Heimurlaub: Glühwürmchen Suchen Gewesen (7,1 km)

19. Juni 2012

Uuund ich hab´ sie gefunden.
War wunderschön!

Nicht gefunden hab´ ich dann allerdings die richtige Abzweigung. Weil, es war ja schon dunkel, und ich bin da hinten im Beerbachtal schon ewig nicht mehr gewesen und das ist auch nur ein winziger Waldweg, den man schon mal übersehen kann.
Deswegen bin ich dann auch wo rausgekommen, wo ich gar nicht hinwollte. Und hab´ mich da abholen lassen (der Luxus, wenn man zuhause laufen ist – es gibt im Zweifelsfall Leute, die einen Aufsammeln können… :-D).

Aber von vorne:

Start in Ober-Beerbach, im Talkessel hinter der ersten Reihe von Odenwaldbergen.
Schon die kurze Fahrt hier hoch – wunderbar: Die enge Straße am Hang über Stettbach, Blick das Tal runter in die Rheinebene. Am Horizont die Reste vom roten Sonnenuntergang, darüber ein leuchtender Abendhimmel mit rosig hell angestrahlten Schäfchenwolken auf blauem Grund.

In Ober-Beerbach lasse ich das Auto auf dem Wanderparkplatz an der Kirche. Hier unten im Tal ist es schon ein bisschen schummrig, aber noch lange nicht dunkel. Zum Glühwürmchen Besuchen noch zu hell, außerdem Tanzen die meisten von ihnen weiter unten im Tal, in den Wäldchen am Bieberwoog und dem alten Schloss (das weiß ich, seitdem ich mich dort in einer warmen Sommernacht vor drei Jahren hinverlaufen habe).
Deshalb will ich vorher noch ein bisschen was Laufen. Nicht weit, nicht anstrengend, nur schön.
Zum Glück ist das hier oben total einfach. 🙂

Ich fange mit aufwärts an. Über die Ernsthöfer Straße und auf den lokalen Wanderweg OB2, der zwischen den Dorfhäusern mit ihren kleinen Gärten in Richtung Gruben-Berg führt. Das erste Stück ist ganz neu, bin ich noch nie gelaufen. Dass es sowas hier noch gibt…
Läuft sich gut, auch wenn ich – meinem subobtimalen Trainingszustand geschuldet – angesichts der knackigen Steigung schon ein bisschen ins Schnaufen komme. Aber wenn man´s nicht eilig hat (und ich will heute ja in die Dunkelheit laufen), geht das prima.

Nach 350 m. ist Ober-Beerbach endgültig vorbei und der OB2 mündet in den Saar-Rhein-Main-Weg (gelbes Plus), der hoch zur Hutzelstraße auf der die Neutscher Höhe führt. Da will ich hin, also weiter bergauf. Noch etwas steiler, und gar nicht mal so kurz. Aber der herrliche Blick auf die hügeligen Mittelgebirgswiesen, das idyllische Dorf in der beginnenden Dämmerung und die langestreckten Bergrücken, über denen das Abendrot schimmert, entschädigt für die Anstrengung.

Rund ein Kilometer Anstieg (zum Glück verflacht die Steigung gegen Ende immer mehr), durch die geschwungenen Hügelflanken, vorbei an am ersten der insgesamt fünf Windräder auf der Neutscher, bis aufs wellige Hochplateau an der Neutscher Höhe mit seinen weiten, offenen Wiesen und Feldern, über die der Abendwind weht, und dann: Oben.
Hutzelstraße, der alte Hauptweg über die zweite Reihe der Odenwaldhöhen, in Personalunio gleichzeitig Alemannenweg (Rotes A) und Europäischer Fernwanderweg 1 (Weißes Andreaskreuz – und ja, das ist genau der, der weit, weit im Norden auch durch die Fischbeker Heide und den Hamburger Moorgürtel zu Elbe führt).
Die bringt mich nordwärts, der Länge nach übers Hochplateau.

2,8 Kilometer bis Frankenhausen.
Ehrlich gesagt: Ich glaube nicht, dass ich auch nur halbwegs Akkurat beschreiben kann, wie herrlich das heute Abend hier oben ist.
Aber ich versuch´s natürlich trotzdem. 😉

Abendstimmung. Die Sonne ist ganz weg, über den weiten, gewellten Wiesen und Getreidefeldern auf dem Plateau hängt bereits das purpurne Licht der blauen Stund, der westliche Horizont glüht aber noch mit einem herrlichen Abendrot, das von den bauschigen Wölcken reflektiert wird, dazwischen leuchten bereits die ersten Sterne.
Und hier oben ist unglaublich friedlich, ruhig, ein bisschen Wind, die letzen singenden Vögel, zirpende Grillen das leise Rauschen der Windräder, sonst ist es still.
Und dann ist da die Weite. Das Plateau ist gar nicht so furchtbar hoch, aber es liegt am Rand des Odenwalds, hinter dem ersten Bergriegel, deshalb kann man zwischen den grünen, bewaldeten Kuppen hindurchschauen, in die Rheinebene, ins Maintal, in den Odenwald. Nach Westen übers Ried ins sanfter gehügelte Rheinhessen, auf dessen kahlen Anhöhen sich Wälder von Windrädern als Silhouetten vor dem Abendrot drehen und weiter bis zum 60 Kilometer entfernten Donnersberg am Rand der Pfalz. Nach Norden, am Frankenstein vorbei über das Rhein-Main-Gebiet bis zum Feldberg im Taunus, dessen untere Flanken schon mit den Lichtern von Königstein und Kronberg erhellt sind, rechts davor die Skyline von Frankfurt, leicht verschwommen vor dem dämmrigblauen Abendhimmel. Im Nordosten der Otzberg und das Reinheimer Hügelland, dahinter höhere Berge, die entweder die letzten Ausläufer vom Odenwald sind, oder vielleicht sogar schon der Spessart. Und im Osten und Süden der Odenwald und seine Gipfel: Melibokus, Felsberg, Krehberg (von dem sieht man nur den Sendeteturm hinterm Felsberg aufragen), Neunkircher Höhe, allesamt schon halb im Dämmerschatten der sternenklaren Sommernacht.
Es riecht nach Sommer und Heu und ein bisschen nach Kühen, auch wenn keine in Sicht sind.
Zuhause kann so verdammt schön sein!

Ich lass mir richtig schön Zeit hier oben, verweile immer mal wieder, nicht weil ich muss (denn das Stück ist – bis auf ein paar kleine hügelige Auf und Abs – gar nicht so anstrengend), sondern weil ich kann und darf.
Tut gut.

Links zieht langsam das Frankenstein-Massig jenseits des schon nachtschattigen Beerbachtals vorbei, rechts unten in der nächsten Senke auf dem Plateau leuchten die Straßenlaternen von Neutsch über die Wiesen. Es ist immer noch warm obwohl´s immer dunkler wird, die Feldlerchen verstummen mit dem langsam in Purpur abdriftenden Abendrot, dafür flattern jetzt die Fledermäuse (aber die singen nicht. Ist auch gut so, nach dem hysterischen Feldlerchengetriller… ;-)).

Kurz vor Frankenhausen senkt sich die Hutzelstraße ein bisschen abwärts, über den Wiesenhang runter ins Dorf. Nochmal ein grandioser Blick nach Norden ins Rhein-Main-Gebiet: Der Taunus nur noch eine Silhouette vor dem pastelligen Himmel, davor blinken die Lichter von Frankfurt.

Frankenhausen streif´ ich nur ganz kurz, ein paar Meter auf die Felsbergstraße, dann gleich wieder rechts den Krämerweg, aus dem Dorf raus auf den asphaltierten Fahrweg am Waldrand, der westwärts nach Nieder-Beerbach führt.
Irgendwo hier will ich dann auch ab, zurück runter ins Tal, das jetzt schon so finster ist, dass ich mir unvermittelt sowas denke wie „uh, das´ja echt mal dunkel. Will ich da wirklich…?“
Die Antwort ist allerdings ein eindeutiges „Ja“.
Glühwürmchengucken kannst halt nur im Dunkeln, da gilt Bangemachen nicht. Ha!

Die erste Abzweigung links ignoriere ich noch, die zweite nehme ich dann. Das ist auch so geplant.Zumindest hab´ ich mir vor dem Start extra sowas mit Kuli auf den Handrücken geschrieben: „2L L R L“, steht da (das soll heißen: Auf der Straße nach Nieder-Beerbach die zweite Links, dann bei der nächsten Gelegenheit wieder links, dann rechts, dann nochmal links, dann komm ich zurück nach Ober-Beerbach).
Naja, zumindest glaub ich das, inzwischen ist es zu dunkel, als das ich die Schrift auf meiner Hand noch lesen könnte…

Aber der Weg sieht gut aus. Ein steiler, schöner Kiesweg, der sich zwischen den Wiesenhängen abwärts schlängelt und dabei ein gaaanz leichtes Deja Vu hervorruft – den bin ich vor drei Jahren auch schon mal gelaufen, nur dass es da in die andere Richtung, also bergauf, ging, und dass ich schon verirrt war.
Das bin ich jetzt nicht. Weil, ich hab´ ja meine perfekten Weganweisung auf der Hand, die werden´s schon richten, auch wenn ich sie nicht mehr lesen kann…

Nach vielleicht 700 m. erreicht der Weg das erste Wäldchen. Bis eben war immer noch ein bisschen Dämmerung. Jetzt im Schatten der Bäume ist es auf einmal wirklich Nacht.
Ich sehe fast nichts mehr. Es riecht nach Laub und Wald und Erde, im Unterholz rascheln kleine Tiere, ein Käuzchen schreit.
Und dann sehe ich die Glühwürmchen. Erst eins, dann ein paar, dann ein halbes Dutzend, kleine funzlige Leuchtpunkte, die durchs bläuliche Schwarz der Sommernacht wabern, am Wegrand, über den schattigen Hangwiesen, zwischen den dunklen Stämmen tiefer im Wald drin, immer nur ein paar Sekunden bevor sie langsam ausglimmen und wieder mit dem Dunkel verschmelzen. Zwar sind es weniger, als ich vom letzten Mal in Erinnerung habe (was aber auch daran liegen kann, dass es noch früh ist – die Hauptflugzeit beginnt ja erst um die Sommersonnwende herum), aber trotzdem: Unheimlich schön. Auch wenns kitschig klingt: Das hat schon ein bisschen was Magisches…

Ich folge dem Weg weiter ins Tal, zusammen mit den Glühwürmchen. Es ist so dunkel, dass ich kaum noch erkenne wo ich Laufe, also bin ich ganz vorsichtig und langsam. An einem Bachlauf knickt der Pfad rechts ab, eine Kurve, die ich mehr unter den Sohlen spüre als sehe – was auch erklärt, dass ich die ursprünglich geplante Abzweigung („L“ auf meinem Handrücken), die nicht mehr als ein schmales Waldpfädchen sein dürfte, nicht mal wahrnehme.
Ich laufe einfach dran vorbei, und merke es nicht mal.

Erst als der in Richtung Talgrund so langsam wieder aufhört und ich an ein paar einsamen Häusern in den Wiesen vorbeikomme, kommen mir die ersten Zweifel. Als ich kurz darauf an der Landstraße L3098 zwischen Ober- und Nieder-Beerbach rauskomme ist es dann endgültig klar: Ich bin falsch, hier wollte ich nicht hin.
Aber an so einem Abend wie heute ist Verirren überhaupt nicht schlimm, disponiere ich halt um, kein Beinbruch.
Zurück und im Dunkeln nach dem richtigen Weg suchen erscheint wenig erfolgversprechend, also entscheide ich mich für die Landstraße.
Die führt links nach Ober-Beerbach hoch, da, wo ich eigentlich hinwill. Aber: Das ist noch ein ordentliches Stück, und die Straße ist schmal und dunkel und hat keinen Seitenstreifen, und ich hab keine Leuchtklamotten an, und außerdem fährt der Odenwälder an sich ja gerne mal wie ´ne gesengte Sau, wenn´s dunkel und die Straße frei ist…
Kurzum: Etwas zu riskant, muss nicht sein.

Stattdessen rechts: Die Landstraße runter nach Nieder-Beerbach. Das ist deutlich näher, hat aber den doch recht substantiellen Nachteil, dass das Auto da nicht steht. Das erschwert die Abreise.
Zum Glück hab´ ich das Handy dabei – ein kurzer Anruf bei mein Eltern (ein echter Vorteil beim Laufen zuhause – da gibt´s Jemanden, der einen Aufsammeln kann), dann ist klar, dass ich abgeholt werde. Perfekt.
Die letzten 600 m. bis zum Ortseingang lasse ich mich noch ein bisschen treiben. Zum Glück fast gar kein Verkehr auf der Landstraße, das einzige Auto, das vorbeikommt, höre ich schon einen halben Kilometer bevor es da ist und kann so rechtzeitig von der Fahrbahn runter, in die Einmündung des Fußwegs in Richtung Frankenstein. So passt das mit dem Nachtlaufen.
Am Ortseingang dann noch ein paar Minuten warten, im bläulichen Licht der ersten Straßenlaterne von Nieder-Beerbach.
Hier gibt´s keine Glühwürmchen mehr, nur ein paar Motten oben an der Lampe. Aber die tanzen auch.
Schön war´s!
Auch das Verirren. Sollte ich mal wieder öfter machen…:)

Strecke: 7,1 km
Anteil der noch nie gelaufenen/gebloggten Passagen an der Gesamstrecke: 16,06% (1,14 km von 7,1 km)
Karte:

M.

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