist meistens einfach zu schwierig zum Joggen) weiter ostwärts, in die blaue Dämmerung:

Bild #74

Hinter mir verblasst nach und nach das Abendrot über der See…

Bild #74

…vor mir zieht langsam die Nacht auf.

Nach und nach bleiben die anderen Spaziergänger, die Angler werden immer weniger, und schließlich bin ich ganz allein am langen menschenleeren Strandabschnitt, irgendwo zwischen Nienhagen und Warnemünde.
Und ich muss gestehen: So langsam wird mir mulmig zumute.
Ich bin viel langsamer als gedacht, der Untergrund wird immer schlechter und gefährlicher (selbst gehend), Aufgänge gibt es keine mehr, außer mir ist niemand mehr hier, die Dunkelheit zieht immer schneller auf.
Oh, und ich hab´ das Handy im Auto vergessen.
Wenn ich mir hier draußen beide Beine breche, kann ich keine Hilfe holen…
Plötzlich finde ich es gar nicht mehr so schön oder gemütlich hier…

Bild #75

Aber Umkehren wäre auch sinnlos, der letzte Aufgang liegt inzwischen schon ein ganzes langes Stück zurück, also taste ich mich weiter vor, und hoffe inbrünstig, dass ich eine Treppe nach oben finde, bevor mir irgendwo doch noch ein Steilküstenabbruch den Weg vollständig versperrt.
Fühlt sich wie eine Ewigkeit an, obwohl´s wohl nur ein paar Minuten sind.
Dann umrunde ich eine kleine Kurve und atme erleichtert auf – vor mir, jenseits des Wassers, strahlen die Lichter von Warnemünde herüber – jetzt kann´s nicht mehr weit sein!

Bild #76: Warnemünde vom Kap Geinitzort aus

Gleich darauf: Der Schreck!
Direkt vor mir ein Geröllberg – die Steilküste ist hier tatsächlich massiv abgebrochen, die Halde aus Steinen, Erde und entwurzelten Bäumen reicht weit ins Meer hinein.
Kein Durchkommen mehr!
Muss ich jetzt doch umkehren, oder durch die Ostsee waten (vor meinem geistigen Auge entsteht schon die Schlagzeile: „Idiotischer Tourist von Strömung in Ostsee gespült – Suche dauert an“)?

Nein!

Direkt vor dem Schuttberg, rechts in der Steilküste: Der erste Strandaufgang seit zwei Kilometern:

Bild #77: PUUUH!! (das ist übrigens der Aufgang aus Bild #11)

Erleichtert nehme ich die Treppe nach oben, werfe noch einen letzten Blick zurück auf die dämmrige Ostsee…

Bild #78

…und trabe in den finsteren Küstenwald:

Bild #79: Blitzlicht sei Dank, sonst würde man auf diesem Bild außer Schwärze nix mehr sehen

Hier herrscht jetzt wirklich schon Nacht.
Den breiter Weg an der Landseite des schmalen Küstenwaldstreifens kann ich mit viel Phantasie noch erahnen, alles andere ist dunkel.
Ein klein bisschen gruselig, aber auch irgendwie schön – eine leichte Brise vom Meer, irgendein Nachtvogel schreit, hin und wieder raschelt ein kleines Tier im Gebüsch, ansonsten ist es ganz still und friedlich.

Und dann hab´ ich´s geschafft. In der Dunkelheit vor mir taucht ein Flutlicht auf, der Parkplatz Wilhelmshöhe:

Bild #80: Ziel! (in unscharf) 😀

Kurz darauf stehe ich wieder am Auto – ein bisschen Müde, eingesaut ohne Ende, von Mückenstichen übersät und mit nassen Füßen, aber glücklich. 🙂

Auf dem Rückweg mache ich dann nochmal in Warnemünde halt. Abendessen in einem Tsechischen Restaurant mit dem obligatorischen Belohungsschnitzel. Das hab´ ich mir verdient:

Bild #81: Kochkäs gibt´s leider keinen, dazu bin ich dann doch zu weit weg von daheim… 😉

Fazit: Großartige Tour!
Viel Landschaft und Natur, wunderbares Wetter, ein bisschen Dreck und Entbehrung und dazu sogar noch ´ne kleine Prise Abenteuer. So gehört das!

Strecke: 14 km
Zeit: Viel
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 100% (14 km von 14 km)
Karte:

M.

10 Antworten to “An der Ostsee in die Nacht: Stoltera von Wilhelmshöhe via Nienhagen zum Gespensterwald, mit Fotos (14 km)”

  1. XYZ Says:

    Was für ein toller Lauf in einer so anderen, fast exotischen Meer-Pfützen-Land-Schaft. Und dann deine stimmungsvollen und teilweise „kitschig“ schönen Fotos, ich war wieder mal mittenmang dabei.

  2. Laufhannes Says:

    Großartig ist für so eine Tour am Meer doch noch gar kein Ausdruck.

    Jawoll ja, danke fürs Mitnehmen!

  3. DocRunner Says:

    Das ist mal wieder ein sehr schöner Laufbericht, zwar ohne Höhenmeter, aber mit ein klein wenig „Abenteuer“ und der Dir eigenen Art des Laufens: umgedreht wird nicht 😉
    War schön zu lesen und ich hoffe es geht Dir gut da oben, irgendwie fehlen Deine Tourberichte durch die Hügel rund um den Melibokus

    Salut
    C.

    • matbs Says:

      Hallo Christian, schön von dir zu hören!

      Stimmt, Umdrehen mag ich immer noch nicht… 😀

      Mir fehlen die Hügel um den Melibokus übrigens auch, immer noch, obwohl ich nun schon unglaubliche acht Monate in Norddeutschland bin.
      Aber nächste Woche hab´ ich Heimurlaub, dann seh´ ich sie mal wieder, zum ersten Mal seit zwei Monaten…

      Gruß aus dem Nordosten

      M.

  4. Gerd Says:

    Erst mal toll das es die Mütze und das Verlaufen immer noch gibt! 😉
    Schade das man sich so schnell aus den Augen verliert wenn mal ein paar Kilometer zwischen einem liegen.
    Aber schön zu lesen das es Dir gut geht und Du immer noch die gleichen „Dummheiten“ machst wie auf deinen früheren Touren.
    Und was die Landschaft anbetrifft, hast Du ja die letzte Zeit genug Alternativen gehabt. Und wenn ich mir die Bilder so anschaue.
    Hässlich ist´s an der See nun ja nicht gerade!
    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und hoffe das Du die Woche mal wieder den Melibokus bezwingst! 😉
    Ich bin übrigens am Donnerstag Vormittag den 29. in Alsbach-Hähnlein. Hättest Du Zeit und Lust um die Mittagszeit irgendwo einen Kaffee zu trinken?

    • matbs Says:

      Klar – es gibt so Dinge, die nimmt man überallhin mit… 😀

      Und ja, die Küste hat in der Tat was – aber so ein paar ordentliche Mittelgebirgsberge zwischendurch, das wär´ trotzdem nicht verkehrt gewesen in den letzten zwei Monaten Nord-Diaspora. 😉

  5. Rainer Wolf Says:

    Hey, ich laufe seit 2 Wochen mit einem Power Balance Armband und trotz aller Unkenrufen zum Trotz (z.B. hier: Power Balance) muss ich sagen, das Ding ist Toll. Hast Du da auch ggf. Erfahrungen mit?

    • matbs Says:

      Hi, und sorry für die späte Antwort…

      Nein, ich fürchte da kann ich nicht mit dienen – bin ja weitgehender Equipment-Verweigerer und drücke mich jetzt schon seit über einem Jahrzent erfolgreich vor allem, was über ein Paar Schuhe und ein paar Funktionsklamotten rausgeht… 😉

      Gruß

      Matthias


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