Berliner Runden, die Erste: Mit Claudio und Dauerregen halbverirrt im Grunewald (12,6 km)

3. Dezember 2011

Jaja, ich beeil´ mich ja, den Blogrückstand aufzuholen. Immerhin komm´ wir jetzt schon zum Dezember… 😉
Und der geht so:

Neuer Monat, neue Station.
Und zwar ausnahmsweise mal nicht so ganz in Norddeutschland, sondern eher im Nordosten – zum Jahresende bin ich nämlich in Berlin. Knapp vier Wochen arbeiten in der Hauptstadtdependance meines Arbeitgebers, am Spreeufer direkt beim Bundestag.
Schon ziemlich tofte, das alles hier:
Wunderbares, geräumiges Appartment (2 ZKB und zwei [!] Dachterrassen) in Mitte, nur ein paar Minuten zu Fuß vom Arbeitsplatz entfernt.
Berlin ist überraschend verträglich für so ´ne große Stadt, angenehm unprätentiös und nicht unfreundlich.
Nette Kollegen und ein etwas anderes Arbeiten als bisher, weil hier in Berlin ein paar Dinge doch so ein bisschen anders laufen.
Und dann auch noch die große Politik als Thema, mit Akkreditierung für den Bundestag, Regierungserklärungen, Bundespressekonferenz – the whole shebang, wie man im Anglophonen so sagt.
Also eigentlich alles großartig.
Bloß ein Problem gibt´s leider:
Laufen, das klappt hier einfach nicht so richtig.
So ganz mitten in der Stadt drin fehlt´s an Laufstrecken: Nur Straßen und Häuserschluchten in alle Richtungen, das nächste halbwegs ordentliche Laufgebiet wäre der Tiergarten, und der ist 2,5 Kilometer weg, die Friedrichstraße runter und durchs Regierungsviertel.
Ganz ehrlich, da fehlt´s mir unter der Woche einfach an der Motivation. Nach ´nem langen, anstrengenden Arbeitstag bei Kälte, Nieselregen und Dunkelheit nochmal die Laufschuhe schnüren, um auf hartem Gehwegsasphalt durch die finstere Großstadt zu hetzen und mir alle 50 m. an einer roten Fußgängerampel den Ar..h abzufrieren, nur um auf Teufel komm raus ein paar gequälte Kilometer abzurennen, von denen ich eh nix habe – vielleicht im Sommer, wenn´s warm und hell ist, aber im Dezember?
Nee nee nee, dit brauch ick nüsch!

Bleiben also nur noch die Wochenende zum Laufen.
Und auch da ist das Wetter erstmal nicht so doll.
Und außerdem muss ich da ja auch noch normal sightseen und so.
Hm…


Aber zum Glück gibt´s den Kollegen Claudio.
Mit dem bin ich ein paarmal Laufen gewesen, als ich auf meiner ersten Station in Dithmarschen war (fühlt sich an, als wär´s ein halbes Leben her, tatsächlich sind´s aber nur acht Monate…).
Seitdem sind wir lose in Kontakt geblieben, und weil Claudio eh immer mal wieder in Berlin ist, und ich wusste, dass ich nochmal dienstlich herkomme, hatten wir uns (genauso lose) drauf geeinigt, mal wieder eine Runde zusammen zu drehen, falls wir irgendwann mal gleichzeitig in der Stadt sind.
Et voilá – Erstes Dezemberwochende (oder auch: Zweiter Advent): Claudio ist in Berlin, ich auch, Laufengehen.
So einfach ist das mit der Motivation.

Könnte allerdings schon ein bisschen netter sein, draußen herrscht Wetter, wie es mieser kaum sein könnte.
Berlin ersäuft in klammem Dezembernebel und bindfadenartigem Dauerregen, schweinekalt isses auch noch.
Gah!
Aber wenn man sich Monate vorher für ´ne Tour in Berlin verabredet hat, dann zieht man das halt auch durch, egal wie eklig das Wetter ist.
Fehlt nur noch die Strecke. Eigentlich wollte Claudio mir seine Berliner Standardrunde am Landwehrkanal zeigen, aber da das zufällig das einzige Stück Berlin ist, dass ich schon erlaufen habe (vor mehr als anderthalb Jahren, als es so ausgesehen hat, als könnte ich hier ´nen coolen Job kriegen. Jetzt hab´ ich ´nen besseren… :)), entscheiden wir uns spontan um.
Neues Laufgebiet: Der Grunewald im Südwesten von Berlin, da wo die Stadt zu Ende geht und es Hügel, Wald und die Havel gibt.
Reizvoll, selbst im Regen.

Wir starten auf dem Parkplatz beim Ökowerk am Teufelssee, schon mitten im Grünewald.
Der Regen ist ein bisscen schwächer geworden, jetzt nur noch nieselig, kalt isses aber immer noch.
Naja, hilft ja nix, schnell los, das hilft gegen die Kälte.

Und zwar erstmal nordwärts, ein paar Meter an der Teufelsseechaussee entlang, dann links auf einen schmalen Asphaltweg, der angenehm aufwärts führt (endlich mal wieder ein paar Höhenmeter! Ha!).
Damit sich´s richtig lohnt, fangen wir nämlich gleich mal mit ein bisschen Steigung an – hoch auf den Teufelsberg, mit knapp 115 m.ü.NN immerhin der zweithöchste Hügel in ganz Berlin (und das auch nur ganz knapp, denn der Große Müggelberg auf der anderen Seite der Stadt ist nur ein paar Zentimeter höher).
Vielleicht ein halber Kilometer auf der etwas serpentinigen alten Straße, links der bewaldete Abhang runter zum Grünewald, rechts die Steigung in Richtung Gipfel. Tut gut, wärmt, und Claudio hält sich auch bestens, dafür dass er da oben in Dithmarschen ja wenig Steigungen zum üben hat und – nach eigener Aussage – eh nicht wirklich im Training ist (was ja irgendwie passt, schließlich bin ich das auch nicht)…

Oben auf dem Teufelsberg (übrigens ein künstlicher Hügel, bestehend aus dem Schutt und den Trümmern des Zweiten Weltkriegs) wartet ein eingezäunter Bereich, in dem die Reste eines alten Abhörturms stehen, mit dem die Westmächte zu Zeiten des Kalten Krieges gen Osten gelauscht haben. Wir laufen dran vorbei, am Zaun entlang weiter nach Nordosten- Rechterhand zwischen den struppigen, kahlen Bäumen hat man einen ordentlichen Blick auf Berlin, der allerdings von den tiefhängenden Wolken, dem Regen und dem Nebeldunst gestört wird. Immerhin, über den Westteil der Stadt bis hin zum Alex kann man gerade noch so gucken.

Am Ende des kleinen Plateaus kurz bergab, auf einem steinigen, etwas glitschigen Pfad den Hang runter, dann irgendwie grob nordwärts weiter. Ehrlich gesagt, so ganz orientiert sind wir hier schon nicht mehr, Wanderkarte Rausholen und Nachgucken geht auch nicht so richtig gut (Regen und Wanderkartenpapier, das will nicht so recht zusammenpassen), aber solang die grobe Richtung stimmt…

Tut sie übriegens, ein paar hundert Meter weiter stoßen wir auf den Drachenberg, einen kleineren Nebengipfel nördlich des Teufelsbergs, dessen Kuppe (99,5 m.ü.NN. Nicht gerade alpin, aber man nimmt ja, was man kriegen kann) grasbewachsen ist, ohne Bäume. Mehr Blick aufs verregnete Berlin, dazu ein kalter, klammer Wind. Im Sommer ist es hier glaub´ ich angenehmer.

Wir nehmen den direkten Abstieg, 40 oder 50 Höhenmeter an der Rückseite des Drachenbergs abwärts, auf einem halsbrecherischen, steinigen Trampelpfädchen im grasigen Hang, bis wir am Fuß des Berges auf einen breiteren Weg stoßen, der gefühlt westwärts (real auch, aber so ganz sicher sind wir uns da vor Ort nicht) in den Wald führt.
Da laufen wir dann erstmal weiter.
Schönes Laufgebiet, mit dichtem Wald, weichen, bequemen Wegen und ein bisschen sanft gehügeltem Auf und Ab.
Bloß mit der Orientierung hapert´s weiterhin, denn Wegmarker sieht man kaum, weder auf der Karte noch an den Bäumen, und angesichts des gleichförmig trüben Himmels über dem dichten, kahlen Wald, lässt sich auch kein Sonnenstand ausmachen, der einem die ungefähren Himmelsrichtungen verraten könnte. Auch die Karte hilft da nicht mehr viel, denn wenn man nicht genau weiß, wo man gerade ist, kann man damit nicht so wirklich navigieren.
Also laufen wir halt nach Gefühl weiter, in die Richtung, die hoffentlich Westen sein und uns zur Havel bringen sollte.
So ganz falsch ist das zumindest nicht. Meint zumindest der einzige andere Jogger, der uns begegnet.
Und der muss es ja wissen, schließlich jogged der hier, so jemand kennt sich doch aus (äh, Moment mal, irgendwas stimmt an dieser Logik gerade nicht, oder? :D).

Ein ordentlich langes Stück, das wir grob havelwärts in Richtung West-Süd-West durch den Wald eiern, vielleicht knapp drei Kilometer. Genug Zeit, um über das Moos an den Bäumen zu plaudern (wächst das wirklich immer nur an der Nordseite? Nee, sieht nicht danach aus), über den Job, und darüber, dass wir ziemlich alt aussehen würden, wenn wir uns jetzt im Wald verirren, weil: Weniger als eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit und ganz ohne Handy (haben wir beide im Auto liegenlassen).

Zum Glück bleibt uns das aber erstmal erspart, denn irgendwann erreichen wir einen Hauch von Zivilisation in Form von einem Mäuerchen ein paar Meter neben dem Wegrand, und vielleicht auch einem oder zwei Gebäuden.
Der Friedhof Grunewald Forst, der…
a) mitten im Wald liegt (ein weiter weg aus der Stadt für kleine alte Damen, die hier gießen wollen)
und
b) auf der Wanderkarte verzeichnet ist.

Besonders b) ist gut, denn es erlaubt eine verlässliche Standortbestimmung.
Und siehe da: So richtig falsch sind wir nicht. Yay!
Noch ein paar Meter geradeaus, dann rechts auf den Schildhornweg (der auch nicht anders aussieht als die anderen Waldwege hier, aber trotzdem einen eigenen Namen hat), auf dem wir dann die asphaltierte Havelchaussee überqueren und schließlich in einem sanften Bogen am Hang eines recht steilen Hügels (Dachsberg, 61,3 m, sagt die Wanderkarte) abwärts laufen.

Ein Kilometer, dann öffnet sich der Wald, und vor uns liegt die Havel (die sich übrigens „Hafel“ spricht. Go figure).
Hübsch, selbst unter schweren, tief hängenden Wolken bei Regen – eigentlich ist die Havel ja ein Fluss, aber hier am Westen Berlins verbreitert sie sich zu einem langen, schmalen See. Auf dem Wasser tanzen die Regentropfen, in der Flussmitte zieht gerade ein einsamer Lastkahn vorbei, an den Ufern dichter Wald, gegenüber der Berliner Stadtteil Gatow. Ist zwar wahrscheinlich gerade nicht so schön wie im Sommer bei Sonnenschein, aber auch die dezembrig-grauen Regenstimmung hat was.

Wir folgen dem Uferweg südwärts. Breit und bequem, aber dank der Uhrzeit und der Witterung haben wir ihn ganz für uns allein – wer ist schon so blöd, bei dem Sauwetter hier rauszukommen (außer uns)…

Viel Zeit an der Havel bleibt uns allerdings nicht. Inzwischen dämmerts schon merklich, und wir haben noch ein paar Kilometer Rückweg durch den Wald vor uns, deshalb biegen wir bereits nach 1,2 Kilometern wieder nach links ab, wo ein kleiner Weg (der Havel-Höhenweg, laut Karte. Ich finde ja, dass er nicht so wirklich nach Höhenweg aussieht, aber vielleicht bin ich auch immer noch zu anspruchsvoll bei sowas… ;)) zurück in den Wald und die Hügel führt, wieder aufwärts, bis wir wieder auf die asphaltierte Havelchaussee stoßen.
Der folgen wir jetzt kurz, ein paar Meter nach rechts/Süden auf den Karlsberg, der mit einer Ausflugskneipe und den Grunewaldturm aufwarten kann. Müssen wir leider aus Zeitgründen weglassen (dabei lass ich mir Aussichtstürme ja echt nicht gerne entgehen. Mrmpf. Aber wahrscheinlich hat er eh geschlossen), stattdessen schlagen wir uns gleich wieder links in den Wald, vorbei an der Ausflugskneipe auf einen schon ziemlich finsteren Forstweg, der abwärts und gen Osten führt.

Theoretisch ist es von hier aus gar nicht so schwer, zurück zum Teufelsberg zu laufen – eigentlich immer nur grob geradeaus.
In der Praxis erweist sich „grob geradeaus“ allerdings als gar nicht so einfach, gerade an größeren Kreuzungen müssen wir ein paarmal anhalten und so ein bisschen raten, wie´s weitergeht, immer in der Hoffnung, am Ende den richtigen Weg zu wählen, denn eine falsche Abzweigung würde uns jetzt ernsthaft in die Irre führen. Die Tatsache, dass der Regen wieder zunimmt und es langsam so dunkel wird, dass man die Wanderkarte nicht mehr benutzen kann, hilft nicht gerade. Und auch die Wegtafeln, die an ein oder zwei der größeren Kreuzungen stehen, bringen nicht so wirklich viel, vor allem weil irgendwelche Penner die jeweiligen Standortmarkierungen rausgekratzt haben.

Zum Glück geht alles gut – nach etwas über einem Kilometer geht es leicht bergauf durchs Naturschutzgebiet Barssee und Pechsee, kurz darauf stoßen wir auf einen großen Findling am Wegrand, der auch auf der (gerade noch halbwegs lesbaren) Wanderkarte verzeichnet ist. Alles richtig, bisher.

Noch ein Kilometer weiter dann eine letzte, fiese Kreuzung mit vielen, kreuz und quer in den Wald führenden Wegen.
Hier müssen wir nochmal Halt machen und uns beraten. Für die Wanderkarte ist es endültig zu dunkel, für die Wegtafel am Kreuzungsrand eigentlich auch. Bleibt nur noch Bauchgefühl.
Wir entscheiden uns für halbrechts. Ein breiterer, gut laufbarer Waldweg, der möglicherweise (hoffentlich??) in die richtige Richtung führt.

300 m. mit etwas mulmigem Gefühl in der Magengrube, dann öffnet sich links der Wald und gibt den Blick über den Teufelssee frei, hinter dem sich im allerletzten Dämmerlicht der Turm des Ökowerks erhebt – das Ziel, in Sichtweite, alles richtig! Puuh!

Die letzten Meter auf dem Schildhornweg (das isser nämlich wieder, derselbe, auf dem wir vorhin runter zur Havel gelaufen sind) traben wir langsam aus und kommen schließlich wieder wohlbehalten (wenn auch klatschnass, angefroren und eingesaut bis über die Knie) am Auto an. Gerade richtig zur endgültig einbrechenden Dezembernacht. Hätte nicht länger dauern fürfen…

Schöne Ecke von Berlin, selbst bei miesem Wetter. Großstadt ist eben doch immer da am nettesten, wo sie nicht wirklich Großstadt ist ;-).
Und nach acht Monaten mal wieder mit Claudio laufen zu gehen, das hat auch richtig Spaß gemacht. Von daher: Prima Tour, trotz Regen, Kälte und Dunkelheit. Daumen hoch für den Grunewald!

Strecke: 12,6 km
Zeit: Joa, so wie nötig, halt
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamtstrecke: 100% (12,6 km von 12,6 km)
Karte:

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3 Antworten to “Berliner Runden, die Erste: Mit Claudio und Dauerregen halbverirrt im Grunewald (12,6 km)”


  1. Hey,
    wie sieht es aktuell bei Dir aus? Bist Du gut durch den WInter gekommen? Ich bereite mich gerade auf den Hamburg Marathon vor und muss sagen, dass der Winter schon zu der härteren Sorte gehörte.

    Berichte mal, würde mich interessieren

    Marathon Runner

  2. Sandra Says:

    Ich würde auch gerne anfangen zu laufen. Kannst du mir tipps geben wie ich am besten beginne? Meine kondition reicht im moment knapp für eine viertelstunde langsames joggen :/

    • matbs Says:

      Hi Sandra,

      mein persönlicher Tipp ist ja immer, erstmal nur aus Spaß zu laufen. Such´ dir eine oder mehrere schöne Strecken und genieß´ sie einfach erstmal, ganz ohne Leistungsdruck. Schneller oder weiter laufen kannst du später immer noch, wenn du erst mal drin bist…


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